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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Buchausgabe:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 2. Klärungen, Rückblicke und neue Fragen
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1983-00-00

Horst Lummert

Pädagogik
Wissenschaft
Politische Kultur

Strategien der Verwahrlosung

Ein kleiner Professorenaufstand zeigte widersprüchliche Tendenzen. Ullrich Boehm verwackelte sein Bild, während er's zu korrigieren glaubte - mit seinem Brief an die kuckucksleser (auf Seiten 82 und 83).

Ist es denn nicht sonderbar, wie der Beleidigte (Boehm) seinem Beleidiger (Heinsohn) jetzt auch noch den Schirm aufspannt?

Gunnar Heinsohn schrieb mir jetzt - worüber ich froh bin -, daß er mir in keiner Weise gram ist, sondern das Gespräch mit mir fortsetzen möchte. - Das macht mir Mut...

Paul Feyerabend verlor seinen Humor und zog vor Gericht. Wolfgang Pohrt hatte noch befunden:

Ausgesprochen erfrischend, nach Marxens eiferndem Wust die Briefe von Feyerabend zu lesen. Der Mann hat wenigstens Manieren und gesunden Menschenverstand, wenn er auch viel Unfug schreibt.

Was der kuckuck weiterhin darf, Christoph Marx ist es nun verboten: schaun Sie Seite 39. Uns tut keiner den Gefallen.

Verdrehte Welt. Da schrieb ich an Professor Boehm, die Grenzen (u.a.)

zwischen Ideologie und Wissenschaft scheinen mir in Bremen reichlich an Schärfe verloren zu haben.

Der Gedanke lag nah, die allgemeine, halt auch politische, Verwahrlosung habe eben auch an den Universitäten Einkehr gehalten. Daß sie von dort ausgehen könnte, diese Frage greift der kuckuck jetzt einfach mal auf.

Erste Schwierigkeiten tauchen auf, wo die Organe für die sinnliche und geistige Aneignung einer gemeinen Misere mehr und mehr verkümmern. Wo ein Zustand beschrieben werden soll, in dem verschiedene Welten nebeneinander und aneinander vorbei sich eigentlich auf eine Beschreibung gar nicht mehr einigen wollen und können, und es ist einem, als wären in diesem elektronischen Aufsprung der Gegenwart ein bißchen die Programme durcheinander gebracht worden.

Die Deutschen, so hieß es, dem Frieden gewogen, sie würden nun endlich, bald 40 Jahre nach dem Krieg, wieder "als Deutsche" zu Wort kommen wollen und was dergleichen mehr, aber die gibt es nicht. "Die Deutschen" waren wieder einmal das Hirngespinst einer nationalistischen Minderheit. Die ist ratlos seit der letzten Bundestagswahl. Als ich von Heinsohns "Schuldelend" las, wurde mir wirklich ganz elend. Der Begriff dient nicht der Sühne, nicht der Gerechtigkeit, nicht der Wahrheit, aber den Tätern. Wer sich mit ihnen identifiziert, der möge sich suhlen in seinem Elend.

Gehen wir den Tätern nach, lüften wir ihre Geheimnisse, decken wir ihre Strategien auf, studieren wir ihre Lehren, achten wir auf die Feinheiten im Groben, prüfen wir ihre historischen Wurzeln. Die Zukunft ist schon wieder fest in ihren Köpfen.

Im Jahre 1919 läßt sich die ganze Konterwelle verläßlich mit dem Namen Ludendorff verbinden. Und:

Gottfried Feders Name ist mit dem Schlagwort der Brechung der Zinsknechtschaft eng verbunden (399).

Und

entsprach nicht später die Lenkung des internationalen Geldverkehrs durch die staatliche Devisenzentrale einem frühen Vorschlag Feders? Und bedeutete die Aufrüstung mit ihrer verkehrswirtschaftlich schlechterdings unverantwortlichen Ausdehnung des Kreditvolumens etwas anderes als staatliche Selbstverpflichtung zur Deckung durch Beute? (400).

Ernst Nolte, Der Faschismus in seiner Epoche. Action française. Italienischer Faschismus. Nationalsozialismus. Piper Verlag. Sonderausgabe 1979.

General Erich Ludendorff war der erste Mann von weltweitem Rufe, der Hitler seiner Schätzung würdigte. Er lernte ihn bereits 1920 in Berlin zusammen mit Dietrich Eckart im Hause Heckmann kennen, wenig später nahm er in München Wohnung und wurde rasch zum hochverehrten Mentor aller Rechtsgruppen... 1923 veröffentlichte er sein Buch über Kriegführung und Politik, das zusammenfassend und noch fern von der späteren sektenhaften Verengung seine Auslegung der Geschehnisse und seine Empfehlungen für die Zukunft zu erkennen gibt. - Er sieht die letzte Ursache für den Verlust des Weltkrieges in der Inkongruenz von Kriegführung und Politik, ja letzten Endes sogar in ihrer Unterschiedenheit (400).
Nur ein einziges Mal gelang die Zusammenarbeit von Kriegführung und Politik: die Verschickung Lenins nach Rußland erfüllte die Erwartungen, die man an sie geknüpft hatte (401).
Lenin mußte sich gestehen, daß sein eigenes Handeln dem deutschen Imperialismus den größten aller Triumphe gebracht und ihn selbst auf einen Weg gezwungen hatte, der bald mehr Ähnlichkeit aufwies mit den banalen Gegebenheiten der anderen Staaten als mit den Vorstellungen seiner Schrift über Staat und Revolution (377).

Feders "Brechung der Zinsknechtschaft" hatte den Hauptfeind im Visier:

die jüdische Weltherrschaft wird gebrochen, weil die Geldmacht des Weltjudentums zerschlagen wird. Dieser Weg bedeutet jedoch keineswegs etwa Verstaatlichung des Besitzes, sondern gerade die Sicherung möglichst vieler selbständiger Existenzen, einschließlich derjenigen großen Vermögen, die persönliches Eigentum sind (zum Beispiel Krupp). Das schaffende Industriekapital wird so vom raffenden Leihkapital befreit... (399).

Ludendorff erklärt die Niederlage im Krieg:

weil die Oberste Heeresleitung sich schließlich nicht mehr gegen den "international-pazifistisch-defaitistisch denkenden Teil des Volkes" durchsetzen konnte. Dieser Volksteil wurde durch die Schwäche der Politik zum entscheidenden Verbündeten der auf Deutschlands Vernichtung zielenden Mächte, zu denen neben England und Frankreich auch "die Leitung des jüdischen Volkes" gehörte (400/401).

Und Frau Mathilde Ludendorff entdeckt die Ursache fürs "Versagen des Heldischen" im "fremdrassigen Jahwe-Glauben".

Das Mordjahr 1919 war das Geburtsjahr der - inneren - Gegenrevolution, des nationalistischen Neubeginns in neuer - faschistischer - Qualität.

Und der Januskopf Ludendorff steht im strategischen und geistigen Zentrum dieser Bewegung.

Erich Ludendorff war der Schöpfer solcher Begriffe: "totaler Krieg", "Volkskrieg" - eines "wahren Krieges", der nämlich "total" ist und "unvermeidlich auf die Vernichtung des Gegners hinzielt" (400).

Hier erscheint das Mordmotiv bereits in der politmilitärischen Theorie, die mit "Volkskrieg" und "Vernichtung des Gegners" auch Völkermord schon vorausdenkt.

Die herrschende Gewalt überschreitet ihr eigenes bürgerliches Gesetz ins Verbrechen in dem Moment, da die Beherrschten ihren Anteil an den bürgerlichen Rechten einforderten, wie schwächlich und am Ende erfolglos auch immer.

Man kann es als Phantasterei abtun, daß eine Mathilde Ludendorff sich auf Widukind zurückführte; daß ein Heinrich Himmler sich für eine Reinkarnation Heinrichs des Vogelers oder Finkelers hielt, der einst in einem sächsischen Orte namens Himmeln (so nach der Biographie Universelle Classique, Paris 1829) gestorben war des Jahres 936.

Um jedoch die geschichtliche, mythologische, quasi religiöse Spanne zu erfassen, in der sich der deutsche Faschismus selbst erlebte, muß einer auch solchen Identifikationen nachgehen; um schließlich zu begreifen, daß die daraus folgenden politischen Strategien niemals zu den Akten gelegt worden sind.

