Horst Lummert an Ralph Giordano****
19.4.87
Gut, daß Sie geschrieben haben.
Imgrunde bestätigen Sie doch, was ich sage, wenn Sie sie aufzählen: die Generäle, Diplomaten, Wehrwirtschaftsführer, Ärzte, die großen Eigentümer, die Letzttäter in der Kette des industriellen Serienmords, die ungesühnten Bluturteile, die Richter.
Man muß noch hinzufügen: die Universitätslehrer, die Künstler, die Journalisten, Schauspieler, Propagandisten aus der Goebbels-Schule.
Aber das ist nicht "die Bevölkerung".
Und die makabre Szenerie, daß im lang hingezogenen Majdanek-Prozeß, wo die ungeschützten Opfer als "Zeugen" noch einmal vor aller Welt gedemütigt und beleidlgt werden durften, nur ein paar "Letzttäter", untergeordnete Killer, zur Verantwortung gezogen wurden, während vielleicht zur gleichen Zeit ein SS-Obergruppenführer Wolff mit einem seiner "Gegner" beim gemeinsamen Sektfrühstück an Bord der früheren Göring-Yacht ins Sonnenlicht blinzelte, könnte von einem RSHA-Zyniker ausgedacht worden sein, war es ja wahrscheinlich auch.
Als einer, der an "den Deutschen" kein gutes Haar gelassen hatte, mußte ich mich früher oder später doch darüber wundern, daß gerade die ehemals führenden Nazis ihre Freude an der Kollektivschuld-These hatten, denn auf diese Weise hatten sie's ja nur für alle andern mitgetan.
Vor allem konnten sie von da ihre Legitimation für die Führungsansprüche von heute herleiten.
Schließlich hat jedes "Volk" die "Führung", die es "verdient".
Damit war aber alles umgedreht, was 1945 mit der Erklärung der SS, der Gestapo, der NSDAP, des SD usw. zu kriminellen Vereinigungen historisch festgelegt werden sollte.
Bei jeder Gelegenheit gliedern die Soziologen die Gesellschaft, "in der wir leben", nach Schichten, Bevölkerungsgruppen, warum nicht auch bei dieser?
Wenn ein "führendes" Fünftel sich des "bösen" Fünftels als "Fußvolks" bedient, dann kann es für den "Rest", d.h. aber: die große Mehrheit, sehr gefährlich werden.
Wenn wir "das ganze Volk" schuldig sprechen, sprechen wir sie alle frei, dann ist niemand mehr schuldig, das ist der Pferdefuß dabei.
Meine Methode ist da viel konkreter.
Ich wundere mich schon nicht mehr, daß nach der jahrelangen Marx-Rezeption in der Bundesrepublik keiner auf den klassenanalytisohen Ansatz kommt, wenn's um die Nazis geht.
Alle redeten von der "bürgerlichen Klasse", die hier herrsche; aber es ist keine "bürgerliche", sondern die nazistische Führungs- und Funktionsträgerklasse, die hier das große Sagen hat.
Der von Ihnen erwähnte Artikel 131 GG war eine der ersten Nachkriegsgarantien dafür.
Ich habe mich in den vergangenen Jahren auch um den NS-Nachwuchs gekümmert, den Führungs(!)-Nachwuchs, die Absolventen der "Elite"-Schulen, um den "Werwolf" und seine Nachgeschichte, um NS-Frauenschulen, "Reichsjugendführung" und was dergleichen mehr.
Da war nicht zuletzt ein großes Mißverständnis aufzudecken, das ich auch bei Ihnen sehe, wenn Sie die Nazis mit der CDU zusammentun.
Tatsächlioh war der Nachkriegs-Unterwanderungsfaschismus politisch ganz anders gepolt.
Wichtig ist vor allem, daß die NS-Nachkriegsstrategie zwei Aspekte hatte, die nacheinander zum Zuge kamen.
Anfangs lehnte sie sich an den Westen, in erster Linie an die Amerikaner an, seit dem Bau der Mauer in Berlin etwa versucht sie sich mit zunehmendem Erfolg an der anderen Seite.
Der Rückbezug auf die Stalin-Note dient zur Orientierung.
War diese Strategie, vereinfacht gesagt, also früher am "Antikommunismus", so ist sie heute am "Antiamerikanismus" zu erkennen.
Ich glaube übrigens, daß es auch bei dem momentanen Historikerstreit nicht so sehr um Vergangenheit und ihre Interpretation geht, als vielmehr um glasharte Gegenwartspolitik.
Die neue Story scheint mir jetzt Maser aufgeschrieben zu haben.
Wissen Sie, was Nolte als Kausalität sieht, hat irgendwo ja doch einen wahren Kern.
