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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Buchausgabe:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 3. Strategien der Zerstörung
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1984-00-00

Horst Lummert

Was seinen Namen noch nicht gefunden hat

Ein deutsches Ratespiel um eine Frage auf drei Zitate

Wer war's?

1. In Zukunft sollen nur Deutschblütige unser Volk führen und Beamte werden dürfen! Der Einfluß des Judentums auf die Verwaltung, auf die Erziehung, Literatur, auf Kunst und Kultur ist damit mit einem Schlage beseitigt.
2. Der Rassegedanke ist in diesem Krieg aufs schwerste verraten worden, indem gerade das rassisch beste deutsche Blut unwiederbringlich hingeopfert wird, während gleichzeitig Deutschland durch Millionen fremder Arbeiter bevölkert ist, die sicher nicht als rassisch hochwertig zu bezeichnen sind. - In der Judenfrage war ich als recht eingehender Kenner der Zustände in der Systemzeit durchaus der Auffassung, daß die Juden aus dem Staats- und Wirtschaftsleben verschwinden müßten. - Daß das jüdische Volk einer anderen Rasse angehört, ist eine Binsenweisheit. - Er und sein Bruder hätten die Rassengrundsätze des Nationalsozialismus an sich bejaht, hätten sie aber für überspitzt und übersteigert gehalten.
3. Der jüdische Gedanke hat von jeher eine leere und dünne Geistigkeit gehabt (die Heine sehr fein dem körperlich blühenden Hellenentum gegenüberstellte), ohne den Inhalt des Gemütes, das der Germane in jede seiner Auffassungen gießt... In ihren Niedergangsperioden aber bringt jene Veranlagung die faulen Früchte hervor, die man uns heute anbietet. Sicher ist jedenfalls, daß ein Volk, dessen geistige Fähigkeiten sich jahrhundertelang einzig in rabbinischen Spitzfindigkeiten ausgegeben haben, nichts aber auch nichts von dem gewissen inneren Sinn aufzuweisen haben kann, der allein das Verständnis einer germanischen Schöpfung ermöglicht. Es mag eine Genugtuung für uns und selbst ein Triumph sein, daß sie, die unsere Kulturarbeit in ihren Händen gefälscht und zum Geschäft entwürdigt haben, dennoch nicht in sie einzudringen vermochten. - Da ist der Typus des Mitbürgers, der mit einem Haufen schmutziger Wäsche (in mehrfacher Bedeutung) von Osten bei uns eingefallen ist... Durch einige diskrete Hilfeleistungen, die ihm zugleich ein wenig, nicht für die Öffentlichkeit bestimmtes Material über die Größe des Weltmarktes in die Hände liefern, weiß er sich unentbehrlich zu machen... Man ahnt ihn jetzt regelmäßig hinter den Vorgängen, die ein großes, nicht mehr zu zählendes und zu berechnendes Unglück (gegen das sich darum auch niemand auflehnen kann) im Volke hervorbringen... Wenn er mit seinem Tilbury und seiner Cocotte die Linden lang fährt, sieht ihm verwundert der zu Fuß gehende Gardeleutnant nach, der den kleinen, schwarzborstigen, fahlen, schwammigen Menschen natürlich nur grotesk finden kann. Aber je bescheidener sein Dasein und je unkritischer sein Sinn, desto stärker muß das Volk, das gleichwohl noch lange nicht genügend sozialistisch verführt ist, um die Notwendigkeit des Reichtums zu leugnen, diesen Fremdling hassen, dem es dunkel etwas Unheimliches ansieht, als rollten seine Räder über tausend Leichen. Und hat nicht wirklich dieser Mann auf tausend vernichteten Existenzen seine Macht aufgerichtet wie eine unheilvolle Bestie, die einfach weil sie da ist, weil sie im Haushalte der Natur vorgesehen ist, den Tod um sich her verbreiten muß! ... Jede andere Kultur ist hinfällig, so lange man die wilden Tiere im freien Spiel der Kräfte duldet, anstatt sie auszurotten oder in Käfige zu sperren! - Man verfolgt sie nicht wegen ihrer Religion, denn um wegen einer Religion verfolgt zu werden, muß man doch wohl vorerst eine haben! Und man verfolgt sie nicht als Volk, denn sie verdienen diesen Ehrennamen nicht. Weit eher verfolgt man sie, weil sie die verkörperte Verneinung von Beidem sind, von Volkstum und von Glauben. Und so werden sie eigentlich nicht um ihrer selbst willen verfolgt, sondern als Begriff; als sichtbarer Begriff alles Dessen, was zerstört und niedrig macht. Sie sind in mancher Beziehung unser böses Gewissen... Jeder vom nationalen und sozialen Gewissen Geleitete wird daher Antisemit sein; aber die Unterdrückung der Judenschaft bezeichnet für ihn nicht Ziel und Zweck seiner Bestrebungen, sondern nur ihre einfachste Folgeerscheinung!

Wer war's?

Antwort: 1.

Dr. med. Arthur Gütt, Ministerialdirektor im Reichsministerium des Innern, SS-Brigadeführer, 1940 zum SS-Gruppenführer befördert, in dem Buch Erblehre und Rassenhygiene im völkischen Staat von Prof. Dr. Ernst Rüdin, J.F.Lehmanns Verlag, München 1934. Gütt war Mitglied der Forschungsabteilung Judenfrage des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands an der Münchener Universität. Nach Léon Poliakov/Joseph Wulf, Das Dritte Reich und seine Diener (Band 33037), Das Dritte Reich und seine Denker (Band 33038); außerdem Das Dritte Reich und die Juden (33036) und, von Joseph Wulf als alleinigem Verfasser, Das Dritte Reich und seine Vollstrecker (33039) in der Reihe Zeitgeschichte beim Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/Main-Berlin-Wien 1983 und (33039) 1984. Weitere Quelle: Robert Wistrich, Wer war wer im Dritten Reich. Aus dem Englischen übersetzt von Dr.Joachim Rehork. Überarbeitete, erweiterte und illustrierte deutsche Ausgabe. Harnack Verlag, München 1983. Titel der englischen Originalausgabe: Who's Who in Nazi Germany, London 1982.

