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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Nachzulesen im Sammelband:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 2. Klärungen, Rückblicke und neue Fragen
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1969-00-00

Horst Lummert

Herbert Marcuse und die antiautoritäre Phase

Wem die Theorien Herbert Marcuses und die Praxis der antiautoritären Bewegung nicht fremd sind, der weiß, daß die Kritik der einen die der anderen im Grunde einbezieht.

Das Verdienst Marcuses ist es zweifellos, mit seinen teilweise um viele Jahre zurückliegenden Überlegungen von der unterdes ein Stück Wirklichkeit gewordenen politischen Opposition einiges vorweggenommen zu haben.

Jetzt beginnt er mit der Großen Weigerung zu zögern: "Zunächst einmal darf die Große Verweigerung nicht verstanden werden als eine abstrakte Verwerfung der gesamten bürgerlichen Kultur..."1

Will nun Marcuse die Große Verweigerung nicht als abstrakte Verwerfung verstanden wissen, so allerdings ebensowenig als konkrete - zumindest nicht die gesamte bürgerliche Kultur betreffende. Und winkt auch die globale Kulturrevolution schon durchs Fenster herein - Marcuse gibt keinerlei Handlungsanweisung; er sucht und findet sogar einen Fluchtweg aus dem Dilemma.

Er geht den Weg über die Wissenschaft hinaus in Bereiche der Phantasie, er entwickelt den Sozialismus von der Wissenschaft zur Utopie - zurück. Herbert Marcuse will: "den Produktionsprozeß zu einem Schöpfungsprozeß machen. Dies ist die utopische Konzeption des Sozialismus, die das Einbrechen der Freiheit in das Reich der Notwendigkeit und die Vereinigung von Kausalität aus Notwendigkeit und Kausalität aus Freiheit ins Auge faßt. Jenes hieße, von Marx zu Fourier überzugehen, dieses vom Realismus zum Surrealismus".2

Nun wäre die Fortentwicklung des Sozialismus von der Wissenschaft "zur Utopie", vom Realitätsbezug in eine Sur-Realität, vom Rationalisieren in die Ästhetik, sicherlich, wovon ihm einiges wohltun würde: gleichsam künstlerische, nachwissenschaftliche Befriedigung und Erfüllung; die Komposition einer neuen Welt aus dem von Wissenschaften und somit von Technik und ihrer industriellen Verwirklichung gelieferten Material, aus den in Mengen herumliegenden Möglichkeiten...

Die Fortentwicklung, wie gesagt, des Sozialismus ist nötig; aber die Diskussion um diese Fortentwicklung, die Diskussion mit Herbert Marcuse hat sich dermaßen in den Vordergrund gedrängt, daß dahinter fast vergessen wurde: wir leben nämlich nicht im Sozialismus, sondern nach wie vor in der spätkapitalistischen Gesellschaft.

Die Marcusesche Qualitäts-Wandlung bedürfte zunächst eines gesellschaftlichen Sprunges, den wir gemeinhin Revolution zu nennen pflegen - und zwar der sozialen und ökonomischen Revolution!

Marcuse ist es, der die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft nur abstrakt verwirft, um sich konkret und in Frieden, der ihm gegönnt sei, philosophischen Spekulationen widmen zu können. Indirekt verweigert er sich damit dem Sozialismus, das heißt dem konkreten politischen Kampf gegen die kapitalistische Herrschaft.

Herbert Marcuse geht vom Menschen aus. "Die Idee eines neuen Menschentypus als Mitglied (obwohl nicht als Erbauer) einer sozialistischen Gesellschaft tritt bei Marx und Engels in der Konzeption des allseitigen Individuums auf."2a

Die Einschränkung - "obwohl nicht als Erbauer" - deutet an, daß er sich der Problematik bewußt ist; er geht der materiellen Revolution aus dem Wege.

