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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1996-11-09
Ivan Denes: GOTT AM WANNSEE. Eine zeitgemäße Legende, aus dem Abstrakten ins Deutsche übersetzt vom muttersprachenlosen Autor selbst. Berlin, 1974-1990. Ölgemälde auf der Titelseite von Henri Herrmann Gowa. Verlag Bock&Kübler, Berlin 1993. Motto: "Und er wird Israel erlösen aus all seinen Sünden" (130. Psalm).
Sie werden sehen, daß ich da (in kkk-feder 11*) kritisiere (und attackiere), was Sie als endliche Lösung der "Judenfrage" empfehlen.
*kuckuck-feder 11: Vom historischen Gedächtnis. Nachdruck aus kuckuck 25/26, 1980: Als sie Hand anlegten... (vgl. Band 2, S.4ff.)
In meiner Sicht ist nicht Adam, sondern Abel "der letzte Jude" der geschilderten Levis.
Die Beschreibung seiner Alkoholprobleme in der Mitte des Werks ist vielleicht das stärkste Kapitel.
Insgesamt hat Ihre Arbeit sprachliche Mängel, die aber wohl (nach den Danksagungen auf der letzten Seite) nicht dem Autor, sondern seinen Helfern zuzuschreiben sind.
Die Geschichte kommt mir allzu prätentiös daher, weist in der Handlung nicht aus, was verbal immerfort behauptet wird.
Die zahllosen Adjektive (Attribute) karikieren mitunter, was sie vermeintlich präzisieren.
Die Gespräche mit Malrony sind lächerlich, gerade weil sie beschrieben werden, als seien sie so etwas wie der Weisheit letzter Schluß.
Wen soll das überzeugen?
Das Buch erreichte mich vor einem Monat.
Ich bedanke mich heute herzlich dafür, möchte Sie aber nicht damit verschonen, daß ich Ihrer Arbeit schon früher begegnet bin.
Hans-Dietrich Sander hatte sie mir empfohlen.
Ich bestellte mir das Werk, kam jedoch über die ersten Seiten nicht hinaus.
Das muß seine Gründe haben.
Ich denke, daß ein philosophisch geneigter Mann, Ivan Denes, sich an eine Legende machte, eine Art Roman, eine jüdische Geschichte, keine jüdische Geschichte...
Jüdisches Wissen ist darin verarbeitet, das ist wahr; aber ich glaube eher, daß da eine lange, lange atheistische Lebenserfahrung (und Überzeugung) abgearbeitet werden sollte und mußte.
Der Katholizismus an den Rändern der Familie ist stärker als diese selbst, trägt aber weniger zu einer neuen Religiosität als zur Vertiefung jenes Zynismus bei, für den Malrony (dessen Mauer-Galerie-Interesse allenfalls jemand nachvollziehen kann, der vor 1989 keine konkrete Vorstellung davon haben durfte) sozusagen der Hauptrepräsentant ist.
In Ihrer Widmung nennen Sie mich einen oder gar den "hervorragenden Philologen".
Nun, ich bin kein Philologe, und daß ich da und dort, dann und wann "hervorrage", sagt weniger über mich als über den Zustand der intellektuellen Umgebung.
Darum bedaure ich den jüdisch-antijüdischen Abgesang in Ihrer Botschaft.
Ich finde es interessant, daß sich Ihre "Lösungs"-Vorschläge mit dem decken, was ich als "das Grundproblem unserer Gesellschaft" bezeichne.
Die aktuelle Thematisierung (im kuckuck eigentlich eine Wiederaufnahme alter Fäden) macht es sinnvoll, auf Ihre Arbeit näher einzugehen.
Ich nehme Ihr Buch ernst.
Die Diskussion in kkk-feder 11 (Feminismus/Faschismus), obwohl aus anderem Anlaß entstanden, findet mit der Kritik Ihres Werks einen passenden Anschluß.
Zumindest im kuckuck soll also nichts "verschwiegen" werden.
Eben fällt mir Ihre verständnisvoll-positive Bewertung der modernen Zeloten Israels ein.
Ich las den Beitrag, glaube ich, in einer Ausgabe der Staatsbriefe vor längerer Zeit.**
** Ivan Denes: Das Attentat auf Rabin, ein Akt des zelotischen Terrorismus. In Staatsbriefe 11/1995.
Ein guter Artikel, der vor allem die Seite des Nahost-Konflikts beleuchtet, die meist übersehen oder gar nicht gewußt wird.
Wie paßt dazu das resignative Ende in GOTT AM WANNSEE?
Ich frage mich, ob die formalen Mängel (das Alkohol-Kapitel gehört an den Anfang!) nicht damit zu tun haben, daß Sie von der Aussage Ihres Buches am Ende nicht ganz (oder überhaupt nicht) überzeugt sind.
Hat der jüdische Denker sich vom quasi-christkatholischen, irgendwie zu Gott zurückfindenden Literaten (und dessen Beratern) zu einer halbherzigen Tat verführen lassen?
online-Fassung
kuckuck
feder 12
I quartal 1997
5. Feb. 1997
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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