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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
Ich glaube schon, daß wir uns irgendwie zusammenraufen können und werden, obwohl ich andererseits doch sehe, daß schon zu Beginn dieser Auseinandersetzung allzu viele Fragen, die ich zum Beispiel in meinem ersten Brief anschnitt, einfach so stehengeblieben sind.
Inzwischen häufen und kreuzen sich unsere Briefe, und Sie fragen gleichzeitig, was wir damit denn eigentlich wollen.
Grundsätzlich geht es hier ja tatsächlich nicht um das Problem, daß der eine oder andere immer recht haben beziehungsweise Recht behalten wolle; vielmehr sollten wir doch herauszufinden suchen, was und wie es richtig ist.
Das geht aber nur, wenn wir uns auf die Einzelheiten einlassen, wenn wir vom Allgemeinen zum Besonderen kommen.
Da gibt es so viele Dinge zu klären, die den genauen Blick brauchen, die der detaillierten Untersuchung bedürfen.
Daß die Deutschen sowieso alle nichts taugen, beispielsweise, ist meine Meinung seit eh und je, aber das kann ja nur ein Vorurteil sein.
So redet man privat mal dahin, so schreibt man sich die Wut aus dem Bauch, aber politisch und historiographisch kommen wir so nicht sehr weit.
Da müssen wir uns um die Fakten bemühen, ums vielfältig Nachprüfbare.
Ich dachte lange Jahre, wenn nicht Jahrzehnte nach dem Kriege, jetzt sei endlich alles klar, das von den Nazis gefälschte Geschichtsbild nun ein für allemal korrigiert.
Aber dann war doch wiederum zu erkennen, daß alte Lügen abgelöst wurden durch neue.
Ich bin jetzt 55, Sie fragten danach, meine ersten Kindheitsjahre verlebte ich am Berliner Wedding, Hinterhaus 4 Treppen, Stube und Küche, Klosett auf der Treppe, später war ich evakuiert, das Haus Reinickendorfer Straße 93 wurde zerbombt.
Das Kriegsende war für mich auch biografisch sehr zentral, weil man in dem Alter gründlicher zu denken anfängt.
Vielleicht ist etwas wichtig, was Ihren und meinen Lebensweg wie systematisch unterschied.
Meine Begegnung mit der Roten Armee.
Ich lebte im damaligen Sudetenland. Wir Jungens hatten sofort freundschaftlichen Kontakt mit den sowjetischen Soldaten, den einfachen Soldaten, die auf den Feldern beschlagnahmte Pferdeherden bewachen mußten, was wir für sie übernahmen, mit denen wir gemeinsam den Tag verbrachten, aßen und in der ersten Nachkriegssommersonne lagen.
Aber da war ein markanter Umstand: Die Soldaten hatten vor ihren Offizieren Angst.
Die Unterschiede zwischen den proletarischen Soldaten und ihren, gewiß auch gebildeteren, kultivierteren, berechenbareren Offizieren waren doch allzu kraß.
Als vor zwei, drei Jahren die USSR einige Truppen aus der DDR zurückzog, konnte man erkennen, daß sich daran nichts geändert hat: Die Offiziere fuhren mit ihren Familien im Schlafwagen, die einfachen Soldaten im Güterwagen, früher sagte man: im Viehwagen, nach Hause.**
** Der endgültige Abzug der Sowjetarmee aus der neuen Bundesrepublik in den neunziger Jahren zeigte das gleiche Bild. kkk
Ich war von Anfang an auf der Seite dieser Soldaten - gegen das "System", wenn Sie so wollen.
Unterscheiden und unterscheiden lernen ist ein biblisches Urprinzip. Alles andere ist Vorgeschichte des Denkens.
Wenn wir uns darauf einigen könnten, wäre schon das Wesentliche gewonnen.
Die politische und zeitgeschichtliche Aufklärung ist nämlich in der Tat irgendwo mal steckengeblieben, so entstanden neue Selbstverständlichkeiten, des Hinterfragens scheinbar nicht mehr bedürftig.
Ich habe zum Beispiel bei der Beschäftigung mit dem "Generalgouvernement" ein paar interessante Entdeckungen gemacht, die die Zeit 1939 bis Juni 1941 betreffen.
Es gab damals eine rege ns-sowjetische Kooperation in "Volkstums"- bzw. "Nationalitäten"-Fragen.
Dann überfiel die deutsche Armee mitsamt Einsatzgruppen usw. die Sowjetunion.
Nun geschah etwas Seltsames: Die Rote Armee baute keine Abwehrfront auf, sondern zog sich weit ins Landesinnere zurück.
