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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1985-05-00
In den schrecklichen Jahren des Justizterrors unter Jeshow habe ich siebzehn Monate mit Schlangestehen in den Gefängnissen von Leningrad verbracht. Auf irgendeine Weise "erkannte" mich einmal jemand. Da erwachte die hinter mir stehende Frau mit blauen Lippen, die meinen Namen natürlich niemals gehört hatte, aus jener Erstarrung, die uns allen eigen war, und flüsterte mir ins Ohr die Frage (dort sprachen alle im Flüsterton):
"Und Sie können dies beschreiben?"
Und ich sagte: "Ja."
Da glitt etwas wie ein Lächeln über das, was einmal ihr Gesicht gewesen war.
1. April 1957. Leningrad
Wenn wie eine Melonenscheibe liegt der Mond
Am Fensterrand, und ringsherum herrscht nichts als Schwüle,
Wenn dann die Tür geschlossen ist und Kühle
Eiskalten Wassers aus der Schüssel steigt von Ton -
Dann ist das Haus verzaubert von dem Blau
Der zarten Zweige der Glyzinien - und die Frische
Vom Schnee des Handtuchs leuchtet, auf dem Tische
Brennt eine Kerze, die, wie in der Kinderzeit,
Die Falter anlockt. Wie Gewitter, weit,
Rollt Stille, die mein Wort nicht hört -
In rembrandtischen Ecken
Versammelt sich die Schwärze, um sich zu verstecken.
Ich fahr' nicht auf, kein Schreck kann mich entsetzen:
Mich hat die Einsamkeit umstrickt mit ihren Netzen.
Der Wirtin schwarzer Kater schaut mich an
Wie's Auge der Jahrhunderte.
Mein Doppelgänger dort im Spiegel kann
Mir nicht mehr helfen. - Süß
Werde ich schlafen, schlaf geruhsam, Nacht.
28. März 1944 . Taschkent
Anna Achmatowa (eigentlich Gorenko): Im Spiegelland. Ausgewählte Gedichte. Herausgegeben von Efim Etkind bei Piper, München 1982.
Achmatowa verstarb 1966 in Domodedowo bei Moskau. Sie wurde 1946 aus dem sowjetischen Schriftstellerverband ausgeschlossen. Mehrere ihrer Werke sind in der Sowjetunion bis heute nicht erschienen. Sie gehörte mit Ossip Mandelstam und Nikolaj Gumiljow zu den Begründern des Akmeismus (vom griechischen akme, Reife, Blütezeit), einer literarischen Bewegung, die eine klare, rationale Verskunst anstrebte. Die Melpomene des 20.Jahrhunderts. So überschrieb Efim Etkind den abschließenden Essay. Die Texte aus Leningrad und Taschkent wurden dem Band entnommen.
Namen fordern unsere Urteilskraft, doch zunächst unser Vorstellungsvermögen heraus. Hartmut Griesmayr, Psychokrimifilmemacher beim bundesdeutschen Fernsehen. Gerd-Klaus Kaltenbrunner, Herausgeber des Taschenbuchmagazins Herderbücherei Initiative, der Sammelbände Rekonstruktion des Konservatismus (1972) und Konservatismus international (1973), Autor der Zeitschrift Criticón (vgl. kuckuck 35/36, S.60ff.).
Wer produziert das sogenannte kulturelle Leben der Bundesrepublik Deutschland? Bitte, das kann zu einer fixen Idee werden.
Von Karin Reschke kamen beim Rotbuch Verlag Berlin zwei Bücher heraus: Memoiren eines Kindes (Rotbuch 228), 1980, Verfolgte des Glücks. Findebuch der Henriette Vogel (Rotbuch 266), 1982.
Ich hatte im ersten Buch manch Ungereimtes und auch falsche Töne gefunden. Das Interesse der Autorin an Vergangenem und die Tatsache, daß sie im Jahre 1940 just in Krakau zur Welt gekommen war, verführte meine Einbildungskräfte dazu, Werk und Werksautorin in einer gemeinsamen Vergangenheit wurzelnd zu vermuten, womöglich ganz blind. So erkundigte ich mich brieflich bei ihr:
... als was konnte die Autorin anno 40 in Krakau geboren werden. "Generalgouvernement": wer da, als Deutsche(r), auf die Welt kam, mußte ja wohl die Mutter dabei haben, denkbar, wenn sich's um die Frau eines mehr oder weniger prominenten Besatzungsoffiziers oder dergleichen handelte, ob nun Wehrmacht oder SS oder ähnliches. Ich frage, weil ich - vielleicht fälschlich - vermute, es könnte ein Zusammenhang zwischen dieser, möglicherweise erst noch aufzuhellenden, Familien-Geschichte und jenen "Vergangenheiten" bestehen, denen Sie in Ihren Büchern auf der Spur sind, und die womöglich zugleich mit jener ihre eigenen blinden Flecke verlieren könnten...
Dazu Karin Reschke:
Ich glaube, daß Autoren, ungeachtet ihrer biografischen Herkunft, nicht bloß Ungereimtheiten zu entdecken suchen (trachten), sondern Spaß an der Fiktion haben, am Erfinderischen, an der Spurensuche ins Ungewisse. Die Geheimnisse der Biografie sind nicht der Schlüssel für ein Findebuch oder Memoiren eines Kindes. Das Interesse an Geschichten/Geschichte und die eigenen Lesebedürfnisse sind Ausgangspunkt fürs eigene Erzählen. Auch Marie ist nicht die Autorin. Und noch eines: meine Eltern waren keine Nazigrößen im Generalgouvernement, sie waren Wanderschauspieler auf der Durchreise. Daß ich eine ungarische und eine polnische Großmutter habe, ist purer Zufall.
Das ist nun schon fast drei Jahre her, und ich kann's bis heute nicht glauben. Der Spaß am Erfinderischen machte diese Wanderschauspieler möglicherweise gar zu den Schöpfern ihrer selbst.
Fernsehen. Donnerstag, 16.5.85, 22.15 Uhr. West III. Deutschland, Deutschland... (2). Im Film von Sabine Zurmühl äußern sich fünf Schriftstellerinnen - Karin Reschke, Christina Thürmer-Rohr, Ute Erb, Elisabeth Plessen und Jutta Heinrich - über die Beziehungen zu ihren Vätern im Nachkriegs-Deutschland. Titel: Die Töchter der Verlierer.
Bei allem geht es mir um jenes Beziehungsgespinst, das im Laufe der Jahre dem westdeutschen Literatur-, Kunst- und Medienmarkt das unverkennbar Tendenziöse eingegeben hat.
Auch für das diesbezüglich allgemeine Mißverstehen gibt es mindestens eine Erklärung. Es ist heute nicht mehr so wie noch zu Beginn des Jahrzehnts. Beleuchtung und kritische Begleitung dieser Vorgänge sind nicht ohne Folgen geblieben.
Manches, was gestern noch expansiv und aggressiv seine Grenzen überschritt, steckt in der Defensive. Amüsant auch, wie jene, die ihre politischen Gegner und jede abweichende Meinung des "Faschismus" bezichtigten, sich heute stark machen müssen, um ähnliche - zudem belegte - Vorwürfe abzuwehren.
Nicht völlig erklären lassen sich bisher die Motive, wohl vielfältiger Art, die den einen und den anderen, mit diesem oder jenem organisatorischen Hintergrund, bewogen, bestimmte, politisch sehr bedenkliche Strömungen in der Nachkriegsgeschichte nicht gründlich wahrhaben zu wollen, ja abzuschirmen. -
kuckuck 47 zog einige Linien dieser Entwicklung nach. Es wäre schön, die Diskussion darüber endlich auch einmal in anderen Publikationen wiederzufinden.
Arno Klönne schrieb:
Ich habe mich nicht, wie Sie offenbar annehmen, gegen klassenpolitische Positionen des einstigen SDS gewandt. Meine Kritik galt dem Hinübergleiten einer sozialistischen Intellektuellenorganisation (der ich szt. selbst angehört hatte, dann auch der SDS-Förderergesellschaft) in eine politisch romantisierende neue Jugendbewegung, die m.E. mit Klassenpolitik so gut wie nichts mehr zu tun hatte, die dann auch - so sehe ich es - den SDS zerstörte; was wiederum nicht heißt, daß nicht manche Argumente dieser neuen Jugendbewegung ihre Richtigkeit hatten.
Eine kritisch korrigierende und ergänzende Mitteilung kam von Nikolaus Ryschkowsky. Er will sein Schreiben nicht ausdrücklich als Gegendarstellung verstanden wissen. Die Leser sollen aber doch erfahren, was hier falsch oder ungenau berichtet worden ist. Ich zitiere aus seinem Brief den wesentlichen (und größten) Teil:
... möchte ich zu einigen Dingen, die mir wichtig erscheinen, Stellung nehmen - nicht, um etwas zu beschönigen, sondern um Zusammenhänge zu erhellen. Denn hier sind wir uns doch, zumal in unserem langen Telefongespräch seinerzeit, darüber einig, daß Begriffsklärung und deutliche Grenzziehungen erforderlich sind, wenn man sich mit Nazismus und Faschismus auseinandersetzt.
Um solche Klärung habe ich mich schon in den 40er und 50er Jahren bemüht, als ich ganz offiziell eine Funktion beim militärischen Abwehrdienst der US-Besatzungsmacht innehatte. Meine Zugehörigkeit zum CIC mag in Gerüchten oder Legenden von wem auch immer erwähnt worden sein; ich habe sie nie verschwiegen.
Ich schied 1953 aus den Diensten der US-Army, nicht zuletzt deshalb, weil ich die weitere Entwicklung eines neuen, demokratischen Deutschland verfolgen wollte, zu dessen Grundsteinlegung ich einen Beitrag leisten durfte (so habe ich meine Arbeit als Verbindungsbeamter zu deutschen Behörden damals gesehen und so wurde sie von der deutschen Regierung auch eingeschätzt).
Ich bin kein Wolhynien-Deutscher: mein Vater ist in Kiew, meine Mutter in Moskau geboren, die Familie ist seit Generationen auch mit Polen, Deutschen und Franzosen versippt; nicht ich, sondern mein Vater war Emigrant. Geheimnistuerei hatte ich niemals nötig.
Nachrichtenhändler sammeln geheime Informationen und verkaufen sie unterschiedlichen Interessenten. Seit ich meine Korrespondenz 1953/54 unter erheblichen Schwierigkeiten ins Leben rief, unterhielt ich Beziehungen vorzugsweise zu Journalisten und Politikern; ihre Beiträge wurden mit Quellenangaben abgedruckt.
Ich war Korrespondent und Mitarbeiter angesehener Verlage (zu empfehlen: Nikolaus J.Ryschkowsky, Die linke Linke. Günter Olzog Verlag München-Wien 1968. Band 129/130 der Reihe Geschichte und Staat. - kkk).
Freund-Feind-Beziehungen gefallen mir gar nicht; warum sollte ich nicht mit Kollegen zusammenarbeiten, die andere Auffassungen als die meine vertreten? Darum war Arno Klönne mein Ratgeber für Analysen der Linken, Opitz mein Gewährsmann für die Rechte. Zuträger brauchten wir nicht.
Meine Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen weisen von jeher meinen linken Standort aus. (Auch hier brauche ich nicht zu verhehlen, daß ich vom Sozialistischen Bund - dessen Pressereferent ich war - zur SPD überwechselte, um deren Ostpolitik zu unterstützen; mein Beitritt zur sozialdemokratischen Stiftung Links Europa folgte konsequent dieser Linie.)
Hier sollte ich auf die Kooperation mit Dr. Emil Hoffmann eingehen, der durch drei Jahrzehnte als Brückenbauer zwischen Ost und West tätig wurde und den ich als solchen (und als unbedingten Nazi-Gegner) kennenlernte.
Ich weiß aus einer Fülle von Dokumenten, wie die Nazis Hoffmann zusetzten und wen er sich im Tausendjährigen Reich zum Gegner machte; ich weiß auch, wen er zur Strecke gebracht hat.
Angesichts unbestrittener Verdienste nach 1945 wiegt eine journalistische Episode, wie ich sie erst nach der Rückfrage durch die kuckuck-Redaktion erfuhr, sicher geringer als pro-NS-Publikationen von Persönlichkeiten, die es nach 1945 zu Regierungswürden bringen konnten... (vgl. kuckuck 45e-h, S.24ff. - kkk).
Nun zu Peter van Spall, der zeitweilig mit dem Sozialistischen Büro zu tun hatte (der Nachfolgeorganisation des Sozialistischen Bundes).
Wie andere SB-Mitarbeiter hat Spall auch den Studien Beiträge geliefert über Stoffe, die ihn bewegten, seltener auf Anfrage (z.B. über Berliner Veranstaltungen) und stets signiert.
Er bot sich den Studien als Leiter der Nachrichten-Redaktion an, später auch als Redakteur von Nonkonform, und war sehr besorgt darum, daß diese Produkte seine eigene Handschrift trugen.
Darum war die redaktionelle Zusammenarbeit mit ihm schwierig und auf die Dauer unzuträglich.
Solche Erfahrungen machten auch andere Kollegen; aber nie habe ich bemerkt, daß er zu Stellen außerhalb der linken Szene Kontakte unterhielt, m.E. hatte er sogar Berührungsängste zu allem, was nicht links einzuordnen war...
Ganz eigenartig empfinde ich den Bericht über unser Gespräch in Holland: was man alles in diesen eher beiläufigen Besuch hineingeheimnissen kann, den ich anläßlich einer Besprechung mit dem holländischen Interlinks-Redakteur Harmsen unternommen hatte.
Vermutlich ging es mir um die Klärung eines Sachverhalts (Neue Politik?!); daß eine Story nicht erscheinen dürfe - solches gehört nicht zu meinen Gepflogenheiten.
Daß ich, der ich seit 1946 konsequent NS gestern und heute aufgearbeitet habe, in in- und ausländischen Publikationen und im Rundfunk, Erkenntnisse über den getarnten NS verhindern, nicht etwa fördern, wollte, hat mir noch niemand vorgehalten.
Um gerade solche Erkenntnisse zu verdeutlichen, habe ich meine Manuskripte 1983/84 publizistischen Rechercheuren der EIR zur Verfügung gestellt, die Material für eine Untersuchung über alte und neue Verflechtungen des deutschen NS mit dem Ausland sammelten, Material, wie es viele Universitätsinstitute von mir bezogen hatten und noch beziehen.
Die Malmö-Internationale ist darin als einer unter vielen Ansätzen zur Bildung einer Internationale der Nationalisten in ihrem Anspruch (und ihrem Unvermögen) gekennzeichnet; über den Genoud-Komplex wußte ich nicht viel und kann mir dazu kein Urteil erlauben.
Wer da was zusammengerührt hat, weiß ich nicht: für das Hitler-Buch, herausgegeben von Helga Zepp-Larouche, wurden viele Quellen benutzt.
Mit Knapp hatte ich auf diesem Feld jedenfalls nichts zu tun; er publizierte zuerst in den Studien als linker Sozialist, als Grüner und später im Sinne seiner Rheinbund-Konzeption - weder Klönne noch ich nahmen Einfluß auf seine Arbeiten.
Ich fand es verdienstvoll, daß im kuckuck Zusammenhänge und Hintergründe aufgedeckt wurden, um Verschleierung und Beschönigungen, auch Camouflagen, zu begegnen.
Ich halte es für falsch und für verhängnisvoll, ohne genaue Kenntnis von Sachverhalten und menschlichen Entwicklungen Schlüsse zu ziehen, die allein der Optik entsprechen könnten.
Ich habe immer versucht, kein Oberverdachtschöpfer zu sein und im bunten und oftmals verwirrenden Kaleidoskop der Nachkriegspolitik Wirklichkeit und Phantasie auseinanderzuhalten.
Dabei habe ich gelernt, daß die handelnden Personen unserer Zeitgeschichte auch persönlichen Entwicklungen, ja Veränderungen durch neue Einsichten, unterworfen sind.
Dem müssen wir Rechnung tragen.
Tun wir das nicht, dann prügeln wir die ehemaligen Nazis, die lernen wollten und konnten, immer wieder zurück in die rechte Ecke und dann sind wir keinen Deut besser als diejenigen, die am starren Antikommunismus festhalten, jener Torheit, die schon Thomas Mann geißelte...
Wenn nur aus Optischem auf Veränderungen geschlossen wird, ist auch die Deutung der Entwicklungen in Links Europa im Heft 47 verständlich.
Tatsächlich aber hat sich an der Zielsetzung der Stiftung LE nichts geändert.
Der Tod des langjährigen Zentralsekretärs und die damit verbundenen finanziellen Engpässe von 1982-84 brachten faktisch eine Beschränkung der Arbeiten auf EG-europäische Länder, eine Zusammenlegung von Links Europa-Interfact, ESZ und Europress zur Quartalsschrift Links Europa (in holländischer, deutscher und englischer Ausgabe) und den Fortfall der Communications.
