Horst Lummert an Yehuda Bauer

12. März 1994

Ich glaube nicht, daß die Sache so einfach ist, wie Sie sie in Ihrem Brief vom 2.3.94 - vielen Dank! - darstellen.

Ich ging doch zunächst vom ungesicherten Ertrag Ihrer Nachforschungen aus.

Es ist ja nur ein schlichter, aber zugleich auch logischer Rat, einmal andersherum zu fragen.

Oft bleiben - in politischen und unpolitischen Kriminalfällen - die Ermittlungen erfolglos, weil bestimmten Spuren nicht nachgegangen wird.

Der Reichstagsbrand 1933 bot - mit einer anderen politischen Tendenz - so ein bekanntes Beispiel.

Es geht um die Klärung von Sachverhalten.

Natürlich haben wir es immer auch (!) mit politischen und psychologischen Motivlagen zu tun.

Doch wenn wir schon die Psychologie heranziehen, dürfen wir auch der konkreten Analyse nicht ausweichen.

"Psychologische Probleme" sind keine Antwort, sondern eine Frage, die erst noch beantwortet werden muß.

Selbst ideologische Extremismen sind "psychologisch" nur zur Hälfte erklärt.

Letztlich scheinen hinter allem eben doch geschichtliche Probleme auf, die Sie nun freilich in Abrede stellen.

In den vergangenen Jahren seit der Wiedervereinigung ereignet sich in und um Deutschland Merkwürdiges, für das es möglicherweise zwei Erklärungen gibt.

Entweder: Die Deutschen spielen wieder verrückt ("Ausländerfeindlichkeit") und rufen damit die entsprechenden Reaktionen im Ausland hervor ("Neo-Nazismus ante portas", "Evidenz eines genetischen Schadens" der Deutschen).

Oder: Fortsetzung des Zweiten Weltkriegs gegen (!) Deutschland mit vorerst nur halber Kraft ("psychological warfare").

Wenn ich als Deutscher in Deutschland lebe, muß ich mich mit der zweiten Erklärung vertraut machen.

So oder so - das sagen ja beide "Erklärungen" - scheint sich die Geschichte zu wiederholen.

Damit stellt sich jeder nun, je nach realer Interessenlage, seine eigenen Fragen.

Irrationales, Unaufgeklärtes genug.

Das bedeutet aber nicht, daß es sich nicht rationalisieren und also aufklären ließe.

In der Politik geht es um Machtfragen.

Jedes Land muß sehen, wie es damit zurechtkommt, am besten wohl, indem es zuerst seine eigenen Interessen vertritt.

Nicht, weil die Deutschen so "böse" wären, ziehen sie Aggressionen auf sich, nein, es geht die Furcht um, sie könnten wieder zu groß und stark werden.

Insoweit ist das ja auch legitim.

Ich will nur sagen: Die Moral wird jedesmal hervorgekramt, wenn sie sich politisch aktualisieren läßt.

In der Geschichte zählen keine "Verbrechen", sondern "Fehler".

Das ist schlimm genug.

Einen Krieg zu verlieren, ist - so gesehen - natürlich ein Kardinalfehler.

Der Zynismus, der darin liegt, der kommt nicht von mir, sondern ist politische, historische (und damit auch historiographische) Gepflogenheit.

Das ist die pessimistische Sicht.

Sympathischer ist es, die Dinge mit Wohlwollen, zuversichtlich, also optimistisch zu betrachten.

Niemand rechnet in einem solchen Klima mit Unterstellungen, wenn er ein paar Fragen neu ins Gespräch bringt, und jeder ist bemüht, dem andern bei der Lösung seiner Probleme, der Klärung seiner Fragen zu helfen.

Bisweilen hilft ein kleiner Hinweis: Überprüfen Sie mal Ihren Blickwinkel!

Ein Zufall (!) brachte mir TPS. Theorie und Praxis der Sozialpädagogik. Evangelische Fachzeitschrift für die Arbeit mit Kindern, Heft 1'94, Januar/Februar, ins Haus.

Darin finde ich den Text eines Vortrags, den Sie in Jerusalem, Frühjahr 1993, vor einer Gruppe deutscher Journalisten, Pädagogen und Historiker gehalten hatten.

