|
Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1991-09-08
bis
1992-08-30
1991-09-12:
Die einst "vaterlandslosen Gesellen" haben nun ihr Mutterland verloren.
Vom Ural bis zur Elbe ist alles hart und kantig geworden. Eine Welt stürzte ein und ein Himmel dazu. Die (materialistische) Theorie hat keinen Boden mehr. Die Theoretiker laufen mit hohlen Köpfen herum.
Die Konsequenz der Geschichte hat auch ihre Komik. Ein paar Unbelehrbare machen weiter: Jetzt erst recht!
Die Dümmsten hatten es schon einmal - nach dem Zweiten Weltkrieg - am schwersten.
Mit dem Verlust der Scham beginnt der Schwachsinn, entdeckt Sigmund Freud.
Die Freiheit des Volkes garantiert der Rechtsstaat.
Der Rechtsstaat entstand aus der Gesetzesidee.
Der Gott des Gesetzes findet seine irdische Entsprechung in der rechtlichen Festlegung des Staates.
Diese Selbstfestlegung des Staates bleibt jedoch unverbindlich, solange sie von wechselnden Mehrheiten abhängig ist.
Die staatliche Gesetzgebung ist darum gehalten, sich an das göttliche Gesetz anzubinden.
Durch diese Verbindlichkeit erst erfährt das Volk seine Freiheit, sein Recht auf diese Freiheit, seine Rechtssicherheit.
"Revolution" ist also vernünftigerweise eine Restauration - semantisch, geschichtlich und politisch.
Nehmen wir die Begriffe ernst, so kann die Restauration, die Wiedereinsetzung des Wahrheitsanspruchs nur als revolutionäre Wahrhaftigkeit autoritativ sich begreifen.
Die restaurierte Autorität gefährdet nicht, sie garantiert die Demokratie als Freiheit und Recht für jeden Bürger.
Richtig verstanden, wird das Wort "Restauration" zu einem politischen Begriff mit gutem Klang.
Wenn wir auf etwas "zurückführen" wollen, so, weil die geschichtlichen Abläufe der vergangenen Jahre und Jahrzehnte, ja des Zwanzigsten Jahrhunderts uns vor Augen geführt haben, daß die wechselnd vorgenommenen Veränderungen, Umwälzungen, Grenzverschiebungen, Umsiedlungen, staatlichen Konstruktionen keinen Bestand hatten; weil sie offenbar "objektiv falsch" waren, künstliche Umgliederungen, die obendrein in die früheren Organisationsformen zurückwollen.
Diese Tatsache stärkt die Vermutung, daß die ursprünglichen Staatengliederungen historisch "richtig" waren und eine Weiterentwicklung nur auf ihnen aufbauen kann.
Diese Konzeption legt zugleich Gegner- und Feindschaften fest.
Wenn die Saat Gottes Zwietracht ist, können wir nichts anderes erwarten, als daß sich Fronten aufbauen bzw. bestehende Fronten konsolidieren.
Die Erinnerung an Gottes Gesetz raubt seinen Feinden den Schlaf.
Darum heißt es: "Der Feind schläft nicht." (12.9.91)
1991-09-13:
Die Deutschen sind nicht ausländerfeindlich, sagte ein türkischer Kabarettist, sie sind auch untereinander mürrisch und gehässig.
Nein, die Deutschen sind nicht fremden- oder ausländerfeindlich, sie sind menschenfeindlich.
"Hasse deinen Nächsten wie dich selbst", ist das geheime Motto lieb- und gottloser Streiter.
Da zum Streit bekanntlich mindestens zwei gehören, ist das natürlich nur die eine Seite.
Deutschland steht (oder hängt) mitten im Kulturkampf, hat es aber offensichtlich noch nicht richtig begriffen. (13.9.91)
1991-09-20:
In letzter Zeit, bereits mit Ismael, haben sich ein paar Widersprüche aufgetan, die mit ernsten Folgen verbunden sein können.
Da ist einmal die Forderung, Staat und Religion zu trennen.
Und ein andermal meldet sich die Erkenntnis zu Wort, daß darin eine Tragik liege.
