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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Horst Lummert an Yehuda Bauer

8. Februar 1994

Aus Anlaß des Biss-Berichts, mit dem ich mich etwa 1986/87 beschäftigte, tauchte auch wieder die Frage auf, welche Rolle seinerzeit in Ungarn Kurt Becher gespielt hatte.

Sie fragten nach Bechers wahren Motiven für seine Hilfeleistung, sahen darin vor allem den Versuch, sich ein Alibi zu schaffen für etwas, das erst noch genauer ergründet werden müßte.

Ihre Vermutungen gingen in Richtung: Reiter-SS - die drei Brigaden des Kommandostabes Reichsführer-SS (18.348 Mann).

Sie... waren weitgehend für den Massenmord an Juden in der Nordukraine, im südlichen Weißrußland und in der RSFSR verantwortlich. (171)

Und - mit gewissen Einschränkungen:

Wir sprechen davon, daß die Einsatzgruppen die Massentötungen in der Sowjetunion vornahmen.
Aber Krausnick und Wilhelm bezeugen, daß sie nur einen relativ kleinen Teil dieser Tötungen vornahmen.
Es stellt sich also die Frage, wer die anderen Juden ermordet hat.
Eine Teilantwort würde wahrscheinlich lauten, daß es die drei SS-Brigaden des Kommandostabs Reichsführer-SS waren, die am 28. Juni in Ostpreußen standen und dann vom Pripjet-Gebiet nach Norden und Süden ausschweifend bis in die Südukraine auf der einen Seite und bis nach Rshew im Norden auf der anderen Seite kamen.
Die Untersuchung dieser über 18.300 Mann zählenden drei Brigaden, die meiner Ansicht nach einen großen Teil der Juden in der Sowjetunion ermordet haben, wäre eine sehr wichtige Sache, die, soweit ich weiß, noch nicht in Angriff genommen worden ist. (122)

Ich zitiere aus Ihren Beiträgen zum Stuttgarter Kongreß vom 3. bis 5. Mai 1984 - in: Der Mord an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Entschlußbildung und Verwirklichung. Hrsg. Jäckel/Rohwer. DVA Stuttgart 1985. In Klammern die Seitenzahlen. Hier nach kuckuck 55, S.124.

Der Forschungsertrag war also noch ungesichert.

"Sie... waren... verantwortlich" hieß bei genauerem Hinsehen: "Eine Teilantwort (! - H.L.) würde (! - H.L.) wahrscheinlich (! - H.L.) lauten..."

Die Untersuchung dieser ... drei Brigaden, die meiner Ansicht nach (! - H.L.) einen großen Teil der Juden in der Sowjetunion ermordet haben, wäre (! - H.L.) eine sehr wichtige Sache, die, soweit ich weiß (! - H.L.), noch nicht in Angriff genommen worden ist.

Sie wußten es also nicht bzw. wußten, daß man darüber noch gar nichts wissen konnte, weil halt die "Untersuchung" "noch nicht in Angriff genommen worden ist".

Hat sich an diesem Stand Ihrer Nachforschungen inzwischen etwas geändert?

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben wir längst nicht alles, aber doch immerhin schon so viel erfahren, daß auch die offizielle Zeitgeschichtsforschung aus ihrer spekulativen Phase endlich herauskommen könnte.

Nach dem Modell "Katyn" läßt sich möglicherweise manches aufhellen, wo partout sich keine befriedigende Antwort finden lassen will, wenn man immer nur nach deutschen Tätern fragt und sucht.

Daß es seit 1939 eine rege deutsch-sowjetische Zusammenarbeit in Sachen "Volkstum"/"Nationalitäten" gab, ist doch seit langem kein Geheimnis mehr.

Das spielte sich auf höchster Ebene ab:

Der "Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums" war der "Reichsführer SS" Heinrich Himmler.

Der sowjetische "Volkskommissar für Nationalitätenfragen" hieß Josef Stalin.

Über die Zeit des deutschen "Überfalls auf die Sowjetunion", der inzwischen von sowjetisch/russischer Seite als Präventivmaßnahme anerkannt und bestätigt wird, gibt es sowjetische Tagesberichte zu erfolgreichen Evakuierungsmaßnahmen der UdSSR zum Schutz vor den deutschen Truppen, worin gerade auch die Rettung der jüdischen Bevölkerungsteile gerühmt wird.

Das müßte ja eigentlich der nicht-deutschen Forschung schon vor dem Ende der Sowjetunion zugänglich gewesen sein.

Nimmt man alles in allem, was Sie vor zehn Jahren gleichsam spekulativ behaupteten (!), was man andererseits - zur gleichen Zeit! - wissen konnte und heute wissen muß, wenn man die Faktenlage nicht sträflich ignorieren will, so frage ich mich heute, was noch alles auf uns zukommen kann, wenn die anerkannte Zeitgeschichtsforschung quasi nach Hörensagen, wenn nicht gar wider besseres Wissen ihre Feststellungen trifft.

Welcher Stellenwert kommt z.B. den sogenannten geheimen Städten in Rußland zu?

Kürzlich erschien darüber ein Bericht von Andrew Cowley (Die Welt vom 1.2.94). Hinweise dazu gibt es auch in der "revisionistischen" Historiographie.

Wahrscheinlich muß, nach Lage der Dinge, die ganze Geschichtswissenschaft, soweit sie sich mit den vergangenen hundert Jahren in Europa abgibt, noch einmal kritisch durchgesehen, überprüft, also revidiert werden.

Meine Zweifel und Fragen traten im Laufe der Zeit auf - und zwar anhand irgendwelcher aktuellen Begebnisse.

In Israel z.B. staunte ich über die große Zahl zugewanderter Juden aus der Sowjetunion.

Von Regierungsseite (Likud) hieß es, daß Israel eines Tages über zehn Millionen jüdischer Bürger zählen werde, falls alle Juden aus Rußland und den damaligen Sowjetrepubliken nach dorthin auswandern.

All die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg wurde uns aber gesagt, das gesamte osteuropäische und sowjetische Judentum sei von den Deutschen ausgerottet worden.

Wohlweislich nicht nur als jüdische Religion und Religiosität, sondern physisch.

Meine Berührung mit dem "Geschichtsrevisionismus" erfolgte erst viel später.

Offenbar hatte man es sich zuletzt doch etwas zu leicht gemacht.

Wie beurteilen Sie diesen "Revisionismus"?

Im allgemeinen und schließlich im besonderen nach dieser oder jener Arbeit?

Sanning z.B. (Die Auflösung des osteuropäischen Judentums).

Andere Autoren (etwa Bohlinger/Ney) stellen in einem Gutachten die Echtheit des Wannsee-Protokolls in Frage, ja, erbringen den Nachweis, soweit ich das überprüfen kann, daß es sich um eine Fälschung handelt.

Wird das alles, z.B. auch von Ihrer Seite, überprüft oder einfach nicht zur Kenntnis genommen?

Pressac hat sich jedenfalls mit dem Leuchter-Report kritisch beschäftigt.

Nolte sagt dem Sinne nach, daß, was technisch nicht möglich sei, nicht stattgefunden haben könne.

Er verweist auf die Aussage Arno J. Mayers, wonach die Zeugnisse über die Existenz der Gaskammern "rar und unzuverlässig" seien (Streitpunkte, S.316).

Was hatten wir denn da als vermeintlich festen Boden unter den Füßen?

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sommer/herbst 1994

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