Der Faschismus in dieser Epoche ist nicht der "Faschismus in seiner Epoche" - was sein äußeres Erscheinungsbild anbetrifft.

Doch in seinem Geiste oder Ungeiste, in seinen historio-manischen Projektionen und politischen Plänen ist es ein und derselbe.

Real der Hintergrund, realistisch die Regie: unauffällige Anfänge... Hitler, zum Beispiel -

...als Soldat beim Ersatztruppenteil nahm er regen, wenngleich zunächst ganz untergeordneten Anteil an einer Aufklärungsarbeit, die den Geist der unzuverlässig gewordenen Truppe wieder heben und festigen sollte. Er unterstand einem Manne, den man den ersten Propagandaminister der deutschen gegenrevolutionären und republikfeindlichen Rechten nennen könnte, Hauptmann i.G. Mayr, Chef der Presse-und Propagandaabteilung (IbP) beim Reichswehrgruppenkommando 4 in München. Als politische Persönlichkeit erscheint er zum ersten Male am 22. Juli 1919, wo er mit etwa 20 Kameraden aus dem Mannschaftsstand zur Aufklärungsarbeit im Lager Lechfeld kommandiert wird. Es ist ganz offensichtlich Volk, das hier irregeleitete Volksgenossen aufklärt: Kanoniere, Schützen, Gefreite, allenfalls ein Vizefeldwebel (389).

Im Auftrag seines Hauptmanns - im Generalstab! - profiliert sich Hitler nicht nur als Korrespondent:

Der Antisemitismus der Vernunft müsse den Juden zunächst unter Fremdengesetzgebung stellen. "Sein letztes Ziel aber muß unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein." (390).
... am 12. September 1919 hatte Hitler im Auftrag seiner DienststeIle die Versammlung einer neugegründeten Partei besucht, der Deutschen Arbeiterpartei, zu der Anton Drexler im Januar 1919 seinen Ausschuß fortgebildet hatte. Es handelte sich um eins der zahllosen nationalen Grüppchen, seiner Entstehung nach eng verbunden mit der Thule-Gesellschaft, aber doch nicht ohne eigenes Gesicht, da es beanspruchte, eine Arbeiterpartei zu sein.
Auf der nationalen Rechten war es ein unbestrittenes Postulat, daß der Arbeiter wieder national gemacht werden müsse: so hatte sich dem Grüppchen schon das Interesse Dietrich Eckarts und Gottfried Feders zugewandt, und Ernst Röhm wurde eins der frühesten Mitglieder, da er die Deutschnationalen für zu exklusiv hielt (390).

Aus dem "Grüppchen" wird Hitlers "NSDAP".

Fortsetzung des verlorenen Krieges mit politischen Mitteln...

Halten wir fest: Der erste Schlag war das Komplott mit Lenin. Lenins "Revolution" befreite Preußendeutschland vom russischen Kriegsgegner - und zerschlug die junge russische Demokratie, das Ergebnis der unblutigen Revolution vom Februar 1917.

Die russische "Oktoberrevolution" war ein entscheidender Faktor in der gegenrevolutionären Gesamtstrategie. Die Regermanisierung der russischen Politik ist eine ihrer - durch Hitlers Überfall auf die UdSSR vorübergehend unterbrochenen - Folgen.

Beispielhaft läßt sich am Ludendorffschen Schachzug mit Lenin die preußendeutsche innere und äußere Sicherheitspolitik demonstrieren.

Es wird deutlich, daß Hitlers Angriff auf die Sowjetunion ihrer Grundkonzeption zuwiderlief.

Der innere Widerstand der konservativen Diplomatie und des preußendeutschen Generalstabs gegen Hitlers Ostpolitik ist gleichwohl zwiespältig.

Die ersten Kriegserfolge verleiten die politischen Strategen der Wehrmacht immerhin zu einer antirussischen Nationalitätenpolitik.

Die Bildung von Freiwilligenverbänden ist aber immer auch mit weltanschaulichen, antikommunistischen, Motiven verknüpft.

Zwischen Realpolitik und ideologischem Kreuzzug eine Trennungslinie zu ziehen, wird auch hier sehr schwer, weil eben deutsche Sicherheitspolitik sich lange vor Hitlers Machtergreifung als Gegenrevolution definiert hatte.

Wenn in Bremen ein "begabter Sozialwissenschaftler", wie Christoph Marx ihn nennt,

ein sog. Fußballfanprojekt durchführt. Wie Sie wissen, gelten diese Fans aufgrund ihrer NS-Symbole und der Tatsache, daß sie die gegnerischen Fans als Juden, die man verbrennen müsse, angreifen, als Neonazis. Seine Versuche, für diese Fans in den Jugendfreizeitheimen Platz, Zeit und Zuwendung zu organisieren, wurden von den verantwortlichen marxistischen Sozialarbeitern mit dem Vorwurf zurückgewiesen, er würde die antifaschistische Jugendarbeit, die sie mit jungen Menschen, die - Gott sei Dank - den Fünfzackstern und nicht das Hakenkreuz führten, unterminieren.

So registriere ich nicht nur die Gleichsetzung von Pro und Contra, sondern betrachte mit Interesse den Euphemismus "verbrennen".

Die "Fans" würden also ihre "Juden" nicht etwa vergasen wollen, sondern "verbrennen".

Mit so kleinen Tricks wurde bereits aus dem Verbrechen von Auschwitz ein "Holokaust", ein "Ganzbrandopfer", eine heilige Handlung, nicht wahr.

Oder wenn in Berlin-Kreuzberg kleine Jugendbanden mit vereinsrechtlich organisierten und staatlich besoldeten Erziehern "zusammenarbeiten", wenn Kinder im zweiten Grundschuljahr über "Verein" und Lehrerschaft in Karate-Clubs gesteuert werden, wenn niedersächsische Frauengruppen Schöneberger Prostituierte an der Leine haben und Professor Heinsohn zum Vortrag über den sonnigen "arischen" Echnaton in ihren Club einladen... Da fällt mir eine andere Geschichte ein.

Prag, 1942. An den Folgen eines Attentats stirbt am 4. Juni der Gestapo-Chef und "Stellvertretende Reichsprotektor" Reinhard Heydrich.

Die Karriere des Kriminalkommissars Heinz Pannwitz ist auf ihrem Höhepunkt angelangt. Einige Tage zuvor hatte er seinen Chef bedrängt, sich nicht ohne Begleitung auf die Straßen zu begeben...
Nun muß Pannwitz, der in der Gestapoleitstelle Prag für die Sicherheit des Stellvertretenden Reichsprotektors verantwortlich ist, damit rechnen, zur Verantwortung gezogen zu werden.
Noch am selben Abend trifft Gestapo-Müller in Prag ein. Die führenden Nazis verlangen ein Sühneopfer.
Fünfhundert Juden sind in Berlin bereits verhaftet worden, zweihundertzweiundfünfzig werden umgebracht.
Dreihundert Juden aus dem Getto von Theresienstadt werden hingerichtet.
Baldur von Schirach, Gauleiter von Wien, fordert die sofortige Zerstörung einer kulturell bedeutenden englischen Stadt.
Aber natürlich muß in der Tschechoslowakei selbst ein rächender Blutstrom fließen.
In Prag und in anderen Großstädten: über 10.000 Menschen verhaftet, 1.331 Tschechen, darunter 201 Frauen, sofort hingerichtet. Auf dem Land: 5.000 Dörfer durchkämmt und 657 Menschen erschossen.
Als Heydrich am 4. Juni stirbt, findet ein weiteres Blutbad statt.
Die Erschießungskommandos arbeiten unmittelbar in den Gefängnishöfen. Im Pankratz-Gefängnis in Prag werden 1.700, im Gefängnis von Brünn 1.300 Tschechen umgebracht.
Und am 10. Juni wird das Dorf Lidice dem Erdboden gleichgemacht. Die Männer werden erschossen, die Frauen nach Ravensbrück deportiert, die Säuglinge an Ort und Stelle umgebracht.
Heinz Pannwitz hat diese Vergeltungsmaßnahmen nicht angeordnet, war aber auf Grund seiner Stellung mitverantwortlich für die Durchführung.
Auch die Ermittlungen gegen die Mörder wurden von ihm geleitet. Sie begannen in den Folterkammern der Gestapo und endeten am 18. Juni in der Krypta der Karl-Borromäus-Kirche, wohin sich die beiden Attentäter und ihre Kameraden geflüchtet hatten und wo sie einer SS-Eliteabteilung mehrere Stunden lang heldenmütig Widerstand leisteten - bis sie starben (344 f. Perrault).

