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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Buchausgabe:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 3. Strategien der Zerstörung
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1984-08-00

Horst Lummert

Zu Texten

Nach Büchern

Über deutsche Demokraten, Marie Antoinette, Jan Hus und SS-Sonderführer um heiße Eisen der europäischen politischen Geschichte, Schriftsteller, Schwindler und Verhexte, für eine Philosophie der Abschreckung...

Erich Knapp reichte zu seinen Antithesen... (in diesem Heft auf Seiten 135ff.) eine Ergänzung nach, die in den Text nicht mehr eingearbeitet werden konnte.

Sie lautet:

Auch Deutschland ist ein Ort, wo sich Demokrat, Aristokrat und Jude politisch nicht unterscheiden, weil hier der Nazismus majoritär und endemisch (en demos) ist und Volksherrschaft dem Nazismus sehr förderlich (vgl. Seite 136, 1. Absatz).

Dies also auch zur Ergänzung der Legende, Erich Knapp sei - und gar zweimal - ns-verfolgt; womit sich eine Zeitlang seine politische Nähe zum rechtsradikalen Hinter- und Untergrund mindestens bei außergewöhnlich Naiven im Lande vertuschen ließ.

Seine politische und publizistische Praxis weist den NS-Gymnasiasten und radikalen Jugendführer nahezu unzweideutig als einen Freund autoritärer Vorstellungen und als Feind der Demokratie aus.

Knapp hat mit Demokratie so viel zu tun wie mit Frankreich, Judentum, Westen und alldem, was er in vernünftiger Minute oder wenn er's für ratsam hält als seine ideelle Heimat ausgibt.

Er ist ein Ethnizist, man muß ihn nur genau lesen, und zugleich Produzent "ethnizistischer" Blitzableiter.

Es ist weniger der subjektive Beitrag als die Phänomenologie seiner politischen Selbstdarstellungen, welcher der aufklärerische Wert beikommt.

Was immer er subjektiv im Hinterkopf und auf den Lippen gehabt haben mag - objektiv hat er der neuen und alten Rechten genützt und dem Schaden zugefügt, was angeblich seit je sein politisches Anliegen war.

Um historische Gerechtigkeit braucht man sich nur zu sorgen, wenn und wo aus aktuellen politischen Gründen bekannte und gesicherte Tatsachen propagandistisch verdreht unter die weniger gut informierten Leute gebracht werden sollen.

Nur über sie wird systematische Desinformationspolitik zu einer Gefahr für die politische Aufklärung.

Da liegt in Hülle und Fülle authentisches Material über den katholischen Widerstand im Dritten Reich vor - einen Widerstand, der, was seine intellektuelle und moralische Qualität, was Mut und Opferbereitschaft angeht, in Deutschland seinesgleichen sucht.

Man vergleiche nur einmal die Predigten Faulhabers, des Katholiken, und Gollwitzers, des Protestanten, miteinander - in diesem Heft.

Im sogenannten Priesterblock des Konzentrationslagers Dachau waren rund 400 katholische und 35 evangelische Pfarrer untergebracht.

Mit der Zeit wird einem auch klar, wie es zu den penetranten Nachkriegsverleumdungen kommen konnte, die katholische Kirche sei imgrunde ein Komplize Hitlers gewesen.

Sie wurde und wird - das hat Methode - von der altneuen NS-Propaganda diffamiert, weil beziehungsweise insoweit sie nicht mit den Nazis kollaboriert, sondern Widerstand geleistet hatte.

Was religionsgeschichtlich und mythenpsychologisch gewiß seine Evidenz hat (und im kuckuck sind solche Bezüge vor allem beim Antisemitismus-Problem, ich denke: triftig, wiederholt festgestellt worden), wird auf der Ebene praktischer Politik und in der individuellen, ethisch zu bewältigenden Konfrontation deshalb noch lange nicht bestimmend für ein Verhalten.

Die dem Christentum immanente Paradoxie erweitert die Entscheidungsfreiheit und erhöht damit aber zugleich den ethischen Wert des hier besprochenen Widerstands.

kuckuck macht seit kurzem ein wenig Reklame für die EIR-Publikationen, die einerseits lesenswert sind, zum andern jedoch auch der genauesten Lektüre, ja der kritischen Wendung bedürfen.

Sie finden diesmal einige Texte, die aus der Zeitschrift Ibykus übernommen wurden. Sie ist dem aufmerksamen Leser zu empfehlen. Damit soll's jetzt aber genug sein.

kuckuck schließt jetzt, ohne es so geplant zu haben, so etwas wie eine Phase ab, was wohl in der Natur einer Entwicklung liegt, die Europa (und darin auch Deutschland) mittlerweile hinter sich gebracht hat.

Es ist nicht kuckuckssache, weiterhin über Dinge zu reden, die inzwischen in jeder Zeitung nachgelesen werden können.

Das Leben geht weiter, und eine Perspektive für das Europa des kommenden Jahrtausends - das ohne Grenzen - soll uns jedenfalls mehr interessieren und zu konzeptiver Logik verlocken als die Geschichten von gestern und vorgestern - wofern die nicht nach wie vor den Horizont zu verdunkeln drohen.

Die investigative kuckucksmethode - sie läßt sich freilich nicht unumschränkt und ewig anwenden - hat im Laufe der Jahre allerdings zahlreich Dokumente zutage gefördert, Fakten und Zusammenhänge, Vorder- und Hintergründe beleuchtet, die zuvor so nicht öffentlich bekannt waren. Es wird weitere Zeit brauchen, um diese Dinge zu sortieren und halbwegs zu ordnen, sodann zu analysieren.

Diese "Dinge" sind nicht seelenlose Objekte, denen man sich in aller Ruhe widmen könnte wie einer Kollektion seltener Steine. Sie verändern sich, erhalten mit der Zeit eine andere Bedeutung, ja sie schreiben sich selbst immerfort neue Bedeutungen zu.

Je nach Konstellation und Bühnenraum, und stets abhängig vom Bewußtseinsniveau des Publikums, werden die Szenen umgeschrieben.

Die Autoren lassen ihr Werk nicht aus den Augen. Jeglicher Aufdeckung ihrer sonderbaren Intentionen begegnen sie mit neuen Verhüllungen, Täuschungen und Irreleitungen.

Wie Proteus freilich sind sie an ihrem Versteckspiel zugleich auch zu identifizieren. Historisch nacheinandergereiht, wird ihr mythisches Mosaik sogleich überfällig.

Die ökofaschistische Posse - zum Beispiel - endet in dem Moment, da das Publikum merkt, daß die deutsche Holzwirtschaft ihre billigen Wälder umforsten muß, wenn sie auf dem Weltmarkt bestehen will.

Manch ein Öko-Schachspieler befindet sich zuletzt als ein armer und für dumm verkaufter Bauer auf dem Tablett. Der feudale Forst geriert sich als germanischer und spekuliert auf eine "politische" Vorfinanzierung und Haftung des Staates.

Die Anwendung quasi konspirativer Methoden gegen eine republikanische Gesellschaft ist antidemokratisch, antikonstitutionell - eine historiologisch gegenrevolutionäre Machenschaft.

Die im eigentlichen Sinn sozialrevolutionären Klassenauseinandersetzungen sprengen den Verfassungsrahmen nicht; seine Respektierung liegt vielmehr im politischen Interesse der sozialen Revolution.

Unter diesem Blickwinkel gerät der Buchtitel Die korrupte Republik sofort ins Zwielicht. Wer, der nicht die Republik meint, wenn er die Korruption aufspießt, könnte sich zu diesem verräterischen Titel verführen lassen?

Korruption gegen die Republik oder Der unterirdische Krieg gegen die Republik unter bevorzugter Anwendung der Mittel finanzieller und politischer Korruption...

So könnte man's nennen.

Anders taucht nämlich der Verdacht auf, es solle - womöglich von den Korrupteuren selbst - die Republik verhöhnt werden, solle die parlamentarische Demokratie identifiziert werden mit der Korruption.

Jeder kann wissen, daß die Bundesrepublik nicht an sich selber, sondern an den un- und antidemokratischen Kräften leidet, die 1945 keineswegs ausgestorben sind, sondern darüber hinaus auch noch Zuwachs bekommen, ja ihn sich systematisch wieder herangezüchtet haben.

Es sind, eine jahrelange Beobachtung, nicht zuletzt diese faschistischen Würmer, die die Fäulnis im demokratischen Apfel beklagen.

Siegfried Bluths "politisches und wirtschaftliches Sittengemälde" (Verlag E.+S. Fleischmann, Eßlingen 1983: Siegfried Bluth, Die korrupte Republik) hinterläßt Eindrücke:

In Hitlers Reich blühte die Korruption in den unteren Stockwerken, weniger jedoch bei den Parteibonzen der ersten Garnitur. Die Starnazis brauchten sich nicht der Korruption oder Korrumpierung bedienen, um Macht und Reichtum zu sichern (111).

Genau wie Bluth waren (und sind) sie der ständig wiederholten Überzeugung, daß Korruption zur Demokratie gehöre, daß Demokratie eben "korrupt" sei, schlechthin.

Da sollte Siegfried Bluth sich den einen oder anderen Veranlasser der bundesdeutschen Erschütterungsaffären vielleicht mal etwas genauer ansehen.

Mehrwertigkeit gehört zur Natur grenzüberschreitender Aktivitäten.

Daß Marie Antoinette und die Jakobiner gewissermaßen gemeinsame Sache machten - gegen die Revolution, gegen die Aufklärung, gegen Frankreich: es hat sogar die subjektive Komponente, daß ein kaiserlicher Bruder Marie Antoinettes als Freimaurer wie Friedrich II. von Preußen dieselben Jakobiner finanziell unterstützte, die seine Schwester aufs Schafott brachten, ohne daß er für die entthronte Königin von Frankreich auch nur den kleinen Finger gerührt hätte.

Ohnehin, nicht ein finsteres Habsburg hatte sich mit ihr ins freie, lichte Frankreich verpflanzt, nein, Marie Antoinette, die Vielgeschmähte, brachte doch Licht und Freiheit, Spontaneität und Ungezwungenheit und allerdings auch einen lebensgefährlichen Schuß mädchenhaft unköniglicher Naivität, verbunden mit Gradlinigkeit, Stolz und innerer Konsequenz, bei aller Verspieltheit in jungen Jahren, mit herüber; mit ihr wehte ein frischer Wind ins etikettiv ausgetrocknete Versailles.

Nicht Österreich - Frankreich (!) war am Ende seines politischen Lateins und wurde darin von den Höfen in Wien, Berlin und Petersburg noch bestärkt; von Wien mählich mit dem Zerrinnen der Macht Maria Theresias zugunsten ihres Sohnes, Mitregenten und späteren Kaisers Joseph II.

Der revolutionäre Scharfblick richtet sich auf die österreichische Erzherzogin, Tochter der großen Kaiserin, Dauphine und endlich Königin von Frankreich - neben ihrem hilflosen und phlegmatischen Gatten Ludwig XVI.

Im Lande das darbende Volk - es wurde zu einem praktikablen Instrument, einem wütenden Kampfesheer der Täuschungen und Selbsttäuschungen.

Denn getäuscht sieht sich, wer glaubte, die Fronten verliefen so klar und sauber, daß es ein einfaches wäre, sich für die richtige Seite zu entscheiden.

Es waren die gleichen gesellschaftlichen Kräfte, die das Elend verursacht hatten und die sich nun von einer politischen Umwälzung noch einmal größte Vorteile und Absicherungen ihrer bislang noch mit dem Königtum und der Kirche konkurrierenden Machtpositionen versprachen (und denen die Geschichte schließlich Recht gegeben hat).

Die herrschende Adelsklasse gab durch ihr Bündnis mit dem aufstrebenden Bürgertum - dieser eigentlich historischen Kraft - gegen dessen proletarischen Rivalen den katastrophalen Ausschlag.

Bereits in den revolutionären Anfängen diente das Proletariat lediglich als massenhaft verfügbare Figur in einem von langer Hand programmierten politischen Intrigenspiel.

