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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Buchausgabe:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 3. Strategien der Zerstörung
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1985-00-00

Horst Lummert

Indizien...

Darauf habe ich nicht verzichten wollen

Versuche einer Gerechtwerdung · Polemik und Hintergründe · Reichstagsbrand und authentischer Nachkriegsunterwanderungsfaschismus · Von Bormann zu Axmann, Griesmayr und Schenke · Neuer historischer Rechtsanspruch der alten NS-Reichsjugendführung · Strategem Links-Image und die geheime Kultur der Rechten · Adenauer wider den Neutralismus · Deutschland in der NATO · Friedenspolitik als literarischer Verfassungs- und Landesverrat · Sozialdemokratie und ewige Klassenfrage

Ein Julius Streicher kann mich nicht beleidigen, seine Stürmer-Manieren sprechen für sich.

Das Gefühl, mich beschmutzt zu haben, werde ich erst allmählich wieder loswerden. Es begleitet mich seit langem.

Doch ich habe darauf nicht verzichten wollen: Erich Knapp gibt uns eine genaue Selbstbeschreibung, treffend bereits zu Beginn seiner Sperrmüll-Aktion (Seite 35), präzis in der abschließenden Situationsschilderung.

Professor und Goag sind nämlich eine Person. Es verblüfft mich immer wieder, wie gut er sich kennt.

Die Sache ist ja eher komisch, ich sollte nicht so dick auftragen. Was kümmert uns ein machtloser Bergstraßen-Goag, der seine Grenzen nicht wahrnimmt.

Ich habe mich schön blamiert, wenn Knapp nur der kleine Heppenheimer mit dem Holzgewehr ist, das nur gerade mal nicht zur Hand war, als es gebraucht wurde.

Ich muß immer wieder mal nachblättern, um es nicht zu vergessen.

Um nicht zu vergessen, daß der kleine Fisch nicht nur zu stinken anfängt, sondern ein gar nicht so kleiner Fisch ist.

Da ist zunächst dieser unbarmherzig radikale Revolutionär und "Anti-Nazi" (!), der die Erde umwälzen, ganze Völker am liebsten ausrotten, auf jeden Fall blutig unterdrücken und "erziehen" möchte, der sich schon an der Guillotine sieht: dieser - bis heute gottlob verhinderte - Scharfrichter verachtet nicht nur "richtende" Menschen, wenn's seinen NS-Freunden an den Kragen geht, er möchte vor allem seine Privatsphäre gesichert wissen.

Die Briefe, in denen er, ganz privatim, dem kuckuck anvertraut hat, daß Knapp von keinem politischen Gewissen geplagt ist, bleiben selbstverständlich unter Verschluß.

Wer am Tage der Revolution durch Heppenheims Vorgärten latscht, der kann was erleben, dem wird "die Jurisprudenz in den Weg treten".

Ich habe selten so viel gelacht, und selten kamen mir so viele Tränen wie über dieses neue und abermalige Unrecht an einem ewig Verfolgten.

Aber man läßt ihn auch diesmal nicht allein;

er soll doch wegen Verletzung seiner Intimsphäre eine Eingabe bei der Menschenrechtskommission der UNO machen, vielleicht kriegt er die Sache auch auf die Tagesordnung der Vollversammlung,

empfahl Pohrt.

Auch die Zuständigkeit des Europäischen Gerichtshofs wäre zu prüfen, und schließlich muß auch die französische Nationalversammlung, zu der Knapp ohnehin diplomatische Beziehungen unterhält, unbedingt informiert werden.
Die Sache einem Feld-, Wald- und Wiesenanwalt anzuvertrauen, der die Sache vors Amtsgericht bringt - das ist jedenfalls nicht Knapps Stil.

Und was seine Rechts-Koryphäen ihrem Berufsstand an Schalkstücken zumuten, ist ohnehin deren Sache.

Daß so einer hierzulande durchginge, na schön, aber die Briten sind doch keine dummen Leute, und die Amis nicht, dazu im Nachrichten- und Computer-Distrikt.

Erich Knapp ist nicht die Mickymaus im Polit-Disney-Land, die allen ein Schnippchen schlägt und immer wieder aufsteht zu neuen Kuriositäten.

Alles mit dem treuherzigen Blick.

Das muß man sich genauer ansehn.

Wer da was anstellt und zu welchem Zwecke.

Die Form der harlekinischen Geschichten wählte ich seinerzeit, weil es Dinge zu wissen gibt, die man eigentlich gar nicht wissen kann und soll, ja darf.

Mir war das schon unbehaglich...

So was wie Knapps Anwälte nahm man früher beim Rundfunk als Geräuschemacher, hörte sich echt an.

So was von unordentlichem Rückzugsgewitter.

Ich erwarte nicht, daß die Nummer II, die das verzapfte, sich bei mir entschuldigt, von der Nummer erwarte ich das nicht.

Aber ihr Erster gibt ihr womöglich einen Tip. Und unser Streicher-Erich kann das gleich mit unterschreiben.

Denn die Unterstützung des Grenzlandkantonisten Lafontaine steht ja noch in den Sternen. Am liebsten würde Knapp mit dem ne Zeitung aufmachen. Lafonte der Herausgeber, und der Julius als Chefredakteur.

Kleinen Moment, gleich hört der Spaß auf, ich suche nach einem Zugang zur Sache. Im Lichte besseren Wissens (und niemals wider es, meine Herren!).

Nicht zu fassen.

Wirklich zu fassen ist ja eigentlich gar niemand.

Wer hat Lazarek umgebracht, den Reichstag angezündet? Marginales, katholisches Proletariat, angestiftet vom Papst. Ganz einfach, so war's.

Der Vatikan hat die KZs nicht nur erbaut, sondern auch bewirtschaftet. Die katholischen Priester, die in den Lagern herumlungerten, waren päpstliche Bauarbeiter und Goldzahneintreiber.

Nazis? I wo, das waren Romantiker, jung und unbescholten. Meine Verehrung, der Herr, und stets zu Diensten, Ihr ewiger Knapp und devotester Diener.

Außerdem gab's da die Menge Mc und MacCloys, gar nicht zu zählen.

Kennt sich wirklich gut, der K..

Ein Schutzengel der NS-Restauration. Und ein wehleidiger Heuchler dazu?

Ein Abbruch von politischen Kontakten zu diesen Kreisen ist nicht möglich, da es solche weder gab noch gibt.
Im übrigen ist der Zustand des Nichtmiteinandersprechens ein Stück Unmenschlichkeit.
Wer es darauf anlegt, z.B. durch Ehrabschneiderei, trägt zur Unmenschlichkeit bei sowie dazu, daß zwischenmenschliche Annäherungen in körperlich aggressiver Weise versucht werden,

schrieb er in seinem Beibrief zum Sperrmüll-Artikel.

Hat er Angst, oder will er Angst machen?

Ich rate seinem Anwalt Dr. Heydegger, sich diesen kuckuck sehr genau durchzulesen.

Wer da welche Tatbestände erfüllt, wird der Heppenheimer Jurist nun erst noch zu ergründen haben.

Vielleicht können wir uns dann sogar auf eine gültige Definition des Rechtsradikalismus einigen.

In dem oben zitierten Absatz aus Knapps Brief steckt erst einmal eine Unwahrheit, nämlich, daß es "solche (politischen Kontakte) weder gab noch gibt".

Es gab sie - und es gibt sie ganz offensichtlich noch.

Dann folgt der Satz, der den "Zustand des Nichtmiteinandersprechens" als "ein Stück Unmenschlichkeit" beschreibt.

Worauf bezieht sich dieser Satz?

Ist es "ein Stück Unmenschlichkeit", von Knapp zu verlangen, die politischen Kontakte mit dem Nachkriegsunterwanderungsfaschismus abzubrechen?

Und meint dieser Satz, daß es - etwa vom kuckuck - "unmenschlich" wäre, andernfalls die Kontakte mit ihm, Erich Knapp, zu beenden?

Ja, "wer es darauf anlegt, z.B. durch Ehrabschneiderei"...

Das hat er begriffen: Wenn wahr ist, was im kuckuck über ihn geschrieben steht, geht's an seine "Ehre".

Und noch etwas: nämlich jene "Ehrabschneiderei", die sein politischer Freund Wolf Schenke (damit auch dies mal klargestellt wird: das Wort "Freund" ist hier keine Andichtung, sondern ein Knapp-Zitat aus einem seiner Tabu-Briefe an mich), also auch er durch den kuckuck erleiden mußte.

Die Kontakte, die es nie gab und nicht gibt, aber den Joker gibt's - und es gibt seinen Narren und Schutzengel, der darüber seine Identität verliert.

Also gut, kuckuck möchte dazu beitragen, daß der Knappe Knapp "in den Zustand des Nichtmiteinandersprechens" kommt - daß er, mit andern Worten, denen das politische Bündnis aufkündigt, die angeblich seine ewigen Feinde sind: den Nazis.

Er soll sie - aufgrund des ihm via kuckuck vermittelten besseren (!) Wissens - auffliegen lassen!

Doch die Sache hat einen Haken: es trüge nämlich dazu bei,

daß zwischenmenschliche Annäherungen in körperlich aggressiver Weise versucht werden.

Ist das eine Drohung?

Will er seine Schägertruppe - wie jüngst die Punker im Bundestag - jetzt mir aufs Dach schicken?

Hatte er mir nicht schon einmal versteckt mit einem Straßenverkehrsunfall gedroht?

Was ich hier erzähle, kann in diesem Heft an anderer Stelle nachgelesen werden.

Ich sauge mir nichts aus den Fingern, spitze die Dinge allenfalls ein bißchen zu.

Oder fürchtet er, seine nazistischen Bündnispartner könnten, sollte er mit ihnen brechen, neue "zwischenmenschliche Annäherungen in körperlich aggressiver Weise" zu ihm versuchen?

Vielleicht gibt er auch eine Drohung nur weiter.

In seinem Verhalten gegenüber Wolf Schenke, gerade auch in seinem Brief zu dem Bild von der Bücherverbrennung, war mir eine eigenartige Servilität aufgefallen; sie hat nicht unwesentlich zur Präzisierung meines Urteils über Knapps politische Rolle beigetragen.

Da stimmt was nicht.

Sein mich kaum mehr überraschender Reinfall auf eine Wunschassoziation, ich hätte "devot" und "hintenrum hundeschwanzwedelnd" mich "lieber doch entschuldigt" beim "Goag", schien mir auch ganz gut ins Bild zu passen.

Auch wenn Knapp mich einer Projektion zeiht, wo ich mich konkret auf Dokumentiertes berufen kann, stimmt mich das nachdenklich.

Es tritt da genau wieder jene Ambivalenz auf, die ja nur subjektive oder halt objektive Gründe haben kann.

Entweder er projiziert, ohne es zu merken - dann bin ich der Blamierte, wie gesagt, weil ich mich mit ihm abgegeben habe.

Denn mir ist es ja nicht darum zu tun, nachzuweisen, daß Knapp nicht ganz richtig im Kopf sei.

Und wäre er's, ohne daß ich's rechtzeitig gemerkt hätte, dann ist mir sowieso nicht zu helfen.

Aber die Sachlage macht mich hoffen, daß ich weiterhin fürchten darf, so absurd ist das alles.

Nein, ich glaube nicht, daß Knapp verrückter ist als wir andern alle auch.

Aber ich darf jetzt glauben, daß er, um bestimmte Reaktionen hervorzurufen, Mittel einsetzt, die so wirken und so wirken sollen, als hätte man's mit einem Verrückten zu tun.

Wo es ernst wird, da scheint er plötzlich daran interessiert zu sein, nicht mehr ganz so ernst genommen zu werden.

Und wen man nicht ernstnehmen darf, der ist natürlich auch niemals verantwortlich zu machen für das, was er tut, sagt und schreibt.

Darum hat er den Test mit dem absurden kuckuck 46 so völlig kopflos absolviert.

Ein Test?

Für ihn war's doch offenbar einer.

Vielleicht war dieses Heft 46 dann aber auch nicht ganz fair von mir.

Es mußte ja wie eine Erlösung für ihn sein, so einen Trümmerhaufen vorgesetzt zu bekommen, in dem er sich sofort wiedererkennen konnte, ohne es doch mit sich zu tun zu haben.

Dazu noch Chinesisches und sieben Jahre alte Notizen, die er jederzeit als Anspielungen mißverstehen durfte.

Und ich habe nie zuvor so lange auf eine Knapp-Erwiderung warten müssen wie dieses Mal aus Anlaß des bekloppten Heftes 46 (= Quersumme 1).

Aber da war nichts "hintenrum" und nichts "vornerum", es gab für Knapp nur eine Seite von mir zu lesen, die mit dem Brief an seine Rechtsanwälte.

In diesem Brief wiederholte und ergänzte und begründete ich noch einmal meine ohnehin längst belegten Behauptungen und forderte die Anwälte auf, ihren Mandanten zu bewegen, sich von besagten rechtsradikalen Kreisen, seinen "politischen Freunden aus der Nähe des RSHA" endlich loszusagen und im übrigen diese Kontakte auch einmal klarzulegen.

Ich wiederhole dies auch hier noch einmal.

Was soll also sein ganzes Geschwätz?

Hat er Angst? Steht er unter Druck? Wird er von den Nazis erpreßt? Muß er etwas tun, was er gar nicht will? Wird er zur Kumpanei mit den Nazis gezwungen?

Weiß da wer etwas über ihn, das wir nicht wissen?

Ich würde gern aus seiner, so nicht alles täuscht, Beklemmung heraushelfen. Aber dazu muß erst einmal die Wahrheit auf den Tisch.

Und an die ganze Wahrheit mit dem Namen Erich Knapp kommen wir gewiß nicht heran, wenn wir uns einfach das vornehmen, was Knapp uns als seine Wahrheit direkt vorgelegt hat.

Er hat uns nämlich schon so viel erzählt, wo sich eines mit dem andern nicht verträgt, daß erst einmal ein Instrument vonnöten ist, ein Schlüssel, jedenfalls ein methodisches Hilfsmittel, um den Knapp, den ganzen, mit all seinen komplexen Widersprüchen, Irritationen, Luftballons auch wirklich verstehen zu können.

Es ist doch ganz schön blöd, wenn man es mit einem zu tun kriegt, bei dem erst nach und nach klar wird, daß er einen an der Nase herumführt oder...

Was?

Als ich Knapps Brief auf meine Anfrage, die ägyptisch-israelische Annäherungspolitik betreffend, gelesen hatte (siehe Seiten 50 und 130) fiel mir sofort die Antwort dazu ein, aber ich wollte nicht noch einen Brief schreiben, weil ich wiederum mit einer Antwort rechnen mußte, inzwischen aber in Zeit- und auch Platznot geraten war, dieses Heft sollte endlich fertig werden.

So formuliere ich hier nun nach, was mir damals eingefallen bzw. aufgegangen war:

Was haben Sie... - ja, was hat er, Erich Knapp, gegen die Antisemiten?

Der Mentalitätsstruktur nach ist er ihnen doch sehr nah, wenn nicht verwandt.

Der Inhalt ist auswechselbar.

Und darin, Inhalte einfach zu vertauschen, hat Erich Knapp große Übung - und im übrigen ein außergewöhnliches Talent an den Tag gelegt.

Die größten "Nazis", zum Beispiel, sind für ihn solche - expressis verbis! -, die niemals wirklich Nazis waren.

Und die prominenten, die echten, die in höchsten Positionen, die authentischen Nazis, die also nicht nur welche waren, sondern es bis heute geblieben sind, die haben sich unter Knapps Zauberfedern zu "Selbstbestimmungsdemokraten" gemausert.

Hitler war ein "Demokrat", die Demokraten in Bonn sind "Nazis".

Und wie ist es bei ihm mit den Antisemiten? Sind es auch nur "Antisemiten"?

Jedenfalls geht er mit ihnen um wie die Antisemiten mit den Juden. Und seine "Juden" sind, wie mir inzwischen scheint, wohl auch so eine Knapps-Idee, wenn nicht Schlimmeres...

Vor dreißig Jahren, als es in Deutschland Mode war, Antikommunist und Israelschwärmer zu sein, da war auch Knapp einer dabei.

Jetzt ist es Mode, Israel zu verketzern und die Sowjetunion um Schönwetter zu bitten, Knapp ist auch jetzt voll dabei.

Er ist halt immer dabei.

Man kann sich leicht ausmalen, wo er in der Nazizeit gestanden hätte, wäre er nur ein paar Jahre älter gewesen.

Knapp wäre auch unter Stalin feste dabei gewesen und unter Pol Pot, nur Mode muß es sein, Mode, motzig, repressiv, autoritär, "Bewegung"...

In der Kulturrevolution hätte man ihn unter den größten Schreiern gefunden - und als einen der schärfsten bei den Jägern nach der "Viererbande".

Knapp ist immer auf Linie.

Und bereit zum nächsten Absprung.

Bei allem Wirrwarr, das ist allerdings interessant, hält er nämlich tatsächlich auf Linie.

Woher hat er sie bloß, diese Linie?

Wer sagt ihm eigentlich, wann es wieder mal so weit ist?

Das ist hier eine Frage.

Mindestens ein nützlicher Idiot?

Ich hab's immer gesagt: Der Mann taugt nicht für den diplomatischen Dienst. Aber das Unrecht geschah nun mal. Er hätte niemals eingestellt werden dürfen. Fordert das Gehalt zurück und zahlt ihm die Sozialunterstützung nach.

Auch nicht schlecht. Hat sich wie ein toller Hund aufgeführt, der Bursche. Nein, nein, nicht erst seit seiner sogenannten Entlassung; der war schon immer so.

Er wollte mit seiner Person ein Beispiel geben: nehmt euch keine Demokraten, das klappt doch nie. Gut gemacht.

Mit der Begründung, er habe sich von einem kuckucksvogel austricksen lassen und damit indirekt Propaganda für die revolutionäre Potenz des Proletariats gemacht, was ja seine Sache nicht ist, könnte Knapps Führungsoffizier jetzt auf den Gedanken kommen, unsern Mann auszuwechseln, was nicht im kuckucksinteresse sein kann.

Es gibt im Sinne der hier betriebenen Aufklärungsarbeit gute Gründe, Knapp als dem Verständnis seiner Herren gemäß brauchbares Medium darzustellen.

Also hat er seine Sache gut gemacht.

Da hat sich doch jüngst unser kuckuck geschüttelt, pardauz fiel ein blinder Gast auf die Nase, versehentlich als Publikum einbezogen in funktionelles, gar operatives Kukukunsthappening, sowas.

Jetzt können wir einsammeln:

Knapps politische Prophezeiungen der letzten Jahre waren so gut wie allesamt Blech.

Oder weniger als das.

Sein Maskottchen "Ethnizismus" hat in bezug auf die in Europa anstehende politische Selbstbestimmung keinerlei Relevanz, steht gar nicht zur Debatte.

Der Figaro schrieb nach der letzten Bundestagswahl, die Deutschen hätten mit ihrer Wahl vom 6. März ihren Irrtum von 1933 wieder gut gemacht.

Die Hitler-Wahlen hatten nämlich auch im März, am 5ten, stattgefunden, bereits unter diktatorischem Druck und faschistischem Straßenterror.

Die Franzosen haben dafür einen Blick, keiner weiß es besser als Knapp.

Schließlich erhält die von Bahro endlich konstatierte und von Knapp auch endlich bestätigte "formelle" Verwandschaft der Grünen mit der NSDAP ihr Gewicht erst mit der Antwort auf die Frage nach dem ("formell", nicht wahr) gemeinsamen Urheber beider Parteien.

Die unauffälligen Anfänge stachen ohnehin schon ins Auge.

Ob wiederum der militärische Geheimdienst seine Hände mit im Spiele hatte, auch Hitler war ja zunächst nichts anderes als ein Spitzel und Propaganda-Agent der Abwehr, welche anderen Kräfte schließlich fördernd oder auch konterkarierend mitwirkten, ist ja längst nicht geklärt.

Aber die Ähnlichkeit mit der NSDAP wird just in dem Moment allerorten aufgedeckt, da die Grünen ihre "NSDAP"-Politik gar nicht mehr so konsequent praktizieren.

Die Grünen waren "formell" von Anfang an - und gerade in ihren Anfängen - der NSDAP zu vergleichen.

Und wenn wir vom kuckuck absehen, ist das zur rechten Zeit nirgendwo ausgesprochen oder geschrieben worden.

Jetzt soll die NSDAP-Politik allerdings auf breiterer Basis - nämlich von der Sozialdemokratischen Partei - fortgeführt werden, und da wird nun die Grüne Partei bloß hinderlich. That's the fact.

Die Initiatoren der Grünen-Partei sind die Initiatoren der NS-Restauration mit den alternativen Mobilisierungsmethoden der siebziger Jahre.

Die Profis hinter den Promis, hinter den sogenannten Prominenten. So ein professioneller Initiator war Erich Knapp.

Der Mann hat so viel im Kopf, was will er denn bloß?

Die Welt verändern will er.

Will die souveränen Staaten abschaffen zugunsten der Souveränität der Völker.

Moment.

Er sagt's auch umgedreht.

Keine Souveränität für die Völker, alle Souveränität für die Staaten, d.h. ihre Regierungen.

Das ist einem auch nicht sicher bei Knapp.

Er hat schon so gut wie alles propagiert, nacheinander und nebeneinander.

Mir scheint erst dann alles richtig zusammenzustimmen, wenn ich all seine politischen und publizistischen Aktivitäten, Selbstdarstellungen etc. als Provokationen nehme und ihn als einen agent provocateur.

Jetzt braucht es nur noch die Frage, wem es nütze, was Knapp seit Jahren auf die Beine stellt, kaputt macht, in die Welt setzt, widerruft...

Es braucht, wie schon gesagt, den Wunderschlüssel, der uns unser Knappschloß öffnen kann, dann aber ganz und gar.

Also, wem nützt er?

Oder: für wen arbeitet er?

Dies zunächst nur hypothetisch, weil ja nicht ohne weiteres und sofort ausgeschlossen werden kann, daß er doch nur ein besessener Einzelgänger ist.

Knapp hat uns schon zuviel suggeriert: danach könnte er für Frankreich tätig sein, neuerdings für Rockefeller, ergo auch für die deutsche Chemie, oder auch für den sowjetischen Geheimdienst, man könnte ihn für einen westeuropäischen Sozialisten, natürlich, Föderalisten halten, für einen gekauften Mann des internationalen Finanzkapitals, für einen Freimaurer, liiert mit irgendwelchen internationalen, obzwar nicht zionistischen, jüdischen Kreisen, einen Sufi, ganz neu: daß er jetzt meint, jene "jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung", von der Hitler nur träumen durfte, gebe es heute tatsächlich; und gäbe es sie nicht, so sollte man derlei animieren.

Und alles vor allem gegen Deutschland gerichtet, das mit dem Nazismus geschichtsidentisch sei, ergo: "Deutschland verrecke!" oder so ähnlich.

Alles darf man zu ihm sagen, er nimmt's mehr oder weniger gelassen hin.

Sogar einen Faschisten läßt er sich nennen.

Tobsüchtig wird er erst, wenn man ihn mit dem Nazismus, mit dem NS-deutschen Faschismus in Verbindung bringt.

Aber nein, ich muß ja sagen: Knapp-Verbündliches dieser Kategorie aufdeckt und gegens Licht hält.

Das kann einfache Gründe haben: ich habe mich geirrt, und Knapp war ein bißchen naiv.

Sagen wir so.

Joseph Goebbels lebt noch, trifft sich mit Knapp beim Schoppen oder einem Glas Bier in Hamburg und erzählt dem, daß er, Goebbels, heute kein Nationalsozialist mehr sei, er habe sich vielmehr belehren lassen, sei den Grünen beigetreten, aktiv in einer Bürgerinitiative für Umweltschutz, lebe jetzt auf dem Lande in einer Öko-Kommune und sei seit Jahren in der Friedensbewegung engagiert, wünsche Deutschlands Neutralität, Austritt aus der NATO, jetzt wolle er eine "Nationale Befreiungsfront" gründen, vor allem junge Menschen kämen ihm zugelaufen.

Knapp würde dem Mann natürlich glauben, daß der nicht mehr seine alten Ziele verfolgt, längst kein Nazi mehr sei, denn Knapp glaubt auch an den Klapperstorch.

Jetzt möchte er sich uns auch noch als Harlekin verkaufen.

Der Narr in Kaisers Mantel. Föderation!

Oder Knapp ist nicht naiv.

Knapp weiß, was er tut.

Dann ergibt sich ein ganz anderes Bild.

Knapp wäre den Nazis als agent provocateur nützlich, wäre sozusagen deren Provokateur.

Prompt zieht der Zauberkünstler Knapp aus seinem Zylinder ein schwarzes Kaninchen, einen jüdischen Großvater, eigentlich nicht so richtig, mehr den Erzeuger, Erzeuger der Mutter Knapps.

Ein Jude in der Familie, oder jedenfalls gleich am äußeren Familienrand - und die Sache kann abfahren.

Denn nun wird er mit allem, was er sagt, dieser Knapp, bei seinen nazistischen Freunden/Gegnern/Feinden willkommen sein:

Seht und hört doch selbst, was der "Jude" da sagt, Deutschland soll vernichtet werden, Holocaust für das deutsche Volk geplant, Deutschland und die Deutschen sollen von der Landkarte verschwinden, die "jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung", von der der Führer immer sprach, und niemand wollte ihm glauben, und nun hört es aus dem Munde eines "Juden": die gibt es wirklich!

Knapps NS-restaurative Politik besteht praktisch darin, daß er der Restauration des Nazismus als demokratisches, linkes, sozialistisches, westliches, jüdisches, freimaurerisches (auf die Anführungszeichen verzichte ich mal) Alibi dient.

Was so einer sagt, ja das kann eben gar nicht nazistisch sein...

Darum ist, was er sagt, im großen und ganzen völlig belanglos, bezüglich seiner Inhalte buchstäblich fauler Zauber, nimmt man's als gerade, direkte politische oder ideologische Botschaft; bedeutsam aber und aufschlußreich wird es in seiner objektiven Funktion, schließlich in der dialektischen Vernutzung.

Er beliefert die Nazis mit "Argumenten", indem er sich einfach mit deren Propaganda, gleichsam seitenverkehrt, identifiziert.

Die Frage, ob Knapp auf eigene Rechnung und Kappe arbeite oder für wen auch immer, ist damit noch nicht beantwortet.

Mir ist immer wieder aufgefallen, daß seine Voraussagen regelmäßig nur dann stimmen, wenn eine bestimmte Parteipolitik Erfolg hatte, woraus man schließen könnte, seine Voraussagen sind nichts weiter als ausgeplauderte politische Pläne, die sich halt einmal verwirklichen lassen, ein andermal nicht.

Gegen die Annahme, bei Knapp handle es sich um einen politisierenden Privatmann, spricht seine Biographie, seine Ausbildung, sein beruflicher Werdegang.

Diese Biographie scheint mir allerdings auch gegen die Annahme zu sprechen, daß Knapp halt das vielleicht irgendwie verunglückte Kind einer politischen Umgebung, Partei, Gruppe sei.

Überhaupt bin ich sehr skeptisch, wenn mir hier nahegelegt wird, vor allem von ihm selbst nahegelegt wird, ihn für einen familien- und politumweltgeschädigten Unglücksraben zu halten.

Der Mann hat eine Traumkarriere vorzuweisen, die unter äußerst günstigen Sternen gelegen haben muß und von irdischen Konstellationen kräftig befördert wurde.

Erich Knapp wird erklärbar als Protegé.

Der Heppenheimer Rechtsadjunkt wähnte, ich hätte seinen Mandanten vom "radikalen Jugendführer" zum "Jungvolk-Führer" "befördert" (worin die "Beförderung" vom "Führer" zum "Führer" bestanden haben soll, wird dabei allerdings nicht klar, was soll's).

Er unterstellt, ich spräche zweimal von derselben Sache. Dem ist aber nicht so.

