Horst Lummert an Ralph Giordano*
24.4.87
Als ich neulich meinen Brief an Sie schrieb, wußte ich gar nicht, daß ich damit zum Teil direkt ins Zentrum Ihres für Sie vielleicht - dialektisch - grundbestimmend gewordenen Lebensabschnittes traf.
Ich kannte Ihre Bücher nicht.
Dann erinnerte sich meine Frau an die Bertinis.
Ich habe mir inzwischen nicht nur die gemeinsame Dokumentation van Dam/Giordano über das Einsatzkommando Tilsit (vorerst Band II), sondern eben auch Die Partei hat immer recht aus 1961/1980 vorgenommen.
Diese Bilanz einer politischen Zeit, Abrechnung mit der Kommunistischen Partei, findet natürlich hauptsächlich die "stalinistische" Erklärung.
Als Sie das damals, 1961, schrieben, hätte ich dem wahrscheinlich zugestimmt.
Erst spätere Untersuchungen machten mir klar, daß der Krebsschaden dieser ganzen Geschichte historisch viel weiter zurückliegende Ursachen hatte.
Und daß sich in den vermeintlichen Mängeln der Partei(en) ihre zentrale Aufgabe ausdrückte, nämlich eine Arbeiterbewegung zu verhindern.
Trotzkis Kampf gegen Stalin und umgekehrt ließ in einer Zeit, da Trotzki vergessene Vergangenheit, Stalin aber blutige Gegenwart war, das moralische Urteil schnell zugunsten Trotzkis ausfallen.
Und bei dem Streit Lenin/Trotzki sah man halt zwei kompetente Männer streiten.
Trotzkis Mythos wurde von Stalin zerstört.
Aber weder Stalin, noch Trotzki, nicht Chruschtschow, nicht Breschnew, nicht Gorbatschow heute - tastet den Mythos Lenin an.
Die Enttabuisierung Lenins scheint mir jedoch der Schlüssel zum genauen Verständnis der Sowjetgeschichte zu sein.
Mich würde interessieren, ob Sie nach Ihrer 61er Abrechnung später zu ähnlichen Überlegungen, Denkresultaten usw. kamen.
Interessant fand ich persönlich Ihre Erwähnung Niederschönhausens des Jahres 1950 zum Deutschlandtreffen.
Wahrscheinlich sprechen Sie da auch, ohne es direkt beim Namen zu nennen, von der List-Schule, wo damals wohl Tausende von FDJlern untergebracht waren bzw. irgendetwas zu tun hatten.
Dieses Treffen spielte in Ihrem Leben eine wichtige Rolle. In meinem Leben irgendwie auch. Ich wohnte damals in Niederschönhausen, ganz in der Nähe, eine Zeitlang war ich Schüler der Schule.
Die in jenen Tagen in breiten Kolonnen uniformiert mit Marschmusik aus Fanfaren und Trommeln die Straßen bedrängenden Jugendlichen - gekommen, wie gerufen - waren eines der ersten bedrückenden Erlebnisse nach dem Kriege, die so überdeutlich an die organisierten, nur anders gefärbten Aufmärsche nun schon etliche Jahre zuvor erinnerten.
Diese ständige Erinnerung an den deutschen Militarismus hindert mich übrigens heute daran, die DDR bzw. Ostberlin zu besuchen.
Lustig fand ich allerdings, daß Sie in Ihrem Buch konstant "DDR" schreiben.
Das aber nur nebenbei.
Ich wollte das jetzt nur schnell ergänzen, weil mein Brief vom 19.4. da und dort den Eindruck hinterlassen könnte, ich wolle gewisse Andeutungen machen, vorausgesetzt, ich kennte Ihre Lebensgeschichte in jenem Abschnitt. Die kannte ich aber noch nicht.
* In der print-Ausgabe nicht enthalten
online-Fassung
kuckuck
feder 4/5 ### projekt YISHMAEL
situation
analyse
sommer/herbst 1994
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)