In meiner Sicht ist es dies: Sowohl Lenin als auch Hitler waren Agenten des preußendeutschen Generalstabs.
Ludendorffs Strategie richtete sich 1917 gegen die soeben durch eine "unblutige" Revolution im Februar entstandene russische Republik.
Wenn man in Lenins Coup vom Oktober nicht den antirepublikanischen, den im Wortsinn konterrevolutionären Putsch erkennt, sondern eine "Revolution", sieht man etwas falsch.
Und Hitler begann seine "Arbeit" gegen die Ergebnisse der Revolution von 1918, also gegen die Weimarer Republik, erkennbar im Sommer 1919 als Einfluß- und Propagandaagent des Ludendorff-Stabes.
Sein unmittelbarer Vorgesetzter war der Hauptmann im Generalstab (!) Mayr, Chef der Presse- und Propagandaabteilung (Ib P) beim Reichswehrgruppenkommando 4 in München.
Als beauftragter Agent dieser Abteilung tritt Hitler der "Deutschen Arbeiterpartei" eines Anton Drexler bei, funktioniert sie um; daraus wird schließlich die "NSDAP".
Das deutsch-sowjetische Zusammenspiel ist, wenn Sie so wollen, von seinen Entstehungsbedingungen her ein konstitutives Element der europäischen Konterrevolution.
Im Zeichen dieses Komplotts begann der Zweite Weltkrieg mit der Zerschlagung Polens.
Wenn die Meinungsverschiedenheiten unter Historikern jetzt zu einem Politikum wurden, so unter dem außenpolitischen Druck von sowjetischer Seite, die stets um ihr Image besorgt sein muß, solange sie nicht die Courage aufbringt, ihre eigene "Vergangenheitsbewältigung" etwas gründlicher als bisher zu betreiben.
Die Beurteilung der Rolle der USSR ist heute entscheidend für jede politische Frage, wie man immer wieder sehen kann.
Die Verteidigung jüdischer Interessen wurde großenteils nur vorgeschoben, gemeint war was andres.
Wenn Bronfman in seinem Spiegel-Gespräch Helmut Schmidt gegen Helmut Kohl ausspielt, ist das natürlich Politik.
Ein historisch kompetenteres Urteil über den NS-Führungsoffizier und privilegierten Volksgerichtshof-Beobachter Helmut Schmidt hatte seinerzeit Menachem Begin abgegeben.
Schmidt ist wie Weizsäcker ein guter Schauspieler.
Kohl ist dagegen ein argloser, aber vielleicht viel ehrlicherer Plauderer.
Weizsäcker, zum Beispiel, wird wahrscheinlich nie ein falsches Wort sagen, aber was beweist das?
Sein historisches "Falsch"-Wort sagte er schon vor Jahrzehnten, als er versprach, er werde in dieser Bundesrepublik nie ein politisches Amt übernehmen.
Er hat's kürzlich bestätigt.
Es war ein Spruch gegen die Demokratie.
Aber wahrscheinlich haben wir ohnehin schon eine "andere" Republik, denn mittlerweile etabliert sich die ehemalige Führungsklasse auch in der vorderen Reihe.
Wir müssen nämlich begreifen, daß mit Willy Brandt, der in Warschau niederkniete, nicht etwa das faschistische Deutschland, sondern der antifaschistische Widerstand gegen dieses Deutschland in die Knie ging. Unter, wie ich sagen würde, deutsch-sowjetischem Augenzwinkern.
Glauben Sie bloß nicht, daß es in der DDR in dieser Hinsicht besser ist.
Die Kommunisten, die 1945 aus der Emigration zurückkehrten und sich und ihren Idealen treugeblieben waren, wurden bestenfalls in den ersten Nachkriegstagen als Lebensmittelkartenverteiler eingesetzt.
Sie bekamen vielleicht in Bohnsdorf oder Altglienicke eine kleine Wohnung, bezogen ihre Rente, wurden bei irgendwelchen Feierlichkeiten als verdiente Klassenkämpfer vorgeführt, um dann wieder nach Hause geschickt zu werden.
Nein, nein, abgesehen von ein paar Spitzenapparatschiks, setzte man auch dort auf die "bewährten Kräfte", möglichst solche mit schlechtem Gewissen; man machte Gegenwarts- und Zukunftspolitik mit "nationalen Offizieren" u.ä.m..
Gewiß, die alten Nazis wurden vertrieben - oft aber auch nur, weil die etwas Wesentliches noch nicht kapiert hatten: daß nämlich die Sowjetunion vom ersten Tage an jeden rehabilitierte, der bereit war, jetzt für sie zu arbeiten.
