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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1983-00-00
Langsam müde werden, ein Opfer der Wiederholungen.
Die ganze Geschichte noch einmal hervorkramen, diesen Umweg, den ich bereits hinter mir glaubte, als ich mit dem kuckuck anfing, 1973.
Erleichtert immerhin, seit ich mit Knapp Birch auf Burke zurückführen kann.
Und schwerer, mich noch an einer Sache festzuhalten, die mich schon langweilt, machen es mir auch zwei Bücher nicht:
Lawrence P. McDonald (Hrsg.): Der Krieg im Frieden. Die Strategie des sowjetischen Friedenskampfes gegen die USA. Eine Studie von Western Goals. Titel der Originalausgabe: The War Called Peace - The Soviet Peace Offensive. Copyright by Western Goals, Alexandria, Virginia/USA 1982. Aus dem Amerikanischen von Christiane Hearne. Seewald Verlag Dr. Heinrich Seewald GmbH & Co., Stuttgart-Degerloch 1983.
Rainer Dohse: Der Dritte Weg. Neutralitätsbestrebungen in Westdeutschland zwischen 1945 und 1955. Holsten Verlag, Hamburg 1974.
Jede Kriegführung basiert auf Täuschung. Deshalb sollen die Fähigen Unfähigkeit vortäuschen, und die Aktiven sollen Trägheit zeigen. Locke den Feind mit einem Köder an... Wenn seine Truppen sich zusammenziehen, bereite dich gegen ihn vor; vermeide seine starken Positionen.
Mache den General des Feindes wütend und verwirre ihn. Täusche Unterlegenheit vor und ermutige seine Arroganz... Wenn der Feind geeint ist, sorge für Spaltung. Im Krieg ist es im allgemeinen das klügste Verfahren, ein Land unversehrt einzunehmen... Den Feind ohne offenen Kampf zu bezwingen, ist der Gipfel der Kriegskunst. Deshalb ist es im Krieg von höchster Wichtigkeit, die Strategie des Feindes zum Angriffspunkt zu machen!
(Die Kunst des Krieges von dem chinesischen Militärstrategen Sun-Tzu, 6. Jhdt. v. Chr., nach der englischen Übersetzung The Art of War von S.B. Griffith, Oxford University Press, 1973. Zitat bei Donald, S.19f.)
Die Western-Goals-Studie hat den großen Vorzug, daß sie ohne Wenn und Aber ausspricht, wen sie hinter der Friedensbewegung als Veranlasser ausgemacht hat, für welche Interessen und zu wessen Nutzen die Friedensbewegung in Gang gesetzt worden sei.
Darin gleicht die Studie dem Urteil Erich Knapps: auch für ihn gibt's keine Zweifel mehr.
Nur daß er eben keine sowjetischen, sondern anglo-amerikanische Strategen im tiefen Hintergrunde sieht.
Western Goals und Erich Knapp muß man zusammenlesen, da wird einem klar:
KGB ist ein Instrument von CIA zur Unterdrückung der Sowjetunion und zur Steuerung der antiamerikanischen Friedensbewegung in der Welt.
Die Strategie des sowjetischen Friedenskampfes ist eine Strategie der USA gegen sich selbst.
Dennoch, ernsthaft, hat Erich Knapp recht, wenn er in die heutigen Auseinandersetzungen den Namen Edmund Burke (Betrachtungen über die französische Revolution) einbringt und zur europäischen Interessenkonstellation die britische Hochfinanz erinnert.
Der Herausgeber der Western-Studie lebt nicht mehr.
Der Arzt und Kongreßabgeordnete der Demokratischen Partei Dr. Lawrence Patton McDonald aus Georgia leitete die Stiftung als ihr Präsident bis zu seinem tragischen Tod durch den Abschuß des koreanischen Verkehrsflugzeugs zwischen Sachalin und Japan am 1.9.1983.
Dem Präsidenten stehen für diese Arbeit führende Politiker, hochrangige Militärs, Journalisten und andere Persönlichkeiten des öffentlichen und des wirtschaftlichen Lebens aus allen Teilen der USA zur Verfügung,
heißt es in einem Vorwort (Zu diesem Buch) für die deutschsprachige Ausgabe von Professor Dr. jur. Hans Werner Bracht, dem Präsidenten des Instituts für amerikanisch-europäische strategische Forschungen in 4920 Lemgo, Bundesrepublik Deutschland; Western Goals Europe e.V.,
über das Institut für amerikanisch-europäische strategische Forschungen (American-European Strategy Research Institute) mit der Stiftung verbunden.
