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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1982-05-09
(...)
Ich sollte es zur Methode entwickeln, erst einmal etwas Falsches einzustreuen, um eine Diskussion zu provozieren.
Ich hatte "meine" Adorno/Horkheimer schon jahrelang nicht mehr in Händen, und als ich kürzlich meinte, Adorno habe sich bei der Einschätzung des Antisemitismus möglicherweise selbst im Wege gestanden, und zwar "in seiner etwas zwiespältigen Position zum Über-Ich", da schrieb ich zwar nichts Falsches, hatte es aber doch zunächst nur so hingestreut.
Ich habe mir aber nun auf Dein Anraten hin die Dialektik der Aufklärung vorgenommen und darin die Elemente des Antisemitismus noch einmal sehr genau gelesen.
Nun weiß ich nicht, wie stark gerade in diesem Fragment die - dominierende - Rolle Horkheimers zum Tragen kommt.
Es ist ja in der Tat einiges mehr angesprochen als lediglich "Antiintellektualismus" und "Massenkultur" - das Offenkundige konnte so kritischen Denkern auch kaum entgehen.
Ich bin überdies erstaunt, wie gut und bleibend wirksam ich das Wesentliche (und Gültige) ihres Denkens begriffen, ja - als Voraussetzung meiner eigenen Überlegungen - geradezu verinnerlicht habe.
Meine "Einladung zum Weiterdenken" hätte ich Dir ebensogut aus den Elementen zitieren können, und Deiner Erwiderung:
Warum soll mein Gehirn den Meilenfresser spielen, während die Realität nach dem Prinzip funktioniert: ein Schritt vor, zwei zurück,
wäre mit Adorno/Horkheimer zu entgegnen:
Anstatt weiter zu gehen, indem es in die Sache eindringt, tritt das ganze Denken in den hoffnungslosen Dienst des partikulären Urteils (204)
- ein Merkmal für die
paranoische Überkonsequenz, die schlechte Unendlichkeit des immergleichen Urteils.
Du kennst natürlich die Gefahren, siehst sie gerade auch in den Versuchen, hier nun noch weiterdenken zu wollen.
Und in demselben Abschnitt über den Antisemitismus läßt sich eben auch allerlei finden, was eher zum Fatalismus denn zum Weiterdenken animiert.
Etwa:
Die Dialektik der Aufklärung schlägt objektiv in den Wahnsinn um (214).
Oder:
Der Schein hat sich so konzentriert, daß ihn zu durchschauen objektiv den Charakter der Halluzination gewinnt.
Was also tun?
Es sind solche Ausweglosigkeiten im Denken der Adorno/Horkheimer, die ich nicht hinnehmen kann und aufgrund eigener Erfahrung auch nicht hinnehmen muß.
Den Ursprung jener Widersprüche vermutete ich, wie gesagt, in der Grundposition Adornos, aber auch in der besonderen Beziehung der Philosophen zueinander.
Ich bin dann gleichsam aus dieser "Schule" ausgestiegen und habe mich den Dingen nun selber und von neuem zugewandt.
Aber Du gibst mir jetzt Gelegenheit, anhand der Wirklichkeitsvermittlung eines Adorno/Horkheimer-Textes unmittelbar aufzuzeigen, worum es mir überhaupt geht.
Es ist gut, daß Du... hinsichtlich der Gefahren fürs heutige Denken die Sache Velikovsky/Ch.Marx erwähnst.
Meine Beschäftigung mit diesem Komplex (vgl. frühere Hefte, besonders kuckuck 33/34 und folgende - kkk) gehört ja in der Tat zum Thema und hat mich unter anderm auch zu der Frage an Dich bewogen.
Hinter allem verbirgt sich natürlich, was ich mein persönliches Erkenntnisinteresse nenne.