"Radikaler Jugendführer" war er nach dem Kriege bei einem rechten, antikommunistischen Jugendverband - "BDJ", soviel ich weiß.

"Jungvolk-Führer" bezog sich auf die Hitler-Zeit. Erich Knapp kann hierzu vielleicht noch ergänzende Anmerkungen machen.

Seine "Jungvolk"-Führerschaft bestreitet Knapp zwar (wenn auch verbal nicht völlig zweifelsfrei), ich komme darauf noch einmal zurück.

Aber daß er (der angeblich "rassisch" Verfolgte) beim "Jungvolk" war, das kann er ja nun nicht mehr bestreiten, das habe ich ihm abgetrickst mithilfe eines "Jungvolk"-Trommlers.

In unserm Zusammenhang ist nicht die Führerschaft, sondern die Mitgliedschaft von grundsätzlicher Bedeutung.

Sie bestätigt, wie ich meine, genauso wie die Tatsache, daß Knapp in der Nazizeit ein Gymnasium besuchen durfte, den Legendencharakter seines individuellen "rassisch" Verfolgtseins.

So hat ihn mein Hinweis auf den dazumal obligatorischen "Schülerbogen" auch gleich in Bewegung gebracht.

Stracks hat er sich rundum erkundigt, ob jemand was wisse, von diesen "Schülerbogen".

Aber das war wohl eine Reichssache, und Heppenheim gehörte natürlich nicht zum Reich, sondern war heimlicher Rheinbund, und da lief die Chose nämlich ganz und gar anders als bei den Blöden in Preußen.

Durchaus, ich kenne das wohl, ohne Spaß.

Mit etwas Courage war da allemal was möglich an täglichem, anonymem Querlegen.

Aber die Sache hat bei Knapp dennoch einen Haken: Die Volksschule. Die war, wie er schreibt, weitaus gefährlicher, politisch, als das Gymnasium. Aber die Volksschule verließ er frühestens im Jahre 1942. Damals hatte Heydrichs Wannsee-Konferenz bereits getagt. Spätestens jetzt wurde es lebensgefährlich.

Der Schülerbogen lag beim Rektor der Volksschule! Wenn der einem gefährdeten Schüler helfen wollte, mußte er den Bogen verschwinden lassen. Wenn er den Bogen verschwinden ließ, konnte der Schüler nicht fürs Gymnasium vorgeschlagen werden. Da genau ist der Haken!

Knapp kam aufs Gymnasium, also war sein Schülerbogen für ihn ohne Gefahr. Anders hätte der Leiter der Volksschule (in der es nach Knapp jedoch viel nazistischer als am Gymnasium zuging) den Eltern, falls die nicht von selbst darauf gekommen waren, stillschweigend zu verstehen geben müssen...

Weder Eltern noch Lehrer hatten diesbezüglich irgendwelche Bedenken. Bei Knapp lagen die Dinge nämlich ganz anders. Das Körnchen Wahrheit an der Sache, ich will Knapp dies glauben, war der Großvater. Da der aber niemals mit der Großmutter verheiratet war, gab's natürlich auch keinerlei Vermerk in den aktuellen Papieren, also auch nicht in dem Schülerbogen.

Knapp hätte demnach überhaupt keinen Grund, jetzt bei dem Stichwort "Schülerbogen" unruhig zu werden und sich in der Nachbarschaft "Bestätigungen" usw. einzuholen.

Die Wahrheit ist, und ich unterstelle Knapps Angaben in diesen Punkten als wahr, viel einfacher. Der jüdische "Erzeuger" der Mutter war ein ständiger Schatten über der Familie; intern beschworen, in der Nachbarschaft gemunkelt. Zweifellos eine Gefahr, die psychologisch zu einer großen Belastung wurde, verstärkt durch die Ängste, die dadurch entstehen mußten, daß die Familie nie wußte, ob nicht vielleicht Denunziationen die Aufmerksamkeit der Nazibehörden auf sie lenken könnten.

Und daraus, aus dieser Vielschichtigkeit einer tatsächlichen Gefährdung, die aber, sieht man nun genauer hin, nicht ohne weiteres faßbar ist, resultiert meines Erachtens die Ambivalenz in Knapps Urteil über den organisierten Faschismus.

Sieht man von den beruflichen Benachteiligungen des Vaters, die nicht verharmlost werden sollen, jetzt einmal ab, so bleibt der merkwürdige Umstand, daß die Knapps nicht von den eigentlichen, den damaligen Staats-Nazis verfolgt wurden - wohl aber sich verfolgt sahen von ihren in der Mehrzahl wohl katholischen Nachbarn, deren gefürchtete Denunziationen die Verfolgung durch den NS-Staat jederzeit auslösen konnten.

Von daher wird Knapps sonderbare Verkehrung der Begriffe irgendwie verständlich. Ob die Befürchtungen, was die eventuellen Denunziationen betrifft, objektiv begründet waren, ob es also wirklich diese letztendlich das Leben gefährdenden Denunzianten in Knapps Umgebung gab, ist hierbei eigentlich zweitrangig. Ich verstehe aber auch Knapps Nervosität, wenn man ihn genauer danach fragt und er nun mehr oder weniger hilflos auf den einen oder anderen Zettelvermerk verweist - ständig in der Angst, es könnte ihm nun auch noch diese Identität verloren gehen.

Tatsächlich geht es hier gar nicht um solche Fakten. Hierfür relevant ist die psychologische Situation in der Familie - der familiäre Innenraum. Der ist gültig.

Daß die Großmutter, jene also, die ihren, da wir dies als wahr unterstellen wollen, jüdischen Geliebten nicht heiraten durfte, selbst allerdings eine glühende Hitler-Anhängerin war, mit der ihr Schwiegersohn Philipp Knapp, Vater von Erich, ständig im Streite lag, trug sicherlich kaum zu einer Entwirrung bei.

Insofern also sind Knapps Beschreibungen, glaube ich, authentisch. Die geklaute Vaterschaftsakte will ich ihm erlassen. Ob er dieses freundliche Entgegenkommen verdient, ist eine andere Frage.

Jedenfalls hat es nun seine Logik, daß Knapp für die Nazis, die als neue faschistische Herrschaftsklasse sich etabliert hatten und das Auschwitz-Regime trugen, immer ein gutes Wort übrig hat; während er für die "Nazis, die ideologisch gar keine waren", kein Erbarmen kennt.

Knapp sah sich nicht von den Nazis verfolgt, sondern von den Katholiken in Heppenheim - als potentiellen Zutreibern in die Fänge der Nazis. Diese aber ließen die Familie, der Vater war 1933 entlassen, fortan in Ruhe.

Verfolgt wurde jetzt vor allem der Knabe Erich. Dies war die "Kinderhölle", die er damals erlebte, "Innenraum", gewißlich weniger das vielleicht eine oder andere Geschwätz unter Spielkameraden als die psychologischen Folgen.

Ein hoch sensibles, intelligentes Kind empfängt unter solchen Umständen die winzige, auch nur anspielende Bemerkung als tiefe, spät halbwegs vernarbende, vielleicht nie völlig heilende Verletzung.

Nicht von den Nazis - von der Mutter sah er sich verfolgt, von deren jüdischem Vater, von der Illegitimität ihrer Geburt, von der Spiegelung all dessen in seiner Heppenheimer Umgebung.

Da mochte es äußerlich durchaus angehn, in einem Geschäftshaushalt aufzuwachsen, eine gute Schule zu besuchen.

Ich glaube, daß diese kindheitliche Ursituation überhaupt erst richtig zutage trat, als alles längst vorbei war.

Ich meine nun einen gewissen Verlust des Realitätssinns zu erkennen, der sich unter harmonischen Bedingungen kaum zeigt, sich aber in kritischen Situationen katastrophal auswirken kann.

Just da tritt Knapp in die Politik. Zur Stützung seiner politischen Autorität dient ihm jetzt jener kindliche "Innenraum", der ihm die - knapplike - charakteristischen Streiche spielt - bis hin zu der faschistischen Vision einer "jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung", der in Wahrheit zugrunde liegt, worauf Knapp selber seinen Stand gefunden hat, nämlich ein objektiv nachzuweisendes NS-sowjetisches: Komplott.

Sein ehemaliger "Fähnleinführer" und heutiger Zahnarzt wollte den jungen Erich als "Nachwuchsführer" vorschlagen, kam, die Mutter betreffend, Katholengerede dazwischen, und so wurde nichts draus.

Das Familiensyndrom behinderte den Erich in seiner nationalsozialistischen Jugendkarriere, wußte "Fähnleinführer" Flath doch, was er an dem jungen Dachs hatte.

Ob Knapp nicht längst "Jungvolkführer" war, sich die beim "Bann" einzuholende "Nachwuchsführer"-Befürwortung nicht vielmehr aufs Verbleiben beim "Jungvolk" (übers 14. Lebensjahr hinaus) bezog und eine Beförderung in eine mittlere bis höhere Charge im Auge hatte ("Führernachwuchs" war für die Zeit nach dem "Endsieg" gefragt), wird Zahnarzt und "Fähnleinführer" Flath, der jedenfalls als der Entdecker der Knappschen "Führerpersönlichkeit" gelten darf, vielleicht noch präziser beantworten können.

Fragen wir aber auch nach möglichen Motiven der angeblich denunziatorischen Katholiken in Heppenheim.

Da ist dieser Nazibengel, der mit Scharfmacherei, Anschwärzerei und hitlerjugendlichem Großmaul den Katholiken Angst macht.

Jetzt geben sie's ihm, von dem sie was zu wissen meinen, wenigstens andeutungsweise zurück, damit er endlich seine Schandklappe hält.

Was er bei der "HJ" nicht mehr werden konnte, holt er nach dem Krieg im "BDJ" nach. Ein gerader Weg. Nun kann er die Gangart beschleunigen: die Mutter, einst Familiensyndrom, wird jetzt als Motivfigur ins politische Nachkriegsspiel gebracht. Nicht schlecht, keine Frage. Es funktioniert sogar noch, als Knapp längst sich mit den ehemaligen Obergurus seines "Fähnleinführers" - soll man sagen: wieder? - verbündet hat.

Denen wird er zur nicht weniger nützlichen Alibi-Figur. Knapps kindheits-traumatischer Antikatholizismus kommt ihnen nun ganz besonders zupaß.

Die "kulturrevolutionäre" Strategie der Nazis (jetzt also: der richtigen Nazis, nämlich Hitlers, Himmlers, Heydrichs, Griesmayrs, Schenkes...) war es: zuerst die Juden - dann die Katholiken.

Der Krieg gegen die Juden ließ sich mit dem Zweiten Weltkrieg verknüpfen. Der Krieg gegen die Katholische Kirche wurde im Zuge der Kriegsvorbereitungen im militärisch-territorialpolitischen Bereich bereits in den dreißiger Jahren (Konkordat) einstweilen zurückgestellt.

Die Kirche hatte sich zu wehren begonnen, und so drohte der "Kulturkampf" die militärischen Kriegspläne erheblich zu gefährden. Dabei handelte es sich jedoch lediglich um einen Aufschub.

Der "Kulturkrieg" gegen die Katholiken war, und das kann inzwischen in zahlreich veröffentlichten NS-internen Schriften, Tagebüchern, "Tischgesprächen" usw. nachgelesen werden, für die Zeit nach dem "Endsieg" aufgespart und programmiert.

Und der authentische NS-Nachkriegsfaschismus in Deutschland hat just diesen "Kultur"-Krieg gleich nach 1945 wieder angefacht, organisatorisch z.T. auch anknüpfend an den besonders von der "Hitler-Jugend" Anfang der dreißiger Jahre angeheizten "Kulturkampf".

Man braucht, ohne nun abermals Gespenster sehen zu wollen, nur den antiklerikalen Spuren in den bundesdeutschen Parteien von Anfang an nachzugehen.

Vor den Gefahren des historisch längst überholten und überlebten Antiklerikalismus, einer dem Antisemitismus denkstrukturell durchaus verwandten Ideologie des Vereinfachens, ist nicht zuletzt aus den ideologiekritischen Überlegungen der Adorno-Schule heraus gewarnt worden.

Der Antiklerikalismus als Orientierungs-Zentrat ist in der Tat geeignet, eine neue, etwas anders als bis 1945 strukturierte, faschistische Sammlung zu organisieren.

Es liegt auf der Hand, daß auf diesem Felde auch ursprünglich antagonistische politische Kräfte zueinanderfinden können.

Die Parteiengeschichte der Bundesrepublik ist mitsamt ihrer medienpolitischen Begleitung geradezu beispielhaft für eben diese Entwicklung.

Die NS-restaurative Strömung verlief gleichsam unter der gesamtpolitischen Decke bundesdeutscher Selbstdarstellung und trat erst spät verstärkt an die Oberfläche.

Die Verlagerung der ideologischen Auseinandersetzungen von der West-Ost-Beziehung auf einen inneren Nord-Süd-Konflikt scheint mir dafür eher symptomatisch zu sein als das Sammelsurium ausdrücklich neofaschistischer Gruppen.

Diese ideologische Umschichtung auf breiter Basis stellt die eigentliche Wende in den Grundzügen der deutschen Nachkriegspolitik dar.

Mit der Massierung dieser Tendenzen wird es denn auch nötig, die Situation diesbezüglich neu zu überdenken - um zu verhindern, daß historisch notwendige, rational begründbare Kritik einmal von einer tendenziösen Politik dermaßen überdeckt wird, daß sie sich kaum noch autonom artikulieren kann, zum andern eine um sie entstandene Öffentlichkeit plakativ die Politik der Rechten verziert.

Das gilt für eine kritische Linke ebenso wie für den aus der Enttäuschung und Empörung über die vatikanischen Unterlassungen angesichts des Völkermords an den Juden entstandenen Ansatz zu einer radikalen Auseinandersetzung mit Christentum und Katholizismus.

Pinchas Lapide hat gerade erst in jüngster Zeit das Christentum als eine Art göttlich bewirkte Voraussetzung für die Ausbreitung des Geistes der Torah bezeichnet.

Die radikale Kritik an der Katholischen Kirche ist längst einer differenzierteren Betrachtung der Kirchengeschichte gewichen.

Auch in der politischen Literatur verdeutlicht sich eine differenziertere kritische Aufarbeitung nachkriegsdeutscher Politik und ihrer unterschwelligen Motivlage. Anlässe gibt es genug.

Leider sind wir nach wie vor hauptsächlich auf deutsche Übersetzungen aus den Werken europäischer oder amerikanischer Autoren angewiesen.

Leider - weil man ja trotz allem nicht von vornherein ausschließen möchte, daß auch in diesem Lande da oder dort die politische Vernunft sich regen und zu einer korrekten wissenschaftlichen Arbeit auf dem Gebiet der jüngsten und nun auch der allerjüngsten deutschen Geschichte anregen könnte.

Nehmen wir den Reichstagsbrand und seine prozessuale Geschichte als ein Beispiel. Edouard Calic schreibt dazu:

Als das Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel Ende 1959/Anfang 1960 die sogenannte Alleintäterschaftsthese veröffentlichte, setzte eine erregte wissenschaftliche Diskussion ein, die bis heute andauert.
Einer der ersten Historiker, die sich die These von der alleinigen Täterschaft van der Lubbes zu eigen machten, war Hans Mommsen.
Mit überwiegend apriorischen Behauptungen anstelle von Sachargumenten veröffentlichte Mommsen 1964 eine Studie, in welcher er nachzuweisen versuchte, daß die Nazis an der Reichstagsbrandstiftung keine Schuld treffe, da sie allein daran interessiert gewesen seien, ihre Wahlen in Ruhe durchzuführen.
Diese These stieß schon damals und stößt auch heute noch in der Bundesrepublik Deutschland auf ein positives Echo, vor allem bei jenen, die es nicht wahrhaben wollen, daß die Nazis neben vielen anderen Verbrechen auch den ungeheuren Volksbetrug Reichstagsbrand begingen.
Wer Hitler also moralisch und finanziell unterstützte, möchte heute um jeden Preis nachweisen, daß das Dritte Reich in einer Sternstunde geboren wurde, daß erst die Hetze des Auslands die legale Hitler-Regierung veranlaßte, Notwehrmaßnahmen zu ergreifen.
Viele wollten 1933 und wollen auch heute noch immer nichts von geplanten Provokationen und Manipulationen wissen, die im Nazireich als Voraussetzung für das geplante Verbrechen von nie dagewesener Dimension praktiziert wurden.
Was bewirken die Repräsentanten solcher Theorien, wenn sie nachzuweisen versuchen, daß der Reichstagsbrand kein inszenierter Anlaß für den Staatsstreich vom 27./28.2.1933 und die Einführung der Diktatur war?
Nach ihrer Interpretation soll es denn also der Zufall gewesen sein, der dem Führer der NSDAP den holländischen Anarchisten in die Arme trieb, der sich plötzlich entschlossen hatte, den Reichstag in Brand zu stecken.
Ein Zufall auch, daß Dimitroff kurze Zeit später verhaftet wurde. Eine neue Herostratos-Legende war geboren!
Die kriminalistische Absicherung seiner NS-Unschuldsthese machte sich der Historiker sehr einfach:
1. Mommsen, weder Chemiker noch Thermodynamiker, erklärte, van der Lubbe habe nicht mehr als zwei Minuten gebraucht, um den gewaltigen Plenarsaal von 11.000 Kubikmetern Rauminhalt in ein Flammenmeer zu verwandeln.
2. Ohne die Örtlichkeiten in Augenschein genommen und die Baupläne des Reichstages und des Reichstagspräsidentenpalais eingesehen zu haben, behauptete Mommsen, die Brandstifter hätten überhaupt nicht aus Görings Palais kommen können, da der unterirdische Kanal bei der Tag und Nacht besetzten Loge der Nachtpförtner gemündet habe.
3. Im übrigen hätten die Nazis ein solches Verbrechen gar nicht begehen wollen, da für sie der Reichstag ein Palladium gewesen sei.
Hätte der Historiker Mommsen einen genaueren Blick in Mein Kampf getan, hätte er nachlesen können, daß der verhinderte Architekt Adolf Hitler das Reichstagsgebäude allein schon wegen seiner Gipswände verächtlich gemacht hatte.
4. Der Historiker erklärte die Stellungnahmen aller bisherigen Reichstagsbrand-Gutachter kurzerhand als unzutreffend, machte statt dessen die ehemaligen Kriminalkommissare und späteren Mitarbeiter Heydrichs zu seinen Kronzeugen, ungerührt von der dokumentarisch belegten Tatsache, daß ihre Nachkriegsbekundungen zu ihren gerichtlichen Aussagen von 1933 in diametralem Gegensatz stehen.
Mommsen vertritt auch heute noch die These, wonach die gesellschaftlichen Strukturen des Dritten Reiches dessen Geschichte bestimmt hätten und sich die NS-Führer in einem immerwährenden unerbittlichen Kampf gegeneinander befunden haben sollen.
Der NS-Staat also eher ein Produkt gesellschaftlicher Bedingtheiten und Kräfte sowie unglücklicher Zufälle als ein durch planvolles Vorgehen konsequent verbrecherisches Regime?
Die sogenannte Alleintäterschaftsthese oder NS-Unschuldsthese für den Reichstagsbrand mußte unbedingt - vor allem auch aufgrund ihrer spekulativen Unwissenschaftlichkeit - interdisziplinär überprüft werden.
Es war die Internationale Reichstagsbrand-Kommission des Internationalen Komitees Luxemburg, 1969 in Luxemburg gegründet und seitdem von dem Schweizer Historiker Walther Hofer angeführt, die die "reinwäscherische Version" von der Reichstagsbrandstiftung unter die wissenschaftliche Lupe nahm.
Im Laufe der letzten Jahre veröffentlichte die Internationale Reichstagsbrand-Kommission drei wissenschaftliche Bände: Dokumentationsband I (1972), Dokumentationsband II (1978) und einen Forschungsbericht (1978).
Der erste Band stellt die Entstehung und Ausbreitung des Feuers dar, der zweite enthält die historische und kriminologische Lösung. Der Forschungsbericht erschien unter dem Titel Der Reichstagsbrand, die Provokation des 20.Jahrhunderts.
Alle drei Bücher haben die Misere der einschlägigen Institutsforschung in der Bundesrepublik Deutschland aufgedeckt.
Das Institut für Zeitgeschichte tritt, ohne zu diesem Thema unumstößliche wissenschaftliche Arbeiten vorgelegt zu haben, unerschütterlich für die Mommsensche Unschuldsthese ein und hält sich damit an die Version, die wesentlich auf den Nachkriegsaussagen der schwer kompromittierten NS-Kriminalisten fußt.
Der Direktor dieses Instituts, Professor Martin Broszat, versicherte, Mommsen habe mit seiner Studie über den Reichstagsbrand ein wohl nicht mehr widerlegbares Faktum rekonstruiert.
Was der Historiker damit sagen will, folgt deutlich aus seiner Stellungnahme, die er in der Sonderdokumentation Adolf Hitler des Hamburger Jahr-Verlages abdrucken ließ.
Die Herausgeber dieser Folge-Broschüren haben es sich nach eigenen Angaben zum Ziel gesetzt, das Dritte Reich objektiv darzustellen; das aber läuft im Endeffekt auf eine Neuschreibung hinaus.
Broszats Beitrag in diesem Heft, unter dem Titel Imposanter Erfolg veröffentlicht, zielt offenbar darauf ab, das an der Klärung der Ereignisse des Hitler-Regimes interessierte Publikum davon zu überzeugen, daß Hitler eigentlich mit der Zustimmung des deutschen Volkes zum Diktator wurde.
Im Vorspann zu diesem Artikel wird der Leser darüber aufgeklärt, daß "die Wahlen vom 5. März 1933 gewöhnlich stark abgewertet werden als eine Art bestelltes Plebiszit, als diktatorische Machtbestätigung".
Für Broszat zählen die Folgen des Reichstagsbrandes nicht, die die damaligen Machthaber aus diesem von ihnen inszenierten Ereignis herausholten.
Für den Historiker Broszat sind weder Terror noch der Betrug am Volke entscheidend; er betont dagegen, daß es die katholischen Wähler gewesen seien, die die Wahl zugunsten Adolf Hitlers entschieden hätten.
Der "wohlwollende Respekt seitens der katholischen Kirche" hätte die Wähler der NSDAP in die Arme getrieben; der Zustrom der Anhänger sei "in besonderem Maße aus katholischen agrarischen Randgebieten" geflossen.
Der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München wählte hier gegen alle bestehenden historischen Fakten einen neuen Sündenbock, weil er wohl - wie offenbar auch Mommsen - damit auf eine Unterstützung seiner Theorien durch die Sozialdemokraten spekulierte.
Die Analyse der Wahlen vom 5. März 1933 aber zeigt klar, daß der Professor einen kapitalen Irrtum beging, hatten doch die Katholiken ihren Stimmanteil gegen Hitler nicht nur bewahrt, sondern ihn gebietsweise sogar noch vergrößern können.
Fest steht, daß die sogenannten vier Millionen "Abstinenzler" gerade wegen des Reichstagsbrandereignisses und um der versprochenen Ordnung willen zu den Urnen geeilt waren.
Viele linke Wähler waren indessen zu Hause geblieben, um dem das Land terrorisierenden Machthaber beweisen zu können, daß sie ihre Stimme nicht einmal den Marxisten hatten geben wollen.
Gegen die wenig überzeugenden Theorien Mommsens und Broszats steht das beweiskräftige Forschungsergebnis des Teams, das unter der Leitung von Professor Walther Hofer erarbeitet wurde.
Hofer erklärte anläßlich der Ausgabe des zweiten Dokumentationsbandes: "Das Rätsel des Reichstagsbrandes ist definitiv gelöst!"
Ernstzunehmende deutsche und ausländische Zeitungen haben das längst fällige Forschungsergebnis als einen großen wissenschaftlichen Erfolg gewürdigt, als eine Arbeit, die nicht nur den Kriminalfall zu lösen vermochte, sondern gleichzeitig aufzeigen konnte, wie mancher Historiker auch heute noch im Gleichklang mit der Gestapothese von der Unschuld der Nazis am Reichstagsbrand von sich reden macht.
Es ist allgemein bekannt, daß Heydrich ein fanatischer Gegner aller Religionen, im besonderen aber der Katholischen Kirche war.
Im Anfangsstadium des Dritten Reiches mußte Hitler natürlich noch behutsam mit den Kirchen umgehen; dabei bediente er sich vor allem des Zentrumpolitikers Franz von Papen.
In der Zeit des Reichstagsbrandes wirkte Heydrich vorläufig nur hinter den Berliner Kulissen, wobei er seine Agenten in der Flüsterpropaganda trainierte.
Sie sollten allenthalben verbreiten, es sei das internationale Judentum, das die Nationalsozialisten der Reichstagsbrandstiftung bezichtigte.
Stets nach Hitlers Direktiven handelnd, glaubte Heydrich nun, die Gelegenheit gefunden zu haben, um endlich eine größere Aktion gegen die Juden zu unternehmen.
In der jetzt einsetzenden antijüdischen Kampagne, von Heydrich und Goebbels gesteuert, galten vor allem die Worte des Führers... (118 ff.)

Auszug aus: Edouard Calic, Reinhard Heydrich, Schlüsselfigur des Dritten Reiches. Originalausgabe: Opera Mundi, Paris 1982. Deutsche Ausgabe: 1982 Droste Verlag GmbH, Düsseldorf.

Erich Knapp hat gute Gründe, sich wieder einmal in der Rolle des Verfolgten zu erkennen.

Verfolgt nicht von den Nazis, nicht vom Staate - wohl aber von denen, die seine politische Rolle durchschauen.

Er spielt den Nazis den "nützlichen Juden".

In dem aufgezeigten "Kultur"-Krieg des authentischen Nachkriegsfaschismus in Deutschland steht Knapp - wieder? - also doch: auf der Seite der Verfolger.

Die abermaligen Anläufe seines Bewußtseinskarussells erzeugen die einfachste Formel, die er jemals finden konnte:

Was Knapp macht, denkt und plant, ist halt echt selbstbestimmungsdemokratisch und dergleichen...

Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn und ein: "Volksnazi! endemischer!...". Oder einfach ein CIA-Agent.

Daß Knapp es wagt, sich in einem Atemzug mit Jean Améry zu nennen, der in Auschwitz geschunden wurde, während Erich die Schulbank für Privilegierte drückte und seine erste jugendpolitische Förderung erfuhr - wenigstens für den schlechten Geschmack könnte er sich schämen.

Seine dunklen Andeutungen, er selber, Knapp, habe etwas mit einem geheimen Freimaurerorden irgendwo um die Priorei von Zion zu tun, was ja in mancherlei Hinsicht eine äußerst makabre Geschichte ist, erinnern nicht zufällig an den bemerkenswerten Spruch in der Johannesoffenbarung (3,9): "Siehe, ich werde geben aus des Satanas Schule, die da sagen, sie seien Juden, und sie sind's nicht, sondern lügen..."

"Das Nazireich endete in einem Holocaust" - das zu schreiben, bleibt halt einem Erich Knapp vorbehalten (s.S.58).

Seine "Politik der Rettung" ist der Vorstellungswelt des Faschismus so nah, daß man nur deshalb nicht aufschreckt, weil das Pflänzchen in Knapps Gartenkolonie gewachsen ist.

Züge der Selbsterrettung freilich sind allemal zu erkennen, wo Erich Knapp sich politisch produziert (und reproduziert).

Die subjektiven Bedingungen für eine "Politik des Transzendierens" - imgrunde der Selbstzerstörung als eines Heilsprogramms - sind bei ihm gegeben.

Dennoch versteckt sich unter dem ganzen - dürfen wir sagen: zweck-irrationalen? - Durcheinander eine als politische Strategie zu definierende, ziemlich streng rationale Linie: besonders im außenpolitischen Bereich.

Knapps Aufwerte-Arbeit am Nations-Begriff, sein Unternehmen, eine allein schon sprachlich auf Herkömmliches weisende Angelegenheit mit Zukunft aufzuladen, ist, verknüpft mit propagandistischem Zirkus, eine lächerlich rührende querelle d'Allemand - freilich eine mit Methode.

