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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Buchausgabe:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 2. Klärungen, Rückblicke und neue Fragen
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1967-00-00

Horst Lummert

Israel

1966/1967

Die jugendlichen Gäste führten an Halsketten Zeichen mit sich. Die Christen ein Kreuz, die Juden einen Stern. Kleine silberne Fetische. In Jugoslawien traf ich einen aus Ägypten emigrierten, jetzt in Griechenland ansässigen Moslem. Auch er hatte seinen im Handel erhältlichen Fetisch am Hals. Worte aus dem Koran in arabischen Zeichen. Aus der ersten Sure: "Über die nicht gezürnt wird, die nicht irregehen"...?

Bilder gingen durch die deutsche Presse.

A. Springer stiftete einen Millionenbetrag fürs Jerusalemer Israel-Museum. A. Springer pflanzte ein Bäumchen. A. Springer erhält ein Namensschild am Memorial.

Er trug ein jüdisches Käppchen, als er mit langem Zündstock die - wie ich geglaubt hatte: ewige - Flamme entfachte.

"Natürlich haben wir den Arabern das Land weggenommen. Ich verstehe sie sehr gut."

Elana schloß ihren Büstenhalter und öffnete den Fensterladen.

"Aber wo sollen wir hin? Israel ist das einzige Land, wo ein Jude frei leben kann."

Ein Jude. Was ist das?

Junger Historiker aus Jerusalem: "Warten Sie, ich will es mir überlegen, ich bin auf die Frage nicht vorbereitet." Nach etwa einer Stunde: "Es fällt mir schwer, die Frage zu beantworten. Ich bin kein Jude. Ich bin Atheist. Ich bin Israeli."

Korporal bei der Armee, Kibbuznik: "Heute weiß ich es. Aber damals, als Achtzehnjähriger, war ich begeistert. Ich wäre gern mitmarschiert. Ich dachte mir, warum der Hitler ausgerechnet die Juden und nicht die Katholiken oder..."

Selbständiger Handwerker, gebürtiger Berliner: "Zweiundzwanzig Jahre war ich damals alt. Selbstverständlich hätte ich Heil Hitler gebrüllt, aber ich war Jude..."

Und: "Du kommst aus Deutschland, und ich lebe schon seit fünfundzwanzig Jahren in Israel, und ich verstehe dich. Mein Kollege stammt aus Marokko. Er ist Jude, ich bin Jude; wir sprechen dasselbe Hebräisch. Aber ich verstehe ihn nicht. Wir verstehen uns nicht."

Eine Schulklasse hilft bei der Obsternte. Sind es arabische Kinder? "No", meint geringschätzig ein junger Kibbuznik, "but nearly the same." Es waren orientalische Juden.

Mutter in Haifa: "Unsere Söhne sind jetzt auch 1,80 m groß. Mein Junge ist Offizier bei der Navy. Eliteeinheit."

Eine ältere Dame schmunzelte: "Israel ist ein kleines Land; man muß hier ein wenig hochstapeln."

Und Mimi ist zehn. "Weißt du, die Deutschen wollten uns Juden alle umbringen. Da waren solche Lager mit Baracken, wo die Menschen noch lebten. Sie mußten sich nackend ausziehen und kamen ins Gas, bis sie tot waren, dann wurden sie verbrannt. Die anderen Leute haben den Rauch gesehen am Himmel und haben es nicht geglaubt."

Jerusalem auf den Hügeln hat viele Opfer angenommen.

Ein geächtetes, gequältes, gemordetes Volk. Ein Volk von Hinterbliebenen.

Ich habe die Menschen in Israel aufatmen sehen. Und die Juden, die zu Gast waren, die nach Israel gekommen, um sich im Land ein bißchen umzuschauen, sie haben es mir oft genug gesagt: "Weißt du denn, was Israel, was die Realität dieses Staates für uns bedeutet? Wir haben unser Selbstvertrauen wiedergewonnen!"

post bellum

Berglandschaft an der Straße nach Jericho; da und dort noch ein paar Ziegen. Sand. Steine. Plötzlich hält der arabische Bus. Militärkontrolle.

