Horst Lummert an Ralph Giordano*
1.5.87
Ich lese mich ja erst so allmählich durch. Aber schon mit meinen ersten Eindrücken scheine ich doch ins Schwarze getroffen zu haben.
In Wolfgang Leonhards Vorwort zu Ihrem Buch Die Partei hat immer recht finde ich den Satz:
Anderthalb Jahre arbeitete er unter dem verständnisvollen Lektorat von Carola Stern an dem Manuskript, dann, im Frühjahr 1961, zwei Jahre nach meiner Aufforderung, lag das Buch vor.
Carola Stern. Haben Sie Ihre verständnisvolle Lektorin in den anderthalb Jahren auch einmal nach ihrer politischen Vergangenheit gefragt, und warum sie unter falschem Namen segelt?
Diese Frau täuschte ihre lesende Umwelt über ihre wahre Identität.
Ich weiß bis heute ihren richtigen Namen nicht.
Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie ihn mir verraten könnten.
Den Namen "Stern" hat sie nach dem Kriege angenommen, um ihre eigene Vergangenheit als "BDM"-Führerin und die Nazivergangenheit ihrer Familie, besonders ihres hochrangigen Vaters zu vertuschen.
Diese Jung-Nazisse spielte sich später als liberale und/oder soziale Demokratin, Brandt-Anhängerin usw. auf.
Als altem Hamburger ist Ihnen sicherlich auch einiges aus der dortigen SPD-Personalität vertraut.
Gottfried Griesmayr zum Beispiel.
Er war einst hoher Funktionär der "Reichsjugendführung", designierter Nachfolger von Alfred Rosenberg und schreibender Scharfmacher der letzten Stunde.
Wie finden Sie das?**
** Siehe auch Exclusiv-Bericht: Prof. Klönnes Gutachten - kkk
Jahrelang haben wir - wohl gemeinsam - die FDP und die CDU nach ehemaligen und ewigen Nazis durchgekämmt.
Nun wollen wir aber nicht plötzlich wie das Pferd vor der Hürde scheuen, bloß weil einem die "Sozialdemokraten" politisch sympathischer sind als die andern.
Entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen jetzt fortwährend mit solchen Sachen auf die Nerven gehe.
Zu den Bertinis werde ich mich auch noch äußern.
Mir sind da etliche Dinge aufgefallen, widersprüchliche, unwahrscheinliche.
Das geht von der Psychologie der Brüder Cesar und Roman, ja der ganzen Familie, bis zu den Lebensmittelkarten mit dem Aufdruck "J" im Jahre 1944.
Wurden Juden, die also ausweislich ihres Zwangsnamens Sara oder Israel registriert waren, zu dieser Zeit überhaupt noch versorgt?
Während Sie heute den radikalen Kollektivverdammer machen, beschreiben Sie da fast so etwas wie eine Idylle, in der es bei aller Maulerei ja doch so viele gute Menschen gibt, daß eine ganze, zum Teil "voll"jüdische Familie ("Sippe") sich bis zuletzt durchschlagen kann, weil ihr immer wieder irgendwie geholfen wird.
Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, daß Alf, was sein hilfloses, zugleich frommes Verhalten, seine Persönlichkeitsstruktur angeht, sein Versagen, sein Träumen von einem Besseren und Schöneren, daß er imgrunde der einzige Jude in der ganzen Geschichte ist - gleich nach seinem Vater, oder vor diesem, da der in allem noch ein bißchen gröblicher ausfällt?
Der Mann wird getreten, gedemütigt, gekränkt und verachtet, von seinen Söhnen geschlagen.
Er ist der unerkannte Jude in dem Stück.
Er, anders als seine "jüdische" Frau Lea: er hätte - wider besseres Wissen - niemals sich und seine Familie mit dem "sippen"-obligaten fetten Schweinebraten besudelt.
Da sitzt der Verrat.
Alf war nicht im Stande des Wissens, er hatte sich selbst noch nicht erkannt.
Er war der unerkannte Jude und Beschützer.
D'accord?
* In der print-Ausgabe nicht enthalten
online-Fassung
kuckuck
feder 4/5 ### projekt YISHMAEL
situation
analyse
sommer/herbst 1994
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)