Erst jüngst stellte die Internationale Zivilluftfahrt-Organisation als endgültig fest, daß es sich bei dem Flug über sowjetisches Hoheitsgebiet um keinen Spionageakt gehandelt habe.
Nun finde ich allerdings, daß die Anwesenheit McDonalds unter den "Jumbo"-Passagieren den Sowjets ein Indiz für die Gegenbehauptung liefert, es sei eben doch ein bißchen Spionage mit im Spiel gewesen.
Wenn also die Friedensbewegung ein Instrument der sowjetischen Politik ist, so wurde die Western-Goals-Studie zu einer ihrer propagandistischen Glanzleistungen.
Denn da steht alles so drin, wie der Bilderbuch-Antikommunist sich den Bilderbuch-Sowjetismus eh schon immer vorgestellt hat: lange Listen von Friedensorganisationen und dergleichen, Namen von Hänsel und Gretl bis Max Petra Bastian und Gert Kelly Moritzen, Adressen über Adressen, alles Tarnorganisationen des Kreml beziehungsweise seine täuschenden Töchter und Söhne in aller Welt, vor allem aber in den USA.
Viel anfangen können wir damit sowieso nicht.
Da lacht sich Erich Knapp ins Fäustchen. Denn so, wie die es beschreiben, ist es nicht, das weiß er, wie er natürlich auch weiß, daß es so, wie er es beschrieben hat, ebenfalls nicht ist.
Beide Positionen spielen die Anti-Supermacht aus.
Und beide scheinen mir, was die Wirkung ihrer Propaganda betrifft, durchaus nicht denen zu nützen, denen zu nützen sie vorgeben, nicht denen zu schaden, die sie als Hauptziel ihrer Angriffe sich jeweils ausgesucht haben.
Interessen-Konvergenzen bleiben nämlich völlig außer Betracht.
Die Stiftung Western Goals will Fehlentwicklungen amerikanischer Weltpolitik und ihre weitreichenden Auswirkungen korrigieren helfen und gleichzeitig mit dazu beitragen, auf der Grundlage traditioneller westlicher Werte in Kultur, Wirtschaft und Politik die westliche Welt gegen jeden Totalitarismus zu festigen.
Das liest sich - bei Bracht, Deutschland - ziemlich unamerikanisch, obwohl er sich
mit der vorliegenden deutschen Übersetzung einer Untersuchung, die im wesentlichen mit auf den politisch-parlamentarischen und praktischen Erfahrungen des Kongreßabgeordneten John Ashbrook beruht, der lange Jahre in den Kongreßausschüssen für unamerikanische Umtriebe, für Innere Sicherheit und für Abwehr aktiv tätig war,
auf politische Kräfte beruft, die mit der Ära McCarthy eng verbunden waren.
Was wiederum ins Bilderbuch paßt, wonach Kritiker der Friedensbewegung und gar auch der Sowjetunion natürlich nur amerikanische Reaktionäre und ihre Stützpunkthalter in der Bundesrepublik Deutschland sein können.
Der Goals-Ableger in Lemgo/Lippe darf sich getrost mit auf die Liste der sowjetischen Tarnorganisationen setzen, glaubwürdig, durchaus.
Daß die Friedensbewegung eine Kriegsbewegung sei, Erich Knapp erinnert sich, war in der Tat in Studien von Zeitfragen zu lesen, wenn auch nicht im Sommer 81, so doch zum Jahresende in der Nummer 15/81; der Verfasser war nicht Erich Knapp, auch nicht Sam Wonder, sondern Horst Lummert, den Arno Klönne um ein Statement gebeten hatte.
Geschrieben am 18.11.81 (vor dem Militärputsch in Polen) und nachgedruckt in kuckuck 33/34 (Implikationen der sogenannten Friedensbewegung).
Da ist vor allem vom nazistischen Untergrund der deutschen Friedenskriegsbewegung die Rede.
Es ist das eigentlich Interessante an der Auseinandersetzung mit Erich Knapp, daß dieses heiße Element in der neuen Europapolitik ständig umgangen wird.
