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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

1991-09-08
bis
1992-08-30

Horst Lummert

Undisziplinierte Überlegungen
zu einer euro-islamischen Strategie

Chronik in 10 Fragmenten (1)

1991-09-08:

Was mit "Babel" im negativen Sinne gemeint war, die Verwirrung der Sprachen, daß man sich nicht mehr verstand, in vielen Zungen redete und aneinander vorbei, schließlich mit den gleichen Worten etwas anderes meinte; der Abbruch der Ufer, der Küste, das Wegrutschen des Bodens unter den Füßen, die geistigen und gesundheitlichen Folgen; könnte auf unsere Zeit übertragen werden und in gewisser Weise zu neuer Hoffnung Anlaß geben.

Denn womit haben wir es denn heute zu tun?

Mit einer Hochkultur, einer durch ihre technischen Möglichkeiten zur Allmacht prädestinierten Zivilisation, die auf die Hilfe des Himmels verzichten kann; die aber den Boden unter den Füßen verliert, deren Wertmaßstäbe wie Sand durch die Finger rieseln, deren Zukunft ihre Gewißheit verliert, weil die Menschen ihre ethischen Voraussetzungen vergessen haben, "richtig" und "falsch", "gut" und "böse" nicht mehr unterscheiden können, dadurch Krankheiten auf sich ziehen, ihre Widerstandskräfte verspielen und ihre Kinder abtreiben wie das Meer die Küstensicherheit Babylons.

Babylon strebt zum Himmel und wächst gegen die Wolken, es greift zu den Sternen, bereist und besiedelt außerirdische Welten, während ihr daheim die menschlichsten Belange verderben.

Der Mensch hat wieder einmal seine Grenzen erreicht. Das Herz ist ihm hart, und die Knie werden weich. Der Kopf zerfällt in Zahlen und Sentimentalitäten. Je weiter faktisch der Horizont, desto enger die Sehnsüchte und egoistischer der tägliche Beweggrund.

Der Mensch verliert seine Qualitäten, so lautet vielleicht der richtige Befund, der nicht einmal pessimistisch ist. Wenn Babel so verrottet ist, wie es zu sein scheint (hinter dem Schein), ist sein Zerfall ein Vorgang, der optimistisch stimmt. Das Elend der Seelen und ihrer Attrappen geht demnach seinem Ende zu.

Diese Gesellschaft braucht einen Feind, an dem sie gesunden kann, doch sie hat keine Feinde, nur falsche Freunde, die nicht angreifen und nicht drohen, sondern hereinkommen, die Plätze besetzen und die Babylonier um ihren Wohlstand, ihren Luxus, kurz: ihre Weltspitze beneiden und bewundern und bereits dabei sind, Babylonier zu werden, ja, zu werden.

So verhalten sich nicht Feinde, sondern Erben, Nachfolger, Nachlaßverwalter.

Ein gutes Beispiel sind die Schulen, wo die ausländischen Kinder und Jugendlichen ihre deutschen Mitschüler bereits überflügeln - mit Vorliebe in Fächern, in denen die Deutschen eigentlich gar nicht mehr lernen müssen, wie zum Beispiel in der Muttersprache Deutsch, oder in den Naturwissenschaften, die doch den Europäern ihre moderne Ausgestaltung verdanken.

Die Eingeborenen müßten Asse sein auf allen einschlägigen Gebieten; aber sie sind es nicht mehr.

Sie sind faul geworden, haben jeglichen Ehrgeiz verloren, denken nur noch ans Vergnügen, solches der billigsten Art; nicht einmal die Liebe zwischen Jungen und Mädchen hat mehr ihren Reiz, sie ist ihnen gründlich ausgetrieben worden; keiner ist mehr "motiviert", wo Initiative, Phantasie und ihr intelligenter Einsatz gefragt sind.

Die ausländischen Jugendlichen haben eine große Zukunft vor sich.

Wird also Babylon doch nicht untergehen, weil der Nachwuchs unvermindert einwandert und die Zukunft Babylons garantiert? Das ist wohl logisch, und die Realität scheint eine solche Entwicklung zu bestätigen. Aber es hat auch seine Grenzen.

