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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Briefwechsel Worch/Lummert

Ein Nachtrag

Zur Diskussion gestellt

Lummert an Worch:

Da war ein Satz in Ihrem Schreiben vom 23.8.96, zu dem ich noch etwas sagen wollte. Ich vergaß es.

Der Satz lautet: "Nicht möglich ist die Erörterung der Frage: Welche Konsequenzen darf ein Antisemit aus seinem Antisemitismus ziehen?"

Die Erörterung ist möglich. Er kann gehen, auswandern, sich eine neue Heimat suchen. Er kann auch in sich gehen, sich befragen, seinen -ismus analysieren. Er kann sich dabei helfen lassen. Es ist sein Problem. Er ist das Problem.

Rationale Gründe für seine Vorbehalte oder seinen Haß auf Juden mag er vorbringen. Haß ist ein Selbstzerstörungssyndrom. Die Quelle ist in ihm. Im Hassenden. Er kann seinen Haß ausleben, den Gegenstand seines Hasses vernichten. Dann wird's kriminell. Für die Übertretung eines (weiteren) Urgesetzes habe ich keine andere Bezeichnung. Wir müßten denn die Gesetze aufheben.

Auch Liebe kennt keine Gesetze. Unerwiderte Liebe schlägt in Haß um, wenn sie nicht nachläßt. Der Antisemitismus schlug nach 1945 in Philosemitismus um. Der Haß auf die Juden bleibt unerwidert. Gegenteilige Annahmen sind irrig.

Was tun?

Analysieren heißt rationalisieren, verstehen lernen, sich und den andern.

Die Rationalisierung des Antisemitismus löst ihn praktisch auf. Es gibt ihn nicht mehr. Auf fortbestehende Gründe für Kritik, Gegnerschaft und Feindschaft wird jetzt anders reagiert, zugleich kühler und vitaler, weil unbefangen. Erst jetzt können wir die Dinge, Roß und Reiter beim Namen nennen.

Anlässe gibt es genug. Für einen klaren Kopf über offenem Herzen gibt es keine Hindernisse. Unter heutigen Umständen könnte man freilich sagen: nur für ihn gibt es welche. Aber was soll's. (6.9.96)

Worch an Lummert:

Es beruhigt ein wenig, daß auch Sie bisweilen etwas vergessen. Ihre Mischung aus Geschwindigkeit und Präzision beeindruckt. Die eine oder die andere dieser Eigenschaften findet man vergleichsweise häufig; selten beide miteinander kombiniert. Neigte man zu Schreckhaftigkeit, vermöchte das vielleicht zu erschrecken.

Sie erwähnen nur - verständlich aus der Sicht des potentiell oder gar tatsächlich direkt Betroffenen - eine Richtung von Konsequenzen, die ein Antisemit aus seinem Antisemitismus ziehen darf. Aus antisemitischer Sicht ließen sich bestimmt noch eine Menge anderer vortragen. Nicht allein bis hin zur physischen (oder auch "nur" kulturell-seelischen) Vernichtung.

Was wäre beispielsweise mit einem Boykottaufruf für Waren und/oder Dienstleistungen? Mir kommt dabei in den Sinn: Nachdem der Verfassungsschutz sich Gedanken über die Scientology-Sekte als potentielles neues Beobachtungsobjekt gemacht hat, ist die JUNGE UNION auf den glorreichen Gedanken gekommen, zum Boykott des Kinofilms "Mission impossible" mit Tom Cruise aufzurufen. Cruise scheint den Scientologen nahezustehen, ist möglicherweise (bisher ohne jeden Beleg) sogar Mitglied. Das schluckt unsere ach so freie Gesellschaft. (Proteste dagegen, bis hin zu halbformellen Rügen durch das Außenministerium, kamen bisher lediglich aus den USA.)

Ein Boykottaufruf gegen irgendeinen Spielberg-Spielfilm (es muß ja nicht gerade "Schindlers Liste" sein, von mir aus auch "E.T." oder was immer) aufgrund von Spielbergs jüdischer Identität würde die Staatsanwaltschaft auf den Plan rufen. Sollte also Ihrer Meinung nach ein Plakat mit der Aufschrift "Kauft nicht bei Juden" strafbar sein oder nicht? Bissig retourniert: Wie gefällt Ihnen das? Die Frage, meine ich in diesem Fall.

Verifizieren wir es noch weiter: Sollte Ihre Antwort lauten: "Wäre zwar ein Rückfall in barbarische Zeiten, aber auch diese abstruse Meinung muß in einer freien Gesellschaft straffrei äußerbar sein", dann sage ich dazu: Sie dürften so etwas sagen, ohne daß der Staatsanwalt interveniert. (Richtiger: Die Staatsanwaltschaft. Denn im Gegensatz zu den mindestens dem Gesetz nach unabhängigen Richtern ist die Staatsanwaltschaft ja eine weisungsgebundene Behörde.)

Käme ich auf den Gedanken, das zu sagen, hätte ich mit einem Verfahren zu rechnen. Jetzt noch einmal zu fragen, wie Ihnen das gefällt, ist schon rhetorisch.

Gehen wir doch einfach mal - denkspielerisch - davon aus, daß Antisemitismus nichts als Neid ist. Nicht der Neid der Besitzlosen gegen die Besitzenden. Denn so deutlich viel besitzender als Nicht-Juden waren Juden wohl nie. Nehmen wir statt dessen vielleicht den Neid der Klugen gegenüber Klügeren. Sagen Sie bitte nicht, daß der Kluge allein deshalb, weil er klug ist, nicht neidisch sein kann, denn sonst wäre er nicht klug.