Wim Albers übergab 1984 sein Amt dem ehem. Vorsitzenden der niederländischen Sozialdemokraten, Ien van den Heuvel, und schied daher aus dem Impressum aus; er steht uns weiterhin sehr nahe.
... Ich meinte..., so viel Einblick in meine politische und publizistische Arbeit gegeben zu haben, daß Mißverständnisse nicht möglich seien.
Doch jetzt hielt es ich schon der Selbstachtung wegen für erforderlich, zu antworten. Um auf solche Weise zu zeigen, daß es mir ebenfalls um Aufhellung und Begriffsklärung zu tun ist wie dem kuckuck und seinem Herausgeber.
Aus seinem Privatarchiv hat Ryschkowsky dem kuckuck einen Bericht aus dem Jahre 1946 über den organisierten bzw. sich organisierenden NS(Werwolf)-Untergrund zur Veröffentlichung überlassen. Es handelt sich um einen Augenzeugenbericht:
21-9-1946
Betr.: Illegale Nazi-Arbeit im besetzten Deutschland.
Die nachstehend skizzierte Besprechung fand etwa in der Zeit vom 20. bis 23.4.1946* im Grenzhotel Herzogau bei Furth im Walde (Gau Bayreuth), dem damaligen Sitz der Gauleitung der NSDAP Bayreuth statt.
Zugegen waren der stellvertretende Gauleiter, Gaustabsamtsleiter Hildebrandt (der Gauleiter Waechtler war bekanntlich wegen Defaitismus erschossen worden!), der Werwolfbeauftragte der Gauleitung: ein Oberstleutnant und Ritterkreuzträger, sowie der Sonderbeauftragte des Stabes Bormann-Parteikanzlei, ein Hauptmann und Kreisleiter von "Großdeutschland", sowie Hitler-Jugendführer.
Der Kreisleiter in der Uniform eines Hauptmanns stellte sich als Sonderbeauftragter des Parteigenossen Dotzler vor, welcher auf Anordnung des Reichsleiters Bormann die gesamte illegale Nazi-Arbeit im besetzten Gebiet übernommen habe. Er (der Kreisleiter) sei beauftragt, den Gauleitern die letzten Direktiven für die illegale Arbeit in den besetzten Gebieten zu überbringen, in deren Rahmen sich in etwa auch die gaueigene Arbeit zu halten habe.
*1946? - kkk
Die Vertreter des Gaues Bayreuth ließen den Sonderbeauftragten nicht im Zweifel darüber, daß sie die Werwolfarbeit in ihrem Gau nach eigenem Gutdünken durchführen wollten, die Vorarbeiten hierzu hätten sie bereits getroffen. Der Sonderbeauftragte erklärte, daß der Einsatzstab des Parteigenossen Dotzler auch nicht die Absicht habe, die Initiative der Gauleitungen zu lähmen, daß jedoch gewisse reichseinheitliche Regeln gewahrt bleiben müßten, wenn die Werwolf-Arbeit ihr Ziel erreichen wolle.
Er äußerte sich zunächst dahingehend, daß es fraglich sei, ob durch den Einsatz neuer Waffen eine entscheidende Kriegswende erzwungen werden könne. Vielmehr müsse sich die (Partei?) darauf gefaßt machen, in einem auf längere Dauer hin besetzten Deutschland insgeheim zu arbeiten und für eine nationalsozialistische Machtergreifung vorzubereiten. Auf den Einwand, ob durch die Besetzung und drastische Unterdrückungsmaßnahmen gegen die deutsche Bevölkerung nicht eine allmähliche Vernichtung der volklichen Substanz erreicht werde, entgegnete der Kreisleiter, daß Grund zu der Annahme bestehe, daß die Westmächte Deutschland nicht zerstören wollten. Die Lebensmittelversorgung würde beispielsweise sofort durch die internationalen Hilfsorganisationen gefördert werden. Lebensmittelzüge ständen zum Beispiel schon in der Schweiz einsatzbereit.
Auf den zweiten Einwand, ob das kriegsmüde deutsche Volk, das sich in vielen Gegenden durchaus loyal, wenn nicht sogar positiv der Besatzungsmacht gegenüber gezeigt habe, überhaupt noch aufnahmefähig für eine nationalsozialistische Aktivierung sei, wurde darauf hingewiesen, daß die Härten der Besatzung dazu beitragen würden, den Willen der Bevölkerung nach einer Befreiung zu festigen und ihre Abneigung gegen die Besatzung zu stärken. Es müßte nur dafür gesorgt werden, daß durch ständige Beunruhigung der Besatzungstruppen wie der Bevölkerung das gegenseitige Auskommen erschwert und der Druck, den die Besatzung ausübe, unerträglich werde.
Die illegale Naziarbeit müsse aus diesen Verhältnissen Gewinn schlagen und vor allem danach trachten, eine große Anzahl aktiver Anhänger zu gewinnen, damit im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen dem Osten und den Westmächten eine spontane Volkserhebung im Verein mit gewissen (illegal vorbereiteten) militärischen Aktionen den Sieg über die Besatzungspolitik davontragen würde.
Aus diesem Grunde sei der politischen Beeinflussung der Volksgenossen und der Jugend eine noch größere Beachtung zu schenken als den rein "militärischen" Aktionen des Werwolf. Der Reichsleiter Bormann habe daher entschieden, daß der Werwolf künftig in zwei Arbeitsgebiete aufgeteilt werde,
1.) die politische Werwolfarbeit,
2.) die militärisch-terroristische Werwolf-Arbeit.
Die politische Organisation werde von dem Parteigenossen Dotzler in der Reichsleitung München, die militärische von dem (SS?)-Obergruppenführer Britzmann** (wahrscheinlich Deckname für den Führer der Reichsführerschule SS) geleitet.
** Prützmann? - kkk
Die politische Organisation habe sofort mit der Vorbereitung einer Nazi-Zellen-Bildung zu beginnen. Der Mundpropaganda zur Sinnesstärkung im Nazisinne sei größte Bedeutung zu schenken.
Stützpunkte der Nationalsozialisten, die untereinander in Verbindung stehen, seien überall im Lande zu errichten und zu befestigen.
Es sei zu beachten, daß keine alten politischen Leiter, die als solche bekannt wären, einbezogen werden. Vielmehr müsse sich die politische Organisation neuer, aktiver Kräfte aus den Kreisen der Front-Rückkehrer bedienen. Die Naziarbeit in diesen Kreisen sei eine weltanschaulich-politische und solle sich auf die Erziehung der Anhängerschaft, sowie auf eine Unterstützung der illegalen Aktivisten beschränken.
Die Frauenarbeit sei in diesem Zusammenhang von größter Wichtigkeit. Nationalsozialistische Frauen sollten sich für die Caritativen Dienste (Rotes Kreuz, Wohlfahrtsverbände, Volksküchen u. dgl.) zur Verfügung stellen, um die Möglichkeit zu haben, die Versorgung der Nazi-Aktivitäten mit Lebensmitteln u.dgl. zu fördern.
Die militärische Aktion des Obergruppenführers Britzmann** sähe ihre Aufgabe in einer ständigen Störung der Besatzungsmächte (Transportwesen, Attentate usw.). Für ihre Einsatzfähigkeit sei die Anlegung von geheimen Lagern in Wäldern und Bauernhäusern von größter Bedeutung. In diesen Lagern sollten außer Waffen und Sprengstoffen auch genügend Bekleidungsbestände, Toilettesachen (Haarschneideapparate), Trockenspiritus zum Kochen, besondere Einsatzverpflegung wie Traubenzucker und Schokolade bereitgestellt werden.
Auch die militärische Aktion des Obergruppenführers B.** könne auf den Einsatz von Frauen nicht verzichten, insbesondere für Aufgaben der Spionage und der Attentate in Lazaretten und Unterkünften.
Für den erfolgreichen Einsatz der Aktionen in den besetzten Westgebieten brachte der Kreisleiter Beispiele; Krankenschwestern, die sich vorher von deutschen Soldaten schwängern ließen, um bei ihrer "Arbeit" mit Amerikanern und Negersoldaten kein Kind empfangen zu können und die Aufträge für Giftmorde in Lazaretten u.dgl. übernommen hätten. Ferner die Störung des rollenden Nachschubs, Sabotage an Kraftfahrzeugen, und die geheime Propaganda-Arbeit einiger Sendestationen, die z.T. als Mistwagen, Strohschober usw. getarnt seien.
Wichtig wäre die Versorgung der Aktivisten mit falschen Papieren, insbesondere aber die gute Verbindung zu deutschen und amerikanischen Dienststellen, um auf diese Weise in den Besitz von Vordrucken u.dgl. gelangen zu können.
Eine Vereinigung der illegalen Organisation etwa im Rahmen eines Tarnverbandes sei zur Zeit noch nicht möglich, die einzelnen Kreise daher auf eigene Initiative angewiesen. Zu gegebener Zeit wolle man jedoch (und auch der Reichsleiter Bormann habe diesem Plan seine Zustimmung gegeben!) die Situation ausnutzen und eine religiöse Bewegung ins Leben rufen, von der man annehme, daß sowohl der Amerikaner (der das Sektenwesen aus den Staaten kennt und fördert) als auch der Russe jener seine Anerkennung und Unterstützung nicht versagen werde. Es werde sich um eine Glaubensgemeinschaft christlich-kommunistischer Prägung*** handeln. Im Schutze dieser Organisation werde der Zusammenschluß der illegalen Naziarbeit befestigt werden.
***Diesem Typus entsprechen etwa die Anthroposophen - kkk
Ich sann darüber nach, woran es denn liege, daß ich auf die Frage, ich hatte sie mir selbst gestellt, weiß der Himmel warum, auf die Frage, welches Buch wohl das unnötige, ja überflüssige sei unter den Büchern, die mir gerade ins Auge fielen, unwillkürlich mit dem Finger des Gedankens auf Sartre wies, auf sein großes Werk Das Sein und das Nichts.
Jean-Paul Sartre, Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie. Deutsch bei Rowohlt, 25.-29.Tausend 1982.
Obwohl ich darin doch ein beachtliches Movens aufgespürt hatte, Sartres Konzept der existentiellen Psychoanalyse. "Wenn es zutrifft, daß die menschliche Realität, wie wir darzutun versucht haben, durch die von ihr verfolgten Ziele verkündet und bestimmt wird, ist eine Untersuchung und Klassifizierung dieser Ziele unerläßlich" (701).
Beachtlich schon deshalb, weil Sartre wiederholt an markanten Punkten seines schriftstellerischen, biographisch-philosophischen Werks die empirische Analyse als Möglichkeit, über sich letzte Klarheit zu gewinnen, zurückweist; ganz entschieden anläßlich der Wörter auch den Gedanken an eine Überich-Rolle seines Großvaters.
In seinem Flaubert-Werk Der Idiot der Familie (ebenfalls bei Rowohlt - in zwei Bänden, das neue buch dnb 78 und dnb 89) wird zum andern sehr deutlich, daß Jean-Paul Sartre, was immer er bedenkt und beschreibt, sich ständig auf der Spur bleibt - so nahe dran, daß einem der Assoziations-Mechanismus plötzlich nicht mehr zu funktionieren scheint, wenn bei Flauberts Bovarisme nicht sofort sich das Stichwort Beauvoirisme einstellen will.
Da bedurfte es noch eines inspirativen Winks aus irgendeinem Zeitungsinterview, in dem es zur Sprache kam, das sonderbare Verhältnis Sartre-deBeauvoir, um auf einmal zu begreifen, daß die zwei einander spinnefeind waren, intim.
Sartres existentielle Psychoanalyse ist eigentlich eher eine Phänomenologie des Da-Seins und Nichtwissenswarum, ein Satyrikon der Unerlösbarkeit, ringsum die Hölle, ringsum das Nichts, und seine Worte nur Wörter, Schlingen und Fadengewebe, die er übers Nichts wirft in der nirgendwo ausgesprochenen Hoffnung, jenseits - dem blind geworfenen Sprachgewächs seinen Halt zu finden.
Da steigt dann urplötzlich so ein erhellender Gedanke auf, um dessentwillen Flächen um Flächen weißen Nichts mit Wörtern beschrieben worden sind. Die Sehnsucht nach dem Utopia wird hier zu einem Motor, dessen Geräusch die Sprache ist, unaufhaltsam.
Eines Morgens endlich laufen wir in einer seltsam schweigenden Bucht ein, die mit unbeweglichen Segelbarken besetzt ist. Nur einige Meervögel streiten sich am Himmel um Schilfhälmchen. Schwimmend erreichen wir den verlassenen Strand; den ganzen Tag hindurch steigen wir ins Wasser und trocknen uns auf dem Sand. Unter dem grünlich verblassenden Abendhimmel wird das Meer noch ruhiger, das doch schon so ruhig ist. Kurze Wellen hauchen einen schaumigen Dunst auf den warmen Strand. Die Meervögel sind verschwunden. Es bleibt nur noch die Weite, offen für eine unbewegliche Reise.
Zu Sartre und seinem Nichts ist es die Gegenwelt, die er nie erreichen wird.
Ich hatte immer das Gefühl, auf hohem Meer zu leben, bedroht, im Herzen eines königlichen Glückes.
Wir lasen nicht Sartre, sondern Camus (aus: Albert Camus, Heimkehr nach Tipasa. Mittelmeer-Essays. Neue Arche Bücherei, Band 11).
Eine pessimistische Philosophie, dieser Existentialismus Sartres, die sich immerfort einholen und ins Andere wenden möchte. Es würde schwerfallen, aus dem Sartreschen Werk einen Mythos destillieren zu wollen. Es ist Mytho-Logie des Selbstverständnisses. Verglichen mit Camus, blieb Sartre bis zuletzt im Schatten.
Ein Knabenwunsch Jean-Pauls war es gewesen, mit den Arbeiterkindern zur Schule zu gehen, gemeinsam mit ihnen herumzutollen und Fußball zu spielen. Ein Zuschauer ist er geblieben. Einer freilich, der sich damit nie abgefunden hat. Mag aber sein, daß sein Blick nach unten nicht nur den sozialen Aspekt hatte - vielmehr im Gesellschaftlichen lediglich eine Analogie vorfand zu jenem Nichts, das er überbrücken mußte.
Von der Notwendigkeit des Unnötigen sprach Dschuang Dsi in Parabeln - wie unnötig es doch sei, außer dem Boden direkt unter den Füßen ringsum noch weitere Bodenfläche zu haben; aber wie notwendig sind sie doch, diese Zwischenräume, um uns die Gewißheit zu geben, daß wir da sind.
Sartres Philosophie bringt als Neues den je individuellen Weg an den Tag. Gewöhnlich erhellt sich's bei Sartre, wo er auf seinen langen Irrwegen sich selbst begegnet, wo er die Fäden zusammenknüpft. Walter Benjamins Einsicht, daß Charakter nicht ein Knoten im Netz, sondern der leuchtende Stern am dunklen Himmel sei, reibt sich an Freud, scheint hier jedoch der blinden Methode Sartres entgegenzukommen, der ja wirklich nur darauf vertraut (?), irgendwann und irgendwo auf Festes zu stoßen, daran seine Weben sich verfangen können. Sonst ist er verloren.
Ich glaube, übrigens gegen Rolf Schütt (vgl. kuckuck 25/26), daß die Urängste sich nicht vom Sexuellen herleiten lassen, sondern daß sie in einer tieferen, früheren Schicht ihre Ursprünge haben. Daß sexuelle Störungen jene Ängste reaktivieren, weil die Sexualität eben wesentlich daran beteiligt ist, Angst aufzuheben.
Buchstäblich den Boden unter den Füßen zu verlieren, in ein Erdloch zu fallen, als kleines Kind in den sprichwörtlichen Brunnen: was sich heute wie eine Umschreibung liest, meint ursprünglich die beschriebene Sache selbst.
Wie fest steht da ein Raymond Aron mit beiden Beinen auf der Erde, im konkreten gesellschaftlichen Sein. Da überrascht es doch, in der Sicht Arons eine ganz andere Wertung und Gewichtung dieser Existenzen zu erleben.
Ich frage mich heute oft, warum wir damals Sartre und Nizan so heraushoben, wo doch weder der eine noch der andere irgend etwas geschrieben bzw. veröffentlicht hatte. Die Antwort, die ich faute de mieux gebe, entspricht der, die ich mir selbst gab, als ich später über die Chancen eines Studenten zu urteilen hatte.