Dafür hat es viele Erklärungen gegeben.
Der plötzliche Überfall, das Unerwartete, die darauf überhaupt nicht vorbereitete Armee der Sowjetunion.
Aber es gab später einen irgendwie ähnlichen Vorgang, als die Rote Armee an der Weichsel stehenblieb, um abzuwarten, bis die deutschen SS- und Wehrmachtstruppen den Warschauer Aufstand niedergeschlagen hatten.
Es sprechen eine Menge Indizien dafür, daß die Rote Armee im Sommer 1941 sich zurückzog, die Verteidigung des Landes aufschob, den Schutz der Zivilbevölkerung unterließ, um die Deutschen bei dem Vollzug des in den Jahren zuvor gründlich vorbereiteten und exemplarisch bereits eingeleiteten Völkermords an den Juden nicht zu stören.
Man hat immer wieder gesagt, daß die Westmächte die Bombardierng von Auschwitz bzw. der dortigen Bahnanlagen unterlassen hätten, aber jene Frage ist meines Wissens noch nirgendwo gestellt worden.
Man spricht zwar von "zionistischer Kollaboration" mit den Nazis, aber jenes da ist schon im Vorfeld der Fragestellungen tabu.
Von daher verstehe ich die Kampagnen, die immer wieder mal angefacht werden, wo es um zeitgeschichtliche Probleme geht. Das Verschleierungsinteresse ist vielfältig.
Ich habe früher, wahrscheinlich wie Sie, zum Beispiel die sogenannte "Agententheorie" grundsätzlich abgelehnt und lächerlich gemacht, gewissermaßen.
Aber dann gab es doch Vorgänge, die sich materialistisch nicht erklären ließen, wenn man nicht in die Irre gehen wollte.
Friedensbewegung, Ausländerhaß, jüngst die Krawalle in Kreuzberg hier vor unserer Haustür.
Wenn man an Ort und Stelle wohnt, sieht man Dinge, die in den Medien niemals erwähnt werden.
Ein Beispiel: "Türken raus!".
Die erste Mauerbemalung in Kreuzberg gab's in der Köpenicker Straße (Mauer eines Hauses): sie wurde von einem TV-Team mit Pinsel und weißer Farbe angebracht und dann filmisch "dokumentiert".
Ich war Augenzeuge.
Jeder türkische Arbeiter weiß, daß er "Probleme" mit seinen, jedenfalls einigen deutschen Kollegen bekommt, wenn abends zuvor im Fernsehn irgend so eine Ausländer-"Problem"-Sendung lief.
Bereits Mitte April waren in Kreuzberg verkleidete "Punker" auf den Straßen zu sehen, Leute, die von irgendwoher kamen, wir kennen hier unsere Punker, unsere Gesichter, und die Menschen hier haben auch einen Blick für Schauspieler, die hier eine Show abziehen und im Interesse der Grundbesitzer die normale Bevölkerung aus dem Bezirk vertreiben.
Die ersten Steine flogen von, ja, buchstäblich, von Einsatztrupps, operativen Gruppen, die bald wieder verschwanden.
Wenn's erst einmal brennt, dann sorgen die Epigonen für alles weitere.
Das manipulative Element in der Politik wird in der Zeitgeschichtsschreibung systematisch weggelassen.
Was meinen Sie wohl, weshalb Calic so viele Schwierigkeiten mit seinen Arbeiten hat?
Viele "Forscher" machen es sich halt sehr leicht, indem sie einfach alte Wochenschauen zur Arbeitsgrundlage machen.
So geht es natürlich nicht.
Am 1. Mai sah ich eine Weile zu, wie über TV-Ost die Zehntausende an Honecker vorbeizogen, alle fröhlich und vergnügt, lachend, glücklich mit Kindern und Fähnchen, winkend und scherzend, unübersehbare Menschenmengen.
Kein Mensch wird später glauben, daß die Mauer gebaut wurde, damit ihnen diese glücklichen Menschen nicht davonlaufen.
Das war selbstverständlich zu deren Schutz, wovon sich jeder TV-Zuschauer selbst überzeugen kann.
Daß die Nachricht das Ereignis ersetzt, ist in gewissen Bereichen bereits allgemeines Wissen, aber nun muß es auch auf die anderen angewandt werden.
Nachrichtensektor, Kultur und Propaganda sind in der Bundesrepublick ja fest "in deutscher Hand".
Ihre Intimkenntnisse müßten Sie doch befähigen, dazu, ich meine: zur Aufklärung darüber einiges Neue beizutragen.
