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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Buchausgabe:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 2. Klärungen, Rückblicke und neue Fragen
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1971-01-00

Horst Lummert

Was tut sich im Tschad?

oder "Aus der Konfrontation zur Kooperation" (Nixon)

Zur Weihnachtszeit 1969 ging eine von der Öffentlichkeit kaum registrierte Meldung um die Welt:

DDR liefert zur Bekämpfung aufständischer Kurden im Norden des Irak Napalm-Bomben an die Regierung in Bagdad.

Flugzeuge des Warschauer Paktes sollen dabei regelmäßig einmal in der Woche türkische NATO-Flugplätze zu Zwischenlandungen und zum Auftanken benutzt haben.

Diese Meldung ist nie dementiert worden. Indessen feierte der DDR-Rundfunk den Beschluß der irakischen Regierung, den um ihre Autonomie kämpfenden Kurden diese Autonomie endlich zu gewähren.

Nach ähnlichem Muster scheint sich auch anderswo eine Sonderbehandlung aufständischer Volksgruppen einzuspielen.

Zwischen Libyen im Norden und der Zentralafrikanischen Republik im Süden; den Republiken Niger, Nigeria und Kamerun im Westen sowie der Republik Sudan im Osten gelegen: TSCHAD, nach dem Abschluß eines Beistandsvertrages mit Frankreich seit 1960 "autonome Republik in der französischen Gemeinschaft" mit einem der unpopulärsten Diktatoren Afrikas an der Spitze des Staates - im Tschad führen Aufständische einen verbissenen Krieg, der sich seit dem Sommer 1968, von der Weltöffentlichkeit mehr oder weniger unbeachtet, zu dem ausweitet, was der Pariser Express mit "Vietnam en miniature" umschrieb.

Die Republik Tschad, mit knapp vier Millionen Einwohnern, umfaßt eine Fläche vom Fünf- bis Sechsfachen der deutschen Bundesrepublik.

Etwa die Hälfte der Bevölkerung besteht aus großenteils nomadisierenden Moslems im Osten und im nördlichen Tibesti-Gebirge, während der Süden hauptsächlich von Schwarzafrikanern bewohnt wird.

Diese zu Kolonialzeiten weitgehend christianisierten und privilegierten Saras bilden heute im großen Ganzen die herrschende Klasse.

Religiöse Differenzen, alte Stammeskonflikte zwischen Seßhaften und Nomaden, ein starkes Bildungsgefälle (der im Norden ziehende islamische Toubou-Stamm besteht in hohem Maße aus Analphabeten), nicht zuletzt der Haß der Süd-Bewohner auf die früheren Sklavenhändler aus der Wüste - all dies bot für die Installierung eines emsigen Marionettenregimes nach neo-kolonialistischem Muster beste Voraussetzungen.

Die Widersprüche verschärften sich nach dem Abzug der Franzosen. Seit 1966 kämpfte eine zunehmend erfolgreiche Partisanenbewegung der Nationalen Befreiungsfront (FROLINA) vor allem im Osten des Tschad.

Mit einer kleinen Schießerei zwischen zwei Wachmannschaften - aus der schwarzen Garde Nationale und der aus Toubous rekrutierten Garde Nomade - im Frühjahr 1968 in Aozou, in deren Verlauf die Toubou-Gardisten die Posten der Sara-Truppe töteten, begann auch im Norden der bewaffnete Aufstand.

Die Regierung in Fort Lamy* entsandte sofort einige hundert Soldaten, um die Rebellion niederzuschlagen.

* jetzt N'Djamena

Die aufständischen Aozou-Belagerer, die im Tibesti-Gebiet jeden Stein kennen, empfingen die Regierungstruppen, töteten etwa vierzig Leute, erbeuteten Waffen und trieben den Rest der Soldaten in die Flucht.

Staatschef François Tombalbaye bat daraufhin in Paris um militärische Unterstützung.

Die "rechtliche" Grundlage für dieses Hilfeersuchen bietet der 1960 geschlossene Beistandsvertrag - einer aus der Reihe der die Beziehungen zwischen Frankreich und zwölf ehemaligen Kolonien regelnden Verträge.

Diese Abkommen gestatten der französischen Regierung die militärische Intervention nicht nur auf Ersuchen des ansässigen Regimes: Frankreich kann - "um die Interessen Frankreichs... zu schützen" - jederzeit einschreiten.

Indes:

Obwohl die französischen Verbände seit August (1968) die Tschad-Soldaten im Krieg gegen die Aufständischen unterstützen, verschlechtert sich die Situation ständig.
Weite Gebiete des Landes werden schon von den Rebellen beherrscht, Überlandfahrten sind nur noch mit starker militärischer Eskorte möglich,

schrieb der Spiegel noch im Herbst 1969.

