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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Buchausgabe:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 3. Strategien der Zerstörung
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

Horst Lummert

Notizen

2.2.77

Langwierige philosophische und literarische Diskussionen entstehen oft nur aus solchen Gründen: daß das Grundthema umgangen wird.

Daß der Mond neuerdings zu weit nördlich untergehe, war sicherlich ein Scherz aus dem Jenseits.

In diesen Dingen sind mir meine Wahrnehmungen wichtig... Bei Mondwechsel schlägt regelmäßig das Wetter um, was jeder selbst beobachten kann. In den meteorologischen Nachrichten habe ich davon noch nichts gehört. Die Wissenschaft nimmt Wissenswertes entweder nicht zur Kenntnis oder behält es für sich.

Argwohn ist eine Grundbedingung proletarischen Denkens. Argwohn gegen alles gesellschaftlich Bedingte. Mögen die bürgerlichen Philosophen gegen die Existenz eines Schöpfergottes angehn oder nicht, ihn für tot erklären oder nicht: Wir wenden uns gegen die Machenschaften seiner irdischen Epigonen! Nicht ihm. Ihnen gilt unser Zweifel, unser Mißtrauen, unser tiefster Argwohn. Ihnen sehen wir auf die Finger. Nicht seine - ihre Irreführungen gefährden unser Leben und unsere Freiheit. Ehe wir uns bereitfänden zu einem Komplott mit ihnen gegen ihn, würden wir uns mit ihm gegen sie verbünden.

Das ist das Merkwürdige: Die Trostlosigkeit der irdischen Gesamtsituation macht mich nicht trost- oder hoffnungslos; vielmehr schöpfe ich aus ihr meinen letzten Trost, meine letzte Hoffnung.

3.2.77

Ich werfe einen Stein in die Höhe. Er weiß nicht, daß er bald umkehren muß. Wir merken uns seinen Kulminationspunkt.

Vakua schaffen: Theorie, daß die Unterdrückten die Geschichte befördern. Die Leidenden sind das Salz dieser Erde. Hohe Philosophie weiß nicht ein und nicht aus. Wer es allen recht machen will, beleidigt seine Freunde.

Ein Instrument aktiver Politik. Großbritannien... (1977). Die Briten spielen die Armen, Schwachen, Kranken. Sie lassen die Deutschen voran. Suggerieren ihnen, die "Ersten" in Europa zu sein. Währenddessen bereiten sie sich auf die Zukunft vor. Die Ölvorkommen vor der englischen und schottischen Küste garantieren diese Zukunft. Die Deutschen spielen sich derweil als Riesen auf. Und die waren in der Geschichte noch immer die Dummen. Understatement ist eine Waffe in den Händen des Kundigen.

Er schwimmt wie ein Delphin.

Inzwischen fragt man nach uns. Wo ist denn das Proletariat? Wo haben wir's denn? Das Arbeiterkläßchen (beinah schrieb ich "kläuschen") macht seine Sache einfach zu gut, zu gut!

Proletarier aller Länder, lauft auseinander, seht zu, wie ihr verschwinden könnt vor der nächsten Schicht. Ihr habt es in der Hand.

Die in Armut erworbene Freiheit ist schwer erworben. Das macht sie uns wert.

Aber in diesem Lande hat's einer leicht, unter Geistigen König zu werden. Er ernennt sich einfach dazu, dann ist er's.

Ihre Sensibilität ist die von Pflastersteinen. Ich will niemanden beleidigen, will niemandem wirklich weh tun. Wenn ich in meinen Urteilen daneben greife, ist dies meinen Impulsen zuzuschreiben, denen ich mich ausliefere, sobald ich mich an die Schreibmaschine setze. Ich bitte vorsorglich und für alle denkbaren und selbst undenkbaren Fälle um Vergebung. Vergeben heißt vergiften. Ich bitte also lieber um Entschuldigung. Nehmen Sie mir diese Last von den Schultern.

Wenn ich einem Rhinozeros mit Stecknadeln beizukommen suche, tue ich es in der festen Überzeugung, ihm damit keine Schmerzen zuzufügen. Eher dient es zur Demonstration, daß wir es mit einem Rhinozeros zu tun haben.

Es sind die Utensilien, die uns daran erinnern, daß wir eine Geschichte haben.

