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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Buchausgabe:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 9. Revisionismus-Kritik exklusiv I
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1995-03-04

Horst Lummert an Hans-Dietrich Sander

Die Denkvoraussetzungen sind eigentlich unser Thema, letztlich auch das Thema Ihres Buches.

Wenn ich sage, daß die Auflösung aller Dinge sich ohne weiteres geistesgeschichtlich datieren und lokalisieren (nicht "verorten", aber doch orten) läßt, nämlich im Griechentum, in der griechischen Philosophie, und zwar buchstäblich, so ziehe ich damit eine Linie, vielleicht eine Grenze, die sich aber womöglich aufheben läßt.

Als die Denker die "Weisheit" nur noch "liebten", weil sie die Wahrheit nicht mehr wußten, schlug uns gewissermaßen die sokratische Stunde.

Den Verfall nennen wir "griechisch", seine Einleitung "vorsokratisch".

Der "Nichtswisser" Sokrates machte aus seiner Unzulänglichkeit eine neue "Weisheit" und konnte sich nun der Bewundererlegionen über Jahrtausende sicher sein.

Es ist immer gut, zu wissen, daß auch ein "Genie" in Mathematik oder Logik eine "5" hatte.

Freilich war vor dem Schelm Sokrates, ohnehin nur eine platonische Spielfigur, gleichsam ein Satyr des Denkens, in vermeintlich "dunkler" oder "grauer", gleichwohl geschichtlicher Vorzeit "klassisches" Denken, das die Grenzen, die wir heute im "Geistigen" ziehen, als dem Verfall immanente Brüche und Risse, die ihn ja doch ausmachen und beschreiben, enthüllt.

Heraklit, "Homer", die antiken "Reichs"-Denker Chinas konnten sich an babylonischen, ägyptischen oder biblischen Berichten allenfalls "stoßen", insoweit diese von Störungen der alten kosmischen Ordnung handelten.

Diese Störungen führten zu den ("sokratischen" u.a.) Verstörungen des Denkens.

Während das "klassische" Denken stets auf Entsprechungen ("Analogien"!) in der Realität, in der Natur, in der Welt der Sterne und Götter verweisen mußte, um seine Authentizität und Autorität (!) wahren zu können, kann mit "Sokrates" überhaupt nicht mehr die Rede davon sein.

Unsere Unwissenheit wird zum Siegel des Wissens.

Wir müssen jedesmal wieder bei Null anfangen.

Der Faden ist abgerissen, die Überlieferung hat ihr Feuer verloren.

Es wird hier wohl schon sichtbar, daß ich jetzt nicht etwa "die Griechen" zu "unserem Unglück" erklären möchte.

Was ich im "griechischen" und Sie im "jüdischen" Denken entdeckt haben, hat "tiefere" oder "fernere", jedenfalls konkrete - gemeinsame - "Ur"sachen.

Mir fällt auf, daß Sie die "Basis"-"Überbau"-Dialektik als subjektiv aus dem "Jüdischen" erklären, was doch viel überzeugender aus der homerischen Verbildlichung des kausalen Beziehungsnetzes zwischen Götterwelt und Menschengeschick, Himmel und Erde, "Überbau" und "Basis", verstanden werden kann.

Alles Analogien, die eben nicht spekuliert, nicht halluziniert sind, sondern die Wahrheit einer Wirklichkeit abbilden, noch halbwegs sicher "verortet" sind, obwohl die Katastrophe selbst und mit ihr die zahllosen "Entortungen" den Berichten den Stoff geben, der bis heute nicht ausgeht.

Sie sehen, daß ich philosophisches Spekulieren wie jede andere Spekulation, sobald sie in die Wirklichkeit "korrigierend" eingreifen will, vorsichtig abwehre.

Was die alten Propheten davon unterscheidet, ist die reale Entsprechung oder Erfüllung ihrer "Prophezeiungen".

Voraussetzung dafür ist wahrscheinlich die Überzeugung, daß "Gott" zwar in dieser Benennung nur so etwas wie eine "Ur"-Hypothese sein kann, die aber eine Wahrheit beschreiben will, die Erkenntnis nämlich, daß es außer Intelligentem nichts gibt in dieser Welt, dem Universum, der "Schöpfung Gottes", und daß die "Komposition", damit wiederhole ich mich nur, des "Komponisten", eines "Autors", einer "Autorschaft" bedarf.

