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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
Haben Sie bei Ihren "Bemühungen um die Geächteten" schon einmal daran gedacht, daß diese "Geächteten" vielleicht ein wenig List der Schlangen sich zulegen sollten, um sich der "Acht" zu entziehen, eben nicht in jedes bereitgehaltene Messer zu laufen?
Manchmal muß man wirklich den Kopf schütteln.
Sprache und Seele.
Wenn iranische, griechische oder türkische Kinder in Deutschland nur noch deutsch und nicht mehr ihre Muttersprache sprechen, ist das ein Verlust an Horizont.
Wenn deren Kinder dann das Deutsche als Muttersprache von der Geburt an erleben, sind sie "seelisch" Deutsche; haben sie dann auch noch die deutsche Staatsangehörigkeit, sind sie's komplett, weil auch offiziell.
Sprache ist etwas sehr Konkretes, Nachweisbares.
"Blut" ist konkret als ein Allgemeines, nur sehr schwer Differenzierbares.
Auch die Sprache ist natürlich "von Gott", wenn Sie so wollen.
Ich denke, im Blut zeigt sich das Allgemeine, in der Sprache das Besondere.
Natürlich gibt es auch Blutsunterschiede, wir kennen die verschiedenen Blutgruppen, die regional so oder so überwiegen, sich miteinander vermischen.
Einiges verträgt sich nicht miteinander.
Das sind Fakten.
Aus ihnen nun aber eine Weltanschauung zu machen, ist etwas anderes.
Das macht nur "böses Blut" (!).
Des Türken türkische Seele kann nicht stark gewesen sein, wenn es ihm so leicht fiel, alles Türkische an Sprache usw. abzulegen.
Er fühlt sich eben als Berliner wohler, der Berliner Dialekt ist für ihn eine Entdeckung.
Ich sehe in solcher Entwicklung etwas Positives.
Gespräche mit Taxifahrern finde ich auch oft sehr interessant.
Bei uns fahren viele Iraner.
Oft reden wir mit vertauschten Rollen.
Sie argumentieren antifundamentalistisch, während ich vielleicht vom Islam mir ein paar Korrekturen an unserer demoralisierten Welt verspreche.
Auch sonst kommen oft verschiedene Sichten zusammen, die aber weniger mit der mitgebrachten "Kultur" als mit dem Bruch in ihrer (oder meiner) Lebensgeschichte zu tun haben.
Wenn jemand in ein anderes Medium überwechselt, von Ost nach West, von Süd nach Nord oder umgekehrt, vom Wasser an Land, überwindet er nun mal sein früheres Niveau.
Das ist ein Fortschritt.
In der Liebe zwischen zwei Partnern - gleich welcher Herkunft, allein ihrer, der Partner Wahl überlassen - stimmen wir, wie ich sehe, voll überein.
Die "Echtheit" ist allemal die Voraussetzung.
Das Wesen des Panslawismus hat gewiß einen einschließenden und einen ausschließenden Aspekt.
Das trifft auf jedes kollektive Selbstverständnis zu.
Die Geschichte des Panslawismus hat ebenso wie die Geschichte des "völkischen" Deutschtums sich ständig, geradezu "schöpferisch" im Widerspruch zum Judentum, zu "Zion", entfaltet.
Jeder Ethnizismus trägt ein starkes mythisches Moment in sich, das ihm nicht voll bewußt ist, das ihm Kraft verleiht, dem er aber auch ausgeliefert bleibt.
Das Unerklärliche, oft ihm selbst Unverständliche findet eine Antwort in der Dämonisierung.
Wo die Dinge nicht so laufen, wie man sich's vorgestellt hat, muß der "Teufel seine Hand im Spiel" haben.
Je riesiger das Kollektiv, das Volk, der ethnische Zusammenhang, desto schlimmer die Folgen, wenn die Weichen falsch gestellt waren.
Daran muß jemand schuld sein.
Die Juden haben sich dafür immer angeboten, weil sie in der Tat nie ohne Schuld waren, weil z.B. ihr Geldgeschäft die Not oft genug noch vergrößerte, sie aber nicht wirklich verursacht hatte.
Wenn die Volksseele erst einmal angekocht ist, schaut niemand mehr so genau hin.
Oft sind die Dinge einfacher, als man gemeinhin denkt; oft sind aber auch Vereinfacher am Werk, die von den Komplikationen nur ablenken wollen.
