|
Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
doku/text
FORSCHUNGSINSTITUT FÜR FRIEDENSPOLITIK E.V.
Dr. Alfred Mechtersheimer
8130 Starnberg, 10. November 1983 / p
für Ihr Foto bedanke ich mich sehr, auch für die Bemerkungen auf der Rückseite. Lassen Sie mich dazu aber folgendes sagen. Ich habe die Bedeutung der Pershing-II niemals heruntergespielt, sondern lediglich einen fachlich völlig abwegigen Terminus kritisiert. Die Stellungnahme von Herrn Schaber, die ich bisher gar nicht kannte, ist aus meiner Sicht unseriös, persönlich verletzend und - schon deshalb - unfriedlich.
Ich möchte Sie bitten, das Papier noch einmal zu lesen, dann werden Sie leicht feststellen, zumal Sie ja schreiben, meine analytische Arbeit zu kennen, wie böswillig Herr Schaber mit meinem Beitrag umgeht. Ich kann nur noch den Kopf schütteln, wenn er schreibt: "Ja, Mechtersheimer tut mehr, er ergreift jetzt voll Partei für die Nato." Warum nehmen Sie eine solche diffamierende Arbeit ernst und tragen sich mit dem Gedanken, sie auch noch zu verbreiten?
Darf ich Sie auf den beigefügten Auszug aus einem Brief an die Bundestagsabgeordneten der Grünen verweisen, sowie auf einen Leserbrief von Prof. Ruppe, der außerordentlich prägnant die Unsinnigkeit von der Erstschlagsfähigkeit offenlegt.
Selbstverständlich gibt es den Kriegsführungstrend auf allen Ebenen und selbstverständlich gibt es auch leider die Enthauptungsvorstellungen. Aber da muß man eben trennen zwischen Deklamation und realer Wahrscheinlichkeit von Kriegführung.
Realität sind die neuen Kriegführungskonzepte, wie sie im Field Manual 100-5 und in AirLand Battle 2000 nachgelesen werden können. Die Möglichkeit eines auf Europa begrenzten Nuklearkrieges wird selbstverständlich jede amerikanische Führung einem globalen nuklearen Krieg vorziehen, der bei einem Versuch, die Sowjetunion "zu enthaupten", unvermeidlich ist. Die neue amerikanische Administration will ja gerade von der Selbstmordkonzeption wegkommen.
Ich empfehle deshalb dringend, diesen Ausdruck "Erstschlagswaffe Pershing-II" nicht zu verwenden; dies sage ich besonders deshalb, weil Ihr Wohnort mich daran erinnert, daß alle Hoffnungen, das Bundesverfassungsgericht zu einer kritischen Position zur atomaren Rüstung zu bewegen, von vorneherein zum Scheitern verurteilt sind, wenn wir die Pershing-II als Erstschlagswaffe anbieten.
Was sagen wir eigentlich, wenn das eintritt, was im Augenblick vorbereitet wird, daß nämlich - zunächst - nur 36 Pershing-II stationiert werden. Meinen Sie dann immer noch, daß es sich um ein Erstschlagspotential handelt. Man kann die Friedensbewegung auch durch Lächerlichkeit kaputtmachen. Übersehen Sie bitte nicht, daß der Begriff der Erstschlagswaffe von niemandem so stark verbreitet wurde wie vom kommunistisch finanzierten Teil der Friedensbewequng. Als kommunistischer Propagandist würde ich auch aus vielen Gründen von der Erstschlagswaffe sprechen.
Mit freundlichen Grüßen - aber auch ein bißchen traurig über Ihre Empörung - bin ich
gez. Ihr Alfred Mechtersheimer
Anlagen
online-Fassung
kuckuck NETWORK
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
kokhaviv publications > kuckuck network > archive
© Copyright 1999 - 2002 kuckuck · kokhaviv publications