Ja, auch von Erich Knapp - apropos Kriegsbewegung - erschien ein Beitrag in Klönnes Studien - allerdings erst im Mai 1982, und er hatte ganz offensichtlich die Funktion, bei gleichzeitiger Autorenumarmung meine Thesen wieder zuzudecken.
Als ob er sich darauf kapriziert hat: kommt das leidige Thema irgendwo zur Sprache, mischt Knapp seine Karten und deckt die Geschichte fein säuberlich ab, über alles andere können wir gern reden.
Da wird er fickrig bis zum Aktenvermerk im Bundespresseamt (vgl. kuckuck 42a-d), da erzählt er - quer zum Tatsachenbericht Lenin/Ludendorff - ein Märchen vom Trotzki mit dem US-Taler (in diesem Heft).
Seine Konspirationstheorien reichen vom 18. Jahrhundert ins bundespolitische Blattgrün, sobald ein anderes Lüftchen die Reiser bewegt.
Aber preußendeutsch-sowjetischer Schulterschluß als Friedensbewegung, was denken Sie sich!
Auch die in diesem Heft dokumentierte Duckwitz-Geschichte aus Ulrich Keitels Frankfurter Korrespondenz hat bereits ihre Geschichte. Sie erschien - zusammen mit etlichen Knapp-Beiträgen - in München 1970 beim Verlag Rolf Seeliger (Bonns Graue Eminenzen) - gekürzt um eben die lange und wichtigste Passage, die auf das Ludendorff-Lenin-Komplott hinweist.
Im übrigen sollte Duckwitzens - historisch gesicherte und international gewürdigte - Rettungstat an den dänischen Juden nicht in politisch motivierte Zweifel gezogen werden.
Duckwitz wurde von Knapp und anderen aus dem einfachen Grund angegriffen, daß er mit seiner "befremdlichen Rede" den Außenamtlern ein Zeichen gegeben, ein bilaterales Geheimnis verraten hatte: Ihr könnt ganz beruhigt sein, die neue Ostpolitik ist unsre altbewährte preußendeutsche Rußlandpolitik. Der Brandt ist dafür der richtige Mann. Die Wiederverpreußung der Bonner Politik, der Duckwitz hatte es ausgeplaudert.
Die sogenannte Friedensbewegung ist in der Bundesrepublik eng verknüpft mit Neutralitätsbestrebungen, wie sie seit vielen Jahren die offizielle Bonner Politik begleiten. Sie gingen von verschiedenen - linken und rechten - politischen Gruppierungen aus, von Sozialdemokraten, Christen und Pazifisten, schließlich von Nationalsozialisten. "Linke" Romantiker sehen sich einer zielstrebigen, rechten, latent faschistoiden Realpolitik gegenüber.
Tatsächlich hat die Neutralismus-Bewegung erst in der Friedensbewegung, die in ihrer großen Mehrzahl sich aus undogmatisch linken, friedfertigen, politisch eher grundsatzlosen, verträumt fundamentalistischen, religiösen Idealisten zusammensetzt, eine propagandistisch und schließlich politisch wirksame gesellschaftliche Breite gewonnen.
Die treibende Minderheit jedoch ist weder friedfertig, noch verträumt, noch undogmatisch, noch links, sondern extrem nationalistisch.
Rainer Dohse beschränkt sich in seinem Buch auf die Zeit bis 1955.
Damals war die spätere Entwicklung nicht nur keimhaft angelegt, vielmehr standen ihr kontinentalpolitische Hindernisse im Wege, die erst mit der Neuen Ostpolitik allmählich beseitigt worden sind oder noch beseitigt werden; und es versteht sich aus der Natur der Sache, daß diese "neue" Politik im Rahmen des veränderten westalliierten Europa-Dialogs mit der Sowjetunion sich erst entfalten konnte.
Ein starkes Interesse an einer Neutralisierung, einer Entblockung Europas auf seiten der osteuropäischen Bündnispartner der Sowjetunion kommt der Politik eines Dritten Weges zweifellos entgegen.
Der Neutralitätsgedanke trägt in Europa viele Akzente, die selbst da, wo sie realpolitisch artikuliert sind, meist wenig miteinander gemein haben.
Wie es sich inzwischen als ratsam erwiesen hat, hinter der ökologischen Welle das ökonomische Interesse zu suchen, so läßt sich ohne große Mühe unterm Frieden die Kriegslist, in der Neutralität eine staats- und wirtschaftspolitische Entscheidungsfrage entdecken.