Zu Recht oder zu Unrecht schätzen wir die Fähigkeit eines jungen Menschen nach seinem Erscheinungsbild ein; wir halten ihn beispielsweise für fähig, seine Agrégation mit Leichtigkeit zu erreichen oder - ganz im Gegenteil - nur unter Aufbietung aller Kräfte. Darüber hinaus halten wir ihn für fähig oder auch nicht, eines Tages etwas zu sagen zu haben. In diesem Sinne schreiben wir dem genetischen Element zumindest eine negative Kausalität zu, unabhängig davon, welcher Theorie über den jeweiligen Einfluß ererbter oder erworbener Eigenschaften wir anhängen; trotz aller Anstrengungen kann niemand über die durch seine Erbanlagen programmierten Möglichkeiten hinausgehen.
War ich davon überzeugt, Sartre würde das werden, was er geworden ist: Philosoph, Romancier, Autor von Theaterstücken, Prophet des Existentialismus, Nobelpreisträger für Literatur? Stellt man die Frage so, so würde ich ohne Zögern mit Nein antworten. Aber auch anders gestellt - nämlich: wird er ein großer Philosoph, ein großer Schriftsteller? - wäre die Antwort weder stets gleich geblieben noch kategorisch gewesen.
Auf der einen Seite bewunderte ich (und bewundere noch) die außerordentliche Fruchtbarkeit seines Geistes und seiner Feder. Wir neckten ihn wegen der Leichtigkeit, mit der er schrieb (mir selbst fiel das Schreiben damals sehr schwer, und ich fühlte mich von einem leeren Blatt und der unbeweglichen Feder geängstigt). "Du hast in den letzten drei Wochen nur 350 Manuskriptseiten geschrieben, was ist los?" sagten wir zu unserem "kleinen Kameraden".
Neben dieser Mühelosigkeit, mit der er schrieb, bewunderte ich den Reichtum seiner Phantasie und seiner schöpferischen Kraft in der Welt der Ideen. Gewiß hatte ich gelegentlich meine Zweifel. Manchmal entwickelte er des langen und breiten schriftlich oder mündlich eine Idee, weil es ihm nicht gelang, sie voll zu erfassen und den adäquaten Ausdruck für sie zu finden. Er baute Theorien auf, deren Fehler ins Auge sprangen.
Ich beneidete ihn um sein Selbstvertrauen. In einer Unterhaltung auf dem Boulevard St.Germain nicht weit vom Kriegsministerium legte er mir ohne Eitelkeit und ohne Heuchelei seine hohe Meinung von sich selbst dar, sein Genie. Wollte er sich auf das Niveau von Hegel erheben? Natürlich, der Aufstieg sei weder zu mühsam noch zu lange für ihn. Vielleicht müßte man sogar noch darüber hinausgehen. Der Ehrgeiz, so sagte er mir, drückt sich bei mir in zwei Bildern aus: Das eine ist das Bild eines jungen Mannes in weißen Flanellhosen, mit offenem Hemdkragen, der sich an einem Strand inmitten blühender junger Mädchen katzenhaft von einer Gruppe zur anderen bewegt. Das andere Bild ist das eines Schriftstellers, der sein Glas erhebt, um Männern im Smoking, die sich um einen Tisch erhoben haben, auf einen Toast zu antworten.
Sartre wollte ein großer Schriftsteller werden, und das wurde er. Aber das Interesse an Smokings, an Banketten, an den äußeren Zeichen des Ruhms hat er im Lauf der Jahre verloren. (...)
... Die Psychoanalyse war lange Zeit ein Thema in unseren Debatten. Sartre verwarf sie ein für allemal, weil die Psychoanalyse sich mit dem Unbewußten vermische und der Begriff des Unbewußten in seinen Augen einer Quadratur des Kreises gleichkam; seelisches Befinden und Bewußtsein ließen sich nicht trennen... In der Idee der mauvaise foi (des bösen Glaubens) fand er die Lösung des Problems...
... Genaugenommen hat Sartre die beiden Ideen: die Wahl des intelligiblen Charakters und die Freiheit zur Bekehrung auf seine Weise kombiniert (33 ff.).
Raymond Aron, Erkenntnis und Verantwortung. Lebenserinnerungen. Aus dem Französischen von Kurt Sontheimer. Piper, München 1985. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Mémoires - 50 ans de réflexion politique 1983 im Verlag Julliard, Paris.
Sartres Leitplanke ist die cartesianische Gewißheit, daß er denkt (und schreibt), und daß er, solange er denkt, ist. Sein schriftstellerisches Werk ist die Offenbarung dieser Gewißheit, die nun merkwürdigerweise ihren Hervorbringer überlebt. Wo unterschwellig Dunkelheit ein ständiger Begleiter ist, das ist nachzuempfinden, sobald der Gedanke wieder einmal abschweift, da bringt eben das Denken und Schweifen selbst jene Klarheit mit sich, die den an sich unnötigen Sartre samt seinem unnötigen Werk zu einer nachgerade historischen Notwendigkeit macht.
"Die Gemütskräfte also", nach Kant, "deren Vereinigung (in gewissem Verhältnisse) das Genie ausmacht, sind Einbildungskraft und Verstand" (§ 49). Und weiter:
Nach diesen Voraussetzungen ist Genie: die musterhafte Originalität der Naturgabe eines Subjekts im freien Gebrauche seiner Erkenntnisvermögen. Auf solche Weise ist das Produkt eines Genies (nach demjenigen, was in demselben dem Genie, nicht der möglichen Erlernung oder der Schule zuzuschreiben ist) ein Beispiel nicht der Nachahmung (denn da würde das, was daran Genie ist und den Geist des Werks ausmacht, verloren gehen), sondern der Nachfolge für ein anderes Genie, welches dadurch zum Gefühl seiner eigenen Originalität aufgeweckt wird, Zwangsfreiheit von Regeln so in der Kunst auszuüben, daß diese dadurch selbst eine neue Regel bekommt, wodurch das Talent sich als musterhaft zeigt. Weil aber das Genie ein Günstling der Natur ist, dergleichen man nur als seltene Erscheinung anzusehen hat, so bringt sein Beispiel für andere gute Köpfe eine Schule hervor, d.i. eine methodische Unterweisung nach Regeln, soweit man sie aus jenen Geistesprodukten und ihrer Eigentümlichkeit hat ziehen können; und für diese ist die schöne Kunst sofern Nachahmung, der die Natur durch ein Genie die Regel gab.
Aber diese Nachahmung wird Nachäffung, wenn der Schüler alles nachmacht, bis auf das, was das Genie als Mißgestalt nur hat zulassen müssen, weil es sich, ohne die Idee zu schwächen, nicht wohl wegschaffen ließ. Dieser Mut ist an einem Genie allein Verdienst; und eine gewisse Kühnheit im Ausdrucke und überhaupt manche Abweichung von der gemeinen Regel steht demselben wohl an, ist aber keinesweges nachahmungswürdig, sondern bleibt immer an sich ein Fehler, den man wegzuschaffen suchen muß, für welchen aber das Genie gleichsam privilegiert ist, da das Unnachahmliche seines Geistesschwunges durch ängstliche Behutsamkeit leiden würde (a.a.O.).
Zitate S.167ff.: Kritik der Urteilskraft; aus Band 39a der Philosophischen Bibliothek, Verlag von Felix Meiner in Hamburg 1959; unveränderter Nachdruck der Vorländerschen Ausgabe von 1924.
Sartre scheint sich immerfort zu verlieren, ohne dabei verloren zu gehen, als Denkender auf Wegen, die den Mystikern vorbehalten waren, er fürchtet sich nicht, er sucht nicht die Glückseligkeit. Er denkt, freilich auf eine Art, die sich bisweilen nur noch an Wörtern und von der Wirklichkeit losgewordenen Begriffen festzuhalten vermag. Er denkt sich durch nichts hindurch, nichtig, nichtssagend oft, doch immer Spuren hinterlassend.
Ein Philosoph unseres Jahrhunderts, der seine nichtige Philosophie damit bezahlt, daß er den Sinn nunmehr in der Aktion suchen muß, um letzten Endes offenbar zu machen, daß in der Aktion die nichtige Philosophie aus sich herausgetreten war; daß eine nichtige Philosophie in einer ebenso nichtigen Aktion sich materialisierte und realisierte.
Sein Denken gerät in die Nähe ideologischer Selbstentäußerungen, gegen die er politisch Front machen muß, um die Grenzen nicht zu verwischen.
In Deutschland war ähnliches an Hermann Hesse, am Expressionismus, auch an Thomas Mann zu beobachten. Andere Merkwürdigkeiten in Sartres Theaterstücken, modellhaft konkretisierte Ideenkonglomerate, verkünstelte Philosophie. Seine Menschen haben Sprache, ihre Situationen liegen an der Grenze, sind absurd, konzentrierte Handlungsabläufe faszinieren ein intelligentes Publikum, aber das Leben, hat es stattgefunden?
Als ob man Surrogaten, unwirklichen Wirklichkeiten auf den Leim gekrochen, die Verkunstung des Künstlichen ist zu notieren. Man erlebt es wie leibhaftig, dieses Nichts, zwischen den Dingen und jenseits der Dinge. Hernach ist das meiste schnell vergessen, aber auch verloren, wirkt es nicht nach, wendet Sartre womöglich die abgewehrte Psychoanalyse nun praktisch gegens Publikum, das konditionierte? Ein gefährliches Pflaster in vielerlei Hinsicht.
Wohltuend dagegen der skeptische Raymond Aron. Ich erinnere mich an einen Vortrag, den Aron im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der Ernst-Reuter-Gesellschaft im Audimax der Freien Universität Berlin hielt. Das muß jetzt fast 25 Jahre her sein. Er sprach in einem vollkommenen Deutsch. Das Thema war, wenn ich mich richtig erinnere: Die Intellektuellen und der Kommunismus.****
****Vgl. kuckuck 50 - kkk
Dabei legte er einen Widerspruch frei, der in Wahrheit keiner ist. So etwas wie einen Widerspruch bei den französischen linken Intellektuellen, die theoretisch zwar mit dem Marxismus sympathisierten, in der Praxis jedoch die ersten wären bei der Abwehr etwa eines dem osteuropäischen Totalitarismus ähnlichen Systems in Frankreich.
Daß die französischen Intellektuellen, ganz im Gegensatz zu den deutschen, ihre Freiheit auch zu würdigen wissen, haben sie bestätigt.
Aber ich will eigentlich über etwas anderes sprechen: über Arons Beziehung zur deutschen Kultur. Im ersten Teil des Buches, er überschreibt ihn: Meine politische Erziehung (1905-1939), finden wir den Abschnitt: Meine Entdeckung Deutschlands.
Ich hatte diesem Kapitel zunächst die Überschrift "Die Entdeckung Deutschlands und der Politik" gegeben. Beide Entdeckungen verliefen parallel. Mein von Alain beeinflußtes pazifistisches und moralistisches Interesse nährte sich auch aus einer historischen Überzeugung: "Das Interesse, das unser Land an der deutschen Krise zeigt, beruht auf einer tiefen Einsicht: Wohl oder übel ist das Schicksal Deutschlands auch das Schicksal Europas." Dieses Thema nahm ich 1945, nach der Niederlage des Dritten Reiches, wieder auf.
Deutschlands Schicksal verbindet sich mit dem Europas. Nicht zu Unrecht hat Ralf Dahrendorf bei seiner Laudatio anläßlich der Verleihung des Goethepreises der Stadt Frankfurt an mich im Jahre 1979 bemerkt, daß Deutschland mein Schicksal gewesen sei (58).
Es ist im besonderen die deutsche Philosophie, die ihm sowohl als auch Jean-Paul Sartre zu einem geistigen Schicksal geworden ist, wenn auch unter verschiedenen Aspekten.
Ich will versuchen, mir über die Gefühle klarzuwerden, die ich in jenen ersten Jahren meiner Begegnung mit der deutschen Kultur empfand. Als ich im Frühjahr 1930 in Köln ankam, konnte ich die Zeitungen nur mühsam entziffern; ich verstand das Deutsch Professor Spitzers, seines Assistenten oder seiner Studenten nur unvollkommen; philosophische Bücher konnte ich, wenn auch mit Mühe, lesen.
Während meines akademischen Jahres in Köln (1930 bis 1931) machten meine Sprachkenntnisse genügend Fortschritte, so daß es zwischen meinen Gesprächspartnern und mir keine sprachlichen Barrieren mehr gab. Ich war sensibel gegenüber der Not der deutschen Jugend, aber auch empfänglich für die Wärme, die ihre persönlichen Beziehungen prägte; selbst die Studenten, die dem Nationalsozialismus mehr oder weniger nahestanden, entzogen sich dem Dialog nicht; und diejenigen, mit denen ich in Köln und in Berlin sprach, glichen nicht den Ungeheuern, als die man sie heute zeichnet. Gemeinsam saßen wir bei Wein oder Bier an den Ufern von Rhein oder Spree, und plötzlich kam so etwas wie Liebe oder Freundschaft auf, welche den Abend verklärte. Doch es war nicht so sehr die deutsche Jugend als die deutsche Kultur, die mich für immer verführte.
Zunächst erlebte ich einen Schock. Ich hatte ein ganzes Jahr mit Kant zugebracht. Obwohl die ungenügende Kenntnis des Werks von Hume mein Verständnis der drei Kantischen Kritiken beeinträchtigte, hatte ich ein wertwolles Element der deutschen Philosophie, vielleicht das wertvollste erarbeitet. Nie mehr vergaß ich den Kategorischen Imperativ, das Kernstück der Ethik, und auch nicht die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Doch hatte ich den Kantianismus in den Neukantianismus meines Lehrers Léon Brunschvicg übertragen. Denn Kant ließ sich leicht in den ahistorischen Universalismus des französischen Denkens einbauen, jedenfalls so, wie er an der Sorbonne gelehrt wurde.
Meine unsystematische Lektüre bewegte sich zwischen zwei Polen, den Philosophen Husserl und Heidegger auf der einen, den Soziologen, den Neukantianern der Südwestdeutschen Schule, Heinrich Rickert, Max Weber auf der anderen Seite...
Simone de Beauvoir hat berichtet, wie ich Sartre von Edmund Husserl erzählt und in ihm eine fieberhafte Neugier für diesen Philosophen geweckt hätte. Auch ich empfand beim Studium der Phänomenologie eine Art von Befreiung von meiner neukantischen Prägung. Damals hatte ich meine metaphysischen Neigungen bereits verdrängt; mehr noch als die transzendentale Phänomenologie beeindruckte mich die Methode, ja eher: der Blick des Phänomenologen.
Ich meditierte über die Geschichte und die Immanenz der Bedeutungen für die menschliche Wirklichkeit - eine Wirklichkeit, die entziffert werden kann. Mir schien, daß Dilthey eine Philosophie von der Art Husserls gefehlt hatte, um seine Intuitionen klarmachen zu können. Das Verständnis der Bedeutungen im historischen Prozeß führte mich zu Max Weber bzw. zu ihm zurück. Allmählich lernte ich die Größe Max Webers erkennen und entdeckte zugleich, daß ich mit ihm durch eine Art Wahlverwandtschaft verbunden war.
Was mich an ihm fesselte, war seine Vision der Weltgeschichte, seine Hervorhebung der Originalität der modernen Wissenschaft und seine Reflexion über die historische und politische Situation des Menschen.
Seine Untersuchungen über die großen Religionen faszinierten mich; in einer so verstandenen Soziologie blieb das Beste ihrer philosophischen Ursprünge bewahrt (58 ff.).
Über Simone Weil und über Deutschlands andere Seite:
Den großen Artikel, den sie über die Lebensverhältnisse der Arbeiter veröffentlichte, habe ich seinerzeit sehr bewundert, ebenso auch den über den römischen Imperialismus, wenngleich letzterer die Kritik der Historiker herausfordert.
Trotz allem erschien mir der geistige Umgang mit Simone fast unmöglich. Offensichtlich kannte sie keinerlei Selbstzweifel, und obwohl ihre Meinungen sich ändern konnten, so wurden sie doch jedesmal ebenso kategorisch wie die vorhergehenden vorgetragen.
Simone war für das Münchner Abkommen, und zwar nicht aufgrund der gegebenen Kräfteverhältnisse, sondern weil ihr der Widerstand gegen die deutsche Vorherrschaft in Europa nicht das Opfer einer Generation wert schien. Nach dem Einzug der deutschen Truppen in Prag nahm sie eine andere Haltung ein, die ebenso entschieden war: Sie plädierte für einen Widerstand um jeden Preis, weil die Nazis sich nicht mit einer traditionellen Form der Hegemonie über Europa begnügten, sondern eine Kolonialisierung betrieben, die der der Europäer in Afrika vergleichbar wäre.
Vielleicht hatte sie 1938 und auch 1939 recht, aber man hätte darüber diskutieren müssen. Konnte man nicht schon 1938 voraussehen, daß die Nazis so waren, wie sie sie erst 1939 sah? (69f.).
Noch ein Akzent:
Trotz meiner Sympathie und meiner Wertschätzung für André Glucksmann hatte ich wenig Freude an seinem Buch Maîtres penseurs, einem Pamphlet gegen die deutsche Philosophie, von der der Autor sich doch selbst geistig genährt hatte (461).
