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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1991-09-08
bis
1992-08-30
1991-09-30:
Die Abrüstungsinitiative des amerikanischen Präsidenten hat einen besonderen Aspekt, der sich auf Deutschland bezieht.
Deutschland wird mehr und mehr in die internationale Pflicht genommen.
Der neuen Verantwortung könnte es letztlich nur nachkommen, wenn es allmählich auch zu einer Atommacht würde.
Die Gleichstellung Deutschlands mit den anderen maßgebenden oder führenden Mächten ist eine Bedingung, die sich von selbst versteht.
Da gäbe es freilich viel Widerstand.
Wenn die genannte Bedingung auf Sicht unerfüllbar bleibt, so ist allerdings auch mit Deutschlands vollem Einsatz auf internationalem Terrain nicht zu rechnen.
Bush's Initiative, die er im übrigen ohne vorherige Konsultation der Verbündeten einbrachte, signalisiert womöglich eine Lösung, einen Ausweg aus dem Dilemma um Deutschland.
Die Atommächte Frankreich und Großbritannien sind jetzt gefordert, dem US-Vorlauf irgendwie gerecht zu werden.
Während die deutsche Bundesregierung mit Grund sich sofort bei Bush für dessen Operation bedankte, reagierte Frankreich halblaut und mit deutlichem Vorbehalt; Großbritannien will den Dissens mit Washington gar nicht erst sichtbar werden lassen.
Frankreichs Mitterrand möchte mit den anderen Atommächten auf einem "Gipfel" zusammentreffen.
Unschwer ist zu erkennen, daß sich Paris noch einmal ins Spiel bringen will, in ein Spiel, an dem es großenteils nur noch als Zaungast beteiligt ist.
Die in nächster Zukunft zu erwartende Verabschiedung des sozialistischen Mitterrand-Regimes wird vermutlich zur Stunde der Wahrheit für Frankreich.
In vielerlei Hinsicht - nämlich innen-, großmacht-, wirtschafts-, medienpolitisch... - ist "Glasnost" eine französische Notwendigkeit.
Falls Atomwaffen in Europa (so jedenfalls nach den momentanen amerikanischen Vorstellungen) schon mittelfristig keine Rolle mehr spielen, kann (könnte) Deutschland endlich seine Rolle übernehmen.
Es gibt nun sehr viele Interessenlagen, die das verhindern oder jedenfalls stark behindern möchten.
Ich glaube, daß die gegenwärtigen Unruhen um Ausländer, Asylbewerber, irgendetwas damit zu tun haben.
Zunächst fällt auf, daß die Aktionen gegen Ausländerheime inzwischen bundesweit in Ost und West um sich greifen, so daß es schwer wird, nicht an eine organisierte Erpressungskampagne zu glauben.
Zeitgleich ist der Stasi-General Markus Wolf in Deutschland verhaftet worden, der ehemalige DDR-Verteidigungsminister Keßler steht bereits unter konkreter Anklageerwartung und befindet sich in Untersuchungshaft.
Der Prozeß gegen die Mauermörder läuft, und die Verhandlung hat die Lage für die Angeklagten bzw. besonders für den einen Angeklagten, der im Fall Geoffrey gezielt ins Herz geschossen haben soll, eindeutig verschlechtert.
Die rechtsstaatliche Bewältigung des SED-Regimes hat also einen recht guten Anfang genommen, nachdem so lange darauf gewartet werden mußte.
Daß das vielen Leuten nicht paßt, liegt auf der Hand, und man greift wohl nicht ins Leere, wenn man die noch bestehenden "ehemaligen Stasi"-Strukturen, Beziehungen, Verbindungen für fähig hält, in ganz Deutschland eine Ausländerhatz in Gang zu setzen, die das Land, seine jetzige Regierung gerade in einem Moment in Verruf bringen muß, da es sich anschickt, seine internationale Machtposition in Europa zu stärken.
Der SSD (mit seinen alten und vielfältigen - noch zu identifizierenden - neuen Hintergründen) - und das ist mehr als eine Hypothese - will mit seinen Terrorbanden - den linken und den rechten - signalisieren, daß ohne oder gar gegen ihn hierzulande (auch) fürderhin nichts mehr möglich sein werde.
Und genau diese Rechnung darf nicht aufgehen.
Deutschland - seine Demokratie - ist gefordert. (30.9.91)
1991-10-13:
Verfolgen wir die bisherige Entwicklung, Fakten, Zusammenhänge und die logischen Konsequenzen weiter, so stehen wir plötzlich vor dem erstaunlichen Ergebnis, daß die rassistischen Machenschaften sich gegen "die Ausländer" und die Demokratie in Deutschland gleichermaßen richten.
Deutschland und die "Ausländer".
Deutschland und die "Dritte Welt".
Deutschland und die "Entwicklungsländer".
Diese unglaubliche Konsequenz, die aber in Wahrheit doch faktisch begründet und gar nicht weit hergeholt ist, muß noch genauer bedacht werden.