Belustigend anzuschauen, wie andere Epochen ihre komischen Seiten nicht selbst erkannten. Licht in die allgemeine Dummheit und Finsternis menschlicher Geschichte bringen die kurzen Zeiten der Selbstreflexion. Da erkennt der Mensch sich als den ewigen Dummkopf wieder - und hat unter dieser Einsicht fürchterlich zu leiden. Denn seine Brüder verfolgen ihn darob. Nichts ärger für die meisten als die Bedeutung, sie seien nicht klüger, eher dümmer geworden, als ihre Vorväter es waren. Und nichts erfolgreicher als die Betonung ihres fortgeschrittnen Zustands. Literatur, dahinter kommst du allmählich, kann vor der Geschichte, das heißt vor den künftigen, ich meine, allen künftigen Lesern nur bestehen, wenn sie auch sich nicht mehr ernst nimmt.

Oft vermutest du in einer Frau eine interessante Geliebte oder in einem jungen Mann ein künstlerisches Genie. Hättest du in der einen einfach eine Geliebte, im andern einen Handwerker gesehen, so wäre allen geholfen.

Du führst dich auf, als hättest du nichts zu verlieren. Bedenkst du auch, daß deine Stücke die Leute ermüden könnten? Ein intelligentes Publikum.

Bis zur Kompromißbereitschaft kompromißlos, bis ins letzte. Ich sage Ihnen, es ist die Methode, nach der hier seit eh und je gearbeitet wird.

Die kleinbürgerliche Gesellschaft ist die, die sich als bürgerliche bekrittelt. Dieser Gesamtunfug ist das allgemeine und spezielle Ziel unserer Attacken. Wenn uns die Luft ausgeht, machen wir eine Pause. Wenn niemand mehr mit uns rechnet, kommen wir wieder.

4.2.77

Meine Jauchzer sind nicht literarisch.

Unüberwundene Abhängigkeiten tragen sich fort als Schablonen von Generation zu Generation. Vernunftbindungen, die auf Besitz fußen und dessen Zuwachs im Auge haben, machen Geschichte. Liebe ist es, die dich hindert, über deinen eigenen Schatten zu springen. Und die dich verlockt.

Die Menschlichkeit des Nordens trägt rotes Kopfhaar und Sommersprossen im Gesicht.

1966. Die Kinder kreischten. Ich hörte sie weinen, damals schon hörte ich sie weinen, wenn sie lachten. Der Aufschrei der sechziger Jahre, einzigartig, ich gebe es zu.

Ohne Illusion den strengen Blick auf die letzten Jahrzehnte dieses Jahrtausends. Ihr wart die große Show!

Ich verkündige keinen neuen Fortschrittsglauben. Ich spreche von den Tendenzen. Ich sage Strömungen voraus, deren Quellen schon hinter uns liegen.

Dunkelmänner. Scharlatane. Taktisch, mein Lieber. Manch einer ist unsterblich geworden, weil er in die Literatur eingehen mußte um des Spieles, um des Experimentes willen!

Einfache, intelligente Frauen, deren Schönheit aus der Seele kommt, Augenfrauen, ernst und aufmerksam, so eine neue Humanität.

Aus eben diesem Nichts schöpfst du teelöffelweise deine Wässerchen. Sie sollen helfen, wo nichts mehr zu helfen vermag.

5.2.77

Theaterpause. Die Zuschauer treffen sich im Foyer, trinken Sekt und Limonade, verschweigen oder verplaudern ihre Gedanken. Drinnen der ewige Mensch.

Darum hat es der Realismus so schwer in der Literatur. Die Geister langweilen sich in dieser Welt, diese langweiligen Geister.

Vollkommen sollst du resignieren, das heißt, daß du schöpferisch sein sollst fürderhin.

Die Realität entpuppte sich als blendende Kulissenschieberei. Hinter dieser erkannte man erstmals, wenn auch zunächst in nur schwachen Konturen, so etwas wie treibende, antreibende und steuernde Wirklichkeit. Die bis dahin nur so genannte war eine Lüge!

Wie eine überreife Frucht wird die Lüge vom Baume der Erkenntnis fallen. Und allen von den Augen wie Schuppen. "... denn diese Menschen, sie ahnen nicht, was sie verloren haben, ich aber weiß es" (Else Lasker-Schüler).

Ich sage: sie sollen bekommen, was zu verlieren tausendfältige Schmerzen bereitet. Daß der Mensch seines Glückes Zerstörer sei.

9.2.77

Schreiben ist resignative Produktion schlechthin.

Die Organisationsform des mündigen Menschen ist das geschriebene Wort.