Gilles Perrault, Auf den Spuren der Roten Kapelle.

Heinz Pannwitz hatte

einen wahnwitzigen Plan zur Beseitigung Winston Churchills, der Seele der britischen Widerstandskraft. Zwei Verrückte, die von der Wahnvorstellung besessen sind, Churchill müsse sterben, sollen über England abgesetzt werden. Der Plan wird tatsächlich akzeptiert. Und da in keiner deutschen Irrenanstalt Verrückte mit der gewünschten fixen Idee aufzutreiben sind, bemühen sich Psychiater wochenlang - aber vergeblich -, zwei armen Schluckern den Haß auf Churchill einzuimpfen... (343 f.).

Pannwitz wird Chef des auf die Rote Kapelle angesetzten Gestapo-Sonderkommandos in Paris. Vorliebe: entdeckte Widerstandsgruppen nicht zu zerschlagen, sondern zeitweilig mit ihnen zu "spielen".

Pannwitz spielt auch mit Moskau. Er verspricht sich davon eine Wiederaufnahme der Bismarckschen Osteuropapolitik nach dem mißratenen Kriegsabenteuer.

Seine Fahrt nach Moskau 1945 endet im Lubjankagefängnis, das er erst 1955 wieder verläßt. Dennoch hatte sein "Spiel" einen politischen Erfolg.

Auch Leopold Trepper, der Grand Chef der Roten Kapelle, wurde in Moskau verhaftet und - ebenfalls für zehn Jahre - ins selbe Gefängnis gesperrt.

Pannwitz hat zwei Söhne. Der ältere heißt mit Vornamen Reinhard - in Erinnerung an Vaters Chef Reinhard Heydrich, den Paten.

Reinhard Pannwitz ist heute an leitender Stelle in der Berliner Jugendsozialarbeit tätig.

Erzieher Pannwitz:

Viele Kinder ehemaliger SS-Größen sind in der Sozialarbeit tätig.

Warum?

Um wiedergutzumachen.

Sein jüngerer Bruder war vor rund zehn Jahren in einen politischen Bankraub verwickelt. Jugenderzieher Reinhard Pannwitz vermittelte zwischen dem "gestrauchelten" Bruder und dem "besorgten" Vater Heinz.

Und ich muß wieder an die Jugendprostitution denken Ende der siebziger Jahre, als man den Eindruck gewinnen durfte, dies Problem werde nicht nur nicht behoben, sondern gefördert, und an das seltsame Wort der Mathilde Ludendorff in ihrem Deutschen Gottglauben, daß deutsche Kinder, ehe man sie dem "fremdrassigen Jahwe-Glauben" ausliefere, lieber verwildern und verwahrlosen mögen.

"Faschismus" hat einen zu präzisierenden Klassencharakter.

Die wiederholte Niederlage im äußeren Krieg änderte nichts am faschistischen Sieg im Innern. Dieser Sieg wurde 1945 nicht in Frage gestellt.

Wer begriffen hat, daß gesellschaftliche Macht auf materiellem Besitz, funktioneller Verfügungsgewalt, auf einem intakten Netz von Beziehungen beruht, der wird aus der Tatsache, daß es nach der Niederlage samt "bedingungsloser Kapitulation" gleichwohl keine Entmachtungen, keine Enteignungen, keine Rücknahme der durch die faschistische Machterschwindelung errungenen Privilegien gegeben hat, auch politisch aktuelle Konsequenzen ziehen müssen.

Die Nachkriegsdemokratie hat sich ihren Krebsschaden gleichsam verfassungsmäßig garantiert.

Wenn das Grundgesetz eine der vortrefflichen Verfassungsurkunden der Welt ist, so ist es dies von seinen Gründungsbedingungen her zu höchster Gunst und rechtsstaatlicher Absicherung der im kriminellen Unrechtsstaat erworbenen Vor-"Rechte" einer Herrschaftsklasse, die sich im personellen und materiellen Fortbestand der ehemaligen NS-Führungssippen leicht identifizieren ließe.

Eine angemessene Volkszählung könnte die Grundlage für eine konkrete Gesamtklassenanalyse der Bundesrepublik bilden.

Aufschlußreich ist immerhin, daß unter demokratischen Verhältnissen eine Bedrohung durch den "Überwachungsstaat" vor allem von den Erben der früheren Überwacher an die Wand gemalt wird.

Die "neue Klasse" hat ihre Probleme. Militärisch sind der Bundesrepublik Grenzen gezogen. Mit den NATO-Verträgen begibt sich die BRD eines Teils ihrer staatlichen Souveränität.

Das behindert neuerdings die nationale Wirtschaft.

Die Schwerindustrie ist nicht ausgelastet, die deutsche Elektronik ist auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig.

Das erlösende Stichwort vom "militärisch-industriellen Komplex" ist öffentlich noch nicht gefallen.

Eine forcierte, von Allianz-Rücksichten befreite Rüstungsproduktion könnte sie retten.

Der Teufel malt sich selber an die Wand.

Klassenpolitisch ist kein Zweifel mehr erlaubt. Der Krieg ist schon im Gange. Die Ausschaltung der Gewerkschaften war kein Kapitel für sich. Der Skandal um die "Neue Heimat" hat strategisches Format. Die Offenlegung der Korruption war der erste Schlag, aber im Verschweigen des ganzen Ausmaßes dieser gewerkschaftlichen Selbstverrottung steckt die Drohung mit dem zweiten.

Die Erpreßbarkeit der Gewerkschaften macht sie als Kampfinstrument der Arbeiter unbrauchbar just in dem Moment, da die soziale Frage als Massenarbeitslosigkeit und zynische Verhöhnung der ärmsten Schichten auftritt wie selten zuvor.

Der akute Fall ist eingetreten - und die Arbeiter stehen da ohne seriöse Vertretung.

Lohnkämpfe heute sind Ablenkungsmanöver und abgekarteter Schwindel.

Man sollte sich über deutsche Arbeiter und Gewerkschaften niemals Illusionen machen. Eine Verweigerung von Massenentlassungen bei gleichzeitiger Durchsetzung von Arbeitszeitverkürzungen war aber das mindeste, was man erwarten mußte.

Faschismus als "Gegenrevolution" definiert sich aus einem spezifischen Verständnis der proletarischen Revolution.

Mit stärkster Betonung und ausdrücklichem Anspruch auf Originalität gibt Hitler unter Berufung auf Jesaja 19,2 und Exodus 12,38 eine Deutung des Auszuges aus Ägypten, die ihn als Folge eines revolutionären und mörderischen Anschlages der Juden auf die führende Schicht Ägyptens erscheinen läßt.
"Genau wie bei uns" hätten die Juden die Unterschicht (das "Pöbelvolk") mit humanitären Phrasen und der Parole "Proletarier aller Länder, vereinigt euch" für sich zu gewinnen verstanden; der Mord der Erstgeburt habe den Beginn der Revolution bedeuten sollen, sie sei aber im letzten Augenblick vom "national gebliebenen Teil der Ägypter" verhindert und dann durch Austreibung der Juden und des "Pöbelvolkes" endgültig unterbunden worden. Mithin sei Moses der erste Führer des Bolschewismus gewesen (405 f. N).

Für den theoretischen Begründer der Action française lag das Problem tiefer.

Subtiler als Hitler, hatte Maurras nie einen Zweifel,

was das vornehmlichste Anzeichen der Widernatur im Menschen sei. Die größte Gefahr für den Menschen, seinen Staat und seine Welt ist nicht die Pest, Hungersnot oder Krieg, es ist sein eigenes Herz, das sich einem einzigen Absoluten verpflichten und damit die schöne Einheit des Mannigfaltigen, die sein wahrer Lebensraum ist, überschreiten und zerstören kann.
Diese Grundüberzeugung tritt im Chemin de Paradis schon ganz deutlich hervor; sie ist auch da Gewißheit, wo sie vorsichtig nur als Frage formuliert wird: Es ist eine Frage, ob die Idee Gottes, des einzigen und dem Bewußtsein gegenwärtigen Gottes, immer eine wohltätige und politische Idee ist... wenn man in diesem von Natur anarchischen Bewußtsein das Empfinden entstehen läßt, es könne direkte Beziehungen mit dem absoluten und unendlichen Sein anknüpfen, dann wird die Idee dieses unsichtbaren und fernen Herrn es schnell von dem Respekt entfernen, den es seinen sichtbaren und nahen Herren schuldig ist: es wird Gott lieber gehorchen als den Menschen (186 N).