Resignation? - Die große Verzögerung

"Ich glaube, man kann seinen (Marxens) Begriff des Sozialismus überhaupt nicht verstehen, wenn man nicht sieht, daß durch die Revolution der Mensch bis in seine sinnlich-physiologische Konstitution hinein befreit werden soll. Wenn die notwendige Veränderung der Produktionsverhältnisse und der Produktionsweise, die eine Grundbedingung bleibt, nicht von solchen neuen Menschen getragen und durchgeführt wird, dann tritt genau das ein, was Marx einmal mit dem Ausdruck bezeichnet hat: Dann fängt die alte Scheiße von vorne an." 1

Ein Widerspruch in Marcuses Denken scheint mir zu sein, daß er nicht wie Marx durch die Revolution, sondern bereits vor der Revolution den neuen Menschen haben möchte, obwohl er als "eine Grundbedingung" wiederum die Veränderung der Produktionsverhältnisse beibehält.

Es ist, als möchte Marcuse nachweisen, daß die kapitalistische Gesellschaft aus sich heraus die Kraft zur Selbstveränderung aufbringen könne und werde - andernfalls verzichtet er auf die Veränderung.

Der Angelpunkt ist der neue Mensch.

Noch deutlicher sagt es der französische Marxist und Soziologe Henri Lefèbvre: "Wenn das Modell eines nicht staatsverhafteten Sozialismus unmöglich ist, wenn es nicht zu verwirklichen ist, muß man den Sozialismus überhaupt aufgeben..., dann werden die politischen Apparate siegen. Dann ist die Straße versperrt und der Horizont eingefallen..."3

Und weiter: "Man muß sagen, daß dieses Modell noch nicht besteht, daß es noch auszuarbeiten ist. Aber wenn es nicht ausgearbeitet werden kann, muß man zugeben, daß der Tod nicht nur über Gott und die Menschen den Sieg davongetragen hat, sondern daß wir auch den Tod der Geschichte erleben."

Sollte es womöglich nur der Tod dieser bürgerlichen Kultur und ihrer Geschichte sein?

Abstraktion von "Modell" - kein Blick nach Kuba oder China... Man redet von Utopie und Sozialismus und vergißt darüber die Elenden in Afrika, Asien und Amerika, deren Peiniger ja nun wahrlich konkret genug sind. So ist leichterdings ein "Tod der Geschichte" hinzunehmen: das Ende aller Veränderungen. Resignation am status quo. Verzicht auf Revolution.

Der "neue" Mensch

Überspringen wir Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, die beide noch kurz vor dem Tode Adornos der kritischen Theorie die revolutionäre Spitze abbrachen und dem Philosophen Friedrich Nietzsche - einem bürgerlich-individualistischen Rivalen des an den proletarischen Massen orientierten Karl Marx - zu guter Letzt konzedierten, er, Nietzsche, habe eben doch recht gehabt. Vermutlich mit seinem überaus schöpferischen Übermenschen.

Der Angelpunkt ist der neue Mensch.

"Sehen Sie Ansätze dieses neuen Menschen und dieser neuen Bedürfnisse in der Protestbewegung?" fragte der Spiegel.

Marcuse: "Ja, ich sehe Ansätze darin. Ich habe sie in meinem Buch Versuch über die Befreiung zu beschreiben versucht. Aber ich möchte auf etwas hinweisen, das für den Einbruch neuer Werte in die Protestbewegung spricht. Und ich bin mir völlig bewußt, daß ich mich damit begeistert der Lächerlichkeit aussetze. Es scheint mir kein Zufall, daß es bei zwei repräsentativen Demonstrationen der Studentenbewegung in den Vereinigten Staaten, die mit der gewalttätigsten Reaktion beantwortet worden sind, jeweils um einen Park ging, nämlich im vorigen Jahr in der Columbia-Universität und im Mai dieses Jahres in Berkeley."

Modell Orpheus/Narziß

Herbert Marcuse - seit je forschend nach einem Ausweg aus dem mythischen Ödipus-Zwang zu Gewaltanwendung und Töten - entdeckte schon vor Jahren "jenseits des Realitätsprinzips" menschliche Typen, wie sie in Narziß und Orpheus ihren literarischen Niederschlag gefunden haben.

Ziehen wir die gewählten Typen-Modelle zu Rate, so erkennen wir in ihnen vor allem die vollzogene Verwandlung der Sexualität in den Eros - Verwandlung einer Sexualität übrigens, die bei Marcuse vornehmlich als zeugende aufgefaßt wird.

