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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1986-00-00
Zwerenz argumentiert so:
In Frankfurt... flüsterten alle hinter vorgehaltener Hand vom Filz, gemeint waren eine Handvoll "reicher Juden"..., und gemeint waren Behörden und Banken.
Wäre der Bauherr ein x-beliebiger nichtjüdischer Spekulant gewesen, es hätte nichts geändert. Ausgenommen das Geraune.
In Frankfurt wurde als Exempel vorgeführt, wie Antisemitismus entsteht.
Frankfurt ist ein Modell der Welt. Hier wie dort wurde zu lange geschwiegen, vertuscht, vergeheimnist. Wer sich den Mächtigen dieser Welt zugesellt, muß sich der Kritik stellen...
Ich fürchte nur, daß wir, alle Lebenden miteinander, zu toten Brüdern werden, wenn wir die Herren dieser Welt so weiterwirtschaften lassen wie bisher.
Kein Antiiranismus in Frankfurt, kein Antiarabismus, kein Antiitalianismus - trotz Mafia, Bombenterror und Rauschgiftschmuggel.
Warum aber Antiamerikanismus?
Nun, aus dem gleichen Grunde, weshalb sich die antiamerikanische Propaganda gegen den Vorwurf des Antiamerikanismus verwahrt: gemeint sind nämlich nicht die Amerikaner, sondern die amerikanischen Juden, die Herren dieser Welt, Modell à la Zwerenz bei Frankfurt, eine Handvoll Juden mit Banken und Behörden, und denen müssen wir das Handwerk legen...
Worin unterscheidet sich Zwerenzens Denkstruktur von der eines Hitler, eines Goebbels? Ich weiß es nicht.
Das ist wahr: in Frankfurt wurde als Exempel vorgeführt, wie Antisemitismus "entsteht": ein Theater-Exempel.
Von deutschem Boden... Ha,
was wißt ihr von den Genüssen und Schaudern der Nähe, die den Erzähler mit dem Erzählten verbinden. Das ist eine Bruderschaft wie Kain und Abel, und keiner weiß, wer Abel sein wird und wer Kain.
Die Verwechslung von Kain und Abel ist ja das Grundmodell bei der neudeutschen Vergangenheitsbewältigung.
Eine Zeitlang versuchte man's mit der Auschwitzlüge. Auschwitz, Treblinka, Bergen-Belsen und die zahllosen anderen Mordlager wurden einfach zu Phantomen erklärt, zu jüdischen Hirngespinsten.
Doch ohne Erfolg.
Jetzt hat man sich darauf geeinigt: Auschwitz gab's wirklich. Die Mordmaschine war kein böser Traum. Richtig bleibt allerdings die jüdische Erfindung. Der Völkermord war ein jüdisches Unternehmen. Hitler, Himmler, Goebbels, Eichmann, Heydrich... waren Juden.
Und es war schließlich ein deutscher SS-Offizier, der diesem jüdischen Verbrechen an den Juden ein für allemal einen Riegel vorschob.
Wie ja auch die Wiedergutmachung sofort in die bewährten Helferhände der SS gelegt ward.
Zwerenz hat recht: die Dinge müssen endlich beim Namen genannt werden. Er hat sich nur verspekuliert. Die Frankfurter Nähe ist ihm aufs Gemüt geschlagen.
Die geistigen Umweltverschmutzer vom Main stöhnen jetzt unter der Last einer "Zensur", schon haben sie, man höre, die jüdische "Fratze der Macht" erblickt.
Faßbinders Müllfilm wurde "verhindert": es wurden ihm nämlich die Steuermittel gestrichen. Fast schon amerikanische Verhältnisse!
Ein Land, das so viel zu verbergen hat wie das deutsche, muß für Kultur und Propaganda viel Geld ausgeben.
Die Monsterschau des deutschen Geistes hat mit Faßbinder und Beuys nur einstweilige Höhepunkte erreicht.
Kulturantisemitismus ist die Regel.
Eine Streichung von hiefür gedachten öffentlichen Mitteln gehört zu den taktischen Ausnahmen.
Noch ist es ja nicht wieder ganz so weit, daß man schon alle Karten offen auf den Tisch legen möchte.
Zwerenz spekulierte auf den Zeitgeist - mit Pornowelle, Keltenwelle, Antisemitismus...
Hier war er seiner Zeit sogar voraus.
Jedenfalls hatte er noch rechtzeitig gemerkt, daß mit einem Sozialdemokraten, der sich, wie Zwerenz, zum Spekulanten gemausert hat, kein deutscher Schäferhund mehr hinterm Ofen hervorzulocken ist.
Wetten, daß ihm nicht wohl dabei zumute, mit dem Faßbinder-Fisch jetzt im selben Topf herumpaddeln zu müssen?
Ungleichzeitig...
Da bedurfte es der genaueren Analysen, doch er vertrieb sich mit Porno die Tage.
Europas Faschisten veranstalteten bereits wieder ihre ersten Massenmorde. Freund Zwerenz, blind für die Zusammenhänge, machte mit ihnen gemeinsam Friedenspolitik und was dergleichen mehr.
Zwerenz ist kein Antisemit, aber ein einfältiger Förderer und Nutznießer des Antisemitismus.