Antwort: 2.

Es handelt sich um Äußerungen aus dem Kreis der Verschwörer vom 20. Juli 1944 - von Berthold Graf Stauffenberg, dem Bruder des Attentäters; von Popitz, der sich "als recht eingehender Kenner" vorstellt. Die "Binsenweisheit" steht in einer "Denkschrift". "Üxküll bemerkt hierzu über die Pläne der Verschwörer: "Am Rassegedanken sollte festgehalten werden, soweit dies möglich war". Aus: Wolfgang Graetz, Die Verschwörer; Rütten & Loening Verlag, München o.D.

Antwort: 3.

Heinrich Mann.

Heinrich Mann war vierundzwanzig Jahre alt, als er dies schrieb, kein Kindskopf mehr und nicht unter Zwang, es zu schreiben, und wir haben es mit Vorbedacht nicht einfach beiseite gewischt. Man versteht einen Schriftsteller nicht, wenn man nicht seine extremen Positionen kennt. Gewiß, so extrem wurde es kein zweites Mal. Diese Vorstellungswelt, in ihrem Keim gewiß schon aus Lübeck mitgebracht, wurde überwunden, aber keineswegs im Handumdrehen. Ihre Spur zieht sich noch ein gutes Stück Weg fort in Heinrich Manns Schaffen, und ein noch längeres in dem seines Bruders (214).

Peter de Mendelssohn, Der Zauberer. Das Leben des deutschen Schriftstellers Thomas Mann. Erster Teil 1875-1918. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1975. Peter de Mendelssohn entdeckte das Reststück eines Briefes aus dem Jahre 1895, darin Thomas Mann an Grautoff geschrieben hatte:

... Kürzlich habe ich mich zum litterarischen Mitarbeiter des XX. Jahrhunderts aufgeschwungen; mein Bruder ist ja Herausgeber... (211).

Es waren die deutsch-nationalen Monatshefte Das Zwanzigste Jahrhundert. Blätter für deutsche Art und Wohlfahrt - Organ der Deutsch-Bewegung... Aus dieser Zeitschrift stammte also das dritte Zitat, bei dessen Wiedergabe ich da und dort die überholte Orthographie vermied, um das Alter des Textes nicht unvermittelt erkennen zu lassen. Noch einmal Peter de Mendelssohn:

Weder Heinrich noch Thomas Mann haben ihre Tätigkeit an dieser Zeitschrift je erwähnt, gewiß nicht in ihren veröffentlichten autobiographischen Schriften. Sie kam erst nach dem Tod beider Brüder ans Licht und wurde erforscht (211 f.).

Solidargemeinschaft. Die Gütts sind vergessen. Alles steht auf dem Kopf. Das deutsche Gift, eine Gabe deutschen Bürgergeistes, von tief her unendlich fortwirkend: da werden die Gütts und Kaltenbrunners, Hitlers, Himmlers, Bormanns, die Heydrichs, Wolffs, Lorenz, Eichmann... - zu winzig lächerlichen Exekutoren einer spezifisch deutschen Gespenstergeschichte.

Darf man's so sehen? Ja, ich neige bisweilen dazu, wenn ich Schopenhauer lese, Richard Wagner... Nein, nicht Nietzsche, der Fall liegt anders. Thomas Mann, na gut, aber Heinrich?

Eran Laor notiert zu KarI Kraus:

... zu der schwersten Anklage, daß ihm zu Hitler nichts einfiel. Seine heutigen Verteidiger versuchen zwar zu beweisen, daß ihm zu Hitler sogar sehr viel einfiel, und zwar auf 300 Seiten. Aber wann? Im Jahre des Unheils 1933. Ist Hitler denn erst in diesem Jahre plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht? Hat er sein unheilvolles, verdammenswertes, jedem Hellhörigen offenbares Unwesen nicht bereits seit seinem ersten Putschversuch in 1923 begonnen; ist die Erstauflage seines Mein Kampf nicht bereits 1925, und danach in vielen, knapp aufeinander folgenden Nachdrucken erschienen? Liefen in seinem Wien nicht bereits in den Zwanzigerjahren hakenkreuz-geschmückte Radaubrüder umher? Aber unserem Wahrheitsritter, der gegen den kleinsten Schmierfink dräuend die Lanze erhob und der von sich selbst sagte: "Die Fülle meines Werks ist ungemein: mir fällt zu jedem Dummkopf etwas ein", - fiel erst 1933 ein, daß ihm zu Hitler nichts einfalle. Für derart einfältig kann ihn nur der Einfältigste halten. (Sah er in ihm bis dahin vielleicht einen Waffenbruder?)
Aber noch schwerwiegender lastet auf ihm der Vorwurf, daß er die dreihundert Seiten, die ihm zu Hitler dennoch einfielen und die in den Monaten Mai bis Oktober 1933 entstanden, nie veröffentlichte. Zwischen der Niederschrift der hochgerühmten dreihundert Seiten, d.h. von Oktober 1933 bis zu seinem Tode am 12. Juni 1936, sehen noch 34 Nummern der Fackel das Licht, enthielten aber nichts von dem, was ihm zu Hitler einfiel. Sie erschienen posthum erst im Jahre 1952. Davon kann ihn niemand reinwaschen (64f.).

Eran Laor, Abrechnung mit dem Abendland. Sensen-Verlag Wien 1982.