Ein sensibel tief blickender, später Begleiter des Geschehens (Stefan Zweig, Marie Antoinette; Bermann-Fischer Verlag, Amsterdam 1948) vermerkt:

Die hochmütig harte, unerschütterlich starre Haltung Marie Antoinettes gegen die Revolution enthält aber (zumindest im Anfang) nicht die geringste Feindseligkeit gegen das Volk (254).
Ihr ganzer Haß geht darum gegen die factieux, gegen diese Verschwörer, Aufwiegler, Klubisten, Demagogen, Redner, Streber und Atheisten, die im Namen verworrener Ideologien oder aus ehrgeizigen Interessen dem biedern Volk Ansprüche gegen Thron und Altar einreden wollen (254).
Marie Antoinette beurteilt - wie könnte sie anders? - die Revolution nach den Menschen, die sie führen; und wie immer in Umsturzzeiten, waren hier die Lautesten nicht die Redlichsten und Besten.
Muß es die Königin nicht mißtrauisch machen, daß es gerade die Verschuldeten und Verrufenen unter den Aristokraten sind, die sittlich Verderbtesten, wie Mirabeau und Talleyrand, die als erste ihr Herz für die Freiheit entdecken?
Wie soll sich Marie Antoinette die Sache der Revolution als eine ehrliche und ethische denken, wenn sie den geizigen, gierigen, den zu jedem schmutzigen Geschäft bereiten Herzog von Orléans für die neue Brüderlichkeit schwärmen sieht?
Wenn die Nationalversammlung als ihren Liebling Mirabeau erwählt, diesen Schüler Aretins sowohl im Sinne der Bestechlichkeit als in jenem der Zotenschreiberei, diesen Abschaum des Adels, der wegen Entführung und anderer dunkler Geschichten in allen Gefängnissen Frankreichs gesessen hat und dann als Spion sein Leben gefristet?
Kann eine Sache göttlich sein, die solchen Menschen Altäre aufstellt? (255f.).
Zwei Tage später, am 5.Oktober, entsteht Tumult in Paris.
Er entsteht, und dies gehört zu den vielen undurchdringlichen Geheimnissen der Französischen Revolution, wie er eigentlich entstanden ist.
Denn dieser Tumult, scheinbar elementar, erweist sich als wunderbar weitgedacht organisiert, als politisch unübertrefflich eingesetzt, der Schuß geht so gerade und genau von einer richtigen Stelle aufs richtige Ziel los, daß sehr kluge, sehr wissende, sehr geschickte und geübte Hände ihn abgefeuert haben müssen.
Schon dies war ein Meistergedanke - würdig eines Psychologen wie Choderlos de Laclos, der ja im Palais Royal für den Herzog von Orléans den Feldzug um die Krone leitet -, nicht mit einer Männerarmee, sondern mit einem Trupp von Frauen den König gewaltsam aus Versailles zu holen.
Männer kann man Aufständische und Rebellen nennen; auf Männer schießt gehorsam ein gut kommandierter Soldat.
Frauen aber wirken bei Volksaufständen immer bloß als Verzweifelte, vor ihrer weichen Brust zuckt das schärfste Bajonett zurück, und überdies, die Anstifter wissen es, ein so ängstlicher und sentimentaler Mann wie der König wird niemals Befehl geben, Kanonen auf Frauen zu richten.
Also erst die Erregung hoch gespannt, indem - wieder weiß man nicht, durch wessen Hände und welche Machenschaften - die Brotzufuhr nach Paris zwei Tage künstlich zurückgehalten wird, damit Hunger entstehe, diese einzigartige Triebfeder des Volkszornes.
Und dann, sobald der Wirbel in Gang kommt, die Frauen rasch heran, die Frauen nach vorn in die erste Reihe!
Tatsächlich ist es eine junge Frau, und man behauptet, sie hätte reich beringte Hände gehabt, die am Morgen des 5. Oktober in ein Wachlokal einbricht und eine Trommel ergreift.
Hinter ihr sammelt sich im Nu ein Zug rasch anströmender Weiber, die laut nach Brot schreien.
Der Tumult ist da, bald mengen sich verkleidete Männer in den Schwarm und geben dem brausenden Strom die vorbestimmte Richtung gegen das Stadthaus.
Eine halbe Stunde später ist es gestürmt, Pistolen und Piken und sogar zwei Kanonen sind geraubt, und plötzlich - wer hat ihn bestellt und beeinflußt? - ist ein Führer da, namens Maillard, der diese ordnungslos quirlende Masse zur Armee ordnet und sie aufreizt, nach Versailles zu marschieren, angeblich um Brot, in Wirklichkeit, um den König nach Paris zu holen (290f.).

In England und DeutschIand wurde manches vorgedacht. Den Deutschen wird vorgeworfen, keine Revolution zuwege gebracht zu haben. Aber die deutsche Philosophie lieferte nicht nur den Revolutionären, sondern auch den deutschen Königen und Fürsten beachtliche Theorien für die innere Auflösung der Gesellschaft - ihrer Nachbarn.

Ist Umdenken am Platze?

Ein Fleischer, der seine eigene Wurst nicht ißt, wird wissen, warum. Ein brauchbares Bild?

Um die Lagerfeuer, mitten in den Straßen, scharen sich die Soldaten des Pariser Aufstandes, die keine Unterkunft gefunden haben; niemand kann erklären, warum sie eigentlich noch in Versailles und nicht zu Hause in ihren Betten sind, da doch der König alles gehorsam zugesagt und versprochen hat.
Aber ein unterirdischer Wille hält und beherrscht diesen unruhigen Schwarm.
Hinüber und herüber aus den Türen schatten Gestalten, die geheime Aufträge geben, und um fünf Uhr morgens, noch liegt der Palast in Dunkel und Schlaf, schleichen einzelne Gruppen, von wissender Hand geführt, auf Umwegen durch den Hof der Kapelle bis unter die Fenster des Schlosses.
Was wollen sie?
Und wer führt diese zweifelhaften Gestalten, wer treibt sie heran, wer schiebt sie vor zu einem noch nicht erkennbaren, aber wohl erwogenen Zweck?
Die Treiber, die bleiben im Dunkel; der Herzog von Orléans und der Bruder des Königs, der Graf von Provence, sie haben vorgezogen und wissen vielleicht, warum, in dieser Nacht nicht im Palast bei ihrem rechtmäßigen König zu sein.
Jedenfalls: plötzlich kracht ein Schuß, einer jener provokatorischen Schüsse, die immer notwendig sind für einen gewollten Zusammenstoß.
Sofort strömen von allen Seiten Aufständische heran, Dutzende, Hunderte, Tausende, bewaffnet mit Piken und Hacken und Flinten, die Regimenter der Frauen und die als Frauen verkleideten Männer.
Der Vorstoß hat kerzengerade Richtung: zu den Gemächern der Königin.
Doch wieso finden die Fischweiber von Paris, die Frauen der Halle, die Versailles nie betreten haben, so merkwürdig sicher in diesem völlig unübersichtlichen Schlosse mit seinen Dutzenden von Stiegen und Hunderten von Zimmern sofort den richtigen Aufgang?
Mit einem Stoß schwemmt die Welle der Weiber und verkleideten Männer die Treppe zu den Gemächern der Königin empor.
Ein paar Leibgarden versuchen, den Eintritt zu wehren, zwei werden herabgerissen, barbarisch ermordet, ein großer bärtiger Mann hackt auf dem offenen Platz den Leichen die Köpfe ab, die wenige Minuten später bluttropfend an riesigen Piken tanzen (297).

Im Schatten der Französischen Revolution erfolgten die zweite und dritte Teilung, das heißt am Ende die gründliche Aufteilung Polens unter Rußland, Österreich und Preußen.

Ein weiterer Nutznießer war England, ohne Zweifel.

Und Frankreich?

Verlor das Land mit der Monarchie nicht schließlich seine politische und historische Identität?

Oder anders: Wurde Napoleon zu einem rettenden Balken oder Strohhalm für ein Frankreich, das sich soeben selbst zerstörte, freilich in dem irrenden Glauben, endlich - nämlich in einem demokratischen Selbstwerdungsprozeß - zu sich zu finden, gefunden zu haben?

Zwei heikle Fragen aus dem Munde eines Demokraten.

Vielleicht bedürfen in Europa einige Begriffe lediglich der neuen Definition.

Frankreich war schon unter Ludwig XV. kaum noch handlungsfähig.

Ja, bezeichnend für die innere Entwicklung des Landes war bereits unterm Sonnenkönig - Ludwig XIV. - der Gegensatz zwischen dem sich emanzipierenden Adel und dem Monarchen, wenn nicht der Institution Monarchie.

In Böhmen um 1400 war's der eigentliche Konflikt: der Krieg des Adels gegen das Reich - um den Landbesitz von Krone und Kirche, d.h. die Aufteilung des Territoriums.

Damals gliederten sich bereits, sortierten und versammelten sich die euro-potentiell zahllosen Nationalstaaten für spätere Jahrhunderte.

An den spätmittelalterlichen Universitäten, noch universell, aber schon brüchig, waren sie nämlich besitzmäßig längst vorgegeben.

In Paris, der am meisten internationalen Universität des Mittelalters, waren die Studenten und Dozenten nach Nationen organisiert, vier an der Zahl, eine französische, eine pikardische, eine normannische und eine englische, zu der auch die Deutschen gehörten.
Die landsmannschaftliche Einteilung war sehr ungefähr, aber Nationen im neueren Sinne kannte man ja noch nicht.
In Prag wurden ebenfalls vier Nationen gebildet: die böhmische, polnische, sächsische und bayrische. Auch das waren ungefähre Einteilungen, die vieles umfassen sollten, mehr nach den Himmelsrichtungen gewählt als aus nationalen oder staatlichen Rücksichten.
Zur böhmischen Nation zählten auch die in Böhmen geborenen Deutschen, ferner Ungarn, Kroaten, Dalmatiner; zur polnischen Nation die Studenten aus den schlesischen Herzogtümern, die staatsrechtlich zur Krone Böhmen gehörten; zur bayrischen alles, was nach Westen hin sich erstreckte bis zum Rheinland und Holland, zur sächsischen alles nach Norden bis nach Skandinavien hin.
Die Universitätsnationen waren nicht wie die späteren Landsmannschaften deutscher Universitäten private Zusammenschlüsse: Sie stellten mit kompliziertem Wahlsystem die Verwaltung, die Dekane und Rektoren.
Nach dem Beispiel dieser Universitätsnationen - und damit erhielt die Bezeichnung historische Bedeutung - wurden dann auf dem Konzil und Völkerkongreß zu Konstanz vier Nationen, zum Schluß fünf, gebildet, um nach neuen Prinzipien die Abstimmung gegenüber dem bisher geltenden Übergewicht der Prälatenstimmen zu sichern.
Das Wort Nation begann damit seinen Siegeszug, der noch andauert.
Es ist immer ein umstrittener Begriff gewesen, zu Definitionszwecken erweitert zur Kulturnation, in staatlicher Rücksicht meist sehr schwer zu handhaben; im Königreich Böhmen besonders, wo zu dem engeren Königreich Böhmen noch die Länder der Krone Böhmen kamen sowie die sprachlichen Unterschiede von tschechischen und deutschsprechenden Untertanen...
Die Nationalsprache war da (beim Prager Universitätsstreit - H.L.) schon ein Hauptproblem, die Zunge, wie man es noch im mittelalterlichen Sprachgebrauch nannte. Und die Volkssprachen waren in allen Ländern erst dabei, sich überhaupt literarische und offizielle Geltung zu verschaffen.
Denn noch herrschte die Universalsprache des Lateinischen an den Universitäten unbedingt; daß Jan Hus auch in der Volkssprache schrieb und predigte, war einer der Haupteinwände seiner Gegner gegen ihn als wissenschaftlich nicht recht ernst zu nehmenden halben Laien (53f.).

Richard Friedenthal, Jan Hus. Der Ketzer und das Jahrhundert der Revolutionskriege. Serie Piper 331. Neuausgabe 1984 von Ketzer und Rebell, München 1972.

Spätere Einflußgebiete zeichnen sich bereits ab. Es scheint eine merkwürdige Dialektik am Werke zu sein, wenn kollektive Ablösungs- und Befreiungsakte sich letztlich als das Gegenteil, als die Zerschlagung des Himmels und seines Freiheitsraumes erweisen.

Der Universalismus des Mittelalters, oft berufen und vielfach nur ein Ideal, war dennoch eine Wirklichkeit, die sich erst langsam auflöste.
Die Universitäten führten das Wort universal im Namen und in der gemeinsamen lateinischen Sprache; sie kannten eine Freizügigkeit, die nicht wieder erreicht worden ist.
Der Magister Hieronymus von Prag, mit Hus verbrannt, zog von Oxford, Paris, Köln bis Krakau, von einem Katheder zum anderen, überall Gedanken und Widerstand aufrührend. Die Sendbriefe der Hussiten liefen bis nach Spanien.
In Prag arbeiteten französische Architekten und Musiker, deutsche Bauleute, italienische Gelehrte, von denen einer bis nach Peking gereist war, litauische Studenten in einem eigenen Kollegium.
Daß gerade dieses Land Böhmen, zur Zeit der Geburt des Hus als die zuverlässigste Bastion des strengsten Kirchenglaubens angesehen, sich wandelte zum Zentrum einer revolutionären Bewegung, war der große Schock und die Überraschung des Zeitalters, so erschreckend, weil darin alle umstürzlerischen Tendenzen, die sonst vereinzelt zu Tage traten, zusammengefaßt erschienen.
Mit Ketzerei, Ungehorsam und Kampf gegen die Kirche begann es; Rebellion gegen die feudalen staatlichen Mächte folgte, schließlich wurden selbst die gesellschaftlichen Grundlagen insgesamt in Frage gestellt.
Daß diese Ketzerei siegreich blieb für Jahrzehnte und am Ende sogar, wenn auch in stark reduzierter Form, anerkannt und geduldet werden mußte, war das historische Ereignis mit Folgen bis weit in das folgende Jahrhundert hinein (12).

Was trug sich zu? Kein Zweifel: der Himmel der katholischen Gewißheiten stürzte ein und begrub unter seinen Trümmern das - gleichsam analog - sich zerstückelnde Abendland. Der Universalismus Europas ist Geschichte, seine geistige und sprachliche Gemeinsamkeit ist keine Utopie, sondern Vergangenheit, unwiederbringlich.