"Die klassische Tradition setzt Orpheus mit der Einführung der Homosexualität in Verbindung. Wie Narziß verwirft er den normalen Eros, nicht um eines asketischen Ideals, sondern um eines noch volleren Eros willen. Wie Narziß protestierte er gegen die unterdrückende Ordnung der zeugenden Sexualität. Der orphische und narzißtische Eros ist bis zum Ende die Verneinung dieser Ordnung - die Große Weigerung."4

Ein aus Horazens Kunst zu dichten übernommenes Zitat gibt nun zu denken:

Wilde Bewohner des Waldes hat Orpheus' Leier vom bösen mördrischen Wandel bekehrt, der Himmlischen heiliger Dolmetsch -
Deshalb heißt's, er zähmte die Leun und reißenden Tiger -
... Denn das war ehemals Weisheit:
Sondern, was mir und dem Ganzen, was Gott und Menschen gebühre:
Wilder Begattung Einhalt tun und stiften den Ehbund, Märkte mit Mauern umziehn und Gesetz eingraben in Tafeln.

Hier erscheint Orpheus nicht als "Verneiner" von Ordnung, sondern als ihr eifriger Richter: er zähmte, trennte, zog Grenzen, teilte auf, schuf das Eigentum, die Ehe...

Widersprüchlicher Orpheus. Dafür, daß er zugunsten des "zarteren Männergeschlechts" die Frauen verschmähte (Ovid: Metamorphosen), zog er - Frevler an dem von ihm selbst "in Tafeln ... eingegrabene(n) ... Gesetz" von Ordnung und Zuordnung? - sich deren Vergeltung zu.

"Er wurde von den in Wahnsinn verfallenen thrazischen Frauen in Stücke gerissen" (Marcuse).

Eine Empfehlung an die studentische Bewegung - insbesondere für die Frauen und Mädchen?

Ambivalenz

"Die anfänglichen Träger der Studentenbewegung entstammen durchweg den Kriegsjahrgängen. Sie sind im allgemeinen vaterlos aufgewachesn. In ihren ersten Jahrgängen haben sie sich stark mit ihren Müttern identifiziert... Zu einem relativ späten Zeitpunkt kamen entweder die Väter zurück, oder die Mütter fühlten sich gezwungen, nicht nur im ökonomisch-sozialen Bereich, sondern auch gegenüber ihren Kindern Züge väterlicher Autorität zu entwickeln. Sie setzen damit spät gegenüber den stark verweiblichten Kindern männliche Identifikationen durch, die Mutteridentifizierung wurde meist tief verdrängt. Die Heranwachsenden entwickelten auf der Basis dieses Kernkomplexes stark ambivalente Persönlichkeitsstrukturen", heißt es in einem SDS-Papier, das sich kritisch mit der Problematik befaßt.5

Die psychologischen Zusammenhänge haben praktische Folgen für die politische Arbeit. "In der Organisation des SDS und des antiautoritären Lagers kommt die Ambivalenz der grundlegenden Persönlichkeitsstruktur voll zum Ausdruck: Einerseits verharrt die Mehrzahl der Mitglieder in passiven Rollen - ist aber andererseits durchweg in der Lage, ad hoc Initiativen zu ergreifen, also - historisch - männliche Rollen zu übernehmen."

Die seit Monaten im Vordergrund stehende Organisationsdebatte war bisher "durch die Auseinandersetzung mit den Demokratisten bestimmt". Bei dieser Gruppe, der auch die "Anarchisten" zugerechnet werden, treten die psychologischen Probleme am schärfsten hervor; "sie ist wohl überhaupt nur der zugespitzte Ausdruck des Grundproblems".

Dabei handelt es sich um Leute, "die eine starr antiautoritäre Theorie und Praxis entwickeln. Starkes Über-lch (oft religiös), das aber verzweifelt bekämpft wird, Ich-Schwäche; Angst, der einen Seite ihres Seelenlebens, nämlich dem Hang zur Unterwerfung, nachzugeben, daher Kampf gegen jede Autorität, auch gegen rationale... Demonstrative Hervorkehrung heterosexuellen Verhaltens".

Provokation.

Überspielung von Kastrationsangst durch Demonstration diesbezüglichen Wunsches.

Man sagt, diese Gesellschaft sei latent bis halboffen faschistisch, also eine permanente Gefahr für Freiheit und Unversehrtheit jedes Nonkonformisten... Es hat gegen Andersdenkende Pogrome gegeben. "Die Bevölkerung" - sich auf ihren "sicheren Instinkt" verlassend - "erkannte" ihre Opfer an Bart, Kleidung und langem Haar.