In einer Sammlung von Gedanken und Gedankensplittern, Überlegungen, Meinungen und Urteilen... essay-artigen Meditationen und kritischen Betrachtungen versucht sich Laor auch an dieser Frage:

Warum Antisemitismus? - Es steht außer Frage, daß der westliche Antisemitismus - und hierbei schließe ich das angeblich kommunistische Sowjetreich ein - seine Wurzeln im Christentum hat. Selbst der ungläubigste Nichtjude hat von seinem Vaterhaus, seiner Umgebung, seiner Schulung, seiner ganzen Kultur-Tradition her die Ablehnung des Juden mitbekommen. Selbst wenn er dieses Erbe mit seiner Ratio zu verdrängen sucht, im Unterbewußtsein ist es vorhanden. Anders wären die sich wiederholenden antijüdischen Vulkanausbrüche kaum erklärlich. Sicher gibt es immer wieder Einzelne, im Verhältnis zur Masse sehr wenige, die von dieser Tradition unberührt blieben oder sich davon losgelöst haben und sogar ein projüdisches oder zumindest nicht anti-jüdisches Gefühl entwickeln konnten. Aber wie kümmerlich ist ihre Zahl (87).

Gerechterweise ist hier anzufügen, daß offensichtlich die "Masse" längere Zeit "von dieser Tradition unberührt" blieb als die hervorgebobenen "Einzelnen", ja daß diese erbärmliche "Tradition" von solchen "Einzelnen" stets von neuem begründet worden ist.

"So wurden Juden und Judentum verdrängt, von den eigentlich Abtrünnigen verräterisch als die Abtrünnigen verleumdet, als überwunden, ungültig, nicht existenzberechtigt verschrien. Und daran hat sich theologisch bis heute nichts geändert (88).
Und der Antizionismus der Araber? Dieser ist, zu einem großen Teil, am leichtesten erklärbar. Er ist ein Politikum und von der Araber Blickpunkt aus vertretbar. Von ihnen aus gesehen sind wir in Israel Eindringlinge, die in ihrer Mitte nichts zu suchen haben, ein Fremdkörper, der sich einen Teil, wie klein er auch sei, ihres Bodens angeeignet hat. Dies ist aber vom welthistorischen Gesichtspunkt aus betrachtet nur die Oberfläche. Denn der Antizionismus der Araber ist im Anti-Judaismus des Islam, in Mohammeds Lehre selbst verwurzelt (88f.).

Mohammed, so Laor, umwarb zunächst die Juden, mit deren geistigen Wurzeln er seine Lehre eins wußte, und begriff nicht, warum sie nicht Muslime wurden.

Von da an begann er die Juden zu verdammen und daher stammt der theologische Anti-Judaismus des Islam (89).

Darauf wäre manches zu erwidern, Theologisches, Grundsätzliches.

Eine historische Erinnerung: Die Ära jüdischer Freiheit in Spanien war mehr oder weniger identisch mit der Freizügigkeit islamischer Blüte unter der Herrschaft der Mauren. Die christliche Reconquista verfolgte die Juden und Moslems gnadenlos, vertrieb die Juden sogar hundert Jahre vor ihren maurischen Vettern. Just die Geschichte der Juden im Exil lehrt uns, die Situation im Nahen Osten als eine menschliche Katastrophe besonderer Art zu erkennen.

Und jene Strategien, via Merowinger Juden und Christen zusammenzuführen, scheinen den höchsten oder tiefsten Punkt der Katastrophe direkt anzusteuern.

Die besondere Akzentuierung seiner Frage läßt bei Laor die Neigung durchblicken, ein äonisches Schicksal am Werke zu sehen und vom Verfolger abzulenken auf die Verfolgten.

Konklusion: Wir Juden sind die Fremden, die an das Gestade dieser Welt geschwemmt wurden; so wird nun, wenn sich nur die Gelegenheit dazu bietet, der Versuch unternommen, uns auszurotten. Auf dieser grauenhaften Insel im Weltenmeer leben wir als Fremde, von einem fernen Stern hierher verschlagen (94).

Hedi Francesconi ist Psychologin und Psychoanalytikerin. Sie erkennt im Antisemitismus den von Freud entdeckten Ödipuskomplex wieder, der religionsgeschichtlich demnach nur im Christentum sich herausbilden konnte.

