free download kuckuck network archive NewCatch.com

Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Buchausgabe:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 9. Revisionismus-Kritik exklusiv I
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1996-05-00

Horst Lummert

Die Satire darf alles.
Mich interessieren ihre Grenzen.

kuckuck 1, 1973

Die mir vorgelegten Bilder sind zweifellos Original-Imitationen echter Fälschungen von Van Gogh beziehungsweise seiner Frau. (Expertise von Kunstsachverständigen Geheimrat Professor Dr. Kaspar Hauser)
Weltbühne 1932, I. Halbjahr, Seite 633

Den Vorgang ums Soldaten-sind-Mörder-Urteil - Motto: Was Tucholsky gesagt hat, ist erlaubt - nahm ich als eine jener Satiren, die sich offenbar nicht vermeiden lassen.

So gab ich noch eins drauf: Tucholsky habe auch anderes geschrieben, etwa, daß er die Polen am liebsten vergasen würde.*

* Vgl. kkk-feder 6, S.27 (Siegeszüge des Kleinkarierten...)

Ich hatte es vor zehn oder fünfzehn Jahren in einer linken, vielleicht anarchistischen Zeitung gelesen.

Ein antifaschistisches Blatt, das den Dichter Tucholsky als bürgerlichen Opportunisten und verkappten Faschisten entlarven wollte, falls er nicht doch ein Satiriker war.

Bei Tucholsky ist das nie ganz sicher.

Wie ernst sind seine Satiren gemeint, wie satirisch seine "ernsten" Artikel?

Seine Pseudonyme sind gewiß mehr als ein Spiel.

Hinter ihnen verbergen sich verschiedene Seelen, mit ihnen drückt Tucholsky seine inneren Widersprüche aus.

Ich kann die fragliche Quelle nicht nachweisen.

Eine umfängliche Bibliothek samt Schriften-Archiv habe ich 1988 aufgelöst.

In der sechzehnbändigen Neuauflage der Weltbühne (ohne Schaubühne) von 1978 habe ich nichts dergleichen gefunden.

Ich bestehe auf meinem Gedächtnis.

Tucholsky, "wie ihn jeder kennt", könnte es nur als Satire geschrieben haben, obwohl er zum ersten August 1918 eine Hymne auf den Krieg singt, so gut, so aus dem Herzen, sprachlich so überzeugend, daß ich meine, da ist, bei allem Sarkasmus, etwas vom wahrhaftigen, vom ursprünglichen Tucholsky durchgekommen.

Ludwig Thoma und die Brüder Mann dachten und schrieben nach dem Krieg anders als vor 1914.

Ludwig Thoma, der des Simplicissimus, des März, der Süddeutschen Monatshefte, der Satiriker Peter Schlemihl, steht in den Regalen, in Gesammelten Werken, Auswahlbänden und Erinnerungen.

Seine Artikel für den Miesbacher Anzeiger aus den Jahren 1920/21 bleiben indes fast ausnahmslos unerwähnt.

Die anonym erschienenen Texte zeigen den einstigen Kämpfer gegen reaktionäres Spießertum auf einmal als einen verbiesterten, bösen Antisemiten (vgl. Ludwig Thoma, Sämtliche Beiträge aus dem Miesbacher Anzeiger 1920/21. Kritisch ediert und kommentiert von Wilhelm Volkert. Piper, München 1989).

Umgekehrt bei Thomas Mann, der als Demokrat und fanatischer Feind Hitlers bekanntgeworden ist.

Zuvor hatte er viel von dem, was ihn Hitler ähnlich machte, abarbeiten müssen.

Ein Haufen aufs Geratewohl hingeschütteter Dinge ist die schönste Weltordnung, sagt Heraklit.

Und wer schrieb dies?