Das Goebbels-Ministerium ist ja nach 45 in anderer Gestalt wiederauferstanden, wobei der frühere Kanzler Kiesinger gewiß nur eine verkehrte Nebenrolle spielte.
Wenn Sie im übrigen sehen, welcher Personenkreis sich von der "Friedens"-Propaganda, ÖKO und Pax, sofort mobilisieren ließ und dann mit den frühen Erfolgen der Nazis vergleichen, werden Sie auf ähnliche Gruppen-Strukturen stoßen.
Vom Leutnant aufwärts haben Sie in jeder Armee die Befehlsgewalt mit gleichzeitiger Erziehung zu "Elite"-Bewußtsein.
Das trennt jede Armee in "Volk" und "Führungs-Trägerklasse".
Mit der Einführung der Angestellten-Ersatzkrankenkassen gleich in den Nazi-Anfangsjahren wurde der Klassenkrieg (der von oben) auch ganz alltäglich sichtbar gemacht.
Die untere Schicht der Angestellten läuft natürlich nur mit tatsächlich falschem Bewußtsein herum, bildet jedoch für die oberen Schichten ein gutes Sitzpolster.
Heute ist ja die Ideologie weit verbreitet, es gebe imgrunde gar kein Proletariat mehr, bis Anfang der neunziger Jahre werde die Handarbeit gänzlich durch Roboterarbeit ersetzt sein.
Bloß, die Jahre rücken näher, und wenn ich an Baustellen vorbeigehe, in Fabriken schaue, überall machen Arbeiter die Arbeit.
Die Arbeiterrentenversicherung ist da sehr viel präziser in ihrer strengen Unterscheidung von der Angestelltenversicherung, die im übrigen im Gegensatz zu jener bundesweit, nämlich in der Bundesversicherungsanstalt, organisiert ist.
Wenn also der Staat schon von sich aus so gravierende Unterschiede macht, dann sollte man nicht plötzlich alles vergessen, was man längst wußte und weiß, wenn's um die Sortierung von qua gesellschaftlicher Stellung a priori Verantwortlichen und ihren Untergebenen, Mitläufern, Stiefelputzern usw. geht.
Aber natürlich sind auch die schuldig, wenn sie Verbrechen begehen, individuell schuldig, das ist doch klar.
Aber kollektiv kann man halbwegs gerecht nur vom klassenanalytischen Ansatz aus sein.
Mir geht es zentral gar nicht mehr um Schuld, weil die Schuldigen tot oder so alt sind, daß ich mich hüten möchte, zum Handlanger einer Farce zu werden.
Wir können heute nicht nachholen, was nach dem Kriege aus vielerlei Gründen von vielerlei Seiten unterlassen und verhindert wurde.
Ich bin da in gewisser Weise viel bescheidener, aber gerade damit stoße ich allenthalben auf allerhärtesten Widerstand.
Ich möchte nur mal darüber reden, über jene Klasse, über die ab 1933 erworbenen Privilegien und deren Fortbestehen in unserer Gesellschaft.
Warum ist das so schwer?
Tja, es ergibt sich halt aus dem Thema.
Ich freue mich auf Ihr kommendes Buch. Vielleicht findet sich da etwas auch zu Judaistik, Israel.
Der von Ihnen bisher bekannte Atheismus scheint mir problematisch. Ich denke, daß dazu bzw. zum Thema Monotheismus in vergangenen Jahren im kuckuck Wesentliches, Gültiges gesagt worden ist.
Sie haben in den Bertinis gegen Ende wie endgültig festgemacht, daß "Gott" und "Auschwitz" zusammen nicht möglich seien. Das ist alles sehr problematisch.
Es gab eine Zeit, da war es für mich unumstößlich, daß man als Jude in Deutschland nicht leben kann und darf. Und daß man nach Auschwitz nur noch Atheist sein kann, lag ohnehin auf der Hand. So schien es jedenfalls.
Heute sehe ich die Dinge anders, grundlegend anders. Genauso, wie ein Staat Israel ohne Bezug auf die biblische und spätere jüdische Geschichte absurd wäre, so ist eben diese ganze jüdische Geschichte ohne das Gesetz und den Gesetzgeber vom Sinai nicht denkbar.
Der Völkermord ist nicht das letzte Wort.
In Yad Vashem wird an einem große Bauprojekt gearbeitet: Das Tal der Vernichteten Gemeinden. Die Namen von über 5000 jüdischen Gemeinden, die den deutschen Mördern zum Opfer fielen, werden in Steinplatten auf Felstürmen geschnitten. Das ist Gedenken, ist Yad und Shem.