"Das Volk ist das Wasser..." - aber diese bärtigen Fische sind wie unschuldige Robben, man wird sie erschlagen, mit Knüppeln. "Rädelsführer"...

Was sollen die Experimente um neue Formen des Zusammenlebens von Sozialisten vor der Revolution in der spätkapitalistischen Gesellschaft: Belege liefern - ähnlich den Spekulationen Marcuses - für die Möglichkeiten, die neuen Qualitäten, den neuen Menschen, hier und heute?

Kulturrevolution im Spätkapitalismus?

Kultur-Kosmetik!

Und hat man nicht verstanden, daß die allgemeine Triebbefriedigung, der sexuelle Erfüllungs-Kurzschluß, genau das ist, was die Herrschenden, zumindest die Gewitzteren unter ihnen, sich in ihren Träumen ausgemalt haben: Genitalglück für alle.

Brave New World vor den Toren zur Revolution?

Bei dem wachsend verzerrten Verhältnis zur Realität nimmt es fast schon wunder, daß die antiautoritäre Fraktion - bei selbstredend fortbestehender Avantgarde-Anmaßung - aus der erstaunlichen Tatsache "wilder" Streiks immerhin eine Lehre zu ziehen vermochte - nämlich "daß die Art und Weise, in der wir gegenwärtig unsere Kräfte zur Unterstützung der revolutionären Entwicklung der Arbeiterklasse einzusetzen und zu nutzen verstehen, ... mit der tatsächlichen historischen Bewegung in keiner Weise Schritt halten können".6

Emanzipation und Irreführung

Bei den Frauen pervertiert der geschichtlich drängende Befreiungsprozeß zum Emanzipationsrummel, der zuvorderst gegen die Männer sich kehrt: gegen die Opfer mit dem andern Geschlecht.

Weiblicher Emanzipations-Egoismus zeitigt in "antiautoritärer" Befreiung von den Kindern einen Mangel an empfangener Liebe und Zärtlichkeit; gleichwohl blind für die gestörte Beziehung zu den Eltern, wurde der Frauen-Protest zu einer Rebellion gegen die Liebesunfähigkeit des Mannes.

Dieser kompensiert die Mängel im "antiautoritären" Clinch. Den Weibern schulterklopfend nacheifernd - "Gegen die Unterdrückung der Frauen durch die Männer!" -, posieren die von ihren Frauen Kurz-und-klein-Gehaltenen.

"Antiautoritäre" Konsequenz bis in den Widersinn - hier als ödipales Selbstzerstörungssyndrom festzuhalten - zeugt von unbewältigter Mutterbindung.

Der ziemlich allgemeine kulturelle Rückzug auf den "Leistungssektor" Sexualität geht Hand in Hand mit der verschärften Durchsetzung des Leistungsprinzips in der industriellen Produktion.

Die von den Ideologen solcher "Emanzipation" vielfach gepriesene körperliche, mithin auch sexuelle Überlegenheit der Frau findet heute nachhaltig Stütze und Förderung durch Verhütungsmittel vornehmlich aus der chemischen Industrie.

Der sozio-psychologische Nebeneffekt der Befreiung von Angst vor Schwangerschaft und Abtreibungsnot läßt allzuleicht übersehen, daß die für Schwangerschaft und Geburten erforderlichen Kraftreserven der Frau - ihre physische "Überlegenheit" - vor allem der industriellen Produktion zugute kommen sollen.

In der "Pille" produziert und organisiert die Industrie sich jene Arbeitskräfte, die in versäumten Betriebsarbeitsstunden - in Kliniken, im Haushalt, beim Spazierengehen mit den Kindern usw. - "verlorengehen" würden.

Statt sich der Produktionsmaschinerie zugunsten ihrer Kinder zu verweigern, entzieht sich die solcherart "emanzipierte" Frau den Kindern - beziehungsweise gleich ihrer Geburt, somit der "unterdrückenden Ordnung der zeugenden Sexualität" (Marcuse) - und geht in die Fabrik.