Piero Scanziani hat es sich dagegen leicht gemacht. Seine Reise zu den Weisen unserer Erde, zu Sufis und Lamas, Saddhus und Anachoreten unternahm er, wenn ich zwischen den Zeilen richtig gelesen habe, zunächst im Auftrage von Illustrierten-Redaktionen. Schließlich ist aber doch ein lesenswertes Buch daraus geworden:
Piero Scanziani, die entronauten. Deutsch von Heinz Riedt. SV international/Schweizer Verlagshaus AG, Zürich 1985. Die italienische Originalausgabe erschien unter dem Titel Entronauti bei Elvetica Edizioni S.A., 6830 Chiasso.
Lesenswert auch, weil man gern wissen möchte, was an dem Buch diese Begeisterung eines prominenten Vertreters der rechten Kultur Italiens (vgl. auch Furio Jesi, Kultur von rechts; Anmerkungen in kuckuck 47, S.151ff.) hervorgerufen haben mag.
Mircea Eliade schrieb an Scanziani: "Wie soll ich Ihnen danken? Eine faszinierende Lektüre und wundervolle Begegnungen!"
Da ist auch sogleich zu erkennen, wohin die Reise geht, wenn sich einer völlig der Intuition überläßt. Zumindest spielt er dies dem Leser vor, wenn er seinen "Erzengel" befragt, während er doch von Kontinent zu Kontinent hetzt, um seinem Job nachzugehen.
Leider, leider ist es immer wieder nur Unverstand, der im Rätselhaften, in Heiligtümern und Tabuzonen seine Heimstatt zu finden glaubt und Geheimnis schon dort vermutet, wo ihm nur die Wahrheit verschlossen bleibt.
Die Verlockung, Menschen unmittelbar übers vegetative System zu beherrschen und zu verführen, hat offenbar eine sehr starke passive Komponente, das Moment der Hingabe, der Anlage, sich zu unterwerfen.
Mystische Strömungen sind wie unterirdische Seen und Flüsse immer gegenwärtig. Ihre Macht und ihre Gewalt erlangen sie aber erst mit dem Schwinden diesseitiger irdischer Hoffnungen.
Das Mysterium scheint diese Welt zu vertiefen, doch ist der Anschein bereits ein Zeichen des Grenzverlusts. Was in schöner Landschaft bei freundlichem, aber auch extremem Klima erholsam zu wunderbaren Erfahrungen verwandeln kann, wird in depressivem Zustand zur finstern Anheimgebung ans Es. Ein Baum, der sich hinab zur Erde beugt, der sich krumm macht und in die Erde kriecht, nach den eigenen Wurzeln zu suchen. Das Leben hängt nun mal an zwei Fäden. Ohne Höhen die Tiefen sind Gefahr und Verhängnis.
Bücher, wichtige, unnötige.
Claude Jacquinot, Jacques Delaye: Handel mit ungeborenem Leben. Panorama Verlag, CH-9450 Altstätten 1985. Französischer Originaltitel: Les trafiquants de bébés à naître. 1984 bei Pierre-Marcel Favre, Publi S.A., Lausanne. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung der deutschen Ausgabe: Wiltrud Weber, Lic. phil., Susanne und Dr. Theo Scherrer.
Mir fehlen die Worte. - - -
Mehr als 500 menschliche Föten, die bis zu zwei Kilo wogen, wurden am Freitag in einem Metallcontainer auf einem unbebauten Platz von Santa Monica, Kalifornien, gefunden ... aufbewahrt in Formaldehyd, in Einzelgefäßen aus Plastik. Auf jedem Gefäß befand sich jeweils ein Etikett mit dem Namen der Frau, die das Baby ausgetragen hatte, und ein Datum (13 f.).
Es ist bekannt, daß Frauen dafür bezahlt werden, daß sie ihr unerwünschtes Kind bis zum 6. oder 7. Monat tragen und es dann lebend der Medizin oder der Kosmetikindustrie überlassen, die dieses Kind als Rohstoff benutzt. Es ist außerdem kein Geheimnis, daß ein blühender internationaler Handel mit tiefgefrorenen Föten existiert (14f.).
"Wissen Sie, ich verfüge über eine gewisse Anzahl an großen Föten... Wir machen eine ganze Menge späte Abtreibungen, darauf sind wir spezialisiert. Ich mache Abtreibungen auch dann noch, wenn andere sie schon ablehnen. Ohne zu zögern tue ich es bis zu sieben Monaten. Nach dem Gesetz liegt die Grenze bei 28 Wochen. Wenn die Mutter bereit ist, das Risiko einzugehen, bin ich von mir aus einverstanden. Also sind viele Babys, die ich habe, voll ausgebildet und leben schon eine gewisse Zeit, bevor über sie verfügt wird. An einem Morgen habe ich vier nacheinander gehabt, die schon schrien. Ich hatte da gerade nicht die Zeit, sie sofort zu töten, weil wir so sehr beschäftigt waren. Ich war wirklich wütend, sie in den Einäscherer schmeißen zu müssen, wegen der Menge an Fett, die kommerziell hätte verwendet werden können. In dem Stadium hätten die Babys auch leben können, wenn man sie in Brutkästen gelegt hätte, aber wir haben keine Brutkästen in der Klinik. Unsere Aufgabe hier besteht ja darin, Leben zu beenden, nicht, Leben zu unterstützen. Ich bin durchaus kein besonders harter Mann, aber Realist. Ich werde dafür bezahlt, daß ich eine Arbeit tue, die darin besteht, das Baby loszuwerden. Wenn ich also etwas dafür tun würde, daß das Kind lebt, würde ich gegen meinen Auftrag handeln, ... allerdings kann ich es manchmal eine halbe Stunde oder länger am Leben lassen... In London und anderswo in Großbritannien gibt es viele Gynäkologen, die so denken wie ich und solche Unterbrechungen machen. Allerdings muß man dafür ein Mensch sein, der rein wissenschaftlich denkt, man darf sich nicht von Emotionen leiten lassen oder sich in Sentimentalitäten verlieren. Das menschliche Leben ist auch nur eine Sache, die kontrolliert, konditioniert und benutzt werden kann wie irgendeine Maschine" (Auszug aus Bébés au feu von Litchfield und Kentish) (16f.). - - -
In diesen Hospitälern, die in Wirklichkeit einfach Gulags mit anderem Etikett sind, gibt man sich nicht etwa damit zufrieden, die kleinen Kandidaten bei der Geburt dem Holocaust zu unterwerfen, sondern ihre schon ausgebildeten kleinen Körper werden zum Gegenstand eines Handels, der selbst die Protagonisten des römischen Zirkus und die Priester des Montezuma hätte erröten lassen. Gehandelt wird mit ihrer Haut, ihrem Fett, ihren Organen... Allein die Aufzählung dieser Dinge läßt die Haare zu Berge stehen (19f.).
Ein amerikanischer Advokat, William Brennan, veröffentlichte darüber ein Buch mit dem Titel: The Abortion Holocaust: Today's Final Solution. Brennan vergleicht die Dinge, die heute stattfinden, mit der "Endlösung" im nationalsozialistischen Regime.
Brennan gibt Einzelheiten über den Handel mit Embryos. Als gesichert gilt, daß der Handel floriert, daß die Embryos in derselben Weise wie in Frankreich benutzt werden, daß gewisse Teile der kleinen Körper an Hersteller weiterverkauft werden, die diese Einzelteile mit Plastik überziehen und als "Souvenirs" verkaufen... Man kann sicher sein, daß es in unserem heutigen Sodom Leute gibt, die geschmacklos genug sind, solche "Souvenirs" auf ihren Schreibtisch zu stellen oder an einem Kettchen zu tragen...
Wenn wir verhindern wollen, daß solche Abscheulichkeiten angesichts der allgemeinen Gleichgültigkeit weitergehen, müssen wir alles sagen - selbst unvorstellbare Schrecklichkeiten - und müssen dringend alles tun, um diese kleinen Wesen zu schützen, deren vorläufiger Schutz nur der Mutterleib ist. Sobald sie aus dem Körper der Mutter herausgeholt sind, sind sie wehrlos und müssen schweigend ihr Martyrium erdulden (20).
Diese Aktivitäten und Forschungen schaffen wohl eine echte Nachfrage nach Abtreibungen. Dr. Bernard Nathanson nennt die Abtreibung eine der zehn größten Industrien, da sie mehr als 500 Millionen Dollar pro Jahr bringt... (36).
Wir wollen hier noch einmal an ein Faktum erinnern, das die Presse bereits als Information verbreitet hat. Es handelt sich um eine Intervention des französischen Zolls im März 1981: Ein Tiefkühllaster wurde an der Schweizer Grenze festgehalten; er war mit eingefrorenen menschlichen Föten beladen. Am meisten erstaunt, daß das, was die Affäre überhaupt ausgelöst hat, nicht etwa diese monströse Sache an sich ist. Vielmehr sind die Zöllner eingeschritten, weil sowohl von den Exportländern (Ungarn und Jugoslawien), wie auch von den Schönheitsinstituten, die diese "Ware" kauften, übermäßig hohe Tarife eingesetzt wurden.
Dieser Handel gewinnt immer mehr an Boden: Er betrifft mehrere hunderttausend Körper von Kindern, die geboren werden könnten. Zwei Kategorien von Laboratorien reißen sich das "lebende Material" buchstäblich gegenseitig aus den Händen. Die erste Kategorie behauptet, sie arbeite für den Fortschritt der Wissenschaft, die zweite Kategorie stellt Schönheitsmittel her und ist auf die sogenannte "Hautverjüngung" spezialisiert (55).
"Der Fötus ist also lebend: Er wird in ein Gefäß gesetzt, wo er mit natürlichen Mitteln konserviert wird. Dann wird er sofort ins Laboratorium gebracht, wo er, immer noch lebend, zerschnitten und zerteilt wird.
Das wohl schrecklichste all dieser Experimente lief parallel an zwei verschiedenen Orten: In Cleveland Ohio (USA) und im Kinderkrankenhaus von Helsinki (Finnland). An diesen zwei Orten wurden zwölf lebenden kleinen Wesen die Köpfe abgetrennt und für chemische Untersuchungen am Leben gehalten. - Unglaublich? Hier ist der Beweis:..." (56).
Die Autoren fügen Beweis an Beweis. "In der BRD alarmierten Presseartikel und Sendungen in Radio und Fernsehen die öffentliche Meinung. So brachte Moira von Baghy als Autorin der Zeitspiegel-Sendung vom 1. August 1984 (Bayerisches Fernsehen / 3. Programm, 20.45 Uhr) präzise Informationen über den Gebrauch von Embryos in der Kosmetik-Industrie. Wie die Embryos von Hühnern werden auch menschliche Embryos für kosmetische Zwecke verwendet. Diese Verfahren nennen sich Alternativforschung und werden von den Tierversuchsgegnern finanziell unterstützt" (182).
Wissenschaftliche Erkenntnis, Ethik und Rechtsbewußtsein sehen sich herausgefordert. Die Würde des Menschen, die Integrität der Person ist in Frage gestellt. Die verschleierten und verbrämten Verbrechen gegen die Humanität machen es offenkundig: Tendenzen, für die Mengeles Auschwitz nur ein Anfang war, sind verbreitet und stark, Kritik und Protest dagegen erstaunlich schwach und vereinzelt. Aber die Aufmerksamkeit hat doch zugenommen.
Literatur trägt in beachtlichem Maße dazu bei, Geist und Sinne auf eine gewisse ungewisse Grundströmung einzustimmen. Die Schuld der Unschuldslämmer ist längst nicht beschrieben. Die professionellen Empörer haben ihren Meister nur noch nicht gefunden. Das Ende des Tunnels ist bereits in Sicht. Eine Weile noch bewegt man sich auf weichem Boden fort, eine Reise auf dem blauen Weg, wie ähnlich ein Titel von Kenneth White lautet.
Ja, die "Geburt des Nationalsozialismus aus dem Geiste von Mystik und Magie" ist nicht nur eine treffliche Untertitelung einer Arbeit, die sich mit den Bestrebungen und Erfolgen der Thule-Gesellschaft befaßt. Dabei werde ich am Ende das Gefühl nicht wieder los, daß der Gegenstand der Untersuchung bei dieser weitgehend federführend war. Ich komme hierauf zurück, nachdem ich zunächst einige Bücher vom Arche Verlag, Raabe+Vitali, Zürich, aufgereiht haben werde.
Kenneth White, Der blaue Weg. Eine Reise. Deutsch von Andrea Spingler. Arche 1984. Titel der französischen Originalausgabe: La Route Bleue. Editions Grasset et Fasquelle, Paris 1983.
Winfried Wolf, Geschichten aus dem Hotterloch. 1984. Neue Arche Bücherei Band 9.
Otto Höschle, Die Lunte brennt. Gedichte am Abgrund. 1984. NAB 10.
Das Kino im Kopf. Eine Anthologie. Herausgegeben von Hans Stempel und Martin Ripkens. Arche 1984.
Kazuo Ishiguro, Damals in Nagasaki. Roman. Deutsch von Margarete Längsfeld. Arche 1984. Titel der englischen Originalausgabe von 1982: A Pale View of Hills. Faber and Faber Ltd., London.
Kenneth White schreibt in seinem Vorwort:
Ich war elf Jahre alt, als mich Labrador rief, das Land, das Gott dem Kain gab, wie Kapitän Cartier es nannte. Es geschah durch ein Buch und die Bilder, die es enthielt: Indianer, Eskimos, Berge, Fische und weiße Wölfe, die den Mond anheulten... So habe ich mich auf diesen blauen Weg begeben. Was ist denn ein blauer Weg? wird man fragen. Ich weiß es selbst nicht genau. Da ist natürlich das Blau des weiten Himmels, da ist das Blau des Flusses, des mächtigen Sankt-Lorenz-Stroms, und weiter weg dann das Blau des Eises. Aber all diese Bilder und noch ein paar andere, die mir einfallen, wenn sie zu mir, zu meinen Sinnen und meiner Einbildungskraft, sprechen, reichen bei weitem nicht aus für die Tiefe dieses Blaus. Ist es also etwas Mystisches?
Ich möchte mich hier nicht auf Diskussionen über dieses abgedroschene Wort einlassen (etwas viel Lebendigeres ruft uns), aber wenn ich im Geist einen Augenblick in dieser Sphäre verweile, fällt mir ein, daß in gewissen alten Überlieferungen vom wandernden Mystiker die Rede ist, und davon, daß ein Mann, der in westlicher Verbannung lebt und seinen Orient finden will, den Norden passieren muß.
White wurde 1936 in Glasgow geboren, studierte französische und deutsche Literatur, Latein und Philosophie, las in München Nietzsche, Husserl und Heidegger. Er war Lektor an der Sorbonne, Assistent für Moderne französische Literatur an der Universität Glasgow, Lektor an der Universität Bordeaux, beschäftigte sich mit orientalischer Literatur und Vergleichender Literaturwissenschaft, unternahm Mitte der siebziger Jahre Reisen in den Orient und schrieb 1979 in Paris eine Dissertation über Le nomadisme intellectuel.
White lebt seit 1967 in der Bretagne, veröffent1ichte bei Laffont, Mercure, Presse d'Aujourd'hui, seit 1981 bei Grasset, Paris. Das hier notierte Buch Der blaue Weg wurde 1983 mit dem Prix Médicis Étranger ausgezeichnet. Ich mache das so ausführlich, um zu verdeutlichen, daß der "blaue Weg" seine Ursprünge hat, seine Schulen - und seine Konditionen. Er führt gar nicht hinaus und hinauf. Der Verlust oder das allmähliche Verlorengehen des Bodens unter den Füßen wird auch sprachlich erkennbar, wo die kurze Prosa abgleitet in... Ja, hier brechen Welten auseinander.
"Die höchste Literaturform ist das Gedicht." Dies, von Wallace Stevens, als Motto über dem Ausgang "Labrador oder der große Wachtraum" liest sich wie eine Rechtfertigung wider bessere Einsicht. Wir lesen: "ich war nicht mehr Christ/und noch nicht zurückgekehrt zu Thor/da war etwas anderes das mich rief/nach draußen/das darauf wartete/daß man es rief..."
Eine Religion des Todes kündigt sich an. Es ist doch ein Nachspiegeln von Vergangenem, von Geschichte, wie ihr letztes sichtbares Versickern im Sande. Schattenspiele auch, die sich Feuern der Hölle verdanken, wollen uns gefangen nehmen: Damals in Nagasaki. Niemand, der es miterlebte, nicht einmal in Erzählungen darüber, was vorzufinden war...
Den feinen Linien der nicht einmal zerrütteten, eher auf eine leise Art verwandelten, wie unheilbar verwandelten Beziehungsgewebe geht Kazuo Ishiguro nach.