Sein Buch war mir von Anfang an* nicht koscher, aber ich ging nie davon aus, daß er eines gegen die Juden hatte schreiben wollen.
* vgl. kuckuck 2: Lysistrata contra Abraham?
O nein.
Zwerenz schlüpfte in Abrahams Haut und ließ nun seine, Zwerenzens, Verkehrtheiten heraus.
Zwerenz hat da ein Problem, das sich schon in seinen früheren Schriften nachweisen läßt.
Manches ist nur ärgerlich.
Die Enttäuschung über einen Mann, der wahrscheinlich gar nicht weiß, was ihm abhanden kam, ist mehr als das.
Er hätte sich niemals in die Politik mischen dürfen, davon versteht er nämlich nichts.
Sein Verständnis von Marx und Bloch hat ihn eher abgebrüht und stumpf gemacht fürs eigene, für sein existentielles Ethos, für Wahrheit letzthin.
Manches vom Schutt und Müll seiner Irrhalden hat er sich von der Seele geschrieben, anderes dazugehäuft. Er ahnt gewiß nicht, welche Aura den Zwerenz der frühen Jahre so nachhaltig zerfressen hat.
Was für ein Schriftsteller, von dem noch jeder durchschnittliche Leser etwas lernen kann: wie man's nicht machen darf!
Das Thema.
Es sind nicht die Frankfurter Bauskandale. Thema ist der geistige Skandal, ist die Verrottung und Verwüstung des geistigen Lebens in der Bundesrepublik, ist die Pöbelhaftigkeit der Kulturschaffenden, die zudem auch die wahren materiellen Skandale vertuschen helfen.
Nicht daß es jüdische Grundstücksspekulanten gibt, ist ein Skandal, sondern daß man ihnen das Existenzrecht in Deutschland wieder einmal streitig macht, nicht weil sie Spekulanten, sondern weil sie Juden sind, während sich um nichtjüdische Spekulanten keiner der schreibenden Saubermänner wirklich kümmert.
Wer dreht einen Film, wer schreibt ein Buch oder ein Stück über jenen Filz in deutschen Städten, der seit Jahrzehnten dafür sorgt, daß Juden, falls sie noch leben, ihren in der Nazizeit von den Deutschen geraubten Besitz - gerade auch an Grundstücken! - nur ja nicht zurückerhalten?
Wann schreibt ein Gerhard Zwerenz sein großes Werk über die organisierte Besetzung und Wieder-Eindeutschung jüdischer Häuser?
Das ginge dem deutschen Zeitgeist zwar gegen den Strich, könnte aber ein wenig zur Wahrheit verhelfen in diesem Land.
Was hat uns ein Martin Walser die ganzen Jahre vorenthalten, was uns belogen, daß es ihn drängt, anläßlich des Holocaust-Films in einer TV-Diskussion einzugestehen, er traue sich nicht zu sagen, was er denkt.
Was denkt dieser Mann, was er noch nicht sagen möchte, worüber er sich ausschweigt, dieser Täuscher, dieser Betrüger.
Was für ein Mob um den heiligen Geist!
Da sind die wirklich heißen Themen. Am Schwindel hinterm Ökofax und um so manche Selbsthilfegruppe könnte sich ein Zwerenz noch einmal die Finger verbrennen.
Ich garantiere: kein Verlag, kein Filmproduzent, kein Geldgeber, ja nicht einmal ein Feuilleton-Iden würde sich finden, so ein Lehrthema ans Licht zu fördern.
Was uns in Deutschland behindert, ist keine Zensur, sondern die freiwillige, staatlich begünstigte Selbstverhunzung einer Geisterwelt, deren Phantasie die Intelligenz nicht beflügelt, sondern beleidigt.
Zwerenz und Faßbinder waren
stets der Meinung, daß jeder Jude, der es nur will, in Deutschland Deutscher sein kann.
Das war auch im Mittelalter so: jeder Jude, der es nur wollte, konnte sich taufen lassen.
Aber Jude sein in Deutschland! Das ist etwas ganz anderes!
Wenn es denn im Grunde die Alternative ist in diesem finstern Land, daß man halt nur Deutscher oder Jude sein kann, so wird es Zeit, eine Entscheidung zu treffen, nicht allein philosophisch, im Prinzip, nein, auch politisch, demonstrativ, Zeit, sich den Judenstern anzuheften.
Denn wenn es wahr ist, daß man als Deutscher nur ein Feind der Juden sein kann, dann bin ich ein Jude und kein Deutscher, und ich will es auch gesellschaftlich klarstellen.
Da Juden sich erst vom Judentum lossagen, sich von ihrer Gemeinde trennen müssen, um unter Zwerenz-Deutschen Freunde zu finden, wird es Zeit, sich von solchen Freunden loszusagen, sich zum Judentum zu bekennen, mit ihm endlich Ernst zu machen.
Wer Emanzipation als ein Erwachsenwerden begriffen hat, den führt sie ohnehin geradenwegs ins Judentum hinein.
Das Mißverständnis, die Gegenrichtung müsse eingeschlagen werden, hat am Weg nach Auschwitz mitgepflastert.
Auch Marx war Geist von deutschem Geiste.
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kuckuck 51
(I/86)
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