Dummheit macht nicht nur blind; für gefährlich werdende Rivalitäten schärft sie sogar den Blick. Die einwandernde Intelligenz muß also aufpassen. (8.9.91)

1991-09-11:

Welche Rolle spielt Serbien in einer evtl. Mitteleuropa-Strategie der kommunistischen/sozialistischen Konterrevolution?

Es ist eine Frage der Kräfteverhältnisse und des europäischen Nervensystems, wie sich da die Dinge entwickeln.

Deutschland ist einerseits für die USA "partner in leadership". Man könnte annehmen, daß in diesem Sinne den Deutschen eine Ordnungsfunktion auf dem Balkan zukäme und daß dies mit Washington abgestimmt wäre. Ein solcher Consens scheint jedoch nicht zu bestehen.

Während Bonn nahe davor steht, die Republiken Kroatien und Slowenien anzuerkennen, d.h. sich mehr und mehr darauf einzustellen scheint, daß der Bundesstaat Jugoslawien sich endgültig auflöst, betont Washington eben erst wieder sein Interesse an einem Fortbestand Jugoslawiens.

Da besteht also offenbar ein Interessengegensatz, von dem ich nicht weiß, wie schwer er zu nehmen ist.

Bonn wird zusehends nervös, mobilisiert die Bündnispartner und macht sich irgendwie auch militärisch Gedanken.

Die Kraft "Jugoslawiens" geht zweifellos von Serbien aus. Als Machtfaktor zur Kontrolle bzw. als Barriere gegen die Deutschen und die Türken gleichermaßen könnte Serbien die bisherige Rolle Jugoslawiens ohne weiteres übernehmen.

Auch Amerika (US) wird auf "Jugoslawien" notfalls verzichten, dann jedoch sein Interesse auf Serbien richten.

Der "Westen" wird die Schlüsselfunktion jenes Machtfaktors in der Südostecke Europas nicht weggeben wollen und können.

Darauf wird sich auch die deutsche Politik einstellen müssen, falls sie nicht ganz andere Ambitionen mit den Veränderungen auf dem Balkan verbindet.

Wahrscheinlich werden die Waffen erst schweigen, wenn die Frage entschieden ist, und sie muß entschieden werden.

In welchem Maße sich Deutschland einmischen muß, kann und soll, will sehr gründlich überlegt sein.

Durchzuspielen wäre eine Strategie, die es darauf angelegt hat, Deutschland Schwierigkeiten zu bereiten, es in eine neue Falle zu locken.

In vielen Ländern und politischen Kreisen wird die jüngste Entwicklung in Europa als später Sieg der Deutschen betrachtet, die von der Geschichte nun quasi für ihre Verbrechen noch belohnt werden, während ihre Opfer von damals in ihre alte Rolle zurückzufallen drohen, und das ist unerträglich.

Eine europäische Interessengemeinschaft, die sich eine Bändigung, wenn nicht abermalige Zerstörung und endgültige Ausschaltung Deutschlands zum Ziel gesetzt hat, ist durchaus denkbar; ja, sie ist wahrscheinlich bis absolut sicher.

Je genauer man alle Aspekte bedenkt, desto deutlicher wird dieser Sachverhalt.

Deutschlands "Sieg" hat das Land in eine Gefahr gebracht, die es in die Lage drängen könnte, sich enger an Rußland anzulehnen.

Jetzt ist eine sehr behutsame Außenpolitik gefragt.

Ob Deutschland sich aus dieser Verstrickung wird befreien können, ist eine schwierige Frage.

Deutschland ist ein tüchtiger und fleißiger Eroberer, dem seine Eroberungen zufallen, ohne daß er auch nur einen Finger krümmen müßte.

Doch wenn es in einem militärpolitischen Sinne ernst wird in Europa, ist Deutschland hilflos, weder verteidigungs- noch gar angriffsfähig.

In eine solche Lage, in der es gewappnet sein müßte, kann es jedoch leicht kommen, wenn man die Entschlossenheit, die die Serben an den Tag legen, nur ernst genug nimmt.

Wenn's gefährlich wird, ist Deutschland nicht handlungsfähig.

Die Deutschen in ihrer Mehrheit wissen gar nicht, was auf sie zukommen kann. (11.9.91)

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Herbst 1992

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Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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