Horst Lummert an Ralph Giordano*
15.3.94
Ich versuch's trotzdem nochmal. Auf Formmängel gehe ich nicht ein. Sie wollen nicht korrespondieren, gut; aber die Korrespondenz läuft ja nun schon. Außerdem haben Sie neue Fakten auf den Tisch gelegt; sie interessieren mich zuerst.
Die an Sie persönlich gerichteten Drohdrucke: sind sie nach Inhalt, stilistischen Eigenheiten, Art der Herstellung (Druck) typisch für sämtliche oder die Mehrzahl der an Sie gerichteten, Sie sprechen von "etwa 800", Morddrohungen, Schmähschriften o.dgl.?
Sind Sie der Sache nachgegangen? Ich meine, abgesehen von polizeilichen Ermittlungen, staatsanwaltlichen Maßnahmen, lassen sich die Tatgegenstände sprachkritisch unter die Lupe nehmen, was in Ihre eigene Fachkompetenz fällt.
Außerdem sind logische Zusammenhänge, politischer Kontext, unmittelbare Motivation, Absicht und Meta-Absicht zu klären.
Sind die Drohungen ernstzunehmen, müßten Sie Personenschutz erhalten. Wie verhält sich die Polizei? Oder handelt es sich "nur" um Psychoterror?
Haben Sie einen konkreten Verdacht?
Kommen die Elaborate vermutlich aus einer Giftküche?
Ihrem Brief entnehme ich, daß Sie die "geistigen Urheber" der Pamphlete "selbstverständlich" politisch bereits lokalisiert haben.
Heißt das, Sie wissen noch nichts Konkretes?
Ich würde mir gern alle Drohsendungen, die Sie erhalten haben, genauer ansehen, vergleichen, analysieren.
Eine zentrale, jedenfalls herausragende Frage ist, ob sie oder wiefern sie gedruckt oder anderswie hergestellt worden sind.
Handelt es sich womöglich um Camouflage? Haben Sie auch das erwogen? Cui bono?
Es geht um die Untersuchung und Klärung von Sachverhalten. Damit komme ich jetzt, zum zweiten, auf unsere Briefe bzw. meine speziellen Anfragen zurück.
Es liegen wissenschaftliche Gutachten, z.T. völlig neue Sacherkenntnisse vor, die sich aus der Offenlegung von Archivmaterial, dem freieren Umgang mit historischen Fakten und Zusammenhängen in Rußland seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, der gewissenhafteren Quellenforschung und nicht zuletzt den Übersetzungen ausländischer (britischer, französischer, amerikanischer, kanadischer, russischer u.a.) Fachliteratur ergeben haben.
Die deutsche Zeitgeschichtsforschung hat einen großen Nachholbedarf.
In Deutschland war es bislang hauptsächlich der sogenannte Geschichtsrevisionismus, der sich um historische Feinheiten und Fragwürdigkeiten gekümmert hat, und der jetzt, wie es scheint, seine internationale Bestätigung feiern kann.
Das muß also überprüft werden.
Es muß Ihnen einfach am Herzen liegen, diese Dinge nicht zu ignorieren, sondern ernstzunehmen und zu studieren.
Wer nicht bereit ist, die eigene Position zu hinterfragen, endet im Vorurteil.
Wer sich seiner Sache sicher ist, braucht Gegenargumente um so weniger zu fürchten.
Die geschichtliche Wahrheit zu erfahren, ist doch unser gemeinsames Anliegen, oder nicht?
Was Sie mir bzw. dem, mit dem es für Sie darum "keine Korrespondenz" geben könne, an Unterlassungen vorwerfen, verfehlt nun wirklich den Adressaten, können Sie mir gerade nicht vorwerfen.
Und genau dies legitimiert mich, Fragen jetzt auch einmal andersherum zu stellen.
* Brief kam zurück. Posteingang: 22.3.94. kkk
online-Fassung
kuckuck
feder 4/5 ### projekt YISHMAEL
situation
analyse
sommer/herbst 1994
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)