Der jüdische Gedanke hat von jeher eine leere und dünne Geistigkeit gehabt (die Heine sehr fein dem körperlich blühenden Hellenentum gegenüberstellte), ohne den Inhalt des Gemütes, das der Germane in jede seiner Auffassungen gießt...
In ihren Niedergangsperioden aber bringt jene Veranlagung die faulen Früchte hervor, die man uns heute anbietet.
Sicher ist jedenfalls, daß ein Volk, dessen geistige Fähigkeiten sich jahrhundertelang einzig in rabbinischen Spitzfindigkeiten ausgegeben haben, nichts aber auch nichts von dem gewissen inneren Sinn aufzuweisen haben kann, der allein das Verständnis einer germanischen Schöpfung ermöglicht.
Es mag eine Genugtuung für uns und selbst ein Triumph sein, daß sie, die unsere Kulturarbeit in ihren Händen gefälscht und zum Geschäft entwürdigt haben, dennoch nicht in sie einzudringen vermochten.
Da ist der Typus des Mitbürgers, der mit einem Haufen schmutziger Wäsche (in mehrfacher Bedeutung) von Osten bei uns eingefallen ist...
Durch einige diskrete Hilfeleistungen, die ihm zugleich ein wenig, nicht für die Öffentlichkeit bestimmtes Material über die Größe des Weltmarktes in die Hände liefern, weiß er sich unentbehrlich zu machen...
Man ahnt ihn jetzt regelmäßig hinter den Vorgängen, die ein großes, nicht mehr zu zählendes und zu berechnendes Unglück (gegen das sich darum auch niemand auflehnen kann) im Volke hervorbringen...
Wenn er mit seinem Tilbury und seiner Cocotte die Linden lang fährt, sieht ihm verwundert der zu Fuß gehende Gardeleutnant nach, der den kleinen, schwarzborstigen, fahlen, schwammigen Menschen natürlich nur grotesk finden kann.
Aber je bescheidener sein Dasein und je unkritischer sein Sinn, desto stärker muß das Volk, das gleichwohl noch lange nicht genügend sozialistisch verführt ist, um die Notwendigkeit des Reichtums zu leugnen, diesen Fremdling hassen, dem es dunkel etwas Unheimliches ansieht, als rollten seine Räder über tausend Leichen.
Und hat nicht wirklich dieser Mann auf tausend vernichteten Existenzen seine Macht aufgerichtet wie eine unheilvolle Bestie, die einfach weil sie da ist, weil sie im Haushalte der Natur vorgesehen ist, den Tod um sich her verbreiten muß!
(...)
Jede andere "Kultur" ist hinfällig, so lange man die wilden Tiere im "freien Spiel der Kräfte" duldet, anstatt sie auszurotten oder in Käfige zu sperren!
Man verfolgt sie nicht "wegen ihrer Religion", denn um wegen einer Religion verfolgt zu werden, muß man doch wohl vorerst eine haben!
Und man verfolgt sie nicht als Volk, denn sie verdienen diesen Ehrennamen nicht.
Weit eher verfolgt man sie, weil sie die verkörperte Verneinung von Beidem sind, von Volkstum und von Glauben.
Und so werden sie eigentlich nicht um ihrer selbst willen verfolgt, sondern als Begriff; als sichtbarer Begriff alles Dessen, was zerstört und niedrig macht.
Sie sind in mancher Beziehung unser böses Gewissen...
Jeder vom nationalen und sozialen Gewissen Geleitete wird daher Antisemit sein; aber die Unterdrückung der Judenschaft bezeichnet für ihn nicht Ziel und Zweck seiner Bestrebungen, sondern nur ihre einfachste Folgeerscheinung!
Heinrich Mann
Heinrich Mann war vierundzwanzig Jahre alt, als er dies schrieb, kein Kindskopf mehr und nicht unter Zwang, es zu schreiben, und wir haben es mit Vorbedacht nicht einfach beiseite gewischt.
Man versteht einen Schriftsteller nicht, wenn man nicht seine extremen Positionen kennt.
Gewiß, so extrem wurde es kein zweites Mal.
Diese Vorstellungswelt, in ihrem Keim gewiß schon aus Lübeck mitgebracht, wurde überwunden, aber keineswegs im Handumdrehen.
Ihre Spur zieht sich noch ein gutes Stück Weg fort in Heinrich Manns Schaffen, und ein noch längeres in dem seines Bruders (214).
Peter de Mendelssohn: Der Zauberer. Das Leben des deutschen Schriftstellers Thomas Mann. Erster Teil 1875-1918. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1975:

Peter de Mendelssohn entdeckte das Reststück eines Briefes aus dem Jahre 1895, darin Thomas Mann an Grautoff geschrieben hatte:

... Kürzlich habe ich mich zum litterarischen Mitarbeiter des XX.Jahrhunderts aufgeschwungen; mein Bruder ist ja Herausgeber... (211).