Anzumerken ist an dieser Stelle, daß soziale Suiciderscheinungen, wie wir sie etwa in den Judenverfolgungen vor uns haben, symptomatisch fürs hohe, ausgehende Mittelalter, Merkmale eher des neuzeitlichen Europas sind; daß sie nicht ins Zeitalter des unangezweifelten Glaubens gehören.

Die Feindschaft gegen die Juden ist ein Teil der Ketzerbewegungen selbst, die sich bis in unser Jahrhundert herein fortgesetzt haben.

Europa hat die Verunsicherung durch den Islam seit dem niederschmetternden Mißerfolg der kirchlichen Kreuzzüge in den Vorderen Orient bis heute nicht verwunden.

Universitätslehrer waren die geistigen Führer und Vorbereiter, die für die nächsten zwei Jahrhunderte das Bild bestimmten, und zwar in einem Ausmaß, wie kaum zuvor oder danach.
Der Oxforder Professor John Wyclif, der Prager Dozent Jan Hus, der Wittenberger Doktor Martin Luther, der Genfer Theologe Jean Calvin: An ihre Namen knüpfen sich viel mehr als bloße kirchengeschichtliche Sonderentwicklungen, die man der Spezialgeschichte überlassen kann.
Sie markieren auch Etappen in der Geschichte der Wirtschaft, des Rechts, des sozialen Lebens, des politischen Bewußtseins, der Stellung des Menschen zu Gott und der Welt; sie sind Ketzerbewegungen nach dem Sprachgebrauch der Autoritäten, Befreiungsversuche, neue Bindungen, und in alledem gehören sie zu den Grundlagen der Zeit, in der wir noch stehen oder in die wir geworfen sind nach einem bekannten Ausdruck des 16. Jahrhunderts (9).
Böhmen gehörte damals nicht in den Rahmen einer osteuropäischen Geschichte, wie sie heute als sehr verdienstliche Spezialforschung betrieben wird.
Es war die Residenzstadt des Kaisers, das verwaltungsmäßige und auch kulturelle Zentrum des Heiligen Römischen Reiches; ihm vorgelagert das mächtige Großreich Polen-Litauen, das über Kiew bis zum Schwarzen Meer reichte.
Die Ereignisse, die zu schildern sind, fanden nicht am Rande statt, sondern nahezu in der Mitte, und nicht zuletzt deshalb erhielten sie solches Gewicht für die übrige Welt (11f.).

Richard Friedenthal beschreibt das Vorfeld der Hussitenbewegung:

Als der Streit um Hus und Wyclif in vollem Gange war, prägten die Gegner eine Stammbaumformel, um die Ahnenreihe der Ketzer zu brandmarken... Wyclif, der Engländer, zeugte den Böhmen Hus, und dieser den Deutschen Martin Luther (15).
John Wyclif, Doktor der Theologie und Professor in Oxford, gab der großen Ketzerbewegung vom Ende des 14. und Anfang des 15. Jahrhunderts den Namen: Wiclifismus hieß es in den päpstlichen Bullen, die zahlreich waren und die in den Sendschreiben der Könige und ihrer Räte häufig wiederholt werden mußten.
Die Wiclifiten wurden auch vom Volk noch lange nach dem Feuertod des Jan Hus die Hussiten genannt.
Das erstaunlichste ist, daß der Erzketzer trotz vielfacher Verdammung nicht verbrannt wurde; er konnte sein Leben im Exil seiner kleinen Dorfpfarre Lutterworth beschließen und in seinen letzten Jahren, schon schwer leidend, noch die gewagtesten seiner Schriften vollenden und seine Anhänger, akademische Schüler und seine poor priests, instruieren und ins Land aussenden (61).

Seine Bibelübersetzung ins Englische wurde zu Hunderten verbreitet. Seine Lehren freilich blieben unterdrückt; sie wurden nur von den Lollards gehütet und überliefert.

Fernab, in Böhmen, ging die Saat.

In Prag aber schlugen die Lehren Wyclifs tiefe Wurzeln. Sie breiteten sich aus wie Unkraut nach dem Bild der Gegner, wie ein Lauffeuer in der Anschauung der Anhänger.
Sie entfesselten einen Brand, dessen Widerschein ganz Europa erleuchtete, sie führten zu einer ersten großen Revolution und Jahrzehnten blutiger Interventionskriege, Kreuzzüge genannt und von den Böhmen stets siegreich abgewehrt.
Als Wiclifit und Verbreiter der Lehren des Erzketzers wurde Jan Hus zu Konstanz verurteilt; das Konzil verdammte zuerst nochmals den längst verstorbenen Engländer, ehe es sich dem Prager Magister zuwandte (61f.).

Wyclifs seit dreißig Jahren bestatteten Gebeine sollten exhumiert, verbrannt und die Asche ins nächste Gewässer gestreut werden. Der Befehl des Papstes mußte später wiederholt werden. Wyclif hatte auch nach seinem Tode starke Freunde.

Er war nicht nur Theologe und Lehrer. Wyclif war vor allem ein politischer Mensch mit guten Beziehungen zu den Größen seines Landes.

Er hat sogar als Berater der Regierung an Verhandlungen über die Abgaben an die Kurie und die höchst brisante Frage der Verteilung von englischen Pfründen an Ausländer als Stipendiaten des Papstes teilgenommen.
Bei dieser Gelegenheit hat ihn der Königssohn John of Gaunt, Herzog von Lancaster, kennengelernt und als für seine Zwecke ungemein nützliches Werkzeug erkannt.
Als Mann des Herzogs, der dominierenden Gestalt am Hofe und in der Politik des Landes, hat Wyclif seine Rolle auf dem Markt des Tages gespielt; der Mann Lancasters, nach feudalen Begriffen, ist er noch geblieben, als sich ihre Wege trennten; der Herzog hat dafür gesorgt, daß auch der Verdammte und Verfemte in Ruhe sterben konnte (63f.).

Wyclif schreibt und predigt gegen die Rechte des hohen Klerus, vor allem des Papstes.

Aus dem Beratungssaal in Westminster geht er auf die Straße. Er predigt in London, unter dem Schutz Lancasters, der es gerne sieht, daß der hohe Klerus gezaust wird.
Der Herzog hat da seine intimsten Gegner; er ist keineswegs, wie er später als Beschützer des Erzketzers hingestellt worden ist, ein eifriger Reformer, sondern ein hochfeudaler Großer, der weitaus größte Grundbesitzer des Landes, als Königssohn noch ständig unter dem Verdacht, die Krone an sich zu reißen, die dann erst sein Sohn erbeutet.
Lancaster ist nicht im geringsten ein Demokrat; er hat das gute Parlament, das versuchte, gegen den Hof vorzugehen, ausgeschaltet, den Speaker gefangensetzen lassen und seinen Hauptgegner, den Bischof Wykeham, der Mißwirtschaft als Kanzler anklagen und aufs Land verbannen lassen.
Er hat ein neues willfähriges Parlament zusammengebracht und mit seinen Anhängern voll gepackt; dieses tagt nun zur Zeit. Ein recht fragwürdiger Protektor und Patron für einen leidenschaftlichen Neuerer und Reformer wie Wyclif (67).

Der Böhme Jan Hus, Prediger und Moralist, kein Mystiker, kein überragender Denker, aber ein Lehrer der Ethik und aufrechter Charakter, den weder Folter noch schwerer Kerker zum Widerruf beugen.

Er bringt das Konzil zum Kochen und stirbt am Pfahl ohne Fehl, und ohne den geringsten Abstrich an seiner Lehre gemacht zu haben.

Die Bewegung, die von ihm den Namen hat, wuchs sich nach seinem Tode zu einer nationalen Widerstandsarmee aus, die den Kreuzzüglern harte Gefechte lieferte.

Wenn der Feind über die Grenzen einbrach, dann zogen auch die Prager Bürgerschaft und ein großer Teil des Adels zu und halfen ihn hinaustreiben; war der Sieg erfochten, so zerfiel die Einigkeit wieder (425).
Das war dann die Stunde der Barone, des Hochadels, der von allen Beteiligten am zähesten seine Linie verfolgte.
Sie bildeten mit ihren zuweilen fürstentumsgroßen Besitzungen und ihren eignen Mannschaften, ihren festen Burgen und befestigten Städten und nicht zuletzt durch ihren ständischen Zusammenhalt eine Machtgruppe, die keine der noch so erfolgreichen revolutionären Bewegungen und Epochen hat eliminieren können.
Sie schlossen Waffenstillstandsabkommen mit den Taboriten, wenn sie zu stark bedrängt wurden; sie brachen wieder vor, sobald sie eine Gelegenheit sahen.
Sie beriefen Landtage ein und stellten Regenten in Abwesenheit eines Königs; sie verhandelten unausgesetzt mit dem Ausland, untereinander, mit den Städten, der Kirche, den Magistern zu Prag, die als Nachfolge der Universität die geistliche Autorität der konservativen Kräfte darstellten.
Sie waren herrschgewohnt, kriegsgeübt; einer von ihnen, Bohuslav von Schwamberg, erst einer der schärfsten Hussitenbekämpfer, wurde, durch längere Gefangenschaft bekehrt, einer der erfolgreichsten Heerführer der Taboriten und blieb das bis zu seinem Tode im Kampf, zum Unterschied von anderen Hochadligen, die ähnliche Posten nur zeitweilig einnahmen und dann abfielen, als der Wind sich drehte.
Sie waren auf ihre Weise Patrioten: Auch sie fühlten sich in ihrer Ehre gekränkt, wenn Böhmen verketzert wurde... (425).

Revolution?

In der Perspektive jener, die zuvor und danach, mal von diesen, mal von jenen, erst von den Kaiserlichen, dann von den Hussiten, von den Gestürzten und von den Stürzern geschunden, ausgeraubt, geschändet und gemordet wurden, aus der Sicht derer, deren Dörfer zuerst von diesen, dann von jenen niedergebrannt wurden, erhält die Geschichte solcher Kämpfe Dichte und Tiefe.

Hier wird sie, möchte ich sagen, authentisch.

Und in dem Maße, in dem die Geschichte ihre Authentizität erlangt, verliert ihr Inhalt seine historische Legitimation.

Publizistische Grundsätze des Deutschen Presserates

Achtung vor der Wahrheit und wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberstes Gesetz der Presse. Zur Veröffentlichung bestimmte Nachrichten in Wort und Bild sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Ihr Sinn darf durch Bearbeitung, Überschrift oder Bildbeschriftung weder entstellt noch verfälscht werden. Dokumente müssen sinngetreu wiedergegeben werden. Bei der Beschaffung von Nachrichten, Informationsmaterial sind keine unlauteren Methoden anzuwenden. Die Presse achtet das Privatleben und die Intimsphäre der Menschen. Berührt jedoch das private Verhalten eines Menschen öffentliche Interessen, so kann es auch in der Presse erörtert werden. Dabei ist zu prüfen, ob man durch eine Veröffentlichung Persönlichkeitswerte Unbeteiligter verletzt. Auf eine unangemessene sensationelle Darstellung von Gewalt und Brutalität ist zu verzichten.

Diesen Ausschnitt von Presse-Grundsätzen entnahm ich einem Buch, dem man nicht sofort ansieht, daß es von politischer Bedeutung ist:

Emil Hoffmann, Medienfreiheit? Anspruch und Wirklichkeit. Mit einem Vorwort von Sean MacBride. Verlag der Studien von Zeitfragen, Schotten/Hessen 1981.

Denn nachdem "Abrüstung kein amerikanisches Tagesthema mehr ist" und "Washington den nationalen Interessen sowie der Fähigkeit zum nuklearen Zweitschlag den Vorrang gibt" (Süddeutsche Zeitung, 1.7.1981), wird es im Interesse der Friedenserhaltung immer notwendiger, die Mediendominanz der USA allround the world durch einen von der UNO-UNESCO gestalteten Medien-Kodex zu begrenzen.
Auch die härtesten Verfechter der Pressefreiheit, der Meinungsfreiheit und des free flow of information können schließlich nicht außer Betracht lassen, daß alle diese Prinzipien ihren Sinn verlieren, wenn es zu kriegerischen Verwicklungen kommt und etwaige Nuklearwaffenschläge die hochgelobten Grundsätze illusorisch machen, weil dann das Leben ausgelöscht wird.
Diese Konsequenzen sollten insbesondere die Europäer bedenken und nach dreißigjährigem Trommelfeuer des dominierenden Medien- und Propaganda-Apparates der USA die einseitige Orientierung am american way of life und an den US-Interessen durch eigenständiges Denken und Handeln zu ersetzen suchen (112f.).

Eine bestechende Logik.

Wer den "Frieden" will, muß demnach auf seine Grundfreiheiten verzichten. Mit Hoffmanns Worten:

Wer den Frieden will, muß auch Vorsorge treffen, daß der Medienkrieg nicht einem heißen Krieg den Weg bereitet, wie dies bei der durch die neue US-Administration wieder entfachten Konfrontation nicht mehr auszuschließen ist.
Und im Hinblick auf die Nord-Süd-Beziehungen sind die Ressentiments zu bekämpfen, die aus der Zeit des Kolonialismus nachwirken und wegen der Dominanz der Industriestaaten und der beherrschenden Multis längerfristig ähnliche Gefahren heraufbeschwören können.
Daß dabei Fragen der staatlichen Souveränität und der Nichteinmischung in die inneren Verhältnisse Probleme schaffen, ist im Hinblick auf das Güterabwägungsprinzip - an der Friedenssicherung ausgerichtet - nebensächlich.
Daher hat sich die MacBride-Kommission der UNESCO auch nicht gescheut, auf Wohlverhaltensnormen zwischen den Völkern zu drängen sowie Entspannung und Abrüstung als Postulate für die neue internationale Informationsordnung einzubringen (112).

