1992-08-31
bis
1993-11-16
und zur
Jahreswende 93/94

Horst Lummert

Deutschland in Europa · Das neue alte Rußland · Konsequenzen und Perspektiven · Angewandte Geo-Politik · Anti-Deutschland-Koalition und das euro-islamische Denkmodell · Neue Fragen und historische Antworten · Right or wrong - my country? · Wahrheitsfindung als Tugend des Jüngsten Gerichts

Konfuzius sagt: Der Mensch hat drei Wege, klug zu handeln. Erstens durch Nachdenken: Das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmen: Das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung: Das ist der bitterste.

In kaum überarbeiteten Auszügen: Aufzeichnungen vom 31. August 1992 bis zur Jahreswende 1993/94

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Jahreswende 1993/1994

Rußlands Wahlen haben die Welt verändert.

Der Liberaldemokrat Schirinowski war allerdings schon während des Wahlkampfes Favorit der russischen Medien.

Die Auszählung der Stimmzettel scheint korrekt verlaufen zu sein, andernfalls wären die Ergebnisse wahrscheinlich nicht so aufsehenerregend.

Schon gibt es die ersten Anzeichen für eine Modifizierung westlicher Politik.

Der amerikanische Verteidigungsminister Aspin scheidet aus dem Amt.

Außenminister Warren Christophers Rücktritt ist im Gespräch.

Die Briten lehnen sich auf einmal an die deutsche Balkanpolitik an, zumindest in der Frage einer Anerkennung Makedoniens.

In der EU macht man sich Gedanken darüber, ob nicht Deutschland etwas zu kräftig gemolken worden sei; es könne auf die Dauer nicht ohne Folgen bleiben.

Der US-Vizepräsident Al Gore kehrt nach einer Rußlandreise in Oggersheim privat beim deutschen Bundeskanzler ein.

So viel Betriebsamkeit um die Deutschen hat es lange nicht mehr gegeben.

Sie werden wohl wieder gebraucht.

Die Golfpolitik und die Balkanpolitik sind politisch zu einem Desaster geworden, desgleichen der Auftritt in Somalia.

Vor allem aber hat Wladimir Schirinowski ein paar für Deutschland hochinteressante Bemerkungen gemacht, die auch z.B. die Radiosendungen von BBC London stark bestimmen.

Man ist hörbar unruhig geworden; denn Schirinowski will sich nicht nur - 1996 - um die russische Präsidentschaft bewerben, er will auch mit Deutschland so eng zusammenarbeiten, daß er gleich Polen wieder aufteilen und mit Deutschland gemeinsame Grenzen einrichten würde.

Er will Deutschland einladen, sich wieder in Schlesien, Mähren und Ostpreußen zu engagieren.

Er hat deutsche Bauern, er spricht von Hunderttausenden, nach Rußland eingeladen, um dort zu siedeln.

Dreißig Hektar je Familie und Häuser mit Telefon sollen schon bereitstehen.

Nie wieder dürfe es zwischen Deutschland und Rußland Krieg geben.

Schirinowski ist ein "Freund" von Gerhard Frey, dem Vorsitzenden der "Deutschen Volksunion" und Herausgeber der Deutschen National-Zeitung.

Der Spiegel, der gewöhnlich einen Instinkt für neue Entwicklungen an den Tag legt, hat für morgen, Montag,* (*20.12.93) den Abdruck eines Gesprächs mit Schirinowski angekündigt.

Das Fernsehen zeigte Szenen, in denen Frey und Schirinowski mit Sekt auf den Wahlsieg anstoßen.

Ob das alles nur eine internationale Theater-Inszenierung ist, muß man sich natürlich auch fragen.

Einerseits wird Schirinowski als "Chauvinist, Faschist und Antisemit" dargestellt, andererseits heißt es, er habe vor zehn Jahren nach Israel auswandern wollen.

Juden nach Israel, Türken in die Türkei, Deutschland den Deutschen, so lautet sein Credo.

Er sagt aber auch, daß am Zionismus das angestrebte Ziel einer Weltregierung gut und richtig sei.

Bei ihm ist der Reichsgedanke lebendig. Er will Rußland wieder auf seine alten Grenzen bis Alaska ausdehnen. Die Grundlage seiner Politik ist die deutschrussische Allianz.

Scheinbar bietet sich für das z.T. wiedervereinigte Deutschland die Chance, aus der seit drei Jahren zunehmenden übernationalen Verstrickung herauszukommen.

Die Ära Kohl wäre aus diesem Grunde abgelaufen und nicht, weil der Kanzler etwa den neuen "Ostdeutschen", den Mitteldeutschen, zuviel versprochen hätte.

Nicht die innere Einheit, sondern die nationale, Bündnis- und Außen-Politik verlangt heute eine fundamental neue Orientierung.

Jelzin wird, wie es heißt, 1996 wohl nicht mehr kandidieren. Schirinowski ist 48 und will mit 50 Rußlands Präsident sein. Die internationale politische Welt stellt sich wohl darauf ein. Kohl könnte überleben, wenn er jetzt zugriffe - wie 1989...

Andernfalls wird er nationalistischen Politikern das Feld überlassen müssen. Die Linke wird sich dagegen wehren oder auf ihre Weise dem Trend folgen.

