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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1991-09-08
bis
1992-08-30
1992-04-10:
Bundeskanzler Kohl wünscht eine Zusammenarbeit der Geheimdienste Rußlands, Polens und Deutschlands.
Ist das ein guter Wunsch?
Könnten dann nicht ebensogut die alten Stasi-Leute wieder eingestellt werden?
Die Stasi-Akten will man mittlerweile am liebsten wieder schließen.
Vor allem die Entdeckungen im Westen sollen offenbar verhindert werden.
Gewiß sind die Kräfte, die eine Offenhaltung durchsetzen wollen, zahlreich und nicht ohne Einfluß.
Schon läßt sich feststellen, daß die Öffner eher aus dem Osten stammen, während die Neigung, alles wieder zuzumachen, im Westen stärker ist.
Ein gespenstischer Eindruck.
Die freiwillige Selbstverseuchung der früheren Bundesrepublik ist jedenfalls evident.
In Bosnien wird die moslemische Bevölkerung massakriert.
Die islamischen Staaten halten im Moment noch still.
Im Iran finden heute Parlamentswahlen statt. Die Türkei ist mit den Kurden beschäftigt. Libyen fürchtet amerikanische Bombenangriffe wegen der Lockerbie-Affäre. Algerien steht unter dem Zwang der Putschisten. Der Iraq ist ohnehin gebunden... Ägypten. Saudi-Arabien. Kuwait. Syrien. Alles sehr fragwürdig.
Rund um den Islam tut sich einiges, das sich vielleicht noch nicht richtig deuten läßt. Es sieht nach politischer und militärischer Einkreisung aus.
Wenn "der Islam" keine offensive Strategie entwickelt, sind böse Zeiten zu erwarten. Terrorgruppen werden sich neu profilieren.
Wahrscheinlich hat der Krieg gegen den "islamischen Fundamentalismus" eine Qualität erreicht, die dem Islam keine Wahl mehr läßt.
Die islamische Revolution wird kämpfen müssen, aber auf offenem Feld nicht kämpfen können.
Individualisierung ist wieder gefragt. Der Partisanenkampf hat seine Stunde. (10.4.92)
1992-04-16:
Daß Rias-Berlin heute den Bericht über die Kindermorde von Rio brachte, hat mich doch erstaunt. Zum erstenmal hörte ich in dieser Öffentlichkeit, daß "Umwelt"-Politik etwas mit Kindermord zu tun hat.
Der Islam ist eine Übergangs-Strategie. Hinter der islamischen Revolution erwartet uns, was früher war. Die Welt wird umgewälzt. Weltgeschichte geht in Wälzgeschichte über. Ich beklage, es gibt keine Geheimnisse mehr...
Kreuzzug des Westens gegen den Islam, nennt Libyens Regierung die gegenwärtige Kampagne gegen sie. Es ist die Wahrheit, aber noch nicht die ganze. (16.4.92)
1992-04-17:
Mittlerweile kommen in Afghanistan die Verhältnisse in eine neue Ordnung. Jetzt wird es sich bald zeigen, ob der Islam die Kraft ist, die im richtigen historischen Moment der Wahrheit das Bett macht. Ob seine Kraft ausreicht.
Mein Verdacht ist neu: daß er bereits manipuliert wird; daß er gar nicht ist, was er zu sein vorgibt. Die Menschen wissen ohnehin nicht, wie und was ihnen geschieht. Möglich, daß die islamische Revolution ihre Zeit verpaßt hat.
Khomeini kam aus Frankreich. Die Iranische Revolution hat das Schah-Regime beseitigt. Khomeini hat mit seiner islamischen Revolution eine potentiell starke moderne Vormacht im Orient zerstört.
Entpuppt sich auch diese Revolution als Selbstzerstörungsakt einer politischen und geschichtlichen Identität?
Wahr ist, daß dabei viele Menschen umgekommen sind: hingerichtet oder im Krieg gegen den Iraq getötet. Waren es die "Besten", die "Elite", die Hoffnungsträger, die jedes Land braucht, wenn es am Boden liegt und wieder auf die Beine kammen will?
Aber die Idee hat ihren unbestreitbaren Wahrheitsgehalt, und der Islam ist aus sich heraus wieder mobil geworden.