Yehuda Bauer: Wenn so etwas vergessen wird, woran kann man sich dann erinnern? Der Holocaust - ein Symbol.

Man muß immer damit anfangen, daß die jüdische Gesellschaft, das jüdische Volk im allgemeinen und im besonderen auch die Juden Israels, eine traumatisierte Gesellschaft sind.
Das ist leicht verständlich, wenn man sich vorstellt, daß ein Drittel des eigenen Volkes im Abgrund verschwindet.

So beginnt der Beitrag. Ich kürze aufs Wesentliche ab:

Dieses Trauma ist unverarbeitet... Das Volk verschwand in einer unheimlichen Schnelligkeit.
(...)
Man konnte nicht über die trauern, die verschwunden waren.
Es ging nicht; sie waren nicht da. Man konnte sie nicht begraben, man konnte keine Steine aufstellen.

Sie verwenden - unreflektiert - den Begriff "Holocaust", der inzwischen zu einem "Symbol" geworden (oder verkommen) sei, der überall Anwendung finde, wo Massenmorde geschehen.

Indes:

Der Holocaust war etwas Einzigartiges. Nicht von der Anzahl der Opfer her, nicht von der Art, in der sie ermordet wurden, sondern in der Motivation der Mörder. Denn das war eine quasi-religiöse Motivation, die universell war.
Die Nazis wollten ja nicht nur die Juden Deutschlands oder Polens ermorden, sondern alle Juden, jeden einzelnen in der ganzen Welt. Das ist einzigartig!
(...)
Der Nazismus war eine internationale Bewegung. Er dachte in Weltkategorien. Da der Hauptgegner "der Jude" war, so mußte der Jude überall vernichtet werden.
Das ist vielleicht ein Grund dafür, warum der Holocaust etwas Allgemeines wurde, ein kulturelles Symbol.

Unreflektiert ("Holocaust"), weil bis zum Erscheinen des Films "Holocaust" niemand dieses Wort benutzte, auch "Shoah" kam erst später, nämlich um "Holocaust" zu ersetzen, ins Gespräch.

All die Jahrzehnte nach 1945 sagten wir "Auschwitz", und jeder wußte, was damit gemeint war.

Hat also die Unterhaltungsindustrie die Sprache neu geregelt?

Warum?

Dem Begriff "Holocaust" wohnt zudem eine Dialektik inne, die gefährlich werden kann, wenn man ihn gedankenlos weitergibt.

Wo Sie von der "quasi-religiösen Motivation der Mörder" sprechen, darf ich vermuten, daß Ihnen diese Problematik bewußt ist.

Ich komme darauf gleich zurück.

Mir fiel zuerst die Häufung des Wortes "Trauma" auf, und daß Sie dieses "Trauma" darauf zurückführen:

daß ein Drittel des eigenen Volkes im Abgrund verschwindet.
Das Volk verschwand in einer unheimlichen Schnelligkeit.
Man konnte nicht über die trauern, die verschwunden waren. Es ging nicht; sie waren nicht da. Man konnte sie nicht begraben...

"... verschwindet... verschwand... verschwunden... nicht da", alles in einem, dem ersten, Absatz.

Das Wort "ermordet" kommt wie nur am Rande vor, "Vergasung" muß man suchen, um es nicht (!) zu finden, allenfalls in "der Art, in der sie ermordet wurden".

So viele Umschreibungen, und alles nicht einzigartig.

Seit wann - und warum?

"Einzigartig" sei nur mehr die "quasi-religiöse Motivation".

Manches sieht, wir berührten bereits den psychologischen Aspekt, nach Projektion aus.

Wie kommt man aus diesem Trauma gesund oder heil heraus? Das ist nicht so einfach. Man hat nicht nur in Deutschland versucht - in Deutschland geschieht das ja noch immer - die Sache unter den Teppich zu kehren.
Es ist wahnsinnig wichtig, psychologisch, für die Juden Israels, für die Juden glaube ich überall, besonders für die Jugend natürlich, zu wissen, daß die Deutschen normale Menschen sind.
Das ist nicht selbstverständlich.
Auschwitz, Treblinka und so fort.
Aber Ihr braucht uns genauso: Denn Ihr könnt die Vergangenheit nicht verleugnen, denn wenn Ihr das tut, werdet Ihr genauso in ein Trauma hineingleiten wie wir.
Vielleicht seid Ihr schon mittendrin.
Und das kann man nur vermeiden, wenn man die Tatsachen klar auf den Tisch legt. Ohne Apologetik und ohne Scham. "Es war so. Schauen wir mal nach, warum. Und wie. Und wer."