Dem deutschen Leser mag es wie eine Sehnsucht ins Japanische zurück erscheinen, was zum Erzählen einer Geschichte bewog, die von modernen Menschen handelt. Gestörte und zerstörte Liebes- und Ehebeziehungen zwischen Japanern und Europäern oder Amerikanern mögen dem einen oder andern Gründe im Kulturboden nahebringen, wo es in Wirklichkeit um Beschreibungen eines kleinen Ausschnitts unserer heutigen Weltzivilisation zu tun ist.
Kazuo Ishiguro wurde 1954 in Nagasaki geboren. Er zog 1960 mit seiner Familie nach England, wo er Englisch und Philosophie studierte, lebt heute als freier Schriftsteller in London. Damals in Nagasaki ist sein erster Roman.
Wenn die Leute das Schreckliche nicht fürchten, dann kommt der große Schrecken.
Diesen Aphorismus aus dem Tao-Te-King von Laotse setzt Otto Höschle als Wahlspruch über seine Gedichte am Abgrund: Die Lunte brennt. Den Satz finden wir im zweiten Abschnitt des Taoteking, Das Leben, wo er den 72. weisen Spruch einleitet. Zusammen heißt es da:
Wenn die Leute das Schreckliche nicht fürchten,
dann kommt der große Schrecken.
Macht nicht eng ihre Wohnung
und nicht verdrießlich ihr Leben.
Denn nur dadurch, daß sie nicht in der Enge leben,
wird ihr Leben nicht verdrießlich.
Also auch der Berufene:
Er erkennt sich selbst, aber er will nicht scheinen.
Er liebt sich selbst, aber er sucht nicht Ehre für sich.
Er entfernt das andere und nimmt dieses.
(Deutsch nach Richard Wilhelm)
Ich denke, "meine Ahnung es könne/alles wieder so werden/wie in der Zeit von der/ich so oft erzählen hörte/nur viel schlimmer", hängt auch damit zusammen, daß die Mahnung, "macht nicht eng ihre Wohnung/und nicht verdrießlich ihr Leben", in den Gedichten nicht befolgt worden ist. Fürchtet ihr nicht dies kleine Schreckliche - dann kommt der große Schrecken.
Otto Höschle, Jahrgang 1952, in Sulz/Neckar geboren, lebt seit 1961 in der Schweiz. - "Diese Stadt/gewachsen während/Hunderten von Jahren/könnte morgen schon/eine Wüste sein."
Die Wüste wuchs mit, entsteht nicht von heute auf morgen.
Winfried Wolf - Geschichten aus dem Hotterloch - amüsiert sich mit guter Beobachtungsgabe auf Kosten kleiner Leute, nicht ohne Liebe, doch mit wenig Geduld. So heißt es in der Hotterlocher Legende: "Verirrte sich einmal ein gebildeter Mensch, ungelogen, nach Hotterloch." Na und! Die Hotterlocher, die Horde Hotterlocher Bauern, die schnaufende Wirtin Erna Duttenmoser, "die eigentlich, wär’s nach dem Arzt gegangen, als Drillinge hätte zur Welt kommen müssen", die gibt's doch gar nicht: "Ihr seid ja schon lange ausgestorben, gerade noch gut fürs Museum..."
Das hörte Erna Duttenmoser, als sie dem Gast das Essen hinstellte. Es gelang ihr, die Arme in die Hüfte zu stemmen, und als sie glaubte, genug an Gewicht zu haben, rief sie drohend: "Männle, soll ich dir beweisen, daß es uns gibt!"
"Bevor die Realität aus- und ihn einholen konnte, entwich der gebildete Mensch und preschte in seinem Auto davon."
Der Autor, in Immenstadt/Allgäu 1943 geboren, lebt seit 1981 mit seiner Familie in Belgien. Er studierte Deutsch, Politik und Geschichte und ist Lehrer an einer deutschen Schule.
Kurt Pinthus' Kinobuch erschien vor rund siebzig Jahren. Damals war's eine kleine Zahl schreibender Leute, die dem neuen Medium schon etwas abgewannen. In der neuen Anthologie - Das Kino im Kopf - kommen mittlerweile auch Hinz und Kunz zu Wort. Ich liebe Hinz und Kunz, weil ich die Demokratie liebe, die jenen eine Chance gibt, ein wenig über sich hinauszuwachsen.
Die Wahrheit: "Der eigentliche Mythos, das war ich, hinter der Kamera, wie ich das machte, was sie den Mythos Marlene nennen" - sprach Josef von Sternberg.
Das meiste aber haben Hinz und Kunz geschrieben, freilich versteckt hinter bekannten Pseudonymen: Becher, Schneider, Wondratschek, Hamm... Kaschnitz, Herburger.
Ich liebe Anthologien einfach nicht. Das ist der Grund für diese lächerliche Ungerechtigkeit gegen ein lesenswertes Buch über die Welt des Films aus den Federn und Schreibmaschinen mehr oder weniger prominenter Schriftsteller und nicht nur Hanna Schygulla neben Erich Maria Remarque und Lion Feuchtwanger.
Brinkmann zeigt sich als ein für letzte Details sensibler Zuschauer, als ein Produzent von Mißverhältnissen. Wo wird’s wichtig, was nichtig? Ich vermisse die philosophische Kompetenz eines Walter Benjamin.
E.R. Carmin: "Guru" Hitler. Die Geburt des Nationalsozialismus aus dem Geiste von Mystik und Magie. SV international/Schweizer Verlagshaus AG, Zürich 1985.
Ein erster Einwand gilt dem Verfasser. In einem Klappentext teilt der Verlag dem Leser mit, daß E.R. Carmin bereits "zwei brisante zeitkritische Romane" geschrieben habe: "Fünf Minuten vor Orwell und Blackout. Sie beunruhigten die politische Prominenz durch Faktenwissen, das auch geheimnisvolle Hintergründe ausleuchtete. Damit dies weiterhin möglich ist, wahrt der Autor auch für sein neues Buch das Pseudonym."
Das gefällt mir nicht. Politische Aufklärung untergräbt sich selbst, wenn sie inkognito daherkommt. Der mündige - und für mündig genommene! - Leser hat einen Anspruch auf transparente Quellenlage für die ihm unterbreiteten Informationen, um so mehr, je heißer diese sind.
Nun weist der Autor in einer dreieinhalbseitigen Bibliographie eine lange Liste bereits erschienener Bücher aus, auf die er sich in seinem eigenen Werk bezogen hat. Welche "geheimnisvollen Hintergründe" sind's denn nun aber, die wir dem Schriftsteller hinter dem ERC armin zuschreiben dürfen? Ich gehe davon aus, daß sein origineller Anteil vor allem in der Verarbeitung (vielleicht auch Bearbeitung) bereits vorliegenden "Faktenwissens" besteht. Das Thema hat solche Umstände gewiß nicht verdient.
Ein interessantes Buch - nicht zuletzt, weil es gewisse Absichten durchschimmern läßt, die mehr mit unserer politischen Gegenwart als mit dem vergangenen Hitler-Faschismus zu tun haben. Das zeigt sich schon zu Beginn, als die Tage nach dem Kriegsende beschrieben werden: "Aus Übermenschen und ganz gewöhnlichen Menschen sind plötzlich die Untermenschen geworden, mehr oder weniger vogelfrei. Germany must perish..." (7).
Das ist verleumderisch, eine unverschämte Lüge. Aber was soll's:
Ein normaler Historiker müßte weit über seinen Schatten springen, um sich ernsthaft mit der eigentlichen Grundlage des Dritten Reiches auseinanderzusetzen: einer Geheimwissenschaft, einer Magie, an der in Wirklichkeit wenig Deutsches war, sieht man von dem für die Massenpropaganda bestimmten Arierkult ab (10).
Woran liegt es aber, daß es bisher nicht gelungen ist, die Masken abzureißen, unter denen die Urheber und Beweger der Geschichte sich verbergen, und das wahre Gesicht der Magier des Dritten Reiches aufzudecken? (12).
Lanz von Liebenfels und Guido von List werden wenigstens in einschlägigen Werken als geistige Nährväter Hitlers erwähnt, allerdings nur hinsichtlich der rassistischen Seite der späteren Nazi-Ideologie. Über den Rest breitet sich das Dunkel der nicht-offiziellen Geschichte. Um dahin zu gelangen, ist es notwendig, einige Jahre zu überspringen und kurzfristig den Ort zu wechseln: nach Jekaterinoslaw in der Ukraine, wo am 30. August 1831 Helena Petrowna Blavatsky geboren wurde, die okkulte und esoterische Kenntnisse aus nahezu allen Erdteilen zu dem vereinigen sollte, was man unter dem Begriff Theosophie versteht (27).
Konstantinopel, Kairo, Tibet, koptische Magie, Namen wie Hartmann, Crowley, Reuß, Haushofer, Gurdjieff, Sebottendorf - man kennt das alles und kann's da sehr schön versammelt wieder durchsehn. Doch hinter diesen Seelenmagiern lauern die "Magier des großen Geldes". Da gibt's nun eine aufschlußreiche Botschaft, die uns E.R. Carmin zu übermitteln hat.
Wir wissen bereits, daß der Autor "Masken abzureißen" gedenkt, "unter denen die Urheber und Beweger der Geschichte sich verbergen". Sein Bestreben ist es, "das wahre Gesicht der Magier des Dritten Reiches aufzudecken". Und das geht so:
Der Mann, der Hitler zur frühen Morgenstunde einige Tage nach dem Reichstagsbrand in Berlin gegenübersaß, war James P.Warburg, ein Neffe des einstigen Vize-Chefs des amerikanischen Federal Reserve Board, Paul Warburg, und jenes anderen Warburg, der zur selben Zeit, während des Ersten Weltkriegs, Leiter der deutschen Spionage war. Er war im Auftrag der Wall Street in Berlin, nicht das erstemal.
Die Forderung Hitlers nach hundert Millionen war schon ein wenig größenwahnsinnig. So viel war er auch der Wall Street nicht wert. Warburg gab sich in jener Nacht alle Mühe, Hitler zu erklären, daß von einem derartigen Betrag keine Rede sein könne, weil er erstens schon fünfundzwanzig Millionen Dollar empfangen habe und zweitens die Überweisung eines derartigen Betrages binnen weniger Tage von New York nach Europa den Geldmarkt erschüttern müsse, der damals sowieso ziemlich sensibel war (225).
Warburg kabelte nach New York, Geheimcode, versteht sich, was Hitler angeblich sehr imponierte. Und bald schon war die Antwort da: Noch einmal sieben Millionen Dollar für Hitler. Nicht mehr und auch nicht weniger. Denn jetzt besaß er ja schon beinahe unbeschränkte Machtfülle, und das war zunächst alles, was man jenseits des Atlantiks gewollt hatte (226).
Demnach, kurz und gut, war's ein jüdisches Bankhaus, dasselbe übrigens, das schon den Leo Trotzki angeblich ausgehalten hatte, das nun also auch diesen Hitler finanzierte und somit dessen Judenvernichtung Tür und Tor öffnete. Woher weiß Autor Carmin das alles? Er beruft sich auf ein Buch, das wie die sogenannten "Protokolle der Weisen von Zion" als eine Fälschung ausgemacht worden ist.
Nun wird dies, daß es sich um eine Fälschung handele, vom Autor bestritten. Aber schön wäre es doch, wenn dieser Mann uns auch sagen könnte, wer er ist. Gerade in jüngster Zeit ist diese alte Warburg-Geschichte wieder aufgewärmt worden, z.B. von Ekkehard Franke-Gricksch, der die Diagnosen herausgibt. Der Marva Verlag hat unter dem Titel Springers Nazionismus - Autor: Hennecke Kardel - diese Geschichte neu aufgelegt.
Diesen Hinweis verdanke ich der April/Mai-Ausgabe (4. Lieferung) der Studien von Zeitfragen. Die Studien-Redaktion, die eher von der Echtheit überzeugt zu sein scheint, hatte den Autor um eine Stellungnahme gebeten. Hennecke Kardel schrieb ihr am 26.4.85: "Der Warburg-Bericht eine Fälschung - eine sofort nach Erscheinen im Oktober 33 von Zionisten und später auch von Nazionisten verbreitete Behauptung. Später fand man dann 1940 den Schoup... in Gestapohaft erhängt am Fensterkreuz. Daß Springer-Presse und Vierteljahreshefte (für Zeitgeschichte - kkk) die Version übernehmen - nichts natürlicher als das. Wäre es Fälschung gewesen, hätte das mächtige Bankhaus Warburg gerichtliche Schritte unternommen; die hat es nicht gewagt... Schoups Sohn gab zu, daß es sich um eine Fälschung handelte, der war damals 12." Der Münchener Verlag habe sich "nach eingehender Prüfung" zur Veröffentlichung entschlossen. Da kamen Warnschüsse unisono von Springer, Augstein, Bucerius. Aus. Okay, das macht Stimmung. Aber Beweise für die Echtheit erhalten wir auf diese Weise noch nicht. Wie steht's damit?
E.R. Carmin schreibt:
James Warburg sollte Verbindung mit diesem Hitler aufnehmen, um herauszufinden, ob er für eine finanzielle Unterstützung Amerikas zugänglich sei. James Warburg schrieb darüber:
"Es mußte schnell gehandelt werden, denn je schneller die Entwicklung der Nationalistengruppe in Deutschland vorangetrieben werden konnte, desto besser. In den Verhandlungen mit Hitler sollte vor allem darauf Nachdruck gelegt werden, daß von ihm eine aggressive Auslandspolitik, die Entwicklung einer Revanche-Idee gegen Frankreich erwartet wurde. Hiervon versprach man sich zunehmende Angst auf französischer Seite und als Folge davon eine größere Nachgiebigkeit der französischen Regierung in internationalen Fragen. Im Tausch dafür sollte dann Frankreich für den Fall eines deutschen Angriffs amerikanische und englische Unterstützung zugesagt werden. Hitler durfte natürlich von dieser Absicht nichts erfahren."
Die Herren waren es eben gewohnt, langfristige Pläne zu wälzen.
Hier wäre kurz einzufügen, daß James P. Warburg ein Mann mit Skrupeln und Gewissen war. Und als er begriff, was da durch seine Mithilfe sich entwickelte, geriet er in arge Konflikte. Um 1933 herum machte er die Bekanntschaft eines holländischen Wirtschaftsjournalisten namens J.G. Schoup, dem er sein Problem folgendermaßen klagte:
"Es gibt Augenblicke, in denen ich aus der Welt von Intrigen, Börsenmanövern und Betrügereien weglaufen möchte. Mit meinem Vater sprach ich schon mal über diese Dinge, auch mit anderen Bankleuten... Und wissen Sie, was ich niemals begreifen kann? Wie es möglich ist, daß Menschen, gut und ehrlich von Charakter, sich für Betrug hergeben, sich an Betrügereien beteiligen... Es kann doch nicht sein, daß Leute, in ihrem Privatleben edel und gut, ihren Charakter ablegen, sobald sie in die Finanzwelt eintreten, und wegen des Geldes alle Begriffe von Moral und Ehrlichkeit beiseite schieben." Nun, der Sohn eines der größten Bankiers der USA und Mitinhabers von Kuhn, Loeb & Co. schrieb sich seine Gewissenskonflikte von der Seele. Er beschrieb als Sydney Warburg seine Rolle bei der Hitler-Finanzierung in dem 1933 erschienenen Buch De Geldbronnen van het National-Sozialisme. Drie Gesprekken met Hitler, das von diesem J.G. Schoup aus dem Englischen übersetzt wurde. Warburg beendete sein "Bekenntnis" mit den Sätzen:
"Die Welt leidet und seufzt weiter unter dem System, das sich eines Hitlers bedienen muß, um bestehen zu bleiben. Arme Welt, arme Menschheit!"
Das Buch hat seine eigene Geschichte. Es erschien nur in wenigen Exemplaren, die Auflage wurde zurückgehalten und eingestampft. Während noch im November 1933 das Erscheinen dieses Buches in der Presse verschiedener Länder angekündigt worden war, teilte unmittelbar darauf der holländische Verlag mit, es handle sich um eine Fälschung, weshalb man sich entschlossen habe, die Auflage zu vernichten. Einige Exemplare gelangten trotzdem in die Hände von Diplomaten und Finanzleuten, eines davon geriet in die Hände der österreichischen Regierung, die nach der Ermordung von Dollfuß an Enthüllungen über den Aufstieg Hitlers interessiert war, aber aus begreiflichen Gründen es nicht mehr wagte, dies im eigenen Land zu tun.
Der österreichische Geheimdienst spielte das Buch dem Schweizer René Sonderegger in die Hände, einem antinazistischen Propagandisten mit guten Beziehungen zu Otto Strasser. Allerdings fanden im Trubel der damaligen Ereignisse dessen Enthüllungen wenig Resonanz.