Durch die Besetzung des Vaters als Objekt wurde die Religion ihrer mütterlichen Wärme beraubt. Diese Frustration wurde im Christentum durch die Heiligung der mütterlichen Figur gemildert, was zur Auslösung des jüdisch-christlichen Konfliktes im Unbewußten führte. Sillmann (1949) stellte dazu fest, daß das Alte Testament als der erste große Feind des Menschen bezeichnet werden kann, "verbot es ihm doch die Masturbation, die Sodomie, die Anbetung von Götzen und die Ausübung magischer Gebräuche. Dies alles verneint das Alte Testament und lehrt dabei außerhalb des Selbst liegende Werte und göttliche Anbetung".
Zusammenfassend bedeutet der psychoanalytische Erklärungsansatz folgendes: Durch die Einführung des Monotheismus hat der Jude den Menschen nicht nur aus der engen Verbindung mit der Mutter vertrieben, sondern in ihm auch einen Richter aufgestellt, der ihn in der Bestrafung seiner ödipalen Wünsche verfolgt. Der Jude, der den Vater darstellt, weil er das väterliche Gebot absolut gesetzt hat, konnte daher zur Abreaktion des ödipalen Konfliktes und seiner Schuldängste gewählt werden. In der Adoleszenz, welche den Höhepunkt der ödipalen Krise und die Intensivierung des Narzißmus darstellt, verstärkt sich die ödipale Aggressivität durch homosexuelle Neigungen zum Vater und darüber hinaus durch ihre Ambivalenz. Das introjizierte, primitive Vaterbild wird in zwei Hälften geteilt: die Aggressivität gegenüber dem schlechten, strafenden Vater wird auf die Imago des Juden gelenkt und abreagiert, während die positiven Gefühle dem geliebten väterlichen Bild, d.h. Gott, dem Vaterland, dem Führer, dem Ideal erhalten bleiben. In diesem Zusammenhang weist Wangh (1962/63) darauf hin, daß die längere Abwesenheit der Väter während des Ersten Weltkrieges und die aufgrund dieser permanenten Streß-Situation überforderten Mütter eine gestörte Lösung des Ödipuskonfliktes und damit verbundene Fehlentwicklung des Überichs der nächsten Generation begünstigt haben (19f.).
"Als ethnische Störung bezeichnet Devereux eine psychische Störung, deren Form kulturell geprägt ist. Ethnische Störungen können in einer Gesellschaft eine solche Bedeutung und soziale Masse annehmen, daß sie bei den einzelnen Gesellschaftsmitgliedern in den Mittelpunkt des Interesses rücken. Ethnische Störungen sind vorgefertigte Modelle des Fehlverhaltens, die die Kultur ihren Mitgliedern anbietet, wenn diese psychische Leidenssituationen in gesellschaftlich akzeptierter Form ausdrücken wollen.
Eine Erklärung des Massenmordes an den Juden im Rahmen der Ethnopsychoanalyse würde demnach bedeuten, daß die damals propagierte pseudomoderne Kultur des Nazismus, die bloß in dem Versuch bestand, alle bisherigen Kulturwerte total umzukehren, ihren Mitgliedern Modelle des Fehlverhaltens angeboten hat, welche es zahlreichen Einzelindividuen erlaubte, ihre Leidenszustände unterschiedlicher Genese in gesellschaftlich anerkannter, konformer Art auszudrücken (21f.).
Simmel (1946) ordnet den Antisemitismus den sozialen Geisteskrankheiten zu und meint, daß sich der Einzelne im Rahmen dieser Massenpsychopathologie einen nicht unerheblichen Krankheitsgewinn verschaffe: "Sein Ich bläht sich auf, er fühlt sich überlegen, denn er gehört einer Gemeinschaft mit vermeintlich höheren Werten an, der Gemeinschaft der Nichtjuden." Der Antisemitismus eröffnet Personen, die infolge von lebensgeschichtlichen Traumen und Statuskrisen auf Ich-Autonomie verzichten und in die Massenbildung übergehen, eine Chance für straffreie Abfuhr aufgestauter Aggressionen gegenüber Minoritäten.
Kollektive Schuldbezeugungen über die Geschehnisse während des Zweiten Weltkrieges könnte man insofern auch als psychopathologische Massenphänomene bezeichnen, als gemeinsame Schuld ebenso wie gemeinsamer Haß Identifikationen fördert, die den Massengeist bilden. Dabei schrumpft das individuelle Ich unter einem kollektiven Überich-Druck zusammen; eine gefährliche Ich-Schwäche könnte die Folge davon sein, wobei das noch imagohafte Überich in Form unspezifischer Schuldgefühle eine Konkretisierung wünscht. Die schuldbeladene Masse könnte das imaginäre Überich in Form aggressiv-autoritärer Führungspersönlichkeiten zu personifizieren suchen, sofern sich diese nicht von selbst anbieten (23).

Dies sind eigentlich nur ein paar grundsätzliche theoretische Vorbemerkungen zu einer Untersuchung, die am Institut für Tiefenpsychologie und Psychotherapie der Universität Wien (Vorstand Univ. Prof. Dr. Hans Strotzka) durchgeführt wurde und sich weniger mit der Krankheit der Täter als mit den späten Leiden ihrer Opfer zu befassen hatte:

Hedi Francesconi, Extremtraumatisierung und ihre Folgen für die nächste Generation. Die psychischen Störungen der Nachkommen ehemaliger KZ-Häftlinge. Sensen-Verlag Wien 1983.

Hedi Francesconi, die ihre Untersuchung als freie wissenschaftliche Mitarbeiterin des Wiener Instituts realisierte, wird in einem Vorwort von Professor Strotzka als "selbst betroffen vom Schicksal, das sie hier wissenschaftlich untersucht" vorgestellt.

Die Gruppenuntersuchungen brachten Störungen vielfältiger Art zutage. Der Heilungsprozeß ist gleichsam ein Nebenertrag günstiger Zeit- und Lebensumstände über mehrere Generationen.

Was an dieser Studie so hoffnungsvoll stimmt, ist ihre Erkenntnis, daß Heilung möglich ist. Es ist nicht zuletzt die Autorin selbst, die diese Hoffnung, ja die Gewißheit vermittelt, ohne es doch so simpel auszudrücken. Gemeinsame Erkenntnis als eine Möglichkeit des Heils.

Mich hat nachdenklich gemacht, daß Familien, in denen die Mütter im KZ waren, eher zu gesunden scheinen, weil diese Frauen sehr viel Liebe und Verständnis für ihre Kinder aufbringen und sie zugleich, die Söhne besonders, zu aufrechtem Gang und Gerechtigkeit anhalten. Als ob die Frauen aus der Katastrophe seelisch stärker hervorgegangen sind als die Männer.

Eine wichtige Studie zum Verständnis der postfaschistischen Geschichte.

Die aggressiv-feindseligen Haltungen von seiten der Juden gegenüber Nicht-Juden werden dabei völlig außer Acht gelassen. Wäre nicht auch der reaktive, sich unreflektiert generalisierende Haß gegen die Deutschen als stereotypes Vorurteil einer Diskussion wert? (26):

Ein Zeugnis der Reife.

Indes bereitet sich neues Unheil vor in der Realität. Schon bei Wangh drängte sich der Schluß auf, um wieviel schlimmer die Familien-Folgeschäden nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen sein müssen, verglichen mit denen, die W. nach dem Ersten vorgefunden hatte.