Mit ihr wird etwas Wichtiges vertuscht - nämlich daß der neue Nationalismus seine Politik geändert hat.

Seine neue Strategie offenbart sich in der Lösung aus dem westlichen Bündnis, der Abkopplung von den USA, dem Austritt aus der NATO, der Anerkennung der DDR - nicht aber in der juristisch, völkerrechtlich, historisch korrekten, legitimen, in keinem Vertrag bestrittenen, nur mit einer friedensvertraglichen Regelung im gesamteuropäischen Rahmen zu lösenden "deutschen Frage".

Während jede demokratische Nachkriegspolitik es als für eben die innere Demokratie existentiell notwendig erachtet, mit der prinzipiellen Offenhaltung dieser "Frage" - angesichts der sonst drohenden Alternative, die in Europa offenkundig ist - die Westmächte an die Bundesrepublik samt Westberlin zu binden, verspricht sich der neue, ich sage: NS-restaurative, Nationalismus im Rahmen einer neuen - ostorientierten - Friedenspolitik eine dann territorial stark reduzierte (Verzicht auf Wiedervereinigung, weitere Teilung der Bundesrepublik), aber international abgesicherte, volle staatliche Souveränität.

Diese Politik einer scheinbaren Befreiung aus den Zwängen machtkonstellativer Nachwirkungen der deutschen Geschichte ist allerdings in Wahrheit eine Politik der Auslieferung: der innen- und außenpolitischen Übergabe der politisch entmündigten und ihrer demokratischen Rechte beraubten Bevölkerungen in den meisten europäischen Ländern an antidemokratische, diktatorische, totalitäre Kräfte zwar unterschiedlicher, aber einander ergänzender Couleurs.

Es ist auch in der Tat nirgendwo ein demokratisches, "nationales", humanes Interesse an einer solchen Entwicklung zu erkennen.

Minoritäre Feinde der Demokratie haben untereinander die Neuaufteilung Europas ausgehandelt.

Ich hoffe, daß sie noch rechtzeitig entdecken werden: die Rechnung ist ohne den Wirt gemacht.

Knapp spielt nicht nur die Rolle des Provokateurs (als "Jude"), er ist zugleich der Imagepfleger der NS-Restauration, indem er ihr die "demokratischen", "sozialistischen", "emanzipativen", "revolutionären" usw. Argumente liefert.

Seine Funktion ist es in der Tat, den Nazis exemplarisch den "jüdischen" usw. "Feind der Deutschen" darzustellen, zugleich aber sich als ihr Freund zu erweisen, als ihr Schutzengel, Advokat...

Seine dritte Rolle ist es nämlich, eventuelle Aufklärungsversuche über dieses Komplott propagandistisch zu unterlaufen.

So geriet er uns schließlich ins kuckucksnest, um die hier praktizierte (wie bescheiden auch immer praktizierte) Aufklärungsarbeit über ein im toten Winkel öffentlicher Aufmerksamkeit vor sich gehendes Polit-Schach zu behindern.

Knapp fiel dieser kuckucksarbeit gezielt in den Arm. Mit der Methode, die Redaktion mit einer Überfülle von Material mehr oder weniger lahmzulegen, die redaktionelle Zielsetzung, die er jedenfalls vermutet, praktisch zu ersäufen.

Aber das geschieht mir nicht zum erstenmal. Peter van Spall hatte mich auf ähnliche Weise zu manipulieren versucht. Auch er war ein schwebender Mitarbeiter des Nachrichtenhändlers Ryschkowsky.

Knapps Rechtsberater schrieb in seiner Klageandrohung vom 1.11.84:

Sie wissen, daß nichts, aber auch gar nichts, aus dem Briefwechsel mit Herrn Knapp und aus seinen Veröffentlichungen Ihnen Anlaß geben könnte, die vorstehend wiedergegebenen Unterstellungen zu rechtfertigen... Die Wahrheit ist Ihnen bestens bekannt... Ihre Behauptungen sind schlichtweg grob unwahr und wider besseres Wissen aufgestellt worden.

Hieraus darf ich folgern, daß dieser dreiste Briefschreiber weder Knapps Veröffentlichungen noch gar seinen mit mir geführten Schriftwechsel gelesen hat. Das kann er jetzt nachholen.

Die Veröffentlichung aus Knapps Briefen in diesem Heft geschieht in öffentlichem Interesse. Unter den gegebenen Umständen sehe ich mich an keinerlei Zusage, den - sogenannten "privaten" - Briefwechsel vertraulich zu behandeln, mehr gebunden. Die Priorität liegt jetzt anderswo.

Ist Knapp ein Einzelgänger - oder ist das "Einzelgängerische" an ihm die besondere Befähigung für Spezialaufgaben?

Zur Mickymaus paßt, daß er es war (und einer Knappschen Empfehlung folgend, behaupte ich das einfach mal, ohne es beweisen zu können), der als den Bundespräsidenten Lübke auf dessen Weltreisen begleitender Pressesprecher die, wer erinnert sich, Osaka/Okasa-Story erfand und über die Fernschreiber quirlte.

Ein Hesse und Provinzfalschspieler mogelt sich durch die Nachkriegsgeschichte und am Ende aus ihr heraus. "Ihre Linie, Herr Lafontaine!". Auch Schmidts Pose hatte es ihm einmal angetan.

Die Karriere eines Protegés. Bis zum Kollaps in Kairo. Austritt aus der SPD.

Knapp wird, wieder paßt zeitlich alles wie geplant zusammen, ein Gründer der Grünen.

Oder war das ein Parteiauftrag aus der "Baracke"?

Guillaume, Brandt, Ahlers.

Hat die Sicherungsgruppe Bonn der SPD einen bestimmten Namen? Ist auch die Flick-Affäre eine Geschichte von Einzelgängern?

Eine mulmige Szene voller Berufs-Chamäleons, interner Quislinge, Knapputschisten, und keiner krümmt dem andern ein Haar, eine Hand wäscht die andre, die linke die rechte, die rechte die linke.

Protektionskinder und Politkriminelle, wo die Politik umprogrammiert, wo die Demokratie unterspült, wo die Wahrheit vergewaltigt werden soll.

Bisweilen jedoch scheint selbst einem Spiegel das Maß bald voll zu sein. Seine jüngere Berichterstattung über die Serienmorde an katholischen Priestern, nicht nur in Polen, sondern auch in der Sowjetunion und anderen Ostblockländern, holt endlich eine bis zur Aufdeckung des Geheimdienstmordes an Popieluszko hierzulande vermiedene Unterrichtung über das wahre Ausmaß der Verbrechen pressepflichtgemäß nach.

Knapps administrativer Einsatz in der Welt der Nachrichten, der politischen Propaganda, der Information und der Desinformation - ob beim Reichsbanner oder als "privater" Korrespondent, als Zensor, Nachrichtenmanipulator und -schieber im Bundespresseamt, als Informationsmanager beim Britischen Generalkonsulat, als Pressesprecher - Spitzentechnik, Elektronik - der IBM Deutschland oder als Stofflieferant für die Deutsche Nationalzeitung, Presse- und Kulturattaché der Bundesrepublik Deutschland an polit-strategisch heiklen bis heißen Punkten auf verschiedenen Kontinenten, oder als Dirigent in liberaldemokratischen Redaktionen und Studentenorganisationen, ob schließlich als offizieller Informations-Schleusenwärter zwischen Grünen und Grünen oder als "freier Publizist": nichts davon spricht für einen Privatmann mit hohen menschlichen und politischen Idealen, der sich eines Tages in einem Gestrüpp hinterhältiger Intrigen verfing.

Alle Anzeichen sprechen hingegen für einen Erich Knapp als den besessenen politischen Intriganten, der sich uns auch im kuckuck vorgestellt hat.

Und von wem immer er sich wechselnd distanziert, nachdem eine bündnispolitische Phase wieder einmal abgeschlossen ist - von den uns hier interessierenden Kreisen, nämlich seinen Freunden aus der Nähe des "Rasse- und Siedlungshauptamtes" der SS, hat er sich bis heute weder distanziert, noch wäre es ihm auch nur im Traume eingefallen, diese politischen Beziehungen endlich einmal offenzulegen.

Die Verbindungen bestehen über Personen, die nachrichtendienstlich, pressepolitisch und ausdrücklich auch sicherheitsdienstlich - Abwehr, CIC, DNB, SD, SSD bzw. Geheimdienst der Nationalen Volksarmee der DDR - gleichsam als Krähen tätig sind, die einander kein Auge aushacken, selbst wenn sie manchmal so tun, als täten sie's (Knapp contra LaRouche).

Wir möchten wissen, in welcher Form und durch welche Personen die über Werner Best vom SD-Hauptamt/Organisation in den fünfziger Jahren der FDP eingewirkten innerparteilich-geheimdienstlichen Strukturen später auch auf die SPD übertragen wurden.

Außerdem interessiert uns der personelle und organisatorische Verbindungsstrick (nämlich ein Bündel von Fäden) zwischen dem ehemaligen "Rasse- und Siedlungshauptamt" der SS und der deutschen Friedens-Frauen-Ökosiedlungs-Bewegung.

Als Vermittlungsglieder können die im kuckuck bereits registrierten bzw. abgemahnten NS-Führungssippen (bevorzugt tätig im Medien- und "Kultur"-Bereich) sowie (auch via "Reformbewegung") der Gesamtkomplex der nazistischen "Elite"-Schulen ("Nationalpolitische Erziehungsanstalten", "Ordensburgen", "NS-Frauen-Schulen", "Adolf-Hitler-Schulen"), Stichwort: NS-Pädagogik, gern herangezogen werden.

Es geht um die Lösung eines einfachen Problems: daß der NS-Nachwuchs auf höherer und höchster Ebene jene Generation darstellt, die - samt ihrem keineswegs geringen weiteren Nachwuchs - heute das politische und kulturelle Leben der Bundesrepublik (wenn nicht längst auch der DDR und Österreichs!) als mindestens tonangebende "neue" Klasse beherrscht.

Die Trägerschichten der Nau-Nau-Politik haben wie diese in Knapp einen Verbündeten gefunden, falls er ihnen nicht ohnehin zuzurechnen ist. Der einstige Kämpfer gegen die Naumann-Clique hat mindestens die Seiten gewechselt. Daß der Name Naumann seit Jahren beim Spiegel erscheint und neuerdings bei Bertelsmann die linken Sozialdemokraten verdrängt, scheint mir nicht nur auch ein Stück Sippen(?!)politik zu sein; es zeigt vor allem, was die sozialdemokratischen Bündnis-Phantasten von ihren rechten Kumpanen zu erwarten haben, wenn's erst mal wieder so weit ist.

Auch in der systematischen Zerstörung demokratischer Abwehrkräfte, wie sie etwa im Reichsbanner organisiert waren, hat sich Erich Knapp einen Namen gemacht.

Das ursprüngliche Reichsbanner war nicht nur ein Blatt, sondern vor allem ein interner, im großen und ganzen mit der SPD sich identifizierender Sicherheitsverein und Kampfbund.

Es verstand sich vornehmlich als ein Verband zur Verteidigung der verfassungsmäßigen Demokratie.

Doch sobald Erich Knapp auftauchte, wurde alles, was nach Demokratie aussah, entweder zerstört oder in sein Gegenteil verkehrt.

Das schafft der Mann nicht aus eigener Kraft.

Seine Zerstörungsarbeit am Reichsbanner ist bezeugt und wird auch von ihm nicht bestritten. Mich bewegt jetzt aber die Frage, ob das nunmehr kaputte Reichsbanner durch einen neuen, anderen, anders gerichteten, geheimen Sicherheitsdienst ersetzt worden ist und welche Rolle ggf. Erich Knapp dabei gespielt hat und weiterhin spielt.

Knapp arbeitete für das Reichsbanner als Sonderbeauftragter des SPD-Bundesvorstandes; es liegt also nahe, die Zerstörung des Reichsbanner als erledigten Parteiauftrag abzuheften.

Ich habe wiederholt angedeutet, daß ich bezüglich seiner Entlassung aus dem diplomatischen Dienst bzw. der dafür angegebenen Gründe gewisse Zweifel hege.

Die parteipolitische Umstrukturierung der Bundesrepublik seit dem vergangenen Jahrzehnt läßt Rückschlüsse zu, die den operativen Charakter der Grünen-Partei samt alternativer Basis als taktisches Moment einer neuprogrammierten SPD-Strategie, die Grünen als Rangierlokomotive der SPD zu ihrer eigenen Verschiebung auf ein anderes politisches Gleis erscheinen lassen.

Soll eine so große und schwierige Partei wie die SPD außenpolitisch um 180 Grad gedreht werden, sind Prügel nötig.

Ich stelle mir vor, Erich Knapp erhält den Befehl, aus allen Diensten und aus der Partei rauszugehen, um einen kräftigen Knüppel zu schnitzen. Sprach Glotz nicht einmal von einem Tanker? Und die Grünen als parteieigener Bugsierer.

Knapp war unter den ersten, die das Ding zu Wasser ließen und die Taue spannten. Genug.

Wir kommen erst weiter, wenn wir nach den Kräften fragen, die die Umorientierung mit solcher Vehemenz betrieben haben, daß sie heute bereits auf die Grünen verzichten können.

Knapp hatte allerdings schon in den sechziger Jahren innendienstlich fleißig Vorarbeit geleistet.

Seine bewundernswerte Aktivität gegen die ehemaligen Nazigrößen in Brandts Außenamt war primär, das konnte man bald unschwer erkennen, gar nicht so gegen die Nazis als Nazis gerichtet, als vielmehr gegen sie, sofern sie der Neuen Ostpolitik möglicherweise im Wege standen.

Es diente zudem der Profilierung eines Hechts im Karpfenteich und der Beseitigung von lästigen Karrierehindernissen.

Aber hier will ich nicht zu weit gehen; denn vieles von dem, was Knapp damals tat oder schrieb, hat den Touch des Autoritativen. Ich verkenne das nicht. Er schwamm noch im Wohlwollen einer allgemeinen Anerkennung.

Parteiauftrag oder nicht: Knapp scheint später mehr und mehr isoliert. So oder so mußte die Rolle durchgehalten, das Spiel zuende gespielt werden.

Die ganze Grün-Ausscherung war jedenfalls für die Realpolitiker, von denen Knapp einer ist, keine Flucht, sondern ein, so betrachtet, durchaus auch spannender Akt, der von Anbeginn die Sozialdemokratische Partei im Auge hatte.

Hier freilich wird es nun kritisch, da es nicht allein um eine außenpolitische Umorientierung zu tun sein konnte, sondern zugleich um die Disziplinierung derjenigen Kräfte ging, die die damit zwangsläufig verbundenen innenpolitischen Folgen und Gefahren für den demokratischen Bestand der Bundesrepublik niemals freiwillig mittragen würden.

Hier nun kommt es zu einem sonderbaren Zusammentreffen. Was Knapp seit seiner Jugend als innere Widersprüchlichkeit, als gleichsam Identität gewordene antagonistische Kooperation mit sich, eigentlich als sich herumschleppt, darf sich auf einmal als Rückspiegelung objektiver Umstände erleben.

Nikolaus J.Ryschkowsky, der sich im allgemeinen wie Knapp als Sozialist gibt, linker Sozialdemokrat, ist als Nachrichtenhändler auf den Sektoren Nonkonformismus-Links und Nonkonformismus-Rechts seit vielen Jahren den linken und rechten Auguren bekannt.

Als Mitglied der Zentralredaktion von Links Europa, einem "Organ der Internationalen Stiftung Links Europa, das in niederländischer, englischer & deutscher Sprache erscheint", ist er, scheint's, eng liiert mit westeuropäischen Linkssozialisten aus Holland, Belgien, England, nicht mit solchen in Frankreich, Italien, Spanien und anderen westeuropäischen Ländern, auch nicht mit skandinavischen Linkssozialisten.

Links Europa "ist das Nachfolgeorgan der Europäischen Sozialistischen Zeitung (ESZ) und der Quartalsschrift Links Europa-Links Interfact". Noch vor wenigen Jahren nannte das Blatt auch Le-Interfact und Europe de Gauche, die in ihm aufgegangen waren, wie überhaupt seit Anfang der achtziger Jahre eine geopolitische Reduzierung und ideologische Zentralisierung zu beobachten ist.

Der Rotterdamer Wim Albers, dazumal Präsident der Stiftung und Mitglied des Europäischen Parlaments, schrieb zur Jahreswende 1982 auf 83 in Links Europa/Interfact (82/6), daß das kommende Jahr ein glückliches werden könne, wenn es der Friedensbewegung in der Welt gelingt, die nukleare Waffeneskalation zu verhindern.

Aber für Soziale Demokraten ist Frieden nicht bedingungslos. Frieden steht in einem Zusammenhang mit den Menschenrechten und Lebensumständen in der ganzen Welt.

Wim Albers ist bereits seit über einem Jahr aus dem Impressum von Links Europa verschwunden.

Sieht man von der englischen Sektion, die ohnehin neben der friedenspolitischen eine starke, in der Tradition der Arbeiterbewegung sich verstehende sozialpolitische Komponente aufzeigt, einmal ab, so scheint es sich bei der Selbstreduzierung dieser Europäischen Sozialisten um alles andere eher als etwa um eine Europäisierung linker Sozialdemokraten zu handeln.

Man könnte vielmehr meinen, daß die einst europäischen Sozialisten unter dem zunehmenden Druck der westdeutschen sogenannten linken Sozialdemokraten mehr und mehr an den Rand gerieten, wo sie der deutschen Szene allenfalls noch als Wandschirm dienen.

Wie Ryschkowskys Nachrichtendienst u.a. arbeitet, zeigte sich an einem Beispiel in jüngster Zeit.

Ryschkowsky gab an LaRouches EIR-Dienst (Spuren und Motive) einen langen Hintergrundbericht über die nazistische Internationale (auch sogenannte Malmö-Internationale) weiter.

EIR druckte das offenbar unbesehen. Wir haben es in kuckuck 43/44/45 dokumentiert.

Jetzt sind darin freilich Fehler versteckt. Vor allem der Genoud-Bericht scheint mir systematisch in die Irre zu führen.

Knapp/Ryschkowsky werfen mittlerweile dem EIR-Dienst vor, die faschistische Internationale fälschlich auch "Malmö-Internationale" genannt zu haben, aber genau diese Motte war in dem Stoff von Ryschkowsky.

Ryschkowsky hat es mir inzwischen bestätigt.

LaRouche, ebenfalls dokumentiert in kuckuck 43/44/45 (S.65), schreibt es selbst:

Die Nazi-Internationale, manchmal auch fälschlich als die Malmö-Internationale bezeichnet, wurde in den 50er Jahren als offen arbeitende Organisation gegründet.

Knapp hatte das prompt überlesen, sagte dann später, oho, der LaRouche schreibt was Falsches. Jene "Falschinformation" stammte aber von Ryschkowsky. Und Knapp wußte das.

Ich weiß nicht, ob es eine "Malmö-Internationale" noch gibt oder nicht gibt. Wer kann so was wissen?

Wahrheit mit Lügen zusammengerührt, wenn's denn von dem Entdecker Knapp so genannt wird, kann die ganze Suppe verderben.

Konsequenz: von solchen Händlern keine Informationen mehr beziehen. Es sei denn, man durchleuchtet sie bei Gelegenheit auch.

Ryschkowskys Verlag der Studien von Zeitfragen gibt nicht nur die gleichnamigen Info-Blätter heraus, er macht auch Bücher. Mit einem seiner Autoren - dem Wirtschaftspublizisten, einstigen NS-"Volkstums"-Schriftsteller und SS-"Sonderführer" der, wie wir ergänzten, "Volksdeutschen Mittelstelle" beim "Rasse- und Siedlungshauptamt", Emil Hoffmann - hatten wir uns aus Anlaß eines beim Verlag erschienenen Werkes (Emil Hoffmann: Medienfreiheit? Anspruch und Wirklichkeit. Mit einem Vorwort von Sean MacBride) im kuckuck (45e-h) beschäftigt.

Die von Professor Dr. Arno Klönne in dem Verlag herausgebenen und redigierten Informations-Blätter Studien von Zeitfragen haben schon eine lange Geschichte hinter sich.

Klönne hatte zunächst nur eine beratende Funktion.

Ich möchte mit dem kuckuck dazu beitragen, daß hinsichtlich politischer Entwicklungen und Tendenzen gewisse Unklarheiten beseitigt werden.

Arno Klönne hat gerade in letzter Zeit sehr viel zur Aufklärung über historische Zusammenhänge und in sie verwickelte Personen beigetragen, dem kuckuck zudem, hier inzwischen dokumentiertes, sehr aufschlußreiches Material zur Verfügung gestellt.

Die hier geäußerten Vorwürfe, es werde eher verdunkelt als erhellt, treffen nicht Arno Klönne.

Das ist so selbstverständlich, daß ich es nur erwähne, weil Ryschkowsky eben auch mit ihm zusammenarbeitet, weil Klönne für die heutige Publikation Studien von Zeitfragen verantwortlich zeichnet und kuckucksleser auf den Gedanken kommen könnten, meine Kritik an Ryschkowsky und, grundsätzlich, auch an den Studien von Zeitfragen ziele immer auch zugleich auf deren jetzigen Redakteur.

Nein. Ich nehme Klönne hiervon ausdrücklich aus, ohne verhehlen zu wollen, daß mir einige von ihm vertretene Positionen nach wie vor Kopfschmerzen machen.

Ryschkowsky nimmt und gibt, er hat Zuträger und Verteiler.

Einer seiner einstigen (?) Mitarbeiter, Zuträger und Verteiler in einem, war (?) Peter van Spall.

Der war immer unterwegs, in Kneipen, Clubs, linken Gruppen, auf Demonstrationen; Teach-ins ohne van Spall waren keine.

Wie ein Hobby betrieb er das Sammeln von linken Zeitschriften, aus denen er abschrieb.

Das ging dann an Ryschkowskys Info-Dienst.

Peter van Spall war von Beruf Musiker, schrieb aber die meiste Zeit Artikel für mehr oder weniger linke Publikationen.

Van Spall machte aber noch etwas.

Er deckte arbeitende Redaktionen mit Text-Material ein, was für junge Leute, die was auf die Beine stellen wollten, ebenso reizvoll wie gefährlich war.

Sie hatten immer Stoff für ihre Blätter - und waren stets in Gefahr, Fehlinformationen aufzusitzen.

Ich glaubte, daß er nur weitergab, nicht, daß er Informationen bewußt manipulierte.

Ich hielt ihn für einfältig genug, seine eigene Arbeitsweise nicht hinreichend zu durchschauen.

Da mochte ich mich täuschen.

Vielleicht war er pfiffiger, als ich zunächst anzunehmen bereit war, obwohl mir durchaus auch etliche Zweifel kamen.

Da war der Fall mit der Studentenzeitschrift input.

Die hatten einen Artikel von mir (Herbert Marcuse und die antiautoritäre Phase; vgl. kuckuck 42a-d). Der Beitrag erschien in einer derartig verstümmelten Fassung, daß ich ihn nicht wiedererkannte.

Ich rief an, verlangte meine anderen Manuskripte zurück, und nun erlebte ich eine Überraschung: der gute Mann am Telefon sagte mir, meine Arbeiten lägen allesamt bei van Spall in Berlin, der auch den Marcuse-Aufsatz gekürzt habe, er habe sich als "Aufbereiter" für linke Texte angeboten, und die Redaktion sei über diese Arbeitsentlastung sehr froh gewesen.

Mithin schien er so etwas wie eine Kontrollfunktion zu haben.

Ein andermal erzählte mir van Spall eine kleine Horrorstory.

Im Laufe eines Telefonats fragte er mich, ob ich denn nicht Lust hätte...

Zu was.

Also, das Gesamtdeutsche Ministerium in Bonn lasse Leute für sich arbeiten, die auch mal in der DDR recherchieren u.ä., ob ich denn nicht, das wäre doch...

Hallo! spitze ich meine Ohren, warum denn nicht er selber...

Nee, sagt er, er hätte noch vom ersten Mal genug.

Vom "ersten Mal"?

Tja, er hatte nämlich schon mehrere Jahre in einem DDR-Gefängnis hinter sich.

Nanu, nanu.

Die Gründe für sein Pech wollte er mir immer mal unter vier Augen anvertrauen, aber daraus ist nie etwas geworden.

Ist das bloß ein komischer Kauz, der mir eine aufgeschnappte Geschichte erzählt, denke ich, oder hat er mir eine gesamtdeutsche Rutschbahn antesten wollen?

Ich schwankte ständig, ob ich ihn nun ernst nehmen müsse oder nicht. Wer ihn kennengelernt hat, wird das begreifen. Woher kannte ich ihn?

1968 arbeitete ich in der Nähe von Stuttgart bei einer Baufirma, schrieb eine kleine Reportage über die Zustände in einem Gastarbeiterwohnlager, die ich auch einer in Stuttgart erscheinenden Zeitschrift mit dem Namen aktion anbot.

Der Herausgeber machte mir schließlich den Vorschlag, eine Berliner Redaktion seines Blattes aufzumachen. Ich schlug ein.

In Berlin gab ich u.a. im Berliner Extra-Dienst eine kleine Anzeige auf, um auf dieses neue Vorhaben aufmerksam zu machen.

Erster Anruf: Peter van Spall.

Die Zusammenarbeit mit der Stuttgarter aktion währte nicht lange. Aber meine Miniwerbeaktion hatte einen kleinen Mitarbeiterkreis zusammengebracht. Wir machten einfach eine eigene Zeitung und nannten sie, nicht sehr originell, Neue aktion, kauften eine Maschine, druckten und verkauften das Blatt. Unsere Verkaufsaktionen vor dem Kranzler-Eck sind inzwischen legendär. Das reicht.

Ich möchte auf diese Erfahrungen nicht verzichten.

Van Spall gehörte nicht zu unserer Gruppe, er hatte halt überalI seine Augen und Ohren.

Irgendwann verbat sich der Mann weitere Zusendungen der Neuen aktion. Aber nichts für ungut. Er war's übrigens auch, der mir Schenkes Neue Politik zur Mitarbeit empfahl.

Die Neue Politik wurde im Extra-Dienst hin und wieder unter der Rubrik "links" zitiert oder erwähnt, was mich später, als ich diese Neue Politik längst als ein rechtsradikales Tarnblatt durchschaut und dies, nun freilich auch mit Unterstützung des Extra-Dienstes, öffentlich gemacht hatte, gleichwohl noch einmal nachdenklich machte.

Carl Guggomos, Martin Buchholz, Walter Barthel, die den ED verantworteten, mußten Schenke doch bereits gekannt haben. Warum ordneten sie das rechte Blatt des NS-Prominenten Schenke "links" ein?

Ohne meinen Einblick in die Gründe und Hintergründe der Neuen Politik könnte ich mir bis heute manche Merkwürdigkeiten in der bundesdeutschen und europäischen Allerjüngstgeschichte nicht erklären. Ich müßte Peter van Spall eigentlich dankbar sein für seinen Tip.

Zwei regelmäßig wiederkehrende Sprüche von ihm habe ich noch im Gedächtnis.

Kritik an seinen ungestrafften Zeitungsartikeln wies er zurück: "Ick muß schließlich meine Miete bezahlen." Irgendwie sympathisch und drollig liebenswert.

"Ein anständiger Deutscher hat einen ausländischen Paß." Er hatte einen holländischen, wie schon sein Name nahelegen konnte. Aber er war ein waschechter Berliner.

Jahre später brachte er zwei Bücher über den Neofaschismus heraus. Das war wichtig und mußte unterstützt werden (vgl. kuckuck 31/32). Dabei wurde ich freilich nach genauerer Lektüre das Gefühl nicht los: da wird eine eher gefürchtete als gewünschte Öffentlichkeit aufgefangen und gleich wieder in die Irre geführt. Der Teufel schlummert in den Winzigkeiten, man weiß, im Detail.