Es waren die deutsch-nationalen Monatshefte Das Zwanzigste Jahrhundert. Blätter für deutsche Art und Wohlfahrt, "Organ der Deutsch-Bewegung"...

Aus dieser Zeitschrift stammte also das Zitat, bei dessen Wiedergabe ich da und dort die überholte Orthographie vermied, um das Alter des Textes nicht unvermittelt erkennen zu lassen.

Noch einmal Peter de Mendelssohn:

Weder Heinrich noch Thomas Mann haben ihre Tätigkeit an dieser Zeitschrift je erwähnt, gewiß nicht in ihren veröffentlichten autobiographischen Schriften. Sie kam erst nach dem Tod beider Brüder ans Licht und wurde erforscht (211f.).

Nach kuckuck 43/44/45, 1984

Humor ruht oft in der Veranlagung von Menschen, die kalt bleiben, wo die Masse tobt, und die erregt sind, wo die meisten "nichts dabei finden".
Peter Panter 1932 II 98*

* Zitate Kurt Tucholsky alias Peter Panter (PP) alias Theobald Tiger (TT) alias Kaspar Hauser (KH) alias Ignaz Wrobel (IW) aus der Weltbühne (WB).

Wenn diese nationalsozialistische Bewegung eine echte Volksbewegung, eine revolutionäre Bewegung wäre, wenn eine rechte Revolution alte Rechtsbegriffe hinwegschwemmte und zur Durchsetzung ihres Systems eine Diktatur errichtete - so könnte man das sauber bekämpfen.
Wer für den Klassenkampf eintritt, kann sich nicht grundsätzlich gegen Diktaturen wenden, höchstens gegen die Ziele, für die sie eingesetzt werden.
Ein Belagerungszustand kann unter Umständen politisch zu bejahen sein - es kommt auf die Idee an, die ihn geboren hat.
Von einer revolutionären Idee ist jedoch bei den Nazis nicht das Leiseste zu bemerken.
Ich nehme hier ausdrücklich die ihnen nicht unmittelbar angeschlossenen und noch sehr einflußlosen Gruppen aus, die zunächst im geistigen Kampf stehen: die Handvoll Leute um Jünger, Schauwecker und die andern...
Die Straßennazis lassen von dieser Geistigkeit auch nicht einen Hauch verspüren.
Politische Kinder...
Und wenn wir uns diese einseitig geschützte Republik ansehen, diese Polizeibeamten und diese Richter, dann entringt sich unsern Herzen ein Wunsch: Gebt uns unsern Kaiser wieder!
IW 30 I 719 ff.
Die Zensur des Rundfunks ist einer der Ausflüsse uneingestandener bürgerlicher Diktatur. Kurt Hiller hat hier einmal ausgeführt, daß gegen die Diktatur Mussolinis vor allem das zugrunde liegende Ziel einzuwenden sei - und sicherlich gibt es zwar nur eine Diktatur, aber tausend Zwecke, die man durch sie erreichen kann.
Unter allen Arten solcher Diktaturen aber ist eine, die stets hassenswert erscheint, wo immer sie auftaucht: das ist die heimliche.
IW 28 I 59o
Parteidisziplin ist eine sehr schöne Sache, und wir fordern, daß der aktive Politiker sich ihr auch dann fügt, wenns schwer erscheint.
IW 28 I 732
Wenn alle Leute erster Klasse fahren, ist die erste Klasse keine erste Klasse mehr. Berlin hat die Aristokratie des Durchschnitts erfunden.
PP 28 I 134
Rein hippologisch betrachtet ist er vom Pferd gefallen.
PP 32 I 489
Deutschland, die verfolgende Unschuld.
Karl Kraus
Zitat in WB 1928 II 353
Das Reichskartell des nationalen Mittelstandes hat einen Lichtstreik proklamiert.
Das Einatmen von Leuchtgas zur Lösung der Arbeitslosenfrage ist ausdrücklich ausgenommen.