Faschismus ist erst in zweiter Linie ein "Rassismus". Er ist "antisemitisch", weil er anti-monotheistisch ist.

Das - objektiv - aufklärerische Potential des Faschismus steckt in seiner Besessenheit, die proletarisehe Revolution beständig an ihre transzendentalen Ursprünge erinnern zu müssen.

Und ich meine, der Revolution tut die Erinnerung gut.

Daß auch Gunnar Heinsohn diese Zusammenhänge begriffen hat, zeigt sein proisraelisches Engagement als Resultat eines antijudaischen Denkansatzes.

Nur wer die Geschichte Israels nicht kennt, mag sich da - so oder so - täuschen lassen.

Heinsohns, mit Berufung auf Immanuel Velikovsky bekundete Sympathie für den König Ahab von Israel spielt ganz offensichtlich mit der Idee eines Abfalls Israels vom Judentum.

Im Zentrum des Konflikts zwischen König Ahab und dem Propheten Elias steht die Königin und Aschera-Priesterin Jesabel, steht mithin die Entscheidung für oder gegen den Monotheismus.

Biblische Theorie führt die politischen Mißerfolge des alten Israel, bis hin zur Verschleppung in die babylonische Gefangenschaft, auf die Nichtbeachtung göttlicher Richtlinien zurück.

Wer den Israelis - und wir dürfen jetzt auch sagen: den Proletariern, den Sklaven - nicht wohlwill, rät ihnen vom Gesetze ab.

Unabhängig von seinen hintergründigen Motiven begrüße ich es, daß Heinsohn hierzulande ein wenig für die israelische Interessenlage im Nahen Osten eintritt.

Als ich 1967 meinen Bericht schrieb (siehe S.84 ff.), war Israel politisch, psychologisch stark, stand die westdeutsche Öffentlichkeit fast hundertprozentig auf israelischer Seite.

Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Auch in der Weltmeinung ist Israels Ansehen gesunken. Die Mehrheiten in der UN-Vollversammlung schlugen um gegen Israel.

Prompt sind auch "die Deutschen" zur andern Seite übergelaufen.

Die seltsamen Metamorphosen der "Linken" sabotieren obendrein eine notwendig korrekte kritische Auseinandersetzung mit der israelischen Außen- und Militärpolitik.

Die Massaker an den palästinensischen Flüchtlingen wurden unter der Besatzungsverantwortung der israelischen Armee verübt, jedoch nicht von Israelis, sondern von libanesischen Faschisten.

In Israel haben Untersuchungen stattgefunden, der Verteidigungsminister mußte zurücktreten, Hunderttausende gingen demonstrierend auf die Straße: es waren zehn Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes.

Man stelle sich vor, in Deutschland wären sechs bis acht Millionen Menschen wegen Lidice auf die Straße gegangen. Zu schweigen von Auschwitz, das das ganze deutsche Volk hätte mobilisieren müssen. "Die Deutschen" sollen die Schnauze halten!

Und die PLO: kannte sie nicht ihre falangistischen "Brüder" im Libanon? Wußte sie die Gefahren für die zurückbleibenden Angehörigen nicht abzuschätzen? Vergaß sie ihre Fürsorgepflicht? Oder hatte sie die Gefahren einkalkuliert?

Wer zieht die Mörderbande zur Verantwortung? Wo sind die Demonstrationen in Libanon? In Damaskus, Amman, Tripolis, Kairo... Aber gegen die Täter und ihre Auftraggeber!

Die Krokodilstränen, diese Heuchelei um den gemeinen Massenmord an Zivilisten, es muß jeden anwidern, der noch einen Funken Sinn für Gerechtigkeit im Leibe hat. Schafft euch erst einmal den Rechtsstaat und die Demokratie, die in Israel - unbeirrt durch einen permanenten Kriegszustand - seit 35 Jahren nicht nur funktionieren, sondern mit Leidenschaft täglich praktiziert und mit Leben erfüllt werden.

Mit der Herausgabe einer Studiensammlung über das israelische Kibbuz-System (Das Kibbutz-Modell, edition suhrkamp 998) hat sich Gunnar Heinsohn verdient gemacht.

Die Lektüre ist wirklich zu empfehlen, weil sie von mehreren Autoren, meist Israelis, aus eigener Kibbuz-Erfahrung (auch Heinsohn lebte zeitweilig in Kibbuzim) oder aufgrund wissenschaftlicher Untersuchungen ein Bild ergibt, das etwas über die Wirklichkeit sagt, wie sie ist, aber sie auch mit früheren Vorstellungen und Idealen vergleicht, die aus jugendlichen Herzen und Köpfen stammten.

Das darf man nicht vergessen. Viele sozialistische Ideen erwuchsen aus Jugendträumen, waren nicht die Frucht reifer Lebenserfahrung.

Ließ der Kibbuz zum Beispiel die Familie hinter sich, oder geht sie aus ihm von neuem hervor?

Den Kibbuz kann man nicht beschreiben, ohne ihn erlebt zu haben.

Kibbuz ist, wenn man morgens um halbsechs in die Arbeitssachen steigt, zum Chadar Okhel latscht, sich Rührei mit Tomaten und Oliven auf den Teller tut, dazu Brot und heißen süßen Tee frühstückt, auf den Traktor steigt, in die Plantage fährt oder zum Fischteich oder zu den Hühnern, in die Rüben für die Kühe zum Verfüttern, in die Kartoffeln, Baumwolle, Orangen...

Wenn du vormittags die Bewässerungsrohre verlegst, wenn Äpfel und Birnen geerntet werden...

Das ist Kibbuz, wenn die Sonne über dir steht, wenn du wieder am Tisch sitzt, zu Mittag.

Kibbuz ist Arbeit. Wenn du dich müde aus den Sachen schälst. Wenn du dann unter der Dusche stehst und unter die Decke krauchst. Das ist Kibbuz. Die Mittagsruhe und der Swimmingpool, Mädchen aus aller Herren Ländern und Einzelgänger, Globetrotter. Die Gespräche. Die Diskussionen.

Kibbuz ist, wenn sich einer geschworen hat, nie wieder deutsch zu sprechen, nie wieder einem Deutschen die Hand zu geben, nie wieder mit einem Deutschen an einem Tisch zu sitzen. Und wenn das alles vergessen ist, wenn zwei Menschen zusammentreffen.

Im Kibbuz bist du niemals allein und immer für dich. Kibbuz ist der Abend im Kaffeehaus. Shabbath. 1966 wohnte ich in Kfar Hammacabi. In der Kollektivform Kibbuz fühlten sich die Individualisten am wohlsten, die Autonomen, die Starken. Die sich in ihren Privatkram nicht dreinreden ließen und trotzdem solidarisch waren.

Wer den Kibbuz als Nest benutzt, wem der Kibbuz Brutwärme geben soll, der findet Geborgenheit und Wohlwollen, aber flügge muß er werden, denn kranke Küken hocken ein bißchen hilflos herum. Die allgemeine Erwartung, daß einer erwachsen werde, das ist wohl Kibbuz.

Irgendwo wird's politisch. Da sollst du dich voll identifizieren. So geht es aber nicht. Die Palästinenser sind mittelbar Naziopfer. Das geht zu weit?

Warum kommt ihr nicht nach Deutschland, besetzt doch die norddeutsche Tiefebene, nehmt euch hier Land. Da können wir ewig diskutieren. Aber es gibt einen Maßstab, an dem Israel, an dem auch der Kibbuz zu messen ist.

Er ergibt sich aus der Geschichte des Landes, der Leute, die in ihm leben. Vor allem aber aus der Geschichte der Juden. Diese Geschichte aber vollzieht sich einzig aus dem Selbstverständnis als Träger der biblischen Verheißungen.

Der Kibbuz ohne Torah ist undenkbar. Der Kibbuz ist keine sozialistische Emanzipation aus der jüdischen Geschichte, und soweit er sich dennoch als solche mißversteht, begibt er sich seiner historischen Bedingungen. Die darin überlieferten Prinzipien aber sind nicht nationaler Art, sondern von einer Natur des Authentischen, universell.