Rainer Dohses Verdienst ist es, in den organisierten Neutralitätsbemühungen hierzulande die ausschlaggebende Rolle Wolf Schenkes hervorgehoben zu haben, obwohl an Schenke das Unauffällige das eigentlich Auffällige ist.
Wolf Schenke ist ein eher zurückhaltender, bescheiden wirkender, mit leiser Stimme sprechender, freundlicher Mann, dem beinahe etwas Chinesisches anhaftet, was aber weniger eine Folge als eine Voraussetzung seiner langjährigen Tätigkeit in China gewesen sein mag.
Aber Schenke weiß, was er will, er hat Geduld und scheint auch immer viel Zeit gehabt zu haben.
Seine bemerkenswert ungeschickte, ja auch unkluge Verdrängung des NS-Schenke, der ja eben nicht der kritische Fernost-Beobachter war, als den Schenke sich heute ausgibt, hat sicherlich in starkem Maße zu dem Mißtrauen beigetragen, das der auf den ersten Blick sympathisch wirkende und vertrauenerweckende Mann immer wieder hervorruft.
Er hätte sich, wär's ihm nur ernst, doch längst mühelos von dieser Vergangenheit lossagen können, schon seiner damaligen Jugendlichkeit wegen.
Ich meine, mag er sich auch noch anderswo herumgetrieben haben als nur im Fernen Osten, so vielleicht im Nahen, in Syrien, in Palästina, wer weiß, andere haben das auch getan und irgendwann alle Karten offen auf den Tisch gelegt.
Aber Schenke tritt heute jungen Menschen so entgegen, daß sie anfangs glauben mögen, der Mann sei in den dreißiger Jahren aus Deutschland nach China emigriert, wo er zwar auch fürs Deutsche Nachrichtenbüro arbeitete, aber imgrunde doch als Dissident des Faschismus das Kriegsende abwartete.
Das ist schon sehr ärgerlich, in Dohses Buch über den Neutralitäts-Schenke so viel, aber über den NS-Schenke so gut wie nichts zu erfahren.
Erst wenn man beides zusammentut, wird wirklich auch ein Schuh daraus.
Ich kann mir nicht denken, daß Dohse fürchten mußte, die Herausgabe seines Buches bei Schenkes Holsten unnötig zu erschweren, falls er auf der vollen Wahrheit bestand.
Denn zwischendurch schreibt er auch Dinge über Schenke, die diesen, gewöhnlich aus dem Munde bzw. nach dem Urteil Dritter, als etwas unseriös erscheinen lassen.
Und gerade dies, nämlich unseriös in dem da suggerierten Sinne, ist Schenke nicht.
Im Gewühl der vielfarbigen Neutralisten-Szene verfolgte er stets einen eigenständigen Weg, als einer der wenigen, wenn nicht der einzige ernsthafte, ernstzunehmende Politiker, einer mit dem jahrzehntelangen Atem, der eine politisch junge Generation nach der anderen verleitet und hinter sich läßt.
Politisch überlebt er sie alle.
Man kann es als einen glücklichen Umstand bezeichnen, daß ihm die demagogische Begabung des großen Redners fehlt.
Sein Nimbus, in nationalistischen und neutralistischen Kreisen oft intern beschwichtigend wirksam, beruht auf Schenkes Verborgenheit und auf seinen Schriften.
Die Auguren kennen ihn genau, während die politische Bühnenöffentlichkeit nichts von ihm weiß.
Gerade weil Schenke kein Wichtigtuer ist, längst auch nicht mehr der, der er in jungen Jahren, etwa in seiner Zeit "an der gelben Front", sicherlich war, geht die allgemeine kritische Aufmerksamkeit an ihm vorbei.
Zum andern war es ein Merkmal Schenkescher Taktik, Dinge ins Leben zu rufen und sich gleich wieder von ihnen zurückzuziehen, wenn sie - als Organisationen, Projekte, Kongresse, Parteien - eine Eigenbewegung entwickelten.
So ging die rechte Schenke-Saat - meist in der Obhut halblinker Gartenromantik - scheinbar unter, in Wirklichkeit auf.
Im Laufe von so vielen Nachkriegsjahren konnte es da zu beachtlichen Wucherungen kommen.
