Horst Lummert an das Auswärtige Amt
27.3.94
Zu Ihrem Aktenzeichen 213-457
Auf Umwegen kam ich in den Besitz eines Schreibens (in Kopie) vom 24. September 1991, adressiert an den Preußischen Nationalkongreß, worin der damalige Leiter des Referats "Sowjetunion", Herr Klaus Neubert, ein an den Bundeskanzler gerichtetes Schreiben vom 1.9.91 "im Namen von Bundeskanzler Kohl" beantwortet.
Unter "Betr.: Nördliches Ostpreußen" verweist Herr Neubert auf den Vertrag "über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland" vom 12. September 1990 ("Zwei-plus-Vier-Vertrag") sowie auf den deutsch-sowjetischen Vertrag vom 13. September 1990, den deutsch-sowjetischen Vertrag vom 12. August 1970 "wiederholend", insbesondere mit Bezug auf die "Außengrenzen des vereinten Deutschland" und die "territoriale Integrität aller Staaten in ihren heutigen Grenzen".
Klaus Neubert:
An diesen Regelungen ist nicht zu deuteln. Sie sind die unmittelbare Folge des Zweiten Weltkrieges und der verbrecherischen Politik, die diesen Weltkrieg ausgelöst hat.
Dieser erstaunliche Satz ist der Grund meines heutigen Schreibens.
Da es sich hierbei um eine offizielle Äußerung handelt, möchte ich wissen, worauf sie sich stützt.
Denn von offizieller Seite, wie gesagt, höre bzw. lese ich so etwas, noch dazu "im Namen von Bundeskanzler Kohl", wirklich zum ersten Mal.
In der Substanz geht es um die Frage der Kriegsschuld, der "Alleinschuld" Deutschlands am Weltkrieg II (aber auch I).
Unausgesprochen ist das deutsche Selbstbekenntnis zu dieser "Alleinschuld" wohl sicherlich die historische Grundlage für die Bundesrepublik Deutschland als politische Möglichkeit.
Herr Neubert spricht es aber aus.
Zwar nicht als "unmittelbare", doch gewiß als mittelbare "Folge" müssen wir die heutigen "Regelungen" betrachten.
Meine Frage lautet: gibt es etwas, wovon "wir" nichts wissen, geheime Zusatzabkommen oder dergleichen?
Eine nächste Frage: Wenn die deutsche Kriegsschuld, z.B. der "Überfall auf die Sowjetunion", sich nicht länger beweisen läßt, weil z.B. selbst kompetente russische/ehem. sowjetische Stimmen die These von einem deutschen Präventivkrieg bestätigen, wenn also das Fundament jener "Folgen" peu à peu zerbröckelt, was wird dann aus diesen "Folgen"?
Die nicht nur völkerrechtlichen Konsequenzen, von der inneren Psychologie des Volkes ganz zu schweigen, sind kaum abzusehen.
Ist dies der Grund, weshalb die Zeitgeschichtsforschung quasi zensiert wird, wenn sie daran rührt?
online-Fassung
kuckuck
feder 4/5 ### projekt YISHMAEL
situation
analyse
sommer/herbst 1994
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)