Wer erst gelernt hat, den Menschen so zu respektieren, wie er geworden ist, wird auch aus der menschlichen Geschichte lernen können, daß Theorien, die auf Wolken wachsen, die Realität nicht ändern; daß sie nur blenden.

Der Kibbuz ist nicht gescheitert, er hat sich bewährt, weil rechtzeitig erkannt wurde, daß der Mensch ganz offensichtlich eine Natur hat, die er ohne bösartige Folgen nicht einfach ignorieren kann.

Der Kibbuz hat überlebt, weil man verstand und schließlich respektierte, daß z.B. die Frauen nicht wollen, was man von ihnen - fortschrittlicherweise - ursprünglich erwartet hatte.

Die Frauen, wie sie nun einmal sind, wollen den Quatsch meist gar nicht. Sie arbeiten ja schon genug. Aber sie wollen sich eben hübsch machen, individuell kleiden, gefallen, eine eigene Familie, einen Mann und Kinder haben und einen engeren Privatkreis ganz für sich. Als Ausweg.

Von den "gesellschaftlichen Aktivitäten" halten sie in der Regel nichts oder wenig. Es scheint sich als kollektiver Erfahrungsschatz herauszukristallisieren, was z.B. auch aus Rußland zu hören ist: daß nämlich die Frauen, wenn sie nicht spätestens mit dreißig geheiratet, eine Familie gegründet und sich aus der Berufs- und Arbeitswelt zurückgezogen haben, ihr Leben für verpfuscht halten.

Die kollektive Doktrin war offenbar nie etwas anderes als ein Produkt aus Unerfahrenheit, eine - ein bißl verrückt auch - ins Gesamtgesellschaftliche projizierte Jugendbündlerei.

Das Leben im Kibbuz ist ganz anders. Die meisten Frauen wollen in den traditionell "weiblichen", die Männer sowieso in "männlichen" Berufen arbeiten. Am glücklichsten die Frauen, die sich auch mit Verstand der Kindererziehung widmen. Und am glücklichsten die Kinder, denen eine liebevolle Erziehung zuteil wird.

Wo aber Professor Heinsohn auftaucht - ob bei Arbeitern, ob in der Dritten Welt, ob also nun in Israel -, ihn bewegt immer nur die eine Sorge: die "Inflation von Kindern", "das übermäßige Wuchern der Menschengattung" (367).

Ich arbeite dann schon mal in der egalitären und auch überschaubaren Genossenschaft, lebe aber weiterhin unzensiert mit allen für mich erreichbaren. Mit dieser Kombination von egalitärer Arbeit und Lust an der Fremdheit und Heimlichkeit in der Freizeit kann jederzeit begonnen werden (368).

Mit der "egalitären" Kollektivgesellschaft verbindet Heinsohn nämlich eigene Wunschvorstellungen:

Wenn wir zum Beispiel bei matrilinearen Stämmen vom sogenannten Paradies der Unverheirateten hören, in dem Promiskuität nicht nur geduldet, sondern angeleitet und ermutigt wird, dann hat der Kibbutz diese Möglichkeit jedenfalls noch nicht ausgeschöpft (365).

Er möchte "angeleitet" und "ermutigt" werden, der große Junge. Wart bis Pflaumenpfingsten...

Die Utopie, die er nirgendwo fand, doch überall wuchert's von Menschen, versinkt er in Kindern, je mehr, desto weniger wert sind sie, nicht wahr? Unser Einziger...

Indessen habe ich überhaupt keine Sorge: Lamm und Löwe werden in Frieden miteinander leben können (363), wenn nur erst die Heinsohns stille werden, weniger werden, wenn's endlich aufhört, das "übermäßige Wuchern dieser Menschengattung", die "Inflation von Kindern" dieser Art.

Dann wird alles besser. Da müßte man also mit einer menschenfreundlichen Erziehung beginnen.

Eine allgemeine Verrohung und Entmenschung von Kindesbeinen an wird gern als ein Ergebnis "gesellschaftlicher Verhältnisse" im "Kapitalismus" beziehungsweise eines "amerikanisierten, patriarchalisch strukturierten Systems" dargestellt.

Wildpflanzen gleich wachsen Kindermonster auf in der versumpften Geldmacherlandschaft.

Lehrer und Erzieher haben mit ihnen fertig zu werden wie Sisyphus mit seinem Stein am Berghang.

Neue pädagogische Konzepte, Modellversuche zur Behebung des Übels, gingen ein in die Praxis von Schulen und Kindergärten.

Ich fürchte, die Genese der Krankheit ist gründlicher zu erforschen, die Diagnose ist neu zu stellen.

Ich glaube, es gehört inzwischen zum medizinischen Standardwissen, daß 75% aller modernen Krankheiten durch Ärzte verursacht werden.

Auf dem Felde der Pädagogik haben sich Böcke zu Gärtnern gemacht. Sie haben die Kinder zum Fressen gern, diese neuen Erzieher.

Im Anfang waren die Sprüche. Es folgten die zärtlichen Injektionen. Mutter zu ihrem Kind: Sieh mal, damals gab es noch keine Pille. Eigentlich bist du ein mißlungener Abortus, Kleines. Ist doch lustig, oder nicht? Ja, das schafft Urvertrauen.

Klassenpolitik. Dieser Begriff bezeichnet die Tabuzone hochaktueller gesellschaftlicher und staatspolitischer Praxis.

Wo davon die Rede ist, geschieht es mißverständlich, etwa derart, wie Paul Feyerabend mir schreibt:

... daß auch die Mitglieder der Mittelklasse Menschen sind, keine Hunde, und ein Recht darauf haben, daß man ihre Wünsche respektiert (außerdem halte ich diese ganze Unterscheidung Proletariat-Mittelklasse für ein Märchen der Intellektuellen).

Als käme der Druck von unten, als gäb's so etwas wie eine proletarische Klassenpolitik, die die Rechte und Wünsche der Mittel- und Oberklassen bedroht.

Und nicht eine Politik dieser herrschenden und sich selbst privilegierenden Klassen gegen das pure Existenzrecht der im Produktions- und Reproduktionsprozeß sich allmählich "überflüssig" machenden Arbeiter und Unterschichten.

Wie Wirtschaftskrisen fast ausschließlich zu Lasten von Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängern, Rentnern, Schwerbehinderten, Kranken bewältigt werden, kann jeden Tag in der Zeitung nachgelesen werden.

Und Klassenpolitik ist das treibende Moment in der neuen pädagogischen Lehre. Die Zerstörung der Familie hat nämlich ihre Grenzen.

Der Zynismus der neuen Erziehung offenbart sich in der eingestandenen Erkenntnis, daß die Familie als Voraussetzung für die Selbst- und Menschwerdung unabdingbar ist und durch nichts ersetzt werden kann - und auch nicht ersetzt werden soll, soweit es sich nicht um Lohnarbeiterfamilien handelt. Die Abschaffung der Familie ist ausschließlich aufs Proletariat anzuwenden.

Lohnarbeiter waren eine geschichtliche Übergangserscheinung, proletarische Familiengründungen christlich-jüdisch motivierte Irrtümer, ökonomisch nur zeitweilig von Nutzen.

Kindergartenerziehung betraf von Anfang an die proletarischen Kinder, nur für diese ist sie sinnvoll und richtig.

Ein Fernziel ist die totale Verstaatlichung dieser Erziehung von Geburt an.

Proletarische Mütter soll es nicht mehr geben, allenfalls als Kindererzeugerinnen sind sie noch vorgesehen.

Über Leben und Tod entscheidet der Staat, was die Arbeiterkinder angeht, die es ja eigentlich nicht mehr geben wird, aber vielleicht doch noch gibt, weil der eine oder andere Arbeiter zum Fegen und Müllwegfahren doch noch gebraucht werden könnte.

Auch als Soldat oder Polizeibüttel...

Damit ziehe ich die Essenz aus zwei lehrreichen Arbeiten: Gunnar Heinsohn, Barbara M.C. Knieper, Theorie des Kindergartens und der Spielpädagogik; edition suhrkamp 809 (A). Gunnar Heinsohn, Rolf Knieper, Theorie des Familienrechts. Geschlechtsrollenaufhebung, Kindesvernachlässigung, Geburtenrückgang; edition suhrkamp 747 (B).

