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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

1990-09-20
bis
1991-09-08

Horst Lummert

Notizen im Jahr des Schlafs

Golfkrieg · Nimrod · Serbengericht...

oder

Die Selbstkorrektur der Geschichte

Der Herr wird für Euch streiten,
und Ihr werdet stille sein.
2. MOSE 14,14
Denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.
PSALM 127,2

Tägliche Aufzeichnungen begleiten die weltpolitischen Ereignisse im Jahr des Schlafs, dem jüdischen/babylonischen Jahr 5751, aus dessen hebräischen Schriftzeichen sich das Wort Sna oder Schna für Feindschaft, Haß oder Schlaf herauslesen läßt.

Das Jahr beginnt mit dem 1. Tischri, der auf den 20.9.90 fiel, und endet mit dem 29. Elul, dem 8.9.91 nach dem christlichen/weltlichen Kalender.

Die abgedruckten Auszüge betreffen zunächst die Entwicklung am Persischen Golf. Sie wurden nur geringfügig, zumeist Tippfehler ausräumend, überarbeitet.


1990-09-20:

1. Tishri 5751. Rosh Hashanah. Jetzt ist es also so weit. Das Wetter ist grau und windig. Die Luft ist angenehm.

Die Politik wird von den Charakteren verdorben. Die Menschen lernen nicht aus ihrer Geschichte. Saddam Hussein setzt auf Zeit, George Bush setzt auf Zeit. Saddam scheint freilich die besseren Karten zu haben. Die Araber haben die besseren Nerven. Amerika wird unruhig und kritisiert zunehmend die Politik Washingtons.

Was soll daraus werden?

Die westliche Zivilisation ist in dem Moment anfällig, wo es um ihren Lebensstandard geht. Preise, Geldstabilität und dergleichen lassen sich mit Panzern, Soldaten und Kriegsflugzeugen nicht schützen.

Ob ein Krieg letztlich im objektiven Interesse der USA liegt, ist nicht sicher. Die Lage ist insgesamt verworren.

Klarheit herrscht eigentlich nur aus dem Blickwinkel Saddams in Bagdad.

Der Westen ist in sich und mit den Sowjets einig. Aber was sind "die Sowjets"? Was ist "der Westen"?

USA plus Europa/West.

In Westeuropa melden sich schnell die Kritiker und Abkoppler zu Wort, wenn Amerika in Schwierigkeiten gerät.

Der Schachzug "Iraq" könnte sich als einigermaßen genial herausstellen. Er bringt den Westen in Zugzwang, und jeder westliche Zug - Gegenzug - entpuppt sich sehr bald als eine Selbstverstrickung.

Ist Saddam der geniale Spieler? Oder ist Saddam lediglich eine Galionsfigur?

Die Russen gelten seit je als geniale Schachspieler. Es gibt andere.

Saddam hat Kuwait besetzt und annektiert. Jetzt hat er seine Truppen in Kuwait auf 350.000 verstärkt. 2.800 Panzer sollen ihm allein in Kuwait zur Verfügung stehen. Man spricht von etwa der Hälfte der Kampfstärke insgesamt.

Nur zahlenmäßig ist der Iraq den Interventionsmächten überlegen. Ob diese Überlegenheit, zu der die lokalen Vorteile hinzukommen, technisch aufgewogen werden kann, erscheint zweifelhaft. Eine militärische Auseinandersetzung wäre mit vielen, vielen Menschenverlusten verbunden. (20.9.90)

1990-09-21:

Die Situation im Nahen Osten spitzt sich von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde zu. Saddam Hussein kontert sämtliche US/West-Maßnahmen mit Gegenmaßnahmen. Er dreht immer noch einen Zahn zu. Der iraqische Informationsminister sagte heute vor der internationalen Presse, daß sie sich darauf freuen, gegen die Amerikaner in der Wüste Krieg zu führen - für alle Araber und Moslems. Hussein (Saddam) sagt, er werde bis zum Endsieg kämpfen und auch Jerusalem befreien.

Ich denke, daß der Iraq trotz gegenteiliger Einschätzungen in unserer Presse, und zwar der Presse, die sonst gute Analysen und Prognosen liefert (Welt z.B.), Chancen hat, das Spiel zu gewinnen.

Ich weiß nicht, ob Israel noch einen Trumpf im Ärmel hat.

Eigentlich sehe ich kein Pokerspiel, sondern eine harte Partie Schach zwischen zwei (nicht drei oder vier...) Spielern, von denen der eine viel gewinnen, der andere viel verlieren kann.

Die optimistischen prowestlichen Prognosen setzen auf ein Ausschalten der Person Saddam Husseins. Sie denken wohl an einen Putsch, ein Attentat und ähnliches, also an eine geheimdienstliche Operation.

Der Fehlgedanke ist, daß damit diese Geschichte zu einem Ende käme, was zu bezweifeln ist.

Eine Welle von Terror würde die westliche Welt überziehen, es sei, die Operation ginge unmittelbar von iraqischen Kräften aus, die den Akt dann zufriedenstellend begründen könnten usw..

Aber hier ist von einer Grundannahme auszugehen:

Die Politik Saddam Husseins ist in den arabischen Ländern populär.

Selbst wenn er im eigenen Lande politische Gegner hinrichten läßt, geschieht dies keineswegs gegen die subjektiven Interessen des Volkes.

Wenn Saddam Hussein viele Feinde im Lande hatte, so nimmt die Unterstützung seiner Politik, nehmen die Sympathien für ihn seit seinen politischen und militärischen Initiativen um Kuwait usw. eher zu.

Je härter, konsequenter und mutiger er sich zeigt, desto größer ist sein psychologischer Erfolg bei den arabischen "Massen".

Dies ist, glaube ich, als eine gültige Regel anzunehmen. Insofern macht er also keinen Fehler. Seine Ermordung würde man als infamen Verrat betrachten und entsprechend beantworten wollen.

Amerika ist dagegen in einer heikleren Position. Die mittlerweile vielleicht schon zweihunderttausend über See hereingebrachten Soldaten samt Ausrüstung, Panzern, weitläufigem Fuhrpark, die Luft- und Seeflotten, insgesamt alles, was hierzu aufgeboten wurde, ist eine enorme Belastung für die amerikanische Gesellschaft.

Als ob sich der amerikanische Präsident in eine große Falle begeben hat, kommt es mir von Tag zu Tag mehr vor, aus der er nur zerschlagen oder blamiert wieder herausfinden kann. Zerschlagen oder nur blamiert, blamiert also auf alle Fälle.

Genauer besehen, wäre es eigentlich das Beste, wieder nach Hause zu gehen, ohne einen Krieg angefangen zu haben. Die Kapitulation vor dem Kampf. Das ist absurd, wenn man alles andere bedenkt, was vorher war, und was danach sein wird. Es wird nämlich nichts mehr so sein, wie es vorher war. Was spielt da mit?

Eine innenpolitische Intrige gegen Bush?

Bush's Politik gilt als deutschfreundlich und israelfeindlich, um es grob auszudrücken.

Eine neue Konzipierung der amerikanischen Politik, ein neuer Präsident, eine andere Richtung (was ist eigentlich mit Quayle, dem Vizepräsidenten?) würde Europa vor völlig neue Fragen stellen.

Wenn nämlich eine Wiedervereinigung Deutschlands nur mit Reagan und Bush möglich war (unter dem Gesichtspunkt, dies vereinigte Deutschland werde als Mitglied der NATO ein treuer Partner der westlichen Gemeinschaft bleiben, obendrein der wichtigste Partner der USA), so wird eine Umdirigierung etwa auch der (gesamt-) deutschen und schließlich europäischen Politik, wird eine neue Verteilung der macht- und interessenpolitischen Gewichte im neuen Europa nur gegen (!) George Bush und seine (und Reagans) bisherige Politik möglich sein.

Der Iraq-Coup entpuppt sich als ein raffinierter Anschlag auf die aktuelle Politik Washingtons, auf die Rolle der USA - nicht nur im Nahen Osten, sondern in der Welt und ganz besonders in Europa.

Es ist, als wollte da jemand den Amerikanern das Heft aus der Hand nehmen und die Dinge ganz anders regeln, jedenfalls nicht so, wie sie soeben erst anzulaufen scheinen.

Mir ist noch nicht klar, von wo präzis die Initiative ausgeht.

Amerika hat im Moment so viele Verbündete, die diese Nahost-Politik - wenn die Analyse stimmt: der sichere Weg in ein Desaster für die Weltmacht USA - unterstützen.

Washington hat in dieser Sache "Freunde" in der ganzen Welt, bei den UN, die sich eigentlich ursprünglich gegen die USA verschworen hatten.

Werden wir Zeugen eines historischen Reinfalls?

Hat sich Washington verführen, täuschen, blind und taub machen lassen?

Die pessimistische Einschätzung ruft nach einem genialen Gedanken, der aus der Sackgasse herausführt.

Wenn Saddam Hussein nicht recht hat, sondern im Unrecht ist, müßte sich so ein Gedanke auch irgendwann einstellen.

Die sozusagen philosophische Aufgabe: genau zu überlegen, wo in der hier ausgelegten Analyse und ihren Konsequenzen der Fehler ist, die Öse, wo wir einhaken können, um der Entwicklung einen anderen Sinn zu geben oder zu entlocken.

Jetzt geht es nämlich nicht mehr um neue Weichenstellungen, sondern um die Erkenntnis der Quellen und des Wesens der im Keim bereits vollzogenen Veränderungen.

Die Weichen sind gestellt, es ist die Frage, ob wir das auch richtig begriffen haben. Ob wir alles - und alles in seinen inneren und äußeren Konsequenzen - verstanden haben.

Haben wir etwas übersehen, was hier eine wichtige Rolle spielen könnte, Mächte, Kräfte, die jetzt zum Zuge kommen wollen? (21.9.90)

1990-09-22:

Spielen wir einmal durch, ob und, wenn ja, was Israel dazu beitragen könnte. Es geht um eine Lösung der Golfkrise und - das eben wäre gewissermaßen genial - um die Lösung des Nahostkonflikts insgesamt, schließlich um eine Neuordnung der Region.

Der ursprüngliche Gedanke* (*Vgl. Yishmael Aleph) war, daß die entscheidende Initiative von Israel ausgehen würde und ausgehen müßte.

Israel muß überhaupt erst einmal in den Stand gesetzt werden, von den arabischen Staaten als historische Realität von Dauer anerkannt und beständig in Rechnung gezogen zu werden.

Die bisherige Erfahrung lehrte, daß dies nur mit militärischen Mitteln möglich ist.

Nur die absolute militärische und schließlich industrielle Überlegenheit Israels hat Aussicht auf arabische "Anerkennung".

Das ist nicht viel, wenn man inzwischen die Industrie-Überlegenheit noch abziehen muß.

Die militärische Überlegenheit ist aber heute alles andere als sicher. Zweifel sind angebracht.

Israel könnte allenfalls eine neue Situation im Nahen und Mittleren Osten herbeizaubern, indem es durch einen intelligenten und geschickten einmaligen Akt einen regionalen und internationalen Prozeß einleitet, an dessen Ende ein neuer Anfang für den gesamten islamischen Raum steht.

Israel muß auf lange Sicht ein Arrangement mit dem Islam treffen - indem es entweder konvertiert oder die geistige Auseinandersetzung wagt.

Das wäre der kulturkritische Ansatz.

Die geistige Auseinandersetzung trüge allerdings den notwendigen aufklärerischen, aufklärenden Charakter und wäre also einer Islamisierung Israels vorzuziehen.

Israel hat mithin als Israel heute eine historisch-geistige Funktion in der arabisch-islamischen Region.

Wie soll nun aus dieser Erkenntnis der praktische politische Schluß für eine Anwendung im Golfkonflikt gefunden werden?

Soll Israel einfach eine "geistesgeschichtliche" Kampagne starten? Soll Israel aus der materiellen, wirtschaftlichen und militärischen Not eine intellektuelle Tugend machen?

Es wäre zuviel, um als realistische Option in Erwägung gezogen zu werden. Israel ist in diesen Dingen nicht lernfähig.

Das politische Israel hat bisher nicht zu erkennen gegeben, daß dieses Urteil falsch sei.

Die geistige Auseinandersetzung muß von Demokratisierungsinitiativen flankiert werden.

Mit diesen Überlegungen bin ich freilich über den bisherigen Stand* (*Vgl. Yishmael Aleph) nicht hinausgekommen.

Ich bin davon ausgegangen, daß Israel militärisch nicht mehr angemessen aktionsfähig sei.

Das Gegenteil müßte bewiesen werden.

Wirtschaftlich ist Israel mehr oder weniger isoliert. Europa könnte eine Initiative ergreifen. Auch die NATO könnte Israel in ihr Schutzgebiet einbeziehen.

Aber das ist wohl noch weniger realistisch, als die israelische Lernbereitschaft und Erkenntnisfähigkeit in künftige Entwicklungen einzuplanen.

Andererseits ist der US-Aufmarsch sicherlich auch als Absicherungsmaßnahme um Israel zu werten.

Wenn meine Einschätzung der Möglichkeiten Israels richtig ist, mußte der Westen massiv auf den iraqischen Aggressionsakt reagieren.

Möglich, wenn nicht wahrscheinlich, daß nicht nur das Öl der Grund für die westliche Intervention war.

So wäre Wirklichkeit, was eigentlich nicht sein darf.

Israel darf nicht unmittelbar auf fremde Hilfe angewiesen sein. Es muß sich wehren und selber helfen können.

Saudi-Arabien stoppte gestern die Öllieferungen an Jordanien und hat heute jordanische und jemenitische Diplomaten ausgewiesen.

In Amman PLO-Demonstrationen, denen man freilich via TV ansieht, daß sie organisiert und manipuliert sind.

Die anwesenden Palästinenser, die Mehrheit der Jordanier sind Palästinenser, zeigten sich eher unbeteiligt und ein bißchen überrascht, als plötzlich vermummte PLO-"Kämpfer" auftraten. (22.9.90)

1990-09-23:

Die Türkei könnte eingreifen.

Ihre Motive sind zahlreich, und sie ist Mitglied der NATO, was bedeutet, daß sie sich nur abgestimmt einschalten könnte. Das kann man modifizieren.

Ihre NATO-Mitgliedschaft würde anderen NATO-Mächten, auch Deutschland, die Möglichkeit geben, sich direkt, unmittelbar militärisch zu engagieren.

Deutschland würde damit ein gutes Werk tun und einige historische Schuld abtragen.

Zumindest würde dies von Amerika und Israel so interpretiert werden können.

Die Belastung wäre umverteilt.

Die Gewichte wären anders verteilt, auch die Akzente wären umgesetzt. Ob Deutschland damit gut beraten wäre, ist eine andere Frage.

Italien. Spanien. Sicher ist, daß jedes europäische Land, das so verfahren würde, die Beziehungen zu allen islamischen Ländern in Nahost und Nordafrika in Gefahr brächte.

Die USA können notfalls auf ausländisches Öl verzichten und auf die eigenen Vorkommen im Lande zurückgreifen. In Europa wäre bestenfalls Großbritannien in einer vergleichbaren Lage. Rumänien. Die kaukasischen Republiken. Atomenergie.

Eine Umrüstung der Energieversorgung in den Industrieländern könnte auf lange Sicht die mit dem Ölbedarf verknüpften Risiken beseitigen. Neue Probleme träten dann auf. Zeit wäre gewonnen. Allerdings.

Der Sturz König Husseins von Jordanien durch PLO/Palästinenser ist eine andere, weniger gefährliche Möglichkeit.

Für Israel freilich gefährlich genug, um nunmehr in Gänze zum Jordan vorzurücken.

Wie sich die palästinensische Bevölkerung der besetzten Gebiete verhalten würde, bliebe abzuwarten.

Eine PLO-Regierung in Amman müßte sich anstrengen, um die Bevölkerung nicht abzuschrecken.

Vielleicht sollte man Israel diese Gelegenheit gönnen.

