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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
doku/text
Noch angesichts der von den USA ausgehenden gefährlichsten atomaren Vernichtungsbedrohung für Europa glauben noch viele irrtümlich, sowjetische Atomwaffen bedrohten uns mehr als die amerikanischen, weshalb wir mehr und mehr Atomwaffen der Amerikaner in unserem Land dulden müßten.
Aber wir können es uns jetzt nicht mehr leisten, dem Jammern führender NATO-Politiker über eine angebliche militärische Unterlegenheit der NATO zu glauben. Sie würden uns in ihrem Wahn zu Tode rüsten! Vor allem zwei Tatsachen werden uns von der NATO-Propaganda beharrlich verschwiegen oder falsch dargestellt:
1. Zusätzlich zu ihrem Arsenal an Interkontinentalraketen auf dem amerikanischen Kontinent konnten die USA dank geeigneter Stützpunkte einen geschlossenen Einkreisungsring um die Sowjetunion mit modernsten U-Boot-gestützten Atomraketen aufbauen.
Allein damit könnten die USA das gesamte sowjetische Gebiet innerhalb von 8-12 Minuten atomar vollständig verwüsten - allerdings um den Preis sicherer eigener Vernichtung, weil selbst in dieser kurzen Frist die Sowjetunion noch ihre Interkontinentalraketen auf Ziele in den USA starten könnte.
2. Um der Sowjetunion künftig einen Atomkrieg glaubhaft androhen und sie damit erpressen zu können, arbeiten die USA an einem beispiellosen Rüstungsprogramm, das sie militärisch so stark machen soll, daß sie einen Atomkrieg wagen und überleben könnten. Kernstück davon sind die für Europa vorgesehenen Erstschlag-Raketen.
Die tief in wirtschaftlicher und finanzieller Bedrängnis steckenden Bonner NATO-Politiker glauben offenbar daran, die Sowjetunion mit neuartigen "Wunder"-Raketen der Amerikaner zu einseitiger Abrüstung und schließlich zur Kapitulation zwingen zu können. Einen Fehlschlag dieser Erpressungspolitik hoffen sie in ihren Atombunkern zu überleben.
Um der Bevölkerung, die diese Bedrohung spürt, die Angst zu nehmen, hat sich jetzt der US-Präsident, der mit seiner Andeutung eines begrenzbaren Atomkrieges die Europäer erschreckte, auf den Gebrauch listiger Phrasen eingelassen.
Beim NATO-Treffen in Bonn bekannte sich auch Ronald Reagan zu der hinterhältigen Floskel "wirklicher" Entspannung. Daß aber "wirkliche" Entspannung für diesen US-Präsidenten und seine Hintermänner nur nach vollständiger Entwaffnung und Kapitulation der Sowjetunion möglich ist, wird neuerdings weniger aus seinen Worten, dafür umso mehr aus seinen Rüstungsmaßnahmen deutlich.
"Frieden" ist für die amerikanische Politik gleichbedeutend mit Sieg über die "gottlose" und "unmoralische" Sowjetunion.
Schlüssel zu der großangelegten Erpressungs-Strategie der US-Regierung sind die allein für die Bundesrepublik vorgesehenen Pershing-II-Raketen.
Mit diesen weitreichenden und extrem zielgenauen Atomgeschossen könnten die USA der Sowjetunion einen Vernichtungsschlag androhen, der folgenden Ablauf haben könnte:
Erster Schlag: Pershing-II-Raketen schalten überraschend die überwiegend im europäischen Teil der Sowjetunion stehenden Kommandozentralen und Interkontinentalraketen aus.
Infolge der kurzen Warnzeit von weniger als drei Minuten bleibt der Sowjetunion zunächst keine Möglichkeit einer Vergeltung.
Zweiter Schlag: Gleichzeitig von US-Booten gestartete Polaris-, Poseidon- und Trident-Raketen besorgen die restliche Vernichtung, indem sie wenige Minuten später in allen übrigen strategisch wichtigen Einrichtungen auf dem gesamten Gebiet der Sowjetunion einschlagen.
Die wenigen auf den Weltmeeren kreuzenden sowjetischen U-Boote, die, mit Atomraketen ausgerüstet, Ziele in den USA erreichen könnten, unterliegen ständiger amerikanischer Überwachung mit modernsten Ortungsgeräten und lassen sich rechtzeitig ausschalten.