Die Unterscheidung zwischen Familienleben und "Kasernierung" nach Klassenmerkmalen begründet sich zunächst aus einer grundsätzlichen Kritik an sozialistischen Modellvorstellungen, die davon ausgehen, daß eine kollektive Erziehung die bessere und eben deshalb einer Erziehung in der Familie vorzuziehen sei.

Darauf fällt die Heinsohn-Schule nicht mehr herein. Heinsohns wissen, daß die kasernierte Kindererziehung nicht gut und schon gar nicht "besser" ist, sondern "ökonomisch notwendig" - und natürlich nicht für alle.

Wer für die Zukunft seiner Kinder sorgen kann, wer über privates Eigentum verfügt, das er den Kindern vererben kann, der kann sie und soll sie auch selber erziehen, für den hat die Familie weiterhin Bestand, für ihn ausschließlich.

Die männlich dominierte Ehe und Familie, deren Zersetzung die gesellschaftliche Kleinkindererziehung nach sich zieht, war wie diese nicht aus pädagogischer Überlegung und Planung entstanden, sondern als Folge einer von pädagogischen Wünschen ganz unabhängigen Konstellation.
Das einstmals neue Produktions- und Eigentumsverhältnis der patriarchalischen Familie - mit Produktionsmitteleigentum bei einem Manne und dem Erbrecht seines Sohnes - war nicht aufgekommen, um besser erzogene Menschen als zuvor zu gewinnen, sondern weil eine bestimmte historische Konstellation es ermöglicht hatte, matrilinear bestimmte Generations- und Geschlechtsbeziehungen zu zerstören und die patriarchalische Struktur zu etablieren (12 A).

In einer Fußnote lesen wir:

Dieser Übergang ist immer noch wissenschaftlich unzureichend geklärt...

Und schon hier wäre einzuwenden: Aus welchen Gründen auch immer die so strukturierte Familie entstand - wenn sie einer optimalen Menschenerziehung am sinnvollsten entspricht, so könnte, wenn schon damals nicht, ja doch heute der pädagogische Wunsch, das erzieherische Motiv sich durchsetzen wollen.

Dies gilt als Ausgangspunkt:

Weil Familie für Kleinkindererziehung - systematisch, keineswegs empirisch gesehen - nicht mehr zur Verfügung steht, muß ganz unausweichlich der Staat oder eine andere gesellschaftliche Institution einspringen, obwohl noch ungeklärt ist, ob sie die erforderliche Erziehungsleistung überhaupt zustande bringen können (11 A).

Die Grundprämisse, von der Heinsohns ausgehen, die sie überhaupt nicht infragestellen, ist die sogenannte "ökonomische Notwendigkeit".

Obwohl doch bereits ihre Urannahme, die Entstehung der ("patriarchalischen") Familie und der damit zusammenhängenden Produktions- und Eigentumsverhältnisse sei das Produkt einer "bestimmten historischen Konstellation", nach eigenen Worten der Autoren "noch wissenschaftlich unzureichend geklärt" ist, mit anderen Worten, eine pure Spekulation darstellt, die sich hier allerdings nicht von ungefähr ergibt.

Es könnte doch - und dies mit der auf historischer Erkenntnis gewachsenen pädagogischen Verantwortung, was ja Heinsohns Sache wäre - vom Standpunkt der Familie argumentiert werden, etwa so:

Die proletarische Familie wurde in der bisherigen Geschichte immer wieder ein Opfer "ökonomischer Notwendigkeit".

Jetzt endlich und erstmals in der Geschichte tritt diese "Notwendigkeit" zurück zugunsten der Erwartung, daß spätestens im Jahre soundso die Proletarbeiten von Robotern ausgeführt werden können.

Die proletarischen Familien werden dann ihre Kinder jenem Menschenbild nachformen, das ihnen in glücklichen Momenten verheißen...

So könnte zum Beispiel das Problem der zunehmenden "Arbeitslosigkeit" zugunsten der proletarischen Familie gelöst werden, dergestalt nämlich, daß nicht mehr beide Elternteile einer Lohnarbeit nachgehen, sondern einer, ich sage: am besten die Mutter zuhause bei den Kindern bleibt, um sie zu freien und ernsten und heiteren und sich ihrer Verantwortung als Menschen bewußten Individuen zu erziehen.

Dies ist ja immer noch der wichtigste, hingegen auf unverantwortliche Weise verschluderte "Produktions"-Bereich menschlichen Daseins (was die staatlichen "Erzieher" sehr wohl anzubringen wissen, wenn's um ihre Besoldung geht).

Doch unfundiert geht es weiter:

Die Aufgabe der patriarchalischen Familie bestand in der Erzeugung von Söhnen unbestrittener Vaterschaft.
Der unbestrittenen Vaterschaft wiederum bedurfte es wahrscheinlich zur dauerhaften Legitimierung der gewaltsam erzwungenen Macht ehemals vaterrechtlicher Viehzüchter über matrilineare Bauern.
Das Interesse an dieser Machterhaltung - also die Nicht-Assimilierung an die vorgefundenen Strukturen - dürfte der Vermeidung bestimmter - bei den Viehzüchtern verachteter - niedriger Arbeiten gegolten haben, die erst dann anderen zugewiesen werden konnten, wenn man selbst die entscheidenden Lebensbedingungen - wie Vieh und Boden - in Händen hielt und an einen Sohn vererben konnte.
Das Halten des Eigentums und damit die Aufrechterhaltung der väterlichen Macht wurden also mit dem vor-patriarchalischen Mechanismus der Abstammung gerechtfertigt.
Die Abstammung von einer Mutter entschied zuvor über Sippenzugehörigkeit, Pflichten, Versorgung usw. und war als jedermann sichtbare gleichbedeutend mit der sozialen Stellungszuweisung.
Der unbestrittene Wert der Abstammung als sozialer Ordnungsfaktor dürfte u.E. in der hohen Bedeutung des Blutbandes gelegen haben (13f.A).

Fußnote:

Die Bedeutung des Blutbandes dürfte weniger aus einer Ähnlichkeit der Blutsbeschaffenheit von Mutter und Kind herrühren als aus dem Schuldgefühl der Nachkommenschaft über das wirklich von den Müttern vergossene Blut (14A).

Die Hervorhebungen sind von mir.

Darauf also ruht Heinsohns und seiner Mitarbeiter Wissenschaft: auf "wahrscheinlich", "dürfte", "dürfte u.E.", "dürfte", dürftig auf "immer noch wissenschaftlich unzureichend geklärt", im übrigen auf Spekulationen, Unerwiesenem, Unbelegtem; insgesamt offenbar in einer neomythischen Moorlandschaft.

Daß aber zum Beispiel - und zwar aus der Sicht der Kinder, vor allem des Sohnes - mit der "unbestrittenen Vaterschaft" das psychische Urvertrauen gesichert; daß mit dem stabilisierten Blick auf die eigene Lebensgeschichte und -vorgeschichte schließlich das humane Geschichtsbewußtsein begründet wird, ist hier von so immenser Bedeutung, daß darüber alles andere an Gewicht verliert.

Das gleichsam mutativ erlangte Geschichtsbewußtsein läßt sich nicht eigentlich historisch "überwinden", sondern nur zurücknehmen, "regressiv" unterlaufen durch Beseitigung der familienstrukturellen - und also psychostrukturellen - Bedingungen.

Hier liegt bei Heinsohn der Hase im Pfeffer. Gehört es doch zum Grundbestand seiner Welt- und Geschichtsinterpretation, daß Menschen und Natur sich in kataklysmischer Evolution fortbewegen; daß die katastrophischen Intermezzi vom Menschen verdrängt und in kollektiven Wahnhandlungen reaktiviert werden, undurchschaut, worauf zum Beispiel auch die Menschenvernichtung in Auschwitz zurückzuführen sei.

Die Katastrophen ereigneten sich in der Geschichte, wurden nur "vergessen". Die Geschichte ist kürzer, als man denkt.

Wenn aber Geschichte vor allem das Bewußtsein von ihr ist, dieses schließlich von bestimmten psychologischen Bedingungen abhängt, dann ist Heinsohns pädagogisches Konzept, nach allem, was wir jetzt wissen, geeignet, historisches Bewußtsein wieder aufzulösen und nicht etwa, wie ja sein Anspruch lautet, über verlorene Geschichte aufzuklären, das Bewußtsein von ihr zu erweitern.