Herein stakt ein langer, rotbemützter Fallschirmjäger. Ausweise werden gezückt. Er winkt ab, unhöflich, arrogant, patzig, ein uniformierter Flaps; die Linke in der Hüfte, die Rechte auf der Maschinenpistole, streift er durch den Gang, links und rechts die (außer mir) arabischen Fahrgäste. Er späht hinter, um und unter die Sitze... Was sucht dieser Mann? Waffen? Widerstand? Ein Araber hat keinen Ausweis. Am Hemdsärmel zieht ihn der Rote aus der Platzreihe und schubst ihn zum Ausgang. Der Junge stolpert. Er ist noch sehr jung; er sagt etwas, der andere versteht ihn nicht. Eine Frau ruft englisch die Zahl 1952, das Geburtsjahr des Nichtausgewiesenen, der sich nun wieder hinsetzen darf. Ich werde als Fremder identifiziert. "Passport. Tourist? Thank you!"

Die Kontrolle zieht ab, der Bus fährt an...

Ich hatte bei einigen serviles Grienen beobachtet, nun erlebte ich arabische Solidarität. Alle riefen durcheinander. Die englischsprechende Frau sagt: "Die Leute in Jericho sind friedliche Menschen. Wir können nicht verstehen, warum man uns grob und unfreundlich behandelt." Sie sprach von der Höflichkeit, die mir, dem Europäer, zuteil geworden war, und vom "very impolite" Benehmen gegenüber den Arabern.

Viele Einwohner haben Jericho verlassen. "Die meisten", sagt mir ein Rasthausinhaber. Geschäfte sind geschlossen. Kreuze an den Jalousien. Es soll so bleiben oder besser werden, meint er: Touristen mögen kommen, mehr Touristen...

In der Stadt leben Besatzungstruppe und Bevölkerung scheinbar freundschaftlich nebeneinander. Sie grüßen sich auf der Straße, stehen plaudernd beisammen, trinken Limonade. Die israelischen Polizisten sprechen arabisch.

Kinder winken aus einem Garten mit hebräischem "Shalom".

Die jungen Leute waren mir verschlossener. Ich habe versucht, sie anzusprechen, sie nach ihrer Meinung zu fragen - in Jerusalem, in Bethlehem, in kleineren Ortschaften, im syrischen Norden, wo immer ich eine Gelegenheit vermutete: sie wichen mir aus, hatten auf einmal Verständigungsschwierigkeiten, gaben nichtssagende Antworten. "Oh, good, good."

Es heißt, die christliche Bevölkerung sei allgemein israelfreundlicher als die islamische. In Bethlehem, einer etwa zu gleichen Teilen christlich-islamischen Stadt, werden Touristen, so schien mir, eher mißtrauisch aufgenommen.

Wie die Jerusalemer ihre Besatzungsmacht ertragen, ist schwer zu ergründen. Die kleinen Händler machen ihr tägliches Geschäft, egal mit wem. In politische Gespräche läßt sich kaum jemand ein. Ein Mann um vierzig sagte etwas von Arbeit, er wolle arbeiten...

Die Situation ist zu neu, zu unsicher. Die Menschen warten erst einmal ab.

Junge Araber demonstrierten Trotz, passive Resistenz, z.B. als jener Fünfzehnjährige am Hemd vom Platz gezerrt wurde.

Sie waren nicht bewaffnet. Das könnte sich jeden Tag ändern. Die Atmosphäre zwischen drei jungen Männern und dem Parachutist war aufgeladen, spürbar, abzulesen an betont lässiger Haltung der Araber und feindseligen Blicken.

Der Streifenposten liegt ungeschützt, ein Zelt neben der Straße. Die Wildnis, weitab von den friedlichen Städten, ist einladend für jeden Widerstandsgeist, jede angetastete Würde.

Israel täte gut, seine hämischen Eliten hier aus dem Verkehr zu ziehen.

Der Besuch der Stadt Hebron im südlichen Zipfel des Westjordan-Gebietes scheiterte gleich im ersten Anlauf. Sammeltaxis mußten unterwegs umkehren und kassierten siebzehn israelische Pfund. Hebron war gesperrt. Volkszählung. Desgleichen Nablus. Ramallah.

Mit Enthusiasmus befahren die Kinder Israel das okkupierte Land. Die Menschen begeistern sich am Sinai, frischen ihr Gedächtnis auf für alte Mythen und frühe Geschichte. Der Gazastreifen bleibe "selbstverständlich" forthin israelischer Besitz. Jerusalem? Keine Frage. Am besten auch das ganze westliche Jordangebiet. Und syrische Teile. Was soll's!

Der Einsatz von Bulldozern und Lastwagen, die die Trümmer der abgerissenen kleinen Häuser vor der Klagemauer wegräumen, hat etwas Hektisches.

Instinktlos fand ich den Massenbesuch der Moschee, mag auch diese heilige Stätte der Moslems sich auf dem alten jüdischen Tempelplatz befinden.

