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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1983-00-00
Am 4. Mai 1983 rief die Kriminalpolizei an. Ein Mann hatte sich vor die U-Bahn geworfen. Kottbusser Tor. Man fand bei ihm einen Postabschnitt. Einzahlschein für ein Kuckucksabonnement. Anhand des Buchungsdatums konnte ich den Mann identifizieren: Bernd Hasche. Am 29.8.82 hatte er mir geschrieben, "ich möchte ihre Zeitschrift kuckuck abonnieren. Von deren Bestehen erfuhr ich über Herrn Rolf Schütt aus Bremen".
Auf meinem Postscheckabschnitt stand der Vermerk: "einmalig". Er hat das Abonnement auch später nicht verlängert. Er wußte, warum. Falls von Bedeutung: die Hefte 35/36 und 37/38/39 hat er bezogen.
Bernd Hasche wechselte vorübergehend einige Briefe mit Rolf Schütt. Schütt hat, nachdem ich ihn von dem Todesfall unterrichtete, die eine Hälfte der Korrespondenz - die Briefe Bernd Hasches an Rolf Schütt - dem kuckuck zur Verfügung gestellt. Kopien der Schütt-Briefe liegen nicht vor.
Rolf Schütt wurde - nach der Veröffentlichung seiner Aphorismen in dem zum Thema Antonin Artaud weitgehend von Bernd Mattheus bestimmten Heft 12 - besonders mit seinen Eingriffen in die Auseinandersetzung um "Wahn und Sprache", seinen brillanten Polemiken gegen Bernd Mattheus und Karl Kollmann kuckucksbekannt.
Der Streit mit Mattheus lief eine Zeitlang parallel und verwirkt mit der Aufdeckung von Methoden und Strategien zu geistig-seelischer Verwirrung und Verwahrlosung. Bernd Mattheus ist Autor des für seine antiaufklärerischen Ambitionen bekannten Verlages Matthes & Seitz.
Der Name Matthes taucht auch im Zusammenhang mit der Herausgeberschaft der Zeitschrift Neues Lotes Folum auf, die sich mit der Veröffentlichung - via "Schizophrenie" - "grenzüberschreitender" Texte einen Namen gemacht hat. Sie fand im kuckuck auch im Velikovsky-Zusammenhang Erwähnung. Christoph Marx' Auseinandersetzung mit Paul Feyerabend bezieht sich da und dort auch auf Veröffentlichungen in Neues Lotes Folum.
In den Briefen Bernd Hasches, die wir in diesem Heft abdrucken, ist auch von einem "Dr. Matthes" die Rede. Er ist nicht identisch mit dem Verleger, vielmehr dessen Bruder. "Dr. Matthes" ist Pädagoge.
Unsere Belichtungen pädagogischer "Strategien der Verwahrlosung" im vorigen Heft (40/41/42) führten in die ungeistige Nachbarschaft des mit dem Namen Ludendorff erkennbar beginnenden deutschen Faschismus. Sie verstärken den Verdacht, daß eine Wiederholung mit "alternativen" Mitteln bald nach 1945 systematisch ins Werk gesetzt wurde.
Die simple klassenanalytische Überlegung, daß die macht- und einflußpolitische Rolle der ehemaligen NS-Führungssippen der genaueren Untersuchung bedürfte, entstand aus der zunächst eher marginalen Beobachtung, daß diese Sippen sich in starkem Maße um die Besetzung von Positionen in den Bereichen "Kultur" und "Soziales" bemüht haben mußten. In der Tat eröffneten sich von dieser unauffälligen Ausgangsbasis her erstaunliche Einfluß- und Wirkungsmöglichkeiten für NS-restaurative Bestrebungen. Der Weg zur "Nationalen Befreiungsbewegung" führte nicht zuletzt über "linke" Imagepflege à la "Aktion Sühnezeichen", "Frauenbewegung", "Ostermarsch"- und später "Friedensbewegung".