Armut ist ein großer Glanz von innen.
KH 32 I 412
Dem Eierhändler Awrumele Gänsekries aus Bialystok (dem Geburtsort von Jehuda Joissip Göbbeles) ist ein Gesuch um Naturalisation abschlägig beschieden worden.
Gänsekries wohnt bereits achtzehneinhalb Jahre in Deutschland und hat noch keinen Hochverratsversuch unternommen.
Für eine Einbürgerung ist er demnach nicht geeignet.
KH 32 I 411
Es kann in seinem Ursprung nicht leicht ein schlimmeres Wort sein als Soldat, Söldner, Käufling, feile Seele; solidarius: Dukatenkerl.
Die Sache macht die Ehre des Kriegers, aber ein Soldat kann als Soldat durchaus auf keine Ehre Anspruch machen.
Es ist ein unbegreiflicher Wahnsinn des menschlichen Geistes, wie der Name Soldat ein Ehrentitel werden konnte.
Johann Gottfried Seume
Zitat in WB 1921 1 429
Endlich die Wahrheit über Remarque!
Seit Monaten heult die berliner Asphaltpresse Reklame für ein widerliches Machwerk von Erich Maria Remarque, dessen Titel Im Westen nichts Neues übrigens der Obersten Heeresleitung entlehnt ist (Herr Staatsanwalt?) - und das den Krieg so schildert, wie er sich eben nur in den Köpfen typischer Drückeberger malt.
In der nächsten Nummer der Süddeutschen Monatshefte wird über diesen Landesverräter endgültig die Wahrheit enthüllt; die Angaben sind von Herrn Professor Coßmann überprüft, daher fast zuverlässig.
Durch die besondere Freundlichkeit der Monatshefte sind wir in der Lage, unsern Lesern schon heute mit Aufklärung dienen zu können.
Erich Salomon Markus - so ist der Name dieses Judenknäbleins - war lange Zeit hindurch kleiner Synagogendiener der jüdischen Synagoge in der Oranienstraße zu Berlin (sogenannter "Salatschammes").
Geboren ist dieser Sproß Judas in Zinnentzitz in Schlesien, wo sein Vater, Abraham Markus, eine - koschere Schlächterei hatte (Merkst du was?).
Die Jahre, in denen Tateleben Markus dort sein edles Gewerbe ausübte, sind dadurch gekennzeichnet, daß während dieser Zeit auffallend viel Christenkinder in der Umgegend verschwanden; sie wurden zwar bald nach ihrem Verschwinden immer wieder aufgefunden, aber es ist niemals (! die Red.) festgestellt, ob es auch dieselben Kinder waren!
Eine Mutter hat Erich Salomon Markus nie gehabt; es werden, wie das bei jüdischen Familien üblich ist, auf seinem Taufschein zwei Mütter vermerkt, eine gewisse Sarah Bienstock und eine unverehelichte (!!) Rosalie Himmelstoß (wir werden auf diesen Namen noch zurückkommen).
KH 29 I 902
Das Rabbinat von Bialystok (dem Geburtsort von Awrumele Gänsekries) hat Jehuda Joissip Göbbeles angeboten, dessen Töchter und Söhne gratis zu beschneiden.
KH 32 I 412
Wie sehr Hitler Goethe überragt, soll in folgendem an einem Beispiel begründet werden.
Als Hitler in unsrer Stadt war, habe ich ihn mit mehreren andern Hitlerjungens begrüßt.
Der Osaf hat gesagt, ihr seid die deutsche Jugend, und er wird seine Hand auf euern Scheitel legen.
Daher habe ich mir für diesen Tag einen Scheitel gemacht.
Als wir in die große Halle kamen, waren alle Plätze, die besetzt waren, total ausverkauft und die Musik hat gespielt, und wir haben mit Blumen dagestanden, weil wir die deutsche Jugend sind.
Und da ist plötzlich der Führer gekommen.