Gewiß, die Schuhe bleiben vor dem Portal stehen (und jeder findet sein Paar später wieder). Dafür sah ich, wie auf dem mit Teppichen ausgelegten Boden der Moschee kleine Kinder sich balgten. Ich habe nicht erlebt, daß in gleicher Weise christliche Kirchen betreten worden wären.

In diesen Tagen, etliche Monate nach dem Sechstage-Krieg, ist mit den Israelis noch immer nicht zu reden. In Sachen Annexion hörte ich nur übereinstimmende Ansichten; vergebens forschte ich nach Anzeichen für Selbstkritik, für Zweifel an der Richtigkeit bisheriger Regierungspolitik. "Dieser Krieg war der erste absolut moralische Krieg, den wir führen mußten", konstatierte ein vielleicht fünfunddreißigjähriger Schriftsteller, im übrigen alles andre denn ein Nationalist.

"O diese armen Flüchtlinge!", hörte ich es höhnen; oft von Frauen, auch der Vernichtung entronnenen früheren Lagerinsassen. Was geht hier vor?

Ist Inhumanität, exklusiv, durchaus human - "human", so Yochanan Bloch sich verstieg, "da jüdisch"?

"Schauen Sie sich in Syrien die Bunkerlinien an, dann werden Sie sehen, was man mit uns vorhatte! Gehen Sie nicht aus Israel fort, ehe Sie das gesehen haben!"

Und ich ging erst fort, nachdem ich gesehen hatte.

Bunker über dem See Genezareth, in mehreren Fällen betoniert; meist mit Wellblech und Steinen abgedeckte Primitiv-Unterstände; offene Verbindungsgräben. Kilometertief ins Syrische dergleichen Militäranlagen. Minenfelder. Eine pure Verteidigungslinie! Damit (und überhaupt) hat niemand einen Angriffskrieg im Schilde geführt; wer das nicht einsieht, ist blind oder boshaft. Die israelischen Militärs wissen es. Ich weiß, daß sie’s wissen.

Tatsache bleibt jedoch, daß die im Kinnereth-Tal liegenden israelischen Siedlungen von hier oben jahrelang terrorisiert worden waren. Heute posieren israelische Touristen auf zurückgelassenen Panzerspähwagen fürs Familienalbum, als hätten sie den Krieg schon vergessen.

"Die Syrer kannten die Lage unserer Kibbuzim sehr genau. Jetzt haben wir den Beweis." Der Beweis, in der Tat, ist im aufgegebenen militärischen Hauptquartier zu besichtigen: für die Stabsoffiziere ein Sandkasten, in dem das Territorium zu beiden Seiten der Grenze exakt lokalisiert ist.

Kenntnis von diesem Dokument war mir in den ersten Stunden meines Israelaufenthalts geworden. Israelische Besucher Syriens hatten mich aufgeklärt, sodann ausländische Touristen.

Nun vernahm ich's noch einmal aus dem Munde einer Reiseleiterin. Seitdem habe ich den Verdacht, die totale Information sei akkurat konträr verlaufen - nämlich vom regierungsamtlichen Touristendienst zu allen anderen Eingeweihten.

Eine umfassende Meinungskonformität ist indessen nicht erst nach dem Kriege wahrzunehmen. Die Araber betreiben seit Jahrzehnten intensiv panarabisch-antiisraelische Propaganda. Wahr ist, daß Israel für das eigene Volk solcher Propaganda nicht bedarf. Hier ist gewissermaßen jedermann seines Landes Propagandist.

"Achten Sie in den besetzten Gebieten auf Unterschiede zu Israel!" Und später: "Haben Sie auf die Unterschiede geachtet? Enorm, nicht wahr?"

Das fand ich nun gar nicht; auch in Syrien nicht, wo die Fremdenführerin unermüdlich auf Unterschiede aufmerksam zu machen unternahm.

Daß keine Industrieanlagen zu sehen sind? Daß viele Landflächen unbestellt liegen, nicht grün, sondern sandig?

Nein. Auch drüben ist gearbeitet worden. Viele Wohnsiedlungen sind errichtet, großenteils - o ja, mancherorts ein Kontrast zu Israel - mit Geschmack der orientalischen Landschaft eingefügt. Elektrizitätsanlagen. Inmitten einer Kleinstadt eine moderne Werkhalle. Dürftig die Landwirtschaft; vereinzelt auch künstliche Bewässerung, spärlich.

Wer sehen will, dem fallen besonders im jordanischen Gebiet zahlreiche, vermutlich von Flüchtlingen hinterlassene, nicht fertiggestellte Wohnbauten auf.