Ich sehe mich zwischen Baum und Borke: zwischen dem Ende, der Verabschiedung des Denkens (mit ihm des Individuums), der Vernunft - und seiner mytho-paranoischen Fortführung in allen möglichen und unmöglichen "Sophien", Denk- und Weltanschauungssystemen,
die sich wissenschaftlich aufspielen und zugleich Gedanken abschneiden: Theosophie, Numerologie, Naturheilkunde, Eurhythmie, Abstinenzlertum, Yoga und zahllose andere Sekten, konkurrierend und auswechselbar, alle mit Akademien, Hierarchien, Fachsprachen, dem fetischisierten Formelwesen von Wissenschaft und Religion (205/206).
Nach Adorno/Horkheimer müßte ich abdanken (abdenken):
Ich habe kein Vermögen, also "vermag" ich nichts.
Und wenn die Entschleierung des Wahns selber wahnhaft ist, dann bleibt sowieso nur noch das Irrenhaus.
Und vielleicht entstand aus dieser mentalen Orientierungslosigkeit jenes Schüler- und Schülerinnenbedürfnis, den Lehrer Adorno in aller Öffentlichkeit heimzusuchen, ihn bloßzustellen damals in Frankfurt.
Bürgerliche unter sich...
Mein Weg ist das nicht, auch nicht meine Methode.
Wie ich einst Karl Marx beim Wort nehmen zu müssen glaubte (ja, nicht nur die Befreiung, sondern auch die Entwicklung einer Theorie der Befreiung könne nur das Werk der Arbeiter selbst sein), so tue ich es ähnlich mit Adorno/Horkheimer.
Sie schreiben:
Falsche Projektion ist der Usurpator des Reiches der Freiheit wie der Bildung; Paranoia ist das Symptom des Halbgebildeten. Ihm werden alle Worte zum Wahnsystem, zum Versuch, durch Geist zu besetzen, woran seine Erfahrung nicht heranreicht, gewalttätig der Welt Sinn zu geben, die ihn selber sinnlos macht, zugleich aber den Geist und die Erfahrung zu diffamieren, von denen er ausgeschlossen ist, und ihnen die Schuld aufzubürden, welche die Gesellschaft trägt, die ihn davon ausschließt (205).
Es ist die spezifische Wirklichkeit des Proletariers, der - buchstäblich darüber hinaus - angefangen hat, über diese seine Wirklichkeit, über die allgemeinen Bedingungen seiner besonderen Situation nachzudenken, "woran seine", des bürgerlichen Philosophen, "Erfahrung nicht heranreicht", was er also nun "mit Geist zu besetzen" versucht.
Hinzu kommt, das ist hier von Bedeutung, die Erfahrung (und Einsicht) dessen, der in seiner, sagen wir, Psychogenese nicht nur zurück-, sondern bereits über einige Generationen vorausblicken kann.
Die Erfahrung des Sprungs aus der Position "Sohn meines Vaters/meiner Mutter" in die des "Vaters meiner Söhne/Töchter" ("Großvater..." usw.) ist meines Wissens keine Adorno/Horkheimer-Erfahrung.
In der jüdischen Tradition gilt ein Mann ohne Frau und Kinder als (noch) nicht vollwertig.
Ein unbeweibter, familienloser Rabh ist kein authentischer Lehrer aus eben jenen Gründen.
Der Konflikt zwischen dem Judentum und dem Christentum war demnach vorprogrammiert.
Aber ich spreche hier simplerdings als proletarischer Familienvater.
Auf dem halbwegs gesicherten Boden dieser meiner konkreten sozialen Parterre-Realität habe ich überhaupt nicht das Gefühl, nicht mehr weiter zu wissen.
Ich fürchte auch nicht, damit fürs erste ziemlich allein und isoliert zu sein.
Um mich herum tummeln sich zahlreich heranwachsende Überprüfungsinstanzen.
Aber auch, was ich von Lehrern wie Adorno und Horkheimer gelernt habe, soweit es sich bewährt, hilft mir dabei.
