Horst Lummert an Jürgen Graf

Sie haben, lese ich, "hinter sehr vieles - eigentlich das meiste" -, von dem, was ich schreibe, "ein Fragezeichen zu setzen".

Stellen Sie sich einmal vor, es wäre nicht mehr so, wir hätten keine Fragen (und Fragezeichen) mehr aneinander, sämtliche Differenzen wären ausgeräumt, die Assimilation gelungen...

Es gäbe keine Strafanzeigen, keine Prozesse, keine Phrasen mehr.

Warum passen Sie sich ans Gegebene, offiziell Erwünschte - "ohne Wenn und Aber" - nicht einfach an?

Wenn völlig Unangepaßte von Unangepaßten die völlige Anpassung fordern, ist das analogische Schlußvermögen nicht mehr intakt.

Sie wünschen doch eine "konstruktive Kritik"; dieser Hinweis ist konstruktiv.

Also, warum passen oder ähneln Sie sich nicht an, warum assimilieren Sie sich nicht dem sogenannten Zeitgeist?

Doch wohl, weil Sie es nur wider besseres Wissen, auf Kosten Ihrer geistigen, seelischen, historischen Identität tun könnten.

Ist die Warnung vor dem "Todeskuß der Assimilation" so schwer zu verstehen, nicht spätestens dann einleuchtend, wenn man aufgrund historischer Umstände selbst in eine von alters her "typisch jüdische" Lage geraten ist?

Hitler wußte natürlich, daß er es mit einem Urgestein zu tun hatte; trotzdem hätte er die Loyalitätsfrage stellen müssen, ehe er die deutschen Juden verfolgte.

Insofern hat er einen Fehler gemacht; falls es nicht sowieso nur ein politischer Fehler sein kann, grundsätzlich "gegen das Judentum" einen ideologischen Krieg loszutreten.

Man soll seine Gegner nicht unterschätzen. Stalin machte einen ähnlichen Fehler, als er, der Legende nach, nach den "Divisionen des Papstes" fragte.

Von einem "mosaischen Glauben" sprachen und sprechen eigentlich nur mutmaßliche Distanzwahrer, die das Wort "Jude" vielleicht für ein Schimpfwort halten, die einen Muslim früher "Mohammedaner" nannten.

Der Begriff "mosaischer Glaube" sendet seine Signale in zwei Richtungen (und wird von beiden verstanden).

Das ist aber nicht mein Einwand.

Einen mosaischen, jüdischen, hebräischen, israelitischen "Glauben" gibt es nach meinem Verständnis nicht, weil ein Jude nicht glaubt, sondern weiß, mindestens zu wissen glaubt.

Das subjektive Moment des letztendlich nicht genauen Wissenkönnens kann über den prinzipiellen Unterschied zum christlichen Glauben, der ausdrücklich auch das Widersinnige, Absurde einschließt, nicht hinwegtäuschen.

Ich würde mich gern zu dem einen oder anderen "Fragezeichen" äußern; dazu bräuchte ich aber den Klartext.

Eine respektable Assimilation bleibt allemal: die ans triftige Argument, an wissenschaftliche Kriterien, an ergründbares Erfahrungswissen.

Man kann sich auch auf Denkspiele einlassen, auf "weise" Spekulation, wenn nur jeder nicht den Boden unter den Füßen verliert und sich ein Maß an Heiterkeit bewahrt.

Es geht dem Revisionismus, scheint's, um geschichtliche Wahrheit. Wie aber, wenn er damit nur offene Türen einrennt?

Ich komme immer wieder auf den Zustand der bedingungslosen Kapitulation zurück, der längst von der Wehrmacht auf Land und Volk übertragen wird.

Nehmen Sie diesen Zustand als eine "Antwort" auf irgendetwas, als eine Antwort z.B. auf die Entrechtung der Juden anno 33.

Wir haben noch keinen Friedensvertrag, die Feindstaatenklauseln sind nach wie vor geltendes internationales Recht. Deutschland hat keinerlei Bedingungen zu stellen, hat sonach keinerlei Recht auf irgendetwas, kein Recht auf historische Wahrheit...

Sollte man womöglich den Knochen fallenlassen und sich zunächst und ausschließlich um die internationale Rechtslage kümmern?

Ich meine, tut der Revisionismus, was er tun will - oder tun soll?

Horst Lummert

online-Fassung

kuckuck
feder 8
III. quartal 1996
28. Juni 1996
01. Juli 1996

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

© Copyright 1999 - 2011 kokhaviv publications