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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
Goldhagen: Einen unveränderlichen deutschen Volkscharakter gibt es natürlich nicht. (...) Damit es ganz klar wird: Die heutige politische Kultur Deutschlands unterscheidet sich wesentlich, um 180 Grad, von der herrschenden deutschen politischen Kultur um 1933.
Augstein: Das hoffen wir wenigstens.
Goldhagen: Da gibt es doch keinen Zweifel. Wer wäre denn nicht überzeugt, daß die allermeisten Deutschen heute für Demokratie sind und an demokratische Institutionen glauben?
Augstein: Ich wäre da nicht so sicher.
Goldhagen: Jetzt wechseln wir hier die Rollen...
(...)
Augstein: Wenn der Holocaust, verübt von Deutschen, so einzigartig bleibt, weshalb haben dann gerade Sie kürzlich gefordert, daß das Gesetz gegen Volksverhetzung, ein deutsches Unikum, abgeschafft wird?
Goldhagen: Für die frühen Jahre der Bundesrepublik könnte man behaupten, daß solche Beschränkungen nötig waren. Aber ob das für immer die richtige Politik ist? Im allgemeinen, glaube ich, sollte soviel freie Rede wie möglich erlaubt sein...
Augstein: Ich war immer gegen dieses Gesetz.
Goldhagen: Staaten sind letztlich stärker und Gesellschaften kräftiger, wenn alle Ansichten vertreten werden dürfen. Umgekehrt: Ein Verbot erleichtert auch ein zweites. Sicher, würde das Gesetz jetzt aufgehoben, dann träten einige häßliche Dinge zutage. Aber insgesamt würden wir feststellen, daß die allermeisten Menschen in Deutschland solch rassistische Ansichten bedauern, daß sie mit Nachdruck dagegen die Stimme erheben würden und die wenigen, die ihnen beipflichten, geächtet würden.
Augstein: Was macht Sie so zuversichtlich?
Goldhagen: Die offenkundigen, tiefgehenden Veränderungen, die seit dem Krieg stattgefunden haben...
Aus: Der Spiegel 33/1996.
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feder 10
IV. quartal 1996 (2)
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