Wenn ich "Klassenbasis" sage, so dresche ich kein leeres Stroh, spucke ich nicht verdinglichte Begriffe, vielmehr beschreibe ich damit ganz kurz die ökonomischen, materiellen, gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen ich lebe.
Ich nehm's nicht schwer damit, sehe mich nicht in der Lage jener "Hoffnungslosen", um derentwillen uns, nach Benjamin, "die Hoffnung gegeben" sei.
Doch ist mir Hoffnung mehr als ein "Prinzip".
Sie ist eine, nun eben nicht materielle, Bedingung des Lebens - und des Denkens.
Es gibt andere.
Denken ist nicht nur ans Individuum gebunden, wenn es "wahr" werden will, also authentisch, sondern darüber hinaus an so etwas wie eine Ur-Hypothese, wie sie zum Beispiel auch im Monotheismus (religiöse) Gestalt angenommen hat.
Die Klassendistanz verhilft zu der Erkenntnis, daß wesentliche Erfahrungen und daraus resultierende Zustandsurteile Adornos über die sogenannte bürgerliche Gesellschaft nicht nur selbst bürgerlicher, wenn nicht kleinbürgerlicher Natur sind.
Seine Anmerkungen Zum Jazz und seine allenthalben auftretende Aversion gegens Prolethafte, sein Ekel fürwahr davor: eben dies macht mich ebenso nachdenklich wie ihn und Horkheimer die Idiosynkrasien im Gefühlshaushalt des Antisemiten.
Zum Thema Jazz hätte ich anzufügen, das sich in diesem bemerkenswerten Phänomen, das Adorno einfach unter "Kulturindustrie" ablegt, elementar und keimhaft manifestiert, was aus der Massenkultur herauswill.
Die Jazzband ist ursprünglich geradezu ein Modell qualifizierter Demokratie.
Ein sich permanent revolutionierendes Kollektiv, dem ein Zusammenspiel höherer Qualität entspringt:
Jeder ein Solist, Subjekt seines Tuns, Meister seiner Identität, Virtuose...
Keine Rivalität:
Das Kollektiv nicht als Grab des Einzelnen, sondern als Bedingung für seine volle Entfaltung.
Keine Hierarchie.
Nicht einmal ein Notenblatt, dem sie sich zu unterwerfen hätten.
Nur dieses eine: der musikalische Konsens, die Leitidee sozusagen, das Thema...
Und jeder sagt, während die andern in den Hintergrund treten, was er zu sagen habe...
Auf dem roten Faden und über ihn hinweg tanzt ein jeder seine ganz persönlichen Kapriolen...
Was schreibt Adorno:
Jazz ist eine Manier der Interpretation. Wie bei Moden geht es um Aufmachung und nicht um die Sache... (Prismen, 120).
Jeder nur halbwegs sensible Leser spürt den Zwang, den Adorno ausübt, die Verbissenheit, mit der er eine Angelegenheit des kleinen Mannes womöglich mit diesem zusammen erdrücken möchte:
Die zur Kultur herabgesunkene Kunst wird von der Strafe ereilt, daß man sie, je mehr sie ihr Unwesen ausbreitet, um so hilfloser mit ihren eigenen Abfallprodukten verwechselt. Selbstbewußtes Analphabetentum, dem der Stumpfsinn des tolerierten Exzesses fürs Reich der Freiheit gilt, zahlt dem Bildungsprivileg heim (126).
Das Moment der Gefügigkeit im parodistischen Überschwang jedoch teilen die Jazzbegeisterten aller Länder. Darin mahnt ihr Spiel an den tierischen Ernst von Gefolgschaften in totalitären Staaten... (127).
Die Herren der tausendjährigen Reiche von heutzutage sehen wie Verbrecher aus, und die perennierende Gebärde der Massenkultur ist die Asozialer (124).
Aber die Herren der tausendjährigen Reiche in ihrem Urteil über den Jazz unterscheiden sich nicht vom Vordenker Adorno.