Es könnte sich endlich als die bessere, nämlich demokratische Option erweisen. Dies scheint mir ein guter Weg zu sein. Scharon hat ihn übrigens vor Jahren angeregt.

Jetzt könnte es aktuell werden, so zu verfahren. Mit Unterstützung Israels! - drohte Scharon seinerzeit dem jordanischen König.

König Hussein hat sich in eine Art Sackgasse manövriert.

Erstmals in der jordanischen Staatsgeschichte scheint sich nun ein Ende anzukündigen.

Die Weltöffentlichkeit würde abrupt ihre Aufmerksamkeit vom Golf abwenden.

Amerika erhielte eine günstige Gelegenheit, geradezu einen Vorwand, sich aus seinem Verstrickungsengagement zu lösen.

Der Iraq würde aus Kuwait vermutlich nicht vertrieben, müßte sich jedoch um demokratische Entwicklungen bemühen, die auch sein eigenes Staatsgebiet verändern, die inneren Verhältnisse auflockern könnten.

Darüber hinaus gehende Spekulationen sind jetzt nicht angebracht.

Die Pekinger "Asien-Spiele" verstehen sich als Generalprobe für die Olympiade 2000.

Es wäre eine gute Entwicklung, die den Spuk von Berlin nähme, aber dort in China für eine Entkrampfung nach dem Massaker vom Juni vorigen Jahres sorgen könnte.

Eine Demokratisierung des Landes auf der Basis bereits vollzogener ökonomischer Veränderungen bleibt denkbar.

In diesem Jahrzehnt wird die britische Kronkolonie Hongkong an die Volksrepublik China entlassen.

Bis dahin muß China nicht nur seinen Ruf, sein Image aufgeputzt haben, sondern ein akzeptabler Partner in der demokratischen Staatengemeinschaft geworden sein.

Chinas Rolle in der Iraq-Golf-Auseinandersetzung ist sicherlich als ein erster seriöser Beitrag zu werten.

Peking hat den Iraq auch von den "Asien-Spielen" ausgeschlossen, während unter den arabischen Staaten z.B. auch Kuwait teilnimmt - neben dem Iran übrigens.

Im Sicherheitsrat, dem bald auch Deutschland angehören soll, stimmte China mit Großbritannien, den USA, der Sowjetunion, Frankreich. (23.9.90)

1990-09-24:

Vielleicht habe ich bisher die Kuwaitis, die sich jetzt im Exil aufhalten, zu wenig beachtet, falls ich sie überhaupt je als relevant erwähnte.

Die Regierung, d.h. also die Familie des Emirs, bewohnt in den Bergen bei Taif, einer Stadt östlich von Mekka, ein Luxushotel, das die saudische Herrscherfamilie zur Verfügung stellte.

Die Kuwaitis gelten als clever und weltoffen (im Gegensatz zu den Saudis, die den Anschluß ans 20. Jahrhundert verpaßt haben, wie man sagt).

Clever sind auch die Chinesen, die jetzt aus Hongkong strömen, um als Makler und Investoren die westliche Welt zu erobern.

Die kanadische Stadt Vancouver an der Westküste des nordamerikanischen Kontinents entwickelt sich bereits zu einer neuen Geschäftsmetropole für den pazifischen Raum.

Nützliche Beobachtungen für die Zukunft.

Für den Tag und aktuell zählen freilich andere Faktoren.

Um den Persischen Golf kommt von Tag zu Tag mehr der Gedanke an und das Wort vom Krieg ins Spiel. Es wirkt sich auf Börsenkurse, Ölpreise und Psychologie aus.

Die PLO hat mit den Kuwaitis wichtige zahlende Freunde verloren. Möglicherweise hat Arafat aufs falsche Pferd gesetzt, als er für Saddam Hussein Partei nahm.

Die Kuwaitis denken jetzt an eine neue Sicherheitsordnung für die Region, in der die PLO anders als früher abgeschätzt wird.

Soeben kommt die Meldung, daß Israel die iraqischen Drohungen ernst nehme. Der israelische Außenminister Levy hält sich in New York auf. Israel werde im Falle eines Angriffs zurückschlagen. Rias-Nachrichten, 17.30 Uhr.

Saddam Hussein hat die PLO und, ein bißchen eingeschränkt, König Hussein von Jordanien auf seiner Seite. Zwei Verlierer oder doch Quasi-Verlierer auf der Seite eines, der sich als Sieger aufspielt?

Meine Zweifel bezüglich der israelischen Fähigkeit, sich gegen einen Feind wie Saddam/Iraq zu wehren, sollten endlich zerstreut werden.

Eine erfolgreiche israelische Initiative könnte die Situation im Nahen Osten mit einem Schlag ändern.

Die Welt sähe sich zu Dank verpflichtet, könnte aufatmen.

Israel hätte ab sofort eine Chance. Sie müßte allerdings auch genutzt werden.

Die Mafia ist der größte Gläubiger des italienischen Staates, heißt es. Fordert die sizilianische Mafia vielleicht eines Tages Italiens Austritt aus der EG, der NATO, je nachdem, wie es ihr paßt? (24.9.90)

1990-09-26:

Der sowjetische Außenminister Schewardnadse hat gestern vor der UNO eine Rede gehalten, die aufhorchen lassen und nachdenklich machen sollte. Er vergleicht die Politik Saddam Husseins mit Terrorismus, droht mit militärischer Gewalt für den Fall, daß der Iraq nicht nachgibt, und regt die Bildung einer schnellen UN-Eingreiftruppe an.

Die ganze Welt - von Washington, London, Paris und Bonn, Madrid, Rom über Moskau, Kairo, Riad, Teheran, Damaskus bis Peking und Ottawa, Tokio und Neu Delhi, falls ich nicht noch ein paar Hauptstädte vergessen habe - geeint gegen den iraqischen Diktator, den die militärischen und industriellen Großmächte über ein Jahrzehnt hin buchstäblich "aufgebaut" haben, so daß ein kritischer Beobachter dieser martialischen Szene doch eigentlich den Eindruck gewinnen muß (!), es sei ein Buhmann aufgebaut worden, eigens zu dem Zweck, eines Tages eine Situation hervorzurufen, wie wir sie heute haben, und auf die man nun angemessen "reagieren" kann.

Offensichtlich ist das wieder einmal gelungen - wieder einmal, weil es deutliche Parallelen zum internationalen "Aufbau" Hitlers in den dreißiger Jahren gibt.

Der erstaunliche Aufwand beim beabsichtigten "Abbau" des bislang Protegierten scheint in keinem rechten Verhältnis zu dem angegebenen Grund zu stehen. Es heißt, das Öl sei immerhin ein einleuchtendes Urmotiv. Aber die massive internationale Reaktion auf Saddams Kuwait-Invasion hat mehr Unruhe ins internationale Börsengeschäft gebracht als die vorgegebene Ursache. Warum setzt die westliche Industrie- und Kapitalwelt ihre Wert- und Preisstabilität einer solchen Erschütterung aus, wie sie durch den beispiellosen militärischen und propagandistischen Aufwand jetzt hervorgerufen wird?

Man droht dem Sack die Schläge an, aber gemeint ist der Esel. Saddam in Bagdad ist objektiv "ein Mann des Westens", so etwas wie ein agent provocateur, der den "christlichen" Industriemächten den Vorwand liefert, die als Gefahr empfundene islamische Renaissance zurückzuschlagen.

Die Wiedergeburt des Islam als eine geschichtslogische Perspektive für die Zukunft soll verhindert werden.

Das wird, wenn ich das richtig sehe, zwar nicht gelingen, sondern am Ende dem Islam zu moralischen und geistigen Siegen verhelfen; aber wenn Gott seine Feinde mit Erfolg strafen will, schlägt er sie mit Unwissenheit, Blindheit und Taubheit.

Die "christliche Welt" wird mit dem besten Gewissen gegen Saddam in den Krieg ziehen, eine Metamorphose ihres "Feindes" erleben und damit ihr eigenes Schicksal besiegeln.

Wenn diese Deutung stimmt, kann im Rückschluß festgestellt werden, daß nicht nur die traditionell christlichen Länder gegen den Islam mobilmachen. Das hinduistische Indien ist dabei. Vor allem jedoch fällt das Engagement Pekings auf.

Das atheistische - buddhistisch-konfuzianisch-kommunistische - China stellt sich einer Herausforderung, die mehrere Gesichter trägt. China sieht sich den westlichen Demokratien, der eigenen Geschichte und nicht zuletzt dem Islam ausgesetzt.

In der Beziehung zum Islam ist China in einer ähnlichen Lage wie die Sowjetunion.

Jetzt soll Ismaels Stunde schlagen. Nur Gott kann ihm helfen. Seine Feinde wissen noch nicht, daß er's tun wird. (26.9.90)

1990-09-27:

In konservativen Republikanerkreisen Amerikas melden sich isolationistische Bedenken. Eigene Sorgen seien ernster zu nehmen als die Krise am Golf. Gibt es wieder so ein Desaster wie in Vietnam, werde es endgültig um die Interventionspolitik Washingtons geschehen sein. Bush steht also unter Erfolgsdruck.

Kissinger meint, ein Vergleich mit Vietnam sei nicht richtig. Vietnam war Dschungel, im Nahen Osten ist Wüste. Vietnam hatte über 40 oder 50 Millionen Menschen, der Iraq hat lediglich um die 14 Millionen.

Israel muß, wenn es sein Land nicht verlieren will, die islamische Karte spielen. Israel steht vor der gefährlichen Alternative, für die Erhaltung seines Staates (und Landes) einen hohen Preis zu zahlen. Seine Freiheit und Unabhängigkeit liegen bereits auf der Waagschale der Geschichte.

Hoffentlich wissen das die Araber nicht so genau. Es werden Fehler gemacht, die sich nicht korrigieren lassen.

Die Figur Saddams ist zu zwielichtig, um in ihr den Erdenker und Initiator des Spiels erkennen zu lassen. Er wurde nicht aus eigener Kraft der starke Mann im Nahen Osten. Er ist ein Produkt seiner heutigen "Feinde".

Das muß immer wieder zu denken geben. Gleichwohl spielt Saddam eine Rolle, und es mag sein, daß ich ihn unterschätze, wenn ich nur eine Art Marionette oder Spielfigur in ihm sehe. Ich bin mir dessen ohnehin nicht sicher.

Er hat sich mit Nebukadnezar und Saladin verglichen; auch eine Verwandtschaft mit dem Propheten Mohammed wird von ihm behauptet. In dieser historischen Dimension werden nicht Verbrechen, sondern "Fehler" aufgerechnet, und Fehler in diesem Sinne scheint er bis jetzt, jedenfalls in der aktuellen Krise, nicht begangen zu haben.

Das zählt und wertet den Mann zweifellos auf. Der zunehmende Respekt in den arabischen Ländern ist ein Ausdruck dieser Tatsache, und der Aufmarsch der ganzen Welt vor seinen Toren bestätigt ihn schließlich in seiner "geschichtlichen Größe".

Saddam sagt, die Sowjetunion habe sich von Amerika und den Ölscheichen "bestechen" lassen. Der Gedanke an "Bestechung" könnte vielleicht auch anderswo weiterführen. Aber natürlich ist diese Sicht für sich allein zu eng. Langfristig - in historischer Perspektive - stehen ganz andere Dinge in Frage. (27.9.90)

1990-09-30:

Neuerdings kommen aus Saudiarabien Meldungen, Saddam Hussein habe den Israelis versichert, daß er keinen Angriff auf sie plane, und vorgeschlagen, 500.000 Palästinenser aus den besetzten Gebieten (Gaza und Westjordan) - um den Druck zu mildern - nach Kuwait umzusiedeln. (30.9.90)

1990-10-03:

Deutschlands Einheit. Wenn nun von der Idee her die Dinge sich ordnen und nicht diese jene, hat dies Konsequenzen.

Der Gott Israels ging mit dem Land verloren. Seine Kraft ist unübersehbar im Hinblick auf das Land, und sie kehrt sich gegen das Volk, sobald das Land verlorengeht.

Oder anders: Der Verlust des Landes ist der Verlust Gottes. Die Wiedergewinnung seine Wiederkehr.

Die zionistische Bewegung hatte lange Zeit seinen Segen. Inzwischen scheint er sich wieder abgewendet zu haben.

Hat das jüdische Volk seine historische Prüfung nicht bestanden? Werden dafür die Deutschen jetzt belohnt?

Haben sie ihre geschichtliche Lektion besser verstanden? Haben sie gelernt, während jene die Lehren versäumten?

Nimmt man die Regeln der biblischen Geschichte als Maßstab zur Orientierung, so bleibt einem keine andere Wahl als zu sagen, daß Gott mit irdischen Gütern reich macht, politisch belohnt und straft.

Er ist der Herr der Geschichte, der Armeen, der staatlichen Mächte.

Demut haben die Deutschen gezeigt. Der Selbstverwandlungsprozeß hat gewirkt.

Hat der Gott Israels sich als Gott der Welt und aller Menschen erwiesen und seine Auswahl getroffen?

Die Art der Fragen läßt mich an der Orientierung zweifeln.

Einerseits finde ich Israels Fehlentwicklung heute überall bestätigt, geradezu auf Schritt und Tritt.

Allein der heute unter Juden - sowohl in Israel als auch in der Diaspora - verbreitete, geradezu kokette Verzehr von Schweinefleisch, zu schweigen von Krebsen und Muscheln, kommt, nach dem Gesetze, einer Selbstzerstörung nahe.

Andererseits sehe ich keinen Grund, die Deutschen zu belohnen, obwohl ich natürlich weiß, daß die Wiedervereinigung richtig ist, daß die Teilungspolitik und die ganze Zweistaatentheoretisiererei der blanke Unsinn war.

Ich habe die Dummheit, die sich stets damit verband, für strafwürdig gehalten, und wenn die Vereinigung des Landes eine Strafe für die falschen Landespropheten sein soll, so ist sie allerdings gerecht.

Gestraft wurde auch eine Selbstgerechtigkeit, die den Deutschen alle Schuld an den Übeln des Jahrhunderts zuschieben wollte.

Gestraft wurde der Versuch, aus den Deutschen Juden zu machen, d.h. ein Volk, ein Kollektiv, das nunmehr anstelle der Juden die Rolle des Sündenbocks zu spielen hätte.

Soll das nun heißen, daß die Deutschen diese "Bösen" nicht sind?

Oder bedeutet es vielmehr, daß das jüdische Volk nach wie vor Gottes Volk ist und also mit seinen, Gottes, Interventionen zu rechnen habe?

Und ist dies Gottesvolk nun eigentlich ein Wert an sich oder ein Instrument der Erziehung?

Sind die Juden ein Lehrbeispiel für die Menschheit, das der Große Pädagoge sich ausgedacht und ausgewählt hat?

Ich spiele mit historischen Kräften, als wären sie Tennisbälle. (3.10.90)

1990-10-04:

Gestern oder vorgestern im Fernsehen eine Szene:

Der Iraqer Saddam Hussein besucht irgendwo in Kuwait eine Militäreinheit. Man sieht, wie ein Offizier ihm die Hand und die Wangen küßt; untertänig wie vor einem mittelalterlichen Despoten geht er in die Knie.

Saddam winkt andere Uniformierte zu sich heran. Wie er das tut:

Er steht lächelnd und bewegt nur Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand, ohne den Arm dabei zu heben. Er schnippt nicht einmal mit den Fingern, und sie kommen.

Ein widerliches Schauspiel, das an eine andere Szene erinnert:

Als er bei laufender TV-Kamera vor einigen Wochen englische Geiseln vorführte. Auch da die gleiche Fingerbewegung. Mit dieser Bewegung will er sichtlich die Menschen erniedrigen.

Darüber wird er stürzen, dachte ich unwillkürlich. Es war keine launige Geste, sondern Ausdruck eines Charakters.

Psychologisch stellen solche Sendungen natürlich eine Provokation der ganzen westlichen Welt dar, insofern haben sie eben doch eine außenpolitische Funktion.