So müßten die psychologischen Voraussetzungen für eine - jetzt eher autochthone als bloß eingebleute - Wiedererkrankung bereits heute gegeben sein. Denn, wie gesagt, dies wuchs einst nicht von unten.

Resignation ist die Mutter des Jüngsten Tags. Als die westdeutschen Kreuzritter die ostelbischen Bauern unterwarfen und versklavten, sie zu Leibeigenen und Hörigen machten, begann das Zeitalter der Konzentrationslager in Preußen.

Und die falsche Fragestellung macht aus dem Frieden einen konterrevolutionären Fetisch. Wem aber gehört Jerusalem?

Das große zeitgeschichtliche Werk von Léon Poliakov und Joseph Wulf bringt uns mit Namen in Berührung, die bis in den heutigen politischen Alltag hineinreichen. Man wird darauf ebenso ständig zurückgreifen können wie auf Robert Wistrichs Who's Who.

In machtvolle oder doch äußerst einflußreiche Hintergründe der schweren Auseinandersetzungen im mittel-nah-östlichen und nordafrikanischen Raum weiht uns ein Journalist ein, dem es gelang, bis in die geheimen politisch-religiösen Zentren der Moslembruderschaft vorzudringen:

Wilhelm Dietl, Heiliger Krieg für Allah. Als Augenzeuge bei den geheimen Kommandos des Islam. Kindler Verlag GmbH, München 1983.

Der Versuch, dem Islam seine alte Kraft wiederzugeben, ist ein Phänomen der jüngsten Vergangenheit. Die Re-Islamisierung hat die Völker und Untergrundbewegungen des Nahen und Mittleren Ostens seit dem Ende der Kolonialära und seit dem Abklingen des arabischen Nationalismus verstärkt erfaßt. Im Laufe der Geschichte gab es immer wieder mahnende Rufer in der Wüste, die eine Reform des Islam forderten. Sie wollten nie eine Anpassung an westliche Verhältnisse oder an veränderte Zeitumstände, sondern zurück zu den Wurzeln des Glaubens, zurück zum Ur-Islam. Für dieses Ziel war und ist ihnen jedes Mittel recht, von der Überzeugung durch das Wort bis zum Heiligen Krieg mit der Waffe (36).

Dieser Heilige Krieg scheint vor allem eine innerislamische Angelegenheit zu sein, wobei die Abwehr direkter oder indirekter westlicher Einflußnahme eine nicht geringe Rolle spielen mag.

Bhutto mußte... der Forderung der strenggläubigen Fundamentalisten nachgeben und die Anhänger der Ahmadiya-Bewegung im Islam, einer friedliebenden, missionarisch tätigen Sekte, per Parlamentsabstimmung zur nichtmuslimischen Minderheit erklären, also exkommunizieren. Parallelen zur Verfolgung der Bahai-Minderheit im Iran des Imam Khomeini bieten sich an.
Ich befragte einen hohen Repräsentanten der verbotenen Jamaat-i Islami Pakistan, des Pendants zur Moslembruderschaft, der heute die Islamic Foundation in Leicester/England leitet, über die Hintergründe der Beseitigung von Pakistans Ahmadiya.
Khurram Murad: "Mirza Gulam Ahmad, ein Inder, hat sich selbst zum Propheten erklärt. Nach unserer grundlegenden Doktrin war aber Mohammed, Friede sei mit ihm, der letzte aller Propheten. Nach ihm kann gar kein Prophet mehr kommen. Wenn dieser Ahmad nun ein wahrer Prophet gewesen wäre, dann wären wir keine Muslime. Dann würden wir nämlich an keinen wahren Propheten glauben. Wenn er ein falscher Prophet gewesen war, dann dürfen seine Anhänger keine Muslime sein. Wir konnten damals nicht als Teile desselben Körpers leben." (389).
Die dicken Mauern, die drei Minarette, der von zwei Kuppeln gekrönte Innenraum stammen aus dem zehnten Jahrhundert. Damals ist die Entscheidung gefallen, das geistige Zentrum der islamischen Welt nicht im heißen Mekka zu errichten, sondern in Kairo. Seitdem ist Al Azhar, Die Blühende, der Vatikan des Islam.
Für die Sunniten gilt Al Azhar als höchste Glaubensinstanz und Lehrautorität. Aber auch die Schiiten verschließen sich nicht ganz den Aussagen der Gelehrten vom Nil. Es existieren alte Bindungen aus den Tagen der schiitischen Fatimiden-Dynastie, aber auch Kontakte aus der jüngeren Geschichte. Nur Imam Khomeini paßt das Wirken der ägyptischen Glaubenswächter nicht in sein Konzept. Er setzt die Azhar mit der verhaßten Kairoer Regierung gleich. Für Khomeini ist dieses überkonfessionelle islamische Weltzentrum damit untragbar. Er vertraut lieber auf seine eigenen Schulungs- und Glaubenszentren in der heiligen Stadt Ghom (147).
Ben Bella ("Ich bin kein Sozialist mehr und weiß nicht einmal, was das bedeutet.") in einem Gespräch mit der französischen Zeitschrift Jeune Afrique über das heutige Algerien: "Wir leben in einer Situation, die vergleichbar ist mit dem Iran vor dem Sturz des Schahs. Das Volk wird (nach meiner Rückkehr) entscheiden, ob meine Wahrheit oder die der anderen besser ist. Durch freie Wahlen für alle Formationen, für alle Strömungen... Sterben? Das gehört mit zu den Risiken, vor allem wenn man die Natur von jenen kennt, die heute Algerien regieren. Aber ich habe das Exil gewählt, um sprechen zu können. Ich bin ein Militanter, kein Rentner. Wenn ich mich zurückhalten würde, wäre ich eine Leiche."
Wie militant Ben Bella heute ist, zeigte er spätestens mit seinem Nachruf auf die Sadat-Attentäter: "Allah möge ihnen seine Gnade zuteil werden lassen und ihnen barmherzig sein. Ihr Blut wurde ungerechterweise auf dieser Erde verschüttet. Wird das jemals vergeben werden?" (249f.).
Am Ostersonntag 1982, gegen 8.15 Uhr, verließ der 38jährige bärtige Allan Harry Goodman sein einfaches Hotel im Jerusalemer Viertel Beit-Hakerem. Er trug eine grüne Uniform der israelischen Armee, ein schwarzes M-16-Schnellfeuergewehr mit sechs vollen Magazinen, eines davon in der Waffe, sowie eine Umhängetasche mit der Werbeaufschrift der Firma Magen Schwartz. Der 1977 aus dem amerikanischen Baltimore Eingewanderte leistete seit vier Wochen den verkürzten Wehrdienst ab, weshalb sein Gepäck nicht weiter auffiel. Nur der seltsam klingende Abschiedssatz erstaunte die an der Reception Beschäftigten: "Ich werde wohl so bald nicht wiederkommen." Allan Harry Goodman, bekannt als Araberhasser, fuhr mit dem Linienbus in die Jerusalemer Altstadt. Zielstrebig marschierte er in Richtung Tempelberg, mißachtete am Ghawanima-Tor das Verbot, im Bereich der Aksa-Moschee, dem drittgrößten Heiligtum des Islam, Schußwaffen zu tragen.
Was dann um 8.50 Uhr geschah, bezeichnete Allan Harry Goodman später als "politisch-patriotische Tat". Der fanatische Anhänger des ultrareligiösen amerikanisch-israelischen Rabbiners Meir Kahane und seiner Jüdischen Verteidigungsliga beziehungsweise Kach (Parole: "Wir oder die Araber") schoß sich den Weg zum Felsendom frei, dem von einer goldenen Kuppel gekrönten Wahrzeichen Jerusalems. Ein Frevel ohnegleichen, denn an dieser Stelle, am mythisch-biblischen Berg Moria, soll Abraham der Überlieferung nach seinen Sohn Isaak zur Opferstelle geführt haben. Hier baute Salomon seinen Tempel, das Haus des Herrn. Die Muslime glauben, daß ihr Prophet Mohammed ein Jahr vor seiner Auswanderung nach Medina in mysteriöser Weise des Nachts von der Kaaba in Mekka nach Jerusalem - für sie Al Kuds - kam, um mit seinem Pferd Burak in den Himmel aufzusteigen und dort eine Offenbarung Allahs entgegenzunehmen (161f.).