Er hat einen Bart wie Chaplin, aber lange nicht so komisch.
Uns war sehr feierlich zu Mute, und ich bin vorgetreten und habe gesagt Heil.
Da haben die andern auch gesagt heil und Hitler hat uns die Hand auf jeden Scheitel gelegt und hinten hat einer gerufen stillstehn! weil photographiert wurde.
Da haben wir ganz still gestanden und der Führer Hitler hat während der Photographie gelächelt.
Dieses war ein unvergeßlicher Augenblick fürs ganze Leben und daher ist Hitler viel größer als von Goethe.
Ein Schulaufsatz
KH 32 1 752
Zur soziologischen Psychologie der Löcher.
(...)
Das Loch ist statisch; Löcher auf Reisen gibt es nicht.
Fast nicht.
Löcher, die sich vermählen, werden ein Eines, einer der sonderbarsten Vorgänge unter denen, die sich nicht denken lassen.
Trenne die Scheidewand zwischen zwei Löchern: gehört dann der rechte Rand zum linken Loch? oder der linke zum rechten? oder jeder zu sich? oder beide zu beiden?
Meine Sorgen möcht ich haben.
KH 31 I 389
Ich glaube, daß man weiterkommt, wenn man die Wahrheit sagt:
Daß niemand von uns Lust hat, zu sterben - und bestimmt keiner, für eine solche Sache zu sterben.
Daß Soldaten, diese professionellen Mörder, nach vorn fliehen.
Daß niemand gezwungen werden kann, einer Einberufungsorder zu folgen - daß also zunächst einmal die seelische Zwangsvorstellung auszurotten ist, die den Menschen glauben macht, er müsse, müsse, müsse traben, wenn es bläst.
Man muß gar nicht.
Denn dies ist eine simple, eine primitive, eine einfach-große Wahrheit:
Man kann nämlich auch zu Hause bleiben.
Und man kann nicht nur zu Hause bleiben.
Wieweit zu sabotieren ist, steht in der Entscheidung der Gruppe, des Augenblicks, der Konstellation, das erörtert man nicht theoretisch.
Aber das Recht zum Kampf, das Recht auf Sabotage gegen den infamsten Mord: den erzwungenen - das steht außer Zweifel.
Und, leider, außerhalb der so notwendigen pazifistischen Propaganda.
Mit Lammsgeduld und Blöken kommt man gegen den Wolf nicht an.
IW 27 II 557
Herr Krieg, du bist unsre Zuflucht für und für.
Ehe die Berge wurden und die Länder und die Welt geschaffen wurden, warst du, Krieg, von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Der du die andern Menschen lässest sterben und sprichst: Hinweg, Menschenkinder!
Denn vier Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.
Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom, und sie sind zum Glück wie ein Schlaf; gleichwie ein Gras, das doch bald welk wird.
Das machet dein Zorn, daß sie so vergehen, und dein Grimm, daß sie, sie, sie so dahin müssen.
Denn ihre Missetaten stellest du vor dich, ihre Sünden ins Licht vor deinem Angesichte.
Ihr Leben währet zwanzig Jahre, und wenns hoch kommt, so sinds fünfundzwanzig, und wenns köstlich gewesen ist, so ist es schnell dahingefahren, als flögen sie davon.
Wer glaubts noch nicht, daß du so sehr zürnest? und wer fürchtet sich noch nicht vor solchem deinem Grimm?
Lehre sie bedenken, daß sie sterben müssen, auf daß wir klug werden.
Zeige deinen Knechten deine Werke und deine Ehre ihren Kindern.
Und der KRIEG, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unsrer Hände; ja, das Werk unsrer Hände wolle er fördern!
TT 18 II 110