Die britische Premierministerin Margaret Thatcher fordert denn auch:

Dieser Mann muß vor ein Kriegsverbrechertribunal gestellt und für seine Verbrechen bestraft werden. Man soll ihm keine Chance geben.

Optisch hat Saddam seine Grenzen bereits überschritten.

Israel ist jetzt gefragt.

Aber es rührt sich weder mit klugen Worten noch mit den richtigen Taten.

Doch was wäre richtig und klug?

Die Nachkommen Ismaels bevölkern heute die gesamte nahöstliche Region, während der Same Jakobs noch immer um ein kleines Fleckchen Erde kämpfen muß. (4.10.90)

1990-10-08:

Palästinenser griffen israelischen Polizeiposten auf dem Tempelberg an. Lage völlig unübersichtlich.

Zwei arabische Krankenhäuser melden Aufnahme von Dutzenden Verletzter, je sechs Toten. So die 16.00 Uhr Meldung Rias Aktuell von Ulrich Sahm aus Israel, der von den oben genannten Ursachen (Provokationen etc.) nichts sagt.

Wird auch von arabischer Seite geschossen? Das wäre eine neue Qualität in den Auseinandersetzungen.

Andere Quellen sprechen auch von israelischen Siedlern, die den Streit angefangen hätten. Von 14 verletzten Juden ist die Rede.

Martin Wagner aus Tel Aviv in Rias 16.20 Uhr: Sukkoth. Tausende Juden beten an der Westmauer. Plötzlich werden von oben, vom Tempelberg Steine hinabgeworfen auf die betenden Juden.

Auf dem Tempelberg hatten sich viele tausend Palästinenser getroffen. Der Muezzin soll gerufen haben: Allah akhbar. Tötet die Juden. Auch ein prominenter Palästinenser soll in der Moschee - oder im Felsendom? - gewesen sein. Oder vor einigen Tagen schon?

Die Polizei stürmte den Berg, wo die Palästinenser inzwischen eine Polizeistation angriffen. Bis jetzt schon 28 Tote. Man weiß, wie es zu so vielen Opfern kommen konnte. Mehrere hundert Verletzte. 16.30 Uhr. Polizei schoß scharf.

Jüdische Extremisten hatten versucht, am Tempelberg den Grundstein für einen neuen Tempel zu legen, sagen hiernach wiederum arabische Quellen.

Provokation. So oder so. Von wem ging sie aus?

Ein gewisses Maß an Organisiertheit darf für beide Seiten angenommen werden. Unschuldig ist da keiner mehr.

BBC London, 17.30 Uhr: Alles in allem ist das wohl so gelaufen:

Am Anfang war das Gerücht. Flugblätter gingen um. Die Tempelgetreuen wollten den Grundstein für den neuen Tempel legen. Dies mobilisierte die Palästinenser. Daraus ergab sich das Folgende:

Sie trafen sich auf dem Tempelberg, während unten an der Westmauer viele hundert Juden sich zum Gebet versammelt hatten. Als die Steine herabfielen, entstand unter den Betenden eine Panik. Die Männer flohen auseinander. Viele kopflos.

Die Polizei schoß, hatte Gasmasken angelegt, stürmte auf den Tempelberg. Sukkoth. Heute ist der 19. Tishri. (8.10.90)

1990-10-09:

Saddam Hussein spaltet das arabisch-islamische Lager. Der Streit mit Israel eint es. Einem panarabischen Nationalismus ist Israel unverzichtbar.

Unter diesem Gesichtspunkt ist Saddam Hussein umgekehrt für Israel und den Westen ein Faktor, der aus der bisherigen Sackgasse herausgeführt hat.

Israel hatte jedenfalls eine Zeitlang Ruhe. Das ist seit gestern anders.

Saddam hat nun gedroht, er werde eine neue Rakete zum Einsatz bringen, wenn Israel nicht sofort die besetzten Gebiete freigebe.

Israel müßte auf solche Kriegs- und Vernichtungsdrohungen, die sich seit langem periodisch wiederholen, unmißverständlich reagieren, aber es rührt sich nicht, um bei Gelegenheit nun gegen Steinewerfer mit scharfer Munition vorzugehen. (9.10.90)

1990-10-13

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble wurde gestern Opfer eines Attentats. Am Ende einer Wahlveranstaltung in Südbaden schoß ein 36jähriger Mann auf ihn. Schäuble wurde am Kopf/Hals getroffen, in der Universitätsklinik Freiburg fünf Stunden lang operiert und ist nicht mehr in Lebensgefahr.

Jetzt erfährt man, daß Schäuble verheiratet ist und vier Kinder hat, er ist 48. Er wurde in der Öffentlichkeit eher als Junggeselle gehandelt.

Schäuble gilt als gefährdetster Politiker in Deutschland, dessen Staatssekretär Neusel erst vor kurzem einem Bombenattentat entkam.

Schäuble ist eben dabei, die alten Stasistrukturen zu zerschlagen und in den neuen Bundesländern den Aufbau eines effizienten Verfassungsschutzes einzuleiten.

Eine Kugel wurde aus dem Wirbelkanal entfernt. Wenn die Wirbelsäule getroffen ist, besteht Gefahr für das Nervensystem. Man hört, Schäuble könne die Beine nicht bewegen.

Karl Eduard von Schnitzler hält sich jetzt am liebsten im Westen auf und unterschreibt soeben einen Mitarbeitervertrag bei der Zeitschrift Titanic. (13.10.90)

1990-10-27:

Zu der neueren Entwicklung in Deutschland, zumal in den neuen Bundesländern, fehlt mir noch der Faden. Es ist klar, daß meine Ökologie sich verändert.

Früher lebte ich in West-Berlin und schaute über die "DDR" hinweg nach West-Deutschland in die Bundesrepublik. Berlin gehörte ja nicht einmal dazu, hatte einen besonderen Status.

West-Berlin.

Die Mauer im Rücken gab einen Orientierungshalt. Ich habe die Teilung nie als "normal" empfunden, hätte mich auch nach weiteren vierzig Jahren nicht daran gewöhnt. Das ist es nicht.

Nein, aber die persönliche Ökologie richtet sich neu ein. Ich gehe nach Pankow spazieren, mache aber immer noch unbewußt den kleinen Unterschied zwischen "hüben" und "drüben", auch wenn ich es nicht sage.

Ich gewinne den "Osten" zurück, doch in meiner lokalen Seele ist nicht alles gleich, und das kommt nicht nur von einigen äußeren Abweichungen, daß etwa "drüben" andere Bus-Modelle fahren als "hüben" ("bei uns").

Es ist ein merkwürdiges Empfinden, eine Stadt, die man kennt, in der man immer lebte, zu großen Teilen erst einmal wiederentdecken zu müssen.

Dabei ist mein Bestreben, es auch sogleich zu tun, nicht groß.

Pankow liegt vor der Tür, um die Ecke. Vor einigen Wochen oder Monaten war ich mal am Alexanderplatz, auch Unter den Linden. Ich kenne das alles, doch ist es mir fremd. Die Spuren, die "Handschrift" des Totalitarismus sehe ich noch allenthalben, und wo die materiellen Resterscheinungen verschwinden, macht sich auf einmal eine neue Sicht auf die Menschen bemerkbar.

Ich muß aufpassen, daß ich nicht ein Opfer der sozialistischen Propaganda werde, die aus ihren Schlupfwinkeln den großen und allgemeinen Stasi-Verdacht ausstreut und mit der Zeit den Eindruck verstärkt, alle seien Spitzel gewesen.

Wir kennen das von den Nazis, die bis heute darauf pochen, daß "alle" dem "Führer" und seiner Politik zugejubelt haben.

Alle Deutschen werden so nachträglich von den Nazis zu Nazis gemacht. Das gleiche haben wir nun mit den "Stasis".

Die Täter lenken von sich ab, indem sie das ganze Volk, "alle", zu Tätern stempeln.

Vielleicht ist eine Regel nützlich: Achtet besonders auf die Denunzianten! Allein deren Methode, nämlich andere Leute zu "melden", anzuschwärzen, zu verdächtigen, ohne beweisen zu können, und alles am Rechtsstaat vorbei, ist Nazi- und Stasi-Methode gleichermaßen.

Trotzdem hat dies auf mein Denken, Werten und Urteilen einen Einfluß, selbst wenn ich nur eine kritische Gegenposition "aufbaue".

Ich sehe den "Osten" mit anderen Augen als den "Westen", zunächst; doch nun merke ich, daß sich gleichwohl eine Angleichung vollzieht. Ich sehe den Westen ein bißchen "ostlicher".

Die offenen Grenzen verstärken den Eindruck, daß der terroristische Ungeist der kommunistischen Staaten maskiert, doch in zunehmendem Maße, zu uns kommt.

Ich sehe, daß der Westen nicht sicherer davor ist als der Osten, und daß man sich dagegen eigentlich nur geistig wehren kann.

Die Sicht muß klarer werden. Die bisher ausgeblendeten (östlichen) Bereiche können jetzt kritischer und aufmerksamer gesehen werden, was den Horizont erweitert.

Es wird sich irgendwann ausgeglichen haben.

Das Panorama Deutschland wird dann auch subjektiv neu sein. Die Entwicklung im Nahen Osten steht aus. Man sieht sich gegenüber, bereitet etwas vor, sammelt Vorteile, während die Weltöffentlichkeit auf eine Entscheidung wartet.

Als ob beide Bereiche analog sind.

Europa und der Nahe Osten erleben ihre elementaren und fundamentalen Veränderungen aus den gleichen Ursachen heraus.

Die Supermächte haben sich gegenseitig kaputtgemacht oder die Handlungsfähigkeit eingeschränkt.

Gorbatschow ist gerade in Spanien. Bei Gelegenheit sagte er, die Zeit der Supermächte sei nun wohl vorbei, aber die USA und die USSR hätten noch eine besondere Verantwortung.

Er erbittet sich in Spanien Wirtschaftshilfe, von zweieinhalb Milliarden ist die Rede.

Gleichzeitig liest man von unterirdischen Atombombenversuchen der Sowjets und Weltraumprojekten. Wie paßt das zusammen?

Die Politik Reagans hat die Sowjets in die Knie gezwungen. Das war richtig und wichtig. Aber es hat die USA finanziell sehr geschwächt. Der Staat ist hoch verschuldet. Amerika kann die Lasten, die auch jetzt von neuem auf Washington zukommen, kaum noch tragen.

Währenddessen trägt Europa, allen voran Deutschland, die Früchte ein. Und Japan ist zu einem vergleichbaren Faktor geworden.

Irgendwo, ich glaube, in einer französischen Zeitung, war zu lesen, mit der Vereinigung Deutschlands sei der Zweite Weltkrieg jetzt zu Ende.

Deutschland und Japan hätten ihn gewonnen.

Das ist keine Groteske, sondern ein Factum, mit dem man sich auseinandersetzen muß.

Die Sowjetunion am Ende, die USA geschwächt.

In Amerika sind schon Stimmen zu hören, die einen neuen und ganz neuartigen Pessimismus ausdrücken.

Stimmen der Resignation.

Eines Tages werde Deutschland sowieso bestimmen, was Amerika zu tun habe.

Die Psychologie richtet sich bereits auf die neue Situation ein, die eine neue Konstellation vorbereitet bzw. in nuce bereits ist.

Es gibt also "lachende Dritte".

Die Geschichte der vergangenen Jahrzehnte, man muß sagen, die Geschichte des Jahrhunderts hat eine seltsame Dialektik zutage gefördert. Doch löst sich dieser Eindruck von Seltsamkeit zusehends auf, wenn man die Tatsachen genauer betrachtet.

Deutschland war seit seiner Gründung durch Bismarck eine kritische Größe in Europa.

Der Erste Weltkrieg ordnete Europa neu.

Vom Habsburger-Reich blieben einige Republiken übrig, die sich zum Teil zusammenschlossen. Jugoslawien entstand, die Tschechoslowakei entstand, die Republik Österreich entstand. Ungarn.

Polen konstituierte sich nach rund 120 Jahren staatlicher Nichtexistenz neu. Rußland war in der neuen Sowjetunion aufgegangen. Deutschland behielt sein Staatsgebiet trotz einiger Verluste im Osten im großen und ganzen, wurde jedoch als Kriegsverlierer mit Reparationsforderungen dermaßen belastet, daß damit der nächste Konflikt bereits programmiert war.

Die Weimarer Republik stand im Lichte eines kulturellen Aufschwungs und zugleich im Schatten wirtschaftlicher Misere, die sich auf nationalistische, mithin revanchistische Tendenzen förderlich auswirkte.

Das Hitler-Reich kam, richtete Schaden an und verging.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Deutschland bzw. der von ihm verbliebene Rest geteilt.

Daß es sich dabei um eine Bestrafung des deutschen Volkes handeln sollte, wurde allerdings erst später, als die Teilung gerade überwunden wurde, offen ausgesprochen. Doch da war es bereits zu spät.

Gehen wir von der industriellen und wirtschaftlichen Kapazität und Kompetenz aus, so war das neu entstandene Deutschland Bismarcks für die damaligen europäischen Großmächte eine Herausforderung.

Objektiv lag das Interesse an einer Erhaltung des Friedens bei Deutschland.

Eine aufstrebende Industriemacht will nicht Krieg, sondern Frieden.

Krieg brauchen die Staaten, die die neue Konkurrenz fürchten müssen.

Deutschland war objektiv ein neuer, wachsender Machtfaktor, den die anderen nicht dulden wollten.

So wurde ein Krieg eingefädelt.

Der Schwarze Peter lag zuletzt bei den Deutschen, die ihn spielten, den Krieg "verschuldeten" und verloren.

Die deutsche Konkurrenzmacht schien ein für allemal von der Bildfläche verschwunden zu sein.

Doch sie kam wieder. Und mit Hitler zeigten die Deutschen der Welt gleichsam die Zähne.

Mit ihrer Grausamkeit haben sie sich - wenn auch fragwürdigen - Respekt verschafft.

Dennoch waren die Deutschen diesmal in eine besonders tückische Falle gegangen. Hitler war ihr größter Fehler. Er nützte nicht ihnen, sondern ihren Feinden.

Die Vorgänge um die deutsche Vereinigung in diesem Jahr haben deutlich gemacht, daß sich jene Behinderung Deutschlands wiederholt hätte, wären nicht Amerika und Rußland gewesen.

Allein von England und Frankreich abhängig, was den Westen betrifft, die übrigen Nachbarstaaten wären hinzugekommen, hätte sich Deutschland nicht vereinigen können, und wie wir sehen, lag die Erhaltung und Unterstützung der DDR im einvernehmlichen Interesse unserer westlichen Freunde in Europa.

Auf lange Sicht war hier ein schwerer Konflikt konserviert. Es war ein glücklicher Umstand, daß der Kalte Krieg die Supermächte in eine Entscheidungssituation trieb, in der nun die Sowjetunion nicht nur kapitulieren, sondern sich völlig aufgeben mußte.

Mit der Stärkung Deutschlands, wie europäisch eingebunden auch immer, bei gleichzeitiger Schwächung Rußlands, was im Klartext das Auseinanderfallen der Sowjetunion und schließlich auch Jugoslawiens bedeutet, ändert sich fast abrupt das Kräfteverhältnis in Europa und darüber hinaus in der Welt.

Schon ist von einer "Großmacht" Deutschland die Rede. Moskau hat eine deutsche Mitgliedschaft im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen angeregt.

Deutschland ist allerdings nach wie vor nicht Atommacht. Nach meiner Einschätzung ist dies eine Frage der Zeit; aber Deutschland tut gut daran, sich nicht vorzudrängen.

Zurückhaltung ist seine neue Tugend; es läßt sich bitten und fordern. Es mutet schon absurd an, denkt man an die Furcht vor den Deutschen in diesem Jahrhundert, wenn die Bundesrepublik international unter Druck gerät, weil sie nicht schnell genug auch außerhalb des NATO-Bereichs militärisch (!) präsent wird.

Man sehnt sich nach deutschen Truppen.