Innerhalb so kosmischen Denkens erhält natürlich auch jede "Spekulation" ihren Sinn. Das aus dem "Schöpfungszusammenhang" herausgefallene Denken macht mir Sorge, obwohl es nicht von Dauer sein kann.

Die "heiligen" Schriften jeglicher Herkunft sind Zeugnisse, Bezeugungen der kosmischen Zusammenhänge.

Das transzendierende Denken hat als ein Suchen nach dem Verlorenen eine ontische Bedeutung.

Heidegger suchte in der griechischen Sprache, was er in ihrer hebräischen Nachbarschaft ohne Mühe hätte finden können.

Meine Hypothese ist, daß im Hebräischen die gemeinsame "Ur"-Sprache mehr oder weniger erhalten geblieben ist (ausdrücklich "weniger", weil wir "mehr" nicht wissen können) und mit dieser Hilfe manches Vor- oder Fehlurteil in "Gefahr" kommt, uns, wie Schuppen von den Augen, aus Sinn und Herz zu fallen.

Wir können unsere Geschichte nicht verstehen, ja nicht einmal als "unsere" Geschichte erkennen, wenn wir nicht wissen, daß HOMER (hebr. gelesen H'OMER) soviel wie REDE, WORT, SPRACHE, GESANG, BEFEHL und VERHEISSUNG bedeutet.

Wenn wir nicht wissen und weitersagen, daß die nordische EDDA mit diesem ursprachlichen Namen als ZEUGIN auftritt, die sich SCHMÜCKT und VERHÜLLT, die BEZEUGUNG, GEBOT, GESETZ und BESTIMMUNG erteilt.

EDAH ist das Zeugnis und reicht als Frauenname in vorflutliche Zeiten zurück.

Zur Aufhellung nordischer Ur-Namen läßt sich vieles sagen.

Ich möchte jetzt aber auf Ihre Benjamin-Interpretation zu sprechen kommen.

Das griechische Wort Aura, das ursprünglich Hauch, Luft, bedeutete, entfaltete bereits in seiner lateinischen Transposition jene semantische Tiefe, die Arcana ansaugt. Dem Hauch assoziierten sich alsbald Höhe, Himmel, Oberwelt, Tageslicht, Öffentlichkeit, Zeichen, Schimmer, Atmosphäre (S.54).

Galenos' Abwanderungen ins Okkultische, Theosophische und Parapsychologische führen Sie in die jüdische Qabalah, wo "Aura" einen "Äther, welcher den Menschen umgibt", bezeichne.

Eine Verwendung des Wortes Äther für Atmosphäre, Milieu, findet sich schon bei Marx an einer unauffälligen Stelle.

Und:

Die Spiritualisierung des Milieus war zu Lebzeiten Benjamins eine sekrete Denkfigur, um der Auflösung aller inneren und äußeren Bestände zu begegnen (S.55).

Nun heißt ATAR (t=tet) schon für sich UMGEBEN, so daß auf das griechische sphaira (=Kugel) als Zusatz verzichtet werden kann.

ATARAH (t=tet) ist obendrein der Kranz, die Krone, ein Diadem.

ATAR (t=tav) heißt: beten, anbeten.

Man könnte insoweit tatsächlich von einer "Spiritualisierung des Milieus" sprechen, und "sekret" daran war eben wieder nur das hebräische Wortwurzelwerk.

Vielleicht sollte da nur etwas gerettet werden, durch "Offenlegung" als Geheimnis bewahrt, wer weiß.

Je mehr Schlüssel zum Safe herumliegen, desto sicherer ist das Schloß, möchte man manchmal meinen.

Was Sie in Georges' Lateinisch-deutschem Schulwörterbuch von 1903 (Hannover) als Worterklärung für "Aura" gefunden haben, auch wie Sie's auslegen, suggeriert einem so etwas wie eine Entstehung aus dem Nichts (Hauch, Luft) bei den Griechen "bereits" in der lateinischen Übertragung zum "assoziierten" Himmel, zu Oberwelt, Tageslicht usw..

Die "semantische Tiefe", ein Strudel, der "Arcana ansaugt"?

Zu "Pilpul" will ich nur anmerken, daß es sich dabei um eine Verdopplung des hebr. Wortes Pele für Wunder, Wunderbares, Wundertat u.ä. handelt.

