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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

1991-09-08
bis
1992-08-30

Undisziplinierte Überlegungen
zu einer euro-islamischen Strategie

Chronik in 10 Fragmenten (5)

1991-12-28:

Das fortgesetzte Kriegsverbrechen der Serben muß Kopfzerbrechen bereiten.

Der serbische Krieg ist bemerkenswert.

Belgrad begeht schwere Kriegsverbrechen etwa der Art, wie sie soeben an Saddams Iraq erkannt und massiv von aller Welt bekämpft worden sind.

Während sich gegen Saddam alle einig waren, scheiden sich an Milosevic die Geister.

Dahinter steckt mehr als lediglich Unentschlossenheit. Serbien führt nicht nur seinen Krieg, sondern den Krieg der Briten, Franzosen, Holländer, Israelis und, wahrscheinlich, auch der Amerikaner.

Hier wird anders gesprochen als gehandelt.

Serbien kann sich seine Verbrechen erlauben, weil es in der internationalen Politik einen großen - unausgesprochenen - Rückhalt hat.

Wenn Heinz Galinski zur Jahreswende wieder auf die "Ausländerfeindlichkeit" der Deutschen zu sprechen kommt, ohne über die von Serben ausgehende Kriegsgefahr für ganz Europa ein Wort zu verlieren, so ist dies nur ein Symptom für die Verwirrung der Geister.

Deutschland hat sich mit der Anerkennung der Souveränität Kroatiens und Sloweniens zwar in das Geschehen eingemischt; die Deutschen in ihrer übergroßen Mehrheit verhalten sich jedoch so, als sei das letztlich eine Sache, die uns nur indirekt, eher weniger als mehr, angeht.

Tatsächlich ist Deutschland unmittelbar bedroht, und man muß damit rechnen, daß wir das auch bald zu spüren bekommen werden.

Fast möchte man es hoffen, damit die Bevölkerung und vor allem die deutschen Medien langsam begreifen lernen, wie ernst die Lage ist.

Deutschland ist durch den serbischen Krieg schon jetzt aus dem westlichen Bündnis herausgequetscht worden.

Seine Interessen liegen anders als die seiner Bündnispartner.

Hingegen wird die durch Serbien bewegte Entwicklung aufmerksam in den islamischen Hauptstädten beobachtet.

Türkei, Iran, Saudi-Arabien, auch Libyen, wachen über die Interessen der durch Belgrad gefährdeten Moslems.

Deutsche, österreichische und islamische Interessen kommen hier auf einmal deutlich zusammen.

Es bilden sich die alten Fronten heraus, die weitgehend den Ersten und bald auch den Zweiten Weltkrieg bestimmten.

Hier ist also höchste Aufmerksamkeit geboten.

Dabei wissen wir vorerst nicht, wie Rußland sich verhalten wird.

Die Resignation Gorbatschows und die Auflösung der Sowjetunion sind Vorgänge, die nicht jedem im Westen - und auch nicht jedem in Deutschland - gefallen.

Eine schwierige, sehr komplizierte Situation, die obendrein täglich korrigiert und durch Überraschungen verändert wird.

Die deutschen Funkmedien leben noch in der Vergangenheit, spielen eher die Karte der Kriegsverbrecher in Belgrad.

Die "jugoslawische" Armee verhält sich so, als würde ihrer Politik die Zukunft gehören, und die deutsche Öffentlichkeit setzt gern auf das Feld des vermeintlich Stärkeren.

Viele Irritationen der vergangenen Jahre sind auf solche Eigenheiten zurückzuführen.

Wie es eine klammheimliche Hoffnung auf einen Erfolg der kommunistischen Putschisten gab, so läßt sich auch jetzt beobachten, wie sich Stimmen zurückhalten, als ob sie ihren Sozialismus noch nicht völlig abgeschrieben haben und glauben, es könnte sich die Geschichte noch einmal - diesmal resoz - wenden.

Aber die Dinge bewegen sich schneller (und anders!), als diese Leute es wahrhaben können und wollen.

Auf die öffentlichen Meinungmacher ist als Kommentatoren und Interpreten einer neuen Situation eben kein Verlaß.

Man kann sich nur wundern, daß solche Leute für ihre Nichtleistungen so hoch bezahlt werden und absolut sicher in ihren Sesseln sitzen. (28.12.91)

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Herbst 1992

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