Wer - und mit welcher Kompetenz - macht sich da scheinbar zum Sprecher der ehemaligen Kolonialvölker, um ihnen gleich im nächsten Satz - für den Fall einer Nichtbeachtung des "an der Friedenssicherung ausgerichteten Güterabwägungsprinzips" - eine Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten anzudrohen?

Es gehört daher als ein starkes Stück von Kaltschnäuzigkeit vermerkt, wenn die Neue Zürcher Zeitung von einer "im UNESCO-Rahmen drohenden Verschwörung der Regierungen gegen die freie Presse" spricht und die Bemühungen um eine neue internationale Informationsordnung, insbesondere im Hinblick auf die Gleichbehandlung der Entwicklungsländer, folgendermaßen abqualifiziert:
"Was die UNESCO zur angeblichen Verbesserung der internationalen Kommunikation unternimmt, fördert gerade diese unerwünschten und für die betreffenden Länder schädlichen Tendenzen und schafft ein Klima der Reglementierung und der Unterdrückung freier Meinungsäußerung und Kritik" (NZZ, 31.1.1981) (113f.).

In der Tat richten sich Hoffmanns Interventions-Wünsche nur insoweit gegen die staatliche Exekutive, als diese es nicht - beziehungsweise, im Sinne Hoffmanns, nicht mit dem genügenden Nachdruck - vermag, die demokratischen Freiheiten zu beseitigen.

Aus gutem Grund ist im Bericht der MacBride-Kommission und in den Beschlüssen der Belgrader UNESCO-Medien-Konferenz die Rede davon, daß Pressefreiheit eine Verantwortlichkeit der Journalisten einschließt.
Wie notwendig diese ist, zeigen die im ersten Kapitel dargelegten Beispiele journalistischen Opportunismus, von journalistischer Leichtgewichtigkeit und Zuhälterei sowie die gefährliche Handhabung der Medien als politische Waffen und für Interessengruppen.
Sollten einige Regierungen den Begriff "Verantwortung der Journalisten" unterschiedlich interpretieren und einschränkende Verpflichtungen daran knüpfen, so müßte dies in Kauf genommen werden, weil das in den Bereich der staatlichen Souveränität fällt, falls völkerrechtliche Bestimmungen, die von diesen Regierungen anerkannt sind, solcher Praktizierung nicht entgegenstehen.
Auch Diplomaten mit ihren weitreichenden Privilegien sind einem Verhaltenskodex unterworfen und müssen die Gesetze ihrer Gastländer respektieren.
In weit höherem Maße trifft dies auf Journalisten und Auslandskorrespondenten zu, die noch dadurch in Verruf gerieten, daß einige von ihnen durch die CIA, aber auch andere Geheimdienste für geheimdienstliche Zwecke mißbraucht wurden.
Es erscheint deshalb eher weltfremd und unrealistisch, daß die Schweizer Delegation auf der Belgrader UNESCO-Medienkonferenz die Zustimmung für die Textvorlage mit der Begründung verweigerte, weil unter anderem "die Forderung nach freiem Zugang (für Auslands-Journalisten, d.Verf.) auch zu den inoffiziellen Informationsquellen nicht klar im Text verankert wurde" (NZZ, 5.11.1980) (114f.).

Nach Hoffmanns Vorstellungen sollten offenbar die Regierungen die Journalisten in die Pflicht nehmen, sie zu Staatsschreibern machen, zu Beamten mit gesicherter Altersversorgung, damit sie endlich "Ruhe und Frieden" geben.

Gegen diese Art von publizistischer Zuhälterei ist der tägliche Klamauk einer Bild-Zeitung herzerfrischend ungefährlich.

Emil Hoffmann sähe die von ihm zitierten journalistischen Grundsätze des Deutschen Presserates (18) am liebsten abgeschafft.

Mit welcher Kompetenz?

Wer ist dieser Opportunist, der Publizisten, Korrespondenten, Presse, Rundfunk und Fernsehen zu "Wohlverhalten" - weltweit - gegenüber jenen Staaten und Regimen anhalten will, ihnen gegenüber ja in erster Linie, die im Gegenteil der strengeren kritischen Beachtung bedürfen?

Als gäb's nicht "Wohlverhalten" schon übergenug an allen Ecken und Enden!

André Glucksmann hat auf diese neue Verlogenheit wohltuend genau und sensibel den Finger gelegt.

Denn natürlich gerät einer, der das gewünschte Wohlverhalten nicht an den Tag legt, sondern etwa - ohne die Marionettenregierung in Kabul zu konsultieren - direkt aus Afghanistan vom schmutzigen Krieg der Sowjets berichtet, nach Emil Hoffmann sofort in den Ruch, wahrscheinlich sowieso im Auftrag von CIA, den "Weltfrieden" zu gefährden.

Jeder Bericht über Konzentrationslager - ob nun im Nazi- oder im Sowjetreich - wird in der Medienwelt Hoffmanns zu einer "Einmischung in innere Angelegenheiten", selbstredend, zu einem Mißbrauch journalistischer "Privilegien", "weltfremd und unrealistisch" die "Medien als politische Waffen und für Interessengruppen" handhabend.

Ja, wer ist dieser - offensichtlich - kompetente Mann, dieser professionelle Desinformator, der gar nicht erst auf den Gedanken kommt, daß die Macht der westlichen Medien - z.B. in ihrer Wirkung auf die nichtdemokratischen Systeme des Ostblocks - auf einem simplen Sachverhalt beruht:

Die Ostblockmedien kommen ihrer Informationspflicht nicht nach.

Sie arbeiten wie Emil Hoffmann. Wer noch?

Wer ist dieser Mann?

Den Verfasser dieses Buches im Verlag der Studien für Zeitfragen, Dr. jur. Emil Hoffmann, führten seit dreißig Jahren zahlreiche Reisen in alle kommunistischen Länder des Ostens, auch nach Albanien, China, Nordkorea.
Seine Einblicke und Erfahrungen kamen der Monatsschrift Welthandelsinformationen (Coburg) zugute, deren Chefredakteur er vierzehn Jahre (bis 1976) war.
Gegenwärtig ist Dr. Hoffmann einer der führenden Wirtschaftskorrespondenten Europas.
Im Verlag der Studien von Zeitfragen veröffentlichte er 1979 ein Buch über Bulgariens Balkanpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg.
Neben Broschüren über Interzonenhandel, Albanien, Nordkorea und Rumänien sind folgende Bücher Hoffmanns erschienen: Ostwesthandel im Zwielicht? (Verlag Handelswerbung, Nürnberg); COMECON. Der gemeinsame Markt in Osteuropa (C.W.Leske Verlag, Opladen); Die Zerstörung der deutschen Wirtschaftseinheit (Holsten-Verlag, Hamburg) und ein erstes Bulgarien-Buch: Bulgarien als Wirtschaftsfaktor und Handelspartner (Verlag Karl Ihl, Coburg).
Dr. Emil Hoffmann lebt in Oggau im Burgenland.

So weit die Angaben des Verlages der Studien von Zeitfragen, N.J.Ryschkowsky, der auch die gleichnamige, von Professor Dr. Arno Klönne redigierte, im kuckuck bereits des öfteren erwähnte Publikation herausgibt.

Die Angaben zur schreibenden Person Emil Hoffmann sind allerdings nicht vollständig. Man muß der Verlagsinformation ein paar Fakten hinzufügen, um ein genaueres Bild zu erhalten und zugleich Hoffmanns unanzweifelbare Kompetenz in presse- und friedenspolitischen Fragen, Verlagspolitik inclusive, zu unterstreichen.

Da gab's im alten Centrum Berlins - genau: in Berlin C2, Kaiser-Wilhelm-Straße 7 (jetzt Liebknecht-Straße) - ein Unternehmen, das sich Nibelungen-Verlag G.m.b.H. nannte und dessen gesamte Produktion, was die Ausnahme war, nach dem Kriege aus den Büchereibeständen herausgenommen werden mußte - jedenfalls in Berlin und der damaligen sowjetischen Besatzungszone.

Es sind in erster Linie die Verlage der NSDAP, die nach der Machtübernahme begründet beziehungsweise übernommen wurden. Daneben sind auch die Privatverlage mit aufgeführt, die sich weltanschaulich auf den Boden der NSDAP gestellt haben oder in ihrer Produktion mit dem Nationalsozialismus übereinstimmen.
Außerdem ist neben diesen vom politischen Standpunkt auszuscheidenden Verlagen eine Zahl von Buchfabrikanten aufgeführt, die sich nicht nur ganz bewußt geschmacksverbildend betätigt haben, sondern deren Titel durch die Verhimmelung einer längst zum Untergang bestimmten Welt und die Pflege chauvinistischer Gesinnung klar gegen die Richtlinien verstoßen, die für die Arbeit des Säuberungsausschusses maßgebend sein mußten.

Verzeichnis der auszusondernden Literatur. Herausgegeben von der Abteilung für Volksbildung im Magistrat der Stadt Berlin unter beratender Mitarbeit der Kammer der Kunstschaffenden und des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands. Februar 1946. Nur für den Dienstgebrauch!

Um möglichen Mißverständnissen gleich vorzubeugen: Emil Hoffmann räumte nicht aus, er wurde ausgeräumt - als einer der namentlich aufgeführten Autoren.

Hoffmann, Emil. Titel: Neue Heimat Posen. Ein weiterer Titel: Der vierte Treck. Verfasser: Hoffmann, Emil, und A.Thoß.

Es handelt sich um den als "NS-Schriftsteller" hervorgehobenen Alfred Thoß, geboren am 13.März 1908 in Obergrochlitz bei Greiz.

Thoß schrieb Bücher wie: Deutsches Bauerntum - Langensalza: Beltz-Verlag 1937; Heimkehr der Volksdeutschen - Berlin: Eher-Verlag 1942. Beim selben Verlag erschien auch das Führerorgan der Reichsjugendführung - Wille und Macht.

Emil Hoffmanns Neue Heimat Posen erschien 1940 in Berlin beim Nibelungen-Verlag. Das Thoß/Hoffmann-Produkt Der vierte Treck beim selben Verlag 1941.

Die Ergänzungen entnahm ich der Liste der auszusondernden Literatur. Herausgegeben von der Deutschen Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone. Vorläufige Ausgabe nach dem Stand vom 1. April 1946. Zentralverlag Berlin 1946.

Nibelungen 1940 und 1941. Emil Hoffmann.

Ein Mann, der aus seinen politischen Fehlern Konsequenzen zog und vernünftig und friedliebend geworden ist?

Seine nicht gerade von demokratischen Einsichten zeugenden Vorschläge zur Einschränkung der Medienfreiheit scheinen mir allerdings in sein altes Konzept zu passen.

Vielleicht hat er's gar aus einem seiner abgelegten Köfferchen wieder hervorgekramt.

Na ja, mag einer auch sagen, die Namen Hoffmann und Emil gibt's sicherlich öfter, wer weiß denn, ob's derselbe ist?

Der Verleger weiß es.

Ryschkowsky hat auf meine Anfrage, ob er mir bestätigen könne, daß der eine Hoffmann mit dem andern Hoffmann nicht identisch sei, mit "nein" geantwortet.

Er ist identisch. Er ist es.

So hilft einem manchmal der politische Instinkt einen Schritt weiter.

Ja, der Mann war mit "Volkstumsarbeit" beschäftigt. Als "Sonderführer..."

Moment mal, 1940, 1941. "Blut und Boden". "Volksdeutsche im Ausland". Ach, Wolhynien...

"Neue Heimat Posen"? Natürlich, 1940. Wo kamen die her? Aus Südosteuropa, aus Polen. Polen? Oder Rußland? Ostpolen, das jetzt zu Rußland gehörte. Jetzt? Seit wann?

Greifen wir zum Kalender, ein bißchen weiter zurück, nicht allzu weit, das ging damals ziemlich schnell, ein paar Wochen, kaum Monate, und die Geschichte war unter Dach und Fach.

*19.August 1939: Abschluß eines deutsch-sowjetischen Handelsvertrages.
*23.August 1939: Unterzeichnung eines deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes durch Ribbentrop und Molotow in Moskau - sowie eines die Aufteilung Polens betreffenden Geheimabkommens.
*1.September 1939: Deutscher Einmarsch in Polen.
*17.September 1939: Sowjetischer Einmarsch in Ostpolen, für den gemäß dem Abkommen vom 23.August von den Deutschen ein Teil des bereits eroberten Raumes (u.a.Lemberg) wieder geräumt wird.
*28.September 1939: Deutsch-sowjetischer Freundschaftsvertrag und Grenzziehungsvertrag. Zweiter Besuch Ribbentrops in Moskau. Die Interessensphären in Polen werden neu abgegrenzt. Das von der UdSSR besetzte Gebiet wird am 1.und 2. November 1939 in die Sowjetrepubliken Ukraine und Weißrußland eingegliedert.
Durch den Vertrag von Moskau gibt Deutschland der UdSSR auch in den baltischen Staaten freie Hand. Er folgen verschiedene Verträge über die Rückführung der "Volksdeutschen" aus den dafür in Frage kommenden Ländern.
*3.November 1939: Deutsch-sowjetisches Abkommen über die Rückführung der Volksdeutschen aus Wolhynien.