Oder, wenn Sie auf dieser Art philosophischen Absolutismus' bestehen sollten, ersetzen wir meinethalben "die Klugen" durch "Intelligente", denn spätestens wenn wir das auf die Intelligenz beschränken, ist klar, daß sie nicht zwangsläufig Charakter gebiert.

Kann man Neid rationalisieren?! Löst er sich unter dem hellen, vielleicht gar schneidenden Licht der Rationalisierung auf, oder flüchtet er sich nicht vielleicht nur in noch tiefere, dunklere Schichten der individuellen Seele? (Von kollektiven Seelen mal ganz zu schweigen, so wir denn von deren Existenz ausgehen wollen.)

Mir fällt dabei aus Roger Zelaznys DER HERR DES LICHTS wieder der kurze Monolog von Mahasamatman (der das Maha vor und das Atman hinter seinem Namen bescheiden wegzulassen pflegte und sich einfach nur Sam nannte) an Yama-Dharma ein, den Gott in Rot, den Gott des Todes.

"Stell dir einen Mann von deinen zugegebenermaßen großen Gaben vor, einen Forscher, der eine Krankheit erforscht, die unter schauderhaften Entstellungen unweigerlich zum Tode führt. Eines Morgens stellt er beim Blick in den Spiegel an sich selbst die ersten Symptome fest. Was wird er sagen, wenn er dir ähnelt? Er wird sagen: Aber mir steht sie."

Und das wäre noch nicht einmal ein Verbergen in tiefen, dunklen Schichten. Für dieses Verbergen fällt mir nur ein Lehrsatz aus der Psychologie ein: Was verdrängt wird (an Neurosen und dergleichen), bricht eines Tages um so stärker wieder hervor.

Ich glaube nicht, daß Rationalisierung den Antisemitismus wirklich auflösen kann. Es kann ihn vermindern und zugleich abmildern. In unserem Kulturkreis hat er immerhin eine Tradition, die beinahe tausend Jahre zurückreicht. Das gräbt sich ein. Daß er jetzt nicht allein "politically incorrect", sondern auch noch strafbedroht ist, verhindert eine Rationalisierung zwar nicht grundsätzlich, dürfte aber eher kontraproduktiv als förderlich sein.

Unter Umgehung des letzten Absatzes ein rückwirkender Brückenschlag zu dem unmittelbar davor stehenden: Das Momentum des - denkspielerisch eingebrachten - Neides ist in anderen Zusammenhängen nicht weniger als Motiv für eine "anti"-Haltung vorstellbar. Ich beziehe mich hier auf kkk-feder 3.

Ist's ein Zufall, daß ich peu à peu die Ausgaben 1 und 2 und dann von der Doppelnummer 4/5 bis zur (offenbar aktuellsten) 9 in nicht numerischer Reihenfolge alle bekommen habe und jetzt (erst) zum gewissermaßen oder in einem gewissen Sinne vielleicht krönenden Abschluß der bisherigen Serie die Nummer 3?

Eine Art Zeichen an der Wand, nur mit anderen Vorzeichen als in der biblischen Geschichte oder auch ganz neutral ohne jedes Vorzeichen?

Parallelen sind erkennbar.

Sie haben darauf an mehr als einer Stelle angespielt.

Aber, jetzt wieder zum Aspekt des "eingegraben-seins" zurück:

Eine immer wieder aufflackernde antideutsche Kampagne sehe ich noch keine neunhundert Jahre rückwirkend, und ich sehe sie auch nicht relativ durchgängig. Also eine Furche, die weit weniger tief eingegraben ist. Im Augenblick mag sie tiefer erscheinen. Aber das negiert nicht die fortdauernde Existenz der anderen Furche.

Und ob oder wie diese beiden vielleicht miteinander zusammenhängen, nicht in dem Sinne zusammenhängen, daß sie sich wechselseitig hervorgerufen haben, sondern in dem Sinne, daß sie von anderer, außenstehender Seite gemeinsam gepflügt werden, erscheint mir schon als Frage höchst spekulativ. Natürlich, es gibt nicht viel Neues unter dieser auch schon relativ alten Sonne, aber ich vertiefe mich nur ungern in Verschwörungstheorien.

(...)

"Leute wie Sie bewirken mehr als schreibende Individualisten"*, schrieben Sie mir unter dem 21. August. Bisweilen liegen wir weniger auseinander, als man bei erster Betrachtung meinen mag. Eine zumindest phasenweise Deckung.

* ... denn als politische Täter. H.L./kkk

Ich glaube nicht, daß die Gitter meinen Blick für die Welt draußen trüben. Eher schärfen sie ihn wohl, wenn er sich an ihnen reibt. Ich glaube, daß ich nicht hier, sondern von hier aus in den letzten sechs Monaten mehr bewirkt habe als in dem Jahr oder gar in den zwei Jahren davor.

Zudem erwarte ich die Qualität der Zeit. Die Symptome ihres Kommens oder auch nicht-Kommens mögen von Einfluß auf die Frage sein, ob ich nicht nur Chancen auf eine vorzeitige Entlassung habe, sondern ob ich diese auch nutzen will. (7.9.96)

Erste, freie Assoziation

"Ich dien"... Wessen Wappen zierte es noch mal? Karl des Kühnen von Burgund? Aktuell (wenngleich wohl in verfremdeter Schreibweise) noch das der Windsors. Sie übernahmen es von einem blinden König, der un-sehenden Auges als Verbündeter des Königs von Frankreich in die Schlacht von Crecy zog und dort das Schicksal der französischen Ritterschaft teilte. Den Schwarzen Prinzen soll's so beeindruckt haben, daß er es übernahm, weshalb es auf die Windsors überkommen ist.

Christian Worch

online-Fassung

kuckuck
feder 10
IV. quartal 1996 (2)
20. Sep. 1996

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Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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