Und was war mit den "jungen Nationalsozialisten", die sich so gern von den "alten Nazis" absetzten?
Das ganze Schulsystem der DDR gründet sich auf diesen Personenkreis der pädagogisch nicht ausgebildeten sogenannten "Junglehrer" der ersten Stunde.
Das waren aber die "HJ-Führer" von gestern.
Sie waren es denn auch, die nur ihre Braunhemden zu bläuen brauchten, um als frischgebackene Funktionäre der "Freien Deutschen Jugend" nichts als weiterzumachen.
Der langjährige, später mit dem Flugzeug über Ägypten (!) bzw. auf dem Wege dorthin abgestürzte, Kulturexperte im Politbüro der SED, Werner Lamberz, war ein ehemaliger "Napola"-Schüler.
Zufall?
Hans-Jochen Vogel, einst HJ-Kulturfunktionär, ist heute Vorsitzender der SPD.
Der Antifaschist Willy Brandt stolperte über eine griechische Wissenschaftlerin aus antifaschistischem Hause.
Es ist eben nicht das gleiche, ob Brandt oder die NS-Nachfolge eine Neutralitätspolitik intendiert.
In Deutschland sind die Linken offenbar immer ein bißchen dümmer als die Rechten, von denen sie meinten, sie als Bündnispartner benutzen sie können.
So wurden sie benutzt und gefeuert, als es an der Zeit war (vgl. auch den Wechsel von Bernt Engelmann zu Michael Naumann bei Bertelsmann).
Was bringt es, die Putzfrau für Auschwitz verantwortlich zu machen?
Gar nichts - oder doch: das Grinsen der Nazis, dasselbe Grinsen, das man, bildlich gesprochen, beobachten kann, wenn irgendein Kriegsverbrecher, der 1945 sofort hätte abgeurteilt und hingerichtet werden müssen, heute als hilfloser Greis vor die Schranken eines Gerichts zitiert wird, um sich sowieso "an nichts mehr erinnern" zu können.
Die Verfolgung des organisierten Nachkriegsfaschismus, die Aufhellung politischer Biografien, gesellschaftlicher Beziehungsstrukturen über die (scheinbare!) Zeitgrenze 1945 hinweg, herüber bis in unsere Gegenwart, macht dagegen an konkreten Fällen deutlich, daß die "Vergangenheit" überhaupt noch nicht vergangen ist, daß sie uns gegenwärtig, ja daß sie auch "Zukunft" zu werden droht.
Die Nazis haben 45 den Krieg nur nach außen verloren, nicht nach innen. Nur vorübergehend, ganz kurze Zeit, waren eie ausgeschaltet.
Dennoch haben wir, was die gröberen Strukturen angeht, eine demokratische Gesellschaft, und wir müssen aufpassen, daß wir nicht "deren" Arbeit erledigen, indem wir das demokratische Kind an den Rand bringen, wo wir das faschistische Bad ausschütten wollen.
Im Moment sind die ja selbst kräftig am Ball.
Die grünen Tarnjacken sollten uns jedenfalls nicht über deren politische Funktion täuschen.
Vergleichen Sie mal die Propaganda Hitlers in den dreißiger Jahren mit der der "Friedensbewegung", die Uranfänge der "Grünen" mit denen der "NSDAP".
Allein das mediale Hochjubeln der ganzen Ökopax-Bewegung sollte klarmachen, daß es sich dabei um einen faulen Zauber, niemals jedoch um so etwas wie eine linke Bewegung handelt.
Wenn wir "Neue Soziale Bewegungen", wie auch gesagt wird, mit "NSB" abkürzen, kommen wir der Sache schon näher.
Ich habe mich gefreut, daß Micha Brumlik neulich* in der Feministischen Theologie den antijudaischen Antrieb ausgemacht hat.
Er ist aber wirklich die große Ausnahme, wenn man vom kuckuck einmal absieht, wo das hier jahrelang ausgebreitet worden ist.
Was ist überhaupt Antisemitismus?
Wo kommen die Energien für diesen Spuk immer wieder her?
Das alles sind Fragen, die sich sehr leicht beantworten lassen.
Aber in einer Zeit, da es schick und modern ist, gegens "Patriarchat" allenthalben Front zu machen, wird man die Antworten ebenso flott in den Wind schlagen.
Das Insistieren auf der "Einmaligkeit von Auschwitz" nämlich hat eine Kehrseite.