Die "unbestrittene Vaterschaft" ist bei den Heinsohns nur mittels "Frauenunterdrückung" zu erreichen.

Entsprechend muß der erbensuchende Mann eindeutig nachweisen können, daß seine Frau nur mit ihm und keinem anderen verkehrt hat.
Daß für diesen Zweck das Sexualverhalten der Frau zur Keuschheit revolutioniert werden mußte, wird hieraus verständlich.
Wie diese Keuschheit zur individuellen weiblich-mütterlichen Struktur wird, wäre in einer gesonderten Analyse herauszuarbeiten (14).

Wenn es einem als Menschen schon schwerfällt, über sich Klarheit zu gewinnen, so bieten sich Vergleiche an.

Und da der Mensch sich immerhin zu den Primaten rechnet, ist doch zu fragen, wie zum Beispiel in einer Löwenfamilie die ihr offenbar ganz naturgemäß eigentümliche Struktur zustande kam.

Oder richtiger: Wann wird eine Löwin "hysterisch", wann frißt sie ihre Jungen auf?

Schon der simple Vergleich legt die Vermutung nahe, daß das Nichtfunktionieren dieser Familienstruktur auf Störungen zurückzuführen ist, nicht daß die Störung sich gleichsam als "Familie" strukturiere und manifestiere.

Hier ist nur festzuhalten, daß die erzwungene Sublimierung der überlegenen weiblichen Sexualpotenz und die Brechung mütterlicher Übermächtigkeit eine nicht vorab geplante zivilisatorische Kraft der patriarchalischen Familie wird (15).

Bemerkenswert, daß derlei Mythen allein auf nordmitteleuropäischem Kulturboden so vortrefflich gedeihen, wo es fürs weibliche Element doch eher charakteristisch ist, der Sexualität auszuweichen, sie zu fürchten, ihr feind zu sein.

Die Germanischen Frauen waren um Ausreden nie verlegen.

Sehen wir vom germanischen oder deutschen Sonderfall einmal ab, so wird das Problem dieser oder jener geschlechtlichen Über- bzw. Unterlegenheit auch historisch interessant:

die von der Heinsohn-Schule postulierte "überlegene Sexualpotenz" der Frau macht aus dem Mann ein Wesen, das sich und seiner eigenen, konkreten Geschichte auf dieser Erde gänzlich widerspräche.

Dies zur winzigen Korrektur der nachfreudianischen Sublimationstheorie:

Bist du schöpferisch, Kumpel, bist du's auf allen Gebieten. Eine Sache kommunizierender Durchblutung, nicht wahr. Ist die gestört, denkst du falsch.

Vielleicht liegt's am Sonnengeflecht.

Ebenfalls nicht vorab geplant, sondern Resultat der patriarchalischen Familienstruktur scheinen Fortschritte im systematisch-logischen Denken gewesen zu sein.
Da die legitimationswirksame Abstammung zwischen Vater und Sohn nicht offensichtlich ist, kann sie nur mit Hilfe der Aussage formuliert werden: "Wenn deine Mutter zum Zeitpunkt ihrer Empfängnis ausschließlich mit diesem Mann verkehrt hat, dann bist du sein Sohn."
Die Herausstellung der nicht offensichtlichen, aber legitimationsnotwendigen Vater-Sohn-Abstammung erfordert mithin abstrakte Deduktionsleistungen, die wiederum später mit zur Voraussetzung von Wissenschaft werden.

Das Pendeln zwischen Wissenschaft und Weltanschauung, dieses Verwischen der Grenzen zwischen mythischer Projektion und wissenschaftlicher Methode scheint auf einen, in sich antagonistischen, subjektiven kritischen Kern zurückzuführen zu sein.

Die Heinsohns ahnen da was.

Wenn es richtig ist, daß eine entschiedene Notwendigkeit deduktiv-logischen Denkens damit gesetzt war, sich auf etwas nicht Offensichtliches dennoch mit Eindeutigkeit beziehen zu müssen, dann ist wiederum nur die spezifische Struktur der patriarchalischen Familie näher bestimmt, noch nichts jedoch über die subjektive Ausbildung logischer Denkfähigkeit in der Kindheit gesagt. Diese wiederum ist gesondert zu analysieren.

Hier darf man, von Pädagogen zumal, eine detailliertere Einsicht erwarten.

Auch ist neben der "Ausbildung logischer Denkfähigkeit" eine ganz andere Frage von sehr viel größerer, existentieller Bedeutung, nämlich das Problem der individuellen Beziehung zur Realität, zu der ihr innewohnenden Wahrheit.

Der Einblick in die eigene Geschichte, die Erkenntnis der eigenen Vorgeschichte als Geschichte des Vaters und diese als Bestandteil der eigenen Identität, schafft die wesentliche Grundbedingung gar nicht für die Ausbildung logischer Denkfähigkeit, sondern für ihre besondere Anwendung als Realitätsentsprechung.

Der "Vater" als Orientierungsinstanz schafft die psychische Suffizienz als Grundvoraussetzung für einen realitätsgerechten Einsatz der a priori vorhandenen Fähigkeiten.

Die weibliche Übermacht bleibt ungebrochen als mütterliche. Dies bezieht sich aufs Kind.

Daß Störungen der Geschlechterbeziehungen in der Tat auf ein Fortwirken jenes Primärverhältnisses zurückgeführt werden können, ist sicherlich ein aktuelles Problem dieser Gesellschaft.

Die Heinsohnschen Theorien stehen und fallen mit der Unfähigkeit des Menschen, Subjekt seiner eigenen Geschichte zu werden.

Weltanschauung und Pädagogik der Heinsohn-Schule produzieren beständig, dem sie zugleich ihre Existenz verdanken: den unmündigen Menschen.

Sie können nicht anders.

Die einfachen Lohnarbeiter sind anfänglich nicht einmal imstande, die Familie als Form intakt zu halten.
Ihre Existenz als Lohnempfänger enthält keinerlei Zwang zum Unterhalt einer Familie, weshalb auch die Bemessung ihres individuellen Lohnes lediglich auf ihren Lebensunterhalt zugeschnitten war.
Das führte dazu, daß Frauen und Kinder ihren eigenen Lohn verdienen mußten und noch nicht erwerbstätige Kleinkinder nur durch gesellschaftliche Einrichtungen vor dem Tode bewahrt werden konnten (17).

Da sie also keine Familie haben mußten, gab's so wenig Geld. Nicht die unbegrenzte Ausbeutung der Menschen zerstörte ihre Familien, sondern deren Verzichtbarkeit führte zu den niedrigen Löhnen.

Das ist eben Heinsohn, wie er denkt und ficht. In seiner jüngsten Dissertation (Bremen Februar 1983) weist er übrigens nach, daß seine Welt noch in Ordnung ist.

Da erfährt, wer's noch nicht wußte, daß die "Reichen" reicher sind, weil sie "fleißiger gearbeitet" haben als die Armen.

Mit Heinsohns Ökonomismus will ich mich nicht länger aufhalten. Interessant ist eben doch, daß er an anderer Stelle den "Ökonomismus" der Marxisten als historisch-wissenschaftlich "überholt" abtut.

Merke: Karl Marx argumentiert für die Arbeiterklasse. Das ist "überholt" und "ökonomistisch". Heinsohn artikuliert die ökonomischen Interessen der Gegenklasse. Da gibt's dann halt Sachzwänge und Notwendigkeiten. Und das ist Wissenschaft. Ist das klar?

Wohin nun mit den also "unnötigen" Arbeiterkindern?

Erst einmal müssen Planstellen her.

Aus der Not eine Karriere machen.

Aber selbstverständlich nicht mit den Ellenbogen. Bißchen was von Analyse, Theorie, Form wahren, Dames en Heren...