Unterschiede? Gewiß auch. Doch die unfrisierte Realität schmälert die israelischen Leistungen nicht. Sie sind der Welt ohnedies bekannt.

Soll dennoch vom Kontrast die Rede sein - so vom Kontrast der teuren Häuser allenthalben zu den ärmlichen Hütten am Rande Jerichos, Jerusalems.

Vom Kontrast der modernen Villenviertel auf dem Karmel zur Haifaer Downtown... Vom vornehmen Tel Aviv und vom verarmten, verelendeten - dem Tel Aviv der Bettler.

Die Kluft, die ich meine, trennt nicht Länder und Völker; der Schnitt zieht horizontal durch sie alle hindurch. Die Creme auf der sozialen Torte ist das Elend des Kuchens - hier wie da; mag auch die Not in den arabischen Ländern größeren Umfang haben (was allerdings ein Besuch der besetzten Gebiete kaum zu beweisen vermag).

Das ehemalige syrische Hauptquartier hält für Interessierte kleine Souvenirs parat: arabisch beschriftete Bücher, Hefte; inzwischen unnütz gewordene Kontenführung, Notizen, Organisation, wer weiß. Man kann die Dinge vom Fußboden aufsammeln. Wer das tut, muß sich nur vorsehen, daß er die eigenen Hände nicht mit Kot beschmiert oder in Urinlachen tritt. Die Tourenleiterin hatte auf das Örtchen vorbereitet. "Sie finden da keine Toiletten. Suchen Sie sich irgendeinen Platz; aber geben Sie acht, daß Sie der erste sind!" Dann begriff ich. Flache Häuser, in denen die Dienststellen der Syrer untergebracht waren; in einem die fragliche Sandkastenanlage - das einzige Brauchbare noch.

Alles andere schockierte mich. Hier hatte man gehaust; die Türen eingebrochen, Möbel zerstört, Spiegel von den Wänden gerissen, Porzellanbecken zerschlagen; die komplette moderne Ausstattung einer Barbierstube, einschließlich automatischer Hebestühle, lag in Trümmern. Fußböden, Wände verdreckt; Papier, Plunder, tiefe Pfützen. Das Armeehauptquartier also bepißt und beschissen, knöchelhoch, innen wie außen. Das Werk von Besuchern aus dem Land der Eroberer, ein Erfolg offiziös dirigierten Reisefiebers; hier war ein Vandalismus organisiert. Am nackten Hintern eines kackenden Touristen vorbei ging ich zum Autobus zurück.

Desillusion. Von der Illusion, daß Israel kein Staat wie jeder andere sei.

Die ideologische Erstarrung bei den Israelis hat ernstzunehmende psychologische Wurzeln. Heute ist bekannt, daß die arabischen Staaten für den Krieg nicht gerüstet waren und sich strategisch - genau wie in der Zeit des Sinaifeldzuges 1956 - nur auf den Verteidigungsfall eingestellt hatten; eine Tatsache, die der (bestinformierten) Jerusalemer Regierung sicherlich schon vor dem Kriege nicht entgangen sein konnte. Aber das Volk wußte nicht Bescheid, und viele Israelis glauben noch immer, naiv genug, es gebe zwischen ihnen und der Regierung keine Geheimnisse, einfach weil sich in diesem kleinen Land alles so schnell herumspreche.

Die gewissenlose Propaganda Schukeiris, seine Aufrufe, alle Juden umzubringen, ist bis in die Gegenwart das stärkste Argument der Israelis. Jerusalem hat das Volk in der Überzeugung, daß seine physische Existenz auf dem Spiele stehe, noch bestärkt. Die Angst der Bevölkerung, abermals in diesem Jahrhundert dem Vernichtungswillen einer aufgehetzten Umwelt ausgesetzt zu sein - diese Angst war echt, wirklich und wirksam. Die psychologische Situation der letzten Woche vor dem Krieg bestimmt bis heute die Beurteilung von Krieg und Nachkriegsgeschehen und letzten Endes auch die da und dort registrierte Verhärtung der Menschen.

Das subjektive Erlebnis, nicht die objektive Machtrelation, hat den Ausschlag gegeben.

Das nahöstliche, spezifisch israelische Problem ist nicht der offene Konflikt zwischen Juden und Arabern; es gründet in Wahrheit in dem latenten zwischen Europäern und Orientalen - gleichviel ob Moslems, Juden oder Christen.

Der Nahostkonflikt ist ein Zivilisationskonflikt mit Klassencharakter. Kulturarroganz prägt das ideologische Bewußtsein der europäischen Mittelschichten.

