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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1991-09-08
bis
1992-08-30
1992-08-29:
Die euro-islamische Strategie wird sich nicht programmieren, proklamieren und organisieren lassen.
Die Fortführung des Balkankrieges wird diese neue Konstellation vielmehr zutage fördern.
Die euro-islamische Strategie ist zivilisationsgeschichtlich offensiv, militär- und geopolitisch jedoch zunächst defensiv angelegt.
Der Defensivcharakter verdeutlicht die Freund-Feind-Situation.
Der serbische Aggressor war gewissermaßen notwendig, um die Fronten zu klären.
Ursprünglich versteht sich das Projekt Ismael auch als ein Konzept gegen innergesellschaftliche Destabilisierungen.
Der Druck von außen hebt manche innere Verwahrlosung inzwischen auf.
So haben sich unter Grünen schon Unruhe und moralische Unsicherheit breitgemacht.
Pazifisten rufen nach militärischen Einsätzen gegen die serbischen Mordbrenner und KZ-Unterhalter.
Verwaschne Relativismen besinnen sich plötzlich auf die neuen nationalen Gegebenheiten und Verantwortungen.
Realismus kehrt ein.
Mit der gedanklichen Stabilisierung geht vermutlich auch eine Verdrängung des Ökofaschismus einher.
Die äußere Kriegssituation wird den inneren Krieg wenn nicht austrocknen, so doch umstrukturieren.
Mehr und mehr wird man sich der konkreten Analyse "innerer Unruhen", "rechtsradikaler Krawalle" und ihrer "linken", "autonomen" Komponenten und Parallelen zuwenden müssen.
Dabei darf auch der Frage nicht ausgewichen werden, inwieweit möglicherweise "innere" Konflikte "äußere" Ursachen und Verursacher haben.
Erste Hinweise gibt es bereits.
Wer die richtige Diagnose stellt, hat einen entscheidenden Vorteil für sich.
Die katholisch-islamische Koalition ist eine Konsequenz aus der serbischen Feindbestimmung. Serbien spricht vom Amselfeld und von einer "katholischen Intrige", die über Kroatien von Deutschland und Österreich und natürlich dem Vatikan ausgehe.
Die Serben haben ausdrücklich diese "Feinde" ausgemacht: "Deutschland", "Katholizismus", "Islam".
Wer es bis dahin nicht wußte, der muß daraus den Schluß ziehen, daß die "Feinde" sich gegen den Aggressor verbünden müssen.
Der serbische Angriffskrieg ist insofern "richtig", als er eine deutliche Komponente zu unserem Projekt Ismael darstellt.
Die geopolitische Lage wird hier von der anderen Seite, doch mit denselben Schwerpunkten gesehen.
Die "serbische" Strategie kommt der "euro-islamischen" Strategie entgegen, ja zuvor, wie es scheint.
Doch genau diese Vorgabe trägt zur ersten vorsichtigen Konstituierung (partiell Rekonstituierung) unserer Interessenkoalition bei.
Die Serben mußten diesen Krieg beginnen. Deutschland hätte es nie tun dürfen.
Ein deutscher Machiavelli würde sagen: Sehr gut, diese Serben, sie liefern uns Vorwände am laufenden Band.
Wir können noch einmal festhalten, daß die Modelle von "Versailles" und "Yalta" objektiv falsch, historisch "wider das Gesetz", also politische "Fehler" waren.
Sie enthüllten sich am Ende als Kartenhäuser und sind zusammengefallen.
Die Serben wollen das wieder rückgängig machen, teilweise rekonstruieren, was sich als nicht tragfähig erwiesen hat.
Das ist in dieser Reihe nun der dritte "Fehler". Wir können eigentlich in Ruhe zuschauen, wie auch dieses Konstrukt auseinandergeht und sich überlebt.
Die "Geschichte" verläuft, wenn man sie läßt, gegen das serbische Konzept.
Die Serben müssen sich also anstrengen, viel Gewalt anwenden und selbst ihren Ruf aufs Spiel setzen, um ihr Ziel zu erreichen.
Es sieht im Moment so aus, als würden sie mit ihren politischen Plänen durchkommen.
Bei genauerem Hinsehen läßt sich jedoch die historische Grundfehleinschätzung erkennen.
Dennoch ist der "serbische" Krieg fremdbestimmt. Amerikanische und französische Regierungschefs und Minister regieren in Belgrad und Zagreb.
Es sind die Westmächte, die den Balkan vor den Deutschen bewahren wollen. Die Balkanvölker haben ganz andere Interessen.
Sie versprachen sich wirtschaftliche und politische Abstützung durch Deutschland.
Die UNO fungiert letztlich im Dienste einer "westlichen" - antideutschen, antibalkanischen und antiislamischen Politik.
"Geschichte, wenn man sie läßt", sind Wirtschaftsinteressen, ist Handel und Wandel.
Deutschland ist Serbiens wichtigster Außenhandelspartner.
Der Krieg verfolgt nur scheinbar serbische Interessen.
Die Option "gegen Deutschland" wird sich für Serbien wie ein Bumerang auswirken.
Deutschland, zum anderen, muß sich die Europäische Union noch gründlich durch den Kopf gehen lassen.