Wie er in der Welt als "Fundamentalismus" usw. angefeindet wird, ist als Indiz immerhin so stark, daß es von den geäußerten Zweifeln vieles wieder wegnimmt. (17.4.92)
1992-04-20:
Hekmakhtiar, "Fundamentalistenführer" in Afghanistan, hat an den jüngsten Beratungen verschiedener Moslem-Gruppen nicht teilgenommen. Er wirft einigen Leuten vor, die islamische Sache verraten zu haben. (20.4.92)
1992-04-24:
Die Entzauberung will ihren Preis. Der Entzauberung folgt die Rache, der Trost, die neue Verzauberung... Vorbebenzeit. (24.4.92)
1992-04-28:
In San Francisco hat sich die Erde wieder bewegt. Massud beherrscht Kabul militärisch. Serben und Montenegriner haben die "Bundesrepublik Jugoslawien" gegründet. EG und USA sträuben sich, das neue Gebilde anzuerkennen. Die Frage der Rechtsnachfolge des alten Jugoslawiens ist davon berührt.
In der Tat stehen wir am Vorabend fundamentaler Veränderungen. "Vorbebenzeit" ist insofern ein treffendes Etikett. Ob es sich um ein größeres Beben handeln wird, ist noch nicht präzise auszumachen, hängt aber wahrscheinlich in starkem Maße vom Zustand Rußlands ab. Wenn Rußland nicht "hält", kann es in Europa tatsächlich zu einer Katastrophe kommen.
Eine neue Außenpolitik ist denkbar und wohl auch nötig. Gorbatschow und Schewardnadse sind Politiker von gestern und vorgestern.
Die Erweiterung der EG tut sich schwer. Die NATO hält stand, rührt sich aber auch nicht. Die zwischen ihr und Rußland liegenden osteuropäischen Staaten sind in Gefahr.
Wenn Rußland es nicht "schafft", muß das übrige Europa gewappnet sein. Das ist die Aufgabe künftiger europäischer, heißt hier: deutscher Außenpolitik.
Die osteuropäischen Länder müssen in die EG hereingenommen und außerdem Mitglieder der NATO werden.
Wahrscheinlich wird nicht der richtige Gedanke die Dinge in Bewegung bringen, sondern die Veränderung selbst. Angst ist zwar nie ein guter Berater gewesen, hat aber stets mehr bewegt als alle Vernunft.
Das heißt: Es wird sich die richtige Politik von heute auf morgen einstellen, wenn an den Grenzen Gefahr droht. Oder es wird die Gefahr auf die Nachbarstaaten abgewälzt, die (noch) nicht der NATO angehören. (Auf weitere Folgerungen soll jetzt verzichtet werden.) (28.4.92)
1992-05-03:
Wahrheitspflicht ist in der Tat ein selbstgewählter oder eingeborener Gottesbund, eine innige Verschwörung gegen die Welt der Realitäten.
Der Zirkus ist kein übriggebliebenes Datum aus einer kindlich verspielten farbigen Vorwelt reiner Freude, sondern Selbstverhüllung einer unerträglich gewordenen Hochkultur.
Die Gaukelei ist insofern eine Täuschung, als sie nicht ein schönes Geheimnis verbirgt, sondern die nackte Wahrheit, um die eben das Volk an der Nase herumgeführt werden soll.
Das Signum "Jerusalem" verscheucht den Zauber als Schwindel und spricht von einer Wahrheit hinter jenen Wahrheiten, die als nackt und kalt und wirklich erscheinen.
Jerusalem räumt die Dekoration aus, wischt die Tünche ab und sagt: Fürchtet euch nicht!
Hinter dieser Wirklichkeit scheint Gottes Schöpfungswerk auf, ihr müßt nur wieder sehen lernen, was euch abhanden kam.
Deshalb fürchten die Herren dieser Welt nicht die Gaukler, sondern die Wahrheit Gottes.
Gaukler und Zauberer stehen vor dieser Wahrheit als Betrüger da. Doch nur vor dieser.
Hat nicht jeder den Himmel verstanden?
Die Weisheit des Blinden geht an der sichtbaren Wahrheit der Schöpfung vorbei. Dies Höre! macht blind und weise, mag sein, aber nicht glücklich, nicht gottgefällig.
Die Freude geht aus der Welt mit dem sehenden Auge. Der "blinde Seher" ist der vom Schicksal geführte, am Ende fehlgeleitete "blinde Geher".
Der "blinde Seher" ist nicht nur an der Sprachoberfläche ein Bedeutungswiderspruch.
Der vielzitierte "sechste" Sinn braucht alle fünf Sinne, deren "Harmonie" er ist, intakt.