Hin- und herüberlegt, nein, denke ich, nicht Peter van Spall, der kennt die einzelnen Zutaten nicht, der rührt dann nur alles zu einer Suppe zusammen und teilt aus. Erstaunlich immer wieder der Aufwand, die Energien...

Daß sie, ohne viel dafür zu tun, diesen Eifer, diese Kräfte mobilisiert - gegen sich mobilisiert! - : Das macht die Wahrheit, die ganze, ungeteilte Wahrheit, zu einem wahren Mysterium. Müssen die eine Angst haben...

Wie ähnlich doch auch Ryschkowskys Knapp vom rechts-linken Komplott schrieb, nachdem er davon (im kuckuck) gelesen hatte - nur förderte er auf einmal ein ganz anderes "Komplott" zutage, und von dem, das es endlich zu erkennen galt, war dann nicht mehr die Rede.

So konnte mit demselben Vokabular über eine völlig andere und obendrein irrelevante Sache gesprochen und geschrieben werden. Das sah alles schon recht professionell aus.

Professionell auch, daß der Wolhynien-Deutsche Ryschkowsky sich als "Russe" oder "Ukrainer" verkaufen möchte; professionell, daß er die Geschichte seiner CIC-Mitarbeit als "Gerücht" verbreiten läßt. Jeder denkt, es werde schon was dran sein; wahrscheinlich ein russischer Emigrant.

Es erinnert mich an Schenke, der seine Abwehr-Legende erzählt, selbstverständlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit, was ein Schmarren ist, weil so ein Mann niemals einem Menschen, den er gerade mal seit einigen Wochen kennt, von dem er außerdem weiß, daß er politisch auf der Gegenseite steht, solche Geheimnisse anvertrauen würde.

Solche "Geheimnisse" und "Vertraulichkeiten" binden den neuen "Geheimnisträger", machen ihn zum "Mitwisser", locken ihn, schöpft er Verdacht, auf eine falsche Fährte, die hinwiederum auch die richtige sein kann.

Solche Überlegungen hat ein geriebener Intelligenz-Dienst allemal vorausgedacht. Anders auch: Ein "linker" CIC-Mann (CIC ist/war der militärische Geheimdienst der USA), es könnte ein "Ehemaliger" aus der Kriegszeit sein, als die Amis noch mit den Russen in der Antihitlerkoalition zusammengingen.

Komisch, jetzt ist der zwischen Baum und Borke zurückgeblieben. Und arbeitet mit Gerhard Opitz (vgl.auch kuckuck 42e-h, S.114ff., und kuckuck 43/44/45, S.62), einem bekannten Vertreter aus der rechtsradikalen, neofaschistischen/altnazistischen Szene, redaktionell zusammen.

Gemeinsam machen sie bis 1972 die Studien von Zeitfragen. Ryschkowsky redigiert "links" (Materialien zum nonkonformistischen Sozialismus - Links), Opitz "rechts" (Analysen, Berichte, Informationen zum nationalen Nonkonformismus - Rechts).

Ich halte es mir zugute, daß Ryschkowsky die beiden Informationsdienste jedenfalls formal voneinander trennte.

Der rechte Redakteur, Gerhard Opitz, wird in Zukunft den rechtsgerichteten Informationsteil auch selbst herausgeben und ihn im Titel um die Vokabel Nationalpolitische Studien ergänzen.
Den linken Informationsteil wird, unter dem gleichen Titel, Ryschkowsky weiter edieren. Ryschkowsky verbunden bleiben wird für diesen Teil als Redakteur Dr. Arno Klönne, einerseits SPD-Mitglied, andererseits dem Offenbacher links-Kreis um das Sozialistische Büro eng verbunden" (Extra-Dienst 1/VI vom 5.1.72).

Meine erste Empörung über die Kooperation hatte ich freilich schon gut zwei Jahre vor meinem Schenke-Eklat gegenüber van Spall geäußert.

Ryschkowsky rief mich daraufhin an, um mir die Zusammenhänge lang und breit zu erklären, redaktionell seien da "Links" und "Rechts" strikt voneinander getrennt. Naja. Es brauchte erst einen größeren Krach, um es zu ändern.

Das rechtslinke Komplott hat tatsächlich einen seiner Ursprünge in der Nachrichtenwerkstatt von Nikolaus Ryschkowsky.

Als ich anno 1971 u.a. auch ihm meinen erst vier Jahre darauf in kuckuck 8 endlich abgedruckten Bericht über den Getarnten Nazismus in der Bundesrepublik D. aus Den Haag, wo ich für die Harlekinischen Geschichten eine Verschnaufpause eingelegt hatte, nach Frankfurt schickte, gab's bald eine Überraschung.

Er holte mich eines Sonntagsmorgens mit der Frage, ob ich denn seine Postkarte nicht erhalten hätte, aus dem Bett und erzählte mir lange Geschichten von einem Stuhl oder Tisch, von dem ich drei Beine schon gefunden hätte, aber das vierte, das fehle halt noch, und darum dürfe meine Story nicht erscheinen.

Was es mit dem vierten Tisch- oder Stuhlbein aber auf sich habe, das erzählte er mir nicht. Als er ging, da klang es in meinem Ohr schon wie eine sanfte Drohung: wie abgemacht, die Sache werde also nicht veröffentlicht. Bitte?

Demnach eine wahre Geschichte... So heiß, daß er sich ihretwegen gleich auf den Weg nach Holland gemacht hatte? Sein Wagen stand in einer abgelegenen Nebenstraße. Ein Profi.

Die Postkarte traf per Eilzustellung am Montag nachmittag bei mir ein. Er hatte sie in Aachen, also bereits auf dem Wege, aufgegeben. Sie trug den Poststempel vom Sonnabend (15 Uhr). Das war also Ende Januar 1972.

Ein Profi, dachte ich, wie gesagt. Er wollte, das stand nun fest, die Veröffentlichung meiner Erkenntnisse über den getarnten Nationalsozialismus verhindern.

Desgleichen kürzlich, als er mir am Telefon bestätigte, daß Emil Hoffmann zwar Emil Hoffmann sei (vgl. kuckuck 45e-h, S.24ff.), die Öffentlichkeit es aber nicht erfahren dürfe. Stichwort: Rasse- und Siedlungshauptamt der SS. Sonderführer im Auftrag der Volksdeutschen Mittelstelle anno 1940... Indizierter NS-Schriftsteller.

Die Aufforderung an Knapp, den besonderen Charakter seiner politischen Kontakte einmal klarzulegen, ist jedenfalls mit seinen Erzählungen über die Grünen noch nicht vom Tisch. Mich interessieren neben den Spielern und Kulissenschiebern vor allem die Regisseure und Autoren des Stücks. Knapp hat das Drehbuch nicht geschrieben; er ist nur ein ausführendes Organ.

Wir haben an der Oberfläche sogenannte linke Sozialdemokraten, die parteihistorisch aus den Jungsozialisten der sechziger Jahre hervorgegangen sind. Aber erst in den siebziger Jahren wurden die Jungsozialisten, wie einst die Jungdemokraten (vgl.auch kuckuck 42a-d, Das wahre Gesicht der FDP), zum Umerziehungs- und Exerzierfeld der "Reichsjugendführung".

Die Restauration einer breit gefächerten nationalsozialistischen Politik hatte als große Massen- und Trägerpartei die SPD im Auge.

Auf dem Wege zunächst über Jungsozialisten und linke Sozialdemokraten und später, als dies nicht mehr griff, die Gründung einer Disziplinierungspartei in Gestalt der Grünen wurde die innere Umwandlung der Sozialdemokratischen Partei ins Werk gesetzt.

Hauptziel dieser scheindemokratischen, in Wahrheit administrativen Maßnahmen war die völlige Umorientierung der Partei auf die Europapolitik der Sowjetunion, auf die uneingeschränkte aktive Berücksichtigung der sowjetischen Interessen.

Die Sowjetunion brachte dazu ihre alte Nachkriegstaktik wieder ins Spiel, die den ehemaligen Nationalsozialisten, welche die Handreichung akzeptierten, die Lossprechung von ihren Verbrechen, vom Makel des Nazismus und des Hitlerkrieges in Aussicht stellte.

Schon Walter Ulbricht hatte in frühen Jahren wie programmatisch in einer großen Rede darauf hingewiesen, daß die DDR seit Beginn ihres Aufbaus der von den Nazis verirrten "deutschen Jugend" nichts nachtragen wollte, sofern die nur bereit war, sich am sozialistischen Aufbau zu beteiligen.

Was hier "deutsche Jugend" genannt wurde, das war nichts anderes als die "Hitler-Jugend", und was Ulbricht nicht sagte, aber hauptsächlich meinte, das war das gewisse Anerbieten an die in der BRD weiterhin aktiven Funktionäre der "Reichsjugendführung". Gleichsam der linke Hoden, der dem in der "Reichskanzlei" aufgefundenen Hitlerleichnam fehlte. Eine interessante Geschichte. Der Mann, der sie erzählt hat, ist Lew Besymenski, vor allem bekannt als Bonner Korrespondent der sowjetischen Agentur Novosti.

Besymenski ist ein interessanter, sehr belesener und informierter Mann, der sich im Nachkriegsdeutschland seit Anbeginn als kritischer Beobachter und Berichterstatter umgetan hat, ein Deutschlandkenner von hohen Graden. Im kuckuck dokumentierten wir kürzlich (42e-h, S.73) ein Interview, um das Lew Besymenski den Wolf Schenke gebeten hatte.

Das ganze Interview drehte sich um die Nahostproblematik, den Krieg in Libanon, das Abkommen von Camp David, den Kampf zwischen PLO und Israel. Ich will nicht auf Einzelheiten des Interviews eingehen. Das Interview selbst vielmehr ist mir höchst fragwürdig erschienen.

Nun gilt Wolf Schenke wegen seines jahrelangen Aufenthalts in China als Korrespondent des Völkischen Beobachter und des Deutschen Nachrichten-Büros manchen Leuten als China-Experte, das ist verständlich.

Wenn aber ein sowjetischer Journalist vom Range eines Besymenski den ehemaligen VB-Berichterstatter, Abwehr-Mann, DNB-Mitarbeiter, was noch, den heutigen aktiven Friedens-Politiker und Begründer einer neuen Nationalen Befreiungsbewegung in der Bundesrepublik, die Graue beziehungsweise braune Eminenz des rechtsradikalen Untergrunds seit mehr als drei Nachkriegsjahrzehnten, den Spitzenfunktionär der "Reichsjugendführung" der NSDAP und überzeugten Antisemiten Wolf Schenke zum Thema Israel befragt, so hat er sich etwas dabei gedacht, und ich muß annehmen, daß ich in bezug auf Schenkes Nahost-Kompetenzen nicht auf dem laufenden bin.

Möglicherweise richtete Besymenski seine Fragen zugleich an den potentiellen Führer einer Deutschen Befreiungsfront, sozusagen einer Parallelorganisation zur PLO.

Besymenski wird über Schenkes Zuständigkeiten in Nahostfragen sehr genau Bescheid wissen.

Ich habe sowieso Gründe zu der Annahme, daß Schenke sich in einer Sondermission auch im Vorderen Orient aufgehalten hat.

Von dem inzwischen verstorbenen ehemals stellvertretenden Chefredakteur der Neuen Politik und einstigen HJ-"Obergebietsführer Ost" Gotthart Ammerlahn - er war übrigens einer der radikalsten Kulturkämpfer, spezialisiert auf Säuberungsaktionen gegen resistente Überbleibsel der vornazistischen Jugendbewegung in der "Hitler-Jugend" der frühen dreißiger Jahre - habe ich indirekt erfahren, daß Schenke aus eigener Anschauung mehr über Palästina/Syrien wissen muß, als er öffentlich zuzugeben bereit ist.

Besymenski kennt vermutlich auch die Gründe für die plötzliche Freilassung Schenkes aus dem noch gar nicht abgeschlossenen Kriegsverbrecherprozeß in Schanghai im Jahre 1946.

Lew Besymenski ist nicht nur ein interessanter, kenntnisreicher Mann, er hat auch mindestens ein interessantes Buch geschrieben, in dem er von seiner Wohlinformiertheit Zeugnis ablegt. Ich spreche von dem Buch, das letzte Spekulationen um die Figur des "Führers" aus der Welt schafft.

Lew Besymenski: Der Tod des Adolf Hitler. Der sowjetische Beitrag über das Ende des Dritten Reiches und seines Diktators. Aus dem Russischen übersetzt von Valerie B.Danilow. 2. Auflage. Völlig überarbeitete, ergänzte und um einen neuen Bildteil erweiterte Ausgabe. 1982 by F.A.Herbig Verlagsbuchhandlung, München-Berlin. Erste Auflage: 1968.

Die Veröffentlichung wurde seinerzeit als eine Sensation aufgenommen, weil bis dahin nicht bekannt war, daß die Russen Hitlers Leiche 1945 gefunden hatten.

Neuer Expertenstreit um die eine oder andere Detailfrage war wie im Fall Bormann vorauszusehen. Was nun aber Besymenskis Hitler-Buch meines Erachtens wirklich interessant macht, ihm politisches Gewicht gibt, ist die Veröffentlichung selbst, ist die Signalwirkung, die von ihm ausgeht.

In einer totalitären Diktatur wie der Sowjetunion hat jede derartige Publikation neben dem historiographischen Wert eine aktuelle politische Bedeutung; das möchte ich erst einmal unterstellen, zumal, da das Werk erkennbar für eine westliche, ja westdeutsche Leserschaft konzipiert worden ist.

Ich will ein paar Einzelheiten jetzt nicht überbewerten, aber sie doch zu bedenken geben. Wichtig ist, daß die Sowjets behaupten, die Leiche Hitlers damals also doch gefunden zu haben, während sie jahrzehntelang nichts darüber verlauten ließen. Und wichtig ist der Befund.

Zur Identität:

Der wichtigste anatomische Fund, der zur Identifizierung der Person ausgewertet werden kann, ist das Gebiß mit vielen künstlichen Brücken, Zähnen, Kronen und Füllungen (siehe die Akte). (184)

Die Todesursache

- daß der Tod in diesem Fall durch Vergiftung mit Zyanverbindungen verursacht wurde -

sei nur nebenbei erwähnt.

Auffallend an dem Bericht fand ich etwas anderes:

Der linke Fuß fehlt (181).

Und:

Im Hodensack, der angesengt, aber erhalten ist, wurde nur die rechte Hode gefunden. Im Leistenkanal konnte die linke Hode nicht gefunden werden (181).

Noch einmal:

Die linke Hode konnte weder im Hodensack, noch im Samenstrang innerhalb des Leistenkanals oder im kleinen Becken gefunden werden (184).

Dies ist der erste und bisher einzige Hinweis auf einen derartigen körperlichen Mangel. Selbst Hitlers Leibarzt will davon nichts gewußt haben.

Es folgten die üblichen Auseinandersetzungen.

Aber ich glaube, daß es hier nicht auf den Sachverhalt, auf die reale Wahrheit des Untersuchungsbefundes ankommt.

In erster Linie wird von Moskau offiziös und öffentlich bestätigt: Wie auch Martin Bormann, über den Besymenski ebenfalls ein Buch schrieb, so ist Adolf Hitler für uns tot, eine Leiche.

Politisch; historisch. An ein Wiederaufleben ist nicht mehr zu denken.

Der Leiche aber fehlten 1) der linke Fuß und 2) der linke Hoden.

Nimmt man die Nachricht als ein politisches Signal, so sind ein paar Überlegungen erlaubt.

Linker Fuß. Der Nazismus hatte sich nur noch auf seinen rechten Fuß gestützt. Die linken Nazis - die Strassers, vielleicht auch die SA - fielen also nicht unter die abschließende Todeserklärung. Sie waren nicht gemeint, als 1945 der Vorhang fiel.

Freilich ist dies eine nachträgliche Entscheidung; insofern sind die Jahresdaten 1968 (1. Auflage) und 1982 (2. Auflage) nicht ohne Bedeutung.

Und der linke Hoden. Rechts, das war also endgültig tot. Aber links. Hoden. Keimzelle, das ist Zukunft. Die linken Nationalsozialisten könnten demnach noch eine Zukunft haben, die linken jungen NS-Keimlinge.

Mag ja sein, daß ich auf solche "Signale" schon ein bißchen programmiert bin, man muß meinen Spekulationen nicht folgen. Doch unter der Decke wird mit solchen "Botschaften" gearbeitet, und Gewicht erhalten sie erst, wenn sie "empfangen" und "verstanden" werden, gewiß kamen sie an.

Zufall oder nicht. Es ergibt jedenfalls keinen Widerspruch, wenn der Besymenski-Schenke-Kontakt so problemlos funktioniert - selbst in ferneren Gefilden, wo der Sinn für Peinlichkeiten noch nicht abgestorben ist.

Bringen wir's auf die einfache zaristische Formel: Was "links" ist, das wird in Moskau bestimmt. Schon Thälmann, kein Genosse hat sich später um ihn gekümmert, hatte definiert, ob einer Kommunist sei, ergebe sich aus seinem Verhältnis zur Sowjetunion.

Der prominente Nazi Schenke (und mit ihm manch anderer) hat das Handtuch gelassen aufheben können. Seither ist er kein Rechtsradikaler mehr, sondern ein Linksradikaler.

Diese Konstellation trägt in höchstem Maße zur Verschleierung des NS-restaurativen Untergrunds bei.

Auch unter dem Stichwort "Bormann" kommen die Dinge wieder in Bewegung, seitdem die dafür zuständigen Administratoren endgültig seinen Tod beschlossen haben.

Bis dahin glaubten nämlich ein paar Unverbesserliche, der Mann lebe noch; man wollte ihn sogar als Mitglied einer Sowjetdelegation irgendwo gesehen haben.

Aber, nein, er ist tot. Am Leben geblieben freilich beziehungsweise zu neuem Leben erweckt worden ist der Geist oder Ungeist, von dem Bormann sich bis zur letzten Minute inspirieren ließ.

Martin Bormann, der Mann, der, wie es heißt, Hitler beherrschte, herrschte keineswegs nur aus eigener Kraft.

Ende Februar 1945 schickte ihm der Hitler-Jugend-Funktionär Griesmayr ein Manuskript mit dem Titel Wie steht der Krieg?, und weil es seine eigenen Gedanken besser formulierte, als er es vermocht hätte, hielt er es für geeignet, den Politischen Leitern damit den rechten Weg zu weisen.
Mit scheinbarer Offenheit schrieb der Autor, "die gegenwärtige Krise" habe "erstmalig in weiten Kreisen der unteren und mittleren Führung lähmendes Entsetzen, unverhohlene Kritik und stumpfe Hoffnungslosigkeit ausgelöst".
Dies sei gefährlicher als der bolschewistische Vormarsch.
Wer jedoch als Nationalsozialist nicht mehr an den Sieg glauben könne, möge folgerichtig Selbstmord begehen.
Die Krise sei zu überwinden, wenn jeder Parteifunktionär bereit sei, mit wehender Flagge unterzugehen. "Die rücksichtslose Beseitigung feiger Vorgesetzter ist nicht nur ein Akt der Gerechtigkeit, sondern auch der Klugheit." Und: "In schicksalsschweren Tagen ist es besser, einen Schwächling mehr als hundert zu wenig erschießen zu lassen."
Diese Mixtur aus Verheißungen und Drohungen schien ihm die richtige Medizin für das Funktionärskorps.
"Beeilt" - das Wort verwendete Bormann gleich viermal in seiner Anweisung - mußte das Manuskript gedruckt und an alle Reichsleiter, Gauleiter, Kreisleiter und Reichstagsabgeordneten verschickt werden.
Gestrichen werden mußten jedoch zuvor "einige der untragbaren Vorwürfe, die ungewollt Kluften aufreißen" und der Hinweis, daß eine "Phiole Gift... in allen Notzeiten... zum Requisit heroischer Menschen" gehöre. Bei dieser Stelle schrieb Oberbefehlsleiter Helmuth Friedrichs, zuständig für die Parteiangelegenheiten in der Kanzlei, an den Rand: "Nee! Nicht unbedingt."
Bormanns Motiv für die Streichung war anderer Art; niemand brauchte zu wissen, daß sich die Spitzen des Regimes dieses Mittels bedienen würden, um in letzter Minute aus der Verantwortung zu schleichen (322).

Griesmayrs Broschüre erschien noch im März 1945 als Taschenbuch.

Die kurze Einblendung verdanken wir einer umfangreichen Arbeit von Jochen von Lang.

Die Führer-Generation der jungen HJ-Scharfmacher und Kriegsverlängerer der letzten Tage ist nur in wenigen Werken über die Kriegs- und Nazizeit namentlich überliefert; um so leichter fiel es ihr, nach dem Kriege sofort wieder Fuß zu fassen - unauffällig und erfolgreich.

Diese relativ namenlosen NS-Bonzen haben in den letzten Kriegstagen noch unglaubliches Unheil angerichtet und sind dafür niemals zur Verantwortung gezogen worden.

Hunderte von Jugendlichen wurden durch sie noch in den Tod getrieben. In Berlin erlitten die um Punkt ZwöIf noch mobilisierten "Hitler-Jungen" schwerste Verluste.

Jochen von Lang bezieht sich auch auf den Bormann-Biographen Lew Besymenski: Die letzten Notizen von Martin Bormann. Ein Dokument und sein Verfasser. (Aus dem Russischen übertragen von Reinhild Holler.) Stuttgart 1974.

Ich denke, daß die Beschäftigung mit der Nazizeit am Beispiel derjenigen Personen zu aktualisieren ist, die heute noch leben und ihre Politik unverändert fortsetzen.

Die zeitgeschichtliche Literatur macht es einem freilich gewöhnlich etwas schwer, die für uns relevanten Verbindungsfäden wiederzufinden. Das obige Zitat nahm ich aus:

Jochen von Lang, Der Sekretär. Martin Bormann: Der Mann, der Hitler beherrschte. Unter Mitarbeit von Claus Sibyll. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1977. 2. Auflage 1978.

Für die Wahrscheinlichkeit, daß diese oder jene Veröffentlichungen über ehemalige Naziführer vor allem aktuelle Bedeutung haben und in erster Linie den Austausch politischer Absichten für die Zukunft bezwecken, sprechen auch verschiedene Hinweise im dokumentarischen Anhang bei Jochen von Lang.

Teil A: Schlußbericht der Frankfurter Staatsanwaltschaft unter dem Aktenzeichen Js 11/61 (GStA Ffm.) in der "Strafsache gegen Martin Bormann wegen Mordes" vom 4. April 1973.

Hierzu merkte die Redaktion an:

Dieser Schlußbericht wurde vom Ersten Staatsanwalt Joachim Richter verfaßt, der seitens der Frankfurter Staatsanwaltschaft über ein Jahrzehnt lang die Suche nach Martin Bormann betrieb. Wegen der Mitarbeit an der Aufklärung des "Falles Bormann" gestattete der hessische Justizminister Karl Hemfler dem Autor die Erstveröffentlichung dieses Schlußberichts (385).

Auszüge aus Abschnitt VI (Die weitere Fahndung im Aus- und Inland) des Schlußberichts:

Da die Grabung vom 20./21.7.1965 erfolglos geblieben war und es den Zeugen Dr. Naumann, Schwägermann, Dietrich und Axmann aus der letzten, beschriebenen Gruppe gelungen war, aus Berlin zu entkommen, wurde die Fahndung nach dem Angeschuldigten im In- und Ausland fortgesetzt, zumal Hinweise auf ein Überleben des Angeschuldigten teils durch Informanten, teils über Pressemeldungen eingingen.
In mindestens fünfzig Fällen wurde das Auswärtige Amt in Bonn gebeten, die aus dem Ausland eingegangenen Hinweise durch die zuständigen Auslandsvertretungen der Bundesrepublik überprüfen zu lassen...
1. Hinweise von Simon Wiesenthal
Zu den zahlreichen Pressemeldungen, in denen immer wieder behauptet wurde, daß der Angeschuldigte noch am Leben sei und sich in Südamerika aufhalte, trugen insbesondere Interviews des Leiters des Dokumentationszentrums des Bundes jüdischer Verfolgter des Naziregimes, Dipl.-Ing. Simon Wiesenthal in Wien, bei.
In der italienischen Illustrierten Epoca, Nr. 1029 vom 14.6.1970 (Band VI Bl. 811a d.A.), wird ein solches Interview wiedergegeben, demzufolge sich der Angeschuldigte ein Jahr zuvor in Dribura, einer deutschen Kolonie im Staate Rio Grande do Sul, der an Paraguay grenzt, aufgehalten haben soll. Der Pfarrer dieser Kolonie heiße übrigens Himmler...
2. Hinweis von Lew Besymenski
Anläßlich der Vernehmung vom 29.9.1970 übergab der Zeuge Wiesenthal auch einige Ablichtungen von Dokumenten, aus denen sich entnehmen ließe, welcher Art jene Hinweise seien, die er erhalte.
Unter diesen Ablichtungen befindet sich auch ein an den Zeugen Dr. von Hummel, der etwa die Funktion eines Privatsekretärs des Angeschuldigten auf dem Obersalzberg ausübte, gerichteter geheimer Funkspruch aus Berlin, der am 22.4.1945 um 9.21 Uhr aufgenommen wurde.
Der Text lautet: "Hummel, Obersalzberg. Bin mit vorgeschlagener Übersee Süd Verlagerung einverstanden."
Eine Ablichtung dieses und weiterer hier nicht interessierender Funksprüche übergab der sowjetische Journalist Lew A. Besymenski am 15.9.1967 zu den Akten (Hülle Band 30 Bl. 5581 der Fahndungsakten).
Auch in seinem Druckwerk Auf den Spuren von Martin Bormann - 1965 im Dietz-Verlag, Berlin, in der DDR erschienen -, das überwiegend eine unsachliche, gegen die Bundesrepublik gerichtete Propaganda enthält, zitiert er diesen Funkspruch wörtlich und knüpft daran die Folgerung (S.254 dieses Druckwerks): "Dieses Dokument ist von außerordentlicher Bedeutung. Es stützt ein weiteres Mal unsere These von der Flucht nach Südamerika."
Die bereits im Jahre 1966 durchgeführten Ermittlungen ergaben eindeutig, daß es sich bei "Übersee" - auch "Übersee/Hohensee" - um die nach Schloß Steinach bei Straubing ausgelagerte Partei-Kanzlei der NSDAP handelte.
Die Anschrift lautete: "Dienststelle Übersee Postanschrift: NSDAP.-Dienststelle Übersee Straubing/Donau Postschließfach 99" ...
Die Bezeichnung "Südverlagerung" war - wie der Zeuge Dr. von Hummel in seiner Vernehmung vom 3.5.1966 (Band 26 Bl. 4811 der Fahndungsakten) bekundet - für die Transporte nach Südtirol üblich.
Die Folgerung von Besymenski ist somit eindeutig falsch.
3. Hinweis von Gehlen
Im Herbst des Jahres 1971 veröffentlichte der Generalleutnant a.D. Reinhard Gehlen, letzter Chef der Abteilung Fremde Heere Ost des Generalstabs des Heeres und später erster Präsident des Bundesnachrichtendienstes, seine Memoiren.
Dabei erwähnte er auch den Angeschuldigten. In den Vorabdrucken, die in der Presse erschienen, hieß es, daß der Angeschuldigte etwa vor zwei Jahren in der Sowjetunion verstorben sei.
In seiner Vernehmung vom 21.9.1971 durch den Untersuchungsrichter, an der ich teilnahm, bekundete der Zeuge Gehlen, daß er und Canaris bei der Suche nach der in der obersten militärischen Führung offenbar vorhandenen undichten Stelle, die dem Gegner sofort eigene wichtige Entscheidungen zuspielte, auch den Angeschuldigten in Erwägung zogen. Im übrigen bekundet dieser Zeuge u.a. wörtlich (Band VIII Bl. 1313, 1314 d.A.):
Erst als Meldungen über Aussagen, die vor amerikanischen Behörden gemacht worden sind und die das SchicksaI Bormanns betrafen, bekannt wurden, achtete man wieder etwas auf die Angelegenheit Bormann.
Nach meiner Erinnerung war es entweder im Jahre 1946 oder 1947, als mir durch eine - ohne jeden Zweifel zuverlässige - Quelle bekannt wurde, daß Bormann in einem Film, der in einem Kino in Ostberlin vorgeführt worden war und in welchem über eine Sportschau berichtet worden war, in der Gruppe der sowjetischen Zuschauer - es mag sich hierbei um sowjetische Funktionäre gehandelt haben nach meiner Erinnerung - der Angeschuldigte mit Sicherheit wiedererkannt worden sei.
Ich muß hierzu bemerken, daß mir von dem Betreffenden, von dem diese Information stammt, bekannt geworden ist, daß er den Angeschuldigten vor dem 2.5.1945 von Angesicht zu Angesicht hat sehen können.
Diese Erkenntnis wurde von uns damals an die zuständigen amerikanischen Dienststellen weitergegeben.
Ich möchte hierzu noch anmerken, daß schriftliche Aufzeichnungen hierüber nicht vorhanden sind.
Die schriftlichen Unterlagen des Nachrichtendienstes wurden in Abständen jeweils vernichtet.
Nach Konstituierung der Bundesrepublik hatte ich Veranlassung, entweder dem Bundeskanzler Adenauer oder dem Staatssekretär Globke zum Fall Bormann vorzutragen.
Es war mir bekannt geworden, durch eine gleichfalls nach meiner Überzeugung äußerst zuverlässige Quelle, daß russischerseits der Plan erwogen würde, das Gerücht in die Welt zu setzen, daß Hitler noch am Leben sei und daß man den in den Händen der Russen befindlichen Bormann als Bevollmächtigten Hitlers auftreten zu lassen erwäge, dies alles mit dem Ziel, ein einheitliches, etwa nationalkommunistisches Deutschland zu bilden.
Mir ist in Erinnerung, daß der Bundeskanzler daraufhin entschied, daß politisch in dieser Sache nichts zu unternehmen sei. Jedenfalls ist mir eine Stellungnahme in etwa diesem Sinne im Gedächtnis geblieben.
Selbstverständlich erhielt der Nachrichtendienst zahlreiche Meldungen über den angeblichen Aufenthalt Bormanns.
Diesen Meldungen gegenüber war und bin ich stets skeptisch gewesen, weil mir die Zuverlässigkeit der betreffenden Informanten nicht ausreichend erschien.
Nur in den beiden eben geschilderten Fällen unterlag für mich die Zuverlässigkeit keinem vernünftigen Zweifel.
Wenn ich heute nach dem angeblichen Tod des Angeschuldigten gefragt werde, so bemerke ich hierzu zunächst, daß ich meinerseits nie behauptet habe, daß der Angeschuldigte etwa vor drei Jahren gestorben ist.
Ich für meine Person muß annehmen, daß Bormann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der Zeit nach Bekanntwerden des eben geschilderten Konzepts eines nationalkommunistischen Deutschlands verstorben ist.
Ich habe meinerseits nie behauptet, und kann auch heute nicht aussagen, daß ich hierfür auch nur eine einigermaßen sichere Informationsquelle gehabt hätte.
Die beiden Informationsquellen hat der Zeuge Gehlen aus Sicherheitsgründen nicht bekanntgegeben. Ihn hierzu zu zwingen, bestand im Hinblick auf die offensichtliche Mangelhaftigkeit und Dürftigkeit der beiden Hinweise keine Notwendigkeit.
Der bereits mehrfach erwähnte sowjetische Journalist Besymenski, als sowjetischer Korrespondent der sowjetischen Zeitung Neue Zeit nunmehr in Bonn akkreditiert, brachte anläßlich einer Besprechung in Bonn am 11.9.1971 mit dem Untersuchungsrichter, an der ich teilnahm, zu den angekündigten Veröffentlichungen Gehlens "nur zum Ausdruck, daß man dies allenfalls satirisch kommentieren könne" (Vermerk des Untersuchungsrichters vom 13.9.1971 in Band VIII Bl. 1276 d.A.).
In meinen Handakten habe ich am 12./20.9.1971 vermerkt, daß Besymenski die angekündigte Version Gehlens über Bormann für absolut unrichtig hält und daß er uns im übrigen keinerlei Hinweise auf die Existenz des Angeschuldigten geben konnte, wonach insbesondere ich genau und gezielt gefragt hatte.