Da hat also einer sichtlich überdreht: der europäische, der deutsche Bildungsspießbürger, der als Immigrant im großen Amerika ja nun wenigstens theoretisch mit den Dingen fertig werden will.
Ich fand es fies, wie Intimfeind Ludwig Marcuse "seinen" Adorno madig machte.
In einem Aufsatz in der Zeitschrift Der Monat vor vielen, vielen Jahren verteidigte er die Massenkultur gegen Theodor W. Adorno, ohne diesen freilich beim Namen zu nennen, was um so fieser war, als man ohne weiteres herauslesen konnte, auf wen das abzielte.
Ich war damals empört in meiner anderthalben Jugendlichkeit und altersgemäßen Arroganz gegenüber den "Massen": über diesen Angriff auf meinen Herzensphilosophen.
Später besann ich mich.
Von musiktheoretischen Dingen verstehe ich nichts, in Sachen Musik bin ich Zuhörer, Empfänger, der sich freut oder ärgert und nicht mehr hinhört.
Ich erkenne eine belebende Wirkung auf den Körper und damit auf das Gesamtbefinden.
Schließlich Einwirkungen auf "Geist & Seele".
Damit aber geraten wir just in die Tradition jener hohen Musikkunst, für die der Theoretiker Adorno sein intellektuelles und künstlerisches Leben dreingab.
Ein Mann wie Wagner selbst war ihm nicht suspekt genug, um seiner nicht mehr zu gedenken.
Ja, die deutsche - "klassische" - Musik insgesamt verdankt sich historischen Umständen, die wahrlich "Führer" und "Gefolgschaft" am Horizont aufmarschieren lassen...
Die armen Scheißer, die sich am Jazz erfreuten, können sich beim Richter und Denker Adorno für das Urteil nicht einmal bedanken.
Nie werden sie's unter die Augen bekommen.
Lesen könnten es die "Analphabeten" ohnehin nicht.
Die Orchestrierung und Kommerzialisierung des Jazz, seine Disziplinierung, mithin, und Vermarktung, sein Einsatz als Instrument der Massenbeherrschung - in allem zeigt sich das ewige Geschäft, Unterwerfung und Beherrschbarkeit, es sagt aber auch etwas über die Gefahr, die gerade vom Jazz offenbar ausging und ausgeht für jene, die im Sattel sitzen und den Gaul reiten wollen.
(...)
Adornos Ansichten über Huxleys Brave New World sind nicht weniger klassenspezifisch getönt als Zum Jazz, aber hier handelt er pro domo, hier kennt er sich aus.
Huxley ist ihm kein Fremder.
Bürgerliche Schwächen sind ihm ein Begriff.
Daß es sich bei Huxleys "Zukunfts"-Roman einfach um eine pathische Projektion handeln könnte -
Even alphas have been conditioned (97) -,
zu solcher Diagnose wollte er sich denn doch nicht hinreißen lassen.
Huxley und seine Freunde und Leser sind keine "Neger" und "Asoziale" - die schrieben möglicherweise zurück.
Ja, ich sehe ihn vor mir, eben angekommen in New York, in einer Kneipe einen Imbiß genommen, inmitten von "Negern" und "Asozialen" bei heißem Jazz, grinsende Gesichter vielleicht darunter, ein paar puertoricanische Frauen, die dem armen Neuankömmling entgegenfunkeln...
Die ihn gar nicht beachten, aber er "sieht" aller Augen auf sich gerichtet.
Die Verhaltensweise aber, mit der der Intellektuelle, ohnmächtig in der Maschinerie des allseitig entwickelten und allein anerkannten Warenverhältnisses, auf den Schock reagiert, ist die Panik (93).
Huxleys Brave New World ist deren Niederschlag,
schreibt er weiter; aber er muß es geahnt haben, als er im Anschluß an diesen Essay seine Glosse über den Jazz erscheinen läßt, daß er auch von sich gesprochen hatte.
(...)
In den Elementen... sprechen die Autoren gegen Ende von den "psychologisch prädisponierten Volksgenossen" (216), von "Feinde(n) der Differenz" (217), "Ticketmentalität".