Das "Wunder" beruht auf der Entdeckung etwa von Analogien, von strukturellen oder essentiellen Verwandtschaften zwischen Dingen, Vorgängen, Erscheinungen, die "scheinbar" nichts miteinander zu tun haben.

Auch "Streiche", die uns das Unbewußte bisweilen spielt, "blinde" Assoziationen, die einem zu Erleuchtungen werden können, gehören dazu.

Es sind keine "Erfindungen", sondern Entdeckungen, obwohl auch unser Wort "Erfindung" dazu einlädt, es einmal genauer zu untersuchen.

Wenn Benjamin die AURA an den ORT bindet, zudem von Werken der Kunst/ART spricht, so erkennen wir auf den ersten Blick die etymologische Verwandtschaft.

Ich möchte mich jetzt mit der Feststellung begnügen, daß sich ORT/OROT/AOROT/AUROT als Pluralform von AORAH/AURAH/ORAH erklären läßt.

Die "semantische Tiefe" saugt in der Tat keine Geheimnisse an, sie gibt sie frei, offenbart sie.

Man muß nur Augen und Ohren (!) offenhalten, und das Herz, und den Verstand.

Mit dem ORT der AURA hat es noch eine viel weiter gehende Bewandtnis.

Es ist die Stadt "Ur", die Stadt Abrahams, eigentlich noch Abrams, Stadt der Chaldäer, der ORT schlechthin.

AOR/AUR/OR/UR/AORAH/AURAH oder AURA heißt "ur"sprünglich: Licht, Helligkeit, Tageslicht, Erleuchtung, Heiterkeit, Glück.

Und: Licht, Erleuchtung, Offenbarung, Flamme, Feuer.

Man könnte fast sagen, daß bei den Griechen das Feuer längst erloschen war, "es" nur noch ein bißchen qualmte, hauchte, wehte.

"Entortung" im Wortsinn (WORT?!).

Oder wie soll man es nennen, wenn die Leute nicht mehr wissen, was ihre Worte/Uorte besagen?

Zum Marxismus will ich nichts weiter sagen. Ich habe ihn nie sehr ernstgenommen, da ich ja das biblische Original kannte.

Sie sprechen irgendwo von "vulgärmaterialistischer" oder "vulgärmarxistischer" Kunstbetrachtung.

Mich stört daran nur die nähere Bestimmung "vulgär".

Das "Volk" (vulgus) hatte damit wohl am wenigsten zu tun.

"Marxismus" war eine Ideologie Deklassierter, eine bürgerliche Überlebensstrategie.

Er setzt Empfänglichkeiten voraus, die in der arbeitenden Klasse rar sind.

Daß wir in einer Klassengesellschaft leben, muß ich nicht nachlesen, das erleben wir ja täglich als Realität.

Im ersten Heft kuckuck, Herbst 1973, wendete ich Marxens Satz, wonach die Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk der Arbeiter selbst sein kann, per Erweiterung:

Es gilt entsprechend für eine Theorie der Befreiung.

Die spezifisch deutsche Klassenproblematik führte schließlich auch dazu, daß die nationale Führungselite das Land und das Volk an seine Feinde verriet, zu ihnen überlief und als Ankläger das eigene Volk denunzierte.

Die Linie führt von der Roten Kapelle über den "20.Juli", die Desertion der Generäle und hohen Offiziere zur Roten Armee samt Propagandaservice im "Bund der Offiziere", "Nationalkomitee freies Deutschland" oder wie sich das nannte, bis zur Selbstdemokratisierung nach dem Kriege und dem APO-Schwindel seit den späten sechziger Jahren, als die Söhne und Töchter der NS-Führungs- und Funktionsträgerklasse plötzlich ihr antifaschistisches und revolutionäres Herz entdeckten und die Politik gegen das Volk fortsetzten.

Wenn es einen beachtenswerten (und bedenklichen) genealogischen Zusammenhang gibt, so ist es dieser.

Entortung und Umweltzerstörung.

Nomadologie; wobei ich an Oberlercher denke, dessen Lehre vom Gemeinwesen ich kurz vor Ihrer Auflösung aller Dinge gelesen habe.

Sie gehen beide davon aus, daß die Seßhaftigkeit das Eigentliche, das Natürliche und gewissermaßen auch Erhabene des Menschen sei.