Am 7.und 8.12.1972 wurden bei Bauarbeiten auf dem Ulap-Gelände in Berlin zwei Skelette entdeckt.

Der Abschnitt XI - "Ergebnis" - des Schlußberichts lautet:

Obwohl dem menschlichen Erkenntnisvermögen von Natur her Grenzen gesetzt sind (BGHZ Band 36 S. 379/393=NJW 1962, 1505), ist mit Sicherheit erwiesen, daß die am 7./8.12.1972 auf dem Ulap-Gelände in Berlin gefundenen beiden Skelette mit dem Angeschuldigten Martin Bormann und Dr. Ludwig Stumpfegger identisch sind.
Der Angeschuldigte und Dr. Ludwig Stumpfegger sind in den frühen Morgenstunden des 2.Mai 1945 - etwa zwischen 1.30 Uhr und 2.30 Uhr - in Berlin verstorben (385ff. bei Jochen von Lang, Anhang Dokumente).

Nach 27 Jahren ein erstaunliches Ergebnis: Die amtliche Todeserklärung aus Berlin.

Offensichtlich wollte immer einer dem andern diesen Schwarzen Peter zuschieben.

Wir können weder die eine noch die andere Version überprüfen.

Es fand ein Informationskrieg statt, in dem die verschiedenen Parteien vermutlich nicht nur der Wahrheit nachjagten, sondern vor allem unterschiedliche Interessen zu vertreten hatten.

Bei allem Streit an der Oberfläche lassen sich aber auch gewisse Übereinstimmungen feststellen.

Wir nehmen die Nachricht als Nachricht; wir werten sie als eine Mitteilung über die gegenwärtige Interessenlage - nicht als einen Bericht über diese oder jene darin vorkommenden Ereignisse.

Als Besymenski 1968 über Hitler die amtliche sowjetische Todeserklärung bekanntgab, konnte dies in der Öffentlichkeit sehr wohl als eine Reaktion auf den ersten größeren Bormann-Report von Jochen von Lang in der Illustrierten stern im Jahre 1965 verstanden werden: "Bormann ist tot!"

Dieser stern-Bericht war doch in erster Linie an Moskau gerichtet.

Der stern-Reporter von Lang stützte sich damals jedoch lediglich auf Indizien.

Die Leiche Bormanns war noch nicht gefunden, erst sieben Jahre später wird Lang plötzlich fündig. Eine höhere Stufe der politischen Annäherung, könnte man sagen.

Der Skelettfund auf dem Berliner Ulap-Gelände war ein politischer Rehabilitations-Sieg der ehemaligen "Reichsjugendführung". Die alte Partei war endgültig tot und begraben, die neue Partei, die der jungen Nachwuchsführer der NSDAP, jetzt endlich voll anerkannt. Es paßt natürlich in mein Bild; ich habe die Geschichte aber nicht erfunden, habe nichts konstruiert.

Jochen von Lang berief sich von Anfang an auf eine Aussage des letzten "Reichsjugendführers" der HJ, Artur Axmann.

Von Lang schreibt:

Was dann geschah, mutmaßlich gegen drei Uhr am Morgen des 2. Mai, schilderte Axmann schon bei seinen Vernehmungen im Spätherbst 1945, aber niemand glaubte ihm.
Nur der Historiker H.R. Trevor-Roper, der als Geheimdienstmann viele Nationalsozialisten nach Kriegsende verhörte, bezeichnete schon 1948 diese Darstellung als die wahrscheinlichste.
Die auf etwa zehn Männer angewachsene Gruppe stieg am S-Bahnhof Friedrichstraße auf den Bahnkörper und folgte den Geleisen in westlicher Richtung.
Auf dem Damm rissen sie sich die Rangabzeichen von den Uniformen. Ihre Waffen warfen sie weg.
Dem erfahrenen Frontsoldaten Axmann - er hatte im Krieg den rechten Arm verloren - fiel auf, wie unsicher sich Bormann fühlte. Zeitweise hastete er der Gruppe voraus, als könne er nicht schnell genug wegkommen.
Unangefochten näherten sie sich der S-Bahn-Station des Lehrter Bahnhofs. Rechtzeitig entdeckten sie, daß Rotarmisten auf dem Bahnsteig standen.
Beim schnellen Verschwinden spaltete sich die Gruppe. Bormann, Naumann, Schwägermann, Axmann, Weltzin und Stumpfegger sprangen vom Bahnkörper auf die Invalidenstraße hinab, und sie landeten unmittelbar neben einer russischen Feldwache.
Die Russen hielten sie für versprengte Volkssturmmänner, boten Zigaretten an, begannen radebrechend mit "woina kaputt, Gitler kaputt" ein Gespräch und bestaunten Axmanns Armprothese.
Das war zuviel für Bormanns flatternde Nerven. Zusammen mit Stumpfegger setzte er sich mit immer schneller werdenden Schritten nach Osten in Richtung auf die Charité ab. Sie kamen nicht weit, denn an der Sandkrugbrücke (heute Sektorenübergang) stießen sie wieder auf Russen.
Die anderen merkten, daß diese Flucht die Soldaten mißtrauisch gemacht hatte. Sie verdrückten sich auf der Invalidenstraße westwärts, auf Moabit zu.
Naumann und Schwägermann verschwanden im Gebüsch eines Ausstellungsgeländes. Die HJ-Führer Axmann und Weltzin kehrten erst um, als sie vor sich Panzer rasseln hörten.
Zurückgekehrt sahen sie in der Nähe des Lehrter S-Bahnhofs im schwachen Licht der gerade beginnenden Morgendämmerung zwei Männer auf der Brücke liegen, die im Zug der Invalidenstraße die Geleise des Lehrter Güterbahnhofs überquert.
Sie erkannten Bormann und Stumpfegger. Beide waren anscheinend tot, aber Blut oder Verletzungen waren nicht zu sehen. Axmann wußte, daß die Bunkerprominenz Giftampullen bekommen hatte. Er vermutete, daß die beiden sich damit getötet hatten (341f.).

Ich finde es bemerkenswert, daß die sowjetische Feldwache die Gruppe uniformierter Deutscher nicht sofort gefangennahm, stattdessen mit ihnen bei einer Zigarette eine kleine Plauderei anfing.

Die besondere Erwähnung des vermuteten Selbstmords mithilfe von Giftampullen scheint mir hier ein wenig der starken Betonung des Giftselbstmords bei Besymenskis Hitler zu korrespondieren.

Die feige "Alte Garde" hatte demnach ihr Führungsrecht verspielt und war nunmehr durch die mutige kämpferische junge Truppe à la Griesmayr zu ersetzen.

Damit war zugleich die Schuldfrage für alle Zeiten gelöst.

Langs Kronzeuge Axmann konnte sich als einziger Überlebender der Brückenszene nach dem Kriege ganz genau erinnern, daß er "im schwachen Licht der gerade beginnenden Morgendämmerung" sofort "vermutet" hatte, Bormann und der andere wären am Gift gestorben, weil er weder "Blut" noch "Verletzungen" erkennen konnte.

Vielleicht war's auch nur eine spätere Vermutung von ihm. Das wäre alles unerheblich...

Aber Axmann konnte aus diesen Kleinigkeiten seinen Führungsanspruch herleiten, und die stern-Offenbarung bestätigte ihn darin erstmals in aller Öffentlichkeit.

"Bormann ist tot" - das hieß: "Axmann lebt!"

Und hinter diesem Emblem versteckt sich der historische Anspruch der "Reichsjugendführung" auf einen politischen Wiederauftritt des deutschen Nazismus.

Die grundlegende Bedeutung dieser Vorgänge wurde von denen, die es unmittelbar anging, durchaus verstanden.

Jochen von Lang schildert die Reaktionen auf seinen ersten Bericht, wobei ihm verräterische Sprachschnitzer unterlaufen.

Im November 1965 entschied Rolf Gillhausen, Stellvertretender Chefredakteur beim stern, daß es nun an der Zeit sei, die Ergebnisse der Untersuchung zu veröffentlichen. Sie erschienen mit der Überschrift Bormann ist tot.
Sie sollten das Ende einer Legende sein, aber es wurde daraus der Beginn einer Jagd auf den Autor.
Simon Wiesenthal, in Wien beheimateter professioneller Nazijäger, der schon mehrere Bormann-Spuren in aller Welt entdeckt hatte, verkündete auf einer Pressekonferenz, er habe schon immer gewußt, daß der stern ein Nazi-Blatt und Jochen von Lang ein alter Nazi sei, der nur den lebenden Bormann vor weiteren Verfolgungen schützen wolle.
Auch Joachim Richter bekam Ärger; sein Vorgesetzter, der Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hatte vor längerer Zeit einen Brief von Horst Adolf Eichmann, dem Sohn des in Israel wegen Massenmordes an Juden hingerichteten Adolf Eichmann mit einem Hinweis erhalten, daß Bormann insgeheim in Argentinien lebe.
Bauer hielt diese Version für wahrscheinlich.
Mir hielt er vor, meine Veröffentlichung sei unverantwortlich, solange die Leiche fehle (348).

Sieben Jahre später fand Jochen von Lang sie in Berlin. Der staatsanwaltliche Schlußbericht scheint noch immer bestehende Zweifel auszuräumen.

Jochen von lang war 1945 zwar kein "alter Nazi", hatte jedoch in den letzten Stunden des "Reiches" noch und bereits jene Kontakte, die, wie wir inzwischen wissen, geeignet waren, ihm eine durchaus interessante Nachkriegskarriere zu sichern.

Seine Behauptung, er habe von einem "Reichsleiter Martin Bormann", der mindestens den Bekanntheitsgrad eines Robert Ley hatte, erstmals am 1. Mai 1945, "ein paar Stunden vor seinem Tod", gehört, nehmen wir einfach hin.

Er war "als Neunzehnjahriger, der als Kriegsberichter verwundet worden war und deshalb bis zur Genesung als Nachrichtensprecher am Reichssender Berlin eingesetzt", an jenem 1. Mai 1945 im Berliner Funkhaus.

Das Funkhaus lag in dem noch nicht von der Roten Armee eroberten Rest der Reichshauptstadt, und die Mannschaft des Senders saß unter der Erde, durch dicke Betondecken vor sowjetischen Granaten geschützt.
Am Abend meldete der Abhördienst, der Reichssender Hamburg verbreite die Nachricht, Hitler sei gefallen, und Dönitz sei als Reichspräsident sein Nachfolger.
Von den Ereignissen in der Reichskanzlei hatten wir, obwohl nur wenige Kilometer entfernt, keine Ahnung.
Das Funkhaus hatte in jenen Tagen einen Kampfkommandanten.
Als wir uns fragten, ob der Krieg nun weitergehe oder nicht, belehrte er uns: "Vom Kriegsende kann keine Rede sein. Der Führer hat den Weg freigemacht, damit wir jetzt mit den Amerikanern und den Engländern verhandeln und gemeinsam gegen Moskau marschieren können."
Diese Aussicht begeisterte niemand.
Doch was sollte der Kampfkommandant anderes sagen, da er doch mit dem SS-General August Heißmeyer (SS-Obergruppenführer und Inspekteur der "Nationalpolitischen Erziehungsanstalten"; vgl. auch kuckuck 35/36 - kkk) und dessen Ehefrau Gertrud, der Reichsfrauenschaftsführerin Gertrud Scholtz-Klink, zwei ziemlich prominente Vertreter des Regimes in seinem Befehlsstand beherbergte.
Daß er mit seiner Durchhalteparole richtig lag, erwies sich, als kurz darauf aus der Zentrale des Festungskommandanten ein Anruf kam: "Wir kapitulieren nicht und brechen um Mitternacht aus über Spandau, Nauen in Richtung auf Hamburg. Der Ausbruch steht unter der Leitung von Reichsleiter Bormann."...
Wie ich heute weiß, hat mich der Sekretär nicht geführt.
Ich hatte Glück, kam aus Berlin heraus und war 1946 in Nürnberg.
Gleich nach dem Ende des Prozesses gegen die überlebende NS-Prominenz besuchte ich als junger Journalist den freigesprochenen und eben aus der Haft entlassenen Hans Fritzsche, des Reichspropagandaministers rechte Hand im Rundfunk (343f.).
Artur Axmann, der letzte Reichsjugendführer des Dritten Reiches, hatte mir schon verschiedentlich zu zeitgeschichtlichen Themen Informationen gegeben, und ich kannte auch seine Aussage zum Fall Bormann bei den alliierten Geheimdiensten.
Wir fuhren gemeinsam zum Lehrter Bahnhof.
Er zeigte mir die Stelle, wo er Bormann und den Hitler-Begleitarzt Ludwig Stumpfegger leblos - er sagte bewußt nicht tot, denn "ich bin kein Mediziner" - auf der Straßenbrücke hatte liegen sehen, und er beschrieb genau, was sich zuvor abgespielt hatte.
Da Axmann beide Männer gut gekannt hatte, war auszuschließen, daß er sich in den Personen getäuscht hatte. Ich glaubte ihm auch, daß er nicht etwa log, um einen lebenden Bormann vor weiteren Verfolgungen zu schützen, denn die beiden waren sich spinnefeind gewesen... (345).

Das faschistische Syndrom in Europa ist gewiß sehr komplex. Aber die authentische historische Fortsetzung des 1945 untergegangenen Hitler-Nazismus ist der von Axmann, Naumann, Griesmayr, Schenke... repräsentierte Nachkriegsunterwanderungsfaschismus.

Im Gegensatz zur gewöhnlich in der Bundesrepublik veröffentlichten Meinung führte diese authentische Linie jedoch nicht über die christlichen Parteien.

Das hat bereits der vertrauliche Bericht der FDP-Kommission (Neumayer, Dehler, Onnen) über die Naumann-Affäre ausgedrückt (Bericht vom 5.6.53, dokumentiert in kuckuck 42e-h).

Wir verfolgen nicht ehemalige Nazis, was ohnehin unsere Kraft überfordern würde, sondern die politischen Spuren eines zukunftsorientierten, organisierten realen NS-Faschismus in der Bundesrepublik Deutschland.

Es handelt sich nicht um die Entdeckung dummer Jungens in Lederjacken, die alte Naziuniformen, Hitler-Bilder und Goebbels-Schallplatten sammeln.

Hier geht es um ehemalige Spitzenfunktionäre der NSDAP, die nach dem Kriege in der Bundesrepublik ihren Weg gegangen sind und niemals ihre politischen Ziele aufgegeben haben.

Wer etwas anderes glaubt oder zu glauben vorgibt, ist ihr Komplize oder ein Dummkopf.

Von Wolf Schenke liegt der politische Lebensweg mehr oder weniger offen, seit über fünfzig Jahren hat der Mann publiziert und Literatur hinterlassen.

Exemplarisch ist auch Gottfried Griesmayr. Wie Axmann gehörte er zum Freundes- und Fördererkreis der Neuen Politik.

Gottfried Griesmayr, Jahrgang 1912, hatte im Dritten Reich hohe Funktionen innerhalb der NSDAP und der HJ; zuletzt war er (bis 1945) Chef des Amtes für Weltanschauliche Schulung in der NS-Reichsjugendführung; er war Verfasser einer Broschüre Unser Glaube, einer quasi-religiösen Verherrlichung des NS und einer Schrift Das völkische Ideal (1944), verfaßt von ihm als Mitglied im Ausbildungsstab für Führungsoffiziere der Wehrmacht.
Die Schrift war nur als Manuskript gedruckt und ausschließlich für NS-Führungsoffiziere bestimmt.
In diesem Buch findet sich eine in höchsten Tönen gehaltene Verherrlichung des "von Gott gesandten" Führers, Adolf Hitler, und eine ebensolche Verherrlichung des Rassegedankens sowie im Stürmer-Stil gehaltene Angriffe auf das Judentum,

lesen wir bei Arno Klönne (vgl. kuckuck 45a-d, S. 100ff.).

Es zeugt, nebenbei, für Knapps verlogene Argumentation, daß er diese "völkischen" Quellenwächter nicht nur verschont, sondern mit ihnen gemeinsam "Friedens"-Politik betreibt und dabei linke Leute wie Rudi Dutschke und Peter Brandt, mögen sie auch sonstigen Blödsinn verzapft haben, als "Völkische" denunziert.

Griesmayrs Weg fand nur scheinbar 1945 ein Ende.

Nach 1945 war er zeitweise interniert, dann aber wieder politisch und publizistisch tätig: so war er Mitherausgeber der Europa-Briefe, Vorstandsmitglied (1950/52) der Deutschen Union (in der auch August Haußleiter, bis zum letzten Jahr einer der Vorsitzenden der Grünen, tätig war), die um eine Sammlung nationaler Gruppen bemüht war.
Später ging Griesmayr zum BHE über und war dort im Landesvorstand Baden-Württemberg. Zeitweise war er auch Mitarbeiter der (später wegen sogenannter Ostfinanzierung aufgeflogenen) Zeitung Nation, dann Redakteur der Zeitschrift für Geopolitik.
Ab 1954 arbeitete er bei der Tagespresse, war lange Jahre Chefredakteur der Cannstatter Zeitung und ab 1972 Mitglied der SPD (Klönne, a.a.O.).

Daß Griesmayrs SPD-Mitgliedschaft keineswegs für einen gewandelten Griesmayr, dafür um so eher für eine nicht mehr wiederzuerkennende, einst ja sozialdemokratische Partei Zeugnis ablegt, ergibt sich schon aus dem aktuellen Anlaß für Professor Klönne, sich mit Griesmayr zu beschäftigen.

Wir zitieren nämlich aus einem Gutachten Klönnes, das er im Auftrage der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften angefertigt hatte (a.a.O.).

Es ging um die Beurteilung eines Buches über die Hitler-Jugend. Der Antrag auf Indizierung war vom Jugendamt der Stadt Köln am 17.März 1980 gestellt worden.

Das überprüfte "Sachbuch": G. Griesmayr/O. Würschinger, Idee und Gestalt der Hitlerjugend; Druffel Verlag, 1979.

Klönnes Gutachten war für die Indizierung durch die Bundesprüfstelle ausschlaggebend.

Bereits 1946 stand Griesmayr mit zwei Büchern aus dem Jahre 1944 auf der Liste der auszusondernden Literatur (Der Führer zu deiner Verpflichtung; Weltanschauliche Mitteilungen).

Ein gerader Weg, der sich nicht nur mit der Neuen Politik, sondern auch mit der von FDP und SPD Anfang der siebziger Jahre aufs Tapet gebrachten "Neuen Ostpolitik" verträgt.

Griesmayr wird wissen, warum er 1972 der SPD beitrat und nicht schon zwanzig Jahre früher.

In der sowjetischen Perspektive ist Hitler vor allem der Verräter am Freundschaftsvertrag von 1939.

Die Wiederbelebung der NS-sowjetischen Freundschaft - gleichsam unter Umgehung Hitlers - ist die Essenz der sowjetischen Deutschland- und Friedenspolitik: unter den veränderten Bedingungen nach der Niederlage der Nazis von 1945 und den neuen europäischen Gegebenheiten infolge der Gründung zweier deutscher Staaten.

Das heißt, und insofern wurde die bei Gehlen erwähnte Bormann-Perspektive einer ostorientierten Refaschisierung Gesamtdeutschlands hinfällig, daß der westdeutsche NS-Faschismus eine Zukunft hat, wenn er auf die DDR verzichtet.

Der auf diese Weise von Moskau zugleich uminstrumentierte Nationalsozialismus in der BRD richtet seine Spitze jetzt gegen das westliche Europa.

Oder genauer: er lenkt von seinem Interesse am westlichen Europa ab, indem er seine aggressive Spitze zunächst gegen die USA richtet.

Die Einschätzung des neuen NS-sowjetischen Bündnisses wird durch den Vergleich mit dem politischen und moralischen Charakter des NS-sowjetischen Freundschaftspaktes auf den Trümmern des geschändeten Polens anno 1939 erleichtert.

Ja, ohne diesen Vergleich, ohne Beachtung und reflektive Erkenntnis der strukturell ähnlichen Situation besteht die Gefahr, daß sich auch des weiteren eine Entwicklung quasi wiederholt, deren Verhinderung das Versprechen von 1945 war.

Wir haben im kuckuck schon früher auf das offenkundige Interesse der westdeutschen Rüstungsindustrie hingewiesen, aus Gründen, die mit den bündnispolitisch bedingten Produktions- und Lieferungsbegrenzungen auf dem internationalen Waffenmarkt zusammenhängen, die NATO zu verlassen, d.h. sich im Endeffekt von den US-Amerikanern produktionspolitisch abzukoppeln.

Der Flick-Konzern scheint mir genau in dieses Schema zu passen.

Interessant an der Parteispenden-Affäre ist weniger das Geld, das an die Parteien ging, als vor allem die Affäre selbst: eine der für die Bundesrepublik so typischen großen Erschütterungsaffären, nach denen es nicht mehr so ist, wie es vorher war, obwohl doch vieles wiederum beim alten geblieben ist.

Auf die Frage, wem nützten die Spenden, mag die Antwort stimmen: in starkem Maße den Unionsparteien und vor allem der FDP. In einem geringeren Maße der SPD, aber doch auch ihr.

Man kann sagen, die Parteien taugen alle nichts - oder die ganze Spendengeschichte ist in einem kapitalistischen Staat überhaupt nichts Ehrenrühriges, wird bloß hochgespielt.

Wer spielt hoch?

Da wird's schon ein bißchen zwielichtig. Man hat nicht den Eindruck, daß etwa der Spiegel und der stern die reinen Häschen wären. Und die TV-Medien dazu. Da kämpft wohl eher eine Mafia gegen eine andere Mafia. Oder es gibt gar nur eine.

Die Affäre wurde vom Flick-Konzern initiiert, indem er zahlte unter juristisch fragwürdigen Umständen - und dann dieselbe Sache platzen ließ!

Brauchitsch-Flick haben in erster Linie Öffentlichkeitsarbeit geleistet - und die schadet merkwürdigerweise am wenigsten jener SPD/FDP-Koalition, und ganz und gar nicht der Fortsetzung ihrer Politik, unter deren Federführung seinerzeit der Millionen-Steuer-Skandal über die Bühne lief.

Die Affäre schadet - jedenfalls nach tonangebender Öffentlichkeitsbearbeitung - vor allem dem demokratischen Bewußtsein.

Diese "Affäre" hat, so gut es irgend ging, und es ging meistens gut, alle Spuren, die nicht in Richtung CDU/CSU/FDP (FDP nur nach dem Koalitionswechsel) wiesen, ausgespart.

Das erinnert formell ein bißchen an den Reichstagsbrandprozeß, der alles außer acht ließ, was die Nazis hätte belasten können.

Wie die Aufhellung eines Skandals abläuft, gibt auch Aufschluß über die Machtverhältnisse im Lande.

Der Katholik Barzel war plötzlich vom Fenster weg. Das zählt. Geklärt ist nämlich gar nichts. Nicht einmal, wer Jenninger ist.

Die Trennung vom Westen - vor allem von den USA - ist auf demokratischem Wege gewiß nicht zu haben.

Die große Mehrheit der Bevölkerung, ich habe das auch erst allmählich begriffen, hat in dieser Hinsicht aus der Geschichte ihre Lehren gezogen.

Und genau daraus resultiert die systematische Entdemokratisierung und Faschisierung der alternativen, linken, grünen usw. Szene.

Diese Szene kommt über die Prozente, die früher die NPD, die verschiedenen mittelständischen Splitterparteien zusammen mit den linken Wählergruppen als Gesamtprotestwahl-Potential erreichen konnten, nie wirklich hinaus.

Es bedarf vieler un- und antidemokratischer Anstrengungen, Affären, Kampagnen, gezielter Gewalteinsätze und ihrer kräftigen medienpolitischen Unterstützung, um diese Tatsache zu verschleiern.