Um auf den ursprünglichen Anlaß zurückzukommen:

Wie versteht sich nun und fürderhin das Bundesverfassungsgericht in dieser nach Heraklit schönsten Weltordnung aus einem Haufen aufs Geratewohl hingeschütteter Dinge?

An dieser Ordnung scheiden sich die Geister.

Von Natur unzuverlässiges Dichterwort aber taugt nicht zum Richten.

Was bleibt also?

Ein Haufen neuer Fragen.

Für den Autor Horst Lummert alias Avram Kokhaviv, der seine Mitarbeit bei Sleipnir eingestellt hat, in konsequenter Inkonsequenz und somit dem Thema angemessen,

Hoshea Ben Arthur

Neudruck der Weltbühne beim Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1978

Dänische Felder

Da liegen sie: sonnenüberglänzter Wind geht drüber hin, die Grasbüschel werden hin- und hergerissen, pflaumenblau ziehen sich da hinten Wälder.
Die Chaussee läuft ein Stückchen bergan, dann ist sie grade von der Kuppe abgeschnitten und führt also scheinbar in den Himmel.
Zwei solcher Treppen gibt es in Versailles...
So hat doch diese dänische Landschaft auch im Jahre 1917 hier gestanden?
Natürlich - warum denn nicht?
Die da führte keinen Krieg.
Die Bäume durften Bäume sein - niemand schoß sie zusammen.
Über die Grasflächen stampfte keine lange Schlange von Marschierenden.
Die Wege wurden nicht von ratternder, schimpfender, polternder Artillerie aufgeweicht und verdorben.
Diese Landschaft war reklamiert.
Herrgott in Dänemark, welch ein Wahnsinn!
Hier war Mord: Mord, dort war Mord ein von den Schmöcken, den Generälen und den Feldpredigern besungenes Pflichtereignis.
Hier durfte man nicht - da mußte man.
Und so selbstverständlich, wie die Mücken tanzen, so selbstverständlich ist den Mördern und ihren Kindern Untat, Fortsetzung der Untat und Propagierung der Untat.
Es geschieht so viel für die Erotik.
Es gibt Anreiz, Mode und Tanz, bunte Farben und Pornographie.
Es geschieht so wenig gegen den nächsten Krieg, bei dem euch die Gedärme, so zu hoffen steht, auch in den Städten über die Stuhllehne hängen werden.
Es müßte jeden Abend in den Films laufen, wie es gewesen ist, das mit dem Sterben.
Möge das Gas in die Spielstuben eurer Kinder schleichen.
Mögen sie langsam umsinken, die Püppchen.
Ich wünsche der Frau des Kirchenrats und des Chefredakteurs und der Mutter des Bildhauers und der Schwester des Bankiers, daß sie einen bittern qualvollen Tod finden, alle zusammen.
Weil sie es so wollen, ohne es zu wollen.
Weil sie faul sind.
Weil sie nicht hören und nicht sehen und nicht fühlen.
Wer aber sein Vaterland im Stich läßt in dieser Stunde, der sei gesegnet.
Er habe seine schönsten Stunden in einer dänischen Landschaft.
Ignaz Wrobel

Die Weltbühne. Der Schaubühne XXIII. Jahr. 1927, Zweites Halbjahr, S.152 f.. Vollständiger Nachdruck der Jahrgänge 1918-1933. Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1978

H.L./kkk - In Siegeszüge des Kleinkarierten ("Soldaten sind Mörder...") lautet der zweite Satz: "Tucholsky hat aber auch anderes gesagt, etwa, daß er die Polen am liebsten vergasen würde" (vgl. kkk-feder 6 und Sleipnir 1/96).

Leser baten um Quellenangabe.

Die Satire darf alles... samt Anhang erfüllt die Bitte nur unbefriedigend.

Tucholsky hatte eine Schwäche fürs Gas, das weise ich nach, auch daß er Menschen mit Gas zu Tode bringen wollte, freilich Deutsche, nicht Polen.

Wen das beruhigt...

Mich beruhigt es nicht.

Tucholsky hatte eine böse Saite.

online-Fassung

kuckuck
feder 7
II. quartal 1996
30. Mai 1996

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

kokhaviv publications > kuckuck network > archive

© Copyright 1999 - 2002 kuckuck · kokhaviv publications