1992-09
Hintergründe einer Sektenjagd
Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen stellte in ihrem Materialdienst (10/91) als "ein aufregendes Dokument" über "eine totalitär ausgerichtete Bewegung" den Bericht einer Frau vor, die selbst "14 Jahre Mitglied" und "an wichtigen Unternehmungen der deutschen Sektion des LaRouche-Konzerns beteiligt" gewesen war.
Was nach Ansicht der Materialdienst-Redaktion diesem Bericht "authentische Kontur" gibt und "seine Einzigartigkeit" ausmacht, ist in der Tat ein unziemlicher Haufen schmutziger Wäsche ("Innenansicht").
Man merkt sofort die Absicht und schüttelt den Kopf - nicht über die Frau, die es 14 Jahre in diesem Wust ausgehalten hat und jetzt Gelegenheit findet, sich den angestauten Ärger endlich von der Seele zu schreiben, sondern über die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, die nun ihrerseits die Gelegenheit wahrnimmt und sich aktiv in die politischen Abläufe einschaltet.
Denn:
es gibt Anzeichen, daß es mit den Aktivitäten LaRouches und seiner deutschen Ehefrau und Statthalterin Helga Zepp-LaRouche derzeit bergab geht. Größere äußere Erfolge hatten sie noch nie, jetzt scheint auch die Binnenstruktur schwankend geworden. Es ist zu wünschen, daß der nachstehende Bericht auch hier seine Wirkung tut...
Damit kann es nicht weit her sein, denn mittlerweile wird der "Sekte" (siehe Presseberichte in kkk-feder 2, S.2 - kkk) bescheinigt, daß sie offenbar erfolgreich "im Trend" liege, "am häufigsten vertreten" und auch "besonders attraktiv" sei, und dies womöglich obendrein "in gesellschaftlich tonangebenden Schichten", für "Hochschulabsolventen".
Da es sich dabei um intelligente und wache Leute handelt, kann man ihnen getrost alles "Material" zu Prüfung und Beurteilung überlassen.
Sie werden genau zu unterscheiden wissen zwischen Schmarren und authentischer Information, zwischen dem billigen Tratsch im Materialdienst der EZW und der Philosophie, den wirtschaftspolitischen Vorschlägen, Systemanalysen und erhellenden Hintergrundberichten in den Presseerzeugnissen aus einem Kreis verantwortungsbewußter Männer und Frauen.
Hier von einer "Sekte" zu sprechen, zeugt wirklich von einer sektiererischen Ignoranz, wenn es nicht politische Bosheit oder noch Schlimmeres ist.
Die SSD-Verflechtungen der Evangelischen Kirche und die merkwürdigen - sachlichen und zeitlichen - Umstände jenes "Damaskus-Erlebnisses" 1990 (!) - nach 14 Jahren -, die unfaire Verstümmelung einer Gegendarstellung von Helga Zepp-LaRouche (vgl. Materialdienst 12/91 mit dem vollständigen Abdruck des Briefes in Neue Solidarität Nr. 42 vom 23.10.91), die Makarenko-Empfehlungen der Hella Ralfs-Horeis, all das sollte den zitierten Hochschulabsolventen und nicht nur ihnen ein Anreiz zu weiterem Nachdenken sein.
Ich glaube nicht an die Hilflosigkeit dieser Frau, daß sie vielleicht nur etwas überfordert gewesen sei.
Ich glaube ihr nicht das "Damaskus-Erlebnis":
Bei mir waren zwei Ereignisse für meine Loslösung von der Organisation ausschlaggebend. Das Erschütterndste war die Entwicklung im Ostblock, die der LaRoucheschen Doktrin völlig widersprach.
Wie das?
Das andere waren meine zahlreichen Begegnungen und Gespräche mit Menschen während meiner Vorträge im Jahr 1989.
Ich traf auf engagierte, moralische Menschen, die sich für auch von mir vertretene Ziele ohne dogmatischen Eifer, mit Toleranz und Beharrlichkeit einsetzten.
Um was für Vorträge handelte es sich?
Wir lesen es an anderer Stelle:
Ich selbst hielt im Jahr 1989 und 1990 zahlreiche Vorträge zu den Themen New Age und Satanismus sowie gegen Rauschgift an Schulen, in Gemeinden und Vereinen.
Was für "engagierte, moralische Menschen" waren es, die sich zwar für gleiche, "auch von mir vertretene Ziele" einsetzten, aber "ohne dogmatischen Eifer", sondern "mit Toleranz und Beharrlichkeit"?