Dann dieser Satz:

Ich glaube, es ist sehr wichtig zu sagen, daß eine jede Gesellschaft imstande ist, einen Völkermord zu begehen.
Ich glaube nicht, daß irgendein Volk von dieser Gefahr frei ist.
Das muß man klar sehen.
Das muß man auch klar sagen.

Werden wir auf diese Weise plötzlich alle ganz normal?

Damit wäre ja das andere wieder aufgehoben.

So gefällt es mir nicht.

Ich will die Wahrheit wissen.

Wenn Sie meinen, daß ich mit meinen Fragen jetzt, "wie man so sagen möchte, zum Kuckuck gegangen" sei, so kann ich darauf nur erwidern, daß ich auf diesem Wege - zum Kuckuck! - auch war, als unsere Aufmerksamkeit sich auf Kurt Becher in Ungarn, die SS-Einsätze in Weißrußland usw. konzentrierte.*

* Vgl. Zur Vorgeschichte, kkk-feder 4/5, Seiten 48-50, und kuckuck 51, 52, 53...

Will sagen: Ich habe meine Richtung nie geändert.

Diesmal stimmen Sie mit mir nicht überein.

Ich glaube aber nicht, daß Sie vom Wege der Wahrheitsfindung via Überprüfung der Fakten (Yehuda Bauer: "... die Tatsachen klar auf den Tisch...") abgekommen sind.

"... die Sache unter den Teppich zu kehren" ("in Deutschland geschieht das ja noch immer", schreiben Sie sogar), ist völlig untypisch für deutsche Verhältnisse.

Auffallen müßte Ihnen doch, daß sich in Deutschland ein ganz anderer Typus herausgebildet hat.

Wenn irgendwo in der Welt ein Unrecht geschieht, können Sie schon darauf warten, daß sich ein, sagen wir, Gegen-Muster-Deutscher meldet, seine "Schuld" bekennt, sich "schämt".

Versteht man das eigentlich als das, was es ist: eine deutsche Satire?

Trau keinem, der sich selbst bekleckert.

Insofern läßt sich auch hier von einer Traumatisierung sprechen.

Nach meiner Erfahrung ist auch die Traumatisierung der Juden - ob in Israel oder anderswo - ideologischer Art, sozusagen ein Erfolg der Propaganda.

Man hat offenbar noch nicht begriffen, welcher Schaden gerade im jüdischen Volk angerichtet wird, wenn ständig der "Holocaust" den Himmel verfinstert.

Ich behaupte, daß das, was Sie etwa "Traumatisierung der israelischen Gesellschaft" (heute!) nennen, weitgehend auf Ideologisierung beruht.

Meine Beobachtung - in Deutschland sowohl als auch in Israel - ist, daß der "normale" Bürger, der täglich mit seinem Leben fertigwerden muß, zwischen Tatsachen, soweit sie ihm zugänglich, und dem allgemeinen Medienrummel sehr gut zu unterscheiden weiß.

Sie haben den religiösen oder quasi-religiösen Aspekt erwähnt.

Auch ich sehe diese Dimension.

Ich weiß nicht, wie weit sie da gehen wollen.

Die Gefahr, die ich schon oben andeutete, sehe ich in einer "Heiligung" des Konflikts (Holocaust = Ganzbrandopfer), in der Zuspitzung auf die biblische (Amaleq - Israel) Erb- und Todfeindschaft.

"Yishmael" war ursprünglich der Versuch, via Monotheismus (aus dem gemeinsamen Schoße Abrahams) wieder zu verbrüdern.

Mittlerweile drängen sich ganz andere Gesichtspunkte auf.**

** Vgl. Geprüftes Torahwissen

online-Fassung

kuckuck
feder 4/5 ### projekt YISHMAEL
situation
analyse
sommer/herbst 1994

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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