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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1995-03-29
Ihre Lehre vom Gemeinwesen ist ein spannendes, geradezu aufregendes Buch.
Voller Widersprüche und Wahrheiten, des Guten und des Bösen genug.
Vielem, was die Analyse oder die Diagnose des heutigen Weltzustands ausmacht, möchte ich zustimmen, so Sie nur im Konkreten bleiben.
Ihre Licht-Schatten-Methode hat natürlich den großen Nachteil jeder Dämonisierung, heißt auch: Selbstverdunkelung.
Bisweilen gehen Sie mit Begriffen fahrlässig um.
An den Beispielen "Person" und "Gott" läßt sich das verdeutlichen.
Einerseits beschreiben Sie "Gott" als "Geist", der in reinem Zustand "über den Wassern schwebt", andererseits hat "jedes Volk seinen eigenen Gott".
Sie schwimmen sich frei, sie strampeln sich förmlich aus der alttestamentarischen Verwicklung; doch wo Sie uns sagen wollen, was Sache ist, da bedienen Sie sich durchweg biblischer Vorstellungen, Auffassungen, toranischen Gottesverständnisses.
Denn auch dort ist ja die Rede von dem Einen Gott, der freilich der Gott Israels sei, und zugleich von den Göttern der "Völker", also der anderen Völker.
Ihre Definition der allgemeinen Menschenrechte als "Rechte dieser besonderen Tiere" könnte aus Quellen talmudischer Selbstüberhebung stammen.
Erb- und Todfeinde sind oft Spiegelbilder.
Die Veredelung des "Deutschen" und "Germanischen" bringt nichts zur Substanz, bleibt beim Wort, der simplen Behauptung.
Ganz anders die "Nomaden", die haben's Ihnen nun wirklich angetan, die sind Ihnen wie ein rotes Tuch dem Stier oder dem Teufel das Weihwasser, pardon, wie dem Weihwasser der Teufel.
Sie kommen aus der biblischen Denkwelt einfach nicht heraus.
Wo Sie die "Person" eine "Charaktermaske Gottes" nennen, ist auch nicht sicher, ob Sie's nicht ironisch meinen, obwohl Sie doch dem Wort seine ursprüngliche Bedeutung damit nur wiedergeben.
Es war eben nur ein Seitensprung ins Heidnisch-Antike, während Sie biblisch verheiratet bleiben.
Aus diesem Topf ist noch jeder satt geworden, auch wenn einer mal mäkelt und sich dabei verschluckt.
Selbst Ihre Verbösung des Nomadischen widerspricht nicht offizieller Torah-Lesart, wonach ja die Bodenlosen eigentlich Verjagte, nämlich Gestrafte sind.
Sie führen die Idee vom Sündenfall herauf (oder herunter) in die Gegenwart, wo und weil sie Ihnen politisch nützlich zu werden verspricht.
Die Personalisierung Gottes liegt nun vollends auf der Linie katholischer Lehre.
Kämen nicht die völkischen Übergewichtungen hinzu, könnte man's dabei belassen.
Ich glaube, da streiten der katholische, die Grenzen überschreitende Reichsgedanke und die völkisch definierte Beziehung zur besonderen Heimat von fremdausschließender Kraft.
Ich zitiere Sie, ohne ausdrücklich darauf hinzuweisen.
Das katholische Mittelalter war eben vor allem dies: katholisches Mittelalter - mit übernationaler Sprache, der Einheit im Glauben.
Worauf Sie den allergrößten Wert legen, die ethnischen und rassischen Unterschiede, mein Gott, das machte halt die Vielfalt aus in einem generös entworfenen Reich.
Natürlich gibt's da immer Bildende und Gebildete des Reichs, jeder tut, was er am besten kann, wovon er was versteht.
Der eine bestellt den Acker, der andere zäunt ihn ein.
Vor Gott haben beide keine allzu große Chance.
Denn zu stark geprägt sind sie alle vom einstigen Fall.
Und ich dachte doch, daß sogar für Nomaden Platz sei in einem wohlbedachten Reich, der ewige Konflikt zwischen Sitzenden und Gehenden aufgehoben...
Ihr Reich ist dagegen ein wahrer Krampf, eine Zwangsordnung nach Maßstäben, die weder Hand noch Fuß haben.
Ich mache mir nicht die Illusion, Sie von Ihrer völkischen Schmalspur herunterbringen zu können.
Was Sie sich aber auch alles dazu einfallen lassen, ist grandios.
Dabei hätte die heutige Welt wirklich Hilfe nötig, neue oder alte, jedenfalls bessere, dem Menschen angemessene Lebensmuster.