Deutschlands Demokratie ist gesichert in den Bündnissen - wirtschaftlich, militärisch, politisch. Und insofern ist gegen eine deutsche Beteiligung auch nichts einzuwenden. Sich freilich in die Rolle einer "Weltmacht" drängen zu lassen, ohne eine zu sein, mit 370.000 Soldaten, die eine atomare Bedrohung nicht erwidern könnten, wäre fatal, eine gefährliche Rutschbahn womöglich, auf der das Land wieder in eine Lage abgleiten könnte, aus der es nur abermals mit "bösen Zähnen" sich befreien müßte.

"Hitler" wird auf einmal "logisch" für die europäische Geschichte und für das Befinden Deutschlands - logisch nicht aus einer "deutschen Seele" heraus, einer "deutschen Misere", die sozusagen "ethnisch" bedingt sei und eben den "deutschen Nationalcharakter" ausmache, sondern logisch in den Kategorien der Machtpolitik eines starken Landes, das von seinen wirtschaftlichen und politischen Rivalen mit und ohne Gewalt "klein gehalten" werden soll.

Man hat den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg systematisch und mit großem Aufwand ein schlechtes Gewissen eingeredet.

Ein Volk, das sich selber schäbig findet, ist ein Gewinn für seine Nachbarn. Dennoch ist es nur ein falscher Schein.

Eine selbstbewußte Nation, die ganz selbstverständlich ihre Rolle in der internationalen Politik und Wirtschaft spielt und ihren Beitrag leistet zum Gesamtwohl der Welt, ist auf lange Sicht nämlich der höhere Gewinn auch für die Nachbarn.

Ich glaube, daß dies allmählich auch verstanden worden ist. Ein hochentwickeltes Industrieland kann man nicht künstlich klein halten, ohne mit ernsten Folgen rechnen zu müssen.

Das sagt uns jedes physikalische Gesetz, wenn wir schon aus der Geschichte nicht lernen wollen. Die Geschichte Deutschlands ist eine Lektion nicht nur für die Deutschen und auf eine ganz andere Weise, als das bisher im allgemeinen gesehen und begriffen wird.

Somit ist der Herr der Geschichte letzten Endes doch gerecht?

Benachteiligte und Opfer des Hitler-Krieges sehen sich noch einmal geschlagen. Das soll gerecht sein?

Wir haben ein existentielles Interesse an der Aufhellung des historischen Tatbestands.

Die deutschen Verbrechen trugen dazu bei, daß die Vorgeschichte mit barmherzig-unbarmherzigen Augen betrachtet wurde; milde beurteilt, soweit es die Gegner und Opfer Hitlers, erbarmungslos verurteilt, sobald es die Deutschen betraf.

Eine ruhige und sachgerechte Erörterung der keineswegs unproblematischen geschichtlichen Hintergründe ist auch in der wissenschaftlichen Literatur kaum möglich, weil sogleich irgendwelche, ideologisch meist straff organisierte Patent-"Demokraten", die in der Regel die Verbrechen der DDR nicht zur Kenntnis nehmen, auf den Plan treten, um sich als politische Moralapostel aufzuspielen.

Es ist zu hoffen, daß mit der Auflösung der DDR und ihrer staatlichen Organisationen, mit dem Ende der Finanzhilfen für ihre Ableger im Westen, auch eine ungestörte, korrekte Beschäftigung mit den ausgesparten Seiten der Geschichte nach und nach möglich wird.

Wenn zwei sich schlagen, sucht man gewöhnlich bei beiden eine Schuld. Die Schuld der Deutschen kennen wir, sie ist über Jahrzehnte aufgedeckt, gedreht und gewendet worden. (27.10.90)

1990-11-03/04:

In vielen (indischen) Bundesstaaten kam es zu schweren Unruhen zwischen Hindus und Moslems. Nach inoffiziellen Angaben kam es zu über hundert Toten. In der nordindischen Stadt Ayodyha geht es um einen Tempelplatz, auf dem seit dem 16. Jahrhundert eine Moschee steht. Die Hindus wollen die Moschee abreißen und einen Tempel an der Stelle errichten. Es sei der Geburtsort des Gottes Ram oder Rama.

Es wird deutlich, daß der Religionskrieg gegen den Islam und der Krieg der oberen gegen die unteren Kasten wesentlich identisch sind. Der Islam ist gleichsam die "natürliche" Religion für die entrechteten "niederen" Kasten.

Daß die herrschenden Kasten das sehr gut begriffen haben, zeigen sie mit dem massiven Einsatz jener "Niederen" als Politmob im Straßenkampf gegen die Moscheen.

Wenn der Flügelschlag eines Schmetterlings genügt, um den Geschicken der Welt eine andere Richtung zu geben, wird's heilig. (3./4.11.90)

1991-01-06:

Ich denke an eine Wiedererinnerung genetischen Wissens.

Wenn sich der Westen nicht reinigt, werden wir noch ein Wunder erleben, eine Serie von Wundern, die uns den Glauben an die Demokratie nehmen könnten.

Die Erkenntnis, daß in jeder Schlüsselposition - ob beim Militär, beim Geheimdienst oder in den Ministerien - ein Agent des Ostens saß oder sitzen konnte, macht einige wichtige Überlegungen notwendig.

Es geht um die Legalität der westlichen Abwehrdienste. Die demokratische Kontrolle macht diese Dienste handlungsunfähig. Die Verbrechensbekämpfung hat grundsätzlich die Legalität zu beachten. Die politische und militärische Abwehr unterliegt in Friedenszeiten den gleichen Prinzipien.

Nun hat die Geschichte freilich erbracht, daß der beste Geheimdienst nichts taugt, wenn plötzlich der staatliche Boden unter den Füßen wegrutscht. Offenbar sind diese "Dienste" eben doch nicht allmächtig.

Der "beste" Geheimdienst war früher der israelische Mossad, so die Saga; heute heißt es, daß es der Stasi der DDR war und möglicherweise noch ist. Der "beste" Geheimdienst ist der erfolgreichste, der mit dem höchsten Informationsstand, aber auch der mit den wenigsten Skrupeln. Eine Zeitlang stand der britische Geheimdienst in dem Ruf, der "beste" zu sein.

Was den britischen von den beiden anderen unterscheidet, ist seine erfolgreiche Arbeit. England ist gut über die Runden gekommen, hat die schwersten Prüfungen bestanden. Recht oder unrecht - für mein Land, die Devise hat sich englisch bewährt. London hat aber vor allem stets zwischen "Frieden" und "Krieg" zu unterscheiden gewußt.

Anders die "Erfolge" von Mossad und Stasi. Der - nach dem Zusammenbruch der Konstruktion "DDR" - als "bester Geheimdienst der Welt" gehandelte Stasi steht am Ende auf seinem eigenen perfekten Apparat, der aber seinen Sinn verloren hat, weil es die "DDR" nicht mehr gibt. Außerdem waren zuletzt Bewacher und Bewachte kaum voneinander zu unterscheiden.

Beim Mossad ist es komplizierter. Der Mythos ist da. Wenn der Mossad so erfolgreich und gut ist, wie ihm nachgesagt wird, dann sind seine Feinde noch besser, oder sie sind im Laufe der Jahre besser geworden, unter anderm auch, weil der Mossad so "gut" war. Israel hat sich nicht nur behauptet, es hat sich auch aufgespielt. Das ist sehr bedenklich. Denn alle Welt glaubt nun, Israel sei gewissermaßen unüberwindbar und allmächtig. Was die wenigsten wissen: daß Israel eine Ruine ist.

Wir müssen grundsätzlich davon ausgehen, daß das - politische und unpolitische - Verbrechen "besser" funktioniert als seine Bekämpfung. Wer auf Gesetze und dergleichen keinerlei Rücksicht nehmen muß, ist seinem eingeschränkten Gegner überlegen.

Im Kriege herrschen andere Gesetze. Es geht letztlich immer um die Frage, ob wir es mit einem Krieg zu tun haben. Der Krieg hebt die bürgerlichen Gesetze auf. Und das unterscheidet schließlich den Mossad vom Stasi. Israel befindet sich seit Anbeginn in einem Kriegszustand. Die Methoden des Mossad sind Methoden des Krieges, wo es um die Bekämpfung des Terrorismus geht.

Der Staatssicherheitsdienst/SSD/Stasi war ein Instrument der Aggression nach innen und außen. Das System des organisierten Kommunismus war wie der organisierte Nationalsozialismus per se kriminell. KGB, Stasi, Securitate und die anderen Geheimdienste des Ostblocks waren oder sind Instrumente des organisierten Politverbrechens.

KGB und Stasi haben gegen die Bundesrepublik Deutschland auf vielfältige Weise - mitten im "Prozeß der Annäherung und des Friedens", der doch den "Kalten Krieg" ablösen sollte - Krieg geführt, unter anderm einen terroristischen Angriffskrieg.

Leider ist diesem Destabilisierungskrieg nicht mit kriegerischen, also militärischen Mitteln begegnet worden.

Das ist die Schwäche des Westens, die er nun im Falle des Iraq überwinden möchte. Die konsequente Verfahrensweise in der Golfkrise ist nämlich eine ganz andere. Hier wird klar in den Kategorien des Krieges gedacht und entsprechend gehandelt. Dies eben sichert die Demokratie im Innern.

Die Politik zwischen Frieden und Krieg, auch "Entspannungspolitik" genannt, vermied die Feststellung des Kriegszustands und verschob damit die Situation "Krieg" ins Innere des Landes. Der innergesellschaftliche Krieg ist es, womit sich die Demokratien heute herumschlagen müssen, weil sie den äußeren Krieg nicht wahrhaben wollten.

Tatsächlich ist die Frage "Krieg oder Frieden" zuerst eine philosophische Frage. Es ist eine Frage der Analyse einer Situation, eine Frage der Definition von Begriffen wie "Frieden" und "Krieg".

"Frieden" zunächst lediglich als "Abwesenheit von Krieg" zu definieren, legt nahe, sich dem Begriff "Krieg" zuzuwenden, der offenbar schon seiner Natur nach weniger diffus ist. Doch dies hat sich geändert.

Anstelle des klar umrissenen und zu umreißenden Begriffes "Krieg" trat ein anderer Begriff, ja trat eine ganze Reihe von neuen Begriffen, die allesamt vom Begriff "Krieg" abgekoppelt erschienen, obwohl sie auf den ersten Blick kriegerische Handlungen beschreiben, denen man nur beikommen muß.

Um den großen Krieg oder auch nur den offenen konventionellen Schießkrieg zu vermeiden, wurden und werden nun Ersatzkriege geführt, die man mal "Terrorismus" nennt, ein andermal "Krise" samt "Management" oder "Jugendkriminalität", "Soziale Probleme", "Drogensucht".

Es sind jedesmal Kriegshandlungen von der Art, die man entweder selber inszeniert, um dem Gegner ein Signal zu senden: Sieh her, ich mach mich grad kaputt - oder die ins Land hineingetragen werden. Es läßt sich zuletzt nicht mehr unterscheiden, womit wir es im Einzelfall wirklich zu tun haben.

Der sozusagen "philosophische" Kompromiß besteht darin, daß die Situationen, Grob- und Feinzustände, daß konkrete Vorgänge nicht mehr richtig wahrgenommen und also auch nicht mehr genau bezeichnet und definiert werden.

Die Begriffe kommen ins Schwimmen, und plötzlich kehrt sich alles in sein Gegenteil, das Gute wird jetzt "böse" genannt, das Böse zum "Guten" befördert.

Die Verhinderung des Krieges ist nicht Frieden, ist auch nicht die Abwesenheit von Krieg, sondern eine neue Formenvielfalt des Krieges.

Der Krieg findet statt; als Angst- und Panikmache vor dem Krieg, als Terrorismus, Drogenkriminalität, organisiertes Verbrechen, Medienkampagnen, Desinformation und als ein merkwürdiger Konsens in Lug und Trug.

Der materielle und der Nerven-Krieg - das ist eins - wird im eigenen Lande gegen die eigene Bevölkerung geführt. "Um Schlimmeres zu verhüten."

Aber es gibt in der Tat nichts Schlimmeres. Die seelische Vergiftung und geistige Verseuchung greift auch auf den menschlichen Körper über.

Neue Epidemien zerstören die humane Substanz der Gesellschaft auch biologisch.

Die Politik der "Verhinderung des Krieges" ist demnach eine Lüge und eine Täuschung. Die Hinausschiebung des Krieges holt ihn faktisch herein. Der Mensch ist für den Krieg geschaffen, nicht gegen ihn.

Die Begriffsklärung aus Anlaß der Golfkrise sollte festgeschrieben werden. Eine neue Aera der Klärungen könnte so ihren Anfang nehmen.

Wer in Grundsatzfragen nicht mit sich handeln läßt, kann und wird die Zukunft meistern.

Die "Abwesenheit des Krieges" - in diesem Lichte - ist das Elend selbst.

Man soll nicht sagen, daß die Demokratie in Deutschland so institutionalisiert sei, daß sie auch ohne Demokraten, an denen es sowieso fehle, funktioniere.

Es ist eine der neuen Redensarten, mit denen die mittlerweile nicht mehr zu übersehende Qualität bundesdeutscher Demokratie konterkariert, "widerlegt" und diffamiert werden soll.

Dieser demagogischen Pfote ist der DDR-Wolf abgehackt worden, so plötzlich, daß ihre Reflexe noch die alten sind.

Das israelische Institut für strategische Studien hält die Iraq-Strategie der Regierung in Jerusalem für falsch.

Israel hatte angekündigt, daß es im Falle eines Angriffs zurückschlagen werde. Das Institut warnt nun davor, sich auf diese Weise in eine arabisch-israelische Konfrontation zu manövrieren.

Der Iraq verfüge über 25 Flugzeuge, die einen Einsatz gegen Israel fliegen könnten, aber das sei nicht weiter tragisch.

Auch der Einsatz von chemischen Mitteln, Gas, könne einer geschützten Bevölkerung nicht sehr schaden.

Das Institut spricht von Kräfteverhältnissen. Was ist davon zu halten? Soll Israel vor einer militärischen Selbstüberschätzung bewahrt werden? Oder ist der "Intelligenz"-Dienst an einer Klärung der Situation nicht interessiert - weil "Klärung", siehe oben, womöglich das Ende Israels, weil den Zusammenbruch der westlichen Politik im Nahen Osten bedeuten würde?

Oder hat das Institut bereits verstanden, daß sich im Verhalten Saddams in der Kuwait-Frage, die er zugleich mit der Palästina-Frage verknüpft sehen will, eine Chance verbirgt?

Saddam, der es kategorisch ablehnt, Kuwait wieder zu räumen, setzt dies mit Palästina gleich, nämlich mit der Weigerung Israels, die besetzten Gebiete zu räumen.

Heißt das nicht, daß Iraq und Israel sich darauf einigen könnten, die von ihnen okkupierten Gebiete zu annektieren?

Das Institut beklagt, daß es zwischen der Regierung Bush und dem Regime Saddams keine Verständigung, kein Verständnis gebe.

Saddam: Bereit zum Krieg der Kriege um Palästina. (6.1.91)

1991-01-09:

Baker und Aziz sprechen in Genf. Sowjetische Panzer fahren durch Wilna. Die Suez-Krise von 1956 fiel mit der Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes zusammen.

Die Gespräche mit Aziz seien substantiell gewesen, sagt Baker. Vor Hoffnungen sei gewarnt, noch ist nicht aller Nächte Dämmerung. Jordanien hat seine Grenzen zum Iraq geschlossen.

Die Absicht entscheidet über Krieg oder Frieden, die Absicht der Regierung in Bagdad, die Absicht Washingtons usf.. Dagegen wirkt als Korrektiv die objektive Notwendigkeit, also das, was als "richtig" zu gelten hat.

Israel spricht seit einigen Tagen die richtige Sprache. Ich hoffe, daß es imstande ist, das Richtige zu tun. (9.1.91)

1991-01-11:

Konstituierende Versammlung des Berliner Abgeordnetenhauses in der Nikolai-Kirche. Das Parlament einigt sich mehrheitlich auf die bisherige Westberliner Verfassung als Verfassung von Berlin.