Nicht erst das antisemitische Ticket ist antisemitisch, sondern die Ticketmentalität überhaupt. Jene Wut auf die Differenz, die ihr teleologisch innewohnt, steht als Ressentiment der beherrschten Subjekte der Naturbeherrschung auf dem Sprung gegen die natürliche Minderheit, auch wo sie fürs erste die soziale bedrohen (217).
"... die natürliche Minderheit"?
Mit dem Individuum sind daher nicht auch seine psychologischen Determinanten, seit je schon die innermenschlichen Agenturen der falschen Gesellschaft, verschwunden. Aber die Charaktertypen finden jetzt im Aufriß des Machtbetriebs ihre genaue Stelle. Ihr Wirkungs- wie ihr Reibungskoeffizient sind einkalkuliert (215).
Im Zeitalter der dreihundert Grundworte verschwindet die Fähigkeit zur Anstrengung des Urteilens und damit der Unterschied zwischen wahr und falsch (211);
... als altmodischer Luxus verdächtig: armchair thinking."
Was daran ist aber wahr - was falsch?
So geht jene Selbstbesinnung des Geistes zugrunde, die der Paranoia entgegenarbeitet (207).
Darin sehe ich eine falsche - bürgerliche, eher aber kleinbürgerlich-katastrophenfixierte - Projektion.
Kein Wunder:
Da aber die reale Emanzipation der Menschen nicht zugleich mit der Aufklärung des Geistes erfolgte, erkrankte die Bildung selber. Je weniger das gebildete Bewußtsein von der gesellschaftlichen Wirklichkeit eingeholt wurde, desto mehr unterlag es selbst einem Prozeß der Verdinglichung (207).
Die "Wiederkehr des Immergleichen" wird zur immergleichen Wiederkehr ihres Begriffs.
Er kann nicht aufhören. Die Idee, die keinen festen Halt in der Realität findet, insistiert und wird zur fixen (199).
So bleibt nichts mehr übrig.
Ich suche in den Elementen... nach jenen Kriterien, deren Kenntnis uns befähigt, die Spreu vom Weizen zu unterscheiden - trotz allem.
Die Autoren haben das psychologische Problem, das sich hier natürlich als Fragestellung nachgerade aufdrängt, berührt, dabei ist mir aufgefallen: der Diskurs hat einen Knick.
Ich stutzte schon, als ich ziemlich am Anfang las:
Die aufgeklärte Selbstbeherrschung, mit der die angepaßten Juden die peinlichen Erinnerungsmale der Beherrschung durch andere, gleichsam die zweite Beschneidung, an sich überwanden, hat sie aus ihrer eigenen, verwitterten Gemeinschaft vorbehaltlos zum neuzeitlichen Bürgertum geführt, das schon unaufhaltsam zum Rückfall in die bare Unterdrückung, zu seiner Reorganisation als hundertprozentige Rasse vorwärts schritt (178).
In diesem Satz wird der Beschneidung nur am Rande Erwähnung getan, um so bedeutender erscheint mir, daß sie als "Erinnerungsmal der Beherrschung durch andere" eine gänzlich negative Bewertung erfährt.
Die Autoren hätten auf den Vergleich ebensogut verzichten können, aber sie taten es nicht.
Schon Freud rückte, merkwürdig genug, die Beschneidung in die Nähe der Kastration (wiewohl er auch anderes darüber geäußert hat).
Wenn hinter der sogenannten Kastrationsangst die Angst vor der Initiations-Ungewißheit aufgedeckt wird, erweist sich sogleich die Beschneidung als das pure Gegenteil einer Kastration.
Verhüllt sich im Antisemitismus eine ursprüngliche oder indoktrinierte Angst?