Warburgs Berichte werden im übrigen bestätigt durch den ehemaligen Polizeipräsidenten von Berlin und zwischen 1926 und 1932 als Staatssekretär im preußischen Außenministerium tätigen Dr. Wilhelm Abegg. Er war vom preußischen Ministerpräsidenten Braun beauftragt worden, die Finanzquellen Hitlers herauszufinden. In einem der Kriminalpolizei verdächtigen Möbelwagen war dann eines Tages Hitlers Privatarchiv entdeckt worden, das auch die entsprechenden Bankunterlagen aus den Jahren 1929 bis 1931 enthielt.
Als 1933 Göring zum preußisehen Ministerpräsidenten ernannt wurde, setzte sich Abegg mit einem Großteil der Akten in die Schweiz ab. Bald darauf wurden jene dreizehn Polizeibeamten, die damals an der Abegg-Aktion beteiligt waren, verhaftet. Göring ließ Abegg wissen, seine ehemaligen Untergebenen würden so lange gefoltert, bis Abegg das Material herausrücke. Abegg gab nach, es gelang ihm allerdings, einige wichtige Unterlagen zu fotokopieren.
Drei der Polizeioffiziere wurden am 30. Juni 1934 im Zuge der Röhm-Affäre liquidiert, ebenso wie General von Schleicher, dem Abegg einen Bericht über die Hitler-Finanzierung übermittelt hatte, ebenso wie Gregor Strasser, der an einer der amerikanisch-deutschen Transaktionen beteiligt gewesen war.
James P. Warburg selbst dementierte nach dem Krieg, nämlich 1949, mit dem Autor des Buches, Sydney Warburg, identisch zu sein. Angeblich sei er es gewesen, der den holländischen Verlag zur Zurücknahme des Buches veranlaßt hatte. Es gab wohl Schelte vom Papa. Bemerkenswert ist, daß etwa gegen J.G. Schoup keinerlei gerichtliche Schritte unternommen wurden, was zu einer Klärung der Fälschungsfrage hätte führen können: J.G. Schoup wurde ermordet... (252 ff.).
Das alles erinnert mich doch stark an den stern-flop mit den "Hitler-Tagebüchern". Drum ist die Lüftung des Pseudonyms "E.R. Carmin" hier von so großer Bedeutung.
Der holländische Verlag war, etwas spät, aber am Ende doch, offensichtlich gut beraten, als er den größten Teil der Auflage des "Warburg-Berichts" einstampfen ließ. Schon die Tatsache, daß der angebliche Verfasser des Buches sein Skript aus dem weltweit verbreiteten Englisch in eine Sprache - wohlgemerkt: um die Geschichte bekannt zu machen - in eine Sprache übersetzen ließ, die wie die holländische nur einen unverhältnismäßig kleineren Leserkreis versprach, hätte den Verlegern fragwürdig erscheinen müssen.
Die unmittelbar mit der Sache angeblich Befaßten sind tot. Daß es sich bei den Hauptzeugen um Deutschnationale, bei den "Polizeioffizieren" offenbar um SA-Führer, schließlich - im Falle der Brüder Strasser - um faschistische Rivalen Hitlers handelt, macht die ganze Geschichte nicht eben glaubwürdiger - klärt allerdings über die Interessenlage auf.
Der "jüdische" Faden zu Hitler versprach einen gewaltigen Propaganda-Effekt bei allen Antisemiten, das heißt: bei allen Nazis, mochten sie so oder so untereinander auch zerstritten sein. Mit diesem Dreh konnte Otto Strasser sich womöglich eine Wende zu seinen Gunsten gegen Hitler versprechen. Hier würde ich ansetzen. Auch heute. Aber wir kommen um die Identität von "ERCarmin" wirklich nicht herum. Die Warburg-Geschichte könnte ja dennoch wahr sein.
Schön, schön so ein Sammelband, wenn er auch noch in einem hervorragenden Druck erscheint, ein Nachschlagewerk. Und ein Totschlagewerk, denkt man an die Betroffenen. Ich denke an Horst Janssen. Daß manche Schau und Selbstdarstellung neueren Ungeistes vom westdeutschen Kulturbeamtentum gefördert wird, ist nämlich noch lange kein Beweis für die Abwesenheit bzw. das Nichtvorhandensein von Künstlern, auch Schriftstellern, die den Namen verdienen. So ist der große Horst Janssen erst durch Kunstausstellungen im Ausland in der Bundesrepublik übers trübselige hinaus bekannt geworden. Neuerdings finden wir ihn unter vielen Kollegen, noch lebend oder nicht, versteckt, also ist er immerhin doch schon wahrgenommen worden - über den Rand der Skandal-Schickeria hinaus.
Landschaft. "The book on Landscapes really is a magnificent contribution to the subject", schrieb Kenneth Hall aus London. "Ihr interessantes Buch mit wunderbaren Illustrationen - große Kunst dient immer dem Frieden und der Menschlichkeit", so, man ahnt es, aus Moskau von Prof. Wladimir Romanow. Und aus New York Prof. Dr. Otto L. Walter: "Es ist ein wahres Schatzkaestlein der Landschaftsmalerei; es zeigt sowohl im Text - wie im Bildteil - eine ungewoehnliche Urteilskraft."
Die Rede ist von: Landschaft. Ein Bildband mit Aufnahmen von Ulrich Mack und Texten von Dr. Ursula Uber. Herausgegeben von Ernst Michael Winter, der auch das Vorwort schrieb. Der Band erscheint zweisprachig, deutsch/englisch. "Der vorliegende Bildband vereinigt 73 Arbeiten aus Malerei und Graphik vom 15.Jahrhundert bis zur Gegenwart, in denen Landschaft im weitesten Sinne zum Mittel künstlerischen Gestaltens geworden ist. Ein besonderes Gewicht ist der deutschen Kunst des 20.Jahrhunderts und insbesondere der Gegenwart zugekommen" (Winter). Somit auch Horst Janssen. Mit dem Titel: Caspar am Lukmanier. Technik: Flächenätzung und Kaltnadel. Übersetzungen: Dennis S.Clarke, Hamburg. Lithos: Johannes Bauer. Hervorzuheben - noch einmal - der Druck: Christians Druckerei, wie auch Bauer in Hamburg. Der Herausgeber ist seit 1977 Galerist dortselbst.
Ist doch in einer toten Ecke der Illustrierten stern ein Erzähler - ein Erzähler! - als eine Art Sozialfall dargestellt worden, da muß einer sich hierzulande ein spezielles Organ heranentwickeln im Laufe der Zeit, um aus völlig belanglos erscheinenden Meldungen sozusagen die heiße Spur herauszulesen, lesen zu können.
Ich mache dem stern-Schreiber keinen Vorwurf, er hat immerhin dafür gesorgt, daß man auf einen Johann Peter Hebel aufmerksam werden konnte. Hebel? Gut, ich nehme das wieder zurück, doch nur, um dem Autor - Richard Heinzel - mit einer eventuellen Übertreibung nicht zu schaden. Was dieser Mann fertigbringt, ich habe es nicht für möglich gehalten. Ich rede vom Bau, und Richard Heinzel ist oder war selbst jahrelang Bauarbeiter, Hilfsarbeiter, ungelernt. Wie dieser Mann einen Arbeitstag, seinen sechzigsten Geburtstag, beschrieben hat, von morgens früh, wenn der Wecker klingelt, bis zum fast zufriedenen Einschlaf nach der Flasche Wein, das will nachgelesen sein. Er will immer weg, will da raus aus der Misere, die mehr in Gestalt der Kollegen als in seiner Arbeit besteht. Es ist nicht das Allgemeine, aber ein Besonderes, das einem den Tag vermiesen kann. Aber der Bauhilfsarbeiter Hans Karger hat sich ein bißchen Geld zusammengespart, er könnte einfach abhauen, Schluß machen, doch da entwickelt er eine nicht weniger miese und fiese Strategie - und bleibt bis zum vollen Rentenanspruch, dieser Geizhals, der seinen Kumpels nicht einmal eine Geburtstagslage Bier spendiert. Wie er das erzählt, ganz ruhig, Stück für Stück, ein Wort ans andere, wie er die verschiedenen Arbeitsgänge, Verhaltensweisen auf dem Bau, die kleinen Machtverhältnisse dort haargenau beschreibt, ich hätte es nicht glauben mögen, bis jetzt, bis zu Richard Heinzel.
Richard Heinzel: Kurz vor der neuen besseren Welt. Altersgeschichte eines Unterarbeiters. Harrisfeldwegpresse 1983, Verlag P. Galle, Lappenweg 19, 8000 München 45. Mit Bleistiftzeichnungen von Ralf Meyer-Ohlenhof und viel Liebe bei Satz (Weihrauch, Würzburg) und Bindearbeiten (Wappos, München). Heinzel macht aus jedem Tagesdreck auf seiner Dauerbaustelle ein kleines Stückchen Literatur.
Dieser Bericht eines "Unterarbeiters" scheint mit einer anderen Arbeitswelt nichts gemein zu haben. Da scheinen andere Gesetze zu gelten, und doch...
Everett M. Rogers, Judith K. Larsen: Silicon Valley Fieber. An der Schwelle zur High-Tech-Zivilisation. Aus dem Amerikanischen von H.Boysen. Wolf Jobst Siedler Verlag, Berlin 1985. Titel der Originalausgabe: Silicon Valley Fever. 1984 Basic Books Inc..
Da geht's ins Grenzenlose. Und doch fing alles so harmlos wie versponnen, verspielt, aber auch "ohne falsche Bescheidenheit" in einer Garage an. Der Mann, der den ersten Computer-Shop eröffnete, ging tagsüber arbeiten, sein Laden war nur abends und an den Wochenenden geöffnet. Klappentext: "Ein paar hundert gerade der Universität entwachsene, innovationsbesessene Tüftler stampften hier aus dem Wüstensand das Laboratorium einer Zukunftsindustrie, die Millionen neuer Arbeitsplätze geschaffen hat." "Erstaunlich: Sogar der Präsident der Vereinigten Staaten betätigt sich jetzt als Lobbyist der Silicon Valleys."
Silicon Valley steht für einen Superkapitalismus eigener Prägung. Die Säulen, auf denen dieses System ruht, sind ständige technische Innovation, Unternehmerfieber und harter wirtschaftlicher Wettbewerb. An dem großen Silicon-Valley-Spiel beteiligen sich Tausende von Technik-Kapitalisten mit ihren Strategien und Taktiken der Übernahme, Neugründung und Firmenabspaltung, mit ihren Erfolgen und Mißerfolgen. Regierung und Verwaltung nehmen fast keinen Einfluß darauf. Die ungebremsten Kräfte der freien Marktwirtschaft entscheiden in letzter Instanz über das Schicksal der Unternehmen und der handelnden Personen. Silicon Valley ist entfesselter High-Tech-Kapitalismus - es gibt nichts dergleichen in der ganzen übrigen Welt.
Verständlich, daß die Silicon-Valley-Häuptlinge auf das von ihnen geschaffene System stolz sind. Es war gut zu ihnen - schließlich hat es sie steinreich gemacht. Die Mikroelektronikindustrie war auch gut zu den Leuten in der Gegend und hat getan, was sie wollten - sie hat neue Arbeitsplätze geschaffen. Als Eckpfeiler der heraufziehenden Informationsgesellschaft war die Mikroelektronik auch gut zur Nation - sie lieferte den Silberstreif an dem ansonsten düsteren Horizont einer untergehenden, umweltschädlichen Industrie mit einem Proletariat aus unterqualifizierten Arbeitern. - Doch was bringt die Zukunft? (276f.).
Als Stück Gegenwart:
Ein Tag im Leben einer Arbeiterin der Halbleiterindustrie. - Maria steht um 6 Uhr auf, damit sie ihre drei Kinder vor der Arbeit noch anziehen und ihnen Frühstück machen kann. Von ihrer Wohnung im Osten von San José fährt sie auf dem Highway zur Tagesstätte ihrer Tante und liefert ihr 6 Monate altes Baby ab. Dann fädelt sie sich in den Stop-and-Go-Verkehr nach Mountain View ein. Knapp vor halb neun steuert sie ihren alten Buick, Baujahr 1968, auf den riesigen Parkplatz hinter dem Halbleiterwerk. Atemlos erreicht sie den Umkleideraum, zwängt sich in den weißen Schneehasen-Anzug und eilt in den Cleanroom.
Maria hat vor sich eine schier endlose Reihe von Siliziumwaffeln, die sie einzeln unter dem Mikroskop nach Fehlern absuchen muß. In der Kaffeepause um 10 Uhr tun ihr Hals und Schultern weh. Sie weiß, daß der Schmerz gegen Feierabend kaum noch auszuhalten ist. Aber wenn sie das dem Vorarbeiter erzählt, bringt es nichts, und außerdem hat die Werkleitung bereits von eventuellen Entlassungen gesprochen. Eine Cleanroom-Arbeiterin hat es nicht leicht, einen neuen Job zu finden.
Maria macht weiter, so gut sie kann. Sie beklagt sich lieber bei Isabella, ihrer Kollegin am nächsten Mikroskop. Während die Arbeitsstunden langsam verrinnen, sprechen sie gedämpft über die Fernsehsendungen vom Vorabend, ihre Kinder, die Kolleginnen. Die Firma stellt ihnen Volleyball-Court, Schwimmbad und Sauna zur Verfügung, aber in 30 Minuten Mittagspause können sie das Angebot kaum wahrnehmen. Um halb fünf biegt Maria mit ihrem alten Buick wieder in die Autobahn ein, holt ihr Baby ab und fährt nach Hause.
Maria macht Abendbrot für ihre Kinder und unterhält sich mit einer Nachbarin - ebenfalls eine alleinstehende Mutter - während einer spanischsprachigen Fernsehsendung. Abends um 10 Uhr gähnt Maria nur noch. Während sie sich hinlegt, denkt sie nur: "Wenn die mich bloß nicht entlassen" (201).
Nach Meinung der Silicon-Valley-Moguln kommen die Gewerkschaften in der Rangfolge ihrer Feinde gleich nach der japanischen Mikroelektronik-Konkurrenz (200).
Auch über diese und über die Schwierigkeiten, die sie den Silicon-Valleys bereitet, aber auch über Ansätze zu einer amerikanisch-japanischen Kooperation wird ausführlich berichtet. Das Buch gibt Einblick in einige Meter Zukunft.
Es wird Zeit, die humane Ökologie aus dem Wald in die Betriebe zu verlegen, um nicht an den akuten Krankheitsherden der modernen Gesellschaft vorbei zu "ökologisieren". Die Grundfrage ist soziologischer und schließlieh philosophischer Natur. Da ist gewiß von Amerikanern und Japanern allerlei zu lernen, und Europa wird nicht nur aus dem Schatz seiner sozialgeschichtlichen Erfahrungen schöpfen können.
Die Theorien der sogenannten Frankfurter Schule wären noch gründlicher auf ihre keimhaften Inhalte hin zu untersuchen. Es ist zu bedenken, ob nicht die Mathematisierung der Wissenschaft seit der Neuzeit nicht allein als eine historische Folge das antiaufklärerische Denken der Romantik nach sich zog; ob es sich nicht vielmehr schon von der psychologischen Kondition her um zwei Aspekte einer selben, je individuellen, am Ende eben historisch sich auswachsenden Realisation handelt.
Adorno und Horkheimer haben die Dialektik der Aufklärung nicht nur beim Namen genannt, sie haben darüber hinaus einer eingleisigen Rationalität instrumenteller Vernunft die authentischere, philosophische gegengesetzt. Was, bei aller Evidenz, an Adorno/Horkheimer gleichwohl pessimistisch stimmen mag, das wäre noch sehr kritisch zu reflektieren. Die historischen Begleitumstände der Epoche der Aufklärung, einmal von neuem durchdacht und auf mögliche Fehlinterpretationen in der bisherigen Exegese hin untersucht, müßten ja auch analoge Bedenken hinsichtlich ihrer Perspektiven zur Folge haben. Es lassen sich darin Elemente erkennen, die nur philosophisch begriffen werden müssen, um sogleich deutlich zu machen, daß hier merkwürdigerweise gerade vor der deutschen Philosophie sich ein weites Feld auftut.
Es läßt sich kaum übersehen, daß die Misere der deutschen Geschichte einherging mit dem Niedergang der deutschen Philosophie. Neben der Musik war es keineswegs die klassische deutsche Literatur, die als künstlerische oder kulturelle Besonderheit sich von anderen Kulturen so erkennbar abhob. Es war vielmehr die deutsche Philosophie, die als ein Spezifikum sich in der Geschichte des europäischen Geistes manifestierte. Wenn Kant der Gipfel deutschen Denkens war, zugleich die exemplarische Verallgemeinerung dieses Besonderen (& Deutschen), so ging es fortan hinab mit der deutschen Seele und dem deutschen Geiste bis zum absoluten Nullpunkt namens Hitler. Seither können auch wir wieder hoffen. Aber es ist der lichte Gipfel zum schwarzen Loch in eine, ja die einzig adäquate Beziehung zu setzen, wenn nicht wieder nur eine ahistorische Spiralbewegung triumphieren soll. Hierauf nämlich paßt diese Metapher.