Wem gehört Jerusalem?

Monsignore John Oesterreicher schrieb in einem offenen Brief an König Hussein von Jordanien:

Das heutige Jerusalem ist keine Stadt in Gefangenschaft. Es ist so frei wie nie zuvor. Wer in diesen letzten vier Jahren durch seine Straßen gegangen ist, muß wie ich gespürt haben, daß er die Atmosphäre der Heiligkeit, von Gottes spezieller Gegenwart atmen durfte. Er muß empfunden haben, daß es eine Stadt auf der Suche nach Frieden ist und nicht eine, die sich Streit und Haß verschrieben hat... Nein, ich kann König Hussein nicht darin zustimmen, daß Jordanien oder die arabische Welt der rechtmäßige Eigentümer der Stadt sei. Von der Bibel her gesehen ist es Gottes Stadt, wie das Land Gottes Land ist. Die Menschen sind nur Pächter.

Ich entnahm diese Zeilen einer interessanten Bestandsaufnahme: Terence Prittie, Wem gehört Jerusalem? Aus dem Englischen übersetzt von Ruth Achlama. Verlagsgemeinschaft Klett-Cotta, Stuttgart 1982. Titel der Originalausgabe: Whose Jerusalem? im Verlag Frederick Muller Ltd., London 1981.

Aus allem läßt sich herauslesen, daß die Bevölkerung natürlich Frieden haben möchte, aber das zählt in diesen Tagen nicht. Die offiziellen Vertreter der christlichen Kirchen, der Äthiopisch-Orthodoxen, der Katholischen und Armenischen, der Griechisch-Orthodoxen und der Protestantischen Kirchen, ja selbst die örtlichen islamischen Würdenträger scheinen die israelische Oberhoheit zu begrüßen oder mindestens zu schätzen. Aber über den Frieden in der Heiligen Stadt wird letzten Endes nicht in Jerusalem entschieden.