Wer direkt oder indirekt Krieg gegen uns führt, ist nur schwerlich ein ehrlicher Partner im gemeinsamen Haus Europa.
Ein womöglich wie "Jugoslawien" oder die "Sowjetunion" zusammengenageltes "Europa" ist schon heute wie ein Alptraum.
Wenn die "europäische Einheit" lediglich (oder hauptsächlich) dem Zweck dient, unliebsame - diese oder jene - Kräfte einzubinden, zu neutralisieren, "unschädlich" zu machen, zu kontrollieren und zu entmündigen, kann das niemals gutgehn.
Zwischen Staaten gibt es keine Freundschaft, sondern Interessen, die sich gegenseitig ergänzen oder ausschließen oder zumindest stören.
Wenn so ein Krieg wie der "serbische" heute "nötig" ist, um Gegensätze "klarzustellen", dann haben wir es eben nicht mit "Partnern", sondern mit "Feinden" zu tun.
Aus dieser Zwickmühle kann uns nur Geduld, Zeit, viel Zeit und große Aufmerksamkeit heraushelfen. (29.8.92)
1992-08-30:
Wenn "Europa" scheitert, kann Deutschland auf andere historisch-politische Grundströmungen zurückgreifen.
Die seit Adenauer traditionelle Europa-Politik ist mit dem Erstarken schon der alten Bundesrepublik immer empfindlicher geworden.
Die übergreifende Weltpolitik der UNO verdient etliche Bedenken.
Die Geschichte hat da einen hohen Anspruch auf Autorität, und man sollte sich reiflich in diese Geschichte einstudieren, ehe man vielleicht irgendwelche Hirngespinste Wirklichkeit werden läßt.
Ich war immer ein "Europäer", fand "Nationen" lächerlich und zufällig, während mir die "großen" Visionen und Konzepte vernünftig, richtig, angemessen erschienen.
In der Tat ist ja die Idee, daß alle Menschen letztlich gleich seien und nur als Individuen sich voneinander unterscheiden, einleuchtend, gut und schön. Sie hat aber einen Webfehler.
Sie berücksichtigt nämlich nicht die jeweilige Personen-, Familien-, Stammes-, Ortsgeschichte.
Die nationalen Geschichten vollends lassen sich miteinander nicht mehr vertauschen, besten- oder auch schlimmstenfalls aber verquicken.
Freund und Feind haben die gleiche Geschichte und halt doch je eine andere. Daraus sind Kollektividentitäten entstanden, die sich durch Völkerwanderungen lichten und verändern, aber doch einen Kern, einen Charakter behalten.
Natürlich verheilen Wunden mit der Zeit, schleifen Gegensätze sich ab und werden vergessen, doch die Zeit muß eben abgewartet werden, sie läßt sich nicht mit Macht verkürzen.
In Europa scheint, durchaus wider Erwarten, vieles doch noch zu frisch zu sein.
So kommen wir also auf unsere herkömmlichen Nationalstaaten zurück.
Ein großer "europäischer" Krieg - ein europäischer Verteidigungskrieg gegen einen gemeinsamen äußeren Feind - würde die Situation natürlich nachhaltig verändern.
Ein gemeinsames "Schicksal" dieser Art wäre sicherlich "identitätsstiftend".
Einem "kalten" als einem potentiellen "heißen" Krieg verdankte die NATO immerhin Existenz und Zusammenhalt.
Die Atlantische Gemeinschaft war am Ende mehr als ein bloßes Militärbündnis.
Den "verlorenen Feind" im politischen "Osten" jetzt durch einen "Feind" im kulturgeographischen Osten zu ersetzen, ist gewiß ein Grundgedanke der neueren "Commonwealth"-Modelle, ob von Gorbatschow oder von Bush. Die euro-islamische Strategie will eine solche Entwicklung verhindern.
Die Gründe sind bekannt. Jene "Modelle" werden als "falsch" erachtet.
Europa wird aber vermutlich, wie es heute ist, nicht ganz zusammenkommen.
Vor allem der ehemalige Weltkriegsgegner Deutschland steht anderen im Wege.
Da Deutschland sich nicht einfach beseitigen läßt, ist also die Beziehungslage zwischen den europäischen Staaten latent nicht konfliktfrei.
Das lose Miteinander ist jedenfalls einem Zusammenriegeln vorzuziehen.
Überzogene Souveränitätsverzichte bekommen einer Landespsyche gewöhnlich schlecht.
Ein Deutschland, das Farbe bekennt, wird auch für seine Nachbarn berechenbarer als eines, das sich ziert und gerade dadurch in Verdacht gerät, ein dunkles Spiel zu treiben.
Eine klare Interessenpolitik ist die ehrliche Weise einer nationalen Selbstdarstellung.
Dazu gehört ein gutes Einvernehmen mit anderen Staaten und Völkern.
Eine rationale Gliederung von essentials, Prioritäten und Läßlichkeiten trägt gleich vorab zur Friedenssicherung bei.
Eine euro-islamische Strategie bleibt eine realistische Option (wenn nicht Notwendigkeit): als Politik konvergierender Interessen. (30.8.92)
Avram Kokhaviv
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Herbst 1992
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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