10.2.77

Im Anfang, man weiß, war ein Gerücht. Ich lasse es noch eine Weile sich verbreiten. Kommt mir ins windige Nest, herauf!

Geliebt zu werden wie der Süden, aber die Sonne hat sich diesen auserwählt. So zürnt ihr der Norden, seltsam zugeneigt.

15.2.77

Kultur. Sie blickt in die Augen, nicht auf die Kleider. Sie trägt keinen Namen.

Der Mensch ist des Menschen liebstes Nutztier. Es unterscheidet ihn von den Primaten.

Es sollte uns nicht eine falsche Philosophie als Gegenstück zur Gartenidylle dienen.

Optimismus ist unser Schicksal. Unser Pessimismus aber hilft uns beim Sortieren der Steine im Weg. Die Karawane zieht weiter.

Wer ans andere Ufer will, muß eine Weile mit dem Strom schwimmen. Im Jahre des Lichts.

Seht den Horizont und unsere Hilflosigkeit!

Die geringste Veränderung in meinem proletarischen Bewußtsein ist eine Veränderung des Proletariats und darum von öffentlichem Interesse - beziehungsweise Nichtinteresse.

16.2.77

Sie wissen es nicht, sie sehen es dir an. Sie spüren: Dieser da, das ist einer, der war schon dabei, als es anfing. Mit einigen tausend Jahren auf dem Buckel kommst du aus dem Vergleichen nicht heraus. Die Kindheit hat sich unzählige Male wiederholt.

Und daß die Ältesten die Jüngsten geblieben sind, das sehen die Blinden nicht, das hören die Tauben nicht.

Stefan Zweig im Februar 1942. Es ist genug. Wir leben für eine Welt ohne Gegenwart und ohne Zukunft. Nun, hier saß einer am Rande im Schatten eines uralten Olivenbaums und wollte nicht weiter.

Hat die Vernunft in dieser Sprache eine Bleibe? Hat der Verstand eine Zukunft in einer Sprache, die sich verdunkeln und vernebeln muß, wenn sie die nächsten Jahrzehnte überleben will?

Wem die Wahrheit nicht schmeckt, der schluckt die Gewalt. Verstocktheit ist die Mutter des Krieges. Schwere Schläge und große Not sage ich (also) voraus. Wem aber gilt das Wort?

Willst du deinen Abschied singen, willst du einstimmen in die Gesänge der Trauer?

Versuche dich selbst: daß man dich mißverstünde.

Die Spuren führen ins Moor. Was einst Landschaft war, ist Seele geworden. Leben ist hier zugewandert.

Nietzsche stürzte auf der Straße in Italien. Stendhal stürzte auf der Straße. Thomas Brasch hat es geklagt: Vor den Vätern sterben die Söhne.

Auserwählt, zu keinen Reichtümern zu kommen, habe ich den ganzen Himmel auf Erden vorrätig für meine Phantasie. Um die Lebensmittelpreise kümmert sich meine Frau.

Notorisch der allgemeine Widerstand gegen die simpelsten Lebenseinsichten.

Es mag am Adel von Anbeginn das Komische des Grafen Bobby gehangen haben. Und es ist frisch wie am ersten Tag.

17.2.77

Die Idee des Christentums, daß die Geringsten Kinder Gottes seien, war edel, war gut. Könige und Fürsten wußten sehr bald ihren Nutzen daraus zu ziehen. Mittlerweile hat's uns die Sprache verschlagen.

Die Lüge, sie ist schön und jung, sie weiß sich zu schmücken, ihre Blässe ruft unser Mitleid hervor, ihre Jugend macht unsere Wahrheitsliebe zweifeln. Der Argwohn sagt uns, wenn Weisheit immer mit solchem Elend, mit solcher Armut verbunden ist, dann ist sie wohl nicht von dieser Welt, und dann kann sie uns hier auch nicht viel nützen.

Ihr Ohnmächtigen wollt uns lehren, die Welt zu bestehen, habt Ihr sie bestanden? Habt ihr nicht nur Lehren gezogen aus euren Fehlern und Mißerfolgen? Wenn der Kern aller Weisheit imgrunde resignativ ist, dann ist es lebensweise, nicht allzu viel Weisheit an den Tag zu legen. Weisheit ist gar nicht Lebensregel, Lebensgesetz, sondern der blaue Himmel über dem siebenten Tag. Widerhaken.