Die eben zurückliegende Nachkriegsphilosophie war in erster Linie kritische Bestandsaufnahme und Versuch der Verallgemeinerung, der Versuch, das Unbegreifliche zu begreifen. Es ist von verschiedener, nicht zuletzt marxistischer Seite, so etwa bei Lukács, die deutsche geschichtliche Fehlentwicklung auf bestimmte Strömungen in der deutschen Geistesgeschichte, die Linie Wagner, Nietzsche u.s.w., zurückgeführt worden. Die Klassiker blieben dabei außer Betracht. In der Tat ist es ja auch absurd, Hitler von Goethe oder Schiller und Kant herleiten zu wollen. Schon Nietzsche mit Wagner und am Ende mit dem "Führer" beide zusammen zu sehen, dient nicht gerade der Wahrheitsfindung, die sich auf die Winzigkeiten wenden muß, will sie nicht mit leeren Händen dastehn, zuletzt. Das ist auch nur philosophisch, niemals polemisch, durchzugehen.
In meinem Kopfe spukt freilich nach wie vor, gleichsam Spruch gewordene Psycho-Erkenntnis, dieser durchaus bemerkenswerte Imperativ: Trau keinem Kinderlosen!
Das ist leicht dahingesagt - und wie schnell beleidigt man damit seine Nachbarn und Freunde, die keine Kinder haben. Dabei war's so gewiß nicht gemeint und zu verstehen. Gemeint waren die Voraussetzungen authentischen Denkens. Und da kommt gleich der Einwurf: Sieh dir den XY an, der denkt überhaupt nicht, aber dem traust du, weil er verheiratet ist und Kinder hat. Immanuel Kant hingegen war zeitlebens nicht nur unverheiratet und kinderlos, er soll auch niemals mit einer Frau körperlich in Berührung gekommen sein, nimmt man die Mutter hiervon aus. Und er ist der Gipfel deutschen Denkens, deutscher Philosophie!
Trau keinem Kinderlosen! - Der Satz will jedenfalls darauf hinweisen, daß es für jedes Denken - a priori! - eine undurchschaute Motivation gibt. Dahinter zu kommen, macht es einem Kant ja nicht so leicht wie der eigenbrötlerisehe Misanthrop Arthur Schopenhauer, der uns einen erstaunlichen Einblick in seine Charakterstruktur gegeben und, was in unserm Zusammenhang sehr erheblich ist, merkwürdigerweise jedoch in der Schopenhauer-Literatur nicht entscheidende (!) Beachtung findet, einen wirklich widerlichen Antijudaismus an den Tag gelegt hat.
Ich habe den Verdacht, daß die Philosophie nach Kant sich so aberwitzig verdrehte, weil Kant im heißen Kern seines Denkens auf geistige Traditionen verwies, die längst vergangen und vergessen, wenn auch niemals vergeben, schienen. Sein kategorischer Imperativ formuliert - und abstrahiert - den seit ewigen Zeiten die Geister belebenden und beunruhigenden Anspruch altbiblischen Denkens.
Freilich scheint, dies also der Einwand, der kategorische Denker Kant den biblischen Anspruch, die Denkvoraussetzungen betreffend, nicht zu erfüllen. Diesbezüglich stellt denn auch Kants eigenes Denken, sein kategorischer Imperativ, die leibhaftigen Voraussetzungen dieses Denkens, nämlich den Menschen Immanuel Kant in seinem Sosein, existentiell in Frage. Entsprechend traf sein Denken auch außerhalb seiner selbst auf Voraussetzungen, die ihm den Garaus machen mußten.
Da sind also Ansätze zu entdecken, die neue und wichtige Erkenntnisse versprechen, wenn nur erst das Nachdenken in Deutschland sich davon überzeugen ließe, daß kein Weg dorthin an den Erkenntnissen - und der Methode - der Freudschen Psychoanalyse vorbeiführt. Hierbei geht es vornehmlich um die psychische Konstitution des Mannes.
Wir haben im kuckuck seit vielen Jahren wiederholt, wenn auch zumeist so nebenher, zum Beispiel auf die Beschneidung als zentrale Bedingungskomponente einer Stabilisierung männlicher Psyche hingewiesen. Neuerdings kommt, wenn auch nur aus Unwissenheit, diese Empfehlung auf uns zurück. Ich glaube, daß es in dieser Beziehung bei den Deutschen und ihren Geistern mißverstandene, tiefsitzende Ängste aufzulösen gibt, um auch dem Denken hierzulande einen neuen Horizont zu öffnen. Nietzsche dachte darüber nach, zog allerdings einen falschen Schluß, indem er sich den "Rückweg offen halten" wollte. Eben. Aber er hatte verstanden.
Kants Einbildungskraft als Grundbedingung jeglichen Urteilens ist eine beachtliche Entdeckung, ersetzt sie doch, was kaum je gewürdigt, die menschliche Erfahrung. Hannah Arendt ist darüber gestorben. In ihrer Schreibmaschine fand man eine Manuskriptseite, das Titelblatt der ungeschrieben gebliebenen Abhandlung über das Urteilen ("Judging"): The Life Of The Mind. Part III ...
Damit hat sich ein Freund ihres Werks - Ronald Beiner, Ph. D. (Oxford), Professor für Politische Wissenschaft an der Universität von Toronto - nicht abfinden wollen. Für diejenigen nämlich, schreibt er, "die sich mit ihrem Denken eingehend befaßt haben, gibt es allen Grund zu glauben, daß Judging ihre Lebensleistung gekrönt hätte. Deshalb sind die wesentlichen Texte von Arendt, die zu diesem wichtigen Thema existieren, im vorliegenden Buch zusammengestellt worden" (Vorwort).
Hannah Arendt: Das Urteilen. Texte zu Kants Politischer Philosophie. Herausgegeben und mit einem Essay von Ronald Beiner. Aus dem Amerikanischen von Ursula Ludz. Piper, München 1985. Die Originalausgabe erschien 1982 unter dem Titel Lectures on Kant's Political Philosophy, edited and with an Interpretive Essay by Ronald Beiner im Verlag The University of Chicago Press (Licensed by The University of Chicago, Chicago, Illinois, u.s.a.).
Ronald Beiner stellt eine interessante Verbindung her:
Für Nietzsche ist die entscheidende Frage, ob wir bereit sind, unser Leben genauso, wie wir es gelebt haben, wiederzuleben - und zwar unzählige Male. (Kant stellt genau die gleiche Frage; mit dem Maßstab der Glückseligkeit gemessen, sinkt für uns der Wert des Lebens "unter Null; denn wer wollte wohl das Leben unter denselben Bedingungen... aufs neue antreten?" Kants Antwort war, daß uns das Bewußtsein unserer eigenen Würde als Träger des Sittengesetzes von einer andernfalls unerträglichen Existenz befreit; wobei es unnötig ist zu erwähnen, daß Nietzsche eine völlig andere Antwort auf diese Frage hatte.)
Der Gedanke der ewigen Wiederkehr stellt diese Frage in schärfster Form, dramatisiert sie sozusagen. Offensichtlich erlösen, von dieser Fragestellung her gesehen, unsere gesamten Lebenserfolge die Existenz in keiner Weise; wenn jeder Augenblick unzählige Male wiedergelebt werden muß, ist der einzige Weg, dies auszuhalten, darin zu sehen, die Ewigkeit des Augenblicks selbst festzuhalten. Wenn der Augenblick unfähig ist, sich selbst absolut zu rechtfertigen, gibt es - unter Berücksichtigung dessen, was an einem anderen Punkt im Laufe des Lebens passieren wird - keine Möglichkeit für den Wunsch, ihn ewig wiederzuleben. Ende, Ziel, Telos hören auf, für die Bewertung der menschlichen Existenz relevant zu sein; so bewirkt die ewige Wiederkehr, daß der Augenblick aufgefordert wird, für sich selbst zu antworten (185).
Beiner:
Das Problem, wie es einerseits von Augustin, andererseits von Nietzsche gestellt wurde und das in Arendts ganzem philosophischen Werk herumgeistert, besteht darin, wie Zeitlichkeit zu bewältigen, wie eine sterbliche Existenz zu festigen und zu stabilisieren, wie sie weniger fließend, ontologisch weniger unsicher zu machen ist. Wenn das Sein der Politik tatsächlich Erscheinung ist (worin im übrigen die grundlegende Voraussetzung von Arendts Politischer Philosophie liegt), wird ein öffentlicher Raum des Urteils benötigt, um die Welt der Erscheinungen dauerhafter zu machen - ihr Sein sozusagen zu bestätigen. Das Urteilen oder die rettende Kraft der Erinnerung hilft uns, das zu bewahren, was sonst an die Zeit verlorenginge; es läßt dauern, was wesensmäßig vergänglich ist. Mit anderen Worten: Die höchste Funktion des Urteils ist es, Zeit und Weltlichkeit miteinander zu versöhnen.
Diese meine Betrachtungen lassen zweifellos mehr Fragen entstehen, als sie beantworten. Die Kant-Vorlesung bietet sicherlich nicht mehr als eine erste Ankündigung der Möglichkeiten, die ich herausgearbeitet habe, und vielleicht bin ich weiter gegangen als nötig gewesen wäre. Dennoch wollte ich nur den Rahmen von Arendts theoretischem Denken andeuten.
Etwas von diesem Rahmen mag auch in den Themen und Anliegen sichtbar geworden sein, die wir in der Hermeneutik von Hannah Arendts Freund Walter Benjamin finden, und nur indem wir Arendt neben Benjamins Thesen Über den Begriff der Geschichte lesen, können wir schließlich hoffen, die Dimensionen ihrer Absicht voll auszumessen. Denn auch Benjamin suchte nach einer erlösenden Beziehung zur Vergangenheit, und Arendts urteilender Zuschauer ist das Gegenstück zu Benjamins Flaneur, der durch die Vergangenheit flaniert, Augenblicke in glückseliger oder trübseliger Rückschau zusammenträgt, sie sammelt durch ein Wieder-Einsammeln - Erinnerung:
Inmitten des Trümmerhaufens der Gegenwart sucht man Bruchstücke, mit denen man seine eigene Vergangenheit rettet. Bei Benjamin selbst impliziert dies, die Rolle des Engels der Geschichte zu übernehmen, der, wie es Gershom Scholem ausdrückt, "im Grunde eine melancholische Figur, die in der Immanenz der Geschichte scheitert", ist. Diese Themen kommen in Benjamins dritter These über die Philosophie der Geschichte zusammen:
"Der Chronist, welcher die Ereignisse hererzählt, ohne große und kleine zu unterscheiden, trägt damit der Wahrheit Rechnung, daß nichts was sich jemals ereignet hat, für die Geschichte verloren zu geben ist. Freilich fällt erst der erlösten Menschheit ihre Vergangenheit vollauf zu. Das will sagen: erst der erlösten Menschheit ist ihre Vergangenheit in jedem ihrer Momente zitierbar geworden. Jeder ihrer gelebten Augenblicke wird zu einer citation à l'ordre du jour - welcher Tag eben der jüngste ist."
Noch eindrucksvoller kommt diese Haltung gegenüber der Vergangenheit in Benjamins Kommentar zu einer von Kafkas Parabeln zum Ausdruck:
"... das wahre Maß des Lebens ist die Erinnerung. Sie durchläuft, rückschauend, das Leben blitzartig. So schnell wie man ein paar Seiten zurückblättert ist sie vom nächsten Dorfe an die Stelle gelangt, an der der Reiter den Entschluß zum Aufbruch faßte. Wem sich das Leben in Schrift verwandelt hat..., die mögen diese Schrift nur rückwärts lesen. Nur so begegnen sie sich selbst und nur so - auf der Flucht vor der Gegenwart - können sie es verstehen" (196f.).
Die Anwendbarkeit solcher Thesen - in so hohem Abstraktionsgrad - auf alle nur denkbaren "Vergangenheiten" wird gerade auch auf diesen Seiten mehr als schmerzlich bewußt. Geschichtliche Erfahrung ist eben selbst dem Urteil unterworfen, der kritischen Trennung der Spreu vom Weizen. Hannah Arendt hat gewiß nicht ohne Grund auf die von Kant hervorgehobene Bedingung eines Consenses hingewiesen, wo es um Geschmacksurteile geht, und eben diese ungeschriebene Grundregel wendet sie nun aufs politische Leben an. Sie hypostasiert, daß Kants Kritik der Urteilskraft, die doch dem Bereich der Ästhetik sich zuschreibt, unausgesprochen eine politische Philosophie enthalte. Damit wird nun nicht die Relativität des Geschmacksurteils auf die Politik anwendbar, sondern streiten läßt sich's jetzt über Geschmäcker. Ich glaube jedenfalls nicht, daß Ronald Beiner mit seiner Interpretation Hannah Arendts Texten zu Kants politischer Philosophie gerecht wird.
Das Interesse an Philosophie und Denken führt logisch zu einem Interesse an Philosophen und Denkern, ihrer Lebensgeschichte. Denn die Frage, warum überhaupt einer denke, so intensiv und extensiv, daß es zu seinem Charakteristikum wird, ist ja eine zutiefst psychologische Frage, wiewohl sich über die Beweggründe des Denkens kaum je ein Denkender wirklich schlüssig ausgelassen hat; verständlich, würde er doch seine Karten ungeschützt offenlegen, was ja soviel bedeutet, daß er seinem Denken, einer aktiven und offensiven existentiellen Lebensäußerung, den Urgrund und Ursprung entzöge. Schweigen ist eine vom Denken gebotene Bedingung des Sprechens. Insofern ist alle Sprache zugleich ein Verschweigen. Dichtung aber ereignet sich auf der Grenzlinie zwischen Schweigen und Sprechen, was Else Lasker-Schüler als Verrat und also als eine Schuld erfahren haben muß. Du sollst (dich) nicht offenbaren, sollst deine Wunden nicht bloßlegen. Gegenwelten nicht konglomerieren. Entgegen der Auslegung Ronald Beiners wäre es denn auch ein Fehlurteil (nicht "höchste Funktion des Urteils") - "Zeit und Weltlichkeit miteinander zu versöhnen".
Während der Lektüre der bereits 1979 in deutscher Übersetzung aus dem Nachlaß erschienenen Bände des Arendt-Werkes Vom Leben des Geistes - Band 1: Das Denken, Band 2: Das Wollen - hatte ich meine ersten Zweifel, ob die noch aufzuarbeitenden Hinterlassenschaften Hannah Arendts bei Mary McCarthy auch in guten Händen seien.
"Als Hannah Arendts Freundin und literarische Nachlaßverwalterin habe ich Vom Leben des Geistes zur Veröffentlichung vorbereitet", schrieb sie in ihrer "Vorbemerkung des Herausgebers".
Darüber will ich mich jetzt nicht verbreiten. Ich vermute jedoch, daß die besonderen Umstände bei der posthumen Bearbeitung und Bewertung letzter Arendt-Texte einen gewissen Einblick in die eher distanzierte Aufnahme Arendtschen Denkens in Kreisen ihrer amerikanischen Freunde gewähren, in deren Sicht sie ja vor allem als Vertreterin deutscher Philosophie, die obendrein in Gestalt des Arendt-Lehrers und Freundes Martin Heidegger sich in höchstem Maße kompromittiert hatte, erscheinen mußte.
Darauf scheint auch Ronald Beiner, nun freilich mißverstehend kongenial, da und dort zu reflektieren. Ich glaube nämlich, daß Hannah Arendt, ihrer Denk-Konzeption nach, in eine andere Dimension gehört.
In der zehnten Stunde ihrer insgesamt dreizehnstündigen Vorlesung an der New School for Social Research, New York, im Herbstsemester 1970 Über Kants Politische Philosophie rekapitulierte sie:
Wir waren dabei, über den Zusammenstoß von Zuschauer und Handelndem zu sprechen. Das Schauspiel vor dem Zuschauer - das gewissermaßen für sein Urteil aufgeführt wird - ist die Geschichte als ein Ganzes, und der wahre Held dieses Schauspiels ist die Menschheit in der "Reihe der Generationen fortschreitend" in irgendeine "Unendlichkeit". Dieser Prozeß hat kein Ende, die "Bestimmung des Menschengeschlechts ist unaufhörlicher Fortschritt".