Nur sowjetische SS-20-Raketen, die für einen Pershing-II-Überraschungsangriff nicht erreichbar sind, können noch vor ihrer Zerstörung durch amerikanische U-Boot-Raketen in Vergeltungsschlägen - zwar nicht die USA - aber Westeuropa vernichten.
Mit dieser Vernichtungsdrohung - die Genscher in seiner orwell'schen Lügensprache als "Anreiz" zum Verhandeln und "konstruktives Abrüstungsangebot" verfälscht - will Reagan die Sowjetunion zu einseitiger Entwaffnung zwingen. Entsprechend handelt es sich bei seinen "Abrüstungsangeboten" um faule Tricks:
1. Trick: Reagan's Null-Lösungsvorschlag für Mittelstreckenraketen sieht die vollständige Beseitigung aller landgestützten Mittelstreckenraketen vor, weil die NATO selbst keine landgestützten Raketen dieser Reichweite unterhält.
Nur die Sowjetunion als überwiegende Landmacht müßte alle ihre Mittelstreckenraketen beseitigen, wobei entsprechende amerikanische U-Boot-Raketen die Sowjetunion weiterhin tödlich bedrohen könnten.
2. Trick: Reagan's Vorschlag zur Verminderung der Interkontinentalraketen sieht zunächst die Halbierung der landgestützten Systeme beider Supermächte vor. Auch hier müßte sich die Sowjetunion als überwiegende Landmacht einseitig weitgehend entwaffnen.
3. Trick: Falls die Sowjetunion diesen Vorschlägen Reagan's folgen und sich atomar einseitig entwaffnen sollte, "bietet" der US-Präsident eine Höchstgrenze der konventionellen NATO- und Warschauer-Pakt-Truppen an, die sich an der Truppenstärke der NATO orientiert.
Da die Sowjetunion in Osteuropa mehr Soldaten unter Waffen hat als die USA in Westeuropa - weil die Russen zur Sicherung ihres Ostblocks bisher offenbar mehr Soldaten benötigten als die Amerikaner zur Sicherung ihres Westblocks - müßte auch hier die Sowjetunion einseitig abrüsten.
Zwar ist zu fordern, daß beide Supermächte ihre Besatzungsgebiete in Europa räumen, aber ein einseitig erzwungener Rückzug einer Supermacht durch eine Vernichtungsdrohung der anderen Supermacht könnte selbst dann nicht hingenommen werden, wenn dies nicht mit unserer sicheren Vernichtung, wie im Falle einer Pershing-II-Stationierung, enden müßte!
Alle Verhandlungen unter solch unaufrichtigen Vorbedingungen müssen scheitern, darüber darf auch die von der Sowjetunion noch immer gezeigte Verhandlungsbereitschaft nicht hinwegtäuschen.
Falls dann die USA nach erfolglosen Verhandlungen ab 1983 mit der Aufstellung ihrer Pershing-II-Raketen in der Bundesrepublik beginnen, müßte dies die gefährlichste Weltkrise und akute Kriegsgefahr heraufbeschwören:
Die Sowjetunion müßte in jedem Augenblick mit ihrer überraschenden Vernichtung rechnen, ebenso die Bundesrepublik, die nach einem gezielten sowjetischen Atomangriff - sei dies präventiv oder zur Vergeltung - mit absoluter Sicherheit ausgelöscht würde.
Nur die USA könnten hoffen (begründet oder nicht), dieses von ihnen zynisch erzwungene Raketenduell als relativ unbeschädigter Sieger zu überleben.
Hoffnung auf Rettung besteht für uns nur, wenn alle, die diese Gefahr begriffen haben, den Widerstand jetzt vorrangig gegen die Stationierung dieser US-Erpressungsraketen vorbereiten.
Grundvoraussetzung für einen möglichst breiten und erfolgreichen Widerstand ist die Unterrichtung möglichst aller Bürger der Bundesrepublik über ihre Rolle der zum Abschuß freigegebenen Geisel im Atom-Poker der Supermächte.
Wir bitten jeden, der die Gefahr begriffen hat, sich an unserem Aufklärungsbemühen zu beteiligen und mit uns zu beraten, wie die bedrohlichen US-Raketen 1983 mit allen geeigneten gewaltfreien Mitteln verhindert werden können.
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