Da ist einmal der monotheistische Ansatz, der jegliche "Beigesellung" zu dem Einen Gott ablehnt.
Und ein andermal das Bekenntnis zu Demokratie und der damit verbundenen Teilung der Gewalten, welch letztere ich aber als ein Abbild der christlichen Dreifaltigkeitslehre erkannt zu haben glaube.
Da ist einmal die Aufforderung an Israel, Judäa und Samaria zu annektieren und gleiche Rechte für alle Bürger zu erklären.
Und ein andermal die Erkenntnis, die sich nicht nur bei Binnig findet, sondern sozusagen meine Lebensweisheit ist, nämlich: wer sich isoliert, kann überleben.
Da ist einmal die Aufforderung, an Ismael, aber auch an Israel, die Zäune einzureißen.
Und ein andermal das Wissen, die Erfahrung, letztlich die Erkenntnis, daß Autonomie in der Identität gründet und diese sich nicht definieren läßt ohne Eingrenzungen und Distanzierungen.
Da ist einmal mein Einstehen für das Recht Ismaels, das Recht des Erstgeborenen.
Da ist ein andermal das Bewußtsein, daß ich an Abrahams Stelle nicht anders gehandelt haben würde.
Wer die Position meiner Frau (der Hauptfrau, der Legitimen und Ersten) anficht, verliert meine Gunst.
Da ist einmal das Bestehen auf dem Erstgeburtsrecht und ein andermal die Erfahrung, daß einem unter Kindern und Kindeskindern die Wahl oft schwerfällt.
Da ist einmal meine Empörung über jede Ungleichheit und Ungerechtigkeit und ein andermal die Erkenntnis der Unterschiede von Anfang an.
Da ist das Gesetz Gottes.
Und dagegen: Gnade und Barmherzigkeit, die auch Gottes sind (oder auch Zeichen menschlicher Schwäche).
Da ist die Regel, und die Ausnahme von der Regel ist auch da.
Da ist einmal mein Aufbegehren gegen den pränatalen Megamord.
Und ein andermal die Ahnung, daß Gott es so will.
Während die einen morden und damit ihre Zukunft vernichten, zeugen andere und gebären.
Vielleicht gibt Gott den Mördern Kraft, weil er ihren Samen ausrotten will.
Widersprüchlich ist auch meine Beziehung zum Islam und zum Katholizismus.
Ich rede nur vom Katholizismus, weil ich die "protestantischen" Kirchen, jedenfalls die in Deutschland, nicht ernst nehmen kann.
Ich bin einerseits von der prinzipiellen Richtigkeit des Islams überzeugt, vermisse allerdings die kritische Auseinandersetzung mit der Überlieferung im Islam.
Theologie im engeren Sinne und die Bereitschaft, sich auch mit von außen kommender Kritik auseinanderzusetzen, finden wir überhaupt nur im christlichen Raum und hat in der römisch-katholischen Kirche das nachprüfbar höchste intellektuelle Niveau erreicht.
Bei einer groben Betrachtung würde ich dem Islam den historischen Vorzug gegenüber dem Christentum geben, vor allem, wenn dieses sich von den alttestamentarischen Fundamenten entfernt.
Papst Johannes Paul II. hat solche Tendenzen jedoch weitgehend korrigiert.
Philosophisch ziehe ich den Katholizismus dem Islam vor, weil hier, im Islam, die Philosophie eigentlich gar keinen Platz beanspruchen darf.
Das Judentum ist theologisch im engeren (und strengeren) Sinne nicht zu begreifen.
Man hat unwillkürlich den Eindruck, daß dieses Judentum im Christentum und schließlich im Islam mehr oder weniger aufgegangen ist und daß dem heutigen Juden nur die Einsicht fehlt.
Aber dasselbe Judentum lebt in einem messianischen Bewußtsein plötzlich wieder auf und scheint genau jene Schlußfolgerungen zu widerlegen.
Und ich entdecke mich dabei, wie ich im Zweifelsfall immer jüdisch wähle.