Es ist die Sprache, die die großen Religionen von den Philosophien unterscheidet. Nicht die Substanz, die Sprache ist es. Philosophie verstand sich immer für wenige. Religion sollte für alle da sein. Die Kirche war die Universität des Volkes. Moschee und Synagoge sind Schulen.

Will sagen, was die deutsche Philosophie hervorbrachte, ist als Religion viele tausend Jahre alt. Drehen wir die Sache doch gleich ins direkte Morgenlicht und sagen, wie es die Uralten taten: Gott, der Herr, hat etwas vor mit uns, wir durchschauen es nur nicht. Es bleibt sein Geheimnis, das schon vor uns war. Gott aber straft und belohnt, und so erklären sich Wirkung aus Ursache und Ursache als Wirkung. Na denn.

Anfänge sind mißdeutbar. In sich widersprüchlich, werden sie auch noch nicht ernst genommen; man behandelt sie vielleicht wie Kinder, gesteht ihnen dabei mehr als Erwachsenen zu. Unter diesem Schutz gedeiht und wächst womöglich eine Überraschung heran. Endlich ist es zu spät für ihre Feinde. So schaffen sich Tatsachen selbst.

Ein blinder Fleck verdirbt das ganze Weltbild.

Der Kindermord rettete den König nicht vor seinem Sohn, erlöste ihn nicht vom Spruche des Orakels, schützte das Geschlecht nicht vor der angedrohten Zukunft.

Wer immer sie lostrat, ist die Lawine erst einmal ins Rollen gekommen, tritt zur Seite.

18.2.77

Poquelin durchschaute am Neuen das Modische. Auf den Müllhalden der Geschichte sammelt sich der Fortschritt.

Ohren für das Gelächter des kommenden Jahrtausends! Und Augen für die langen Gesichter.

22.2.77

Eine Frage. Keine Frage, wie die Intelligenz sich aus dieser Situation herausfinden werde. Dieser Tiger, der in seinem Käfig irre wird, der durch die Wände springt, das Gitter zerreißt, und sich vor dem Käfig in die Sonne legt.

1.3.77

Alles widerrufen können, ohne dabei einen Schmerz zu empfinden.

Die Grenzen der Sprache als nationale bestimmen. Offenlegung der Kastensysteme: das zentrale Sprachproblem. Die absoluten Grenzen "der" Sprache, vergleicht man sie mit den konkreten "nationalen" Sprachgrenzen, dienen einem intellektuellen Spiel. Wo in der Entstehung und Entwicklung von "Nationalsprachen" läßt sich die Anwendung des Prinzips "Teile und herrsche" entdecken?

Die Kontinentalisierung und Globalisierung der Infrastrukturen als jener unterläufige, meist unerkannte Fortschritt: also doch. Und Sprachen werden zum Scheinproblem.

Adorno nannte seinen Schüler Hans Imhoff "den künftigen Mann der deutschen Literatur" und traf gleich zwei Fliegen mit dieser Klatsche.

Die Totalsohle oder Der Wahn bestimmt das Bewußtsein.

Kartoffeln sind doch bessere Orangen!

Wunders Vogel war wohl doch ein Papagei.

Elf Jahre war er alt, als er den kaukasischen Kreidekreis am eigenen Leibe erlebte.

Lüge eines Kollektivs. Die Unruh zersprang, als der letzte Genosse die Tür hinter sich zugeschlagen hatte.

Nomadentum als Geschichtsbewußtsein.

Kriminalromane schreiben, Mordmonopole streitig machen!

Phantasie, das asoziale Wesen.

Die Arbeiterklasse trägt schwer am Fortschritt, Proletarier aber sind seine Opfer?

Die Kinder auf den Mond schicken, um mit den Enkelkindern gemeinsame Sache zu machen: Opas jüngster Einfall.

Finsterling im Abendland: Wer wen?

Diese Fabel vom Tiger, der unter die Schafe geraten war und bald mit ihnen blökte, bis er auf den Irrtum hingewiesen wurde. Verlaß die Herde, sagen die Inder. So entstanden die Kasten.

Im Schatten sitzen beim kulturellen Ausverkauf. Ein Skelett inmitten von Bücherbergen. Ein kleines Vermögen. Verhungert.

Ich sagte, Eiszeit werde kommen, er sagte, ich denke Sozialismus, ich sage, das ist die Eiszeit, wir lachten Galgenscherze.

25.5.77

Solidarität ist nicht zu konstruieren.