Die äußere und innere Sicherheit steht obenan auf der Liste der Notwendigkeiten.

Schirinowski will die Großbetriebe in Staatsbesitz behalten, die Armee stärken, aufrüsten, die Rüstungsindustrie ankurbeln, KGB und Polizei ausbauen, das Organisierte Verbrechen mit Standgerichten bekämpfen - alles Dinge, die abgewandelt auch für Deutschland "von großem Nutzen" wären.

Auch bei uns stehen die äußeren und inneren Sicherheitsbedürfnisse an erster Stelle.

Die zunehmende Schwächung und Destabilisierung Deutschlands ist kein Naturereignis, sondern Resultat einer Palette von Kriegshandlungen gegen unser Land.

Ob Schirinowski mitgeholfen hat, eben genau diese Situation herbeizuführen, ist keine rein akademische Frage.

Schirinowski war Mitarbeiter des KGB und gibt es auch ohne weiteres zu.

Die Deutsche National-Zeitung des Dr. Gerhard Frey stand lange unter dem Verdacht, wie auch andere nationalistische Zeitungen von der Sowjetunion bzw. der DDR indirekt unterstützt und insgeheim finanziert zu werden.

Möglich, daß wir heute vor dem Ergebnis und der neuen Perspektivlage einer russisch-deutschen Langzeitstrategie stehen.

Unsere westlichen Bündnispartner haben uns jedenfalls gegen die anti-deutschen Machenschaften der vergangenen drei Jahre nicht unterstützt. Das können wir nicht vergessen.

Auch nicht, daß der polnische Präsident Lech Walesa damit drohte, Deutschland auszuradieren, die Mittel dazu stünden zur Verfügung, falls es wieder für Unruhe sorgen sollte. Gemeint waren ein paar Skinhead-Aktionen in Schlesien.

Einen anderen Gipfel der Zumutungen bildeten jene Botschafter, die dem deutschen Bundeskanzler ins Gewissen redeten, sich doch mehr um die Sicherheit ihrer Landsleute kümmern zu wollen.

Sie beißen in die Hand der Milliarden-Entwicklungshilfe.

Und Walesa scheint die Zeit, da er noch als unterdrückter Solidarnosc-Gewerkschaftler auf unsere Solidarität angewiesen war, völlig vergessen zu haben.

Der fabrikneue VW-Bus, die Druckmaschinen, die Lebensmittelpakete waren Spenden vom arbeitenden Volk der Deutschen.

Kein anderes Volk hätte freilich solche Unverschämtheiten erdulden müssen, ohne von seiner Regierung mit Nachdruck geschützt zu werden.

Eben das ist es, was unseren demokratischen Volksvertretern vorgeworfen werden muß, ohne es eigentlich vergeben zu können, daß sie nämlich ihr Volk (ihre Wähler!) nicht vertreten, nicht verteidigt, sondern großenteils mitbeschimpft und sich seiner "geschämt" (!) haben.

Auch Schirinowski hat den Deutschen gedroht.

Vermutlich ist in diesem Jahr mit weiteren Attacken gegen Deutschland und verlockenden Angeboten an das deutsche Volk zu rechnen.

Die Moskauer Regierung hat schon jetzt den Ton gegenüber dem Westen verschärft.

Bonn setzt voraus, daß Schirinowski künftig die Politik der Bundesregierung respektiert.

Schirinowski bekleidet jedoch kein Staatsamt, so daß er sich vieles herausnehmen kann, was hier mit Gewißheit Wirkung zeigen wird, ohne die russische Politik direkt zu belasten, obwohl es sich dabei offensichtlich um Komponenten einer neuen russischen Europa-Politik handelt.

Jelzin und die jeweils amtierende Regierung können den Westen politisch jederzeit unter Druck setzen: unter Hinweis auf das Schreckgespenst Schirinowski.

Ich denke, wir müssen uns auf die Realität einrichten: "Schirinowski" - das ist die neue russische Politik.

Das projekt YISHMAEL ist die Grundlage für eine freie Beurteilung der russischen Szene. Eine Hypothese. Sie muß ständig überprüft werden. Ob wir auf beiden Hochzeiten zur gleichen Zeit tanzen können?

Vielleicht ist die Frage so nicht richtig gestellt. Ob deutsche Politik mit der Vielzahl auf sie eintrudelnder Bälle auch wird spielen können, ist eine andere Frage.

Eine richtige - konstellative - Bündnispolitik ist das A&O der nationalen Existenz- und Interessenwahrung.

Wenn Deutschland nicht abermals in Stücke gerissen werden will, wird es sich bald entscheiden müssen. Auch nur eine Hypothese? (Jahreswende 93/94)


kuckuck ein Falke...


1994-01-31:

Generalmobilmachung für alle Serben Bosniens. Schirinowski sagte aus Anlaß eines Bosnien-Besuches: Wenn der Westen Luftangriffe gegen die Serben unternehme, komme dies einer Kriegserklärung an Rußland gleich.

Kanzler Kohl in Washington: Sicherheit für Europa. Aufhebung des Waffenembargos gegen die Moslems in Bosnien. Annäherung Kohl-Clinton. Die Provokationen Schirinowskis zeigen heilsame Wirkung. (31.1.94)

kkk

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kuckuck
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situation
analyse
Frühjahr 1994

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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