In Litauen gehen sowjetische Fallschirmjäger gegen die Zivilbevölkerung bzw. ihre politische Vertretung vor. Es hat bereits Tote gegeben. Ein Panzer überfuhr einen Lastwagen.

Die Initiative, die Israel hätte ergreifen müssen, ergriff der Iraq.

Saddam sprach heute vor der Islamischen Konferenz, die in Bagdad stattfindet. Er will den Heiligen Krieg der Gläubigen gegen die Ungläubigen.

Saddam verhöhnte die Saudis: sie würden sich von amerikanischen Frauen in kurzen Hosen verteidigen lassen. Tatsächlich sind amerikanische Frauen dort im Einsatz. Saddam prophezeit einen Sieg der Araber über die Ungläubigen.

Islamische Schriftgelehrte in Mekka haben die Abwehr Saddams auch mit Hilfe fremder ("ungläubiger") Mächte für Rechtens erklärt. Moslems seien verpflichtet, Saddam auch mit ausländischer Unterstützung aus Kuwait zu vertreiben. (11.1.91)

1991-01-15:

US-Kongreß (beide Häuser) mit schwacher Mehrheit für Bush's Iraq-Politik. Britisches Unterhaus: etwa 350 gegen 50 Stimmen. (15.1.91)

1991-01-25:

Der Golfkrieg läuft jetzt seit neun Tagen. Am 15.1. lief die Frist ab. Der Krieg begann 19 Stunden nach Ablauf der Frist: nach MEZ um 1.00 Uhr, am 16.1.91.

Der gestrige Israel-Besuch von Außenminister Genscher und Delegation (Rühe darunter), parallel dazu ein paar SPD-Leute mit Vogel an der Spitze, hat einen deutschen Tiefpunkt in der politischen Moral markiert.

Die Deutschen wollen sich heraushalten, demonstrieren gegen die USA statt gegen Saddam und lieferten Giftgas an den Iraq.

Das wird im Ausland zusammengesehen. Der türkische Präsident Özal sagt, die Deutschen seien unterm NATO-Schild reich geworden und haben ihren Kampfgeist verloren.

Die Raketen auf Israel haben mehr Unruhe gestiftet als das schwere, seit Tagen andauernde Bombardement auf Iraq.

In Israel beklagt man etwa hundert Verletzte und zwischen drei und vierzehn Tote. Bezüglich des Iraq spricht man bereits von Hunderttausenden, die ums Leben gekommen sein sollen.

Gleichzeitig heißt es, man führe nicht Krieg gegen das iraqische Volk, sondern Krieg gegen Saddam Hussein.

Die Nachrichtensperre ist, was die iraqischen Opfer betrifft, komplett.

Israel droht Vergeltungsschläge an.

Die amerikanischen Flugabwehrraketen "Patriot" sind nicht erfolgreich genug. Jede Rakete, die nicht abgeschossen wird, jede iraqische (sowjetische) "Scud"-Rakete, die in Tel Aviv explodiert, ist je eine Rakete zuviel.

Israel hat bisher nicht zurückgeschlagen; angeblich, weil die Amerikaner es nicht zuließen, weil die Gesamtstrategie es nicht zuließe, weil außerdem die Anti-Iraq-Koalition auseinanderbrechen würde.

Hier setzt nun meine Einschätzung ein, und dies ist mein Thema.

Man hat gefragt, warum es zu diesem Rieseneinsatz am Golf kommen mußte, nur weil der Iraq das kleine Kuwait überfallen und vereinnahmt hatte.

Solche Vorfälle sind nicht selten, gehören eher zum historischen Alltag der vergangenen Jahrzehnte, ohne daß darum jemals so ein großartiger militärischer und politischer Aufwand getrieben wurde.

Korea und Vietnam fallen einem allenfalls dazu ein. Diesmal tritt erstmals wieder die UNO gewichtig in Erscheinung.

Neu ist, daß die Sowjetunion jetzt als Partner und nicht als Gegner der USA auftritt. Auf einmal ist die Welt von Washington bis Peking und Tokio sich einig in der Frontstellung gegen Saddam Hussein.

Jahrelang wurde der Iraq von allen Seiten hochgerüstet. Man mußte sich fragen, warum das geschah.

Alle Groß- und Mittelmächte waren daran beteiligt. Die Sowjets zu achtzig Prozent, wie es heißt. Brasilien lieferte eine große Panzerarmada. Frankreich Flugzeuge und Raketen. Die Deutschen lieferten auch, allerdings illegal; d.h. die Bundesrepublik hat sich eigentlich nur vorzuwerfen, nicht rigoros genug gegen den illegalen Waffenhandel usw. vorgegangen zu sein.

Marschiert nun die ganze Welt am Golf nur auf, um auch in dieser Region den Ost-West-Konflikt zu einem Ende zu bringen, den als neue Großmacht aufgebauten Iraq wieder abzubauen?

Ost und West sind sich gegen den Iraq plötzlich einig. Israels Rolle schrumpfte in dem Maße, wie der Iraq sich stark machte.

Auch diese Schrumpfung muß demnach beabsichtigt gewesen sein.

Die Israelis glauben (angeblich), sie könnten gegen den Iraq noch einen entscheidenden militärischen Beitrag leisten.

Ich glaube nicht, daß Israel dazu noch in der Lage ist (wenn wir einen atomaren Verzweiflungsschlag einmal ausschließen wollen).

Es hält sich zurück, weil ihm die Kräfte fehlen.

Amerika ist am Golf, um Israels Existenz zu sichern. Ich fürchte, daß Israel sich auf seine Evakuierung vorbereiten muß. Das hat auch seine historische Logik.

Die Gründung des Staates Israel und der Beginn des Kalten Krieges fallen zusammen: 1948. Berlin und Deutschland werden geteilt; politisch, ökonomisch, währungspolitisch, ideologisch. Unter dem Gesichtspunkt des Ost-West-Konflikts wird Israel zu einem geopolitischen Keil im Nahen Osten.

Interessant ist (und ins Bild paßt), daß der Staat Israel zuerst von der USSR und den USA anerkannt wurde, also von den Kontrahenten im Kalten Krieg. Das muß also für beide nützlich gewesen sein.

Der "Westen", genauer: die USA - hatten mit Israel eine offensive Plattform in Nahost. Die Sowjetunion erhielt dadurch den nützlichen Provokateur für die nun bedrängten Araber.

Das Ende des Ost-West-Konflikts, das Ende des Kalten Krieges wäre logischerweise das Ende der beiderseitigen Nützlichkeit Israels.

Berücksichtigt man den heutigen Zustand des jüdischen Staates, so scheint jede Verschlechterung mit der Verbesserung der Ost-West-Beziehungen einherzugehen.

Die Sowjetunion ist heute auch nicht mehr an ihren Verbündeten Syrien und Iraq interessiert. Außerdem ist ihre internationale bzw. weltpolitische Rolle nicht mehr gegeben. Syrien hat sich schnell zum Westen geschlagen. Iraq versucht nun aus eigener Kraft, mit der neuen Situation fertigzuwerden.

Der Vorteil des Iraq liegt in der Stimmung der arabischen "Massen". Die Menschen fühlen sich erniedrigt und gedemütigt. Saddam gibt ihnen den Stolz und die Selbstachtung wieder. Der Islam wird inzwischen auch von Saddam einbezogen. Auch das ist logisch in der Aera nach dem Kalten Krieg zwischen "Ost" und "West".

Der "Sozialismus", auch der "Arabische Sozialismus", gehört der Vergangenheit an. Der Krieg ist sozusagen die historische Stunde der Wahrheit.

Meine Einschätzung der Lage im Nahen Osten widerspricht meinen Sympathien und persönlichen Wünschen.

Wenn ich mich innerlich für Israel "starkmache", so tue ich es aber "eigentlich" wider besseres Wissen.

Ich denke, Europa sollte sich auf eine Evakuierung Israels einrichten. Der Exodus hat sowieso schon begonnen. Viele Menschen verlassen das Land, wenn auch zunächst nur vorübergehend. Sogar junge Menschen gehen diesen Weg.

Israel ist aus eigener Kraft nicht existenzfähig, und der Iraq ist inzwischen so stark und mächtig, daß es gegen ihn nicht mehr verteidigt werden kann, auch wenn die ganze Welt daran beteiligt ist.

Israel ist zu klein, es läßt sich militärisch nicht halten. Israels Existenz beruhte auf einer Fiktion, der Fiktion nämlich, es sei ein kämpferischer Elitestaat in einer arabischen Umwelt von viel größeren und stärkeren Staaten.

Das war die Fiktion, eine Legende. Tatsache ist, daß Israel nie bedroht war, niemals wirklich um seine Existenz kämpfen mußte. Auch um Israel tobte vor allem ein Kalter Krieg, ein Propagandakrieg. Jetzt aber ist es ernst geworden.

Diese Einschätzung geht davon aus, daß Amerika den Krieg nicht gewinnen kann. Daß der Iraq im Stand bleibt, Israel zu bedrohen und mit Raketen oder Bomben zu terrorisieren.

Dabei hat Bagdad den Vorteil, mit seinen Mitteln sparsam umgehen zu können. Eine Rakete, die trifft, genügt, um große Unruhe zu verursachen, die Ohnmacht und die irrationale Reaktionsbereitschaft zu vergrößern.

Iraq braucht keinen Vernichtungsfeldzug gegen Israel zu führen, um die Israelis auf ihre Grenzen hinzuweisen. Ein israelischer Gegenschlag ist - angesichts der seit neun Tagen pausenlosen massiven Luftangriffe der Alliierten auf Iraq - ein sagenhafter Höhenflug ohne realen Hintergrund.

Ob sich eine Neuordnung des Nahen Ostens unter den Bedingungen, die der Krieg soeben schafft, überhaupt noch denken läßt, muß man sich fragen.

Ich war über die Wucht der Luftattacken gegen den Iraq doch erstaunt. Ich hatte mir ein paar gezielte - intelligente, differenzierte - Flüge gegen Nervenzentren, gewisse "Enthauptungen" vorgestellt, aber nicht eine flächendeckende Bombardierung des ganzen Landes. Denn darauf läuft es schließlich hinaus.

Wenn die Wahrheit über diese Verwüstungen und die Menschenopfer bekannt wird, was die totale Nachrichtensperre als "Information rund um die Uhr" schon jetzt im Keim verhindern will, auch CNN dient letzten Endes der Desinformation, stürzt Amerika und mit ihm die ganze westliche Welt moralisch in sich zusammen.

Bush wollte eine Wiederholung "Vietnams" vermeiden, aber das wird nicht besser als "Vietnam", sondern schlimmer ausgehen.

Israel hat seine Chance, Hegemonialmacht in der Region zu werden, nicht wahrnehmen können. Aus vielerlei Gründen.

Der Zionismus war ein Hemmschuh, weil er nur für Juden akzeptabel sein konnte. Israel war konzeptionell ein Faktor der Beunruhigung und der Feindseligkeit.

Der Sprung aus diesem Korsett in eine demokratische Gesellschaftsvorstellung, die weder an religiöse noch an ethnische Privilegien gebunden ist, ist den Israelis nicht gelungen, falls eine solche Absicht überhaupt jemals in einem erwähnenswerten Maße bestand.

Während die ganze Welt den Südafrikanern die Apartheid unter die Nase rieb, ist Israel eine Alternative zum zionistischen Selbstverständnis nie wirklich bewußt gemacht worden.

Das hätten die westlichen Demokratien veranstalten müssen, was sie jedoch unterließen.

Israel wurde immer so behandelt, als wäre es ein Staat besonderer Güte und eigener Gesetzlichkeit, gleichzeitig aber ein demokratisches Land westlichen Zuschnitts. Die Widersprüche, die sich damit zwischen den Vorstellungen, zwischen Idee und der Wirklichkeit auftaten, wurden immer wieder zugedeckt. Und Lernen aus der Geschichte ist für die Israelis kein Programm, das sie sich selbst verschrieben hätten.

Die konkrete Nahost-Analyse geht für Israel selten gut aus. Als ob es sich eingesperrt hat.

Die heutige Situation Israels muß man im Lichte seiner früheren Selbstüberhebung und Selbstüberschätzung betrachten. Zumindest betrifft dies die offizielle Seite des Landes.

Aus Mythen kann man nur erwachen, und es geschieht gewöhnlich ziemlich schnell und überraschend. Nur, daß jetzt die Schuld am bisherigen Versagen und Verfehlen nicht selbstkritisch analysiert, sondern irgendwo anders gesucht wird, gehört eben auch ins Bild.

Es gibt da Ähnlichkeiten mit den Deutschen, die auch gern jammern und klagen, wenn die Zeit des Auftrumpfens und Triumphierens vorbei ist. (25.1.91)

1991-01-29:

Scholl-Latour sagte neulich, in diesem Krieg gehe es um mehr als um Macht, Öl usw., es gehe um die Gunst Gottes. Er erinnerte an die alte Geschichte von Ismael und Isaak, und es war für einen Augenblick, als wollte er mir sagen, halt an deinem Projekte fest. (29.1.91)

1991-01-30:

Die Frage ist hier allenfalls, ob ich meine Analysen und Einschätzungen nur theoretisch betreibe, oder ob ich praktische Konsequenzen für mich daraus ziehe. Was wird aus Israel? Was wird aus mir? Noch etwas scheint zum Gesamtbild zu fehlen. Aber was?

Genügt nicht die Vernichtung des Iraq? War es das, was man wollte, als es nach Gerechtigkeit schrie? Bin ich unsicher, wenn ich die Frage beantworten soll? Nein. Es geht um viel mehr.

Wir sind im Krieg, und im Krieg wird die abweichende, die differierende und differenzierende Meinung schnell zur Gegenmeinung. Hier geht es um zwei grundlegende Fragestellungen.

Einmal haben wir es mit der richtigen Politik Deutschlands zu tun. Das ist gewissermaßen die subjektive Betrachtung, wenn man hier lebt und in der innenpolitischen Szene parteiisch ist.

Ganz klar: Deutschland gehört zur NATO, muß seinen Verpflichtungen nachkommen. Der Krieg am Golf war notwendig und richtig. Was daraus wird, ist die zweite, die eher objektiv gestellte Frage.

Daraus ergibt sich die neue Frage nach zwei Wochen Krieg: Ist dieser Krieg überhaupt noch der gewollte?

Hat der Krieg nicht längst Formen angenommen, die

1) von dem UN-Beschluß, Kuwait zu befreien, gar nicht mehr gedeckt werden und darüber hinaus

2) allerdings die Zustimmung der beteiligten Staaten bzw. ihrer Regierungen zu haben scheinen?

Es war anfangs immer nur von militärischen Zielen, von Präzisionsschlägen usw. die Rede.

Inzwischen werden Land und Volk Iraq rund um die Uhr mit einem Bombenteppich belegt, der keinem geschichtlichen Vergleich standhält.

War dies die ursprüngliche Absicht, wurden wir über die Ziele des Krieges getäuscht?

Gemessen an der Sprengkraft, die die Luftwaffen in knapp dreißig Einsätzen über dem Iraq entfesselten, müssen Hunderttausende gestorben und verletzt worden sein.

Die Zeugen dieses Luftmassakers, die Überlebenden, werden keine Ruhe geben, wenn wir sie nur erst einmal zu sehen bekommen.

Ich habe Angst, die westliche Zivilisation könnte sich in diesem Krieg moralisch verschleißen.

Zu sehr wird in Amerika betont, daß ein Kampf des "Guten" gegen das "Böse" ausgebrochen sei.

Ähnliches sagt der Iraqer Saddam, nur meint er natürlich eine andere Besetzung der Rollen.

Was bringt dieser Krieg hervor? Wie sind überhaupt die Aussichten? Bush ist vom amerikanischen Sieg überzeugt, Saddam vom iraqisch-arabisch-islamischen Sieg. Bush glaubt an die Menschenrechte, Saddam betet neuerdings zu Gott. Was denkst du?