Begriffe wie "Verwurzelung" und "Entwurzelung" werden aus der Pflanzenwelt auf die Natur des Menschen übertragen, als ob es diesen nicht eben auszeichnete, "frei von allen Wurzeln" den ganzen Planeten zu umwandern, die Erde als Ganzes als seinen ureigenen ORT zu erleben.

Darin unterscheidet sich der Mensch von allen anderen Lebewesen, Tieren sowohl als auch Pflanzen, deren Lebensbereiche mehr oder weniger eng von der Natur bestimmt worden sind.

Natürlich treffen hier zwei Denk- und Lebenswelten aufeinander.

Der Seßhafte, der Bauer, der Stadtbewohner, sieht sich als den "Besitzenden", den Hirten allenfalls als seinen, des "Besitzenden" Knecht, den Viehnomaden als den Dieb, der dem seßhaften Bauern das Vieh stahl.

Der Frevel steckt hier also in der Unverschämtheit des entronnenen Sklaven.

Die Sicht des Nomaden ist dem entgegengesetzt.

Der Nomade sieht (und weiß) sich als "den" Menschen - par excellence.

Die Erde (ERDE, ORT, ART) gehört Gott oder dem Himmel allein.

Unser Planet ist ein Teil des Universums.

Wir Menschen, die wir darauf leben dürfen, sind damit beschenkt, sind begnadet, die Erde zu hüten und zu bewahren, davon zu nehmen, was wir und unsere Tiere brauchen.

Was wir brauchen, ist da, unser Mandat ist es, die Erde zu heiligen - und nicht aufzureißen, zu zerpflügen, umzugraben...

Die natürliche Bewegung ist die auf dem Weg.

Jede Bewegung auf der Stelle, also Arbeit, Schaffen, Aufbauen und dergleichen, ist nur ein Ersatz.

Also, der seßhafte Bauer hat sich Gottes - zu heiligendes - Land angeeignet.

Seßhaftigkeit ist der Frevel an sich.

Daß Eigentum Diebstahl sei, kommt sicherlich aus der Konsequenz solchen Denkens.

Nomaden sind Monaden.

Ihre etymologische Enträtselung verweist uns darauf, daß ihr Name (nomen) auf Gottes Geheiß (numen) zurückzuführen ist, wie dem Wort- und Sprachkundigen auch die "Wurzelwanderung" vom ägyptischen Pharao zum indischen Paria überhaupt keine Probleme macht.

Aus allem ergibt sich natürlicherweise, daß die "Bevölkerungsexplosion" keine Gefahr, sondern ein Segen ist, der auch nicht den "Verfall der Völker" bewirkt, sondern ihre Zukunft garantiert.

Die "Seßhaften" führen nämlich Arges im Schilde, dem Gott und die seinen vorbeugen müssen.

Die "Seßhaftigkeit" hat sich dermaßen institutionalisiert, qualitativ und quantitativ ausgebreitet, daß dem Nomaden kaum noch Luft zum Atmen und ein Platz zum Hinlegen bleibt.

Was Sie als eine "Bedrohung", ich als eine "Errettung" der Menschheit betrachte, ist die Nomadisierung der Seßhaftigkeit, die Untermischung und Verwandlung dessen, was die Welt unter sich allein aufteilen wollte.

Indem Sie diese "Zerstörung" beklagen, "wo schwacher Sinn und Schwachsinn konvergieren", kommt Ihnen sogleich der erlösende Gedanke, die Erlösung als Erlöschen, so daß

ein großer Knall oder ein plötzliches Erlöschen kosmische Gnade wäre (S.112).

Wer die Welt nicht mehr versteht, will sie vernichten.

Doch das Leben geht weiter.

Sie und Oberlercher setzen das Nomadentum dem Judentum praktisch gleich, indem Sie einfach die biblische Geschichte von den Wüstenzügen usw. in die Gegenwart verlängern.

Aber Juden sind keine Nomaden.

Sie verstehen sich als Seßhafte, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Niemand würde auf den Gedanken kommen, Ostpreußen, Schlesier oder Sudetendeutsche als Nomaden zu bezeichnen.

Dazu fehlte nämlich das ältere Schrifttum.

Wo man, handelt es sich um Asiaten, von Nomaden spricht, da nennt man das gleiche Phänomen bei den Germanen "Völkerwanderung".