Als sich Ende 1954 - damals standen die Pariser Verträge zur Lesung im Bundestag an - der Widerstand gegen eine einseitige Politik der Westbindung erneut belebte, schien sich Schenke eine letzte Gelegenheit zu bieten, um den Kurs der Bonner Politik zu beeinflussen.
Diesmal wandte er aber eine andere Taktik an: anstatt den frustrierenden Sammlungsbewegungen im außerparlamentarischen Raum einen weiteren Versuch hinzuzufügen, erprobte er den gezielten Vorstoß bei prominenten Vertretern des politischen Lebens, deren kritische Haltung gegenüber der Politik Adenauers bekannt war.
Auf sechs Reisen, die er im Januar und Februar 1955 unternahm, warb er für die Bildung eines überparteilichen politischen Kreises, der sich für einen befristeten Aufschub der Ratifizierung der Pariser Verträge und für eine neue Konzeption der deutschen Außenpolitik einsetzen sollte.
Durch Vermittlung einiger Freunde gelang es ihm, den früheren baden-württembergischen Ministerpräsidenten und FDP-Politiker Reinhold Maier für diesen Vorschlag zu gewinnen; Maier eignete sich besonders gut als Kristallisationskern eines inner- und außerparlamentarischen Protestes gegen die Pariser Verträge, da er für seine kritische Haltung gegenüber der Deutschland-Politik Adenauers weithin bekannt war.
Dem Kreis, der sich um ihn sammelte und der mehrfach zu Besprechungen zusammentrat, gehörten neben Schenke die SPD-Bundestagsabgeordneten Fritz Erler und Herbert Wehner sowie einige Bundestagsabgeordnete des BHE und der FDP an; weiter waren vertreten Gustav Heinemann, der ehemalige Danziger Senatspräsident Hermann Rauschning, Generaloberst a.D. Kurt Student, die Industriellen Heinrich Krumm und Richard Freudenberg.
An den Besprechungen waren auch drei Persönlichkeiten beteiligt, die im Dezember 1954 eine Erklärung gegen die Pariser Verträge unterzeichnet hatten: der Kölner Universitätsprofessor Johannes Hessen, Botschafter a.D. Werner Otto von Hentig und Karl Graf von Westphalen.
Außerdem war das frühere Ratsmitglied des Deutschen Kongresses Nikolaus Koch beteiligt.
Der FDP-Bundestagsabgeordnete Hermann Schwann freundete sich in diesen Wochen mit Schenke an und zählte in den nächsten Jahren zu seinen engsten Mitarbeitern.
Ihre Teilnahme in Aussicht gestellt hatten zunächst noch der frühere Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht, der vormalige Reichskanzler Heinrich Brüning und der Vorsitzende des einflußreichen Rhein-Ruhr-Clubs, Loeb-Caldenhof.
Heinrich Brüning hatte im Sommer 1954 großes Aufsehen mit einer Rede im Rhein-Ruhr-Club erregt, in der er der Bundesregierung eine starre dogmatische Außenpolitik vorwarf und statt dessen eine Politik des Ausgleichs zwischen den Blöcken forderte, wie sie in den Jahren 1925/26 mit den Verträgen von Locarno und Berlin betrieben worden sei.
Für Deutschland sei aufgrund seiner geopolitischen Lage eine Mittlerrolle zwischen Ost und West naturgegeben. Einer Stabilisierung der politischen Verhältnisse in Europa würde außerdem auch eine Ausweitung des Ost-West-Handels dienen. Die Vorschläge Brünings fanden zwar viel Zustimmung in Kreisen der Wirtschaft, führten aber zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Brüning und Adenauer, so daß Brüning Ende 1954 enttäuscht in die Vereinigten Staaten zurückkehrte, wohin er während der nationalsozialistischen Herrschaft emigriert war. Auf ähnliche Einwirkungen der CDU führt Schenke die Tatsache zurück, daß Schacht und Loeb-Caldenhof ihre Teilnahme an der Aktion absagten (94/95).
Bereits 1950, nachdem Gustav Heinemann wegen der Aufrüstung aus dem Kabinett Adenauer ausgeschieden war, zeigte sich eine erhöhte Aktivität.
In dieser Situation schien für Wolf Schenke der Zeitpunkt gekommen, allen Befürwortern einer deutschen Neutralität, die bislang in einer Vielzahl von Vereinigungen und kleinen Parteien verstreut waren, eine handlungsfähige Dachorganisation zu verschaffen.