Ich habe etwas anderes im Sinn, ganz anderes.
Sie erinnerten neulich an das Mitscherlich-Buch über die "Unfähigkeit zu trauern", wobei es um die Unfähigkeit der Deutschen geht.
Diese Unfähigkeit interessiert mich aber gar nicht, und es ist auch etwas abwegig, gleichzeitig zu meinen, dieselben Leute, die das taten, die ihre jüdischen Nachbarn ohne jedes Gefühl umbrachten, dieselben Leute könnten nun, wenn sie nur wollten, um ihre Mordopfer trauern.
Mich bewegt eine ganz andere Frage. Trauernde sind Hinterbliebene, sind Angehörige, Freunde, Geliebte.
Schert ein trauernder Jude etwa seinen Bart...?
Nach dem Mord an den sechs Millionen Juden dürfte es keinen bartlosen Juden mehr geben, aber wenn man durch die Straßen geht, sieht man nicht nur die Toten nicht mehr, man kann auch die lebenden Juden nicht oder kaum noch erkennen, weil die große Mehrzahl sich angepaßt hat.
Wurden eigentlich Juden oder Nichtjuden, Nichtmehrjuden verfolgt?
Das ist natürlich eine eher theologische Frage, aber es ist eine jüdische Frage, die mir ebenso auf den Nägeln brennt wie das Klassenproblem bezüglich der NS-Sippen in Deutschland.
Und Sie werden sehen, daß zuletzt das ganze Problem eine völlig andere Färbung erhält, wenn wir versuchen, die Geschichte des Völkermords wieder gutzumachen.
Ich prophezeie Ihnen eine historische Umwälzung in Europa und darüber hinaus, wenn wir gegen den Tod von Auschwitz, Treblinka, Majdanek, Sobibór... neues, junges jüdisches Leben setzen.
Zählen Sie Ihre Freunde von heute, und prüfen Sie nach, wer davon noch übrigbleibt, wenn Sie diese Zahl wenden: 6 Millionen.
6 Millionen chassidische Kinder sollen den europäischen Kontinent wieder bewohnbar machen.
Bäume pflanzen in Eretz Israel? Ja, und für jeden Baum zwei Kinder zeugen, und für jedes Kind zwei Bäume pflanzen in Israel, und für jeden Baum zwei Kinder für das ausgemordete Europa.
Nur so werden wir diese Nacht hinter uns bringen.
Am Tnakh festgemachte Proletarität, eine, wenn man will, Alttestamentarische Linke - das wäre doch mal was. Honigschlecken und Pfeffer zugleich.
Im Zusammenhang mit der sogenannten Seligsprechung der Edith Stein ist wieder einmal deutlich geworden, daß die Katholische Kirche um keine Antwort verlegen ist, während von jüdischer Seite, von offizieller jüdischer Seite, nur defensive Statements kommen.
Dabei ist doch das Christentum von der Torah her mit leichter Hand theoretisch vom Tisch zu wischen.
Es hat nie eine jüdische Mission gegeben, kein jüdisches Eintreten gegen die christlichen, "nordischen", nazistischen Angriffe auf Wahrheit und Gesetz, nur Klagen und Jammern.
Und das Schma Israel gebietet die permanente geistige Offensive, und die Torah gebietet die kämpferische Konsequenz gegen alle Abgötterei, gegen Götzendienst und Bilderkult.
Da geht's doch ums Herzstück, aber nein, wir lernen doch nicht aus unserer Geschichte, warum sollten wir je diesen ganzen Neviim- und Torah-Kram wirklich ernstgenommen haben.
Jeder Jude hat das Recht, sich genau so dumm und unbelehrbar wie jeder andere Mensch aufzuführen.
Nein?
Eine Probefrage: Was erregt Sie mehr: die Intoleranz der jüdischen Orthodoxie in Israel oder in Israel brennende Synagogen und Torah-Rollen als Reaktion auf jene Intoleranz?
Interessant Ihr neuer Buchtitel: Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein.
Ich glaube übrigens nicht, daß "die Deutschen", wenn wir von denen, die wir beide auch meinen, jetzt mal als einem Kollektiv sprechen wollen, daß die, wie man mitunter liest, "ein schlechtes Gewissen" haben.
Wahrscheinlich haben sie gar kein Gewissen, schlimmerenfalls aber eher ein "gutes".
Ausnahmen lassen wir mal weg.
Es gibt allerdings ein wirklich schlechtes jüdisches Gewissen, das mit Israel und Deutschland zu tun hat, zum Teil gibt's das auch in den USA gegenüber Israel.