Was ich am heutigen Judentum vermisse, ist allenfalls ein Jüdisches, in dem ich mich jedesmal wiederfinde, wo ich darauf treffe.
Wenn Gottes Same Zwietracht ist, dann weiß ich letztlich auch, wo in der heutigen Welt mein Platz ist.
Ich verstand und verstehe mich als Universalisten und als Individualisten.
Mit dieser Auffassung gehe ich freilich einen Kompromiß mit dem Allgemeinen ein, denn individuell ist schließlich alles und jedes, womit das Individuelle zum Universellen wird.
Diese Begriffe reichen für das Verständnis des Judentums und meiner Stellung in ihm (bzw. zu ihm) nicht aus.
Ich meinte, mein Weg führe mich nicht nur ins Judentum hinein, sondern durch es hindurch; aber was ich dabei nicht bedacht habe, ist, daß eben dies jüdisch ist.
Am Ende des Judentums kommt der Messias. "Durchs Judentum hindurch" ist ein messianischer Gedanke.
Historiologisch haben das Christentum und der Islam ihr Recht bekommen und recht behalten.
Meine jüdische Mystik sagt mir etwas ganz anderes. Judentum begann mit dem Heraustreten aus der Geschichte Israels und Judas.
Es endet mit dem Wiedereintritt - und zwar auf diese oder jene Weise.
Der zionistische Staat ist die eine, das Kommen des Messias die andere.
Auch der Zionismus wurde aber von einem starken messianischen Element getragen, so daß eben das mehr oder weniger richtig verstandene Messianische den Wiedereintritt bezeichnet.
Judentum ohne das ständige Hoffen auf den Messias fällt in sich zusammen.
Der Messias ist das Kriterium der Wahrheit im Judentum.
Zur Auseinandersetzung zwischen dem christlichen Abendland und dem islamischen Morgenland gesellt sich also doch noch ein Drittes. (20.9.91)
1991-09-22:
Die Chassidim beziehen sich auf Daniel, den Traumdeuter.
Der Lubawitscher Rebbe Menachem Mendel Schneerson wird von seinen Anhängern mit dem kommenden Reich des Messias in Verbindung gebracht (Mamasch).
Was können wir bei Daniel erfahren?
Läßt es sich auf unsere Zeit übertragen?
Der Prophet Daniel. Es heißt:
Daniel aber verstand sich auf Gesichte und Träume jeder Art.
Ein Traumdeuter, ein Analytiker und Synthetiker.
Gemüse essen und Wasser trinken.
Und Gott gab ihnen Einsicht und Verstand für jede Art von Schrift und Weisheit.
Daniel aber verstand sich auf Gesichte und Träume jeder Art.
Die Unmittelbarkeit Daniels.
Daniel diente von Nebukadnezar bis ins erste Jahr des Königs Kyrus.
Kyrus gestattet die Rückkehr aus der Gefangenschaft und die Wiedererrichtung des Tempels.
Wer ist Menachem Mendel Schneerson?
Ein "falscher Messias" wie einst Sabatai Zwi?
Sabatai Zwi glaubte an den "Gott, der das Verbotene erlaubt".
Schlechthin alles Verbotene?
Ich denke, er beruft sich damit auf das Gottesverständnis im Koran, wo viele Bestimmungen und Verbote der Torah aufgehoben sind, weil sie nicht allgemeinen Gesetzescharakter haben.
Sabatai sympathisierte sehr früh mit dem Islam.
In der lurianischen Kabbala vermißte er nämlich den unanzweifelbar Einen Gott Abrahams, denselben, den er im Islam endlich wiederfand.
Sabatai trat zum Islam über.
Ein "falscher" Messias?
Ein "Abtrünniger" oder ein "Mehemet", wie er sich nun nannte, was hebräisch so viel bedeutet wie: der hundertfach Treue und Wahrhaftige?
Er fand zurück zum Gott der Väter. (22.9.91)
online-Fassung
kuckuck
feder 2 Ismael
situation
analyse
Herbst 1992
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
kokhaviv publications > kuckuck network > archive
© Copyright 1999 - 2002 kuckuck · kokhaviv publications