Erst mit der SPD, die weiterbesteht, obwohl es sie gar nicht mehr gibt und an ihre Stelle so etwas wie eine neue NSDAP getreten ist (ob mehr oder weniger demokratisch, ist lediglich eine Frage des propagandistischen Stils), erst mit dieser SPD könnte es gelingen, aus dem Engpaß herauszukommen.

Freilich verliert auch die SPD in dem Maße das Vertrauen der Wählerschaft, wie sie zu erkennen gibt, daß sie ihre Westorientierung zugunsten einer Ostorientierung bereits aufgegeben hat.

Solange dieser Vorgang mit einer Reduzierung der SPD-Wahlstimmenerwartung einhergeht, ist für die Demokratie in der Bundesrepublik unmittelbar die Gefahr nicht so groß.

Aber mittelbar ist mit einer Brutalisierung der außerparteilichen Auseinandersetzungen zu rechnen.

Die bewußte Umorientierung ist einerseits demokratisch nicht zu erlangen, steht andererseits jedoch unter einem enormen Druck von seiten der Sowjetunion - und das heißt im Innern: unter der massiven Bürgerkriegsdrohung durch das vielfarbige Bündnis-Konglomerat des, wie ich es hier genannt habe, authentischen NS-Nachkriegsfaschismus.

Einer demokratischen Linken, sofern es sie da und dort vereinzelt, unorganisiert und individuell gereift im Lande gibt, bleibt keine andere Wahl, als in kritischen Situationen zusammen mit den demokratischen Resten in den Parteien diesen Faschismus-Gefahren entgegenzuwirken.

Rudolf Bahros jüngste Vergleiche der Grünen mit der NSDAP sind womöglich auch als ein Wink aus der DDR zu enträtseln.

Es ist zu überlegen, ob das hier so bezeichnete NS-sowjetische Komplott in jeder Phase zugleich im Interesse der DDR sich konstituiere.

Europa, die Demokratien im Westen, die stimmlosen Demokraten im Osten... Europa kommt jetzt auf den Prüfstand.

Nach der individuellen Kritik muß man suchen in Deutschland.

Meist tritt die kritische oder oppositionelle Meinung organisiert und in Rudeln auf, als Kumpanei.

Was macht's, daß Bubi Scholz seine Frau umgebracht hat, man muß nur einen guten Richter finden, und eine gute Presse, der deutsche Boxsport steht auf dem Spiel.

Und Prominenz. Wie war das bloß, als der türkische Arbeiter mit einer Pistole in den Kreuzberger Frauenladen raste...

Ich sehe nur Cliquen und, was viel schlimmer ist, Cliquenbewußtsein. So entstehen auch Vorurteile.

Beim la fleur-Verlag (Tiergartenstraße 4, D-4150 Krefeld) erschien 1984 ein schöner Taschenband - Günter Lambertz: Demokratie oder Eliteherrschaft? Sind die Bürger nur Statisten?

Auf dem Gebiet erwarte ich bald nichts anderes als Bekenntnisse gegen Demokratie und Parlament.

So war ich überrascht, in dem Autor einen sehr kritischen, überdies beschwingten und kurzweiligen Schriftsteller zu entdecken, der bei allem Für und Wider sich seine demokratischen Grundsätze nicht nehmen läßt.

Ja, er ist zuversichtlich:

Ist die herrschende Elite nicht bereit, sich den Wünschen des Volkes anzupassen, wird sie über kurz oder lang - mitunter kann es auch sehr lang dauern - aber doch wegzirkuliert werden, selbst bei stärksten Unterdrückungsmaßnahmen.
Daran vermögen auch die von allen Diktaturen verfolgten Umerziehungsanstrengungen nichts zu ändern (152).

Nein, nein, er macht es sich nicht leicht. Ausgehend vom klassischen Demokratieverständnis und von klassischen Elitetheorien (Pareto, Mosca, Michels), beschäftigt er sich eingehend mit dem Problem der "demokratischen Eliteherrschaft".

Spott über den spanischen Philosophen Ortega y Gasset (1883-1955):

Daß er sich selbst nicht zu denen zählt, die "zuviel" sind, versteht sich von selbst.
Er war schon vorher da, und dann kommen alle diese blöden Massenmenschen und nehmen ihm den Platz weg. Aber nicht nur er ist betroffen, sondern - na, wer schon? - auch die Eliten.
Die Massen erscheinen nämlich "gerade an den vornehmsten Stellen, die, als verhältnismäßig verfeinerte Schöpfungen der menschlichen Kultur, vorher ausgewählten Gruppen, mit einem Wort den Eliten vorbehalten waren".
Kennzeichnend für die Eliten ist ein "... Wunsch, eine Idee, ein Ideal, das vermöge seines eigenen Wesens die große Zahl ausschließt. Um eine Elite, sei sie wie immer, zu bilden, ist es notwendig, daß sich zuvor jeder einzelne aus besonderen, verhältnismäßig persönlichen Gründen von der Menge trennt".
Heute würde man sagen: Kennzeichnend für eine Elite ist ein elitäres Bewußtsein.
Denn mehr ist es ja tatsächlich nicht, und zwar in der schlechtesten aller möglichen Bedeutungen.
Wenn etwas vorher für einzelne gut und schön war (zum Beispiel ins Theater gehen oder am Strand liegen), dann hat das auch noch beziehungsweise erst recht zu gelten, wenn endlich jeder dazu in der Lage ist.
Ortegas hochmütige Distanzierung von der Masse ist nur ein Beispiel von vielen, "...unterscheiden will sich jeder gern".
Das erklärt für Lothar Baier auch den großen Erfolg dieses Buches: "Denn das war Ortegas genialer Dreh: Er gab jedem seiner Leser das Gefühl, allein dadurch, daß er nach Der Aufstand der Massen griff, zu den besseren aller Stände im Land zu zählen. Masse, das waren die andern."
Die Selbsteinschätzung der Wertelite bringt also nur hochnäsige Wichtigtuer hervor.
Wie steht es aber mit der Fremdeinschätzung?...
Mir scheint der Begriff der Wertelite ganz und gar unbrauchbar und unnütz zu sein, suggeriert er doch eine Einheitlichkeit der "sinngebenden Klasse".
Eine solche existiert in der Bundesrepublik Deutschland Gott sei Dank nicht.
Jeder soll seine persönlichen Vorbilder, Idole und Wertegeber haben, rational vermittelbar sind bestimmte Vorlieben nicht.
Deshalb erscheint die Förderung einer Wertelite auch von vorneherein zum Scheitern verurteilt.
Was aber haben dann die Eliteförderer unserer Zeit im Sinn? (74ff.).

Fragen und Pferdefüße genug.

Demokratieverständnis ist wahrscheinlich mit einem geläuterten Geschichtsverständnis eng verknüpft.

Der Faschismus in Deutschland brachte es mit sich, daß die Jugend sich ihre Väter und Großväter kaum zum Vorbild nehmen konnte.

Wenn eine Generation ganz neu anfangen muß, besteht die Gefahr, daß gerade sie die alten Fehler wiederholt.

Meist werden solche Fehler, die einfach aus Unwissenheit und mangelnder Erfahrung, schließlich in Abwesenheit beziehungsweise bei Nichtexistenz fähiger und vertrauenswürdiger Lehrer begangen wurden, erst erkannt, wenn es zu spät ist.

Erst aus den eigenen Fehlern klug zu werden, das ist gewiß keine politische Weisheit; denn die menschliche Geschichte hat einen so weiten, belichteten Weg hinter sich, daß alle Fehler nur noch Wiederholungen sein können, die man, bei genauerer Kenntnis, leicht hätte vermeiden können.

Konrad Adenauer, der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, war bereits ein erfahrener Politiker und bejahrter Mann, als er 1949 sein Amt in Bonn antrat.

In den ersten Jahren nach der Staatsgründung ging es den Bürgern vor allem um eine Besserung und Sicherung des materiellen Lebens, und das war, wie man schnell sehen konnte, im politischen Westen eher zu erreichen als im Osten.

Das hatte Gewicht. Und Gewicht hatte auch, daß das tägliche Leben in der Bundesrepublik nicht den Reglementierungen unterworfen war, die das Leben im Osten so trostlos machten.

Da war's verboten, bestimmte Haarschnitte und modische Garderobe zu tragen, wenn's nur irgend nach "dekadentem Westen" aussah.

Jazz-Musik durfte weder gespielt noch gehört werden.

Das alles war dem, was 1945 geendet hatte, doch sehr ähnlich.

Von der bekannteren Unterdrückung und Verfolgung jeder freien Meinungsäußerung ganz zu schweigen.

Wer damals im Osten wohnte und die Nazizeit erlebt hatte, dem konnte schon die rein äußerliche Verwandtschaft der beiden Beherrschungsformen nicht entgehen.

Das forsche Auftreten derer, die eine Funktion hatten, das Uniformierte und Militarisierte, Organisierte allüberall, von den neuen Jugendverbänden und Massenorganisationen bis zur allerhöchsten und alles wissenden, immer Recht habenden Partei, die einem auch vorschrieb, was und wie man zu denken hatte.

Es gab KZ-Lager, das plötzliche Verschwinden von Leuten aus der Nachbarschaft, das nächtliche Klopfen an der Wohnungstür, Verhaftungen, Verschleppungen.

Die heutige DDR hat, verglichen mit damals, inzwischen so etwas wie einen Prozeß der Verwestlichung durchgemacht, was das äußere Bild betrifft.

Weitere Anpassungen des Ostens an den Westen, auch struktureller Art, scheinen in der Natur bestimmter ökonomisch-technologischer Notwendigkeiten zu liegen. Das ist jetzt nicht unser Thema.

Es gibt einen, wie ich finde, sehr lehrreichen Anlaß für diese Erinnerungen: Konrad Adenauer, genauer:

Adenauer. Rhöndorfer Ausgabe. Teegespräche 1950-1954. Bearbeitet von Hanns Jürgen Küsters. Herausgegeben von Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz. Siedler Verlag 1984.

In der Presse ist darüber ausgiebig berichtet worden.

Augstein teilte mit, daß er zu Adenauers Teegesprächen niemals eingeladen worden war.

Ich muß sagen, daß ich von Adenauer nicht den Eindruck gewinnen konnte, daß er mir in der zentralen Frage meiner gesellschaftspolitischen Vorstellungen weiterhülfe, da mußten mir die Sozialdemokraten und vor allem die Kommunisten ihrem theoretischen und historischen Anspruch nach viel näher stehen.

Aus so einer existentiellen Zwickmühle, denn die Verhältnisse, nicht wahr, die waren ganz anders, läßt man von der praktischen Politik und vergewissert sich erst einmal gründlich in der Literatur, um schließlich in der deutschen Philosophie zu landen, aus der mich gewissermaßen erst wieder die Psychoanalyse befreite.

Praktische Politik wird dabei zu einem Bühnenspiel, dem man als mehr oder weniger interessierter Zuschauer beiwohnt, ohne anders als mit dem Wort - gesprochen oder geschrieben - sich einzumischen, wo man's für angebracht hält.

Wer so lebt, dem ist die Luft dazu das Notwendigste.

Was für viele Leute vielleicht nur ein Schlagwort war, mit dem sie nichts anzufangen wußten, Freiheit, die, sich zu äußern in Wort und Schrift, die geistige, die Pressefreiheit, Grundfreiheiten als Menschenrecht, das war mir das Erste und Wichtigste.

Die konsequente Westintegrationspolitik Adenauers wurde in Berlin (und in der DDR) immer besser verstanden als in weiten Teilen der Bundesrepublik.

Seine Politik der Stärke war hier begriffen als lebensnotwendige Position einer Verteidigung gegen die Bedrohung durch eine aggressive Tyrannei, die sich in ihren administrativen Äußerungen gegenüber den Bürgern von der eben überwundenen Nazityrannei kaum unterschied.

Die damalige Politik der Sowjetunion in Osteuropa war dermaßen feindselig, undemokratisch und ohne jede Rücksichtnahme auf jene Menschenrechte, die einst auf ihren eigenen Fahnen standen, daß darüber schnell die Verbrechen der Nazis in den Hintergrund traten - zur Genugtuung der Nazis, die man seinerzeit vor allem in der Bundesrepublik vermuten mußte.

Sie sahen in Adenauer den "Separatisten" und waren zugleich bemüht, ihn an der Person "Globke" als gleichsam nazifreundlich festzumachen.

Das war natürlich Quatsch, aber so funktioniert ja bis heute die gängige Spiegel-Reklame.

Adenauers Außen- und Integrationspolitik, das wirtschaftliche, politische und schließlich auch militärische Bündnis mit den Westmächten - das war die Voraussetzung für alles andere.

Wer die Situation im Osten kannte, wußte es sehr genau.

Es ist auch anläßlich der Überlegungen, die wir hier im kuckuck seit Jahren anstellen, ratsam bis heilsam, sich jener Monate im Jahre 1952 zu erinnern, da Stalin den Westmächten (!) seine Neutralitätsvorschläge für Gesamtdeutschland machte.

Ich zitiere aus dem Wortprotokoll des Gesprächs (Nr. 26), das am 2. April 1952 mit geladenen Journalisten (insgesamt 13 Chefredakteure des Bundesgebietes) in Bonn stattgefunden hat:

(Adenauer) Die außenpolitische Lage ist nach meiner Meinung durch zwei Tatsachen sehr stark gekennzeichnet...
Das eine Moment, das für unsere außenpolitische Lage so wichtig ist, ist das Näherrücken der Präsidentenwahlen in den USA.
Diesen Präsidentenwahlen habe ich - und wahrscheinlich Sie auch - schon seit Monaten, seit längerer Zeit mit großer Besorgnis manchmal entgegengesehen...
...denn darüber müssen wir uns völlig klar sein, daß die Zukunft Europas durchaus abhängig ist von der Stellung der USA zu Europa und daß wenn die USA einen starken Wechsel in ihrer Europapolitik eingehen würden, daß dann für Europa eine äußerst gefährliche Zeit anbricht.
Das zweite Moment, was mir für die gegenwärtige Lage heute, um ein richtiges Urteil zu bekommen, sehr wichtig zu sein scheint, das ist die Tatsache, daß Sowjetrußland jetzt aus sich heraus diese Note an die drei Westmächte gerichtet hat.
Wenn Sie daran denken, daß noch vor Jahresfrist im Palais Rose in Paris monatelang sich Vertreter der drei Westmächte und ein Vertreter Sowjetrußlands oder mehrere Vertreter Sowjetrußlands gegenübergesessen haben und wenn Sie - ich war damals zufällig in Paris wegen der Verhandlungen über den Schuman-Plan - und wenn Sie dann von den westalliierten Vertretern die Schilderungen bekommen über die Art der Verhandlungen, wie man sich da gegenübergesessen hat, und keiner sprach ein Wort, und dann saßen sie da eine geraume Zeit und standen wieder auf und gingen weg, dann ist doch die Tatsache, daß Sowjetrußland eine solche Note an die drei Westalliierten richtet, sehr bemerkenswert.
Der Inhalt der Note hat mich wenigstens in keiner Weise überrascht.
Ich bin seit Jahr und Tag bei meiner ganzen Politik davon ausgegangen, daß das Ziel Sowjetrußlands ist, im Wege der Neutralisierung Deutschlands die Integration Europas zunichte zu machen, (im Wege) der Neutralisierung Deutschlands also die Integration Europas zunichte zu machen, (um) damit die USA aus Europa wegzubekommen und im Wege des kalten Krieges Deutschland, die Bundesrepublik, und damit auch Europa in seine Machtsphäre zu bringen.
Das hat Sowjetrußland noch Ende 1950, Anfang 1951, auf verschiedenen Wegen mehr diplomatischer Natur - nicht offiziellem diplomatischen Wege - versucht, aber Gott sei Dank mit Mißerfolg, und jetzt zum ersten Male geht Sowjetrußland dazu über, in einer Note diese Neutralisierung Deutschlands direkt den drei anderen vorzuschlagen und die drei anderen vor diesen Vorschlag zu stellen, damit sie eine Entscheidung fällen (226f.).
Ich erblicke demgegenüber in der Antwortnote einen sehr großen Fortschritt für Deutschland und für die europäischen Beziehungen.
Ich darf zunächst voranschicken, daß die Verhandlungen - das ist rein persönlich und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt -, daß die Verhandlungen, die ich mit Eden, Schuman und mit dem neuen amerikanischen Botschafter (James Clement Dunn - kkk) hatte, in einer Atmosphäre der Übereinstimmung und der Harmonie sich abspielten und daß auch Eden mir später im Gespräch sagte, er habe eines noch nie erlebt, daß eine internationale Konferenz in solcher "Einstimmigkeit" und in so kurzer Zeit zu Erfolgen geführt hätte.
Nun darf ich diese Erfolge für Deutschland speziell hervorheben.
Zunächst finde ich es als eine sehr wichtige Tatsache, daß in dem Eingangswort der Note ausdrücklich gesagt worden ist, daß die drei Regierungen die Bundesregierung und Berlin konsultiert haben, nicht nur, daß sie die Bundesregierung und Berlin konsultiert haben, ist wichtig.
Wichtig scheint mir auch zu sein, daß sie in der Eingangsnote das ausdrücklich erklären.
Sie hatten ja bisher keine rechtliche Verbindlichkeit, uns zu konsultieren in diesen Verhandlungen über Deutschlands Zukunft.
Sie werden die Verpflichtung wohl haben, wenn die beiden großen Vertragswerke, besonders der Generalvertrag, der das Nötige enthält, unterschrieben sind.
Aber mir ist erklärt worden von englischer und auch von amerikanischer Seite, daß sie sich jetzt schon moralisch verpflichtet fühlten, uns zu konsultieren bei Verhandlungen mit Sowjetrußland über die Zukunft Deutschlands.
Das ist das eine Bemerkenswerte - lassen Sie mich das deutlich hervorheben -, um dadurch auch gegenüber Sowjetrußland klar und eindeutig zu erkennen zu geben: "Wir sprechen mit Dir über die Zukunft Deutschlands nur nach Konsultierung der Bundesregierung und Berlins."
Das zweite sehr Wichtige ist, daß dort die Frage der Wahlen, nicht nur der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands, sehr stark unterstrichen ist, als das Ziel der drei westalliierten Mächte dargestellt ist, und daß auch nochmals sehr stark betont ist die Frage der Wahlen, denn das ist wohl das Allerwesentlichste.
Ich glaube, meiner Erinnerung nach haben zum ersten Male hier die drei Westalliierten in einem offiziellen Dokument und mit solchem Nachdruck erklärt, daß sie einer Neutralisierung Deutschlands nicht zustimmen werden.
Das ist ein Faktum, das man gar nicht hoch genug werten kann.
Ich habe eben schon gesagt, mir hat die Absicht, Deutschland zu neutralisieren, in der Vergangenheit manche große Sorge gemacht, denn sie hat doch in manchen politischen Kreisen, nicht schwachen politischen Kreisen, eine große Rolle gespielt, nämlich auch bei den Westalliierten (229f.).
Ich habe den Eindruck, als wenn in Deutschland gewisse Dinge künstlich konstruiert werden, als wenn man den Fehler begeht, die Dinge nicht einfach genug zu sehen.
Wenn Sie die Dinge ganz einfach und real betrachten, dann haben Sie, und damit möchte ich zur ersten Frage kommen, folgende Möglichkeit: Wir wollen die Wiedervereinigung Deutschlands in Freiheit.
Die erste Frage ist: Können wir diese Wiedervereinigung durch uns allein erreichen? Eine Frage, die jeder mit Nein beantworten wird.
Die zweite Frage ist die: Können wir die Wiedervereinigung erreichen, oder werden wir dadurch, daß wir irgendwie mit Rußland klar werden, indem wir auf die Frage der Neutralisierung eingehen (...) - ich glaube, jeder wird mit mir darin übereinstimmen: Die Wiedervereinigung Deutschlands in Freiheit ist mit Hilfe Sowjetrußlands nicht zu erreichen.
Wenn Sie diese beiden Fragen, diese beiden Möglichkeiten verneint haben, nämlich nicht durch eigene Kraft und nicht durch die Hilfe oder durch Sowjetrußland, dann bleibt ja nur noch übrig, daß wir sie nur erreichen können durch die Westalliierten, die uns das auch zugesichert haben.
Nun entsteht eine weitere Frage. Jetzt bitte ich Sie einmal, nicht nur zu denken in der Mentalität gewisser Kreise in Deutschland, sondern auch sich zu versetzen in die Mentalität der Westalliierten.
Dann entsteht die Frage: Können wir es uns in diesem Augenblick leisten, sagen wir einmal, an Sowjetrußland Fragen zu stellen?
Bitte bedenken Sie, was das heißt am 2. April 1952, in dem (Jahr, in dem) der neue Präsident in den USA gewählt wird, gleichzeitig dann dadurch, daß man diese Fragen stellt in der Erwartung, Sowjetrußland würde darauf ehrlich antworten - eine Erwartung, die ich in keiner Weise habe -, und wir dadurch eine Hinauszögerung veranlassen, und nun in bezug auf den für uns besten Präsidentschaftskandidaten (gemeint ist Eisenhower - kkk), wie soll dieser Kandidat dieses Minus mit in seine Kampagne hineinnehmen?
Wie sollen wir überhaupt diese Fragen an Sowjetrußland richten?
Wie sollen wir das machen?
Durch die Zeitung oder dadurch, daß wir uns an die SED wenden, dadurch, daß wir die Westalliierten bitten, diese Note an General Tschuikow zu übergeben?
Wie sollen wir das machen?
Ich halte das für völlig unmöglich.
Wenn wir kein Präsidentschaftswahljahr hätten, wäre (das) vielleicht zu überlegen, obgleich es nach meiner Auffassung, und ich glaube nach Ihrer aller Auffassung auch, so ist, daß wir niemals von Sowjetrußland eine ehrliche und zufriedenstellende Antwort bekommen können.
Die zweite Frage war die, ob es Krieg gibt.
Ich will es mir nicht so billig machen dadurch, daß ich Stalin zitiere. Ich hätte mir ja dafür Stalin aussuchen können, nämlich für die Beantwortung dieser Frage eine solche Erklärung abzugeben, wie er sie abgegeben hat. Ich bin aber unschuldig daran.
Anmerkung: Auf die Frage der amerikanischen Journalisten: "Ist ein dritter Weltkrieg gegenwärtig näher als vor zwei oder drei Jahren?" antwortete Stalin lediglich: "Nein, das ist nicht der Fall" (678).
Aber da liegt die Sache so, daß der Westen jetzt schon so stark ist, daß für Sowjetrußland die Möglichkeit, dieses Land zu bekommen, unversehrt, nicht mehr gegeben ist.
Sowjetrußland hat von einem zerstörten Deutschland nichts, sondern für Sowjetrußland ist Deutschland dann wertvoll, wenn es dieses Land mit seinem industriellen Potential und mit seinen Menschen unzerstört bekommt im Wege des kalten Krieges (240f.).

Beim selben Verlag erschien ein deutsches Geschichtswerk, dessen Besonderheit darin besteht, daß vier anerkannte Fachautoren in der Form der literarischen Erzählung und reich illustriert mitteleuropäische Geschichte anschaulich faßbar und zugleich wissenschaftlich fundiert einem unterschiedlich interessierten Publikum vorlegen.

Hartmut Boockmann, Heinz Schilling, Hagen Schulze, Michael Stürmer: Mitten in Europa. Deutsche Geschichte. Mit einem Vorwort von Wolf Jobst Siedler. Redaktion: Ditta Ahmadi. Wolf Jobst Siedler Verlag GmbH, Berlin 1984.

Ein paar Stichproben:

Teil des deutschen Schicksals war es immer gewesen, daß die Mittellage in Europa beides war: Versuchung und Verdammnis.
An der Versuchung zur Hegemonialmacht war Deutschland gescheitert, die Verdammnis der Teilung war vollzogen.
Adenauer hatte als Politiker der Weimarer Republik das Schwankende und Unbestimmte an der deutschen Außenpolitik der zwanziger Jahre zwischen Ost und West immer kritisiert.
Das wollte er nicht wiederholen, und wenn man seine Leistung lobt, Deutschland in den Westen geführt, die deutsch-französische Verständigung erreicht und das Mißtrauen gegen die unheimlichen Deutschen abgebaut zu haben, so wird man nicht gleichzeitig kritisieren dürfen, daß er nach Osten nicht bereit war, das Erreichte durch Verhandlungen mit ungewissem Ausgang immer wieder aufs Spiel zu setzen.
1952 hat er das vage Neutralitätsangebot für Deutschland, das Stalin den Westmächten machte, nicht ausgelotet.
Aber 1958, das weiß man heute, wäre Adenauer bereit gewesen, wenn die Sowjetunion eine neutrale Lösung für die DDR zugestand, wie sie 1955 Österreich gegeben worden war, alle Kriegs- und Nachkriegsgewinne der Sowjetunion in Osteuropa und den Status quo anzuerkennen.
Aber solche Vorstellungen blieben Sondierung und Vision und gewannen keine Realität.
Es war Adenauers Stärke, aber auch Ansatzpunkt der Kritik seiner Gegner, daß er die Deutsche Frage in einen europäischen Rahmen stellte.
Für den deutschen Nationalismus war dies schwer zu verstehen: Dem ersten Kanzler wurde Rheinbundneigung vorgeworfen.
In Wahrheit hat Adenauer die europäische Bedingtheit der Deutschen Frage und die Tatsache niemals vergessen, daß die Bundesrepublik ohne das Vertrauen ihrer Nachbarn nach Westen nicht handlungsfähig war und nach Osten hilflos.
Und wie Bismarck hat Adenauer bis zu seinem Ende unter dem cauchemar des coalitions gestanden, und er hatte Grund dazu.
War es denn ausgemacht, daß Frankreich nicht kommunistisch würde?
War es ausgeschlossen, daß Washington seine Truppen vom europäischen Kontinent zurückzog oder so weit verdünnte, daß Westeuropa allmählich in den Machtbereich der Sowjetunion geriet? (382f.- Stürmer).
Am 27. Februar 1933 brannte der Reichstag. War das das Fanal des Kommunisten-Putsches? So behaupteten die Nazis das Unwahrscheinliche.
War der Brand das Werk Görings? Oder ein makabrer Zufall und das Werk eines Geistesgestörten? Letzte Klarheit gibt es bis heute nicht.
Unzweifelhaft bleibt, wer Nutznießer des Feuers war. Am nächsten Morgen erging die Reichstagsbrandverordnung: Sie hob alle Bürgerrechte auf, sie war das Ende des Rechtsstaats.
Es war unter diesen Umständen erstaunlich, daß NSDAP und Deutschnationale am 5. März 1933 nur knapp die Mehrheit der abgegebenen Stimmen erhielten (342f.- Ders.).
Vorfahren der Deutschen: Kelten, Germanen, Römer (29 - Boockmann).

Vergessen: Juden, Slawen - und die Etrusker (auch, falls es noch Zweifel geben sollte, Österreicher genannt).