Die wohl bedauerlichste Häufung von Vorfällen ereignete sich allerdings Ende 1979 und Anfang 1980. So erhielt der Sekretär der russisch-orthodoxen Kirche an Weihnachten 1979 mehrere Drohbriefe; ein jüdischer Jugendlicher brach in das christliche Informationsbüro am Jaffa-Tor ein und begann, dessen Schriften zu verbrennen; kleinere Angriffe richteten sich gegen die Dormitionskirche und das Baptistenhaus; in einigen Fällen wurden Priester auf der Straße angepöbelt oder angespuckt; das Hauptgebäude der Bibelgesellschaft wurde mit Hakenkreuzen und Parolen wie "Schweine und Nazis, geht heim!" beschmiert; im Januar 1980 drangen Plünderer in den bescheidenen Bibelladen von Charles Cope ein. Die städtischen Behörden schätzten den bis dahin an kirchlichem Eigentum entstandenen Schaden auf über 30.000 Dollar (damals DM 55.000). Am 11. Februar kam Charles Copes Laden ein zweites Mal an die Reihe, diesmal mit einem Brandstiftungsversuch. - Am 1. Februar richteten christliche Führungspersönlichkeiten einen formellen Protest an den Ministerpräsidenten Menachem Begin. Die städtischen Dienststellen unternahmen inzwischen zweierlei: Sie machten sich an die Ausbesserung aller an Kirchengut angerichteten Schäden und leiteten ihre eigenen Ermittlungen über die Ursprünge dieser Gewaltwelle ein. Dabei stellte sich heraus, daß die Angriffe von einer winzigen Minderheit religiöser jüdischer Fanatiker ausgingen, die sich insbesondere aus der Kach-Gruppe des Rabbiners Meir Kahane rekrutierten. Die Stadtverwaltung war entschlossen, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, und Begin versprach - mit leichter Verspätung - am 4. Februar, sich an den Bemühungen zu beteiligen. Die Kach-Gruppe gab ihre Angriffe gegen christliche "Götzenbilder" offen zu, während eine andere Organisation, die sich Jad Leachim nannte, Handzettel verteilte, in denen sie zum "Krieg gegen die Missionare" aufrief, obwohl sie sich von den Eigentumsdelikten distanzierte. Es wurde eine polizeiliche Großfahndung unter Leitung eines speziell dafür ernannten höheren Polizeioffiziers eingeleitet, um die Übeltäter dingfest zu machen.
Ein Nebenprodukt dieser gehäuften Übergriffe war die Abfassung und diskrete Verbreitung eines sechsseitigen Dokuments, das offensichtlich von römisch-katholischen und protestantischen Geistlichen in Jerusalem stammte, die neue internationale Garantien für die christlichen Kirchen in Israel forderten. Das Schriftstück, das die ungewisse und unsichere Situation der Christen in Jerusalem betonte, provozierte das israelische Außenministerium zu einer scharfen Stellungnahme, in der dieses die Geistlichen beschuldigte, sie "versuchten, die Vandalismuswelle für ihre Zwecke auszunützen" (139f.).

Das stern-Buch von Wibke Bruhns und Amos Schliack, Mein Jerusalem; Verlag Gruner und Jahr, Hamburg 1982, ist dagegen eines von der peinlichen Sorte, die man selbst auf deutschem Markte bald wieder vergessen kann, solange hier auch noch Autoren wie Prittie, Wulf, Poliakov und de Mendelssohn, Francesconi und Wistrich zu Worte kommen.

Ich weiß nicht, schreibt sie (während Amos Schliack fotografierte), wann wer einen Bart zu tragen hat und wann nicht. Ich weiß auch nicht, wann es ein Filzhut, wann ein Samthut, wann eine Art Homburger sein muß, deren Träger bei aller Frömmigkeit häufig aussehen wie die jüngeren Brüder von Al Capone. Mal gibt es lange Hosen, mal Kaftane mit Schärpe, mal weiße Strümpfe. Ich weiß nur, daß alles seine Bedeutung hat je nach Rabbi, Herkunft und unterschiedlich ostjüdischer Tradition. Am Sabbat, das weiß ich, sind die Seidenmäntel dran, altrosa, weiß zu Yom Kippur, und die Pelzhüte trotz sengender Sonne (23).

Noch eine Kostprobe von Wibkes deutschem Blick:

Karfreitag (West) schiebt und drängelt es sich durch die Via Dolorosa. Jede Gruppe hat ihr eigenes Kreuz, ihre eigenen Lieder. Texte in allen Sprachen an den Stationen des Leidensweges. Fluchende moslemische Händler rächen die Trümmer ihrer Keramik-Auslagen mit Fußtritten in christliche Hintern. Karfreitag (Ost) wird von den Griechinnen bestimmt. Etwa sechstausend Uralt-Weiblein, alle einsfünfzig hoch, schwarze Kleider, schwarze Kopftücher, Klappstühlchen überm Arm, heulen und jammern durch die Gassen. Tränen, Kerzen, Klageschreie. Kommt ein Kreuz des Wegs, an dem man mit seinem Taschentuch ein bißchen reiben kann, wird geboxt und gebissen. Keifen und Fluchen um den günstigsten Zugang. Ist das Kreuz vorbei, geht die tränenerstickte Trauer weiter (161).

Und Amos Schliacks Kamera hat den gleichen Stechblick in die verborgenen Winkel menschlicher Hilflosigkeit sich angenommen. Dabei haben sie beide nicht einmal die Oberfläche erfaßt.

Mahatma Gandhi:

Auf der ganzen Welt ist es der Stadtbewohner, der für den Krieg verantwortlich ist, niemals der Dorfbewohner.
Man kann Gewaltlosigkeit nicht in einer industrialisierten Gesellschaft aufbauen, wohl aber in autarken Dorfgemeinschaften. Nach meiner Beobachtung schließt die dörfliche Wirtschaft Ausbeutung aus.
Ausbeutung ist die Quintessenz der Gewalt. Wir müssen daher zuerst eine ländliche Gesinnung annehmen, dann erst können wir Gewaltlosigkeit üben.

Diese Abirrung verdankt sich einer Frau, der Tochter eines britischen Admirals und Oberkommandierenden der indischen Flottenbasis, Freundin von Romain Rolland und Beethoven-Liebhaberin. Von ihr erschienen, wiederum beim Wiener Sensen-Verlag: Gedanken von Mahatma Gandhi, ausgewählt von Mira behn; Wien 1983 (4. Auflage; 1. Auflage: 1974). Originaltitel: The Thought of Mahatma Gandhi. Und: Mira behn (Madeleine Slade), An der Seite des Mahatma. Im engsten Kreise Gandhis. Wien 1983 (2. Auflage; 1. Auflage: 1970). Aus dem Englischen übertragen von Harald Gardos. Titel des Originals: The Spirit's Pilgrimage, 1960.

Herkommen, Freundschaften, Neigungen und eine gewisse spirituelle Kondition führten Mira behn, wie Madeleine Slade später in Indien sich nennt, in die unmittelbare Nähe Gandhis.