Ich habe Zweifel, ob Gott dem Propheten Jona die richtige Weisung erteilte. "Jona" war eine Verlegenheitslösung, möchte ich meinen.
Ein zahnloser Gott konnte nur noch seinen armen Propheten züchtigen und belehren. Die übrigen Geschöpfe waren ihm entglitten.
Es erinnert mich an den Athener Verkehrspolizisten, der seine Zeichen und Pfiffe den Bewegungen der Straßenpassanten anpaßte, die gar nicht mehr auf ihn achteten; nur um wenigstens den Anschein zu wahren, alles richte sich nach seiner Pfeife.
Ein zahnloser Gott ist allerdings eine Zumutung.
Gott ist nur als ein gefährliches Raubtier respektabel, ein wilder Panther, eine heilige Katze mit göttlichen Händen, die zu kosen, zu trösten, tödlich zu schlagen und zu reißen wissen.
Allein mit diesen Attributen ist Gott der Richter und Lenker der Welt.
Ein Gott, der seinen Feinden nicht die Zähne zeigt, sondern ganzer Armeen von Interpreten und "Theologen" bedarf, um seinen Ruf als "Herr der Schöpfung" zu retten, der hat wohl schon abgedankt.
Die Raubkatze aber, die die Ratten nicht heiligt, sondern verjagt oder totbeißt, hätte einen völlig anderen Charakter.
Der Optimismus ist in der landschaftlichen Bedingung: daß der gefährlichste Leopard nur unter paradiesischen Umständen oder, anders ausgedrückt und das Vergangene bedenkend, in einer messianischen Zeit denkbar ist.
Anders müßte die Katze sterben.
Das ist ein Aspekt, der sonst nicht so deutlich hervortritt, daß nämlich für die Anwesenheit oder die Wiederkehr Gottes Bedingungen erfüllt sein müssen.
Der Begriff "Messias" ist eher abstrakt, fast zu abstrakt, um die Qualität der Bedingungen näher beschreiben zu können.
Beim großen Propheten Jesaia sind diese Bedingungen geschildert. Die Savanne - Jesaia beschreibt nichts anderes als sie - ist die ursprüngliche und nach der Prophezeiung die künftige Welt; es ist die himmlische Landschaft auf Erden.
Der Leopard ergänzt das Bild der Savanne, das wir bei Jesaia gefunden haben.
Der Leopard ist der Jäger (Nimrod, Ismael), der nie wieder den Fehler machen wird, ein Babylon zu errichten.
Für die Wiederkehr des Leoparden die Savanne bereiten... (3.5.92)
1992-05-07:
Die Zerstörung Südosteuropas ist ein Langzeitprogramm, das die Jahre des Wiederaufbaus einschließt. Wem nützt das?!
In Deutschland brechen so viele innere Widersprüche auf, die je für sich relativ harmlos, ja geradezu lächerlich erscheinen, aber zusammengenommen ein merkwürdiges Bild ergeben.
Man muß den Eindruck gewinnen, daß jetzt jede Kleinigkeit hervorgekramt wird, wenn sie nur dazu taugt, der Bundesregierung bei der Bewältigung der Vereinigungsaufgaben Schwierigkeiten zu machen.
Es ist nicht mehr die legitime und notwendige Oppositionspolitik, sondern eine massierte Politik der Verweigerung, eine obendrein durch die öffentlichen Medien geförderte und multiplizierte Obstruktionspolitik.
Das konnte man so nicht erwarten.
Daß die inneren Meinungsverschiedenheiten und Gegensätze so weit führen könnten, daß sie die Nähe zum nationalen Verrat nicht scheuen, wenn nur dem politischen Gegner, der jetzt in Bonn regiert, nichts richtig gelingt.
Damit muß eine Regierung eben leben.
Aber so richtig will das nicht schmecken, weil ausgerechnet in dieser schwierigen und auch gefährlichen Zeit überall die Kriegsbeile ausgegraben werden.
Deutschland wird erst souverän regiert werden können, wenn das Verhältniswahlrecht durch ein klares Mehrheitswahlrecht ersetzt wird.
Unser jetziges System entmündigt die Mehrheit und bringt winzige Minderheiten in unangemessene Macht- und Einflußpositionen.
Weder Regierung noch Parlament ist wirklich handlungsfähig. Darin steckt eine undemokratische Anmaßung, die von der Mehrheit, wäre die sich dessen nur bewußt, niemals hingenommen werden dürfte. (7.5.92)
online-Fassung
kuckuck
feder 2 Ismael
situation
analyse
Herbst 1992
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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