Der Mensch müsse überwunden werden. Doch Nietzsche überwand ihn nicht, sondern entdeckte ihn endlich - in Italien, in sich.

Wo sie schreien mußte, verlor sie ihre Überlegenheit.

Die Großstadt verlassen, um der Provinz zu entgehen. Aber wohin?

Die Literatur ist am Ende. Sie ist mit sich und ihren Bedingungen beschäftigt, das ist das Ende.

Die Auseinandersetzung mit den Mystikern ist imgrunde auch eine mit mir selbst. Paprikater muß sie werden.

Alles ist richtig. So ein Satz ist gefährlich unwahr und gefährlich wahr.

31.5.77

Schizos, die ihre Krankheit im Griff haben, schreibt Mattheus. Und Nichtschizos, die die Schizos im Griff haben.

Eine neue Radikalität, die mehr bedenkt, also tiefer an die Wurzeln geht. Und viel Qualm.

Geiselnahme oder Krieg der Eliten. Im Ernstfall wird der normale Bürger zum Outcast, keinen Pfifferling wert. Der Staat läßt sich nicht erpressen.

Ja, wir sind zahm und überaus duldsam geworden. Gewissen gewaschen, wollen wir unsern Frieden haben. So verspielen wir ihn. Der Dümmste kann die Axt anlegen, er wird respektiert. Mit ihm rechnet jeder.

Prometheus, Liebling vieler Herren! Es hat mich mißtrauisch gemacht.

Seid euer Risiko!

Der Kunstredakteur der New York Times warnte vor dem Grotesken in der Kunst, jederzeit lasse es sich ins Antihumane kehren. Freilich auch dagegen.

Auftritt des Clowns. Er gab der Situation Charakter und Bestimmung, nach seinen Regeln lief alles ab. So war der Schein.

Verbirg sie, deine Gelassenheit, spiel den Panischen und Gejagten, mach glauben, du verstündest eben doch keinen Spaß.

Ich habe hier eine Postkarte. Roma-C.Aureli-SantaCecilia Cecilia (Cripta di S.Cecilia) 28. Ernesto Richter-Roma. Eine zweite Postkarte. GERMANISCHES NATIONALMUSEUM NÜRNBERG. Werkstatt des Hans Suess von Kulmbach. Nürnberg. Um 1510. Magdalena aus einer Beweinung Christi. Zwei Kunstpostkarten. Einmal die Furie Magdalena. Einmal die anmutige Cecilia.

Ach, wir reden ja längst nicht mehr von Farben und Tönungen.

2.6.77

Der Genickschuß in Notwehr. Meister: Kurras. Ziel: Benno Ohnesorg. Heutiger Anlaß: Zehnjahrestag.

Aber der Sand hat nicht die Farbe, die ich meine, hat nicht die Feinheit, gibt nicht das Rieselvergnügen, von dem alles Glück abhängt.

Jeder ist sich Genie genug. So nehmen die Kleinen den Großen die Arbeit ab.

Die Welt als Wille und Verstellung.

Ich schimpf nicht mehr, i reg mi nimmer auf. Nach den Jahrhundertleuchtern in dunklen Stadtwinkeln suche ich seit langem nicht mehr.

Zum Beispiel, was du nicht tun darfst: Nimmst dir einen Atlas und suchst nach strategisch interessanten Punkten, weil du einmal allein sein willst. Obwohl der Gedanke nicht falsch war.

Seine eingeborene Sehnsucht nach der Wüste läßt ihm keine ruhige Minute, bis er sein Ziel erreicht hat.

Wo Sand ist, war Blüte. Und wird Blüte sein.

3.6.77

Die Kastrierten sind frei!

Wenn ich mich unbeobachtet glaube, schreibe ich wie der wilde Engel vom Jüngsten Tag. Der mit dem Feuerstab.

Daß alles wüst und leer war, nun gut. Daß alles wüst und leer sein werde: besser. Besser vielleicht, aber gut ist das nicht.

Faschismus beherrscht und bekämpft zugleich die Bundesrepublik. Berechnend unberechenbar.

Wenn die Wahl vom Instinkte unterlaufen wird, vom "Zufall"...

Das Stahlband in der Brust der Deutschen.

Das große Schweigen, darin du zu schwimmen glaubst.

Bernt Engelmann, ein Rechtssozialer, der ungeschoren schreiben und veröffentlichen kann, was einen Linken sofort vor den Kadi bringt.

Ohne sich zu verkaufen, ohne sich zu verraten.