Auf dem Gebiet der "Volkstums"-Politik gab es damals eine fieberhafte ns-sowjetische Zusammenarbeit, die mit dem Überfall Hitlers auf Rußland im Jahre 1941 abbrach.

Es ist nun die Frage entstanden, ob diese alte Zusammenarbeit inzwischen wieder aufgenommen worden ist. Eine kuckucksfrage, gewiß. Wir werden sehen.

SS-Sonderführer Hoffmann, so der Vollständigkeit halber, ist ja nicht der erste und einzige, der uns dabei aufgefallen ist, wie er so erstaunliche Sprünge vom weiten Betätigungsfeld der "Volksdeutschen Mittelstelle" herein in unsere Nachkriegsdemokratie vollbrachte, wo es eine seiner Hauptsorgen geworden ist, diese Demokratie vor sich selbst zu bewahren.

Auch der Fibag-Zeuge Hans Herrschaft, hier vor Jahren im Schenke-Zusammenhang bekannt geworden, gehörte einst zu den Mitarbeitern der "Volksdeutschen Mittelstelle".

Seines Zeichens "Leiter der Volksdeutschen Mittelstelle" und "Bevollmächtigter des Beauftragten für außenpolitische Fragen der NSDAP" war der SS-Obergruppenführer und General der Polizei Werner Lorenz (vgl.kuckuck 42e-h, S.101, Brief an Wolf Schenke).

Das SS-Hauptamt "Volksdeutsche Mittelstelle" unterstand unmittelbar dem SS-"Rasse- und Siedlungshauptamt" (RSHA).

Der zuständige "Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums" war kein geringerer als der "Reichsführer SS" Heinrich Himmler selbst.

Auch auf sowjetischer Seite hatte die "Volkstumsfrage" höchsten Rang. Der erste "Volkskommissar für Nationalitätenfragen" hieß Josef Stalin.

Was "Reichskommissar" und "Volkskommissar" in höchster Verantwortung durchzuführen hatten, erhielt nicht nur allerhöchste Weihen, sondern war ein - wesentlicher! - Bestandteil des teils konspirativen, teils offenen ns-sowjetischen Attentats auf Europa.

In seiner Reichstagsrede vom 6. Oktober 1939 sagte Hitler:

Die wichtigste Aufgabe ist eine neue Ordnung der ethnographischen Verhältnisse, das heißt, eine Umsiedlung der Nationalitäten, so daß sich am Abschluß der Entwicklung bessere Trennungslinien ergeben, als es heute der Fall ist.
Denn der ganze Osten und Südosten Europas ist zum Teil mit nicht haltbaren Splittern deutschen Volkstums gefüllt.
Gerade in ihnen liegt ein Grund und eine Ursache fortgesetzter zwischenstaatlicher Störungen.
Im Zeitalter des Rassegedankens ist es utopisch zu glauben, daß man die Angehörigen eines hochwertigen Volkes ohne weiteres assimilieren könne.
Es gehört daher zu den Aufgaben einer weitschauenden Ordnung des europäischen Lebens, hier Umsiedlungen vorzunehmen.
Deutschland und die Union der Sowjetrepubliken sind überein gekommen, sich hierbei gegenseitig zu unterstützen (Jaenecke: Polen -Träumer, Helden, Opfer. Hamburg 1981).

Und heute?

Schiebt man die grobe Politik einmal beiseite, so bleibt es doch merkwürdig, wie zum Beispiel auf dem Gebiet der Erforschung von Vor- bzw. Frühgeschichte der nördlichen Erdregionen russische und deutsche Wissenschaftler (Okladnikow, König, Kühn) geradezu mythologisch einander in die Hände spielen.

Das sollte einmal genauer untersucht werden.

Der peniblen Überprüfung bedarf allerdings auch die Frage, ob bzw. inwieweit von sowjetischer Seite jene deutschen Überlegungen aufgenommen wurden, die sich auf die Aussiedlung der Juden aus der Sowjetunion im verflossenen Jahrzehnt bezogen und darauf hinausliefen, den Russen auf der Basis alter RSHA-Erfahrungen deutsche Hilfe anzubieten.

Ich habe eine konkrete Information im Auge.

Und, ein Drittes, als gäbe es eine Absprache, wird die Abkürzung "RSHA" in der bundesdeutschen Presse für "Reichssicherheitshauptamt" verwandt.

Nun war aber dessen amtliche Kurzbezeichnung - etwa auf den Ärmelstreifen der Uniformen - nach meiner Information: "SD-Hauptamt".

"RSHA" stand - so richtig im kuckuck - für "Rasse- und Siedlungshauptamt".

SS-Sonderführer Emil Hoffmann scheint mir jedenfalls für Fragen der politischen Meinungsvielfalt in einer Demokratie und der Informationspflicht einer freien Presse höchst kompetent zu sein.

Fragen gibt's, Fragen, die sich mit der überfälligen Demokratisierung der Sowjetunion beziehungsweise Rußlands von selbst erledigen würden.

Eine wahrhaftige Friedensstrategie hätte sie jedenfalls zum Inhalt.

Wenn die Sowjetunion von Zeit zu Zeit ihre Sorge um "die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges" verbreitet, um damit zu sagen, die Deutschen könnten revanchisterweise eines Tages die Grenzen von 1937 reklamieren, so verschleiert sie damit ein spezifisches Eigeninteresse an der Absicherung ihrer 1939 gemeinsam mit Hitler eingebrachten territorialen Beute.

Es könnte ja mal jemand auf den Gedanken kommen, zu sagen: Der ns-sowjetische Grenzvertrag vom 28.9.39 samt geheimen Vorausabkommen und späteren Zusätzen ist nichtig!

Wie München nichtig war!

Jüngst hat dieser phantastische Amerikaner namens Reagan endlich die fragwürdigen Inhalte beziehungsweise Interpretationen des Jalta-Abkommens zur Diskussion gestellt.

Die französische Linke - nicht zuletzt Simone Weil und André Glucksmann - hat sich konsequent, prinzipientreu und verständlich zu den wirklichen europäischen Problemen geäußert.

Sehen Sie sich die Fotos der deportierten jüdischen Kinder an.
Lassen Sie sich sagen, daß ich das Risiko vorziehe, zusammen mit einem Kind, das ich liebe, in einem Schlagabtausch von Pershing und SS-20 zugrundezugehen als mich mit dem Gedanken an seine Verschleppung in irgendein Sibirien irgendwo auf der Welt abzufinden.
Wenn Sie zu einem anderen Schluß kommen, so ist das Ihr gutes Recht, aber bitte keine Vorhaltungen!
Ich wüßte gern von den Moralaposteln, ob sie die Aufständischen des Warschauer Gettos, die nicht die geringste Siegeschance hatten, nicht einmal die Aussicht, diejenigen abzuschrecken, auf die sie schossen, der Amoralität bezichtigen würden.
Meinen Sie, die aufständischen Zivilisten im Herzen des von den Nazis beherrschten Europa hätten, wenn ihnen Raketen zur Verfügung gestanden wären, deren Einsatz von sich gewiesen, selbst wenn anzunehmen gewesen wäre, daß ihr Gegner über eine gleich schreckliche Waffe verfügte?
Würden Sie die Bereitschaft verurteilen, sich mit allen Mitteln zu verteidigen, wohl wissend, daß das Ende Versuche an Kindern, Lampenschirme aus Menschenhaut und die Verbrennungsöfen waren?
Das sei alles Vergangenheit, versichern Sie. Können Sie in die Zukunft sehen? Aufmüpfige mit Spritzen zu behandeln und ihre Kinder einzusperren, sind das Vorboten besserer Zeiten? (162; Glucksmann).

Keine Angst vor großen Kriegen!

Und Licht bringen in die kleinen, die versteckten, die abgesprochenen, die heimlichen Winkelkriege gegen die individuellen Widerstände: Licht in die Folterkeller, in Gefängnisse und Arbeitslager...

Medienfreiheit. Pressefreiheit.

Die Welt bedarf der offenen, der transparenten Gesellschaft.

Jedes "realpolitische" Arrangement mit antidemokratischen und repressiven Staaten, "Systemen", Regimen ist mit äußerstem Mißtrauen zu verfolgen.

Jede "Friedens"-Politik gemeinsam mit jenen, die nichts anderes im Sinn dabei haben, als mit ihren politischen Verbrechen endlich in Frieden gelassen zu werden, ist in Wahrheit eine heuchlerische Politik des Krieges gegen die Unterdrückten.

Unbeschreiblich - und doch beschrieben: die Ausweglosigkeit, dieses Gestrüpp von Lügen und Verleumdungen, da heraus sich freie Geister wie Alexander Solschenizyn und Alexander Twardowski, André Amalrik, Sacharow und die zahllosen Ungenannten in die Weltöffentlichkeit schreiben mußten - auf Umwegen oft über Kontinente.

Einst hochgelobte Schriftsteller, Journalisten und Wissenschaftler, Künstler, die imgrunde zur neuen Klasse zählten, mit denen solidarisch zu sein jenseits aller politischen Inhalte ein Gebot des Anstands, des zivilisierten Geschmacks und des demokratischen Gewissens ist.

Antifascism first! - so lautete das Motto gegen Hitlers Barbarei.

Ich glaube, Glucksmann hat sehr gut begriffen, daß ein gleiches Gebot auch heute am Platze ist.

Mit KZ-Lager-Systemen kann es keinen Frieden geben.

Es sind die französischen Antifaschisten, die mit unsereinem übereinstimmen.

Es sind italienische Kommunisten, die einem Berliner kuckuck Hoffnung machen, es könnte vielleicht doch nicht alles umsonst gewesen sein.

Hier gilt ohne Vorbehalt, daß man diesen versteinerten Sowjetverhältnissen ihre eigene Melodie vorspielen muß, um sie zum Tanzen zu bringen.

Es geht um die endliche Verwirklichung jener Forderungen und Grundsätze, die am Anfang der russischen Revolution standen.

Für eine Politik, die sich von den Menschenrechten, die sich, mit anderen Worten, von revolutionären Prinzipien leiten läßt, gegen eine elende, feige, sklavische "Friedens"-Ideologie, die in der praktischen Politik zu der "Erkenntnis" führen muß, daß ein Leben im KZ jedem Versuch, sich daraus zu befreien, vorzuziehen sei, weil man natürlich weiß, daß die KZ-Bewacher bewaffnet sind und wahrscheinlich schießen werden.

Steht gewissermaßen das zweite Ludendorff-Projekt zur Disposition?

Optimisten und Pessimisten sehen die UdSSR mit zweierlei Augen.

Die Optimisten gehen von der Theorie aus; einem wahren Kern der Sowjetunion, der lediglich freizulegen wäre.

Die Pessimisten hingegen, und ich meine, es sind die Realisten: sie sehen die revolutionäre Wahrheit nirgendwo in der Sowjetunion keimhaft geborgen und behütet, sondern längst emigriert, wenn nicht ermordet oder in irgendwelchen Lagern, Irrenanstalten und Zuchthäusern unkenntlich gemacht - und dies seit Anbeginn ununterbrochen über mehrere Generationen in beinahe sieben Jahrzehnten.

Sollte man mit der Bombe drohen? Sollte man das den anderen überlassen, damit sie ganz allein und ungestraft aus dem Monopol der Drohung Vorteile ziehen?
Das pompöse Zur-Schau-Tragen von menschenfreundlichen Gefühlen läßt einen verstummen vor so banalen Fragen; die gehören in eine Welt des Rechts, das von jenen explosiven Widersprüchlichkeiten handelt, welche die moralisierenden Morallehren verwirren.
Kant, den man der Unmoral kaum verdächtigen kann, hat sehr wohl die einzigartige Originalität des Rechts hervorgehoben und darüber hinaus auf den Vorteil verwiesen, den wenig skrupulöse und demagogische Politiker daraus ziehen, so daß sie diese bewußt verkennen:
"Beides, die Menschenliebe und die Achtung fürs Recht der Menschen, ist Pflicht; jene aber nur bedingte, diese dagegen unbedingte, schlechthin gebietende Pflicht, welche nicht übertreten zu haben, derjenige zuerst völlig versichert sein muß, der sich dem süßen Gefühl des Wohltuns überlassen will. Mit der Moral im ersteren Sinne (als Ethik) ist die Politik leicht einverstanden, um das Recht der Menschen ihren Oberen preis zu geben: aber mit der in der zweiten Bedeutung (als Rechtslehre), vor der sie ihre Kniee beugen müßte, findet sie es rathsam, sich gar nicht auf Vertrag einzulassen..."
Wer verkündet: "Ich liebe den Frieden" und sich dem angenehmen Gefühl der eigenen Anständigkeit hingibt, dabei aber vergißt hinzuzufügen: "Ich liebe das Recht", das Recht meiner Freiheit, das Recht mich zu wehren, der läßt sich - nach Ansicht des erschrecklichen kriegshetzerischen Philosophen aus Königsberg - durch die "Arglist einer undurchsichtigen Politik" zum Narren halten.
Ein jeder Eroberer liebt den Frieden ohne Recht. Europa erfand die bürgerliche Gesellschaft, indem es diese beiden Dinge zugleich betrieb.
Wer sein Leben riskiert um zu leben, lebt noch lange nicht, um sein Leben zu riskieren. Der offengehaltene Abstand zwischen dem Gewagten und dem Abenteuerlichen bestimmt das Wesen einer Zivilisation.
Das klassische Zeitalter verfaßt seine Lehre von der Finsternis anhand des doppelten Registers der Erfordernisse des Friedens und der Notwendigkeit des Kampfes, der Pflicht und der Leidenschaft, der Liebe und des Todes, der Reinheit und des Lebens.
Die Begriffe wechseln, aber der Zweikampf, der sie auseinandersprengt, wird erst aufhören, wenn Spieler und Spiel verschwunden sind (323f.):

André Glucksmann, Philosophie der Abschreckung. Aus dem Französischen übertragen von Thomas Dobberkau und Barbara Henninges. Mit einem Vorwort von Jürg Altwegg. Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart, 1984. Die Originalausgabe erschien 1983 unter dem Titel La Force du Vertige bei Grasset.