Aus dem bisher Gesagten lassen sich indes Bedingungen formulieren, die verwirklicht werden müßten, wenn eine staatliche Kleinkindererziehung die ihr obliegenden Leistungen erbringen soll.
Ihre Durchsetzung ist jedoch gegen systemtypische Strukturen zu erkämpfen und bleibt immer ungewiß:
1. Verbeamtung der Erzieher - also ihre frühzeitige Herauslösung aus der Lohnarbeiterkonkurrenz.
2. Frühzeitige Pensionierung der Erzieher - also die Wegnahme der Bedrohung: Was mache ich mit 45, wenn ich nicht mehr die Kraft und Lust habe, mit Kleinkindern zu arbeiten?
3. Gleiche Bezahlung von Erziehern und anderem staatlichen Lehrpersonal - also die Zerstörung des gleichgültig machenden Gedankens: Wenn ich schon - wie die Sozialisationsforscher behaupten - die wichtigste Erziehung überhaupt leiste, will ich sie auch so gut bezahlt bekommen wie jede andere Ausbildungstätigkeit.
4. Hochschulstudium für die Erzieher - also die Aneignung der Momente eines kindlichen Lebensprozesses (infantile Welt) und der Fähigkeit, die rätselhaften Verhaltensweisen der Kinder zu verstehen.
5. Kleine Gruppen im Kindergarten - also die Schaffung der Möglichkeit, mit jedem einzelnen Kind eine Beziehung aufzunehmen.
6. Beseitigung der Hierarchie innerhalb der Einrichtung und zur staatlichen Verwaltung sowie Einführung des Einheitserziehers - also Herstellung eines demokratischen, angstfreien Klimas unter den Erwachsenen der Einrichtung, indem sie alle auf gleicher Ausbildungsstufe und Lohnhöhe stehen und spezielle Aufgaben durch Wahl aneinander delegieren.
7. Verkürzung der Arbeitszeit auf das durchschnittliche Niveau staatlicher Erziehung - also Verhinderung gleichgültig machenden Neides und Kraftersparnis für die Kinder.
8. Durchbrechung des Frauenmonopols - also Vermeidung sexueller Isolierung und daraus resultierender spezieller Berufsdepressionen.
Fast alle diese Maßnahmen, die noch ergänzt werden können, sind z.B. für Universitätsprofessoren weitgehend verwirklicht... (235f. B).

Damit wir die Kinder nicht völlig vergessen - ihre totale Kasernierung, den "tendenziell leider dauernden Aufenthalt" (237).

Die Reform und weitere Verstaatlichung der Kleinkinderziehung muß mithin - will sie ihre für die Gesellschaft lebenswichtige Aufgabe erfüllen - an den Strukturen der "Aufzuchtsbetriebe" ansetzen. Vor ihrer vollkommenen Befreiuug von allen Momenten der kapitalistischen Fabrik...

Ich kann nicht mehr.

Wir sind ja längst Zeuge solcher Reglementierungs- und Kasernierungsveranstaltungen von Kleinstkindesbeinen an, auch ihrer Erfolge.

Die gesellschaftlich organisierten und staatlich finanzierten Verbrechen am Kind haben ihre Ankläger nur noch nicht gefunden.

Noch sind die Kinder, ein Jahrgang nach dem andern, solchen "Sozialisations"-Frankensteiniaden hilflos ausgeliefert, obwohl die leibhaftigen Resultate mittlerweile zu einer kollektiven Erscheinung werden.

Und obwohl auch die "pädagogischen" Ursachen detailliert sich nachweisen lassen, werden die gemeingefährlichen Unternehmungen nicht flugs abgeblasen, sondern frech und fröhlich weitergeführt und gefördert. Jetzt soll's erst richtig losgehn!

Ergebnisse und Begleitumstände solcher "Erziehung" werden an zahlreichen Beispielen von den Autoren keineswegs ausgespart, aber es bestürzt ein offenbarer Mangel an Sensibilität für psychologisch brisante Beziehungssituationen.

Schrill Alarmierendes geht da durch wie ein milder Frühlingstag.

Was an alltäglichem "Kindergarten" vorgeführt wird, ist die subtile Hölle, ist eine Seelenmonsterküche.

Diese "Sozialpädagogik" ist - in Gedenken an den Humanisierungs- und Befreiungsauftrag, der sich immer auf Unwissenheit und Unmündigkeit bezog, sie zu überwinden - eine Katastrophe.

Aber vielleicht spielt dieser Faktor mit bei der "Evolution" à la Heinsohn.

Der affektive Einsatz verbaler Mittel bei der ideologischen Ausgrenzung des pädagogisch Vernünftigen spricht für sich.

Der Begriff der Emanzipation, der ursprünglich die von gesellschaftlichen Zwängen meint, verkommt hier zu einer "Enthaustierung der Frau" und "Freisetzung zur Lohnarbeit" (166f.B), was ja "Befreiung zur Sklaverei" bedeutet.

George Orwells Horrorbotschaften werden heute als Utopien gehandelt.

Somit sind die historischen Voraussetzungen der Zurichtung der Frauen zur Kinderpflegebereitschaft als zur Mütterlichkeit sublimierter Sexualität ausgelöscht (168 B).

Was jetzt kommt, liest sich - vergleichsweise - wie aus der Bergpredigt:

Von der Führung der Russischen Revolution, die für die Gleichstellung der Frau eine epochale Wende brachte und sie politisch bewußt forcierte, ist der Widerspruch zwischen Gleichstellung der Geschlechter und Mutterschaft erstmals in seiner ganzen gesellschaftlichen Bedeutung formuliert worden:
"Die Mutterschaft ist die Kernfrage aller anderen Fragen. Hier treffen sich alle Stränge, und von hier weisen sie in alle Richtungen. (...) Die Mutterschaft steht im Mittelpunkt aller Probleme. Deshalb müssen alle Maßnahmen, jedes Gesetz, jeder praktische Schritt im ökonomischen und gesellschaftlichen Aufbau auch unter der Fragestellung geprüft werden, wie sie auf die Familie einwirken, ob sie das Los der Mutter verschlimmern oder erleichtern und ob sie die Stellung des Kindes verbessern" (169).

Das Zitat ist von Trotzki.

Unsere "Pädagogen" haben es nicht etwa als scharfen Kontrast zu ihrer eigenen Mülltonnenmentalität angeführt. Das ist eben das Problem: ihnen fehlt etwas. Wer die Mütterlichkeit als "Zurichtung der Frauen zur Kinderpflegebereitschaft" definiert, ist zugerichtet.*

Die Zukunft der Menschheit ruht in einer anderen Kraft.

Sonst brauchte es keine Strafbestimmungen für das Beleidigen, Beschimpfen und Verprügeln von Familienplanungsarbeitern und -aktivisten.
Sonst hätte in einem Dorf des Bezirks Huiyang den Schwangeren nicht Wasser und Strom abgestellt werden müssen.
Niemand hätte ihnen die Türen versiegeln, die Dächer abdecken und das Essen verweigern müssen...
Sonst hätte eine Frau in einem Guangdonger Dorf nicht die Leiterin des örtlichen Frauenverbandes mitsamt deren beiden Kindern ermordet, weil sie zur Abtreibung gezwungen worden war.
Sonst hätten Frauen nicht lastwagenweise wie Verbrecher während der Kulturrevolution zur Abtreibung in die Kliniken zwangsüberführt werden müssen,

las ich im Weltwoche-Magazin 21/83.

Und

nicht die Bevölkerung, sondern die Wirtschaft sei zu steuern,

habe Mao einst betont;

daß an der elementarsten aller Gewalten, an der Zeugungskraft, auch die stärkste Staatsgewalt zerbrechen

werde.

Indische Frauen erkundigten sich in "Familienplanungs"-Stationen, die ihnen die Pille aufschwatzen wollten, wie sie mehr Kinder bekommen und sie besser pflegen könnten.

Indische Männer, die sterilisiert werden sollten, stürzten am Ende ihre Regierung.

Die Heimsuchung durch die Abgetriebenen hat indessen mit dem "E.T."-Film auch schon die ersten deutschen Erzieher erreicht; kollektives Schuldgefühl übermannte und -fraute die Zurückgebliebenen.

Die Zuschauer weinten und wußten nicht, worüber sie weinten.

Vielleicht sollte man für unsere "Pädagogen", die an Entwürfen für Kindersilos basteln, einfach die Prügelstrafe einführen.

Die Kriminalität dieser "neuen" Erziehung liegt in der schadenstiftenden Grundverfassung, der theoretischen Ausgangslage.

*Das Böse ist kein Wesen, sondern ein Mangel, sagt Baalschem Tobh.

online-Fassung

kuckuck 40/41/42
1983/84, Sommer/Herbst/Winter
6. Juni 1983

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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