Horst Lummert an Hildburg Radtke-Schoone
Ihr Schreiben vom 18.8.96 erreichte mich heute. Vielen Dank.
Die Art, wie ich Sie und Ihr Institut im kuckuck vorgestellt habe, ist wohl ungewöhnllch, aber durchaus korrekt.
Ich ziehe doch nicht über Sie, die Phrenologin, her, sondern ergänze lediglich Ihre Selbstdefinition bzw. die Definition Ihres Phrenologie-Begriffs.
Wie Sie nun darauf reagieren, spricht nicht gerade für eine Wissenschaft, die sich ihrer sicher wäre.
Auch läßt die umfassende Darstellung Ihrer institutionalisierten Forschungs- und Denkarbeit samt philosophischer, juristischer und heilkundlicher Anwendung (Auslegung) eher Weltanschauung als Wissenschaft vermuten.
Solche Fragen sind natürlich mit dem knappen Abdruck im kuckuck längst nicht geklärt. Aber einen Anfang haben wir damit schon gemacht.
Sie "berichtigen" mich also, indem Sie nur wiederholen, was ich aus besagtem Briefkopf ohnehin weiß:
"Denn PHRENOLOGIE bedeutet übersetzt Logik des Geistes. PHREN bedeutet doch nicht Schädel sondern Geist!!!!"
Das ist so aber nicht richtig, weil zu verkürzt interpretiert.
Ich habe Phren auch nicht mit "Schädel" übersetzt, sondern aus dem Altgriechischen (locker bei Langenscheidt) "abgeschmiert" mit den Bedeutungen: Zwerchfell, Brust; Geist, Bewußtsein, Verstand, Herz; Gefühl, Wille, Gesinnung.
Mein letzter Satz (kkk-feder 9, Seite 51) lautet:
Auch in der antiken Auffassung geht es um den Sitz von Verstand und Gesinnung.
Ihr Etikett "Forschung des ganzheitlichen Geistes" und Ihr briefllcher Hinweis auf den "menschlichen Geist..., der je zur Hälfte im Mann und in der Frau angelegt ist", das Insistieren auf dieser Polarität - erinnern ans klassische chinesische Denken, lassen jedoch auch den Schluß zu, daß Ihre Vorstellung von "Ganzheit" der von mir oben noch einmal zitierten antiken Auffassung nicht entspricht.
Darüber wäre also zu sprechen.
Ich kann bei der Erwähnung des Begriffs "Phrenologie" nicht wie blind oder unwissend an der NS-"Rassenkunde" vorbeigehen, in der die "Schädellehre" eine entscheidende Rolle spielte.
Daß ich mit der assoziativen (und historischen) Zusammenfassung der Begriffsinterpretationen prompt ein galliges Aufbäumen der Phrenologin hervorrufen würde, konnte ich ja nicht ahnen, zumal in den Sphären ganzheitlichen, also unbeschädigten, heilen Geistes.
Was habe ich nur angerichtet bei der von Berufs wegen in der Regel als eher unterkühlt geltenden Anwältin und Staatsrechtlerin?
Ich habe, wie Sie feststellen, "keine Ahnung von den Unterschieden zwischen Geist und Seele, von geistigen Gesetzen als Naturgesetze(n) und Menschengesetze(n) als Gottesgesetze(n)".
Fallen darunter auch Fragen des Stils?
Was Sie als eine "schwere Verleumdung" ansehen, ist die Aneinanderreihung von ein paar persönlichen, historischen und sachlichen Daten.
Das wirft Sie gleich aus den Pantinen?
Meine Weise, "über Menschen herzufallen und das öffentlich zu machen", ist nicht nur skandalös, sondern hilfreich - für Sie.
Öffentlich sind Sie schon als Institut und "Hochschule des Lebens".
Und Menschen, über die einer herfällt, erwecken - so will es "Menschengesetz als Gottesgesetz" - aller Mitgefühl.
Für meine Werbetätigkeit berechne ich Ihnen keinen Pfennig Honorar.
Ist das nicht ein Angebot - auch als Dialogansatz?
Über meine Schädelform, da Sie sich nun doch dafür interessieren, will ich kurz nachdenken.
Als Schrumpfkopf möchte ich nicht in die Geschichte eingehen, auch nicht als Schmalkopf; das bin ich schon meiner "intelligenz-nomadischen" (Oberlercher) Versippung schuldig.
Das Globale am Kopf, im Kopf sagt mir zu, ist jedoch durch Ecken und Kanten den Metern und Messern ein Greuel.
Ich freue mich schon auf Ihre Antwort. (20.8.96)
online-Fassung
kuckuck
feder 10
IV. quartal 1996 (2)
20. Sep. 1996
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)