Familien hoher Nazis, die sehr bekannt und besonders belastet waren, erhielten nach dem Kriege die Erlaubnis, ihre Namen zu ändern. Das konnte ein akzeptabler Schutz für unschuldige Kinder sein. Freilich änderte der neue Name nichts am alten Privileg. Und er konnte weniger unschuldige Bemühungen abdecken, deren potentielle - politische - Opfer keineswegs mehr auf staatliche Fürsorge rechnen durften und dürfen.
Man soll das nicht unterschätzen. Die "Alternative" zur Bundesrepublik liegt heute in stärkerem Interesse der NS-Sippen als eine noch so formale Demokratie. Mit der neuen "Bewegung" betreiben sie ihre volle Machtwiederergreifung.
Die Nazia - ob als "neue" oder alte Rechte - legt erst in zweiter Linie Wert auf die Ideologie, auf das, was einer denkt, ja selbst politisch tut. Ihr Höchstes ist, wo einer "blutsmäßig" herkommt, wer einer ist. Eine Himmler-Tochter, ein Heydrich-Sohn, die Nachkommen von SS-Obergruppenführern... - dürfen alles, ihnen ist grundsätzlich alles erlaubt: sie können als "Kommunisten", als "Anarchisten", "Sozialisten", "Terroristen", als "Ausgeflippte", "Abgefuckte", als "Macker" oder "Softies" auftreten: das "Volk" irrezuführen, die Arbeiter "aufzuklären" und zu beleidigen... Immer finden sie das verständnisinnige Grinsen der vereinten NS-Sippschaft.
"Dr. Matthes" - seines Zeichens Pädagoge - kann uns dazu vielleicht auch eine kleine Familiengeschichte beisteuern.
Die für die bisher nicht erschienenen Hefte 15-22 vorgesehene Geschichte (und Philosophie) einer proletarischen Familie muß einstweilen zurücktreten hinter jene anderen Familiengeschichten, die wir kaum erzählen, für die wir aber vielleicht ein wenig Interesse wecken können.
"Strategien der Verwahrlosung" - "pädagogische" zumal - waren ein Thema des vorigen Heftes. Bernd Hasche ist gestorben. Wenn die kuckucksmarotte Hand und Fuß hat, war der "Selbstmord" kein Selbstmord. Dann kehren sich die Artaud/Mattheus-Thesen vom "Selbstmörder der Gesellschaft" urplötzlich gegen ihre Verkünder: die Initiatoren der Verwirrung. Dann wurde Bernd Hasche nicht ein Opfer der bereits angelaufenen "Untergangs-Katastrophe", sondern das ihrer falschen Propheten.
Aufarbeitung der Vergangenheit kann in Form einer Dokumentation erfolgen. Ich war überrascht, aus Texten um 1970 zu erfahren, was hernach für ein gutes Jahrzehnt einfach liegenblieb.
Eine Illusion von 1953 war es, mit der Enthüllung der Naumann-Affäre den Nachkriegs-Unterwanderungsfaschismus überwunden zu wähnen. Seinen politischen Sieg in den siebziger Jahren symbolisierte die einst liberale Partei, indem sie drei Punkte machte hinter ihre Initialen: F.D.P. und endgültig auf die republikanischen Bundesfarben verzichtete. Unter anderem dies.
Der Nachdruck der SPD-Broschüre "Das wahre Gesicht der FDP" aus dem Jahre 1953 dokumentiert über ihren Inhalt hinaus aber auch, welche Konsequenz in Sprache und Denken bei den Sozialdemokraten einmal gang und gäbe war. Nicht allein, daß die SPD mittlerweile die Politik ihrer damaligen Gegner macht; sie wird sich auch fragen müssen, ob sie noch ihre eigene Partei geblieben ist. Was damals mit den Jungdemokraten geschah, ist längst auch geschehen mit den Jungsozialisten. Eine heiklige Sache, die auch Erich Knapp angeht, dessen Thesen und Vorstellungen ich mir diesmal etwas näher angesehen habe. Knapp wird zur Klärung noch einiges nachtragen wollen, hoffe ich.
kuckuck 42ad
1983
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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