Sie bringen Unordnung in die Welt, richten willkürlich, was unwillkürlich meist gar nicht so schlecht läuft, ähnlich der Natur, die des Schutzes der Menschen ebensowenig bedarf wie jeder anderen Einmischung.
Würden Sie dem deutschen Reich die Aufgabe übertragen, etwa die Völker der sogenannten Dritten Welt vor dem Rassismus des weißen Mannes zu bewahren, Sie wären mein Partner im Geiste.
Aber nein, Sie wollen's denen erst so richtig zeigen, was Weiß alles zurechtzuweisen und anzurichten weiß.
Mit Ihrer Theorie geben Sie Deutschland und den Deutschen den Rest, und ich frage mich mittlerweile, ob dies nicht Ihr Anliegen sei.
Wenn Sie aber Gutes tun wollen am deutschen Volk, vielleicht habe ich Sie auch nur falsch verstanden.
Doch insgeheim ahne ich schon, daß Sie mir und anderen, unverhofften wie unerwünschten Lesern, Mitdenkern, Nachdenkern das amerikanische System wieder schmackhaft machen wollen.
Ich erinnere mich an die Übergabe des Flughafens Tempelhof aus amerikanischen in deutsche Hände, wann war das, vor zwanzig oder dreißig Jahren.
Das Erste, was die deutschen - öffentlichen - Hände sich ergreifen ließen, waren Gitter und Zäune, um alles umzumodeln, zu ordnen, den Leuten Barrieren in den Weg zu bauen.
Ganz Berlin ist inzwischen wieder eine Stadt der Zäune, Poller und Stolpersteine.
Das muß einem sofort einfallen, wenn man Ihr Konzept gelesen hat.
Sie werden mit Sicherheit manchen Koffer auf den Weg bringen.
Deutsches Handgepäck für die Emigration.
Wer läßt sich schon gern freiwillig ein Korsett anlegen, enge Kleidung ist ungesund und macht mürrisch, macht krank.
Die amerikanische Besatzungszeit kommt mir bei der Lektüre Ihrer Zwangsvorstellungen - ganz unverdient - paradiesisch vor.
Das haben Sie nun davon, Sie haben die Geschichte einfach ein bißchen überdreht, zu fest gezogen.
Wenn Geschichte Entwicklung und Bewegung meint, so bringt Ihr Modell dann wohl alles zum Stillstand.
Als wollten Sie den kuckuck federn!
Was Sie noch nicht wissen: Jede Ehe ist eine Mischehe aus Mann und Frau, Qain war der erste Mischling vor dem Herrn.
Auf die Güte der Mischung kommt es an!
Na ja, wem sage ich das.
Die Seevölker mit dem Nomadentum in Verbindung zu bringen, kann ich nicht rügen.
Ich denke an die Wikinger, an die Phönizier (Kanaaniter) und stimme Ihnen zu.
Auch die Piraterie ist nomadologisch getrieben.
Können Sie mit letzter Sicherheit sagen, daß kein awarisches Blut durch Ihre Adern pulst?
Vielleicht wollen Sie's zur Ruhe zwingen.
Das Auffällige an den NS-Größen war, daß sie ihren Erbfeinden ähnlicher sahen als dem nationalsozialistischen Rasse-Ideal.
Vom Selbsthaß der Juden ist schon viel geredet und geschrieben worden, aber der Selbsthaß der bekennenden Musterdeutschen ist wohl auch nicht von Pappe.
Da schlagen sich die Geschichtsrevisionisten mit der überforderten Justiz herum, weil die ihnen nicht abnehmen darf, daß der Holocaust nicht stattgefunden habe, jedenfalls nicht so, wie allgemein behauptet wird.
Die Geplagten schleppen Beweismittel heran, bemühen Wissenschaft und Forschung, um das deutsche Volk von diesem Makel zu erlösen.
Und Sie kommen mit dem alten Gerät, zeigen die bekannten Folterinstrumente und verkündigen, freigemacht von jeder Hemmung und jedem Feingefühl für die Rechtsnöte Ihres Volkes, daß die Juden Nomaden, Nomaden aber das absolute Böse seien, notwendigerweise zu nichtigen.
Ich meine, wer es noch nicht wußte oder nicht glauben wollte, der kriegt's jetzt schwarz auf weiß vom Verlag der Freunde auf den Tisch.
Oberlercher, das war unüberlegt.
* Brief vom 29.3.95, abgedruckt in Sleipnir 3/95.
Merke: Kanaan ist Ziel, Zweck und Mittel zugleich, ein Vorwand, ein Hoffnungsschimmer. Sinn ist die Wüste. Die Heimat des Menschen: seine Heimatlosigkeit.
kkk 1, 1973
online-Fassung
kuckuck
feder 7
II. quartal 1996
30. Mai 1996
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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