Die erste Frage lautet: Geschieht dies alles nur, um Deutschland zu disziplinieren, um genau solche Konsequenzen auszuschließen, noch ehe sie politisch praktikabel werden könnten?
Was tut sich im Iraq, zum Beispiel?
Was bereitet sich hinsichtlich jener deutschen Beteiligung an der iraqischen Hochrüstung vor, von der allenthalben bereits wieder die Rede ist?
Soll Deutschland nur auf dem "richtigen Pfad" gehalten werden.
Will man Deutschland vor dem Abdriften bewahren oder ins Abseits treiben?
Psychologische Kriegführung läßt sich jedenfalls schon konstatieren.
Soll Deutschland gegen den Islam mißbraucht werden, oder ist Deutschland, die Bundesrepublik, bereits - etwa für die arabischen Nationalstaaten - mißbraucht worden?
Libyen nicht zu vergessen?
Wie ist die objektive Interessenlage?
Deutschland rivalisiert mit den westeuropäischen Industriestaaten, die zugleich ehemals Kolonialstaaten waren.
Deutschland war an einer erfolgreichen Kolonialpolitik gehindert worden, das kommt ihm heute zugute, während Großbritannien, Frankreich, Belgien, Holland, auch Italien, Spanien und Portugal auf diesem Gebiet imperialer Herrschaft nicht unbefangen sind.
Die kurze deutsche Kolonialzeit bis 1918 ist dagegen vergessen oder bei der Bevölkerung Afrikas in guter, verklärter, Erinnerung.
Die kolonialen Hauptmächte - die faschistischen Staaten Italien und Spanien hier außer acht - waren im Zweiten Weltkrieg Gegner Deutschlands.
Sowohl Deutschland als auch die Westmächte haben unter einem doppelten Image zu leiden.
In Europa sind die Deutschen die Bösen, während sie in der islamischen Welt und darüber hinaus einen guten Ruf haben.
Die Westeuropäer sind bei uns die Guten, in den islamischen und afrikanischen Ländern aber immer noch mit dem Makel der ehemaligen Kolonialherren behaftet.
Ihre aktuelle Politik wird daher oft als verschleierte Fortsetzung der früheren Kolonialpolitik betrachtet.
Unter den gegebenen Umständen erfordert deutsche Politik - und zwar innen und außen - großes Geschick.
Was sich als brisante neue Weltmächte-Konstellation - Deutschland, Japan, "Dritte Welt" einbezogen - für die Zukunft ankündigt, werden die Westmächte zu verhindern suchen, wahrscheinlich auch zu verhindern wissen. (13.10.91)
1991-10-14:
Ist der deutsche Rechtsradikalismus von so langer Hand vororganisiert?
An allen Ecken der Bundesrepublik kommen die sogenannten Skinheads hervor und geben sich als Nazis zu erkennen.
Jetzt soll das angeblich international verknüpft sein.
Im Spiegel steht heute eine Geschichte, wonach der amerikanische "Ku-Klux-Klan" Beziehungen mit den deutschen Rassisten aufgenommen habe.
Das ist alles ein bißchen wie Stimmungmache.
Von einem internationalen Zusammenhang ist mit Sicherheit auszugehen.
Fakten und Interessenkonstellation sprechen für diese Hypothese.
Die "Skinheads" werden genauso wie die vermummten "Autonomen" von der "normalen" Bevölkerung als "Fremdkörper" angesehen.
Die "Fremdenfeindlichkeit" wird imgrunde von "Fremden" inszeniert.
Die "Skinheads" sind doch nicht als irgendwie typische Bürger des Landes anzusehen.
Sie sind eine Operationstruppe, die mit Überraschungs- und Schockmethoden arbeitet, wieder verschwindet und die zufällig anwesende normale Bevölkerung ratlos oder angefiebert zurückläßt.
Der neue propagandistische Schluß geht nun aber zu Lasten eben dieser Bevölkerung, die gar nicht weiß, wie und was ihr geschieht.
Eine neue "Kollektivschuld" kommt bereits ins Gerede.
Wenn die Deutschen nicht aufpassen, hängen sie schnell wieder in der Naziecke.
Das hat nichts mit der deutschen Volksseele zu tun, allenfalls so viel, daß diese Seele einfach überfordert ist.
Nein, Deutschland ist so stark, zu mächtig, es unterliegt ständig einem Nervenkrieg.
Der Angriffskrieg gegen Deutschland wird jedoch verschleiert, indem das Land und seine Bevölkerung sich scheinbar selbst in Verruf bringen und somit für Aggressionen erst die Vorwände schaffen.
Mit solchen Mitteln wird heute (wie eh und je) natürlich nicht nur gegen Deutschland intrigiert.
Damit muß ein Land leben, und wir sind ja auch schon gelassener geworden.
Die innere Stabilität einer Gesellschaft ist nicht zuletzt eine Frage der Elastizität.
Deutschland, die Bundesrepublik, hat sich in den vergangenen nunmehr zweiundvierzig Jahren als stabil und elastisch erwiesen.
Anfangs half uns der Rückhalt bei den Westmächten, inzwischen ist das Land selber lebensfähig und überlebensfähig geworden.