Wenn die Psychoanalyse bezüglich der Antisemitismus-Symptome und der strukturellen Bedingungen des Antisemitismus recht hat, und wenn man zur Kenntnis nimmt, daß der "Typus" Mensch, der diese Bedingungen zur Gänze erfüllt, geradezu herangezüchtet, durch massenpsychologische Förderung bestimmter "Lebensformen" buchstäblich produziert wird, dann könnte man zu dem Schluß kommen, daß "Auschwitz" "eigentlich" "nur ein Anfang" war.
Wir wollen uns, indem wir die Kämpfe, die versäumten Kämpfe, von gestern nachzuholen versuchen, nicht für die Gegenwart blind machen.
Apropos: "Holocaust" und "Bevölkerung".
Ich meine den Film "Holocaust".
Dieser Film wurde seinerzeit von den deutschen Medienkritikern ganz und gar verrissen - natürlich mit "ästhetischen" Begründungen.
Aber zig Millionen "Normalbürger" sahen den Film und bewerteten ihn mehr als positiv.
Die Medien-Bosse standen kopf.
Damit hatten sie nicht gerechnet.
Das war so ein Beispiel, an dem man sehr gut erkennen konnte, daß die "Bevölkerung" "besser" war als ihre selbsternannten Sprecher.
Was war so wichtig an diesem Film?
Damals wurden übrigens aus diesem Anlaß die ersten Sendetürme in die Luft gesprengt.**
Was war so wichtig?
Daß in dem Film sich dle Menschen mit den Opfern identifizieren konnten und mußten, so nah waren sie ihnen gekommen.
Wer damals "ästhetische" Gründe gegen den Film vorbrachte, verriet seine wahren Gedanken: da war nämlich offenbar geworden, daß es zwischen den Medienonkels und -tanten einerseits und den Zuschauern andererseits eine Kluft gab.
Ich sage: eine Klassenkluft.
Da klappte es mal mit der Bevormundung nicht.
Ganz anders lief's mit Lanzmanns "Shoah".
Die TV-Sender hatten keinerlei Bedenken, das war ein Film nach ihrem Geschmack, er diente ihrem Renommee, er war "künstlerisch", "filmisch", "ästhetisch" "gut", zugleich für ein normales Publikum viel zu lang, zu "sachlich", zu "wissenschaftlich", die Zuschauerzahl, das war sofort zu erkennen, würde also wünschbar niedrig bleiben.
Und noch ein Drittes kam den TV-Scheinheiligen entgegen:
"Shoah" war in gewisser Weise "deutschfreundlich", schob viel Last auf polnische Landarbeiter ab, auf Lokomotivführer, Ukrainer, Kollaborateure, Antisemiten vom Dorf.
Es wird so viel für den Datenschutz getan, okay, aber bei unserm Problem müssen wir dafür sorgen, daß der Datenschutz für die NS-Verbrecher aufgeboben wird, ich denke dabei konkret an die Archive der UNO in New York und ans Document Center hier in Berlin.
Mir geht es um eine exakte Identifizierung der Verbrecher, um juristische, vor allem aber - heute - um politische Konsequenzen.
Abschaffung von NS-Klassenprivilegien wäre eine ebenso notwendige wie vernünftige Forderung.
Warum spricht sie niemand aus?
Weil die Klasse voll am Ball ist, an den Mikrophonen, in den Redaktionen, und ihre eigenen - entgegengesetzten - Forderungen formuliert und verbreitet.
Erben (!) inclusive.
Wer es ernst meint mit der "Bewältigung der Vergangenheit", wird an der besonderen, präzisen, gezielten Analyse dieses "Klassenproblems", der Herausarbeitung und Identifizierung von "Sache und Person" nicht vorbeikommen.
Wenn wir erst einmal über die Geschichte und Geschichten der Bonzen Klarheit haben, können wir uns um ihre Laufburschen immer noch kümmern.
Aber jene zuerst!
Was in den vergangenen 40 Jahren lief, lief, wenn überhaupt, genau umgekehrt.
Um diese Differenzierung ist es mir zu tun.
Weil sonst der alte Betrug nur gegen einen neuen ausgewechselt würde.
Ich würde Ihren Brief gern im nächsten Heft abdrucken, wenn Sie nichts dagegen haben.*** Es ist wichtig, in diesen grundsätzlichen Dingen nichts ungesagt zu lassen. Für heute aber genug.
* Allgemeine jüdische Wochenzeitung.
** Zeitungsmeldung vom 20.1.79. Hinter dem Anschlag steckte eine nazistische Terror-Gruppe (vgl. Handbuch Deutscher Rechtsextremismus).
*** Er hatte nichts dagegen, das Heft (kuckuck 56) erschien aber nicht mehr.
**** In der print-Ausgabe nicht enthalten
online-Fassung
kuckuck
feder 4/5 ### projekt YISHMAEL
situation
analyse
sommer/herbst 1994
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)