Nach außen ist der Klassenwiderspruch verfälscht.

Den Nahen Osten verlangt es nach gesellschaftlichen Umwälzungen von unten - auch in Israel, aber keineswegs vordringlichst. Ein arabischer Journalist sagte mir: "Wenn wir nicht begreifen, daß unsere wahren Feinde unsere eigenen Scheichs sind und nicht die Israelis, werden wir im Nahen Osten nie zur Ruhe kommen."

Die Palästinensische Demokratische Front und die Israelische Sozialistische Organisation haben zur Lage nach dem Sechstage-Krieg gemeinsame politische Erklärungen abgegeben. Sie wenden sich gegen die "rassistische Propaganda von Radio Kairo, Damaskus und Amman" und "alle Absonderungsmaßnahmen der Zionisten gegenüber den Palästinensern". Das Rückwanderungsrecht für die Flüchtlinge müsse gewährleistet sein. Israel solle ein "normaler Staat seiner eigenen Bevölkerung" werden.

Solche Gedanken stoßen bei Studenten, Künstlern, Schriftstellern, ja selbst Dozenten nicht nur auf taube Ohren. In langen Diskussionen hat mich besonders an Studenten deren Offenheit und Ernst stark beeindruckt. Dieser bei manchen Einwanderern so verrufenen Sabra-Generation scheint eine dauerhafte - glaubhafte! - Lösung des Konflikts am Herzen zu liegen.

Die Überlegung, Israel könnte eines Tages an der Seite der sich aus westlicher Bevormundung und Unterdrückung befreienden Völker Asiens, Afrikas und Südamerikas stehen - welcher Platz ihm historisch und moralisch wohl zukäme -, hat Verständnis und Sympathien gefunden.

In den fünfziger Jahren empfahl der damalige israelische Botschafter in Burma, Cohen, seiner Regierung in Jerusalem, sich mit dem neuen China zu arrangieren. Jüdische Kreise in den USA vereitelten seinerzeit derartige Pläne. Wie man hört, soll Botschafter Cohen seine Ansicht im Hinblick auf China bis heute nicht geändert haben.

Die Zeit war bemessen. Jerusalem. Unbeachtet von Polizeikontrollen und Militärstreifen passierte ich die Straße am früheren Mandelbaumtor und schlenderte ins menschenleere Sperrgebiet. Volkszählung auch hier.

Die Läden hatten geschlossen. Ab und zu ein Personenwagen. Kontrolle. Presse? Volkszähler vom Amt? Mein illegaler Spaziergang wird nicht registriert. Langsam wandere ich um die Mauern der Stadt.

Die Sonne brennt am späten Vormittag. Mariengrab. Gethsemane. Ein Soldat läuft über den Weg, Maschinenpistole in der Hand. Unruhe in Jerusalem? In Bethlehem sind El-Fatah-Terroristen festgenommen worden. Aber hier ist es ruhig. Akustisch.

Ein Militärlastwagen brummt vorüber. Vor dem Misttor, an der Südseite der Stadt, ein schwarzer Junge aus Saudiarabien: "You are welcome!” Ich gehe durchs Tor. Eine Gruppe israelischer Arbeiter sitzt vor einem Haus. Sie gucken herüber. Niemand ruft mich an. An der Klagemauer wird auch heute gearbeitet, Schutt weggefahren.

Jetzt werden zwei Soldaten auf mich aufmerksam. Ich tue arglos, bin’s ja auch, gehe weiter. Sie kommen näher. Der eine ruft. Hebräisch. Ich verstehe nicht. Stop. Mitkommen.

Aus einem mehrstöckigen Gebäude neugierige Köpfe. Rufe. Ein Mann kommt zur Tür, dolmetscht. Passport. Ich soll warten. Ist denn nicht alles "all right”? Ein Knabe bringt mir ein erbetenes Glas Wasser. Zehn Minuten. Viertelstunde. Irgendwann hält ein Jeep. Drei silberne Sterne. Chef de Police. Personalien?

Ich muß einsteigen. Wir fahren die Straße an der Innenseite der Stadtmauer bis zum Davidsturm.

Vom Grab der Herodessippe, gegenüber, in Israel sah ich im vorigen Jahr den Sonnenaufgang. Eines Morgens um vier, genau über dem Davidsturm, mit der kleinen Französin.

Und jetzt?

Die Polizei hat mich soeben wieder freigegeben, am großen Ausgang. Shalom!

(konkret, 11/67 )

online-Fassung

kuckuck 40/41/42
1983/84, Sommer/Herbst/Winter
6. Juni 1983

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Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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