Auch nach eingehender Überlegung bleibt das Vorhaben der klassischen Epoche - sich allein auf der Grundlage einer vermiedenen Selbstzerfleischung zu verständigen - ein schwieriges Unterfangen.
Es schmeichelt weder der Zuversichtlichkeit des Herzens noch dem Ehrgeiz der Vernunft.
Zum einen versteht sich Brüderlichkeit keinesfalls von selbst, zum anderen vermag keine Gewißheit die Zukunft vorauszubestimmen.
Weder die grenzenlosen Optimisten noch die Befürworter einer gnadenlosen Zerstörung kommen auf ihre Kosten. "Troja hört nicht auf zu brennen", sagt Shakespeare in Die Schändung der Lukretia.
Etwas mehr als ein Jahrhundert trennt die letzten Illusionen der Renaissance von den stürmischen Wallungen eines eroberungslustigen, schulmeisterlichen und sentimentalen 18. Jahrhundert; das Europa des Naturrechts erkannte sich wohl wieder in Cervantes, in Shakespeare und vielleicht noch in Goethe, doch bald traten scheinheilige Bekehrer auf und lehrten die Europäer, mathematisch, dialektisch oder religiös die Abgründe zu überspringen, die einst als unüberwindbar erkannt worden waren.
Der Angriff erfolgte gleich an zwei Fronten. Im Namen der Vernunft warfen die Kartesianer (Hobbes, Leibniz) Grotius und seiner Schule mangelnde Strenge vor, sie forderten, man müsse im Recht die in der Physik so erfolgreiche geometrische Deduktionsmethode anwenden, und die Mathematisierung der Natur, die in dieser Zeit ihren Durchbruch erlebte, regte sie zu einer ähnlichen Behandlung der gesellschaftlichen Zusammenhänge an, was Descartes selbst ja ausdrücklich verworfen hatte.
Die scheinbare Harmlosigkeit der methodologischen Vorwürfe verbarg indessen die wahre Spitze des Streits.
Die erklärte Nichtbeherrschbarkeit der sozialen Beziehungen war früher die Voraussetzung gewesen, von der ausgehend das Naturrecht die rechtlichen Strukturen einer modernen Gesellschaft begründet; die Absage an diesen Ausgangspunkt brachte das ganze Gebäude ins Wanken.
Die Kritik der Kartesianer ist keineswegs methodologischer Art, sie trifft den Kern.
Die nostalgischen Befürworter einer positiven Definition des Gemeingutes, der Verständigung und eines weltumspannenden Frieden traten immer zahlreicher auf.
Es verwundert nicht, daß die vom klassischen Recht enthüllte Natur sie enttäuschte, denn diese Enthüllung hatte zum Ziel, den fanatischen Eifer zu brechen, indem sie die Wurzeln der Überzeugungen kappte, die ihm Nahrung boten.
Der Zusammenschluß beider Vorstöße vollzog sich im Verlauf von nur ein paar Generationen, erst in England, danach auf dem Kontinent.
Der Niedergang der Klassik erklärt sich vermutlich aus ihrem eigenen Erfolg.
Die Gesellschaften festigten sich in der Betrachtung des geteilten Risikos, und diese Stabilisierung rückte sowohl das Risiko als auch die Erinnerung daran in die Ferne.
Kurz nach den Religionskriegen und Adelsaufständen begreift man Pascal ganz ohne Übersetzung:
"Das größte aller Übel sind die Bürgerkriege. Sie sind gewiß, denn wenn man die Verdienste belohnen will, werden alle sagen, daß sie Verdienste haben. Das Übel, das man von einem Dummkopf befürchten muß, der durch seine Geburt die Nachfolge antritt, ist kaum so groß noch so sicher."
Die noch erinnerten Kriege verblassen bald und die Spitzfindigen fragen sich: War Pascal ein verstockter Konservativer oder ein verkappter Revolutionär?
Da sie nicht begreifen können, was er als das Hauptübel definierte, fragen sie sich, was er als das Gute erkannt hätte, als sei die Idee, eine - natürlich gute - Gesellschaft zu schaffen, in den Augen der Klassiker nicht eine zerstörerische Phantasmagorie sondergleichen gewesen (324ff.).

Western Goals. In kuckuck 42e-h - Sam Wonder oder Die chamberlaineske Hilflosigkeit - wurde auf ein Buch des Western-Goals-Präsidenten - Lawrence P. McDonald (Hrsg.), Der Krieg im Frieden. Die Strategie des sowjetischen Friedenskampfes gegen die USA. Eine Studie von Western Goals -, der beim Absturz des von den Sowjets abgeschossenen koreanischen Verkehrsflugzeugs ums Leben gekommen war, kritisch hingewiesen.

Dabei vermittelte ich besonders von der westdeutschen Filiale der Western Goals in Lemgo/Lippe ein Bild, als sei dies, gegen den Strich gebürstet, gar selbst so etwas wie eine jener sowjetischen Tarnorganisationen, die in dem Buch detailliert aufgeführt sind.

Die Indizien, die mir dafür zu sprechen schienen: ... da steht alles so drin, wie der Bilderbuch-Antikommunist sich den Bilderbuch-Sowjetismus eh schon immer vorgestellt hat.

Professor Dr. jur. Hans-Werner Bracht, der Präsident des Instituts für amerikanisch-europäische strategische Forschungen, Western Goals Europe e.V., hatte sich in einem Vorwort obendrein auf politische Kräfte berufen, die mit der Ära McCarthy eng verbunden waren.

Was wiederum ins Bilderbuch paßt, wonach Kritiker der Friedensbewegung und gar auch der Sowjetunion natürlich nur amerikanische Reaktionäre und ihre Stützpunkthalter in der Bundesrepublik Deutschland sein können (H.L.).
Wenn also die Friedensbewegung ein Instrument der sowjetischen Politik ist, so wurde die Western-Goals-Studie zu einer ihrer propagandistischen Glanzleistungen (Ders.).

Jetzt, nach einem Jahr, kam eine telefonische Klage aus Lemgo und ein paar Tage später Material über die Arbeit von Western Goals.

"Argumentationshilfen" von Prof. Bracht und Prof. Rohrmoser (Stuttgart) sowie ein Beitrag zur Diskussion um den Frieden von Gerhard Hubatschek, Oberst i.G., Deutschland und die militärstrategische Lage. Dazu: Special Report - europe: Status Quo in Flux von Western Goals Endowment Fund, Alexandria, Virginia.

In diesen Beiträgen werden alles in allem Rechtsstandpunkte zu europäischen und hierin deutschen Fragen erörtert und vertreten; Rohrmoser verfolgt eine Entwicklung Von der Totalitarismus- zur Faschismusdiskussion seit Ende der sechziger Jahre und kritisiert die damit verbundene Verharmlosung des osteuropäischen Totalitarismus.

Mit den unterschwelligen Elementen der westdeutschen Goals-Politik wird man sich vielleicht noch einmal genauer zu befassen haben.

Für eine Analyse des Beitrags von Hans-Werner Bracht - Deutschland heute und morgen. Das Deutschlandbild des Grundgesetzes und seine künftige Ausgestaltung unter Berücksichtigung der Ostverträge - war es diesmal schon zu spät.

Sorge machen mir im Moment zwei Anzeigen auf der Rückseite der Goals-Zeitschrift Argumente.

Da wendet sich zum einen eine "Deutsche Nationalstiftung Schloß Hambach e.V." - interessanterweise unter derselben Anschrift wie Western Goals, Grasweg 20b - an "alle nationalbewußten Deutschen" zwecks "Zusammenführung aller Richtungen des gesamtdeutschen Nationalbewußtseins" im "Geist der freiheitlichen nationalen Demokratie".

Und eine Monatsschrift Aula aus Graz in Österreich wirbt mit Themen wie "Nachrüstung und Nation", "Österreichs Identität: Deutsch - was sonst!", "Die Vergangenheit hat Zukunft" um die Leser von Western Goals Europe.

"Wien-Bonn-Berlin - dies ist der Rahmen, den sich Die Aula in ihrer Berichterstattung über deutsche Politik, Kultur, Geschichte und Wirtschaft gesteckt hat. ... Monatsschrift, die sich ihrem Selbstverständnis nach als nationales Richtungsblatt und gesamtdeutsches Nachrichtenmagazin versteht."

Ein besonderer Knüller: "Regelmäßig werden die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft, wie etwa der Verhaltensforschung und Fragen eines biologisch orientierten Weltbildes behandelt."

Na, wenn das kein Bilderbuch ist.

Emil Hoffnann ist zwar mit Emil Hoffmann identisch. Aber wie es um die Identität von Western Goals und Western Goals bestellt ist, wer weiß es zu sagen?

Vielleicht der Geschäftsführende Direktor, Burkhard Schmidt, in Lemgo/Lippe? Ich spreche nicht von der vereinsrechtlichen, sondern von der politischen Identität.

Oder ist da bloß einer in der Anzeigenabteilung mal übergeschnappt?

Die "Fragen eines biologisch orientierten Weltbildes" haben es mir angetan... Gott!

Eine Empfehlung zu dem Grundgedanken: "... es wird nicht gelingen, endlos gegen die Wahrheit anzugehen" (Alexander Solschenizyn).

Im Verlag der Arche Zürich: A. Solschenizyn, Von der Verantwortung des Schriftstellers I. Ein Beitrag der Dokumentation Ost, welche von Robert Hotz und Felix Philipp Ingold herausgegeben wird. Zürich 1969.

A. Solschenizyn, Von der Verantwortung des Schriftstellers II. Eine Dokumentation. Mit Beiträgen von Nikolaj Gribatschow, Wenjamin Kawerin, Sergej Michalkow, Leonid Sobolew, Alexander Twardowski. Herausgegeben und eingeleitet von Felix Philipp Ingold. Zürich 1970.

Alexander Solschenizyn, Von der Unbeugsamkeit des Geistes. Herausgegeben von Felix Philipp Ingold. Aus dem Russischen übersetzt von Liesl Ujvary. Zürich 1974.

Nein, nicht erkenntnistheoretische Schwierigkeiten machen es dem Westen so schwer, sondern der Wunsch, nicht zu wissen, die gefühlsmäßige Bevorzugung des Angenehmen gegenüber einem harten, aber klaren Standpunkt.
Diese Art der Erkenntnis wird vom Geist des Münchner Abkommens geleitet, einem Geist der Gefälligkeiten und Nachgiebigkeit, des feigen Selbstbetrugs saturierter Gesellschaften und Menschen, welche den Willen zu Einschränkungen, zu Opfern und zur Standhaftigkeit verloren haben.
Und obwohl dieser Weg nie der Erhaltung des Friedens und der Gerechtigkeit gedient hat, sondern immer mißachtet und verletzt wurde, erweisen sich die menschlichen Gefühle stärker als die deutlichsten Lektionen, wieder und wieder spiegelt ihnen der geschwächte Friede sentimentale Bilder vor, in denen die Unterdrückung sich großzügig erweichen läßt und nur zu gerne der Übermacht ihrer Gewalt entsagt, und in der Zwischenzeit kann man ja das leichtfertige Leben führen (35f.: A.S., Von der Unbeugsamkeit...).

Schriftsteller und Politik, heruntergekommener Adel und aufsteigendes Bürgertum in vorrevolutionärer und wieder in nachrevolutionärer Zeit: 18. und 19. Jahrhundert... in Debattierclubs, Geheimgesellschaften, in literarischer und journalistischer Produktion.

Die Sprache diente nicht mehr der Wahrheit, um so mehr den Eitelkeiten, dem Geschäft, dem politischen Kalkül. Balzac hat sich ein Leben lang darin abplagen müssen. Sein eigener Snobismus hinderte ihn freilich nicht an einer geradezu napoleonischen Literaturschöpfung. Beispiellos.

Wolfgang Pohrt hat einen Draht zu ihm - zu Balzac oder jedenfalls zu seiner Zeit, seiner Umgebung, seinen Ambitionen.

Wolfgang Pohrt: Der Geheimagent der Unzufriedenheit. Balzac. Rückblick auf die Moderne. Edition Tiamat, Critica Diabolis 5, Verlag Klaus Bittermann, Berlin, April 1984.

