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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Buchausgabe:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 4. Psychologische Kriegführung
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

doku/text

Hermann Schaber

An:

(...) Abgeordnete(r) der Fraktion
DIE GRÜNEN IM BUNDESTAG

13. Dezember 1983

Sehr geehrte(r) Frau/Herr!

In Ihrem Redebeitrag während der Stationierungsdebatte des Bundestages vom 21./22. November 1983, bzw. in Ihrer persönlichen Erklärung am Schluß dieser Debatte (im vollen Wortlaut veröffentlicht in der Wochenzeitung Die Grünen Nr.49/50) haben Sie es vermieden, auf die ausschließliche Erstschlagseignung insbesondere der Pershing-2-Raketen hinzuweisen, deren Stationierung diese Debatte gegolten hat.

Ich halte diese Unterlassung für sehr folgenschwer, weil es den meisten Menschen auch jetzt nach Stationierungsbeginn noch immer nicht bewußt ist, daß besonders die Pershing-2-Raketen mit allen bisher in Ost und West vorhandenen Atomraketen nicht vergleichbar sind.

Die Wenigsten wissen, daß die Pershing-2 wegen ihrer ganz außergewöhnlichen Angriffseigenschaften in Verbindung mit ihrer leichten Verwundbarkeit nicht nur für Verteidigungs- oder Abschreckungszwecke absolut ungeeignet sind, sondern obendrein das bislang wirksame Prinzip der Kriegsverhütung durch Abschreckung zumindest für das Stationierungsgebiet erstmals außer Kraft setzen.

Diese reinen Erstschlagsraketen zwingen nämlich zu einem Überraschungsangriff aus dem Friedenszustand heraus, weil sie sonst - vor dem Hintergrund der herrschenden Weltkrise - von dem durch sie gefährlich bedrohten Gegner mit minimalem eigenem Risiko präventiv ausgeschaltet werden können.

Wenn Sie diesen grauenerregenden Sachverhalt während dieser mit großem Interesse verfolgten Bundestagsdebatte in gebührender Weise zum Ausdruck gebracht hätten, dann fände der Widerstand gegen diese Stationierung möglicherweise bereits jetzt eine so breite und starke Unterstützung, daß der Vollzug politisch nicht durchsetzbar wäre.

Da leider auch alle Sprecher der GRÜNEN nur verharmlosend von "neuen Atomraketen" oder "atomaren Mittelstreckenwaffen" sprachen, mußte bei vielen Menschen der Eindruck entstehen, daß mit dieser Stationierung lediglich veraltete Atomwaffen gegen neue ausgetauscht würden, ein ziemlich normaler Vorgang also, an den man sich trotz regelmäßiger Proteste einiger Pazifisten im Laufe des jahrzehntelangen Wettrüstens inzwischen gewöhnt hat.

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie dieses Versäumnis jetzt immerhin nachträglich einsehen und bestrebt sein wollten, alles Ihnen Mögliche zu tun, um den Schaden noch gut zu machen.

Ich möchte den Gründen nachgehen, die für alle GRÜNEN IM BUNDESTAG den Begriff "Erstschlagsraketen" zum Unwort werden und sie wie auf Absprache hin seine Verwendung während dieser schicksalhaften Debatte vermeiden ließen.

Zu diesem Zweck möchte ich Sie um Beantwortung der Fragen im beigefügten Fragebogen bitten. Sowohl dieses Schreiben als auch den Fragebogen sehe ich zur Veröffentlichung vor. Das Auswertungsergebnis der zurückgesandten Fragebögen möchte ich dann ohne Namensnennung ebenfalls veröffentlichen.

Sollte ich den ausgefüllten Fragebogen nicht bis spätestens 30. Januar 1984 wieder in Händen haben, so muß ich davon ausgehen, daß Sie sich über Besorgnisse und Kritik der Bürger ebenso arrogant hinwegsetzen wie die Abgeordneten anderer Parteien auch.

Für Ihr Bemühen dankend, grüßt hochachtungsvoll

gez. H. Schaber

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