Was Deutschland sei, wußten die Deutschen zu Beginn der Neuzeit schwer zu sagen.
Man beschränkte sich mit der Festlegung daher gern auf die Geographie und die Sprache: "In unserer Zeit", erklärte der Humanist Sebastian Münster in seiner 1544 in Basel erschienenen Kosmographie, "nennen wir Deutschland alles, das sich der deutschen Sprache gebraucht..."
Fragen der politischen Zugehörigkeit und der Verfassung läßt der Kosmograph beiseite, weil sie zu kompliziert waren, als daß er innerhalb einer Weltbeschreibung eine befriedigende Antwort hätte geben können (120 - Schilling).
Den frühkapitalistischen Zeitverhältnissen entsprechend richtete sich die Kritik zunehmend gegen das Finanzwesen der Kurie.
Die Deutschen fühlten sich von der Habgier der Päpste ausgebeutet: "Und nehmen stets von Teutschen Geld,/Dahin ihr Prattik ist gestellt./Und finden täglich neuwe Weg,/Daß Geld man in den Kasten leg./Do kummen Teutschen umb ihr Gut./Ist niemand, den das reuen tut?"
Der Ritter, Humanist und Publizist Ulrich von Hutten faßte in diesen Versen die Stimmung propagandistisch zusammen.
An Luther gewendet fügte er hinzu: "Verfechten wir die gemeinsame Freiheit! Befreien wir das unterdrückte Vaterland!"
Natürlich meinte er eine andere Freiheit als der Reformator, und auch die römische Unterdrückung wurde von beiden Männern sehr verschieden erfahren.
Doch gerade dieses bald auch von den Bauern geteilte Mißverständnis beweist, wie explosiv die Kirchenfrage in Deutschland war (121 - Ders.).
... Krisen dieser Art, aufflammend und erlöschend im Gleichtakt der zyklisch wiederkehrenden Perioden von Mißernten und der damit verbundenen Getreide- und Brotpreis-Schwankungen, kannte man seit dem Mittelalter.
Neu war etwas anderes.
Die Krisen älteren Typs hatten sich im Rahmen einer fest gegründeten christlichen Normen- und Wertewelt abgespielt, die Rebellen ebenso wie Fürsten umfaßt hatte, und die Ordnung von Staat und Gesellschaft war daher kaum grundsätzlich strittig gewesen.
Jetzt aber trugen die alten Mythen und Sinngebungen nicht mehr; Gottesgnadentum und gutes altes Recht wurden unglaubwürdig.
Der Prozeß der Dechristianisierung Europas war seit Beginn des 18. Jahrhunderts in Gang gekommen, erkennbar nicht nur in der elitären Philosophie der Aufklärung, sondern auch als Wandel verbreiteter kollektiver Einstellungen, von den Beerdigungsbräuchen bis zur Geburtenkontrolle.
Nicht mehr an die göttliche Ordnung wurde geglaubt, sondern an das Recht des einzelnen auf Freiheit und Glückseligkeit.
Die Religion trat ihre Rechte an die Philosophie ab, und in deren Namen kam die gärende Unruhe Europas zu ihren Begriffen: Freiheit und Gleichheit sollten sein, die Idee der Volkssouveränität, von der allgemeinen Substanz der Staatsbürgerschaft, an der alle teilhaben, verband sich mit dem Gedanken Rousseaus, nach dem nur die Gesamtheit der Individuen, ihr Zusammenschluß zum Volk, als politisch handelndes Subjekt existieren könne.
Im Volk, in der Nation inkarnierte sich der Gemeinwille, vor ihm hatte sich alle Herrschaft zu rechtfertigen: Alles das war vernünftig, weil es natürlich war, und deshalb war die alte Welt, die Welt der Tyrannen, Priester und falschen Götzen, dem Untergang geweiht.
Das Heil lag nicht im Himmel, sondern auf Erden, und um es zu erlangen, bedurfte es nicht mehr als des Gebrauchs der Vernunft und einiger Entschlossenheit.
Und auch das Beispiel fehlte nicht. In Amerika erhob sich das Volk gegen die Tyrannei der britischen Krone und gründete ein republikanisches Gemeinwesen auf den Pfeilern von Freiheit, Gleichheit und pursuit of happiness, dem Recht auf Glückseligkeit (221f. - Schulze).

Ich möchte auf ein schönes Dokument aufmerksam machen und bei dieser Gelegenheit an einen nun schon über dreißig Jahre alten Bericht erinnern.

Günther Weisenborn: Der lautlose Aufstand. Bericht über die Widerstandsbewegung des deutschen Volkes 1933-1945. Copyright 1953 und 1954 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg. Taschenbuchausgabe rororo 507/508 im Oktober 1962. Das Werk entstand u.a. nach dem Material von Ricarda Huch und Walter Hammer.

Im Jahre 1942 geschah etwas Merkwürdiges.

Dr. Josef Müller, später bayrischer Justizminister und bekannt als "Ochsensepp", tat Dienst in der Münchner Abwehr, unmittelbar für General Oster, Chef der Zentralabteilung der Abwehr in Berlin, in engem Kontakt mit Hans von Dohnanyi, der rechten Hand Osters. (...)
Josef Müllers illegaler Auftrag lautete: Verbindung mit dem Vatikan halten, über den Vatikan die Möglichkeiten und Bedingungen für einen Frieden auskundschaften und festlegen.
Eine der hervorragenden Leistungen Josef Müllers ist sein sogenannter X-Bericht. Wäre damals der Staatsstreich gelungen, so hätte Deutschland dank seinem Mute und seiner Umsicht wahrscheinlich die Grenzen von 1938 behalten.
Im Oktober 1942 wird ein Mitarbeiter der Abwehr verhaftet, der bei den Vernehmungen durch die Gestapo nicht schweigt.
Was er aussagt, ist ungeheuerlich.
Es ist so ungeheuerlich, daß es selbst der SS-Obergruppenführer Müller, Chef der Gestapo-Abteilung IV, nicht ganz glauben kann.
Die Verhöre bringen folgendes ans Licht:
1. Die Verhandlungen Josef Müllers mit dem Vatikan.
2. Die Staatsstreichpläne von hohen Generalen in Verbindung mit der Abwehr.
3. Den Plan, das Führerhauptquartier durch ein bei Elbing stationiertes Panzerkorps überrennen zu lassen.
4. Den Attentatsplan Beppo Römers.
Beppo Römer war ein alter Freikorpsführer. Er war 1933 einige Monate im KZ. Nach dem Röhm-Putsch wieder verhaftet, wurde er im Columbia-Haus und in Dachau mißhandelt.
Nach der Entlassung konspirierte er auf eigene Faust und trat in Verbindung zu Geheimrat Kuenzer vom Auswärtigen Amt, der zum Solf-Kreis gehörte.
Mit den zu diesem Kreis gehörenden Dr. H. Mumm von Schwarzenstein und Nikolaus von Halem bereitete er ein Attentat auf Hitler vor.
Am 4. Februar 1942 wurde Beppo Römer verhaftet, kurz darauf Mumm von Schwarzenstein und Nikolaus von Halem. Sie wurden gefoltert und hingerichtet. (...)
Dies scheint die Gelegenheit für die Gestapo zu sein, endlich die mißtrauisch beobachtete Abwehr auszuräumen und diesen Nachrichtenapparat der Wehrmacht unter die eigene Macht zu bekommen.
Dohnanyi und Josef Müller werden verschärft beobachtet. Die Akten der bisherigen Untersuchung werden dem Oberstkriegsgerichtsrat Roeder* zugeleitet. Es ist November 1942 (117).

*Der Name taucht auch in unserer Zeit in Gestalt des Sohnes, des rechtsradikalen Anwalts und selbsternannten "Reichsverwesers" Manfred Roeder, einst "Napola"-Zögling, wieder auf. - kkk

Axel von Harnack schrieb über den als Staatsanwalt fungierenden Roeder: "Nie wieder habe ich von einem Manne so ausgesprochen den Eindruck der Brutalität empfangen. Es war ein Mensch, der eine Atmosphäre von Furcht um sich verbreitete..." (195).

Im Mai 1952 beschäftigte sich der Hamburger Journalistenverband mit einer Hetzschrift, die der Dr. Roeder (Vater) verbreiten ließ. Es ging um die Rote Kapelle. Im Mitteilungsblatt der Journalisten wird Roeder mit Freisler in einem Atemzug genannt (193).

Doch nun zu dem schönen Dokument; es bestätigt einmal mehr die Wahrheit des Benjamin-Wortes, daß uns die Hoffnung gegeben sei um der Hoffnungslosen willen.

Günther Weisenborn, Joy Weisenborn: Einmal laß mich traurig sein. Briefe, Lieder, Kassiber 1942-1943. Herausgegeben von Elisabeth Raabe unter Mitarbeit von Margarete Joy Weisenborn. Arche Verlag AG, Raabe+Vitali, Zürich 1984.

Aus ihrer Zelle am Alexanderplatz schreibt Joy am 6. Januar 1943 an ihren Mann ("Pitt"):

... Ich stand hinter meinem Gitterfenster, und als die Glocken anfingen zu läuten, hab ich ganz laut gerufen: Auf unsere Freiheit! Hast Du es gehört? Und Du warst ganz nah bei mir, unsere Wünsche gingen dann als einer in den Himmel hinein... (50).

Er an sie aus seiner Zelle in der Prinz-Albrecht-Straße am 4. Februar 1943:

Zum ersten Mal seit sechs Wochen darf ich Dir wieder schreiben... Als ich Dich jetzt gesehn habe, hat mir den ganzen Tag beim Schreiben die Hand gezittert... ... meine kleine, tapfere, unwiderrufliche Schicksalsfrau... Ich möchte Dich am liebsten in ein großes Tuch wickeln, Dich auf den Arm nehmen und weit weg tragen, wo Sonne und Frieden ist... (56).

Zwei Tage später schreibt er an sie:

... Gestern beantragte der Reichskriegsanwalt den Tod für mich. Heut war mein letztes Wort, das Urteil lautete auf drei Jahre Zuchthaus wegen "Nichtanzeige eines Verbrechens". Das war heute um zwei Uhr. Um vier war ich in meiner Zelle, lief auf und ab und bin noch nicht klar. Ich lag die Nacht gefesselt. Ich war sehr ruhig. Im letzten Wort sprach ich auch von Dir, von Deiner Tapferkeit in Frankreich und Sizilien. Ich muß mich erst sammeln. Ich bin sehr müde. Und sehr einsam. Es waren die schwersten Tage meines Lebens. Ich hab Dir nichts davon geschrieben, daß ich vorgeladen bin. Du hättest Dir nur Sorgen gemacht. Ich war schweißgebadet (59).

Sie an ihn am 16. Februar 1943:

... Ich komme zu Dir, ich setze mich auf Deine Pritsche und lache Dich an. Nicht traurig sein, mein Pitt! Du wirst ja geliebt!... Aber es wird kommen der Tag, ganz bestimmt, ich glaube fest daran (65).

Unterschrieben war der Brief mit "Dein gefangenes Joyken".

Günther Weisenborn berichtet, wie er nach dem Krieg mit Bert Brecht den Gestapokeller in der Prinz-Altrecht-Straße aufsuchte.

Geschichte wird nicht nur literarisch und historiographisch, sondern auch städtebaulich, architektonisch aufgearbeitet.

Eine der großartigen Leistungen nach dem Kriege war der Wiederaufbau der völlig zerstörten alten Stadt Warschau; auch in Dresden ist auf dem Gebiet der Wiederherstellung historischer Kunstgüter Beachtliches zuwege gebracht worden.

Während in der Bundesrepublik die Erhaltung und restaurative Behandlung alter Bauwerke nicht selten touristischen Zwecken dient, wobei die provinzielle Fassadenfürsorge in der neueren Westberliner Phantasiebauweise eine satirische Krönung erfuhr, ist der städtische Wiederaufhau in den östlichen Staaten unter prinzipiell anderen Gesichtspunkten realisiert worden.

Der Touristik-Gedanke spielt natürlich auch mit hinein, steht jedoch nicht im Vordergrund.

Die in der Regel schwerpunktmäßig vollzogenen Wiederherstellungsakte - oft genug bei Vernachlässigung des kommunalen Wohnungsbaus in den weniger zentral gelegenen Stadtbezirken - konzentrierten sich auch nicht zufällig auf repräsentative Bauten monarchischer Herkunft.

Die absoluten Herrscher Preußens und Sachsens ließen es sich nicht nehmen, der Nachwelt architektonische Zeugnisse königlicher Verfügungsgewalt zu hinterlassen.

Gewisse Affinitäten in der Ausübung ungeteilter Staatsmacht lassen sogar den "Palast der Republik" und das alte Berliner Schloß, dessen Ruinen nach dem Kriege abgerissen wurden, auswechselbar erscheinen.

Der Vorgang, daß das eine verschwand, um dem andern Platz zu machen, könnte sich, unter selber Flagge wohlweislich, durchaus wiederholen.

Ich möchte darauf keine Wette abschließen, auch habe ich mir diese Vorbemerkung nicht zur "antisozialistischen" Pflicht gemacht, vielmehr erwäge ich, ob die alte Erfahrung, daß die Architektur eines Landes zweifellos etwas über die innere demokratische Qualität seiner Gesellschaft aussagt, hier erneuert werden kann...

Je imposanter und "souveräner" der Bau, desto kleiner der Mensch.

Wo der Staat sich der Dinge annimmt, mit denen sich normalerweise die Bürger selbst die Zeit vertreiben, da besteht halt immer die Gefahr, daß aus Kunst Propaganda wird.

Und die kann ja erstklassig sein. Wo Monumente entstehen, entsteht auch die monumentale Sprache, sie zu beschreiben. Das Schauspielhaus in Berlin. Das ist ein Bauwerk. Das ist Geschichte. Das ist die Wiederherstellung eines Bauwerks. Eine Wiederherstellung - der Geschichte?

Der Generaldirektor der Baudirektion Berlin (DDR), Prof. Dr.-Ing. Erhardt Gißke, hat es herausgegeben, beim VEB Verlag für Bauwesen ist es erschienen: Das Schauspielhaus in Berlin. Berlin, 1. Auflage 1984.

Ein herrlicher, ja herrschaftlicher Band mit wunderschönen Farbtafeln, Skizzen, Entwürfen, Fotos...

Und zwei Wahlsprüche:

Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben, bewahret sie!

Von Friedrich Schiller.

Und:

Historisch ist nicht, das Alte allein festzuhalten oder zu wiederholen, dadurch würde die Historie zugrunde gehen; historisch handeln ist das, welches das Neue herbeiführt und wodurch die Geschichte fortgesetzt wird.

Von Karl Friedrich Schinkel.

Große Worte, große Worte; man ist versucht, an ihnen zu messen.

Hernach folgt ein Vorwort des Generaldirektors, Prof. Dr. Dr. h.c. Erhardt Gißke. Erster Absatz:

In der Deutschen Demokratischen Republik erlangen Kultur und Kunst im alltäglichen Leben eine zunehmende Bedeutung. Die Pflege und Erhaltung des kulturellen Erbes, seine schöpferische Aneignung und lebendige zeitgemäße Nutzung sind hohes gesellschaftliches Anliegen. So betonte der Vorsitzende des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik und Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Erich Honecker, zu Beginn der achtziger Jahre: "Wer die Aufgaben der Gegenwart meistern und sicher in die Zukunft schreiten will, der braucht das Wissen um die Erfahrungen der Vergangenheit und das Erleben ihrer kulturellen Werte."

Das Wissen um... Bis in die kleinsten Redewendungen hinein gibt es da Ähnlichkeiten. Es folgen zwei weitere oder auch drei bombastische Absätze, ein übersichtliches Inhaltsverzeichnis und ein großräumiger Zwischentitel: Reiche und wertvolle Traditionen des Architekturensembles am Platz der Akademie.

Ist ja alles richtig, aber laßt doch endlich die Leute zu Wort kommen, die etwas davon verstehen und die Arbeit gemacht haben.

Hätte ich beinah übersehen: die Autoren des Bandes - ihre Namen stehen auf einem fast blinden Fleck einer linken Innenseite, die vornehmlich von dem breiten Hinweis auf den Herausgeber, den hatten wir schon, den mit den vielen demokratischen Titeln, eingenommen ist.

Endlich nun zu den zwei Männern, die das Werk auf die Beine gestellt, deren Namen nicht an den äußersten Rand, sondern in den Mittelpunkt gehören, denn Ehre, wem sie gebührt: Adalbert Behr und Alfred Hoffmann.

Ich hoffe, es hinreichend deutlich zu machen: Ich habe hier keine Makulatur geredet, sondern Makulatur, die das Werk verdeckt, zu zerreden versucht.

Daß die Autoren sich die Arbeit geteilt haben, ist klar. Aber offenbar gab's auch hierbei nicht Gleichheit, sondern noch einmal Über- und Unterordnung.

Worin Alfred Hoffmanns Arbeitsanteil bestand, einen Vermerk dazu habe ich bisher nicht finden können; während aus dem Anhang immerhin herauszulesen ist, daß Adalbert Behr die Kapitel "über die reichen und wertvollen Traditionen des historischen Architekturensembles" verfaßt hat.

Das Werk ist gegliedert in einen ersten Teil, der sich mit eben diesem Ensemble am Platz der Akademie befaßt, und den zweiten: Der Wiederaufbau des Schauspielhauses als neues Konzerthaus.

Die Substanz des Buches ist eine gründliche, solide Unterrichtung über die dreihundertjährige Geschichte des Gendarmenmarktes, mit reichem Bildmaterial, Grund- und Aufrissen, alten Stadtplänen, Innenarchitektur, Bühnenbildentwürfen, Kostümdarstellungen und ausführlichen, bis ins kleinste gehenden Beschreibungen.

Die Geschichte des heutigen Platzes der Akademie, der Neukonzeption nach der totalen Zerstörung durch Krieg und gezielte Brandstiftung der SS kurz vor dem Untergang des Nazireiches; Neukonzeption der alten Innenstadt, Geschichte des Wiederaufbaus.

Ein Buch für Architekturstudenten, für den gehobenen Kunstunterricht an Gymnasien und Realschulen, für Facharbeiter, Kunsthandwerker, Maler und Zeichner, im übrigen für jeden, der sich freuen kann, wenn Liebe zur Sache, Verstand und handwerkliches Geschick sich zusammentun, um Farbe und Form zur Geltung zu bringen, um etwas Schönes hinzustellen, wo lange Zeit nichts oder nichts mehr war.

Ich könnte mir das alles an Ort und Stelle ansehn, ich wohne in Westberlin, Passierschein und ein paar Bahnstationen, schon wäre ich da.

Aber ich will nicht. Die Passierscheinregelung halte ich für eine Zumutung, wobei ich den Geldtauschzwang noch hinnehmen würde, weil beim Geld nicht nur an staatlichen Grenzen die Freundschaft aufhört, nein, die Prozedur ist entwürdigend, beginnend mit der Antragstellerei, der Tage in Anspruch nehmenden Überprüfung, höchstbehördlich, versteht sich, der Anträge, über das polizeistaatliche Reglement beim Grenzübertritt bis zur kleinkarierten Behandlung menschlicher Irrtümer und Schwächen bei der Rückkehr.

Ob ein DDR-Uniformierter an der Grenze zu einem Westler freundlich ist oder nicht, das hängt nicht von seiner jeweiligen Laune oder vom Wetter ab, nein, das ist immer eine Widerspiegelung der "zwischenstaatlichen Beziehungen".

Nee, um es kurz zu machen, das paßt mir nicht; daß man erst ein Beitz oder ein Wolf von Amerongen oder sonst so ein Kapitalist sein muß, um von denen drüben auch offiziell so behandelt zu werden, wie es sich sowieso unter zivilisierten Menschen gehört, das ist undemokratisch und antiproletarisch zugleich. Drum lassen wir's einstweilen. Bestellnummer: 562 228 4 07500. Okay?

Kaum seltsam, daß mir gerade an dieser Stelle die "Kultur von rechts" zwischen die Finger gerät. Ein Buchtitel vom Verlag Stroemfeld/Roter Stern in Basel und Frankfurt am Main.

Die ideelle Verbindung wird, glaube ich, durch die Architektur hergestellt, durch die staatlichen Versuche und Versuchungen, Ersatz zu schaffen für einen scheinbar unerklärlichen Mangel.

Ich will meine Vergleiche nicht zu weit treiben, ich will zur Sache kommen:

Furio Jesi, Kultur von rechts. Aus dem Italienischen von Cettina Rapisarda und Margherita Gigliotti. Die italienische Originalausgabe erschien 1979 unter dem Titel Cultura di destra bei Aldo Garzanti Editore, Milano. Deutschsprachige Ausgabe 1984 bei Stroemfeld/Roter Stern, Postfach 79, CH-4007 Basel und/oder Postfach 180147, D-6000 Frankfurt am Main. Mit einem Nachwort von M. Gigliotti, C. Rapisarda und Franco Sepe (Mythenforschung und Ideologiekritik bei Furio Jesi).

Jesi macht eine bedeutsame Entdeckung (oder Wiederentdeckung):

Untersucht man den gewaltigen ikonographischen und mythologischen Apparat des Nationalsozialismus heute, mit vierzig Jahren Abstand, da die Bilder und Worte nur noch vermittelt durch jene gespenstische Stilisierung des geschriebenen Wortes, der Photographie und des Tonmaterials von Filmen wahrzunehmen sind, gewinnt man den Eindruck, daß neben der Darstellung von Sicherheit und Kraft, die meistens tatsächlich gegeben waren, etwas zu bemerken sei, was Kenner von Symbolen den Verlust der Mitte nennen würden.
Die Zeugnisse von Veranstaltungen in Nürnberg, der Film über die Olympiade in Berlin, die architektonischen Entwürfe von A. Speer und die Aufzeichnungen all jener Bühnenbilder, die die Geschlossenheit, Gewalt und Ewigkeit des Regimes darstellen, weisen den Charakter defensiver Gründungsrituale auf.
Von den architektonischen Strukturen bis zu den langen Hakenkreuzbannern, von den Gliederungsprinzipien der disziplinierten choreographischen Anordnung der Massen bis zu den Satzgefügen eines gebildeten nationalsozialistischen Schriftstellers wie E.G. Kolbenheyer setzten sich zweidimensionale Formen durch, die, wie Bühnenhintergründe, ex novo eine dritte Dimension, die Dimension einer sakralen Wahrhaftigkeit schaffen wollen... (72).

Es geht um das Verständnis einer faschistischen Esoterik, einer ideologischen Tiefenschicht, die längst nicht hinreichend erforscht worden ist. Daher rührt auch die Schwierigkeit, aktuelle, politisch wichtige Momente eines realen, allerdings metasprachlichen Verständigungssystems, eines poetischen oder mytho-logischen, relativ geheimen Codes, weiterzuvermitteln.

Jesi unterscheidet einen profanen oder exoterischen und einen sakralen oder esoterischen Faschismus.

Während jener in Krieg und Mord, in Propaganda- und Rassismus-Wahn unübersehbare Spuren hinterlassen hat, ist der esoterische ("sakrale") Faschismus immer peinlich darauf bedacht gewesen, seine Existenz und sein Treiben abzuschirmen.

So fiel auch sein Wiederauftauchen in spirituellen Strömungen von Ökopax und Frauenbewegung kaum jemandem auf.

Und wer die ersten Anzeichen dieser Wiederauferstehung kritisch wahrnahm und seine Wahrnehmung weitergeben wollte, der erlebte eine sonderbare Überraschung: er wurde nicht verstanden.

Die Auseinandersetzung mit der esoterischen Seite des Faschismus gerät leicht in den Ruf, selbst esoterisch zu sein.

Jesi vermerkt, daß die Nazigrößen über ihre geheimen quasi-religiösen Weltvorstellungen nur selten etwas verlauten ließen.

Auch heute wird von faschistischer Seite immer wieder gern betont, die Nazis hätten ihre eigenen sakralen Mythen nicht ernst genommen.

Jesi weist nach, daß dem keineswegs so ist; daß vielmehr die Geheimhaltung nach wie vor erstes Gebot ist.

Über die Arbeit des SS-"Ahnenerbes", über die Funktion der SS-"Rasse"-Behörden ist bis heute kaum Erhebliches bekannt geworden.

Das Wort des Baalschem, das Böse sei kein Wesen, sondern ein Mangel, bewahrheitet sich am Faschismus auf historisch fatale Weise.

Der "Verlust der Mitte" ist nach Jesi das "Geheimnis", das vom Faschismus Verborgene.

Der esoterische Faschismus erfinde und projiziere sich ein sakrales Raum- und Geschichtsphänomen, in dem er die okkulten Kräfte sich anzueignen wähnt, die er braucht, um der "Bedrohung" durch die Juden gewachsen zu sein.

Es ist das Bild des Juden als eines - diesmal paradoxerweise aus antisemitischer Sicht - privilegierten Wesens, ausgestattet mit inneren, geheimnisvollen Qualitäten -, das deshalb getötet werden muß.
Der Propagandaapparat des nationalsozialistischen Antisemitismus, von Streicher bis Goebbels, bestand bekanntlich aus vollkommen anderen Versatzstücken, die heute jedem bekannt sind: der Jude als Untermensch, hinterhältig, wuchernd, korrupt u.s.w..
Darüberhinaus aber kann man in weniger stereotypen Zeugnissen der nationalsozialistischen Kultur zwischen den Zeilen eine Furcht vor den Juden wahrnehmen, die den Verdacht weckt, daß im Hintergrund das mythologische Bild der Bibel noch wirksam ist.
Das Bild der Juden als des auserwählten Volkes, dem Qualitäten und Kenntnisse verliehen sind, die anderen lebensgefährlich werden können.
Oberflächlich gesagt: man gewinnt den Eindruck, daß der propagandistisch weniger verwertbare Aspekt des nationalsozialistischen Antisemitismus in einer Feindseligkeit bestand, die u.a. diktiert wurde von der Angst vor einer Rasse von Kennern okkulter Kräfte, von Zauberern und beängstigenden Mittlern zwischen der unmittelbaren, sinnlichen Realität der Welt und ihren möglichen geheimen Wurzeln (63).
Man weiß, daß die Dokumente des Ahnenerbes, des Instituts für das Studium und die Erhaltung des germanischen Erbes, hätten vernichtet werden sollen, ihre vollständige Beseitigung aber nicht gelang.
Prof. August Hirt, der Leiter des Instituts für Anatomie der Universität von Straßburg und der Koordinator der medizinischen Experimente des Ahnenerbes an Lagerhäftlingen, ist verschwunden.
Weitere Hinweise könnte man im Material des Archivs von F. Hielscher finden, das zur Zeit nicht zugänglich ist, außer möglicherweise für Gleichgesinnte.
Hielscher ist der Gründer des Ahnenerbes, er selber trat bei den Nürnberger Prozessen nur als Zeuge, nicht als Angeklagter auf (70).
Dieser Versuch, sich defensive Techniken anzueignen, müßte dann mit dem spezifischen und nachgewiesenen heimlichen Orientalismus Deutschlands im Dritten Reich in Zusammenhang gesehen werden: es handelt sich um die Suche nach einem Orient, der östlicher als derjenige der Juden liegt.
Es geht um die nationalsozialistische Besessenheit, mit dem angeblichen geheimen Herzen des Fernen Ostens, dem Tibet, einen Wissensaustausch und eine Allianz herzustellen und möglicherweise ein Gegengift gegen die östliche Bedrohung durch die jüdische Esoterik zu finden (71).

Bezeichnend für die imgrunde doch epigonale "Geheimnis"-Krämerei auch das Buch eines italienischen SS-Apologeten, Romualdi, über eine Gruppe französischer SS-Angehöriger, die gegen Ende des Krieges nach Hildesheim gehen.

Zum Hause Germania. Dort befindet sich die Propagandazentrale der ausländischen Waffen-SS (90).

Selbst von diesen SS-Männern wissen nur ganz wenige, was es mit Hildesheim insgeheim auf sich hat.

Das Mysterium bezieht sich auf

die wahre Tradition esoterischer Studien im mittelalterlichen Hildesheim und auf das Haus der Tempelritter.
Die Esoteriker, auch die nationalsozialistischen, haben in diesem Orden immer den Hüter mysteriöser Aufgaben erkannt, deren Erbe später, nach der Zerstörung des Tempels, die Teutonischen Ritter antraten (93f.).

Jesi sagt es, Romualdi hat es verschwiegen.

Das Doppelwesen der rechten Kultur beschreibt Jesi auch am Beispiel des Mitglieds einer höheren Freimaurerloge, der zu einer Sache zwei grundsätzlich verschiedene Ansprachen hielt, von denen die eine sich an eine profane Hörerschaft richtete, während die andere einem ausgewählten Kreis von Eingeweihten zugedacht war.

Weitaus oberflächlicher scheint es in einer neuen Buchreihe zuzugehen, die von Arno Klönne beim Diederichs Verlag herausgegeben wird.

Aber der Schein trügt, auch da geht's an die Wurzeln, wenn man so will.