Das Buch bündelt ein paar Essays zusammen, die es verdienten, noch einmal durchgesehen und ergänzt zu werden.

Ich wurde das Gefühl nicht los, daß Pohrt gewisse Zustände in jener Epoche, die Balzac das Leben schwer machten und von denen er sich immer wieder befreien mußte und nur befreien konnte, indem er sie in genialer Beschreibung und grandioser Komposition in die Literatur einbrachte, daß Pohrt diese Zustände mit Balzac beziehungsweise Balzac anhand dieser Zustände identifizierte, als hätte es da keinen Bruch, keine Distanz gegeben.

Ja, Balzac war auch der versnobte, liederliche Lohnschreiber und Geschäftstölpel, der einen Schuldenberg auf den andern wälzte, der spekulierende Dummkopf und ungeschickte Unternehmer, dessen regelmäßig eintreffende Finanzkatastrophen ihn zum Sklaven machten und zum unmündigen Kind - ihn zugleich aber auch an den Schreibtisch zwangen.

Das war an und für Balzac alles andere als erheiternd, nichts Forsches; er war nur eben sehr stämmig von Seele und Statur, so daß er darunter nicht zusammenbrach. Gejammert hat er genug, trotzdem.

Das ist nicht der Balzac, der uns bekannt geworden ist als der große Romancier des 19. Jahrhunderts.

Dieser, der schreibende, ein Dichterschicksal erfüllende, dieser in die Sprache treibende und getriebene Honoré de Balzac, der sich den Adel selbst zulegte (verdientermaßen, möchte man sagen, wär's nicht so kindisch zugegangen damit), ist nicht nur ein ganz anderer als jener Schuldenmacher und Bankrotteur.

Er lebt und schafft seine Werke buchstäblich gegen jenen. Das Romanwerk Balzacs ist wie eine Freischreibung vom Lebensschicksal gleichen Namens.

Stefan Zweig hat sich auf die Persönlichkeit dieses Mannes sehr kenntnisreich, feinfühlig und verstehend eingelassen.

Pohrt kommt auch irgendwo auf Zweigs Essay in den Drei Meistern zu sprechen, eine frühe Arbeit, der die Erfahrung des Späteren der Balzac-Biographie noch fehlt, wenn sie auch schon Vorarbeit war.

Vergleiche:

* Stefan Zweig, Drei Meister. Balzac, Dickens, Dostojewski. Die Erstausgabe erschien 1919 mit dem Vorwort im Insel-Verlag zu Leipzig. Copyright 1938 als Baumeister der Welt by Herbert Reichner Verlag, Wien. Seit 1951 im S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main. Als Taschenbuch 2289.

Und:

* Stefan Zweig, Balzac. Eine Biographie. Aus dem Nachlaß herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Richard Friedenthal. Copyright by Bermann Fischer Verlag AB, Stockholm 1946. Fischer Taschenbuch Mai 1979 und November 1981 (2183).

Dieses Standardwerk Stefan Zweigs, das nun also Balzacs Leben bis in die feinsten Winkel und Falten verfolgt, das dieses Leben als ein eigenes gewaltiges Drama, wiewohl mit den leisen Stilmitteln und der unaufdringlichen Sprache Zweigs den Leser mit- und nacherleben läßt: als ob Pohrt es noch gar nicht kannte, als er seine nicht gerade angemessenen Bemerkungen über Stefan Zweig machte.

Denn Zweig hat sich einen Großteil seines Lebens mit Balzac beschäftigt, er starb über seinem Jahrzehntwerk, der Biographie; wer Balzac kennenlernen will, wer ihn verstehen lernen will, sollte bei Zweig nachschlagen.

Das war ein, naja, nicht unverzeihlicher, aber doch unnötiger, ein wenig auch bezeichnender Fehler bei Pohrt.

Wolfgang Pohrt hat, glaube ich, noch ein reichhaltig interessantes Schreibewerk vor sich; es wird sich wohl weniger politisch als auf eine nicht beim ersten Blick erkennbare existentielle, mit manchen Selbstüberschreitungen, im doppelten Sinn kritischen Verschleifungen und Verhäkelungen (genug jetzt) verbundene Weise realisieren.

Pohrt ist in seinen Maßen ein Sprachgeschick, das den eigenen, inneren Ernst spielerisch überbrückt und umbaut.

Mit einem dornig schimmernden Spalier stilistischer und gedanklicher Auswüchse schützt er die geheimen Impulse seines Schreibens.

Immer in Gefahr, mit seinen Produkten verwechselt zu werden.

Die Lebensgeschichte Balzacs erinnerte mich ein bißchen an die Person Ludwigs XVI., den "armen Mann" der Marie Antoinette.

Beide hatten sie eine lange physiologische Kindheit, waren sie in ihrer körperlichen Entwicklung zurückgeblieben.

Was bei Ludwig bis zuletzt eingeschlossen, das brach bei Balzac spät und um so heftiger aus.

Seine literarischen Anfänge waren nicht Lebensabbilder, sie kompensierten vielmehr ganz eindeutige Mängel.

Während er in seinem literarischen Werk von einem Höhepunkt zum nächsten und übernächsten und so fort schier unerschöpflich aus sich hervor schuf wie ein Berserker, war der Höhepunkt seines Lebens, war die Erfüllung seines Herzenswunsches, die von ihm jahrelang geliebte, ersehnte und begehrte Frau von Hanska als Gattin nach Paris zu führen, zugleich sein Ende.

Bereits erkrankt, starb er gleich darauf.

Pohrt bewundert jene etwas versnobte Männerart, die nahe, die reale erotische Chance, etwa in Gestalt des jungen Dienstmädchens, nicht wahrzunehmen, die greifbaren und gewöhnlich kostenlosen sexuellen Möglichkeiten auszuschlagen - dabei einem meist unerfüllbaren, allenfalls mit großen und nicht vorhandenen Geldmitteln, also letztendlich mit wahnwitzigen Schulden erreichbaren fernen Traum, einer teuren, gar adligen Kokotte sehnsüchtig nachzuschmachten.

Aber ein Mann, der der nahen Gelegenheit mit tausend Ausreden ausweicht zugunsten einer vermeintlich viel kostbareren in weiter Ferne, verdeckt natürlich einen einfachen Sachverhalt: Er schiebt die Stunde der Bewährung immer wieder und immer weiter hinaus.

Um nicht seinen Mann stehen zu müssen, suchte er sich die Teuerste im Wortsinn aus, je höher der Schuldenberg, den er um ihretwillen machen mußte, je größer die Schwierigkeiten, die die Teure um sich herum aufstapelte, desto besser für ihn.

Dieses Gesellschaftsspiel spiegelt nicht nur ein niedergehendes Zeitalter wider, es verdeckt auch eine menschliche Not.

Das viele Geld, das die Besitzer wechselt, ist nicht Begleiterscheinung einer erotisch verruchten Welt.

Nicht Reichtum, nicht Verschwendung aus dem Vollen, sondern Erschöpfung und Verausgabung zeigen sich an.

Geld ist nicht Tauschmittel gegen körperliche Liebe. Nein, das Geld, der Preis, schiebt die Liebe auf die lange Bank. Darauf beruht der Genuß bei diesem Spiel, daß es möglichst nie zum Ziele kommt.

Der ganze Luxus um die Erotik dieser Epoche offenbart seinen Sinn in der komplizierten Garderobe, in den zahllosen Leibchen und Bändchen und Rüschen und empfindlichen Frisuren, Verschlüssen und Utensilien, den Röcken und Röckchen, immer noch eins unterm andern.

Das waren Hürden und Hindernisse, keine Einladungen, sondern Abweisungen. Wie dicke Burgmauern, Schloßgräben, Palisaden, Zugbrücken, Tore mit Riegeln und Wachen davor und was dergleichen mehr.

Auf Verzögerung und Spiel beruht jegliche Zivilisation - das Erregende und Geheimnisvolle dazumal lag offensichtlich auf der Grenze zum Pathologischen, zum Irrsinn, zum selbstzerstörerischen Wahn.

Und in dieser Lebensspanne ist der historische Schritt zum Suicid nur kurz, doch selbst dieser wird hinausgezögert, vollzieht sich in langen Selbstauflösungsprozessen, deren Ende weniger der Tod ist als vielmehr der Abschluß eines langwierigen und in hochkomplizierten Figuren sich ereignenden Sterbens. Masoch und de Sade sind darein immer irgendwie mit verflochten.

Erotik unter Umgehung des Weibes, nach diesem Motto vollzog und vollzieht sich wieder in starkem Maße, was letzten Endes dem Fetischismus näher ist als der Liebe.

Die in der Tradition des italienischen Faschismus entstandene Kunst, die in Literatur und Film so exklusive Sujets bevorzugt, auch der neudeutsche Film aus dem Umkreis von Faßbinder und sonstigen - dies alles zeigt zugleich, wie tief unsere europäischen Jahrhunderte in der Entkräftung wurzeln.

Sofort kam ihr der Gedanke, ob hier nicht Rettung möglich. Und begann mit sachkennerischen Manipulationen und Experimenten ihr möglichstes zu tun.
"Was macht sie denn?" fragte der König die Rike.
"Sie macht Wiederbelebungsversuche an ihm, das ist ein Werk der christlichen Barmherzigkeit."
Und die Godeganz rieb und klopfte an dem schönen Toten herum und flehte zur heiligen Maria von Ägypten, daß sie ihr doch behilflich sein möge, den Mann wieder lebendig zu machen, der ihr so unerwartet und ganz verliebt vom Himmel herunter ins Bett gefallen war.
In der Tat gelang es ihr, den Körper ein wenig zu erwärmen, schon schien es, als ob er die Augen aufschlagen wolle, sie legte ihre Hand auf sein Herz, und sie fühlte wahrhaftig ein leises Pochen.
Sie verdoppelte nun ihre Anstrengungen, entwickelte einen solchen Feuereifer, dessen nur die ewig unterdrückte Liebesglut eines alten Mädchens fähig ist, und hatte die unaussprechliche Freude, den schönen Mann, mit dem der Henker offenbar kein Meisterstück gemacht, ins Leben zurückzubringen.
"Da seht Ihr, wie ich bedient werde", sagte der König lachend.
"Ich hoffe, Ihr werdet ihn nicht zum zweiten Male hängen lassen," erwiderte Rike, "der Mann ist gar zu schön."
"Das Urteil lautet nicht, daß er zweimal gehängt werden soll, aber, bei Gott! dafür soll er die Godeganz heiraten."
Die alte Jungfer war unterdessen fortgesprungen, um einen Bader herbeizurufen, der nichts Eiligeres zu tun hatte, als nach seiner Lanzette zu greifen.
"Es ist zu spät", sagte er kopfschüttelnd, "Ihr seht, nicht ein Tropfen. Die Transfusion des Blutes nach den Lungen hat sich bereits vollzogen."
Doch was war das? Da sickerte ein kleines winziges Tröpfchen, und da noch eines, dann Tropfen auf Tropfen, und schon rötete das junge Blut die Tücher.
Der Gehängte kam von seiner apoplektischen Erstarrung, die noch im Anfangsstadium war, zurück, er begann sich zu bewegen und schlug die Augen auf... doch nur, um sie sofort wieder zu schließen und nach dem Gesetz der Natur in Erschlaffung und Erschöpftheit zurückzusinken.
Die krampfhafte Spannung aller Muskeln und Nerven ließ nach, und die strotzende Fülle der männlichen Pracht sank in sich zusammen.
Die gute alte Jungfer, die mit ängstlich aufmerksamen Blicken all diese Vorgänge und Verwandlungen verfolgt hatte, zog den Chirurgen am Ärmel, und indem sie ihn mit einer schämigen Augenverdrehung auf vorliegenden Vorfall und Verfall aufmerksam machte: "Wird er nun immer so bleiben?", fragte sie.
"Die meiste Zeit", antwortete der wahrhaftige Chirurgus.
"Wie schade, da war er mir gehängt fast lieber..."
Bei diesen Worten brach der König in lautes Lachen aus, worüber das arme Mädchen und der Bader nicht wenig erschraken.
Sie gewahrten durch das Fenster hindurch den König und sahen den Geretteten in ihrer Angst bereits zum zweiten Male gehängt.
Aber der König hielt Wort und verheiratete sie miteinander.
Damit aber die Gerechtigkeit nicht zu kurz komme, gab er dem Neuvermählten, der seinen bürgerlichen Namen am Galgen verloren hatte, den Namen eines edlen Herrn von Todleben, und da sich unter dem Strohsack der Godeganz ganze Nester voll goldener Dukaten fanden, gründeten beide eine hochangesehene Familie, die in unserm Land fortblüht bis auf den heutigen Tag (189 ff.).

Honoré de Balzac, Die dreißig tolldreisten Geschichten, genannt Contes Drolatiques. Mit 425 Holzschnitten nach Zeichnungen von Gustave Doré. Erster Band. Im Insel-Verlag zu Leipzig MCMXXVII. Übertragen von Benno Rüttenauer. Hier aus: Die Belustigungen des guten Königs Loys des Elften.

In der Krise zeigt sich der Charakter. Es zeigen sich die Unterschiede. Man möchte es nicht glauben, aber von Zeit zu Zeit sind Erinnerungen nötig - an etwas, das sie alle, Frauen und Männer, schon immer gewußt hatten, aber eines Tages, wie aus heiterem Himmel, ganz plötzlich, vergaßen...