In diesem Prozeß werden die Fähigkeiten der Menschengattung verwirklicht, bis zum "höchsten Punkt" entwickelt - nur daß ein höchster Punkt, im absoluten Sinne, nicht existiert. Die letzte Bestimmung, im eschatologischen Sinne, gibt es nicht; aber die beiden Hauptziele, von denen dieser Fortschritt, allerdings hinter dem Rücken der Akteure, geleitet wird, sind Freiheit (in dem einfachen und elementaren Sinne, daß keiner über seine Mitmenschen herrscht) und Frieden zwischen den Staaten als die Bedingung für die Eintracht des Menschengeschlechts.
Unaufhörlicher Fortschritt in Richtung auf Freiheit und Frieden, wobei letzterer den freien Verkehr zwischen allen Staaten auf der Erde garantiert: das sind die Ideen der Vernunft, ohne die die einfache, erzählbare Geschichte der Geschichte keinen Sinn haben würde.
Es ist das Ganze, das den Einzelheiten den Sinn gibt, wenn sie von mit Vernunft ausgestatteten Menschen gesehen und beurteilt werden. Die Menschen, obwohl sie natürliche Wesen und Teil der Natur sind, transzendieren die Natur kraft einer Vernunft, die fragt: Was ist der Zweck der Natur?
Indem sie eine Gattung mit dem Vermögen, solche Fragen zu stellen, schuf, hat die Natur ihren eigenen Herrn hervorgebracht. Die Menschengattung unterscheidet sich von allen Tiergattungen nicht nur durch den Besitz der Sprache und der Vernunft, sondern auch weil ihre Anlagen zu unbegrenzter Entwicklung fähig sind (80).
"Bei Kant selbst aber", so schließt sie in der dreizehnten Stunde ihre Vorlesung ab, "gibt es den folgenden Widerspruch: Unendlicher Fortschritt ist das Gesetz der Menschengattung; gleichzeitig verlangt die Würde des Menschen, daß der Mensch (jeder einzelne von uns) in seiner Besonderheit gesehen und als solcher - ohne Vergleichsmaßstab und zeitunabhängig - als die Menschheit im allgemeinen widerspiegelnd betrachtet werde. Mit anderen Worten: Gerade die Idee des Fortschritts - wenn es sich dabei um mehr handelt als einen Wandel von Umständen und eine Verbesserung der Welt - widerspricht Kants Vorstellung von der Würde des Menschen. Es ist gegen die menschliche Würde, an den Fortschritt zu glauben" (1o2).
Die Einbildungskraft. Aus Hannah Arendts Aufzeichnungen zu einem Seminar über Kants Kritik der Urteilskraft, gehalten an derselben Schule, im selben Semester:
In der Kritik der reinen Vernunft dient die Einbildungskraft dem Verstand; in der Kritik der Urteilskraft heißt es, daß "der Verstand der Einbildungskraft... zu Diensten ist". In der Kritik der Urteilskraft finden wir eine Analogie zum Schema: das Beispiel.
Kant gesteht den Beispielen bei den Urteilen die gleiche Rolle zu, die die Schemata genannten Anschauungen für die Erfahrung und Erkenntnis haben. Beispiele spielen sowohl bei den reflektierenden wie bei den bestimmenden Urteilen eine Rolle, das heißt immer dann, wenn wir mit besonderen Dingen befaßt sind.
In der Kritik der reinen Vernunft - wo wir lesen, daß die Urteilskraft "ein besonderes Talent sei, welches gar nicht belehrt, sondern nur geübt sein will" und "dessen Mangel keine Schule ersetzen kann" - werden die Beispiele als "Gängelwagen der Urteilskraft" bezeichnet.
In der Kritik der Urteilskraft, d.h. bei der Behandlung der reflektierenden Urteile, wo man nicht ein Besonderes einem Begriff unterordnet, hilft einem das Beispiel in der gleichen Weise, in der das Schema half, den Tisch als Tisch zu erkennen. Die Beispiele leiten und führen uns, und das Urteil nimmt dadurch "exemplarische Gültigkeit" an.
Das Beispiel ist das Besondere, das einen Begriff oder eine allgemeine Regel in sich enthält oder von dem angenommen wird, daß es sie enthält... (110f.).
Um sich aus der Philosophie des europäischen 20.Jahrhunderts zu befreien, mußte Hannah Arendt 200 Jahre zurück steigen (!) zu Kant, über den sie freilich erkennbar auch nicht hinausgelangt zu sein scheint. Als ob es da eben doch eine Identität von Lebensende und Endpunkt ihrer Philosophie zu erkennen gilt. Im Hinblick auf seine Substanz wird dieser zentrale Punkt noch überdacht (!?) werden müssen.
Wahrheitsfindung. Schlagen wir einmal nach, wie's um die Erträge heutigen Denkens bei uns bestellt ist:
Wissenschaftskolleg - Institute for Advanced Study - zu Berlin, Jahrbuch 1983/84. Herausgegeben von Peter Wapnewski. Siedler Verlag, Berlin 1985.
Es gibt in der Geschichte der Erkenntnistheorie wenige Elemente, die eine so starke Anziehungskraft ausgeübt haben wie die Metapher vom Fundament empirischer Erkenntnis. Dieser Metapher zufolge ist die Gesamtheit unseres jeweiligen empirischen Wissens von der Welt ein Gebäude von begründeten Meinungen, das auf einem Fundament von Meinungen aufruht, die epistemisch ausgezeichnet sind.
Empirisches Wissen ist eine hierarchische Struktur von Meinungen, die ihre Begründung und ihren empirischen Gehalt letztlich einer untersten Stufe, einer Basis von Meinungen verdanken, die eine besondere Autorität haben.
Es sind diese epistemisch privilegierten Meinungen, die garantieren, daß die Meinungen weiter oben in der Hierarchie nicht nur Meinungen sind, sondern Wissen.
Gäbe es kein solches epistemisches Fundament, so gäbe es zwar immer noch Systeme von Meinungen. Aber diese Systeme wären epistemisch haltlos und könnten nicht den Anspruch erheben, empirisches Wissen von der Welt darzustellen (Peter Bieri, Seite 15).
Dem Gedanken, daß all unsere begründeten Meinungen über die Welt am Ende auf einem Fundament von epistemisch ausgezeichneten Meinungen beruhen müssen, entspricht die generelle empiristische These, daß alles Wissen über die Welt am Ende auf Erfahrung beruht.
So steht die Metapher vom Fundament im Hintergrund, wenn wir sagen, daß empirisches Wissen "auf Erfahrung aufbaut", daß man Meinungen oder Behauptungen über die Welt "durch Erfahrung prüfen" oder "an der Erfahrung messen" muß, und daß Theorien über die Welt "auf Beobachtung beruhen" und "durch Beobachtung getestet werden" müssen.
Entsprechend spielte die Metapher vom Fundament in den beiden Epochen des klassischen Empirismus, dem britischen Empirismus und dem Wiener Kreis, eine zentrale Rolle. Hume machte geltend, daß unsere ideas nur dann begründet sind und einen empirischen Gehalt haben, wenn sie auf impressions beruhen, und Autoren wie Schlick und Carnap entwickelten ein Bild empirischer Erkenntnis, in dem alle begründeten und empirisch gehaltvollen Sätze über die Welt am Ende auf epistemisch ausgezeichnete Sätze zurückgehen, die "Basissätze" genannt wurden.
Den Empirismus auszuformulieren hieß in beiden Epochen, die Erfahrungsbasis näher zu beschreiben und ihre Beziehung zu den übrigen Teilen des kognitiven Gebäudes zu spezifizieren. Es galt, die Metapher in eine Theorie zu überführen. Eine solche Theorie kann man Fundamentalismus nennen.
Es ist nun eine der wichtigsten Thesen gegenwärtiger Erkenntnistheorie, daß die fundamentalistische Konzeption von empirischem Wissen inkohärent ist (15f.).
Bieri macht nun "die Wurzeln der Metapher vom Fundament sichtbar", entwickelt ein "generelles Argument", wonach "jede fundamentalistische Konzeption empirischer Erkenntnis inkohärent wird, wenn man sie weit genug verfolgt", um schließlich eine "alternative Konzeption" zu entwerfen. "Meine These wird sein, daß diese Konzeption, obwohl sie aus einer Kritik am Fundamentalismus entsteht, unsere wichtigsten empiristischen Intuitionen aufzunehmen und zu reformieren vermag" (16).
Wie können wir... empirisches Wissen von willkürlich ersonnenen, aber kohärenten Systemen und von kohärenten Wahnsystemen unterscheiden?
Die Antwort lautet, daß wir von einem regulativen Prinzip epistemischer Beurteilung ausgehen müssen (und faktisch auch ausgehen), das eine Grundprämisse in jeder Formulierung des Empirismus ist: Wenn ein System von Meinungen empirisches Wissen darstellen soll, so muß es bestimmten Arten von spontanen Meinungen einen hohen Grad von Verläßlichkeit zuschreiben. Das System muß Generalisierungen des Inhalts enthalten, daß unsere auf Wahrnehmung und Introspektion beruhenden spontanen Meinungen unter normalen, empirisch zu spezifizierenden Umständen in der Regel wahr sind. Ein Beispiel sind Generalisierungen über die Verläßlichkeit visueller Meinungen bei guten Sichtverhältnissen und guten Augen (23f.).
Die empirisch überprüfte Verläßlichkeit spontaner Meinungen ist alles, was der Empirismus braucht. Eine Kohärenztheorie epistemischer Rechtfertigung läßt Raum für die Vernunft der Erfahrung (25).
Dies also ist ein Beispiel, nach Kant eines von "exemplarischer Gültigkeit" für den gegenwärtigen Stand "fortgeschrittener" Studien am Berliner Wissenschaftskolleg. Das mag aber auch international halbwegs repräsentativ sein, wie die Fellows es ja ausweisen:
Jochen Brandtstädter, Robert S. Cohen, Robert Delort, Johannes Fabian, Raphael Falk, Heinz P. Galler, Peter Gay, Carl G. Hempel, Benjamin Hrushovski, Thomas P. Hughes, Lothar Ledderose, Timothy Lenoir, M. Rainer Lepsius, Everett Mendelsohn, Hans Mommsen, James Morgan, Arno G. Molulsky, Anne Marie Moulin, Ivan Nagel, Guy Orcutt, Günther Palm, Michael Pollak, Tilman Spengler, Michel Strickmann, Friedrich Vogel, Martin Warnke, Peter Weingart, Paola Zambelli.
Vertreten sind also Orientalistik und Philosophie, Psychologie und Geschichte, Kulturanthropologie, Medizin, Genetik, Volkswirtschaftslehre und Mathematik, Physik, Literaturtheorie und Vergleichende Literaturwissenschaft, Technologiegeschichte, Sinologie, Japanologie, ostasiatische Kunstgeschichte, Soziologie.
In ihren Fragestellungen zeigen die Autoren, soweit ich das beurteilen kann, zum Teil hohe Aktualität, und den Philosophen, den Weisen, erkennt man nun einmal an seinen Fragen, das ist wahr.
Wenn Antworten formuliert werden, wie wir's bei Peter Bieri nachlesen konnten, verblüfft denn aber doch die Art und Weise, wie da offenstehende Türen eingerannt werden.
Mit seiner neuen Kohärenztheorie ist er doch prompt auf den Fundamentalismus, wie verdünnt auch immer, hereingefallen.
Er beachtet nicht, daß das "Fundament" ebensowohl eine Voraussetzung unseres Erkennens ist, wie es einst selbst gleichsam enzyklopädischer Ertrag aus - reflektierter! - geschichtlicher Erfahrung, also früheren Wissens war.
Was heute als Fundament dient, das ist nur leider nicht das frühere Gebäude, es sind seine Trümmer.
Dies macht schließlich die Inkohärenz zwar nicht des "fundamentalistischen" Grundgedankens, so doch aber jeglicher Konzeption von Fundamentalismus aus.
Auch was wir Intuition nennen dürfen, wenn nur Verlaß darauf ist, hat eine bewußt erfahrene und erfaßte Geschichte bereits hinter sich.
Das Erlernte ist als Selbstverständlichkeit und spontan Verfügbares in uns eingegangen.
Der Mensch weiß heute, daß sein geschichtliches und seelisches Fundament beschädigt ist. Er muß noch lernen, daß die Wiederherstellung und Vervollkommnung dieses Mosaiks seiner Zukunft viel Mühe erspart.
Wenn wir die Menschheitsgeschichte über die Jahrhunderte zurückverfolgen, scheint es vielfach eine Geschichte von Ruhm und Glanz zu sein: Die Entwicklung des Verstandes, die Entdeckung des Feuers, die Errichtung von Städten und Zivilisationen, der Sieg der Vernunft, die Fruchtbarmachung der Erde und der Drang aufs Meer und ins All.
Aber das wachsende Wissen führt nicht nur zu Besitznahme, sondern auch zu äußerster Zerstörung. Mit neuen Möglichkeiten stellen sich neue Schranken ein. Der Reisende ins Unbekannte kann einen neuen Kontinent entdecken oder auch über das Ende der Welt stolpern,
so leitet Isaac Asimov seine Essay-Sammlung ein.
Im Angesicht des Todes setzt der Mensch sich mit der Zeit auseinander. Durch die genaue Handhabung der Zeit kann er andere Erscheinungen messen und einen Weg durch die Naturwissenschaft finden. Über die Naturwissenschaft kann er vielleicht eine wirkliche materielle Überwindung der Verdammung Adams herbeiführen ... daß trotz der Sterblichkeit aller Menschen diese doch nicht ganz so sterblich sind, wie sie sein sollten. Warum nicht? Hier weist die Rüstung des Todes eine verwundbare Stelle auf. Warum lebt der Mensch so erstaunlich lange? Sollten wir hierfür eines Tages die Antwort finden, so könnten wir auf vieles andere ebenfalls eine Antwort erhalten.
Isaac Asimov: Von Zeit und Raum. Menschliches Maß und kosmische Ordnung. Ins Deutsche übertragen von H.J. Wedler und R. Grabowski. Schweizer Verlagshaus AG, Zürich 1977. Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel Of Time And Space And Other Things bei Doubleday & Company, Inc., Garden City, New York.
Asimov tritt über die Grenzlinie, die die Wissenschaft vom Alltag trennt, erzählend und erklärend. Auf beachtlichem Niveau und mit dem Unterhaltungstalent eines Conferenciers unterrichtet er über den akademischen Wissensstand und macht wissenschaftliche und technologisch-praktische Perspektiven einsichtig, um sogleich auch neue Grenzen zu lokalisieren.
Was eine totale Sonnenfinsternis so bemerkenswert macht, ist der reine astronomische Zufall, daß die Sonne durch den Mond so vollkommen verdeckt wird. Der Mond ist hinreichend groß, um die Sonne völlig zu verdecken (zu bestimmten Zeiten). Es wird dann vorübergehend Nacht und die Sterne werden sichtbar. Der Mond ist andererseits gerade so klein, daß während der Sonnenfinsternis der Strahlenkranz der Sonne, die Korona, insbesondere der hellere Teil nahe dem Sonnenkörper, noch frei bleibt.
Die scheinbare Größe von Sonne und Mond hängt ab von der wirklichen Größe der beiden Körper und von ihren Entfernungen von uns...
Es gibt keinen zwingenden Grund dafür, daß Mond und Sonne so gut aufeinander passen; es ist reiner Zufall. Von allen Planeten kann nur die Erde an diesem Glück teilhaben. Wenn es zutreffen sollte, daß sich wegen der Gezeitenreibung die Entfernung des Mondes von der Erde langsam vergrößert, wie es die Astronomen vermuten, dann trifft dieses ausgezeichnete Aufeinanderpassen nur für unsere eigene geologische Epoche zu. Für eine ideale totale Sonnenfinsternis war der Mond vor langer Zeit zu groß, in künftigen entfernten Zeiten wird er dafür zu klein sein (75ff.).
Eine mathematische Spekulation, die freilich für die überschaubaren Zukünfte der Menschheit ohne jede Relevanz ist, wenn man von den weltanschaulichen Verwendungsmöglichkeiten einmal absehen will. Von Asimov - er war bis 1958 Professor für Biochemie an der Universität Boston - erschien ebenfalls im Schweizer Verlagshaus: Drehmomente. Verblüffende Aspekte der modernen Forschung.
Entnommen habe ich dies dem Band Der geheime Krieg in der Reihe Der Zweite Weltkrieg. Von Francis Russell und der Redaktion der Time-Life-Bücher, Amsterdam 1982 (autorisierte deutschsprachige Ausgabe). Original U.S. edition 1981.
H. Montgomery Hyde schreibt in seinem Vorwort: "Einige der wichtigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs wurden hinter geschlossenen Türen oder im Rahmen von sorgfältig geplanten Operationen geschlagen, die so geheim waren, daß ihre wahre Natur und Bedeutung noch Jahrzehnte danach nicht allgemein bekannt waren." Eine auch in "Friedens"-Zeiten nützliche Lektüre.
online-Fassung
kuckuck 48
II/85
18. Mai 1985
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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