Nimm dich wahr. Wo die Menschen schon aus klimatischen Gründen gar nicht anders als solidarisch sein können. Aber, Klima, was ist das?

Vraiheit. Zur Sackgasse die ewige Alternative.

Der Mann erzählt mir Sachen, als hätte er das Gedächtnis verloren für einen Zwischenzeitraum. Und hier die Therapie: Briefdatum, Poststempel. Die Sendung war zweieinhalb Monate unterwegs. Ein ganz seltener Fall, und ich war schon drauf und dran...

Das tut keinem weh, wenn der sagt, ich übernehme die Verantwortung. Da zahlt keiner drauf.

23.7.77

Denken. Es erfindet sich immerfort neue Sprachen.

Der größte Feind des Materialismus ist der vulgäre.

Ich bin dir. Sie sagt, sie sei mir, nein, ich besitze sie nicht, sie gehört mir nicht, sie sagt, ich bin dir. Unwiederbringlicher Dativ. "Gebefall", der menschliche.

Karl Popper sagt, es sei unsere Pflicht, optimistisch zu sein. Die Förderung der KlassenkonfIikte erkannte er eines Tages als einen gefährlichen Irrtum.

Eine richtig proletarische Gegend. Eine Ecke, an der man eigentlich immer vorbeifährt, liegt irgendwie im Winkel. Menschen wohnen da jedenfalls genug.

Lassen wir uns Flügel wachsen. Aus dem Wortschatz einer Klassikergesellschaft.

27.7.77

Ich glaube eben nicht an die geschichtliche Notwendigkeit des industriellen Fortschritts. Vielleicht verstehe ich deshalb die Welt falsch?

Die Möglichkeiten, daß ein Wunder geschehe, übertreffen alle Erwartungen. Wir werden noch unser Wunder erleben.

Der Dritte Weltkrieg steht nicht vor der Tür. Hier kommt es auf die Betonung an.

Die Sehnsucht der Deutschen nach dem sonnigen Süden ist ein eher sympathischer Zug. Daß ihnen etwas fehlt, sie ahnen es doch.

Italien ist eben ein gefährliches Land, sagt der Italiener, der es kennt.

5.8.77

Ich ersticke in den Winzigkeiten.

Das Paradies ist gleich nebenan.

Was kümmert mich der seidene Faden, solange er hält.

Die aussichtslosen Kämpfe sind uns die liebsten.

Auspizien. Die literarischen Vorboten müssen liebevoll behandelt werden, öffentlich und streng. Zu früh geöffnete Ventile pfeifen nur nicht so laut. Dampf genug ist im Kessel, be careful, da dichtet sich was.

10.8.77

Du erkennst, daß die auf Arbeit beruhende Zivilisation nicht nur ein historischer Irrtum ist, das wöge ja leicht, denn Irrtümer lassen sich schließlich beheben. Sie ist vielmehr das Nebenresultat einer schweren Krankheit, deren Ursachen wir noch nicht zureichend kennen. Der Selbstzweck der Arbeit wird von ihren Ergebnissen lediglich überdeckt. Oder du bist ein Irrtum.

Ist Denkers Posten zentral gelegen, auf einem Gipfel, in einem Abseits, von dem aus alles überschaubar wird? Das immanente dialektische Denken frißt alles auf, verdaut alles, scheidet es als nichtswürdig wieder aus. Es lebt davon, vom Nichtswürdigen, von den schlechten Zuständen. Ohne sie wäre es nicht, höbe es sich auf. Das dialektische Denken hat einen Sinn nur da, wo sowieso alles sinnlos geworden ist. Es ist der Arbeit verwandt. Es hat auch die Arbeit inthronisiert. Es kommt aus derselben Krankheit. Mindestens spiegelt es sie wider. So mittendrin, steckt es sich leicht an. Oder es wird immun, was noch eine Kehrseite hat.

Alle Heilung ist ein Wahn, ist Utopie, ist der Beginn einer neuen Krankheit. Jede Krankheit will zum Tode. Der Mensch lebt in seiner Krankheit. Das unterscheidet ihn von den anderen Lebewesen. Wenn sie krank werden, sterben sie. Der Mensch ist nie anders als krank. Im Menschen ist Gott krank geworden. Und hinfällig, wird behauptet, behauptet. Und daß er in seiner Hinfälligkeit dem Menschen angehaftet sei, glauben andere.