Ich habe seit Jahren meine grundsätzlichen Bedenken und Bedenklichkeiten ausformuliert. Im übrigen möchte ich den Ausgang des Krieges Gott überlassen. Habe ich damit nicht aber unversehens Partei genommen?

Vollmond. Mittwoch. TU B'SCHWAT (Teth Wav = 9+6 =) 15. Tag im Monat Schwat. Das Neujahrsfest der Bäume. Der Krieg geht weiter. Wahrscheinlich steht der Bodenkrieg kurz bevor, vielleicht beginnt er soeben.

Kalte Luft aus dem Baltikum, was nicht politisch gemeint ist. Der Winter zieht nach. Je mehr in der Welt geschieht, desto weniger schreibe ich auf. Man bedenke, daß Schreiben ein Handlungsersatz ist. Vorausdenken ist etwas anderes.

Als Zauberwort entdecke ich: Krieg. Soll es das sein? Warte ich auf Krieg, auf eine Entscheidung in diesem Krieg? Es ist ja Krieg.

Die Alliierten zögern den Landangriff hinaus, weil sie glauben, den Feind noch nicht zureichend zerschlagen zu haben. Aus England kommen dann und wann Warnsignale: Der Iraq sei noch hervorragend gewappnet.

Der Februar wird lang sein und fürchterlich, eine verregnete Wüste und ein erbitterter Feind werden den Alliierten zusetzen.

Der Islam wird sein Recht fordern, denn der Ramadan steht vor der Tür. Und die Pilgerzeit folgt nach.

Eigentlich müßten bis dahin die Ungläubigen das Land der heiligen Stätten verlassen haben. Aber das ist nicht zu erwarten.

Sollen sie als Geschlagene abziehen? Ist ihnen ein Sieg nicht vergönnt, weil Allah die Schweinefleischfresser nicht mag? Oder zählen hier andere Fakten?

Allah ist mit den Standhaften. So steht es im Koran. Die Beachtung der Gesetze gehört dazu. Die innere Stabilität und die Rüstung.

Das Gleichnis derer, die nicht an ihren Herrn glauben, ist: Ihre Werke sind gleich Asche, welche der Wind an einem Tag des Sturms zerstreut. Ihre Werke sollen ihnen nichts frommen. Das ist der tiefe Irrtum. (14. Sure - Abraham, Frieden sei auf ihm! -, Vers 21)

Was bedeutet es hier, wer fällt darunter? (30.1.91)

1991-01-31:

Saddam hat gestern seine erste Landoffensive gegen Saudiarabien eingeleitet, wider alle westliche Erwartung. Die Stadt Khafji ist seit etwa 36 Stunden umkämpft. Eine nächste Offensive an anderer Stelle und in größerem Umfang werde vorbereitet. Die Initiative liegt immer wieder beim Iraq.

Wenn man vom alliierten Bombardement absieht, bestimmt Saddam seit Beginn des Krieges dessen Verlauf. Das ist bemerkenswert und steht in einem erstaunlichen Gegensatz zu den offiziellen, im übrigen zensierten Verlautbarungen des Oberkommandierenden Generals Schwarzkopf. Seine Ablösung sollte ins Auge gefaßt werden.

Bis jetzt ist nicht klar zu erkennen, ob Saddam über die Besitzwahrung von Kuwait hinaus eine Strategie hat.

Die Vertreibung der Ungläubigen und die Zerstörung Israels als Staat: ist das mehr als Propaganda?

Die islamischen und im besonderen arabischen Völker, gerade die armen, setzen auf Saddam Hussein als den "Befreier".

In Berlin werden die Wehrpflichtigen des Jahrgangs 1972 registriert, meldet der Innensenator. (31.1.91)

1991-02-06:

Wahrheit und Freiheit. Freiheit oder Wahrheit. Eine Wahrheit, die Freiheit nicht einschließt, ist keine. Eine Freiheit aber, die die Wahrheit ausgeschlossen hat, ist nicht erhaltenswert. Ist der Krieg ein Beitrag zur Befreiung der Wahrheit, richtet er über Lug und Trug?

Die Freiheiten der westlichen Gesellschaft sollen nicht darüber hinwegtäuschen, daß hier die Wahrheit keine Chance hat.

Ihre Befreiung würde diese Gesellschaft auf den Kopf stellen - oder buchstäblich wieder auf die Beine.

Damit aber ist das Todesurteil über sie schon gesprochen. Der Schein sagt uns freilich etwas anderes. Ich will darüber jetzt keine Worte verlieren. Ich weiß, wer ich bin und wo mein Platz ist. Ich werde auch wissen, wann meine Zeit gekommen ist, die Stunde der Wahrheit. Da komme ich wirklich von sehr weit her. (6.2.91)

1991-02-08:

Moralisch - und letztlich politisch - hat der Westen den Krieg bereits verloren. Saddams Verbrechen an den Kurden und am Iran verschwinden angesichts dieses Krieges, der seinen Opfern überhaupt keine Chance läßt. Allah u akbar! Das antike Rom trug seine militärischen Siege nach Hause und ging doch unter. (8.2.91)

1991-02-10:

Der Krieg am Golf bewegt sich bereits an einem Scheideweg. Die Bombardierungsphase ist weitgehend abgeschlossen. Ihr Zerstörungserfolg ist kaum abzumessen.

Offenbar darf man davon ausgehen, daß viel struktureller Schaden angerichtet wurde, die Schlagfähigkeit der iraqischen Streitkräfte jedoch noch besteht.

Es wird gesagt, daß vielleicht 20% der Elitetruppe "Republikanische Garde" vernichtet bzw. ausgeschaltet seien. Das sind zensierte Nachrichten, die einem Zweck folgen; sie können also ebensowohl übertrieben wie untertrieben sein.

Die iraqische Armee hat sich bisher kaum bemerkbar gemacht. Die militärischen Aktivitäten Bagdads beschränken sich auf sporadische Raketensendungen nach Riad, Dahran und Tel Aviv, Haifa, Westbank sowie auf einzelne Aktionen à la Khafji.

Mehr und mehr sollen jetzt schon Bodentruppen aufeinandergestoßen sein, aber das Schwergewicht liegt auf dem Bombardement und vor allem auf der westlichen, militärisch zensierten Berichterstattung über das gesamte Kriegsgeschehen.

Wir hören so gut wie nichts über die zivilen Opfer des Bombenkriegs. Man ist auf Vergleichsrechnungen angewiesen.

Was die "B 52" mit ihren Bombenladungen angerichtet haben, können wir nur ahnen. Die iraqischen Meldungen sind noch spärlicher. Bagdad ist nicht daran interessiert, das wahre Ausmaß der Zerstörungen bekanntzugeben.

Für die weitere Entwicklung - also Fortführung des Krieges, Veränderung seiner Qualität, oder Waffenruhe - ist wahrscheinlich entscheidend, was die Iraqer militärisch und die Alliierten psychologisch noch vermögen.

Das Verhalten des Alliierten-Kommandos läßt die Annahme zu, daß der Iraq militärisch noch nicht geschlagen, daß der Krieg also noch nicht gewonnen ist.

Dies vorausgesetzt, stellt sich von Tag zu Tag mehr in den Vordergrund, was

a) der Westen, vornehmlich die Amerikaner, und

b) die arabischen Alliierten ihren Bevölkerungen noch zumuten dürfen.

Im Iraq scheint sich die Auffassung breitzumachen, daß es in diesem Krieg nicht mehr um Kuwait, sondern um die Zerstörung des modernen Iraqs, seiner Machtposition, daß es um die Vernichtung all des gesellschaftlichen, technologischen, wissenschaftlichen Fortschritts im Lande gehe.

Die Anwendung der Mittel in diesem Luftkrieg ist verglichen mit dem angegebenen Zeck unverhältnismäßig, das spürt jeder. Das ist für den Westen eine psychologische Gefahr.

Westliche, insbesondere britische Intelligenzberichte weisen denn auch jetzt öfter darauf hin, daß sich in Bagdad Widerstand rühre, der sich in Anti-Saddam-Parolen an Häuserwänden äußere.

Daß in Bagdad angeblich nur "präzise" Raketen einschlagen, ist vielleicht eine optische Ergänzung solcher Berichte.

Im Westen, in Amerika vornehmlich, nimmt die Angst vor größeren - eigenen - Verlusten zu. Man möchte auf den Knopf drücken, den Feind vernichten und wieder nach Hause fahren. Der Iraq will genau das verhindern.

Ein objektives Interesse an der Weiterführung und Verschärfung des Krieges besteht auf iraqischer Seite. So ist die Lage.

Die enorme technische Überlegenheit der Alliierten kann sich nur auf einen begrenzten Kampfeswillen der Amerikaner stützen. Der Kampfgeist aber bestimmt den Ausgang des Krieges.

Ein Krieg im klassischen Sinn hat bis jetzt noch nicht stattgefunden. Wir stehen vor den Trümmern eines Vernichtungsbombardements, dem kaum Widerstand entgegengesetzt werden konnte.

Der Krieg beginnt, wenn die Truppen aufeinandertreffen. Die Luftschlacht, eine recht einseitige Angelegenheit, hat der Westen "gewonnen". Den Krieg hat er aber schon verloren, noch ehe er eigentlich beginnt.

Mit den Amerikanern steht und fällt die westliche Zivilisation, wie wir sie heute verstehen. Ein amerikanischer Rückzug aus dem Weltgeschehen würde uns in Europa den neu/alten Konstellationen und Problemen wieder aussetzen.

Die islamische Front ist gespalten, ihre kämpferischen Elemente halten sich zurück. Die Opportunisten, Verräter und Demagogen haben überall das Wort.

Aber es gibt eine Wahrheit unter der Haut, die an die Oberfläche drängt. Ich bin sicher, daß gefestigte Denker im biblisch-islamischen Raum ausreichend vorhanden sind.

Saddam ist nur ein Instrument, aber er ist ein wichtiges Instrument Gottes. Er hat seine Zeit, und wir werden eine Zeit nach Saddam erleben.

Wichtig ist, daß er mit seinem Starrsinn die Dinge vorangebracht hat. Wichtig ist, daß er das Wesentliche in Taten ausdrückt. Daß er die Konfrontation gewagt hat. Das ist historisch einmalig und erstmalig.

Man könnte es allenfalls mit dem Widerstand Judäas gegen Hellas und Rom vergleichen. Auch damals schied sich der militärische Sieg von der geistigen Niederlage. Der Sieg Roms läutete das Ende seiner Weltmacht und vor allem seines Weltgeistes ein.

Judäa errang den großen geistigen Sieg in und mit seiner militärischen und politischen Niederlage.

Wird auch der Islam seine künftige Geschichte im Westen schreiben?

Die Situation, die durch diesen Krieg hervorgerufen wird, ist das eigentliche Thema. Denn diese Situation stand als Absicht am Anfang des Krieges.

Der Krieg ist ein Mittel und ein Weg, dieses Ziel zu erreichen. Nein, wohl zwei Ziele stehen am Anfang - ein westliches und ein arabisch-islamisches Ziel.

Eine Notwendigkeit aus der Wahrheit und der Gerechtigkeit Gottes zeichnet das Bild einer untergehenden, in sich versinkenden Zivilisation.

Der Untergang dieser hochentwickelten Industriekultur ist nicht das Werk eines Saddam Hussein, nicht das Werk äußerer Feinde.

Nein, diese äußeren Feinde nähren sich und ihre Legitimation aus der inneren, der sozialen, psychischen, moralischen, der ethischen Zerrüttung und Verwahrlosung.

Eine Zivilisation der Selbstverblendung und der Blindheit vor ihrer eigenen Verlogenheit, einer objektiven Lüge, muß eines Tages zugrundegehen.

Freiheit ist nur noch eine Hülse ohne Inhalt.

Eine Zivilisation des Selbstbetrugs, des Scheins und der Täuschung bringt sich schließlich selber um.

Alle Mittel und Mittler müssen dem gerechten Gotte recht sein und billig, um dieses Seelenelend aus der Welt zu schaffen.

Saddam Hussein ist so ein Mittler.

Wenn Gott gerecht ist (und wenn meine Analyse, meine Gesamtdiagnose stimmt), muß der Westen im Nahen Osten einen Pyrrhus-Sieg erringen, einen Sieg, der zugleich den Untergang der Sieger einleitet, drastisch einleitet.

Es ist auch dieser Kultur nicht gelungen, die Schatten des Elends zu beseitigen. Nie wird es gelingen - wenn Gott es nicht will.

Der Iraq will weiterkämpfen, heißt es heute. Zu Friedensverhandlungen ist Bagdad nur bereit, wenn keine Bedingungen gestellt werden (etwa Abzug aus Kuwait) und: unter Ausschluß der USA.

Die inneramerikanische Diskussion setzt die ersten Selbstzweifel an. Sie richten sich auf die militärischen Fähigkeiten der USA. (10.2.91)

1991-02-16:

Erstaunlich, wie reibungsarm die "Öffentliche Meinung" wieder einmal gleichgerichtet worden ist.

Lea Rosh, eine Moderatorin, bei der früher Israelis nie sicher vor klugen Ermahnungen sein konnten, hat jetzt umgeschaltet.

Bahman Nirumand, der bei Leuten wie der Rosh stets auf Unterstützung rechnen konnte, steht auf einmal allein da, wenn er sagt, daß es durchaus zumutbar und Rechtens sei, die Erfüllung sämtlicher UN-Resolutionen einzufordern.

Er hält die Verbindung, der Iraq verläßt Kuwait, Israel verläßt die besetzten Gebiete, Syrien verläßt den Libanon, für akzeptabel.

Daß die beteiligten Regierungen diese Zusammenhänge nicht sehen bzw. nicht hergestellt wissen wollen, ist Politik.

Daß aber deutsche Journalisten über Nacht die Seiten wechseln und mit neuem Schwung ihre alten Positionen bekämpfen, ist phänomenal.

Ich vermute: Die zwei Präzisionsraketen, die in Bagdad in einem Schutzbunker einschlugen und dort viele Menschen vernichteten, waren ein Vergeltungsakt für die iraqische "Scud"-Rakete, die einen Tag zuvor in Moshe Arens' Wohnbezirk in Tel Aviv niedergegangen war.

Arens hielt sich gerade in Washington auf, wo er sich das Recht auf Vergeltungsschläge einholen wollte, da passierte es zuhause.

Die Amerikaner gaben nicht nach, versprachen ihm jedoch, einen gezielten Gegenschlag für ihn zu tun. Das ist meine Version.

Zur Nachrichtensperre (von Zensur zu reden, ist die reine Schönfärberei): Es werden im "Kriegs"-Gebiet neue Vernichtungswaffen ausprobiert.

Dieser Golfkrieg ist (auch) ein Waffenexperiment. Iraq das Experimentierfeld. Niemand darf zusehn, niemand dabeisein, wenn Geheimes geschieht. Die Allianz hat etwas zu verbergen, und ich denke, daß die neuen Waffen und ihre Wirkung es sind, von denen die Öffentlichkeit nichts - vorerst nichts - erfahren soll. Wir sind Zeitgenossen, aber nicht Zeugen.

Man spricht z.B. von einer "Benzin-Bombe", die so hoch explosiv sein soll, daß sie Krater von der Größe eines Fußballfeldes reißt.

Wenn das keine Errungenschaften sind!

Die "Dritte Welt" ist ein überdimensionales Fußballfeld. Man wird also weiterforschen müssen, wenn man das alles bewältigen will, und soll sich bloß keinen Zwang antun.

Der Golfkrieg ist ein Abschreckungskrieg. Nie wieder soll ein "unterentwickelter" Staat es wagen, den "hochentwickelten" Mächten die Stirn zu bieten.

Der Iraq-Krieg markiert eine Wende.

Die Forderungen Iraqs: Erlaß seiner Auslandsschulden; kostenloser Wiederaufbau Iraqs durch die Alllierten; Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten; Ende der syrischen Intervention in Libanon.

Sein Angebot: Iraq räumt Kuwait.

Auf den Straßen Bagdads tanzten die Menschen, weil sie glaubten, daß der Frieden ausgebrochen sei.