Schon daß diese Reihe - Diederichs Horizonte - bei einem Verlag erscheint, der eine ausgeprägt völkische, nationalistische, rechte Tradition hat und auch nach dem Kriege deutlich sich an den etwas gewandelten Interessenbereichen seiner herkömmlichen Leserschaft orientiert, könnte einem Kopfschmerzen machen, wüßte man nicht mittlerweile, daß die alte Tradition mit der neuen Reihe gar nicht gestört, sondern konsequent weitergeführt wird.

Daß Arno Klönne zugleich als Promoter der neuen Diederichs-Horizonte (!) und als ihr kritischer Begleiter auftritt, hängt unmittelbar mit dem zwiespältigen Charakter des Neuen Nationalismus zusammen.

Der Anblick des Diederichs-Löwen soll mich also nicht mehr nur ans SS-Ahnenerbe und an Herman Wirths Aufgang der Menschheit. Untersuchungen zur Geschichte der Religion, Symbolik und Schrift der atlantisch-nordischen Rasse erinnern, sondern auch zu neuen Ufern führen.

Aus der Horizonte-Reihe liegen nun drei Bände vor, die ich mir nicht von vornherein unterm Blickwinkel "Diederichs" angesehen habe, obwohl so ein früher Eindruck sich natürlich auch nicht gleich wieder wegwischen läßt.

Drei Autoren, von denen der eine, Alfred Mechtersheimer, nach meinem Vorurteil ohne weiteres zum Verlags-Image paßt. Aber ich pack's mal anders an:

Arno Klönne, Zurück zur Nation? Kontroversen zu deutschen Fragen.

Alfred Mechtersheimer, Zeitbombe NATO. Auswirkungen der neuen Strategien.

Rolf G. Heinze, Der Arbeitsschock. Die Erwerbsgesellschaft in der Krise.

Ja, ich glaube, es ist richtig, die drei Bücher zusammen zu sehen. Der gemeinsame Herausgeber spricht ohnehin für die These, daß es sich bei der Reihe Diederichs Horizonte um eine programmatische Reihe handelt, die zwar die neuen gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten zu analysieren vorgibt, um schließlich zu bestimmten politischen Konsequenzen sich animieren zu lassen.

Aber ich denke, man versteht sie besser, wenn man sie auf ihre mögliche Intention hin abklopft - wenn man also die zu erwartenden "Konsequenzen" als vorgegeben annimmt, die scheinbar vorausgehenden "Analysen" als darauf abzielende Konstruktionen.

Klönne und Mechtersheimer dürfen hier als bekannt vorausgesetzt werden. Dr. Rolf G. Heinze, Jahrgang 1951, wissenschaftlicher Assistent an der Universität Paderborn und seit 1983 in Vertretung einer Professur Arbeit und Beruf an der Universität Osnabrück.

Er beschäftigte sich bereits als Mitherausgeber u.a. in Opfer des Arbeitsmarktes; Arbeitslosigkeit in der Arbeitsgesellschaft; Zukunft der Arbeit und Schattenwirtschaft mit Auswirkungen der Arbeitslosigkeit. Die Angaben zur Person habe ich vom Klappentext übernommen.

Außenpolitik bzw. Nationalpolitik.

Militär- bzw. Verteidigungspolitik.

Struktur- bzw. Gesellschaftspolitik.

Drei Komplexe, die in der gebotenen Horizonte-Offenbarung Komponenten eines Gesamtplans für eine andere Republik darstellen.

Es konzipiert sich hier eine neue Nationalpolitik, die von der DDR (und von Berlin) absieht und sich auf die Bundesrepublik begrenzt.

Infrage gestellt werden das militärische Bündnis, die grundgesetzliche Verpflichtung zur Wiedervereinigung, schließlich das innere Wirtschafts- und Sozialgefüge des Landes.

Mechtersheimer, vorgestellt als "Waffenexperte der Friedensbewegung", geht von einem nicht weiter hinterfragten Axiom aus: die NATO entwickele sich zu einem "Offensivbündnis" und mache damit einen Krieg auf dem "integrierten Gefechtsfeld Deutschland" wahrscheinlicher.

Das ist nichts Neues.

Mechtersheimer wiederholt und begründet noch einmal genauer, was die Friedensbewegung in den vergangenen Jahren ohne Unterlaß behauptet hat, ohne damit die Gegenbehauptung widerlegen zu können, bei allem handle es sich lediglich um Propagandathesen, die allenfalls politisch begründet werden können.

Die Horizonte-Reihe - beziehungsweise, was von ihr bis jetzt vorliegt - rekapituliert auf nunmehr nationalbürgerlicher Ebene all die Konzepte, die in jahrelangen Diskussionen der Alternativ-Szene scheinbar herangereift sind.

Tatsächlich wurde und wird nur durchgekaut, was als politisches Programm-Paket in der Schublade bereits vergilbt war, als die "Diskussionen" mit Beginn der siebziger Jahre losgingen wie ein Silvesterfeuerwerk. Klönnes Reihe ist insofern authentisch, ja offiziös.

Der ehemalige Oberstleutnant Alfred Mechtersheimer ist sicherlich ein Fachmann für militärische Fragen.

Sein Politologiestudium schloß er ab mit einer Promotion über den MRCA Tornado.

In seinem Buch Zeitbombe NATO bestätigt er jedem halbwegs aufmerksamen Leser, daß es weniger "die Auswirkungen der neuen Strategien" sind, die seine Politik bestimmen, als daß - umgekehrt - ein ganz deutliches nationalpolitisches Interesse seine Kritik an der NATO-Strategie motiviert hat.

Nachdem der Militärexperte über gute vier Fünftel des Buches die waffen- und militärtechnischen Probleme lang und breit erörtert und ausgelegt hat, kommt er im letzten Fünftel auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen.

Da lesen wir auf einmal:

Bei der Diskussion über die NATO geht es in erster Linie um Außenpolitik.
Die politischen Energien sollten nicht mit der Suche nach einer neuen NATO-Strategie vergeudet werden; was gebraucht wird, ist eine Strategie der NATO-Überwindung als Bestandteil einer Politik der Blocküberwindung (155).

Überschrift: Emanzipation von der politischen Bevormundung.

Diese "Emanzipation" kann ein Mechtersheimer nur als nationale begreifen.

Wie immer verkehren sich die Dinge, wenn Nationalisten Begriffe, die fürs Individuum gedacht sind - Identität, Emanzipation... - auf ihre Nation anwenden.

Mechtersheimer empfiehlt zunächst nicht den Austritt aus der NATO; dies wäre "ein falscher Schritt", nämlich "rechtlich irrelevant" (156f.).

Denn die Bundesrepublik ist nicht aus freier Entscheidung Mitglied geworden, sondern hat 1955 ihre Souveränität nur unter der Bedingung erhalten, daß sie wesentliche Rechte mit dem NATO-Beitritt wieder abgibt.
Wenn also die Regierung der Bundesrepublik Deutschland "der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika die Kündigung mitgeteilt hat" (Art.13 des Nordatlantikvertrags), dann gelten immer noch die Vorbehaltsrechte des Deutschlandsvertrags (Generalvertrag) - Erich Knapp: "Unterwerfungsdokument" - kkk) - und des Aufenthaltsvertrags, beide vom 23. Oktober 1954.
Und diese und weitere Verträge sind gem.Art.10 des Deutschlandvertrages im Grunde nur bei einer deutschen Wiedervereinigung oder bei Bildung einer europäischen Föderation revisionsfähig (157),

worauf vielleicht zurückzuführen ist, daß auf der einen die "Wiedervereiniger" und auf der anderen Seite die "Föderalisten" in der sogenannten Friedensbewegung (Motto: getrennt kämpfen, vereint schlagen) als vermeintliche Widerstreithähne auftreten, ohne dabei das eine Ziel aus dem Auge zu verlieren: gemeinsam das Bündnis zu knacken.

Mechtersheimer findet es bemerkenswert, daß die Sowjetunion an einem Austritt der Bundesrepublik aus der NATO offenbar gar nicht interessiert sei.

Die NATO sei gewissermaßen eine Grundbedingung für den sowjetischen Blockbestand in Osteuropa. Trotzdem will er dazu ein Gegenmittel gefunden haben.

Eine Finnlandisierung Osteuropas könnte früher oder später mit den sowjetischen außen- und sicherheitspolitischen Interessen leichter akzeptabel sein als die Fortschreibung des heutigen Zustandes.
Voraussetzung dazu ist jedoch ein Prozeß der NATO-Entflechtung auf westlicher Seite.
Mit Konfrontationspolitik wird die sowjetische Vormachtstellung in Osteuropa verfestigt (und wäre nicht eher dies im Interesse der Sowjets, falls die Argumentation überhaupt stimmt? - kkk).

"Emanzipation Europas" heißt "Blockentflechtung".

Weiter:

Wichtiger Bestandteil der Blockentflechtung ist die Souveränisierung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR.
Dies soll nicht als nationale Reminiszenz verstanden werden, sondern als Realisierung des Selbstbestimmungsrechts in Mitteleuropa (158f.).

Als demokratische Nagelprobe?

"Freilich, ohne massiven Druck von unten wird keine Bundesregierung den Mut für solche Maßnahmen aufbringen (162).

"Maßnahmen" also... "Widerstand von unten - Druck von oben"...

Schluß:

Hoffnung für die Zukunft läßt sich nur aus einem schöpfen: Dem weltweiten Aufbegehren der Völker gegen den Raubbau an der Zukunft, gegen Bedrohung und - gegen die von den Regierungen betriebene Politik, welche die Gefahren ignoriert oder sogar noch weiter vergrößert (163).

Ergo: "Hoffnung für die Zukunft" aus dem "weltweiten Aufbegehren der Völker" für die "Souveränisierung" der Bundesrepublik Deutschland und der DDR".

Denn:

Resouveränisierung ist... ein Synonym für Disengagement" (159).

Auch Mechtersheimers letzter Gedanke im letzten Abschnitt seines letzten Kapitels gilt dem nationalen Anliegen des Autors.

Überschrift: Die territoriale Ausbeutung Deutschlands (169).

Auf welchem Wege die "Souveränisierung" ablaufen soll, ist ziemlich klar: Die Regierungen sollen's unter sich abmachen - Straßendruck inclusive.

Er meint die "Souveränisierung" der Regierungen, nicht etwa der Völker.

Imgrunde ein Angebot an die Sowjets:

Zwei "souveräne" Regierungen in Deutschland sind die beste Gewähr für eure "Sicherheit".

Auf die osteuropäischen Völker passen wir dann gemeinsam auf.

Zwei "souveräne" Deutschland-Regimes - das ist ein doppelter Grenzzaun um euer Großreich.

Hinter diesem Zaun könnt ihr in Frieden eure Satelliten "finnlandisieren".

Mechtersheimer bestätigt einmal mehr, was mit der Friedensbewegung und ihrer Politik im Schilde geführt wird. Unter Mitarbeit von Udo Nimsdorf.

Arno Klönne hat in seinem Beitrag zur Reihe im übrigen sehr deutlich gemacht, wo, auch bezogen auf die Konzepte seiner Mitarbeiter (ohne sie ausdrücklich zu erwähnen), seine Bedenken liegen.

Auf das vielleicht wichtigste, sicherlich interessanteste Stück Eisen im Feuer des Neuen Nationalismus bin ich diesmal nicht zu sprechen gekommen.

Auch Mechtersheimer winkt, und wenn nur am Rande, mit der Drittweltkarte.

Aber in Klönnes Sicht scheint dieser Punkt keine besondere Rolle zu spielen, obwohl sich die neuen Nationalisten und Nationalsozialisten gerade auf dem Gebiet Gewinne für ihre (industriestaatlichen) Führungsmachtambitionen versprechen - und versprechen können.

Jetzt wollen sie sich erst mal aus den europäischen Verhedderungen befreien.

Ein technologisch hochentwickeltes Land kann sich heute gut und gern mit einer kleinen Bodenfläche begnügen, nur muß es die Hände - beide Hände - frei bekommen, wenn es schalten und walten will. Und es will wieder mal, wie es scheint.

Denn hinter den Friedensnationalisten ist nicht Heideland, sondern industrielle Macht.

Der naturwissenschaftlich-technologische Fortschritt hat auch dem neuen deutschen Nationalismus gewissermaßen eine neue Qualität beschert.

Klönne fürchtet, es könnte die Entwicklung wieder in die fünfziger Jahre zurückgedreht werden, als der "Kampf um Deutschland" tobte.

Dabei wird aber außer acht gelassen, daß die Interessen der Bevölkerung seither sich kaum geändert haben.

Vergleicht man die heutige Situation mit der in den fünfziger Jahren - und dies nachzuvollziehen sind die Teegespräche bei Adenauer eine so vortreffliche Lektüre -, so kann man sofort erkennen, daß die Grundproblematik in Europa noch immer die gleiche ist, und daß sich daran auch nichts ändern kann und ändern wird, wenn man meint, das demokratische West-Ost-Gefälle einfach ignorieren zu können zugunsten einer Gleichstellung von "System" und "System", von Regierung und Regierung, schließlich von "Supermacht" und "Supermacht"; wenn man glaubt, unter Umgehung der Frage nach der demokratischen Legitimation Politik für die Zukunft machen zu können.

Legitimation ist auf dem einfachsten Wege zu erreichen, indem man die Bevölkerungen aller europäischen Länder in Ruhe darüber entscheiden läßt - in freien und geheimen Wahlen.

Das Grundproblem in Europa ist nicht die "Konfrontation", sondern ihre Notwendigkeit, solange die Sowjetunion eine demokratische Souveränisierung, solange sie eine demokratische Realisierung des Selbstbestimmungsrechts in den osteuropäischen Ländern, auch im eigenen, mit polizeistaatlicher und militärischer Gewalt verhindert.

Und wenn die osteuropäischen Völker sich mit List und ein wenig Glück, Glück auch in der internationalen Konstellation, aus ihrer mißlichen Lage zu befreien versuchen, so wollen wir nicht ihren Unterdrückern bei der Bewältigung der daraus für sie entstehenden neuen Probleme behilflich sein.

Unsere Sympathien und unsere politischen Bemühungen haben denen zu gelten, die ihre tägliche politische und gesellschaftliche Bevormundung nicht länger ertragen wollen.

Wer nach Prioritäten für eine konkrete, haltbare, vertretbare Europapolitik sucht, der wird sie da mit Sicherheit finden.

Arno Klönne engagiert sich zunehmend in der Abwehr von Gefahren und Tendenzen, die sich im Verbund mit "Friedensbewegung" und "Entspannungspolitik" ausgebreitet haben.

Das ist um so beachtlicher, als er selbst diese Bewegung begrüßt und unterstützt hat und sich ihr nach wie vor zuzählt.

Aber diese Friedensbewegung war niemals das Gefährt derjenigen pazifistischen Kräfte, die wirklich nur den Frieden meinten, wenn sie von ihm sprachen.

Daß Frieden, meint man es ernst, in erster Linie vom inneren Zustand einer Gesellschaft abhängt, daß der Friede, der der arbeitenden Mehrheit auf den Nägeln brennt, zuerst ein soziales Problem ist, das wird bei Klönne bewußt.

Klönne bietet einen Abriß über die "unbewältigte Vergangenheit - nach 1945", die ideologischen Träume und Verirrungen, die in Deutschland sehr weit zurück reichen und den Nazis, ohne mit deren Zielen identisch zu sein, ein breites Potential an Mitläufern überließen.

Klönne vernachlässigt nach meiner Einschätzung zu sehr die manipulativen Elemente in der Geschichte der faschistischen Bewegungen, gerade auch des Nationalsozialismus.

Bei aller kritischen Auseinandersetzung mit den ideologischen Strömungen und ihren Trägerschichten vermittelt er doch stark den Eindruck, als sei aus diesem quasi mythischen Boden der Nazismus schließlich hervorgewachsen, obwohl er am Schluß seines Buches doch wiederum klarmacht: das mußte nicht so sein, es hätte verhindert werden können, politische Entscheidungen werden von den Menschen jeden Tag von neuem getroffen.

Was meines Erachtens heute gern übersehen wird, das sind die Techniken, vermittels derer die Menschen zu Massen "motiviert" und in Bewegung gesetzt werden können; daß die Massenbewegungen mittlerweile jener Kritik bedürfen, die etwa in den sechziger Jahren die kommerzielle Werbung erfuhr.

Ich finde, daß sich hiergegen gewisse Tendenzen einer je individuellen Verweigerung, eines Daranvorbeigehens oder Vorüberziehenlassens als widerstandsfähig erweisen und noch einmal bewähren könnten.

Dies ist aber tatsächlich eine Identitätsfrage, eine ganz individuelle, die jeden immer wieder selbst angeht.

Ich habe versucht, diesem Problem von seiner psychologischen Seite her beizukommen, und fand auf einmal, daß es Bestrebungen gibt, etwa auf dem Gebiet der Pädagogik, in Kindergärten und Grundschulen, konzertiert mit ideologischen Bewegungen, die buchstäblich eine Zerstörung der menschlichen Grundbeziehungen zum Ziele haben; die gesellschaftlichen Voraussetzungen für den nicht nur freien, sondern sich seiner Freiheit auch bewußten, kritischen und zugleich psychostrukturell stabilen Bürger nicht nur nicht zu schaffen, sondern, soweit in Spuren und Resten vorhanden, zu beseitigen.

Bei allen Massenbewegungen besteht immer die Gefahr, daß der einzelne Mensch, indem er aus sich heraustritt, den Boden unter den Füßen verliert, seine Wahrheit, seine Autonomie, seine Freiheit... - weil unter ideologisch gerichteten Kollektivbedingungen der emotionelle Haushalt dermaßen echauffiert und ramponiert wird, daß auch das Denken seine Gültigkeit verliert. Klönne lesen und dann weiterdenken.

Für gesellschaftspolitisch Interessierte habe ich seit langem eine Preisfrage parat:

Wäre die Abschaffung der gesetzlichen Sozialversicherung ein Verlust oder ein Gewinn für die Arbeiterschaft?

Eine Rechenaufgabe, ganz einfach.

Ich denke, der Sozialversicherungsapparat - und dazu zähle ich die Bürokratie, die Ärzte und Krankenhäuser, die pharmazeutische Industrie, die Hersteller der medizinisch-top!-technischen Einrichtungen und Ausrüstungen... - frißt den Versicherungsschutz auf.

Rolf G. Heinze tritt mit seiner Arbeit - Der Arbeitsschock - den Beweis an, daß es unmöglich ist, die gesellschaftlichen Probleme auch nur halbwegs zu verstehen, wenn man sie nicht prinzipiell klassenpolitisch - und zwar engagiert - zu begreifen versucht, ausdrücklich.

Ich meine, implizit untersucht und argumentiert Heinze durchaus ja von einem - quasi - Klassenstandpunkt aus; aber er weiß das natürlich nicht oder will es nicht wissen, und so erscheint bei ihm alles im Gewande einer zugleich objektivierenden und beratenden Wissenschaft; etwa wie beim Arzt, der am Patienten eine Diagnose stellt und dann zur Therapie schreitet, seine Mittelchen verschreibt usw..

Er würde nie auf den Gedanken kommen, selbst mit der Krankheit - ursächlich - etwas zu tun zu haben.

Nun wissen wir heute schon ein bißchen mehr. Wir wissen zum Beispiel, daß rund 75 Prozent der Krankheiten auf medizinische Unwissenheit zurückzuführen sind; daß mithin ärztliche Therapien die große Mehrzahl der Krankheiten nicht beseitigen, sondern sie verschlimmern; ja daß sie neue Leiden verursachen.

Was auf die medizinische Wissenschaft zutrifft, das können wir getrost auch auf die Sozialwissenschaften anwenden.

Das ist natürlich nicht von vornherein so; es hat immer gute Ärzte gegeben, und es gibt sie sicherlich auch heute.

Aber was hilft der beste Arzt, wenn der gar nicht mehr Arzt sein will, weil er als Arzt nicht mehr Arzt sein soll, sondern nur noch ein Handlanger - zum Beispiel - der chemisch-pharmazeutischen Industrie.

Der eigentlich zugemessene "Klassenstandpunkt" des Arztes äußert sich in seiner Beziehung zum Patienten, zu dessen Gesunderhaltung oder Heilung, nicht in der zur Ärztekammer und zum sogenannten Vertrauensärztlichen Dienst, nicht in seinen kommerziellen Beziehungen zu den Herstellerfirmen der Medikamente und der instrumentellen Ausstattungen. Oder eben dies ist (!) die Offenbarung seiner "Klassenpolitik".

Wir brauchen heute nur in eine Praxis oder in ein Krankenhaus zu kommen, um sofort zu sehen, welche "Seite" sich da stark gemacht hat.

Was die Krankenversicherung einem Arbeiter wert ist, das merkt er spätestens an der Zahl der Tage, die ihm im Krankteitsfalle für eine "Arbeitsunfähigkeit" zugestanden werden.

Einen großen Teil seiner Beiträge schlucken die gesetzlich vorgeschriebenen Überwachungsdienste, die Krankenkontrolleure... Ergo?

Dr. Rolf G. Heinze, Jahrgang 1951, kümmert sich schon gar nicht mehr um den Patienten und seine Krankheit; er hat den Kranken imgrunde aufgegeben, wundert sich nur noch ein bißchen über dessen mangelnde Resistenz, nimmt dies jedoch als gegeben hin, es ist halt so mit diesem Patienten, jetzt haben wir die Krankheitsfolgen zu tragen, den Dreck wegzuschaffen.

Heinze kommt gar nicht drauf, daß er mit seiner Dreck- und Putzarbeit maßgeblich, wenn nicht direkt zur Krankheit, so aber mindestens zu ihrer argen Verschlimmerung beigetragen hat. Das begann schon ziemlich früh.

Ich erinnere periodisch an den Tatbestand, daß es zu Beginn der siebziger Jahre unter den Arbeitern in den Betrieben zu größeren Unruhen kam; daß die Bundesregierung, vereint mit der Wirtschaft, bereits seit den fünfziger Jahren wissenschaftliche und therapeutische Maßnahmen durchführen ließ, um einer möglichen Souveränisierung (!) der Arbeiterklasse zuvorzukommen.

Die seit den "Siebzigern" wie Pilze aus dem Boden geschossenen "neuen sozialen Bewegungen" haben sich inzwischen als nützliche Waffe einer organisierten Prophylaxe gegen die befürchtete Wiederbelebung der "alten" sozialen Bewegung, der der Arbeiter nämlich, ihren gesellschaftlichen Rang erdient. Ein breites öffentliches Forum wurde ihnen zuteil, als sie ihre Possen trieben.

Unter der Sonne allerhöchsten Wohlwollens und Augenzwinkerns wirkten und woben sie an der Neutralisierung der wirklichen sozialen Probleme.

Sie trugen zu deren Mißachtung, ja Verachtung und Verhöhnung in einem Maße bei, wie man es noch in den sechziger Jahren nicht für möglich gehalten hätte.

Damals hatte sich im theoretisierenden Kern der späteren Studentenbewegung ein marxistischer Denkansatz bemerkbar gemacht, der gewissermaßen der Beunruhigung in den Betrieben bereits korrespondierte.

Das wurde auch sehr gut begriffen. Die systematische Zerstörung des Sozialistischen Studentenbundes war unabdingbar für die ungestörte (!) Etablierung einer "klassenlosen" Massenbewegung.

Bereits in diesen Ursprungsbedingungen war ihre Quasi-Faschisierung vorgegeben.

Arno Klönne setzt sich heute mit den Spätfolgen dieser Entwicklung sehr kritisch auseinander.

Aber seine einstige Position, die sich extrem in seiner scharfen Attacke gegen den SDS - beziehungsweise, ähnlich dem Grass-von-Thadden-Harpprecht'schen "Nachruf auf den SDS" in der Zeitschrift Der Monat, März 1969, für den "Tod" des Sozialistischen Studentenbundes; vgl. kuckuck 35/36, S.29ff. - in der von Scharnagl herausgegebenen bzw. redigierten Wochenzeitung Publik kundtat, bezeichnete eben exakt jene politischen Kräfte, die sich zusammengetan hatten gegen eine sozialistische, klassenorientierte Alternative.

Auch Peter van Spall, der seinerzeit für links und Studien von Zeitfragen tätig war, sah eine seiner vornehmsten Aufgaben darin, alle klassenpolitischen Elemente aus der von ihm damals als "neue Jugendbewegung" interpretierten außerparlamentarischen Mobilität publizistisch zu verdrängen.

Der SDS war keine Arbeiterorganisation, leistete jedoch eine wertvolle theoretische Vorarbeit, die jetzt der kritischen, klassenorientierten Fortführung bedurft hätte.

Das wurde verhindert.

Wer damals erlebt hat, wie organisiert die Gegenkräfte in jeder irgendwie als "relevant" erkannten Diskussion auftraten, der glaubt nicht mehr an kollektive Entscheidungen.

Heinze steht nun vor den sozialen Trümmern einer konzertierten Kriegführung gegen die Arbeiterklasse.

Ihm fehlen die Antworten, er hat nur noch Fragen.

"Grenzen des Wachstums und andauernde Arbeitslosigkeit?", "Frauen als verfügbare Arbeitsreserve?", "Ausländerbeschäftigung - Integration auf Widerruf?", "Von der Arbeits- zur Freizeitkultur?" und so weiter im Werner-Höfer-Stil der Thematisierungen.

"Arbeitslosigkeit in der Zukunft", "Zukunft der Erwerbsarbeit", "Auf dem Wege zur nachindustriellen Gesellschaft?"...

Kurz: auf Diederichs-Ebene reproduziert, was Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre die Inflation "alternativer" Konzepte ausmachte.

Eine Analyse, die die starke Ausbreitung des sogenannten Dienstleistungssektors in keiner Beziehung zu seinen Grundvoraussetzungen sieht, kann nur zu schiefen Resultaten kommen.

Wer sich nicht zuvörderst um den produktiven Sektor kümmert, wo in einer modernen Industriegesellschaft der Mehrwert täglich geschaffen wird, sondern sich gleich jenen "Sektoren" zuwendet, die diesen Mehrwert "verteilen", sich aneignen, die ihn verpulvern (ohne zu registrieren, daß diese Form gesellschaftlichen "Wachstums" offensichtlich keine Grenzen kennt), der muß natürlich irgendwann auch auf die Idee kommen, die Arbeitslosen gegen die Arbeiter zu mobilisieren.

Heinzes Kapitel "Herausforderungen für die gewerkschaftliche Politik - Ansätze einer Arbeitslosenbewegung" sollte jedem, der von der Funktion der SA etwas weiß, schon vom Denkansatz her verdächtig sein.

Ich meine, Heinze ist nicht der Mann, dem ich jetzt ein paar Lektionen in Fragen gewerkschaftlichen Bewußtseins erteilen möchte.

Das Problem "weniger Arbeit für alle" oder "alle Arbeit für wenige" ist, freilich unter völlig anderen Denkvoraussetzungen, so alt wie die Arbeiterbewegung und kann nur von ihr, in ihr, d.h. aus der Arbeiterklasse heraus gelöst werden.

Da ist theoretisch und praktisch anzusetzen.

Wenn ein einziger Mann wegen "Arbeitsmangels" vor die Tür gesetzt wird, so ist bereits dies eine gewerkschaftspolitische Katastrophe.

Solidarität ist schon lange kein angewandtes Prinzip mehr, sondern nur noch eine "Idee" und eine Erinnerung.

Heinze geht am Grundproblem, das zunächst auch nur die zwei Klassen angeht, die sich machtmäßig, funktionell und also politisch-historisch gegenüberstehen, einfach vorbei und findet folglich seinen typisch sozialdemokratischen Ausweg in einer "Neudefinition staatlicher Arbeitspolitik".

Ich denke, der Staat hat sich nicht zu wenig, sondern zuviel um die Arbeiter "gekümmert", hat sie bevormundet, bekämpft, erniedrigt, entmündigt...

Nach Heinze ist "die Erwerbsgesellschaft in der Krise". Substantiell ist der Arbeitswissenschaftler Heinze ein Teil dieser Krise.

"Ein brisantes Thema" - fürwahr!

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kuckuck 47
I/85
18. Februar 1985

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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