Die Verteufelung häuslicher Arbeit kokettiert mit der offiziösen Propagierung einer "Befreiung der Frau im Beruf" und erweist sich - verknüpft mit der Unterwerfung des Mannes unterm Augenzwinkern des die Frauen hofierenden Industriekapitals - als schlichtweg reaktionäre Irreführung.

Krieg der Geschlechter oder gemeinsame Befreiung?

Wenn die - von unselbständiger Arbeit nicht abhängigen - Genossen der Kommune II in ihrem Zusammenleben entdecken, "... wie die angebliche soziale Unterlegenheit der Frau, ihr Mangel an Autonomie und Aktivität psychisch motiviert wird durch die kindliche Minderbewertung des weiblichen Genitales. Diese Minderbewertung ist Ausdruck der jahrtausendelangen Unterdrückung der Frauen durch die Männer...",7 so bleibt ihnen darauf zunächst nur zu antworten, daß es wahrscheinlich genau umgekehrt ist.

Die historisch feststellbare "Unterdrückung" der Frauen, das heißt: die Vorherrschaft der Männer ist sozialer Ausdruck einer kindlich-unbewußt-traumatischen Minderbewertung des weiblichen Genitales ("Penisneid") durch das Mädchen selbst, die im Laufe seiner Entwicklung zur Frau und der damit verbundenen Ausbildung vor allem der sekundären Geschlechtsmerkmale - wie jeder Mann bestätigen kann - hinreichend ausgeglichen wird. Der Stolz der Frau auf die Schönheit ihres Körpers steht hinter dem Stolz des Mannes auf seinen Penis sicher kaum zurück.

Man darf mit Fug unterstellen, daß die Frauen selbst über Jahrtausende hin durchaus bereit und willens sind, solcher Art "Unterdrückung" hinzunehmen: in weiblicher Anerkennung der "Autorität" des Penis (Phallus!).

Die im weiblichen "Penisneid" gleichsam "utopisch" gesetzte Wertschätzung des männlichen Genitals reift zu dessen "Autorität" durch das sexuelle Erlebnis der Frau - das heißt durch die Erfüllung ihrer traumatisch mitbestimmten Erwartung.

Erst der Nachweis seiner Unzulänglichkeit - und in Ergänzung dazu: der weiblichen Erlebnisunfähigkeit - macht den naturgemäß geliebten, geachteten, allzugern akzeptierten - "autoritativen" - Phallus zum autoritären Waschlappen, mit dem angemessen umzuspringen Frauen sich mitunter eifrig gebärden.

In diesem Moment wird die Frau "ihm" sexuell - ergo: sozial - gleich, nein: über - "geht aus sich heraus" und zieht "die Hosen" an; sie kühlt ab, verhärtet, wird "männlich".

Es muß nicht hervorgehoben werden, daß weibliche Frigidität und männliche Impotenz sich wechselseitig bedingen (und ergänzen). Die Frage ist nicht, wer nun jeweils Schuld trage am Versagen des anderen; vielmehr bleibt für das beiderseitige Versagen die Ursache zu finden - und sie endlich ist erfahrungsgemäß zumeist ein soziales Problem.

Das Erkennen des Problems als ein gemeinsames, gleichsam intersexuelles, weist zugleich in die Richtung seiner "Lösung": es kann nur gemeinsam, sozial, geschehen.

Experiment Kommune - ein Bumerang. Was tun?

Das Erlebnis der Vereinsamung, Schwierigkeiten in der Ehe - dabei der stark empfundene Mangel an humaner Verantwortlichkeit füreinander - waren es nicht zuletzt, die vielerorts zur Gründung von Wohnkommunen geführt haben.

Die kollektive "Rettung" aus der individuellen Not, die gemeinsamen Versuche heraus aus dieser gesellschaftlichen Realität - nun allerdings: "in die utopische Phantasiewelt sind zur Zeit bei vielen subkulturellen Gruppen in Westdeutschland und Westberlin zu beobachten, vor allem bei denen, die regelmäßig Halluzinogene und Opiate nehmen. Wir waren mehrfach (vor allem während der Zeit der Analyse) verlockt, dem Wunsch nach einer totalen Regression in eine infantile Traumwelt nachzugeben".7

Die infantile Regression des Mannes, ineins mit der Weigerung der Frau, Mutterrolle zu spielen, verleitet in politisch oder religiös bis rauschhaft verhüllte Mammabindung zurück. Der "antiautoritäre" Streß gegen den "Vater" (das "Männliche") ist hier blind für den Umstand, daß es der Figur einer väterlichen Autorität ja im Grunde ermangelte!