18.8.77

Die organisierte Entführung des Massenmörders Kappler aus dem italienischen Kriegsverbrechergefängnis brachte deutschen Jubel und ein Meer von Blumen hervor. Der Vorfall gehört ins Gedächtnis.

Gudrun Ensslin schwebt in Lebensgefahr.

Der Kommunismus wurde an die Wand gemalt. Der Faschismus war inzwischen auf leisen Sohlen unterwegs. Als die Nazis auf die Pauke hauten, da hatten sie bereits eine ziemliche Wegstrecke hinter sich.

Der Wahn bestimmt das Bewußtsein. Der Wahn bestimmt das Sein. Das ist eine Wiederholung. Eine Wieder-Holung.

Zeiten, die uns springen lehren.

Pantheismus oder Da will einer nicht geboren werden.

Zur Entscheidung: Mit dem Heilsgedanken erst erhält das irdische Menschenleben einen, seinen, Sinn. Ich rede von Bewußtwerdung. Wenn nun einer nicht weiter werden kann, will, soll, darf?

Aufgewacht aus seinem Größenwahn, kam er sich auf einmal sehr unnütz vor.

Die christlichen Denker konnten sich immer mit dem Sündenfall behelfen.

Die Gesellschaft beginnt im Kindbett. Spätestens.

23.8.77

An den Kanten dieses bösen Beispiels ecken wir uns wach.

Der Blütenrausch ihrer Agonie überwuchert alles Leben. Deutschland, Deutschland über alles... Und ich dachte: Rache für Auschwitz. Und ich dachte: dies werde unser aller KZ-Syndrom: in jedem Fabrikschornstein, in jeder Fabrik, in jedem Zaun, jeder Mauer erkenne Auschwitz. Und ich dachte: Rache für Auschwitz, Rache für Auschwitz... Aber an wem?

Diese Krankheitsgeschichte hat den Gedanken an eine Unheilbarkeit nahe gelegt.

Niemand sieht mehr die Krankheit.

Er sagt, daß er mich "am liebsten abblocken" würde, um sich mit solcher Kritik nicht weiter beschäftigen zu müssen.

Der Urgrund der thebanischen Existenz öffnet sich für einen kurzen Augenblick.

Der Sieg, die Herrschaft, des Geistes ist eine Hoffnung oder ein Alptraum. Es gibt Interventionen, oft phantastische, meist immerhin revolutionäre Versuche und Versuchungen... Und was steckt dahinter?

Wissenschaft macht uns frei.

In Deutschland erwache, und du packst deine Sachen, dir ist, als ob du in der Hölle geschlafen hast.

Wer spricht noch von Klassengegensätzen, von internationaler Solidarität?

Im Faschismus bläht sich die Vorgeschichte zur Geschichte auf. Bis sie zerplatzt.

Den großen Wurf vorbereiten und die kleinen Abwehrgefechte bestehen. Ich sag's ja.

In diesem Land, sagte sie, hast du keine Freunde, was wollen wir hier? Was haben wir hier verloren? Ich weiß, was wir hier verloren haben: unsere Jugend, unsere Lebenskraft, unsere Hoffnungen. In Deutschland ist unsere Zukunft zuschanden geworden.

Ich muß es anders sagen: Denken und Schreiben sind die verbliebenen Freiheiten. In deinen vier Wänden, wie Essen und Trinken. Und daß unsre Feinde nicht maßhalten werden.

Wo die Menschen sich organisieren müssen, um etwas zuwege zu bringen, da ist das Zuwegegebrachte gleich für die Katz.

Die Welt durchschaut die Deutschen nicht.

Die deutschen Informationskanäle sind gleichgeschaltet. Die Erfahrungen der Nazis sind noch einmal voll zum Einsatz gekommen, und man muß sagen: mit besserem Erfolg.

2.9.77

Jenseits der Linie liegt das Land des vielfachen Früchtetragens. Und hier die letzte Frechheit im Spiegel: "Der nächste Kappler kommt bestimmt."

Diese freche Verachtung und Verhöhnung der Opfer. Das unglaubliche Grinsen dieser Faschisten. Keine kritische Stimme wurde laut. Daß die Italiener, daß überhaupt das Ausland fast einstimmig sich empörte: die Nazis, das heißt also: die westdeutsche "Öffentlichkeit" hatte dafür nur eine "Erklärung": das müsse wohl am Temperament, an der Mentalität liegen. - Die als "linksliberal" geltende Frankfurter Rundschau schrieb gestern auf der ersten Seite: Rasse und Intelligenz. Sie berief sich auf einen englischen Forscher. Die osteuropäischen Menschenrechtler sollten ruhiger werden, meint das seltsame Blatt, sie fordern von ihren Völkern zuviel (!!!!!). "Rasse und Intelligenz", so das Motto der Frankfurter Rundschau.