Sie hatte die französische Sprache erlernt, eigens, um sich mit Romain Rolland über Beethoven unterhalten zu können. Rollands Buch Mahatma Gandhi wurde soeben gedruckt. Sie las es dann "ohne Unterbrechung vom Anfang bis zum Ende". Mira behn schreibt:

Und mit einem Male erkannte ich meine Aufgabe: Ich mußte nach Indien gehen, zu dem Mahatma und seinem Anliegen der Gewaltlosigkeit, das, wohl auf Indien bezogen, für die gesamte Menschheit Geltung besaß. Ich erwog nicht das Für und Wider, nur eines zählte: Ich war berufen.

Jetzt war es an ihr,

spinnen und weben zu lernen, Vegetarierin und Antialkoholikerin zu werden, mit gekreuzten Beinen auf dem Fußboden zu sitzen und in dieser Haltung zu schlafen...

Gandhi hatte einen einundzwanzigtägigen Hungerstreik begonnen, den sie mit ihren Gebeten begleitete und "dessen Ziel die Einigung von Hindus und Moslems bildete".

Schließlich brach der Mahatma seinen Streik "erfolgreich" ab.

Meine Freude war so unbeschreiblich, daß ich unverzüglich zwanzig Pfund sandte, begleitet von einem Brief...

Gandhi antwortet ihr auf einer Postkarte:

In der Bahn am 21.Dezember 1924. Teure Freundin! ... Herzlichen Dank für die 20 Pfund. Sie werden dazu verwendet, das Spinnrad zu verbreiten... Sollten Sie nach eines Jahres Prüfung noch immer die Berufung fühlen, werden Sie wohl daran tun, nach Indien zu kommen. Mit Hochachtung M.K.Gandhi.

Am 24.Juli 1925:

Teure Freundin!... Die von Ihnen gesendeten Wollproben sind von ausgezeichneter Qualität...

Alles selbst gesponnen. Im Oktober fuhr sie.

Sie lernte Hindustanisch, nahm am Leben vieler Ashrams teil, die hier als soziale Modelle, als Laboratorien kollektiver Projekte beschrieben werden.

Gandhis Hauptaugenmerk richtet sich darauf, experimentell herauszufinden, wie tief das menschliche Existenzminimum noch zu senken sei.

Am liebsten würde er den Armen auch das letzte Stückchen Fleisch vergällen und das Kochen der Speisen abschaffen, weil die Küchenarbeit so viel Zeit in Anspruch nehme.

Er erprobt es zuerst an sich. Seine Rohkostmahlzeiten machen ihn immer wieder krank bis zur Bettlägerigkeit.

Gandhis Lebensweise ist kein elementar praktizierter Existentialismus, sondern buchstäblich modellhafte Askese, alles zu dem ordinären Zweck, das sogenannte Nahrungsmittelproblem (das ja keines ist, wenn nicht ein Problem der Verteilung) per Erziehung zu Bedürfnislosigkeit zu lösen.

Daß die Gewaltlosigkeit, als Prinzip in die Hirne gesät und ins Herz, nicht nur der britischen Kolonialmacht recht sein mußte, sondern der indischen Bevölkerung viel Blutvergießen erspart hat, ist ebenso wahr, wie es aber doch nur eine sympathische Begleiterscheinung einer genialen Kontinentalpolitik war.

Die angestrebte Versöhnung mit dem Islam, dessen offensive Ausbreitung einer schärferen Konturierung und Strukturierung des Landes beihelfen konnte, lag auf derselben Linie einer Stillegung und Neutralisierung sozialrevolutionärer Kräfte.

Die Maschine hat ihren Platz in der Welt: sie ist nun einmal endgültig da. Doch darf sie niemals dafür eingesetzt werden, gute menschliche Arbeit zu verdrängen.

So Gandhi.

Khadi - Handgesponnenes - gibt allen, die industrielle Stoffproduktion gibt einer begrenzten Zahl von Menschen Arbeit und nimmt vielen ihre ehrliche Beschäftigung. Khadi - Handgesponnenes - dient den Massen, Industrieproduktion soll den Klassen dienen. Khadi dient der Arbeit, die industrielle Produktion beutet sie aus.

Rolf Schütt hat in seinem etwas verunglückten Mini-Wörterbuch - Rolf F.Schütt, Philosophisches Mini-Wörterbuch für den Heimdenker: über 200 der gebräuchlichsten philosophischen Fachausdrücke und bedeutendsten Berufsdenker mit zahlreichen Querverweisen. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1984 - vielleicht verdeckte Einwirkungen Hannah Arendts auf das Werk Heideggers suggeriert (Heidegger selbst freilich nannte sie 1950 einmal die Muse seines Werkes, ein doppelbödiges Kompliment angesichts des Werks und seiner biographischen Umstände).

Schütts Verweis auf Heidegger-Nachlässe beim antiautoritären Herbert Marcuse erscheint mir dagegen sinnvoll.

In Hannah Arendts letztem, posthum erschienenen Werk - Hannah Arendt, Vom Leben des Geistes. Band 1: Das Denken; Band 2: Das Wollen. R.Piper & Co.Verlag, München-Zürich 1979 - nach Heideggers Geist zu suchen, bedarf einer größeren Mühe kaum.

Das Platonische Staunen, dieses ursprüngliche Erschrecken, das den Philosophen auf den Weg schickt, erstand in der Gegenwart neu, als Heidegger 1929 eine Vorlesung mit dem Titel Was ist Metaphysik? mit den... Worten schloß: "Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?", was er die "Grundfrage der Metaphysik" nannte. - Die Frage, die das Erschrecken des Philosophen modern formuliert... (Denken, 146).

Das Erschrecken über den Philosophen und seine Frage findet keine Worte. Die Kollegialität des Bösen ist nicht banal.

kuckuck 43/44/45
1984, Frühjahr/Sommer/Herbst

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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