Dies schien um so nötiger, als nicht nur die Regierungsparteien in Bonn unter der Führung der CDU/CSU jegliche Neutralitätspolitik ablehnten, sondern auch die SPD, die sonst in schärfster Opposition zu ihnen stand.
Kurt Schumacher wies im Februar 1951 in einer Vier-Punkte-Erklärung eine Neutralisierung Deutschlands mit größter Schärfe zurück: "Die übliche Diskussion über eine deutsche Neutralisierung ist praktisch ein nicht unwichtiger Bestandteil der politischen und psychologischen Taktik der Sowjetrussen mit dem Ziel der Schwächung und Lähmung der demokratischen Kräfte in Westdeutschland."
Nicht nur eine Neutralisierung der Bundesrepublik stand für Schumacher außerhalb jeder Debatte, sondern auch die eines wiedervereinigten Deutschlands, da ihr die tatsächlichen Voraussetzungen zu ihrer Schaffung und Erhaltung aus deutschen Kräften fehlten und jeder auf ihre Verwirklichung abzielende Versuch praktisch dem Mißtrauen durch den Kommunismus ausgesetzt wäre.
Schumacher kündigte sogar eine Denkschrift gegen den Neutralitätsgedanken an, die in einer Auflage von einer Million Stück erscheinen sollte; und das Bonner Ministerium für gesamtdeutsche Fragen unter Jakob Kaiser erwog angeblich ein Verbot des geplanten Neutralisten-Treffens (101 f.).
In seinem Hauptreferat, das er im Anschluß an die Wahl eines zwölfköpfigen Präsidiums hielt, malte Schenke die verheerenden Folgen aus, die eine gegeneinander gerichtete Aufrüstung in den deutschen Teilstaaten haben könnte, und er forderte daher - immer wieder vom Beifall der Zuhörer unterbrochen - ein entschlossenes Eintreten für Neutralität: "Alles kommt darauf an, das deutsche Volk zu beeinflussen, daß durch seine Stellungnahme ein Krieg verhindert wird. Noch vor und vor allem während der Viererkonferenz muß den Großmächten klargemacht werden, daß das deutsche Volk nicht gewillt ist, an kriegerischen Plänen irgendwelcher Art teilzunehmen."
Daran schlossen sich zahlreiche Kurzreferate von Diskussionsrednern der verschiedenen Richtungen an, in denen diese Stellung nahmen zu den Fragen der Sicherung des Friedens und der Neutralität Deutschlands.
Der Tagungsleitung unter dem Vorsitz von Erich Arp gelang es mit Erfolg, alle auftauchenden Schwierigkeiten zu meistern.
Immerhin hatte schon der erste Tag mehrere kritische Augenblicke aufgewiesen, in denen das Schicksal des Kongresses an einem seidenen Faden hing.
Zu Beginn der Versammlung hatte es Wolf Schenke größte Mühe bereitet, Heinrich Christian-Meier und Erich Arp von der sozialdemokratischen Opposition, die zu den wichtigsten Trägern der Tagung zählten, dazu zu bewegen, die Anwesenheit von Vertretern rechtsradikaler Gruppen hinzunehmen.
Meier und Arp verübelten Schenke ganz besonders, daß er die Sozialistische Reichspartei eingeladen hatte (103 f.).
Der Hohe Kommissar der Vereinigten Staaten, McCloy, ließ Schenke mitteilen, daß sein Amt über den Kongreß umfassend informiert sei und daß die Vereinigten Staaten die Ansichten dieser Organisation, wie auch die jeder anderen deutschen Gruppe, für künftige Vierer-Konferenzen zur Kenntnis nehmen würden (117).
Immer mal wieder schimmert was durch.
Auf einer erweiterten Ratstagung in Dortmund am 19. und 20. Januar 1952 wurde beraten, wie der Kongreß seinen Kampf gegen die Aufrüstung fortsetzen sollte.
Entscheidende Bedeutung gewann auf dieser Tagung das Präsidiumsmitglied Nikolaus Koch, der radikalste Vertreter des pazifistischen Flügels.
Koch legte der Versammlung den hektographierten Entwurf einer geplanten Broschüre mit dem Titel Aktiver Widerstand mit den Mitteln Gandhis gegen die Politik des Verderbens vor.