Trotzdem soll man die Gefahren nicht geringschätzen.
Ein Land kann destabilisiert werden.
Heute geht es um ganz andere Größenordnungen.
Wenn akute Bedrohungen rechtzeitig erkannt und auch richtig verstanden und eingeordnet werden, kann man sich davor schützen und dagegen wehren.
Die richtige Analyse ist immer wichtig. Mit "Ku-Klux-Klan" kann von SSD und KGB abgelenkt werden, aber auch von anderen Geheimdiensten, europäischen vornehmlich.
Ich glaube, Deutschlands Feinde sind Nachbarn. (14.10.91)
1991-11-30:
Ich sehe im Ökofaschismus einen organisierten Angriff auf das Lebensglück der ganzen Menschheit.
Aber ich kann mich nicht mit dem LaRouche-Konzept der totalen Mobilisierung von Wissenschaft und Technik zur Bewältigung der Probleme anfreunden.
Ich sehe zwar ein, daß auf diesem Wege viel zu machen ist und gewiß auch gemacht werden muß.
Aber ich denke, daß auch der Ökofaschismus, ähnlich wie die Faschismen und Sozialismen vor ihm, eine Konsequenz aus der Geschichte ist.
Wenn wir die "Überbevölkerung" als ein Beispiel nehmen, so sagen die Ökofaschisten, das sei nicht zu schaffen, die LaRoucheaner indes, je mehr Leute, desto eher und besser...
Die Ökofaschisten sehen in den Menschen-"Massen" lediglich die große Zahl, während die LaRoucheaner schöpferische Kräfte zu erkennen glauben, von denen es nicht genug geben kann.
Am Anfang steht das Bild vom Menschen.
Und der Ökofaschismus hat sich eben mit seinem Menschenbild zum menschenfeindlichen Faschismus gemacht.
Davon hat er seinen Namen, wir haben den Namen lediglich entdeckt.
Er war schon vorher da.
Insofern folge ich der Grundidee LaRouches und seiner Schule.
Der schöpferische Mensch ist jedoch nicht allein der Renaissance-Mensch, der Techniker und Erbauer.
Vor allem braucht es den Entwurf.
Einer "schöpferischen" Periode des Aufbaus und der Welteneroberungen geht in der Regel eine Zeit der Ruhe und des Nachdenkens voraus.
In derselben Zeit, in der die Ökofaschisten die Welt nach ihren unausgegorenen Misanthropien gestalten wollen, reifen die "Gegengedanken" heran.
Gerade weil sich die Welt längst einig war, daß der Ökofaschismus "die" Lösung aller Probleme sei, konnte sich die schöpferische Qualität des Menschen - gleichsam im Schatten der Geschichte - auf sich und seine Aufgabe besinnen.
Der Ökofaschismus scheint historisch notwendig gewesen zu sein.
Nicht um seiner selbst willen, sondern als eine Herausforderung der "besseren" Kräfte im Menschen.
Wenn alles Leben wie das Meer nach Ebbe und Flut sich bewegt, pulsierend, ein- und ausatmend, rhythmisch wie das Herz, wie ein Tag, der in Nacht und Tag sich teilt, so dürfen wir uns nicht wundern, wenn plötzlich alles sich in sein Gegenteil kehrt; denn das scheint dann eben genau diesem Gesetz zu folgen.
Vielleicht ist dies der Grund, weshalb geschrieben steht, du sollst dich dem Bösen nicht widersetzen, nämlich: es wird vorübergehen, aber du hältst es womöglich auf, wenn du dich ihm zuwendest, und sei's, um es zu bekämpfen.
Und was sind unsere heiligen Kriege?
Irrtümer?
Sind sie gerade darum heilig, daß wir gar nicht wissen, lediglich zu wissen glauben, wofür und wogegen wir kämpfen?
Unser "heiliges" Engagement ist gleichsam der eingepflanzte Irrtum, jenes irrationale Moment, das uns ebenso vorantreibt, wie es uns in die Irre leitet, uns selbst Schaden zufügen läßt.
Heilige Kriege, die uns nützen, tun dies zufällig.
Heilige Kriege sind Kriege Gottes.
Du sollst dich nicht dem Bösen widersetzen, heißt, es hat seine Zeit und seine Not und Notwendigkeit.
Das Böse hat seinen Platz in der Welt, weil diese Welt es hervorgebracht hat.
Die Anwesenheit des Bösen ist Gottes Wink mit dem Zaunpfahl, Strafandrohung und Strafe.
Darum sollst du das Schwert nicht aufhalten, sollst dem Bösen nicht wehren.
Du sollst Gott fürchten und erkennen in seinen Fügungen und Offenbarungen.
Der Ökofaschismus ist eine prophetische Geißel.
Gott sagt, ich habe die Bosheit euch eingepflanzt als eine Warnung, was ihr hervorbringen könnt, wozu ihr fähig sein werdet, wenn ich es will.
Ihr müßt nicht verzweifeln, wenn ihr das versteht. (30.11.91)
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feder 2 Ismael
situation
analyse
Herbst 1992
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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