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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Horst Lummert an Peter Faethe

Der Nationalsozialismus war, seinem ganzen Selbstverständnis nach, mehr als eine politische Bewegung, die dieses oder jenes taktische Mittel, darunter auch den Antisemitismus, einsetzte, um zum Ziele zu kommen; er war - immer der eigenen Interpretation nach - ein welthistorisches, wenn nicht kosmisches Ereignis, mittels dessen Adolf Hitler, der Führer und Heilsbringer der Deutschen, an die Macht kam.

Der Nationalsozialismus begriff sich per se als die neue, zugleich von ewig herkommende nordische Religion als transzendentale Herausforderung an alles Alte, Christliche, Jüdische.

Er war gekommen, um Jahrtausende in Frage zu stellen und herauszufordern.

"Der Jude" war der "Weltfeind Nr.1".

Das Heraufkommen des Nationalsozialismus wurde spezifisch und von Anfang an, d.h. lange vor der "Machtübernahme" Januar 33 - sowohl von den Nationalsozialisten als auch von den Juden und allen politisch aufmerksamen Menschen - als eine heilige Kriegserklärung ans geistige, materielle und physisch-biologische "Weltjudentum" verstanden.

Daraus folgt alles andere.

Dieser Weltanschauungskrieg hatte natürlich eine realgeschichtliche Grundlage und Voraussetzung.

Die Schuldzuweisung für den Ersten Weltkrieg mit all den Versailler Vertragsfolgen war Grund genug für eine Politik der nationalen Wiedergeburt.

Ich glaube, daß das Ferment der NS-Weltanschauung einerseits dieser revolutionären Politik den nötigen Schwung gab, andererseits aber genau dazu angetan war, die "Bewegung" über sämtliche Ziele hinausschießen zu lassen.

Ohne den Zuchtmeister Hitler wäre das deutsche Volk zu dieser Energieentfaltung nicht in der Lage gewesen. Insofern war das wahrscheinlich ein für Deutschland einmaliges Ereignis.

Wenn Sie alles nur auf ein bißchen "antisemitische Propaganda der NSDAP in ihrer Frühzeit" reduzieren, vielleicht auch noch auf eine "kleine Anzahl von Monomanen", gehen Sie am Grundsätzlichen und Spezifischen vorbei.

Wenn später Ton und Inhalt sich wandelten, so geschah dies unter dem Druck der Kriegsnotwendigkeiten. Der sozialanalytische Blick dient sicherlich der Vervollständigung des Bildes, ist aber im Gesamtgeschehen von minderer Bedeutung.

Die Bonner Politik seit 1949 hat es immerhin vermocht, Deutschland um die gefährlichsten Klippen neuerer Geschichte herumzuführen.

Für eine nahtlose Kontinuitätswahrung deutscher Geschichte fehlt ihr die Zuständigkeit für die Jahre 1945 bis 1949.

O nein, ich prügle nicht auf einen "toten Hund" ein. Der Nationalsozialismus hat großen Schaden, nicht zuletzt an Deutschland und den Deutschen angerichtet. Man darf in der großen Politik keine Fehler machen. Die Nazis haben ihre historischen Möglichkeiten überschätzt und verloren. So einfach ist das.

Aber die Nachkriegsgeschichte war objektiv gnädig mit den Deutschen. Wenn es einen Herrn der Geschichte gibt, so hat er - gleichsam gegen den Willen aller politischen Mächte und Akteure - den Deutschen zu späten Siegen verholfen.

Der Revisionismus ist allzu sehr an einer Rehabilitierung des NS-Regimes interessiert. Mir aber geht es um die Entlastung des deutschen Volkes. Das ist nicht dasselbe, obwohl es natürlich Überschneidungen gibt.

Die Wirtschafts-, Arbeits-, Bevölkerungspolitik des NS-Staates zeitigt erstaunliche Leistungen, geht freilich auch mit einer ohne Bedenken forcierten Selbstisolierung Deutschlands einher. Irgendeiner muß immer die Rechnung bezahlen.

Der gute Familienvater, der für seine Lieben sorgt, schadet seinem Ruf, wenn er zur gleichen Zeit seine Nachbarn hinausprügelt.

Horst Lummert

online-Fassung

kuckuck
feder 8
III. quartal 1996
28. Juni 1996
01. Juli 1996

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Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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