Aber das Angebot mitsamt den Forderungen wurde (natürlich wegen dieser) rundweg abgelehnt.

Die Sowjets, die zunächst positiv reagierten, haben einen Tag danach eine kritischere Haltung eingenommen.

Hinter der Verteufelung Saddams verschwindet das Elend, das in der Region jetzt noch zunehmen wird - ohne Sympathien und Mitgefühl im Westen.

Die Kluft zwischen Orient und Okzident ist aufgerissen worden.

Es herrscht zweierlei Recht.

Das Jahrtausendverbrechen wird nicht von Saddam verübt, ein Fazit, das man eines Tages vielleicht ziehen wird. (16.2.91)

1991-02-18:

Mehr als das Doppelte der Sprengkraft des Zweiten Weltkriegs soll bereits über Iraq abgeladen worden sein. Mit welchen Menschenverlusten das verbunden sein muß, kann sich jeder selbst ausrechnen. Der Einsatz von "B 52"-Bombern spricht Bände.

In London gingen auf zwei Bahnhöfen Sprengsätze hoch. Zwei Tote und etwa vierzig zum Teil schwer Verletzte. Bekennerschreiben liegen noch nicht vor.

Eigentlich ist es egal, wer die Bomben gelegt hat, ob IRA oder IRAQ, der Zusammenhang mit dem Golfkrieg wird ohnehin hergestellt. Er besteht ja auch.

Es bewirkt, daß die Toten in London gegen die Toten in Bagdad instinktiv "aufgerechnet" werden, ob man es will oder nicht. Es wird relativiert. Solange es Schlimmeres und Schlimmstes gibt, verliert das Schlimme an Gewicht. (18.2.91)

1991-02-20:

Alle Versuche, die kriegerische Entscheidung zu verhindern, sind wie Betrugsabsichten.

Der vielen Toten und Verwundeten eingedenk, bleibt dennoch der Krieg der einzige Richter, obwohl bei der heutigen Waffentechnik Zweifel aufkommen müssen, ob dem wirklich so sei.

Gewiß tritt alle Technik in den Hintergrund, wo der Kampfeswille noch nicht gebrochen ist, wo die Gerechtigkeit den Krieg anleitet.

Aber im Golfkrieg kommt eine Lüge zur anderen, und am Rande liegen bleiben zuletzt die unbewaffneten Opfer und ein paar heilige Grundsätze.

Denn daß der Krieg nicht gerecht ist, wird klar, wenn man seine Geschichte studiert.

Dennoch könnte eine gewisse Gerechtigkeit durchschimmern, an die vorher niemand dachte. (20.2.91)

1991-02-21:

Das Ende einer Philosophie ist der Beginn eines neuen Verstehens.

Wir wollen nicht Frieden um jeden Preis. Wir sind keine Pazifisten. Wir wollen einen gerechten Frieden.

Das sagte vor einigen Tagen Papst Johannes Paul II. (21.2.91)

1991-02-23:

Die Friedensbemühungen im Golfkrieg haben längst ihre Bedeutung verloren, wie auch der Krieg selbst seine Wahrheit bereits offenbart hat, mag er nun noch eine Weile weitergehen oder bald enden.

Ich glaube, daß mit dem Golfkrieg ein neues Zeitalter begonnen hat - gezeugt worden ist. (23.2.91)

1991-02-24:

Heute früh 2.00 Uhr MEZ begann die alliierte Landoffensive. Totale Nachrichtensperre. (24.2.91)

1991-02-26:

In der vergangenen Nacht (25. zum 26. Februar) 0.00 Uhr MEZ ordnete Saddam Rückzug aus Kuwait an. (26.2.91)

1991-02-27:

Die wiedergekehrte Kuwait-Herrschaft verhängt für drei Monate das Kriegsrecht.

Ein bezeichnender Neuanfang, nachdem der Kronprinz demokratische Zustände versprochen hatte.

Einige Familienmitglieder sprechen sogar von zweijährigem Kriegsrecht. (27.2.91)

1991-02-28:

Heute früh - 6.00 Uhr MEZ - stellten die Alliierten die Kriegshandlungen ein. Drei Stunden später tat es auch der Iraq. (28.2.91)

1991-03-02:

Was wir wissen, ist, daß rund um die Uhr uns Nachrichten erreichten, die keine waren.

Über den Krieg war nämlich totale Nachrichtensperre verhängt, und was uns erreichte, war letzten Endes Propaganda, nämlich, was uns erreichen sollte, um hier einen bestimmten Eindruck herzustellen.

Ein Medienspektakel, das die Menschen so stark aufgenommen haben, als Nachricht aufgenommen haben, daß sie - obwohl sie doch wissen, daß alles der strengsten Zensur unterlag! - wähnen, besser informiert zu sein als die iraqische Bevölkerung; aber die weiß vielleicht mehr, weil sie sowohl die iraqische als auch die westliche Propaganda empfangen konnte, während wir nur wissen, was der Westen uns zugemutet hat.

Ich meine, formal wissen wir es, substantiell kämen wir wahrscheinlich aus dem Staunen und Erschrecken nicht mehr heraus.

Daß so etwas möglich war, es ging dabei wohlweislich über militärische, sicherheitspolitische Notwendigkeiten weit hinaus, ist frappant.

Über sechs Wochen fand ein Vernichtungsfeldzug unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt.

Ich finde das gespenstisch.

Eine Scheinöffentlichkeit trat an ihre Stelle.

Es wird gar nicht wahrgenommen, was da geschah.

Die Kommentatoren in Zeitungen und Funkmedien reden über Dinge, von denen sie gar nichts wissen können, als wären sie informiert.

Das ist reine Augenwischerei, wie wir sie seit langem nicht erlebt haben, in diesem Ausmaß wahrscheinlich zum ersten Mal.

Die Öko- und Friedensbewegung arbeitet so, auf sie sind schon genug Menschen hereingefallen.

Nun kommt das auch aus der anderen Richtung.

Vielleicht muß man sowieso bald beides mehr oder weniger zusammen sehen.

Schon jetzt sollten die Öko-Horrorbilder aus dem verölten Golf von der Katastrophe ablenken, die der Luftkrieg in Iraq und Kuwait angerichtet hat.

Was geht da von Anfang an vor?

Saddam ist als ein Satan aufgebaut worden. Alles Böse wird auf ihn projiziert. Die Projektionen stehen in keinem Verhältnis zu seinen wirklichen Verbrechen, die sich vor allem aufs Innere des Landes beziehen.

Saddam hat aber keinen Krieg geführt, wenn man sich's genauer betrachtet.

Die Alliierten führten einen Vernichtungskrieg aus der Luft, der den Krieg im herkömmlichen Sinne, nämlich Soldat gegen Soldat, verhinderte und auch verhindern bzw. überflüssig machen sollte.

Die Mittel, die in diesem "Krieg" angewandt wurden, machen ihn zu einem Verbrechen.

Die Kriegsverbrecher werden nun ein Tribunal errichten und einen "Kriegsverbrecherprozeß" gegen den Iraqer Saddam Hussein veranstalten, einen internationalen Schauprozeß zur Reinwaschung der Täter, die nun als "moralische Sieger" auftreten, obgleich sie nur die perfekteren Massenvernichtungsmittel zur Verfügung hatten, gegen den Buhmann Saddam.

Und weil das so ist, ist der wahre Krieg noch lange nicht zu Ende.

Er hat eine Wahrheit an den Tag gebracht, die uns noch lange zu schaffen machen wird.

Ich hoffe nur, daß die Geschichtsschreiber den nötigen Abstand finden werden, um nicht Opfer der Kriegs- und Kriegsverbrechens-Verhüllungspropaganda zu werden.

Auf welche Fakten werden sie sich stützen, stützen können?

Werden wir bald mehr erfahren, und was werden wir schließlich erfahren, das nicht wiederum einer stillschweigenden Zweckzensur unterliegt?

Die Wahrheit, die Glaubwürdigkeit, die Vertrauenswürdigkeit, all diese ethischen Grundwerte haben in diesem Krieg Schaden genommen, einen Schaden, der sich vielleicht gar nicht mehr beheben läßt.

Wir haben eine neue Situation in der Welt.

Das Neue daran ist eben der Verlust auch jenes Restes.

Für politische Moralisten, die sich nicht selber etwas vormachen wollen, wird es schwer sein, neue Orientierungspunkte zu finden. (2.3.91)

1991-03-03:

Der Iraner Khamenei, er ist nicht Ayatollah, sondern Hodschatoleslam, hat gestern den amerikanischen Präsidenten Bush als "bestgehaßten Mann unter Moslems" bezeichnet.

Er sagt auch, Saddam sei eine "Pest" für sein Volk.

Khamenei argumentiert so: Die Alliierten hätten gegen eine völlig erschöpfte und ausgehungerte Armee gekämpft.

Die Amerikaner wollten nun den Sieg für sich beanspruchen, aber es sei in Wahrheit eine Niederlage gewesen.

Dschingis Khan habe nicht so viel Schaden angerichtet in Bagdad wie Bush.

Die Zeitungen zitieren nur unvollständig, ich will es aber festhalten, weil er die Wahrheit sagt.

Das Bombardement war die Zerstörung der Menschen. Sechs Wochen Bomben und Raketen, 24 Stunden am Tag, in einem Maße, das man sich nicht vorstellen kann.

Das Mehrfache von dem, was im ganzen Zweiten Weltkrieg verschossen wurde, ging in diesen sechs Wochen auf Iraq und Kuwait nieder.

Sie sagten es immer wieder mit Stolz, was sie dort verpulverten, die Kuwaiter prahlten damit, daß sie mit ihren Bomben und Raketen auf ihre eigenen Häuser losgingen.

Das wollen wir nicht vergessen.

Langsam tastet man sich an die richtige Zahl der Opfer heran. Im Moment kursiert die Zahl ca. 100.000, so viele Iraqer sollen gefallen sein, kommen die zivilen Opfer dazu.

Bei diesem Vernichtungseinsatz war von vornherein mit mehreren Hunderttausend zu rechnen.

Eine nervlich total zerrüttete iraqische Armee konnte nicht "besiegt" werden. Man mußte sie nur noch einsammeln.

Waffentechnisch ist es so, als ob dreißig erwachsene starke Männer auf einen Zehnjährigen einprügeln, der aber zu stolz und zu trotzig ist, nachzugeben.

Sie hätten ihn totgeschlagen, wenn nicht die Nachbarn dazwischengegangen wären. Saddam war ein Popanz, Kuwait war ein Vorwand. Was dann geschah, war gewollt.

Ich hab's schon ein paarmal gesagt, weil ich nicht darüber hinweg komme, wie einhellig jetzt überall die öffentliche Meinung den "Sieg der Alliierten am Golf" feiert und dem Saddam alles Böse und Schlechte zuschiebt.

Neuerdings ist er auch an der Zerstörung Kuwaits schuld.

Was immer er da angerichtet hat, es steht in keinem Verhältnis zu dem Vernichtungsbombardement in den sechs Wochen, das sich auch gegen Kuwait gerichtet hat.

Sie werden sich jetzt hüten, weiter damit zu protzen, daß sie, die jetzt wieder an der Macht sind, es selber waren, die das Land und die Städte zerbombten.

Saddam hat diesen Krieg "die Mutter der Schlachten" oder "die Mutter aller Schlachten" genannt, darüber ist gespottet worden.

Doch aller wohlfeile Hohn, der jetzt aus allen Ecken kommt, soll nicht darüber hinwegtäuschen, daß eine "Mutter" auch "Kinder" hat.

Natürlich ist das im Westen gar nicht begriffen worden.

Die Mutter der Schlachten ist der Beginn einer über die Generationen gehenden Geschichte von Kriegen.

Wer das verstanden hat, wird dem Namen "Mutter der Schlachten", nämlich jener, die kommen werden, den Wahrheitsgehalt nicht absprechen wollen.

Das ist Zukunft, nahe Zukunft vielleicht schon. Jetzt bleibt genug zu tun, um das um sich greifende Lügengespinst anzuzupfen und schließlich zu zerreißen.

Es ist ein Jahr des Schlafes, des Hasses und der Feindschaft.

Wie es der Herr seinen Freunden im Schlaf gibt, so ist dieser Krieg kein gewöhnlicher Krieg.

Die Beteiligten irren sich über seinen Ausgang.

Sie hatten ihre Zeit bis zum Beginn des Krieges.

Die Vorbereitungen und die Zielstrebigkeit, mit der alles vorankam, hatten ihren guten Stern, den Segen Gottes.

Doch mit dem Beginn des Krieges nahm der Herr die Zügel in seine Hand, und was nun daraus geworden ist, was nun daraus werden wird, ist Gotteswerk.

Das unterscheidet diesen Krieg von den meisten, wenn nicht von allen anderen Kriegen seit Jahrhunderten.

Dieser Krieg trägt viele Masken, die er nach und nach ablegen wird.

So ruht oder versteckt sich die Mutter der Schlachten hinter den ungezählten Scheingesichten, die die Menschen verwirren und die Feinde Gottes blenden und blind machen für das, was auf sie wartet.

Die ersten Offenbarungen des Krieges haben diese Welt bereits geschüttelt. Unser Gott, der Herr der Armeen, treibt sein Spiel mit uns.

Das Jahr des Propheten folgt auf den Schlaf. (3.3.91)

1991-03-04:

Die USA würden sich notfalls mit einem Regime Saddam in Bagdad abfinden - für größere Reparationsforderungen.

Wenn die Nachrichten stimmen, daß sich im Süden des Iraq bereits moslemische (fundamentalistische) Gruppen zu Wort gemeldet haben, man spricht von Hinrichtungen ehemaliger Baath-Anhänger, könnte sich Saddam noch einmal als Garant gegen die Fundamentalisten dem Westen dienstbar machen.

Man möge das nicht für unmöglich halten.

Saddam und Amerika gehören in diesem Sinne zusammen.

Ein hoher britischer Offizier soll auf die Frage nach den Opfern des Krieges gesagt haben, dies sei die "obszöne Seite des Krieges", darüber spreche er nicht.

Die Antwort ist allerdings obszön.

Winfried Scharlau kommentierte, daß hier die Würde der Menschen in den Schmutz gezogen werde.

Auch von amerikanischer Seite hört man auf entsprechende Fragen: Wieviele? Viele, viele, man habe zuletzt nicht mehr gezählt, wolle dies auch nicht tun.

So wird der Massenmord verharmlost.

Unglaublich und unfaßbar, wie so etwas möglich ist.

Die Folteropfer, die in Kuwait jetzt entdeckt worden sind und zu Lasten der Iraqer, wie es heißt, auch der Palästinenser, gehen, schreien nach Vergeltung und Strafe, genauso, wie die Raketen auf Israel einen militärischen Gegenschlag rechtfertigen würden.

Aber das Schweigen über die Toten im Iraq, das Wegsehen und Weghören, wenn darauf hingewiesen wird, macht die medienweite Empörung über die Verbrechen der Iraqer zu einer Art Ablenkungsmanöver und zur Heuchelei.

Wer will den Empörten eigentlich noch glauben?

Diese Wertung, daß Tote nicht Tote sind, gleich, wer sie seien, sondern solche, die hochgerechnet werden, und die vielen anderen, deren Millionen nicht mehr beachtet werden müssen, ist rassistisch.

Für den heutigen Spiegel ist die "Katastrophe nach dem Golfkrieg" nicht der "schwarze Tod mit den fünf Nullen", sondern eine "Öko-Katastrophe", der "Schwarze Regen".

Das nenne ich Ökofaschismus, damit es nicht vergessen wird.

Die Welt gewöhnt sich daran, daß der Mensch weniger gilt als seine "Umwelt", es sei, er gehört zu einer bestimmten Klasse oder Rasse. (4.3.91)

1991-03-05:

Das Regime Saddam greift zur Zeit, wie es heißt, sehr massiv in die südiraqischen Kämpfe ein.

Für die Niederschlagung eines islamischen Volksaufstandes, wieder waren es Schiiten, ist Saddam dem "Westen" allemal gut.