"Wir möchten nach den Beobachtungen, die wir heute an anderen Gruppen machen, bezweifeln, ob diese Form kollektiver Regression therapeutische Wirkung hat, wenn auf die Dauer das Kollektiv keine andere gemeinsame Aktivität entfaltet. Das Fehlen einer Instanz, die den Bezug zur äußeren Realität repräsentiert (wie es in der Kindheit die Eltern darstellen), scheint typischerweise eher zu einer fortschreitenden Desintegration der psychischen Struktur zu führen, als daß sie helfen könnte, gegen die gesellschaftliche Manipulation resistentere und autonomere Individuen zu bilden."

Dann folgt der bedenkenswerte Satz:

"Wir konnten unseren regressiven Wünschen nur partiell, aber nie als gesamtes Kollektiv und für längere Zeit nachgeben, weil zum einen unser politisches Vorverständnis und zum anderen die Kinder eine objektive Realität behielten."

Jene "Instanz, die den Bezug zur äußeren Realität repräsentiert (wie sie in der Kindheit die Eltern darstellen)", wird jetzt also - neben dem "politischen Vorverständnis" - weitgehend von den Kindern besetzt: Die Kind-Eltern-Bindung ins Gegenteil verkehrt, das Kind zur - irrationalen! - Autorität ("Über-Es"? 4a erhoben.

Es mag überspitzt sein - zumindest bleibt es psycho-logisch: An der persönlichen Struktur der Erwachsenen hat sich natürlich nichts geändert; das Urerlebnis "väterlicher" (mütterlicher?) - irrationaler - Autorität wird auf die Kinder übertragen, damit aber zugleich das politische ("Vorverständnis") Über-Ich entemotionalisiert.

Und während die Väter dieser Kinder (oft sind die Mütter ja entflogen) den theoretischen Überbau - rationaler Autorität - reflektieren, rumort aus den Kindern der wiedererstandene "Großvater" (Großmutter? gar mütterlicherseits?).

Der in sozialistischen Familien zu beobachtende autoritäre Terror, der da von den antiautoritär erzogenen Kindern gegen die Erwachsenen geübt wird, stützt, finde ich, die Analyse ganz beachtlich. Man erhält den Eindruck, dort herrschen die Kinder, und zwar im schlechtesten Sinn.

Auf diese Weise rationalisierter Ödipus-Komplex der Eltern entpuppt sich als Bumerang und überraschende Bestätigung der Zwangsläufigkeit in der ödipalen Situation.

Der beklagte Zustand von Frau und Mann heute ist geschichtlich bedingt. Die Psychologie individueller und kollektiver Not, Revolution zu machen, verstrickt sich allzuleicht in dem seelischen Unvermögen derer, die sie am nötigsten hätten. Für Einsichtige gab es nie Zweifel, daß der Frauen-Emanzipation die der Männer auf dem Fuße folgen müßte. Eine Lösung aus dem Dilemma verspricht offenbar weniger der antiautoritäre Kampf gegen den "Vater" als der Versuch einer "Versöhnung" von rationaler und irrationaler Autorität: das heißt der Begründung einer neuen - nichtschizophrenen - (revolutionären?) Über-Ich-Instanz. Analog: Findung und Festigung der eigenen Identität.

(1969)

Anmerkungen
1 Interview Spiegel Nr. 31/69
2 Versuch über die Befreiung / edition suhrkamp, Bd. 329, S. 40/41
2a siehe 2), S. 38
3 express International No. 77 (25.7.69), deutsch nach Interview in tribune socialiste
4 Triebstruktur und Gesellschaft / Bibliothek Suhrkamp, Bd. 158, S. 169
4a siehe 4), S. 225
5 Info 9 des SDS-Bundesvorstandes
6 Wolfgang Lefèvre in Rote Presse Korrespondenz, Nr. 31 (19.9.69)
7 Kindererziehung in der Kommune / Kursbuch 17, Suhrkamp, S. 4

Vorveröffentlichungen 1969 in Links-Sozialistische Zeitung, input und Neue Politik (50/51)

kuckuck 42a-d
1983

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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