Er, der Antifaschist, ging in die Knie. Und die Faschisten erheben seither wieder ihr Haupt. Jawohl: seither. Die "neue" Ostpolitik hat den Faschisten den Weg bereitet.

Willy Brandt holte den Nazis nur ein paar Kastanien aus dem Feuer.

Auch die Kappler-Sache gehört in eine offenbar endlose Reihe internationaler Klarstellungen. Man weiß immer besser, woran man ist. Vor fünf Jahren wollten sie alle an eine Verwandlung der Deutschen glauben. Jetzt endlich ist die demokratische Maske herunter. Sind die Mörder tabu vor dem Gesetz?

Bürgere dich aus!

Heiliger Zufall, ich töte Sumpffliegen.

Gut für die Wahrheit, daß sie keine Pflicht mehr ist.

Den Rechtsstaat beim Wort nehmen, jetzt.

15.9.77

Auf der einen Seite scheint sich ein Großteil der Bevölkerung an die neue Situation zu gewöhnen; auf der anderen fordern Politiker, Publizisten, ja selbst Golo Mann, mehr Staat, Grundgesetzänderungen, Strenge, Zusammenrücken, wohl schließlich weniger Demokratie. Kappler ist vergessen. Die Nazis haben wieder ihre Ruhe. Alles starrt auf die Linke. Wem nützt die Entführung Schleyers, wem die Ermordung seiner vier Begleiter. Die drei erschossenen Polizisten erhielten ein Staatsbegräbnis. Schleyers Chauffeur kam privat unter die Erde.

Die Stimmung in der französischen Presse scheint in den letzten Tagen umgeschlagen zu sein. Kamen zuvor in Le Monde Leute wie Genêt zu Wort, so ist jetzt ein anderer Tenor eingezogen. Man zeigt wieder mehr Verständnis für die Bundesrepublik, spricht nicht mehr von "Polizeistaat". Will die deutsch-französische Freundschaft, so eine Regierungsstimme, dadurch nicht gefährdet wissen. Italien braucht bundesdeutsche Kredite. Eine Verschärfung der Situation in der Bundesrepublik und der Bundesrepublik in Europa könnte für die Vereinigung Europas unangenehme Folgen haben. Vielleicht zielt sowieso alles nur darauf ab. Eine entdemokratisierte Bundesrepublik müßte womöglich die EG verlassen, später die NATO? Vor allem: die Europawahlen im nächsten Jahr! Sie könnten gefährdet werden. Ich finde, die außenpolitische Sicht ordnet solche Aktionen wie Entführungen, Attentate sinnvoll ein. Jetzt kriegen sie ihre Funktion, jetzt wird deutlich, wo ihr Nutzen, wo ihr Schaden liegt... Der ermordete Buback wurde von einem Nazi (Rechtsanwalt Roeder) als "Juden-Lakai" bezeichnet. Offensichtlich haben solche Leute ein starkes Interesse an der Zerstörung gerade dieser Republik. Verwirrung stiften: ein Mittel faschistischer Politik.

Vertrödelt euer Europa nicht! Der Nationalismus muß überwunden werden: Inzest, das war Vorgeschichte. Ziel der Geschichte ist die individuelle Verschiedenheit. Die unendlich sich verwandelnde, die goldene Mischung. Das unaustauschbare Individuum. Ça ira.

Es gibt keine proletarische Avantgarde.

Der Westen ist frei. Im Osten verziehen sich einige Wolkenfelder. Ich sehe, daß politische Assoziationen entstehen können, wo ich vom Wetter rede.

Phantasie ist das Lichterspiel einer inneren Wirklichkeit und ihrer Bedürfnisse. Wenn du glaubst, jetzt habe sie ihren Höhepunkt erreicht, legt sie noch eins drauf.

22.9.77

Wer nicht genau zusieht, der könnte jedenfalls auf den Gedanken kommen, ein herrliches, obendrein gefährliches Durcheinander kennzeichne die Situation. Alles scheint in Frage gestellt, auf die Spitze getrieben. Und doch...

Wie wuchern wir mit diesem Pfund. Diese Frage war zu lösen.

kuckuck 46
IV/84

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Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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