Die Gestalt des Geistes aber, des gesellschaftlichen wie des individuellen, die im Antisemitismus erscheint, die urgeschichtlich-geschichtliche Verstrickung, in die er als verzweifelter Versuch des Ausbruchs gebannt bleibt, ist ganz im Dunkel. Wenn einem der Zivilisation so tief innewohnenden Leiden sein Recht in der Erkenntnis nicht wird, vermag es auch der Einzelne in der Erkenntnis nicht zu beschwichtigen, wäre er auch so gutwillig wie nur das Opfer selbst. Die bündig rationalen, ökonomischen und politischen Erklärungen und Gegenargumente - so Richtiges sie immer bezeichnen - vermögen es nicht, denn die mit Herrschaft verknüpfte Rationalität liegt selbst auf dem Grunde des Leidens (179).
Der Antisemitismus ist ein eingeschliffenes Schema, ja ein Ritual der Zivilisation, und die Pogrome sind die wahren Ritualmorde (180).
Wer aber wird gemordet?
Es gibt keinen genuinen Antisemitismus, gewiß keinen geborenen Antisemiten (180).
Wird das "Schema" mit jedem Leben neu "eingeschliffen", wird es anerzogen, oder was ereignet sich wirklich?
Darum schreit man: haltet den Dieb! und zeigt auf den Juden (183).
Man ließ sie heran nur, wenn sie durch ihr Verhalten das Verdikt über die andern Juden stillschweigend sich zueigneten und nochmals bestätigten: das ist der Sinn der Taufe (183).
Nicht Regression, die Rücknahme der Beschneidung?
Das Christentum ist nicht bloß ein Rückfall hinter das Judentum (185).
Aber auch und vor allem.
Der Fortschritt über das Judentum ist mit der Behauptung erkauft, der Mensch Jesus sei Gott gewesen. Gerade das reflektive Moment des Christentums, die Vergeistigung der Magie ist schuld am Unheil (186).
Aber warum das alles?
Das ist der religiöse Ursprung des Antisemitismus. Die Anhänger der Vaterreligion werden von denen des Sohnes gehaßt als die, welche es besser wissen (188).
Na endlich. Ergo?
Jetzt hätte doch allerlei folgen müssen - psychologische Praxis.
Familienstrukturanalyse - angefangen bei der Familie Jesu, des Vaterlosen, seiner besonderen Prädisposition für den Angriff auf das Gesetz der Väter.
Haben wir es mit dem Ödipusproblem zu tun?
Hat Freud am Ödipus-Komplex alles gründlich bedacht?
Hat er überhaupt den Konflikt zwischen Laios und Jocaste, der sich im Sohne auslebt, berücksichtigt?
Beruht die Dialektik der Aufklärung auf der undurchschauten paradoxen Psychologie ihrer Träger?
Adorno und Horkheimer entfernen sich wieder aus der kritischen Zone ihres Gegenstands, um auf einmal festzustellen:
Die Antisemiten machen sich zu Vollstreckern des alten Testaments; sie sorgen dafür, daß die Juden, da sie vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, zu Erde werden (196).
Der Antisemitismus beruht auf falscher Projektion (196).
Die alltägliche Nachbarschaft wird zum kollektiven Krankheitsfall, entzieht sich damit aber zugleich der Erkenntnis.
Statt nach Freud und mit ihm die alte Geschichte mitsamt ihren Mythen auf die ihnen innewohnenden konkreten, individuellen Strukturelemente hin zu analysieren, zum Germanenhelden Siegfried fiel ihnen gerade noch dessen Spruch zu Mime ein: Ich kann dich ja nicht leiden, vergiß das nicht so leicht (188), wenden sich unsere Philosophen Kant und Schopenhauer zu.
Eine glatte Umgehung des Themas.
Die unbeweibten Kant und Schopenhauer sollen weiterhelfen, die halbe Authentizität sich behaupten, wo die Sache verloren ging.
Kein Wort zum boshaften Antisemitismus Schopenhauers?
(...)
Aus einem Brief
online-Fassung
kuckuck 50
IV/85
Nachdruck in kkk-feder 9, S.31
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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