In einer flammenden Rede brandmarkte Koch die Aufrüstungsbestrebungen als sicheren Weg in das Verderben; diesen müßten nun die Urgewalten des Friedens entgegengestellt werden, deren es nach Koch drei gab:
1. Für den Frieden beten,
2. Den Frieden studieren,
3. Für den Frieden handeln.
Koch schloß seine schwärmerisch-abstrus wirkenden Ausführungen mit dem Aufruf, Waffenlose zu einer Armee des Friedens auszubilden, die organisierte Aktionen gegen die Aufrüstung durchführen sollte.
Schon früher hatte er erklärt: Es ist eine allgemeine Erfahrung der Gewaltlosen, daß soldatisch-disziplinierte Menschen und Völker am besten für den gewaltlosen Kampf taugen.
Die Versammlung quittierte die von Koch vorgetragenen Gedanken zwar mit warmem Beifall und beschloß auch, gewaltlosen, aber entschlossenen Widerstand gegen die Politik der Remilitarisierung zu leisten, war aber durch das Auftreten Kochs irritiert.
Es entsprach nämlich gar nicht dem Bilde, das sich die Kongreßmitglieder von einem friedfertigen Menschen machten.
Koch trug ausgeprägte asketisch-fanatische Züge zur Schau und erweckte in den Zuhörern das Gefühl, ein Polizei- oder ehemaliger SS-Offizier zu sein, der aufgrund eines schrecklichen Erlebnisses von einem Extrem in das andere gefallen war (128 f.).
Vor allem die gesellschaftspolitischen Zielvorstellungen machen den Dritten Weg zu einer höchst bedenklichen Angelegenheit. Die Autoren dieser Konzeption - die entscheidenden Autoren - weisen sich deutlich als Nachlaßverwalter jener Politbankrotteure aus, die 1945 von der internationalen Bühne verschwinden mußten.
Die damals junge Garde entpuppte sich später als die Gründungsgroßväterschaft der bundesdeutschen Neuen Rechten, des Neuen Nationalsozialismus, des bemerkenswerten Rechtsextremismus mit dem linken Image, der es immer wieder verstanden hat, seine ideologische Nähe zum primitiven Neofaschismus vergessen zu machen.
Ich glaube, daß Wolf Schenke in dieser Nachkriegsaufführung einen wichtigen Part zu spielen hatte: als Mittler zwischen den Fronten, wie er es schon in China vor 50 Jahren, offenbar doch zur Zufriedenheit seiner Berliner Auftraggeber, bewältigt hatte.
Politik und Naturell sind in Wolf Schenke identisch.
Aber auch als Sprachkosmetiker, darin dem Otto Strasser des Deutschen Sozialismus nachgehend, wo dann der alte Ständestaat als "aristokratische Demokratie" oder gar unterm Zeichen einer "Rätedemokratie" wiederkehrt.
Wenn man ihn nicht ohnedies mehr den Autoren des Stücks und seinen Regisseuren zurechnen muß als dem vielen Volk auf der Bühne.
Die Konzeption des Dritten Weges - einer deutschen Neutralität zwischen Ost und West - muß natürlich scheitern, falls sie den objektiven, von den Weltmächten bestimmten Gegebenheiten zuwiderläuft.
Ich bin davon keineswegs überzeugt.
Ein den politischen und militärischen Allianzen entbundenes Deutschland, vereinigt oder nicht, ein souveräner deutscher Staat, neutral und in einem Maße bewaffnet, daß er seine Neutralität notfalls auch verteidigen könnte, wäre schon aus diesem Grunde eine europäische Gefahr, allemal unter den realen klassenpolitischen Bedingungen.
Ein wirtschaftlich so potentes Land wie allein die Bundesrepublik müßte ja eine angemessene Militärmacht auf die Beine stellen, die erst als Nuklearstreitmacht ihr volles Maß erreicht haben dürfte.
Das aber wäre kein beruhigender, die Kräfte besänftigender, neutralisierender Faktor in Europa, sondern eine neue staatspolitische Kraft, die bereits auf nahe Sicht ihre Nachbarn gegen sich aufbringen würde.
Dagegen wäre ja eine Aufteilung Deutschlands unter seine Nachbarn, wie Erich Knapp sie vorschlägt, falls er, wie an anderer Stelle geargwöhnt, nicht seinen Flachs mit uns treibt, ein friedensförderliches Verfahren.