So kommen wir zu keinen Erkenntnissen.

Die Juden bleiben im übrigen so sehr dem ERETZ Israel, der Stadt Jerusalem verORTet, daß ihr Gruß: "Nächstes Jahr in Jerusalem!" auch den letzten Zweifel ausräumen sollte.

Nein, Juden sind keine Nomaden, und ich bedaure es sehr, weil ich vermute, daß sie es sein sollten, und nicht nur sie.

Die Auflösungserscheinungen, die sich gleichwohl im Judentum - und mit "Judentum" meine ich immer nur die nachbiblische Geschichte - nachweisen lassen, lassen sich nur richtig begreifen, wenn der Vertreibungsknick in der Geschichte des antiken Israel das Eintreten in ein neues Medium, in eine andere Dimension beschreibt.

Eine seriöse Wertung der Torah-Aufzeichnungen muß die ganze nachbiblische, talmudische, halakhische Literatur als torahwidrig bezeichnen.

Das Judentum steht sich irgendwie selbst im Wege.

Wenn ein so altes Volk so gering an Zahl ist, muß das Gründe haben.

Jüdische Ideologen führen es auf Verfolgungen, Ausrottungen zurück.

Ich halte nichts von dieser Theorie.

Ich denke, daß der jüdische Anspruch am jüdischen Sein so kräftig zerrte, die Spannungen für viele Menschen so unerträglich wurden, daß sie einfach das Weite suchten.

Das anonyme, wirklich spurlos untergekommene "Judentum" stellt wahrscheinlich zahlenmäßig alles in den Schatten, was heute offiziell als Judentum auftritt.

Die innere Klassenstruktur des Judentums wird gewöhnlich übersehen.

Die ärmeren Schichten sind abgewandert, ohne daß man ihnen eine Träne nachgeweint hätte.

Interessant war mir Ihre Unterscheidung von abendländischem und morgenländischem "Rationalismus", vielleicht kommen wir später darauf zurück.

Nur fiel mir auch hierbei auf, daß wir beide, also Sie und ich, fast die gleichen spezifischen Merkmale feststellen, sie jedoch der jeweils anderen "Seite" zuschreiben.

Zu Raum und Zeit noch ein paar Worte.

Sie meinen, wenn ich Sie richtig verstehe, daß der Nomade keine Zeit kenne, nur im Raum hin- und herwandle.

Zeit wäre demnach eine höhere Gestalt der Lebensordnung.

Sie verlassen damit Ihren ORT als Grundbedingung Ihrer Weltsicht, vergessen ihn zumindest, und so wird die Entortung par excellence - "Zeit"! - zu einem Kind der Seßhaftigkeit.

Ich sage, daß Zeit eine Abstraktion des Weges, gleichsam seine Metaphysik ist.

Voraussetzung unseres Zeitempfindens, der Zeit als Erfahrung, ist die kosmische Ordnung als eine komplizierte Konstellation in stetiger (und auch unstetiger) Bewegung, ein unübersehbares, unausdenkbares "Verkehrsnetz".

Nicht die Zeit reguliert den Verkehr, sondern der Verkehr bestimmt, was wir als "Zeit" empfinden.

Hier sind wir nicht Beweger, sondern Bewegte.

Der Nomade "irrt" nicht durch die Landschaft, er geht mit den Sternen, mit der Sonne, dem Mond, den Jahreszeiten.

Der wahre Nomade ist im Einklang mit der kosmischen Ordnung, mit der irdischen Natur, mit der Schöpfung Gottes.

Ich will jetzt nicht noch eine weitere Seite anfangen. Zu Fragen der "Moderne", zum "Dritten Reich" habe ich mich im kuckuck schon ausführlich geäußert.

Wir werden, wenn diese Diskussion weitergeht, was ich sehr hoffe, sicherlich noch auf manches zu sprechen kommen, was bisher nur angedeutet oder auch übersehen wurde.

Eben schaue ich auf die Uhr: 18.47, Samstag. Wenn ich den Brief nicht mit der Post schicke, sondern gleich durchfaxe, haben wir ein bißchen Zeit (!) gewonnen.

Brief vom 4.3.95, abgedruckt in Sleipnir 5/95; in kkk-feder 7 nicht erschienen.

online-Fassung

kuckuck
feder 7
II. quartal 1996
30. Mai 1996

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