Immerhin hatte die 11. Fallschirmjägerdivision - eigens für den späteren Tschad-Einsatz - in den Bergen Südfrankreichs Manöver durchgeführt. Kennwort: Safari. Ziel: Aufspüren und Vernichten von Rebellenbanden.

Abba Sidick, von der Regierung abgefallener ehemaliger Erziehungsminister und jetziger Generalsekretär der FROLINA, übermittelte uns die Information, daß für die Bekämpfung von Partisanen insbesondere das 2. Regiment der Fallschirmjäger-Fremdenlegionäre - 2e régiment étranger de parachutiste, REP - sowie das 6. Regiment der gemischten Überseeverbände - 6e régiment interarmes d’outre mer, RIAOM - im Einsatz stehen.

Inzwischen liegen Meldungen vor, wonach die Regierung Tombalbaye sich der Vernichtung von 122 Dörfern gerühmt habe.

Und: Paris wollte zum Sommer 1970 mit dem Abzug seiner etwa 3000 Anti-Guerilla-Legionäre beginnen. Davon ist unterdes nicht mehr die Rede.

In diesem Zusammenhang gewinnt das verstärkte französische Engagement in Libyen an Bedeutung.

Premierminister Chaban-Delmas hatte zumal

die Erwartung auf eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Libyen ausgesprochen, wobei vor allem an den Aufbau petrochemischer Werke und die Lieferung von Schiffen gedacht sei.
Eine Wirtschaftsdelegation werde demnächst in Libyen ferner über Landwirtschaftshilfe und technische Ausbildung verhandeln,

schrieb die Frankfurter Rundschau.

Bei diesen Vorhaben könnten zum Beispiel rebellierende Toubous, deren Wandergebiete bis nach Libyen und Ägypten reichen, durchaus stören.

Paris schloß mit der "Revolutions"-Regierung in Tripolis schließlich jene aufsehenerregenden Lieferverträge über rund hundert Kriegsflugzeuge, mehrere hundert Panzer und Panzerspähwagen sowie Hubschrauber (die sich unter anderem vorzüglich zur Guerilla-Bekämpfung eignen).

Die angelsächsische Presse hatte sich eine Lust daraus gemacht, Frankreichs Mirage-Geschäft mit Libyen ein Muster des politischen Zynismus zu nennen,

berichtete der Westberliner Tagesspiegel. Natürlich dachte jeder zuerst an den Nahostkonflikt.

Doch die Regierung in Tripolis erklärte ausdrücklich, daß sie die gelieferten Mirage-Flugzeuge nicht für den Einsatz gegen Israel etwa an andere arabische Staaten weitergeben werde.

Und der französische Verteidigungsminister Debré teilte mit,

daß Libyen im Zusammenhang mit dem Übereinkommen über die Lieferung französischer Düsenjäger zugesichert habe, die Unterstützung der Partisanen im Tschad einzustellen,

las man in der Süddeutschen Zeitung.

Wir können hinzufügen: Die libysche Regierung hat nicht nur die "Unterstützüng der Partisanen" im Tschad "eingestellt" - sie entwaffnete vor Tschadsöldnern und Fremdenlegionären ins benachbarte Libyen fliehende Guerilleros und schickte sie zurück in die Arme ihrer Verfolger!

Die bürgerliche Presse tat das ihre, die Vorgänge im Tschad lange Zeit von ihren Lesern fernzuhalten.

Die westdeutsche Illustrierte stern hatte im Spätsommer 1968 - also just als die französische Intervention anlief - eine Gruppe junger Afrikakenner und Journalisten nach Libyen aufbrechen lassen, von wo sie den Weg durch die Wüste Sahara in den südlich angrenzenden Tschad nehmen sollten.

Die Gruppe befand sich bereits auf afrikanischem Boden, da zog sich der stern plötzlich aus dem Vorhaben zurück, ließ Tschad Tschad sein und zahlte an die Beteiligten nicht einmal die zugesagten Reisegelder.**

Vermutlich war den stern-Redakteuren in letzter Minute aufgegangen, daß sie da ein heißes Eisen internationaler Politik anzutasten im Begriffe standen. Flugs ließen sie die Finger davon.

Hätten sie mit einer Unterrichtung der Weltöffentlichkeit damals, 1968, also rechtzeitig, den Anfängen eines Vietnam en miniature wehren können?

** Der Gewährsmann des Verfassers, seinerzeit an dem stern-Vorhaben beteiligt, ist bereit, diese (von der stern-Redaktion heute bestrittenen) Angaben zu belegen. Unterdes erschien im stern ein Bericht über die Ereignisse im Tschad - im September 1970 (Heft 37).

Neue Politik, Jan. 71

Karte des Tschad

online-Fassung

kuckuck 42a-d
(für kkk 15/16/17/18)
1. November 1983
(21. Okt. 1983)

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Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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