Oder beruht Knapps partielles Zusammentun mit Schenke auf dem Hintergedanken: Eine falsche Sache richtig in Schwung bringen, das kann ihr nur schaden. Wenn die Trümmer erst mal überall herumliegen, machen wir in aller Ruhe unser Rheinbündchen auf?
Man könnte sich eine weltpolitische Entwicklung vorstellen, die Rußland in eine Zwangslage brächte, aus der es ein stärkeres Deutschland sich herbeiwünschte.
Aber realistischer scheint mir die Vermutung, daß alles Spiel um deutsche Neutralität, Wiedervereinigung, Souveränität - soweit auch von den Sowjets animiert - ein Köder ist, der freilich den nationalistischen Kräften in Deutschland, vornehmlich natürlich in der Bundesrepublik, neuen Auftrieb gibt.
Und darin sehe ich denn auch die unmittelbare Gefahr: daß dieses Spiel das innenpolitische Klima allmählich verändert und somit die Atmosphäre in der westlichen Allianz stört.
Insoweit kann von einem deutsch-sowjetischen Zusammenspiel gesprochen werden, das auf lange Sicht die demokratischen Widerstandskräfte zermürbt.
Eine allzu komplizierte europäische Gesamtsituation kommt dem politischen Überblicksinteresse der Deutschen, sie genügen ihm ohnehin kaum, nicht gerade entgegen. Gewöhnlich ist sie ein guter Nährboden für obskure Schattengewächse.
Rainer Dohse widmet ein Kapitel dem Freiheitsbund Theodor Köglers, der ihn 1948 in Hamburg gegründet hatte.
Kögler kam aus einer anderen politischen Richtung, war Anfang der zwanziger Jahre politischer Sekretär der KPD-Reichstagsabgeordneten Ruth Fischer und Organisationsleiter des KPD-Bezirks Berlin-Brandenburg; 1926 wurde er als Trotzkist aus der Partei ausgeschlossen.
Danach gehörte er bis 1933 der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands an.
Willy Brandt war einer seiner Genossen.
Kögler ist einer jener Ideologen, die den Marxismus "überwanden", um endlich mit einem völlig "neuen Weltbild" für Überraschungen sorgen zu können.
Dohse verweist auf Köglers Schrift Das neue Weltbild. Die Geschichtsauffassung des historisch-dialektischen Parallelismus, deren erster Entwurf bereits aus dem Jahre 1938 stamme.
Mir liegt die Fassung vom November 1963 vor (Selbstverlag).
Wären's nur geschichtsphilosophische Überlegungen, mein Gott, aber als politische Handlungsanweisungen verbreiten Köglers Thesen einen für die Demokratie gemeingefährlichen weltanschaulich überdrehten Unfug.
Wieder hat uns die Geschichte - durch unsere eigene Mitschuld - die mächtigsten Heere der Welt ins Land geschickt.
Das erscheint heute als unser Unglück, ist aber morgen eine Schlüsselstellung von ungeheurer Tragweite.
Unsere Stimme reicht plötzlich, wenn wir eine erlösende Wahrheit verkünden, bis ins Innere Rußlands und Amerikas...
Darum preisen wir unser Schicksal und kämpfen um den Sieg des wissenschaftlichen Irrationalismus über den irrenden Rationalismus, um den Sieg des wissenden Glaubens über den blinden Wahn, um den Sieg einer absoluten, autoritären Wahrheit über relativistische Positionen und Negationen, um den Sieg der geschichtlichen Pflichterfüllung über geschichtliche Triebhaftigkeit und geschichtliche Dämonie!
Deutschland muß weiterkämpfen um die Neuordnung Europas, indem es die von vielen Deutschen schon erahnte Geistige Revolution zunächst in sich selbst vollzieht, deren Gehalt und Ziel nunmehr offenliegen...
Hier stehen wir - wir können nicht anders!
Das große Gesetz des ewigen Sterbens und Werdens helfe uns!
Den letzten Ausruf ließ er in Versalien drucken.
Überschrift des Kapitels, aus dem ich zitierte: Deutschland wird ungewöhnlich sein oder es wird nicht sein (nach Ulrich Sonnemann: Das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten).
Politische Struktur?
Sie muß also mit der bereits als vertikal erkannten Struktur des militärischen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen Sektors endlich parallel ziehen (Kögler, 60).
online-Fassung
kuckuck 42e-h
1983
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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