Carol Gilligan, geboren 1936 in New York, Schülerin von Erik Erikson und wissenschaftliche Mitarbeiterin von Lawrence Kohlberg, seit 1971 Assistentin, seit 1979 Professor für Psychologie an der Graduate School of Education der Harvard University - mit zahlreichen Arbeiten auf dem Gebiet der Entwicklungspsychologie - hilft dem menschlichen Gedächtnis ein wenig nach.

Es ist auch immer wieder erstaunlich, welche qualitativen Unterschiede zwischen der europäischen und hier ganz besonders der deutschen Frauenforschung und jener in Amerika sich auftun.

Man will es hierzulande nicht wahrhaben, daß eine tiefgreifende Ideologisierung des allgemeinen Bewußtseins auch vornehmlich auf die Wissenschaften vom Menschen übergegriffen hat, die im internationalen Vergleich zusehends ins Abseits geraten.

Die deutsche Sozialwissenschaft im weiteren Sinne ist, scheint's, in einem Maße den altneuen Verführern auf den Leim gegangen, wie es seit der Erfahrung mit dem Faschismus nicht mehr für möglich gehalten wurde. Deutsche Buchtitel - wie etwa von Wolfgang Wickler und Uta Seibt: männlich weiblich - Der große Unterschied und seine Folgen. 1983. Serie Piper 285 - lassen mitunter den Versuch erkennen, wieder den Anschluß zu gewinnen an den historischen Stand diesbezüglich wissenschaftlicher Forschung.

Carol Gilligan: Die andere Stimme. Lebenskonflikte und Moral der Frau. Aus dem Amerikanischen von Brigitte Stein. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel In a Different Voice im Verlag Harvard University Press, Cambridge 1982. Deutsche Ausgabe: R.Piper GmbH&Co.KG, München 1984.

Hier findet nämlich die Behauptung, daß die bislang in der Hauptsache männliche Wissenschaft der weiblichen Ergänzung bedürfe, ihre experimentelle Bestätigung und theoretische Begründung.

Dabei werden Grundfragen menschlicher Geschichte, einmal aus dem großenteils noch vegetativ Verborgenen ins aktuelle Extrem gezerrt, zur heiklen Alternative: Freiheit oder Vernetzung.

Was die Menschen seit Anbeginn wußten? Oder ist es lediglich eine männliche Antwort auf eine ebenso männliche Frage?

Carol Gilligans andere, weibliche, Stimme eröffnet Perspektiven der Reife:

Die Vorstellung, daß Trennung zur Bindung führt und daß Individuation schließlich in Wechselseitigkeit mündet, wird zwar sowohl von Vaillant als auch von Levinson wiederholt, aber von den Lebensläufen widerlegt, die sie zur Unterstützung anführen.
Ähnliches gilt für Eriksons Studien über Luther und Gandhi: Während sich das Verhältnis zwischen dem Selbst und der Gesellschaft in großartiger Weise artikuliert, sind beide Männer in ihrer Fähigkeit zur Intimität kompromittiert und leben in großer persönlicher Distanz zu anderen.
So ignoriert Luther in seiner Hingabe an den Glauben ebenso wie Gandhi in seiner Hingabe an die Wahrheit den Menschen in seiner unmittelbaren Nähe, indem er statt dessen zum höheren Ruhm Gottes arbeitet.
Diese Männer gleichen bis in erstaunliche Details dem frommen Äneas im Epos Vergils, der ebenfalls die Bindungen überwand, die ihn auf seiner Reise nach Rom behinderten.
In all diesen Berichten sind die Frauen stumm mit Ausnahme der klagenden Stimme Didos, die sich, nachdem sie Äneas vergeblich angefleht und gedroht hatte, am Ende durch sein Schwert selbst zum Schweigen bringt.
In den heutigen Darstellungen der Erwachsenenentwicklung scheint somit eine Entwicklungslinie zu fehlen; es fehlt die Beschreibung der Weiterentwicklung der Beziehungen bis zu einem Zustand reifer Interdependenz.
Obwohl das Faktum der Trennung in den meisten entwicklungspsychologischen Texten anerkannt wird, geht die Realität der fortbestehenden Verbundenheit verloren oder wird in den Hintergrund verwiesen, in dem die Figuren von Frauen auftauchen.
Die sich herauskristallisierende Konzeption der Erwachsenenentwicklung wirft solcherart einen vertrauten Schatten auf das Leben der Frauen, denn es wird wieder auf die Unvollständigkeit ihrer Ablösung hingewiesen, und sie werden als im Sumpf von Beziehungen steckend dargestellt.
Bei Frauen scheinen die Entwicklungsstadien der Ablösung und der Bindung, die in der Regel der Adoleszenz und dem Erwachsenenleben zugeschrieben werden, in gewissem Sinn miteinander zu verschmelzen.
Während diese Verschmelzung Frauen in einer Gesellschaft, die Trennung belohnt, gefährdet, weist sie auch auf eine allgemeinere Wahrheit hin, die in psychologischen Lehrbüchern gegenwärtig verdunkelt wird.
In den jungen Erwachsenenjahren, wenn Identität und Intimität zu Dilemmas einander widersprechender Verpflichtungen führen, wird das Verhältnis zwischen dem Selbst und den anderen bloßgestellt.
Daß dieses Verhältnis in der Erfahrung von Männern und Frauen differiert, ist ein ständiges Thema in der Literatur über menschliche Entwicklung und ein Befund auch meiner Forschungstätigkeit.
Angefangen von der unterschiedlichen Dynamik der Ablösung und Bindung in ihrer Geschlechtsidentitätsbildung über die Divergenz von Identität und Intimität, die ihre Erfahrungen in den Jugendjahren kennzeichnen, sprechen männliche und weibliche Stimmen in der Regel von der Wichtigkeit verschiedener Wahrheiten, erstere von der Rolle der Trennung für die Definition und Ermächtigung des Selbst, letztere von dem fortlaufenden Prozeß der Bindung, der die menschliche Gemeinschaft erschafft und am Leben erhält.
Da dieser Dialog die Dialektik enthält, welche die Spannung der menschlichen Entwicklung auslöst, verzerrt die Ausblendung der Frauen aus der Geschichte der menschlichen Entwicklung die Konzeption ihrer Stadien und ihrer Abfolge.
Ich möchte somit, zumindest teilweise, den fehlenden Text der weiblichen Entwicklung beisteuern, so wie diese ihre Vorstellungen vom Selbst und von der Moral in den frühen Erwachsenenjahren beschreiben.
Mein Ziel ist es, das Verständnis der Entwicklung zu vertiefen, indem ich die Perspektiven beider Geschlechter einbeziehe und mich in erster Linie auf die Unterschiede in den Darstellungen von Frauen und Männern konzentriere.
Obwohl die in Betracht gezogenen Aussagen von einer kleinen und hochgebildeten Stichprobe stammen, verdeutlichen sie einen Kontrast und machen es möglich, nicht nur das zu erkennen, was bei der Entwicklung der Frauen fehlt, sondern auch, was vorhanden ist (190f.).
Die Forschungsergebnisse bezüglich der Reaktionen betroffener Frauen auf das Abtreibungsdilemma lassen einen bestimmten Ablauf in der Entwicklung einer Ethik der Zuwendung erkennen, dem zufolge ein Wandel in der Auffassung von Verantwortlichkeit Veränderungen im Erleben und im Verständnis von Beziehungen widerspiegelt.
Diese Ergebnisse wurden in einem bestimmten historischen Moment zusammengetragen...
"In der Krise zeigt sich der Charakter", sagte eine der Frauen, als sie dem Problem in ihr selbst auf die Spur zu kommen suchte.
Daß die Krise auch den Charakter prägt, ist die Quintessenz eines entwicklungsbezogenen Ansatzes (156f.).

Äußert sich nicht aber in der Krise ein männliches Prinzip?

In der Edition TIAMAT, Verlag Klaus Bittermann, Grimmstraße 26 in Berlin 61, erschien - Critica Diabolis 4, April 1984 - ein Band Pamphlete und Glossen von Wolfgang Pohrt: Kreisverkehr, Wendepunkt. Über die Wechseljahre der Nation und die Linke im Widerstreit der Gefühle.

In teilweise den kuckuckslesern bereits bekannten Aufsätzen zieht Pohrt Bilanz und dabei, implizit, auch bekannte Pohrt-Positionen ein wenig in Zweifel. Weit und breit der interessanteste deutschsprachige Gegenwartsautor (trotz Balzac).

Wer - auf der Suche nach Montaignes Essay Von den Hinkenden - an das insel taschenbuch 220 (herausgegeben von Ralph-Rainer Wuthenow) gerät, das ihn - Montaigne, Essais - zu versprechen scheint, lasse sich nicht aufhalten, vielleicht findet er ihn anderswo.

Carlo Ginzburg erwähnt Montaigne, weil der sich, wenn auch ganz flüchtig, mit einem Justizfall beschäftigte, der die intelligenten Phantasien angeregt hatte.

Ich erinnere mich noch (weiter aber erinnere ich mich auch nicht mehr), daß es mir damals so vorkam, derjenige, welcher für strafbar erklärt wurde, habe seinen Betrug so wunderbar, so weit über unsere Einsicht und die Einsicht dessen, welcher Richter war, getrieben, daß ich den Schuldspruch sehr gewagt fand, der ihn zum Strange verurteilte.

Der Richter - Jean de Coras - schrieb über den außergewöhnlichen Kriminalfall - er kam 1560 vor das Parlament von Toulouse - ein Buch.

Sein Arrest Memorable versammelte die vollständige Beweisaufnahme, alle formellen Eingaben und Beurteilungen des Falles, einschließlich seiner eigenen Anmerkungen.
Wie er sagte, handelte es sich nicht um eine Komödie, sondern um eine Tragödie, wiewohl die handelnden Personen echte Bauerntölpel waren, "gemeines und niederes Volk".
In französischer Sprache geschrieben, wurde dieses in den folgenden sechs Jahren fünfmal nachgedruckt und erlebte bis zum Ende des Jahrhunderts noch mehrere weitere Auflagen in französischer und lateinischer Sprache (18).

Es diente - neben der kurzen Historia von Guillaume Le Sueur - als Ausgangspunkt bei der Quellensuche für eine Arbeit, die inzwischen erschienen ist:

Natalie Zemon Davis, Die wahrhaftige Geschichte von der Wiederkehr des Martin Guerre. Mit einem Nachwort von Carlo Ginzburg. Aus dem Amerikanischen von Ute und Wolf Heinrich Leube. Piper Verlag, München 1984. Die Originalausgabe erschien 1982 unter dem Titel Le Retour du Martin Guerre bei Éditions Robert Laffont, S.A., Paris. Copyright des Nachworts von Carlo Ginzburg: Giulio Einaudi editore, Turin 1984. Das Nachwort wurde von Ute und Wolf Heinrich Leube aus dem Italienischen übertragen.

Natalie Zemon Davis vermerkt in ihrem Vorwort:

Dieses Buch entstand aus der Erfahrung eines Historikers mit einer anderen Art, Geschichte zu erzählen.

Davis, 1928 in Detroit geboren, lehrt in Toronto, Berkeley und Paris, jetzt als Professorin für Geschichte in Princeton. Zahlreiche Veröffentlichungen befassen sich insbesondere mit dem 16. Jahrhundert in Frankreich.

Der Fall Martin Guerre ist immer wieder neu erzählt worden: Um 1548 verläßt ein wohlhabender Bauer aus dem Languedoc Frau, Kind und Hof, und viele Jahre lang hört man nichts mehr von ihm.
Er kommt zurück - zumindest nimmt das jedermann an -, doch nachdem er drei oder vier Jahre in Frieden mit seiner Frau gelebt hat, behauptet diese plötzlich, sie sei von einem Betrüger hintergangen worden, und bringt ihn vor Gericht.
Dem Mann gelingt es beinahe, die Richter davon zu überzeugen, er sei Martin Guerre, da taucht im letzten Augenblick der wahre Martin Guerre auf.

Natalie Davis' besonderer Beitrag zur Klärung des Falles besteht darin, daß sie als Frau sich der damaligen Situation der von ihrem Mann plötzlich verlassenen jungen, zweiundzwanzigjährigen Bäuerin Bertrande de Rols annimmt.

Die Verfasserin macht dabei ein paar Entdeckungen, die ihre Schlußfolgerung, die junge Frau habe die fraglichen Jahre in stillem Einvernehmen mit dem Betrüger glücklich zusammengelebt, plausibel machen.

Bertrande habe als Frau spätestens in der ersten Liebesnacht die Täuschung durchschauen müssen.

Schließlich sei sie nur unter dem Druck, der auf sie von seiten der Anverwandten ausgeübt wurde, vor Gericht gegangen.

Eine sexuelle Insuffizienz ihres "echten" Mannes, die erst mit Hilfe einer weisen Frau behoben werden konnte (er galt seit seiner Kindheit als "verhext"), hatte ohnehin nicht eben zu ungetrübtem Eheglück beigetragen.

Pardon, verhext war der Schwindler, der geniale.

Martin Guerre

online-Fassung

kuckuck 45e-h
extra
1984-08-25

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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