Wenn der Verstand erst einmal am Garderobenhaken hängt, ist das Volk sowieso verloren.
Das Wesen des Menschen ist seine Individualität.
Die Individuation jedes einzelnen zum Einzelnen ist der Sinn der Lebensgeschichte.
Wer sich nur - so oder so - kollektiv definiert, dem geht das ihm Wesentliche verloren.
Das Böse ist kein Wesen, sondern ein Mangel, sagt Baal-Schemtobh.
Die Gemeinschaft steht dem Menschen mehr im Wege, als daß sie ihm förderlich wäre.
Dies aber steht am Anfang.
Die Juden... ein besonders böses Volk... Oder ein besonders ehrliches? Welches andere Volk macht schon seine finsteren Charakterzüge zu wesentlichen Bestandteilen seiner aufgeschriebenen Geschichte?
So schrieb ich an Jürgen Graf.
Sie zitieren mich in Ihrem Brief und fügen hinzu: "Fast wäre ich geneigt, dem zuzustimmen. Jedoch: Ausrottung als göttliche Forderung?"
Der göttliche Ausrottungsbefehl steht am Anfang der Eroberung Kanaans. Folgt man den weiteren biblischen Berichten, so "straft" Gott das Volk für seinen Ungehorsam, dafür, daß es den Befehl eben nicht ausführte.
König Schaul verliert den Segen Gottes und muß schließlich auf die Krone verzichten, weil er die Amaleqiter und ihren König Agag nicht ausrottete.
Ins heutige jüdische Auschwitz-Verständnis gehört die Erkenntnis (mag es sich auch wieder nur um einen Fehlschluß handeln), daß dies alles nicht geschehen wäre, heute nicht und in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden, wenn Israel seinem Gott gehorcht hätte.
Gottes Befehle sind ja keine Anweisungen, die irgendein Machthaber, ein Teufel, ein Irrer, ein Böser den Menschen gegeben hätte, sondern gleichsam objektiv sich erweisende Konsequenzen aus spezifischen Konfigurationen am Himmel und auf Erden, d.h. im Zusammenspiel kosmischer und irdischer Kräfte.
Wir kennen aus der modernen Polit-Landschaft den Begriff des "Erbfeindes", der sich meist als ein Irrtum entpuppte.
Wie weit aber der "Irrtum" - etwa gegenüber Frankreich, England, Polen usw. - reicht, können wir mit Sicherheit nicht sagen.
Wir wissen, daß die Geschichte ihre Geheimnisse hat, die wir uns oft erst erklären können, wenn es zu spät ist.
Wer Gott nur als den Popanz biblischer Priester versteht, als hochgeheiligten Ausdruck schnöder Machtpolitik, der hat, glaube ich, die Geschichte nicht verstanden, deren "Geist" in "Gott" sich offenbart.
Hegel half sich mit dem "Weltgeist" aus, wie überhaupt die deutsche Philosophie jenem alten Torah-Denken sehr nahe kam.
Im Kategorischen Imperativ Immanuel Kants schickt sich das alte Gesetzesdenken an, ohne Gott auszukommen, um schließlich doch wieder auf ihn zurückzuführen, weil der Garten ohne Gärtner sich nur schwer denken läßt.
Der alttestamentarische "Gott" ist sozusagen die Urhypothese, die Denkvoraussetzung par excellence.
Noch eine Übereinstimmung, wo Sie sagen: "Lassen Sie den Juden einmal aus dem Spiel" und so weiter.
Das "Herzerfrischende" an Jürgen Graf ist die Art, wie er schreibt. Er glaubt an das, was er schreibt. Das ist als subjektives Kriterium in Ordnung.
Leider ist bei ihm vieles nicht nachprüfbar.
Er glaubt daran, ist von seinem "Revisionismus" überzeugt, wird aber sofort böse, wenn ihm als Kritik mehr als eine nur oberflächliche "Meinung" entgegentritt.
Das Böse aber ist (siehe oben) kein Wesen, sondern ein Mangel. Das ist es, was mich beunruhigt: daß Leute, die - philosophisch gesehen - erst am Anfang stehen, sich gegens Dazulernen sperren.
Ich werde in Zukunft peinlich darauf achten, daß Ihre Zweitperson Fürchtegott Lümmeling voll zu ihrem Recht kommt. (13.7.96)
H.L.
online-Fassung
kuckuck
feder 9
IV. quartal 1996
14. Aug. 1996
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Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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