So kann er sich im Westen (!) neue Lorbeeren verdienen.

Die schlimmsten und scheinbar zynischsten Voraussagen sind meist die realistischen.

Der ideelle Hauptfeind des Westens ist der revolutionäre Islam, das kann gar nicht deutlich genug gesagt, es darf jedenfalls niemals vergessen werden. Niemals.

Ob Israel aus dem jüngsten Krieg etwas gelernt hat, bezweifle ich stark. Im Gegenteil. Die ersten Eindrücke sind so, daß Israel eher noch uneinsichtiger geworden ist. Es scheint nicht fähig zu sein, die eigene Grundposition zu überprüfen. Was dort als alternativ auftritt, ist nur jeweils eine Variante vom Hergebrachten. (5.3.91)

1991-03-08:

Deutschland solle im Nahost-Friedensprozeß eine wichtige Rolle spielen; so der Wunsch Ägyptens, Syriens und des Golfstaatenrates. Stichwort: Vertrauen. Rias Berlin, Nachrichten, 22.30 Uhr. Zuvor:

Unruhen in 24 Städten? Senfgas gegen Aufständische in Basra? Rias-Spätreport, 22.00 Uhr.

Rafsanjani, Iran, fordert freie Wahlen in Iraq. Syrien, heißt es, wende sich gegen solche Absichten, weil sonst die gleichen Forderungen bald auch in Syrien laut würden.

Interessant immerhin, daß die Forderung nach freien demokratischen Wahlen ausgerechnet aus dem Iran kommt.

Vielleicht ist aber auch mit "Wahl" nur gemeint, daß das iraqische Volk, wie es ist, respektiert werden solle.

Die Schiiten sind in Iraq die stärkste Kraft in der Bevölkerung.

Rafsanjani warnt Saddam und die Baath-Partei, nicht ihren "letzten Fehler" zu machen, nämlich das iraqische Volk zu unterdrücken, das sich gerade erhebt. (8.3.91)

1991-04-13:

Das hebräische Wort Emunah läßt da keinen Zweifel offen: Die Festigkeit, Stabilität und Treue, die Wahrhaftigkeit ist das subjektive Moment der Wahrheit. Es ist nicht ein "Glauben" an irgendetwas. Es ist die Selbstgewißheit als individuelles Grundelement des Menschen in der Schöpfungsgewißheit Gottes. (13.4.91)

1991-05-19:

Wer die ganze Wahrheit kennt, verstummt. Zigeuner schweigen.

Ohne Gottes heilige Sprache wäre ich hilflos und längst am Ende meiner Erkenntnisse.

Gott will, daß sie verdrängt werde, will, daß an ihr vorbei die Menschen in die Irre gehen.

Der Haß auf die Juden ist ein oder das Mittel zu diesem Zweck.

Weil alle Welt die Juden für die Hüter der hebräischen Sprache hält, trifft der Antisemitismus wie nebenbei auch die Sprache.

Die heilige Sprache aber ist der Grund für den Antisemitismus.

Der Antisemitismus schützt (!) die Sprache und damit das Tor zur Wahrheit und zur Erkenntnis Gottes im historischen Teil seiner Schöpfung.

Wie Gott der Herr die Sprache verwirrte zu Babylon, um den Menschen die Ursprungswahrheit zu entziehen, so hat er die Geister verwirrt, um sie von der heiligen Sprache fernzuhalten.

Sie sollen ihre Wahrheiten selber erschaffen, sollen relativieren und alles komplizieren.

Sie sollen blind sein für das Naheliegende und taub vor der Sprache Gottes.

Gott traut ihnen nicht.

Der Antisemitismus ist ein Beweis für die wache Gegenwart Gottes. Der sogenannte Antisemitismus, die Verdrängung der hebräischen Sprache und ihrer Geschichte ist der fortwährende Ausdruck der von Gott eingesetzten babylonischen Verwirrung.

Gott teilte die Sprache in viele, einander fremde und fremder werdende Sprachen und nahm damit den Menschen das Szepter aus der Hand.

Die seither andauernde Verwirrung der Geister und Sprachen ist ein Hauptbeweis, ja, ist der Beweis für die ununterbrochene Herrschaft Gottes.

Das große Durcheinander ist gleichsam durch Gott gestiftet zum Heile der Welt.

Die von Gott gesäte Zwietracht dient unserm Heil.

Die Relativierung der Wahrheit, ihre Teilung, Zerstückelung in viele Wahrheiten, und sonach die Relativierung des Leids und des Elends auf Erden, ist im Sinne Gottes.

Eintracht als Realität ist deren Ende.

Die Dinge existieren durch innere und äußere Gegensätzlichkeit.

Was wir "Eintracht" nennen, ist "balance of power". Das Weltall besteht unter dieser Bedingung.

Konstellationen sind unsere vornehmsten Erkenntnismodelle. (19.5.91)

1991-08-11:

Die aus der Bibel herkommenden Fundamentalismen werden von der westlichen Welt als eine existentielle Herausforderung nur allzu gut verstanden.

Ismael hat zweifellos den antieuropäischen Akzent, wenn Europa und der gesamte Westen nichts anderes mehr sein wollen als die wertfreie Industriegesellschaft, ja nachindustrielle Konsum- und Unterhaltungsgemeinde, die sich als Leistungsgesellschaft zu eigenen Diensten schließlich ad absurdum führen muß.

Freiheit und Demokratie haben offenbar nur kurze Zeit die ethische Spannung ausgehalten, die aus ihrer religiösen und philosophischen Vorgeschichte herrührte, wobei wir getrost feststellen dürfen, daß bereits die Philosophie aus ihrem elementaren Selbstverständnis heraus die sittliche Entwertung sowie die Abstandnahme von Prinzipien absoluter oder göttlicher Herkunftsbegründung eingeleitet hatte.

Der Atheismus ist letztlich der Geist der Philosophie, die sich an die Stelle von Religion und Theologie und den Menschen auf den Platz der Götter gesetzt hat, ja ihn an die Stelle des einen Schöpfergottes rückte.

Daß dieser Atheismus dem Menschen freilich nicht göttliche Würde gab, sondern ihm die von Gott verliehene menschliche Würde unversehens genommen hat, liegt im Wesen einer Aufklärung, die sich ihrer inneren Widersprüchlichkeit nicht bewußt werden konnte.

Das freischwebende Denken verkümmerte wie eine Blume ohne Sonnenlicht und Wasser.

Der hohe Begriff der menschlichen Freiheit verkam zum zweckbeliebigen "Alles ist erlaubt". (11.8.91)

1991-08-29:

Wenn der Herr der Geschichte gerecht ist, muß die Geschichte dieses Jahrhunderts umgeschrieben werden.

Später. Irgendwann.

Es wird geschehen, unauffällig, selbstverständlich.

Wenn alles (Wesentliche) verschwindet, was seit dem Ersten Weltkrieg existiert - die Sowjetunion, Jugoslawien - oder nach dem Zweiten Weltkrieg entstand - die DDR, die "sozialistischen Bruderländer" -, was wird dann aus Polen - Neugründung 1918 - und Israel - Gründung von 1948?

Sind dies alles künstliche Gebilde, die nicht oder, was Polen betrifft, nicht mehr existenzfähig sind?

Die neuen Veränderungen, die ja nicht über Nacht geschahen, lassen immerhin solche Überlegungen aufkommen, und das ist schon seltsam genug.

Man sprach lange Zeit von einem "Revisionismus" der Historiker, aber hier scheint es, als ob die Geschichte sich selbst korrigiere.

Tatsache ist, daß die Dinge sich so entwickeln, ja geradezu verlaufen, wenn der Zwang endet.

Die Nachkriegsordnung - und sie beginnt wahrscheinlich mit dem Vertrag von Versailles bzw. den Verträgen nach dem Ersten Weltkrieg - ist offensichtlich eine Fehlkonstruktion, die nur hält, solange sie zusammengenagelt und fest eingewickelt bleibt bzw. blieb.

Die "natürliche" Ordnung Europas - zumal Mittel- und Osteuropas - wurde dadurch unterdrückt und vergewaltigt.

Eine weitere Merkwürdigkeit, die nicht so recht mit dem Bild zusammenpassen will, wonach die Nachkriegsordnung endlich und ein für allemal die durch den deutschen Militarismus und Faschismus verursachte Unterdrückung und Ausbeutung Europas - vor allem Osteuropas - beendet hatte.

Die zwölf Jahre Hitler-Zeit waren demnach entweder ein deutscher Wahn- und Selbstzerstörungsakt oder eine undurchschaute Kriegsoperation gegen Deutschland.

Man muß nicht unter Verfolgungswahn leiden oder rechtsradikalen Verschwörungstheorien anhängen, um so etwas - theoretisch und praktisch - für möglich zu halten.

Die Intrige ist ein Instrument der Politik, seit Menschen auf Erden leben.

Nachdem ich den Nazismus mit all seinen Aspekten aufgearbeitet habe, bin ich unbefangen genug, Fragen auch einmal anders und andersherum zu stellen.

Sie waren sich allesamt einig gegen Deutschland und die Deutschen, das mußte einen stutzig machen.

Geschah es nur unter Zwang?

Auf einmal, da nun der Zwang weg ist, entdecken sie ihre Liebe und ihr Vertrauen zu den Deutschen.

Deutschland ist nicht das von 1933, 1939, 1942.

Aber dieses Deutschland Hitlers hätte vermieden werden können.

Die erste deutsche Republik wurde nicht gestützt, sondern von allen Seiten diffamiert und bekämpft.

Die Republik von Weimar wurde als eine Art Vorfaschismus behandelt, was sie nicht war.

Die Bundesrepublik Deutschland - die "alte" Bundesrepublik - erfuhr die gleiche Behandlung.

Imgrunde war die Propaganda, ja Hetze, gegen "die Deutschen", die "reaktionären Kreise", die "neofaschistische und restaurative, revanchistische BRD" üble Hetze gegen die deutsche Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg - entfacht durch ihre Feinde von "Ultralinks" bis "Ultrarechts", was sich zuletzt sowieso nicht mehr unterscheiden ließ.

Festzuhalten ist die "Bilanz" des Ersten Weltkriegs: Untergang der Monarchien Deutschlands, Rußlands, Österreich-Ungarns, des Osmanischen Reiches.

Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich werden aufgelöst. Rußland und Deutschland müssen Gebiete abgeben.

Neue Staaten entstehen: Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Österreich, Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien sowie die Staaten im Vorderen Orient. Viele Grenzänderungen werden vorgenommen.

Europa verliert seine Vormachtstellung in der Welt. USA wird überlegene Wirtschaftsmacht. Die Sowjetunion trägt ihre "Revolutions"-Ideen hinaus.

Der Faschismus entsteht. Bolschewismus und Faschismus müssen als Reaktionen auf die Kriegsergebnisse gewertet werden.

Was hier vorrangig interessiert: Der Untergang der Monarchien war eine Folge bzw. eine Begleiterscheinung der schweren Niederlage im Krieg.

Die "Republik" ist insoweit kein "Gewinn", sondern eine Verlegenheitslösung nach dem Verlust der monarchisch dargestellten Identitäten der Länder und Völker.

Die "Bilanz" des Zweiten Weltkriegs ist - abgesehen von der totalen Niederlage der Achsenmächte - der Aufstieg der USSR und der USA zu alleinigen Weltmächten, "Supermächten".

Und dies nun - beides - scheint jetzt - mindest zum Teil - in Frage gestellt.

Deutschland und Japan gehören wieder zu den führenden Wirtschaftsmächten, die inzwischen von den USA als "partners in leadership" angesehen werden, während die USSR soeben auseinanderbricht.

Welche Bedeutung kommt nun diesem Endergebnis, jedenfalls vorläufigen Endergebnis des Jahrhunderts zu?

Es ist offenbar nicht gelungen, Deutschland in die Knie zu zwingen und als Wirtschaftsmacht auszuschalten. Der Hauptverlierer beider Weltkriege wurde zum Hauptgewinner des Friedens, der in Europa seit 1945 herrscht. Deutschlands "Militarismus" entpuppt sich als eine fatale Legende, während Deutschland als Friedensmacht eine unübersehbare Wirklichkeit ist.

Daß die Deutschen (Preußen) ihre Könige heimgeholt haben, daß sie ihre Könige heimholen, denn auch der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II., soll nach Deutschland zurückkehren, aus Holland, wo er begraben liegt, ist mehr als eine endgültige Bestattung von Toten.

Es ist auch in der Welt als ein Signal verstanden worden. "Deutschland kommt wieder", heißt, daß es wieder Monarchie wird.

Wenn die Republik ein Produkt der Niederlage war, wird die Wiedereinführung der Monarchie zum Siegel des Friedens und der Wiedergeburt: Deutschland verfaßt sich als Konstitutionelle Monarchie.

Die Monarchie - die Erbmonarchie - wird zum Garanten der Demokratie in Deutschland.

Dies wäre - für Deutschland - das Endresultat des 20. Jahrhunderts.

Das Ziel am Ende eines politischen und geschichtlichen Weges durch viele Höllen.

Der deutsche Hohenzollern-Kaiser kann erst gutmachen, was ohne ihn und gegen ihn angerichtet wurde.

Die Preußen sind dazu prädestiniert.

Was für Worte. Doch sind sie ernst gemeint.

Die Monarchie als Konsequenz aus der monotheistischen Idee.

Ein Gott und ein König, unangefochten als moralische Instanz, Orientierungspunkt und "Polarstern des Denkens".

Diesen Zusammenhang will ich hier erst einmal festgestellt wissen.

Die Französische Revolution kam auf ihre Mitverursacher auf den Königsthronen Preußens, Österreich-Ungarns und vielleicht auch Rußlands zurück.

Die "Revolution", letztlich eine Intrige gegen den französischen Hof, zerstörte nicht nur Frankreichs Identität, die auch ein Napoleon nur vorübergehend und nur als ein grandioses Aufbäumungs- und Selbstvernichtungsfeuerwerk wiederherzustellen vermochte, diese "Revolution" unterlief ganz Europa.

Es ist schwer zu sagen, ob die aufzehrenden Kräfte mehr oder weniger waren als das Projekt epochaler Veränderungen und der mit ihnen wuchernden Ideologien oder ob Gott (mit England oder anderen politischen Partnern) seine schöpferischen Hände mit im Spiel hatte.

Tatsache ist, daß die europäischen Mächte diesmal vor allem von innen her aufgefressen werden, daß sich die Menschen verändern bis zur Unkenntlichkeit.

Diese seltsame Geschichte des Gestaltverlustes der europäischen Völker hat bis heute angehalten.

Möglich, daß sich das Blatt eben wendet.

Die sogenannten Revolutionen waren nichts als die inneren Selbstzerstörungsprozesse von Ländern, die im äußeren Krieg nicht oder nur unzulänglich sich besiegen ließen.

"Revolutionen" - und zwar in all ihren Gestalten, ob als Französische Revolution, ob als Russische Oktoberrevolution, als Faschistische Revolution in Italien und Spanien oder als Nationalsozialistische Revolution in Deutschland und Österreich - waren Selbstaufgaben, Identitätsverluste, geistige Erkrankungen, kollektive Schizophrenien, die in den Untergang führen mußten und sollten!

Die "Revolutionen" sollten die Länder, die Gesellschaften, die Staaten, in denen sie stattfanden, vernichten.

Ihr Hauptfeind war das jeweilige Land, waren die Menschen, die darin lebten.

Das muß begriffen werden.

Im Zeitalter der Feldexperimente mit Drogen und Nervengasen sollte man auch nicht mehr leichtfertig von "Legenden" reden, wenn "Dolchstöße", Infiltrationen durch Spezialagenten annähernd richtig beim Namen genannt werden.

Wir wissen doch, daß unsere Phantasie die Wirklichkeit gar nicht mehr erreichen kann.

Es ist nicht besser, sondern schlimmer, als wir's uns jemals ausmalen konnten. (29.8.91)

1991-08-30:

Ein Mann v