Ich habe eine Vorstellung von "Toleranz und Beharrlichkeit" etwa "gegen Rauschgift an Schulen".
Auf wen ist die gute Frau nur wieder hereingefallen?
Vielen Pfarrämtern, auch in den neuen Bundesländern, flatterten unlängst Angebote für Vorträge zur Rauschgiftprävention und gegen das New Age auf den Schreibtisch, beigelegt war meist eine Broschüre namens Krieg dem Rauschgift.
Das großzügige Angebot kam von der Anti-Drogen-Koalition aus Wiesbaden.
Stutzig gewordene Pfarrer mußten erfahren, daß sie beinahe auf die geschickt aufgemachte Frontorganisation einer Sekte hereingefallen wären:
Die Anti-Drogen-Koalition gehört zur sog. LaRouche-Bewegung, die sich selbst als ICLC (International Caucus of Labor Committees) bezeichnet.
Ein Dummerchen, das nun im nachhinein vor sich selber warnt?
Oder ist gar die, scheint's, mit allen Wassern gewaschene LaRouche-Organisation auf das Dummerchen hereingefallen?
Frau Hella Ralfs-Horeis war immerhin Chefredakteurin der Zeitschrift Krieg dem Rauschgift.
Ich weiß nicht, ob wir bis aufs Cult Awareness Network (CAN) und auf "gewisse Kreise der Frankfurter Schule" zurückgreifen müssen, wie es Eulenspiegel in einer Glosse tut (Neue Solidarität Nr.41/91), wenn wir nach den Interessenten hinter der Verleumdungskampagne, denn um eine solche handelt es sich in der Tat, suchen.
Wir haben hier die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, wir haben den Professor Hartmut Zinser und sein Forschungsteam vom Religionswissenschaftlichen Institut an der Freien Universität Berlin, wir haben verschiedene Berliner Tageszeitungen - Der Tagesspiegel, Berliner Morgenpost und, wie ich inzwischen erfuhr, die tageszeitung -; und ich erwähnte bereits in meinem Brief an Prof. Zinser die Flensburger Hefte, eine Zeitschrift der Anthroposophen.
Die hier konkret nachweisbare "Kampagne" geht offensichtlich von religiösen Kreisen aus.
Es war auch ein evangelischer Pfarrer, der erstmals im LaRouche-Zusammenhang von einer "Sekte" sprach, seither ist "Sekte" Teil der fast offiziös anmutenden Sprachregelung, und Frau Ralfs-Horeis freut sich diebisch über das, wie sie hofft, abträgliche Etikett.
Sie weiß wohl, was sie tut, wie auch die anderen wissen, was sie tun, wenn sie einen Ruf destruieren, die Wahrheit verschweigen, wenn sie seriöse Informationen lächerlich zu machen versuchen.
Die moralische Ungeheuerlichkeit entpuppt sich als ein infames Politikum.
Seriöse Persönlichkeiten, "angesehene Wissenschaftler, Künstler, Politiker und Priester, vor allem der katholischen Kirche", "Unterstützer aus dem konservativen Lager bis hin zu hochrangigen Militärs wie Brigadegeneral a.D. Grunewald", "der ehemalige Leiter des Militärischen Abschirmdienstes der Bundesrepublik, Paul Albert Scherer", "Friedrich A. Freiherr von der Heydte" (Ralfs-Horeis), sie sollen mit dem Wort "Sekte" (u.ä.) von der Sache, von wichtigen Informationen, Schriften, Büchern und ihren Autoren abgeschnitten (!) werden.
Wer im genannten personellen Zusammenhang den sicherheitspolitischen Aspekt nicht wahrhaben will, wird seine Gründe dafür haben.
Es fällt mir jedenfalls schwer, Hella Ralfs-Horeis nicht ernst zu nehmen, hinter ihrem Tratsch (und den Umständen seiner Veröffentlichung) nicht die politische Gefahr zu sehen.
Sie war die oder eine sprichwörtliche "Laus im Pelz" von LaRouche und allem, was sich mit dem Namen verbindet, das ist auch nicht die Frage.
Die Frage ist: seit wann (als Laus)?!
Ich kann nicht abschätzen, ob die "Organisation" - ich sehe eine Traube von Organisationen - nicht per se problematisch ist.
Die Organisationsform des mündigen Menschen ist das geschriebene Wort.
Reicht es denn nicht?
online-Fassung
kuckuck
feder 2 Ismael
situation
analyse
Herbst 1992
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)