Deutsche Juden aber heute haben ein doppelt schlechtes Gewissen, einmal, weil sie nicht im Eretz Israel leben, und ein zweites, weil sie nun ausgerechnet in Deutschland leben.
Wenn Sie sich in Israel ein wenig auskennen, werden Sie wissen, daß das sehr schlimm ist.
Mit Broder habe ich eine Zeitlang brieflich diskutiert, ich habe ihm zum Beispiel vorgeworfen, daß er imgrunde schreibe wie ein verhinderter Deutscher, und das Schlimme: er hat es mir frank und frei bestätigt, so sei das nun mal mit den deutschen Juden.
Die Jeckes sind in der Tat ein Problem, besonders schwer haben's sie wohl, wenn sie in deutscher Sprache schreiben.
Lea Fleischmann. In der Bundesrepublik macht sie auf "jüdisch", sie könne hier nicht mehr leben, neuerdings: es sei hier wie Sodom und Gomorrha (dies las ich neulich bei Boike Jacobs in der Allgemeinen).
Beide, Broder und Lea Fleischmann, halten's hier nicht mehr aus, gehen demonstrativ nach Israel, und halten sich hernach mehr hier als dort auf, sind deutscher geworden als sie's vorher waren, Israel ist ihnen fremd geblieben.
Der konsequente Schritt damals nach Israel war in gewisser Weise beispielhaft, der vielen Menschen aus dem Herzen sprach - und niemals hätte rückgängig gemacht werden dürfen.
Was sagt Broder: er habe Konsequenz noch nie für eine Tugend gehalten.
Wenn Sie nach Israel kommen, fragen Sie mal in Kfar Hahoresh die Tova nach ihren Erlebnissen mit der Lea aus Deutschland. Tova erzählte, die Frau Fleischmann kehre in Israel jetzt "die Deutsche" heraus, fliege demonstrativ 1. Klasse und mokiere sich über Chaverim.
Na gut, das ist ein bißchen Klatsch, aber Klatsch über Leute, die öffentlich als politische Moralisten auftreten, korrigiert mitunter falsche Bilder und Eindrücke.
Außerdem ist der Umgang mit Wibke Bruhns bei gleichzeitiger Dauerkritik am "ewigen Antisemiten" schon per se (und nicht nur ein bißchen) fragwürdig.
Apropos: Mir ist immer wieder aufgefallen, daß in Israel die wirklich wichtigen Fragen imgrunde vernünftig gesehen werden.
Da gibt's natürlich andere Probleme.
Wie finden Sie Joshua Sobols Stücke?
In Israel haben sie sicherlich eine wichtige Funktion, sie vermitteln jedenfalls eine Humanität vom Grundsätzlichen her, was ja nur gut sein kann.
Andererseits befördern sie eine Dialektik von konterkarierender Wirkung aufs politisch Notwendige.
Nochmals zurück zu Ihrem neuen Buch, das ich ja noch nicht kenne: ich fürchte, und Peter Schneider spricht mir ebenso dafür wie Gerhard Zwerenz, daß jetzt eine neue Welle des scheinheiligen Kokettierens mit "Sack und Asche", die Hervorkehrung eines geschichtlich (und wohl auch transzendental) Besonderen im deutschen Jüngstbekennertum heraufzieht.
Nichts leichter, als heute ein "Deutscher" zu sein.
Mich kotzt diese ganze Schauspielerei allmählich an. Pardon: nicht allmählich - schon ewig.
Obwohl ich mit dem Kopf, mit dem Verstand, wie Sie sehen, keineswegs so total in meinem Urteil über "die Deutschen" bin, weil ich ein paar heilige Prinzipien nicht verletzen will und darf, bin ich im Herzen schon gar nicht mehr hier, war ich hier noch nie zuhause.
Es gibt hier zu viele Menschen, die ich nicht schuldig sprechen will, mit denen zusammen ich aber nicht leben kann.
Das liegt aber auf einer anderen Ebene, geht in eine andere Dimension.
Wo der allgemeine Consens fehlt, kann man niemals heimisch werden.
Wer in Deutschland heimisch wird, wer sich hier wohlfühlt, der mag alles andere noch dazu sein, der ist aber zuvörderst und in seinem "Herzen" ein "Deutscher".
Meinen Brief vom 1.5. werden Sie auch inzwischen erhalten haben.
* In der print-Ausgabe nicht enthalten
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kuckuck
feder 4/5 ### projekt YISHMAEL
situation
analyse
sommer/herbst 1994
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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