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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Buchausgabe:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 2. Klärungen, Rückblicke und neue Fragen
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1982-05-00

Horst Lummert

Für geduldiges Lesen

Nach dem Endsieg: der organisierte Widersinn?

Ungesicherte Überlieferung

Der Tod Volker von Törnes und der Prozeß gegen die rechtsradikalen Attentäter um den selbsternannten "Reichsverweser" Manfred Roeder verführten mich zu der Frage, ob zwischen den beiden NS-Prominentensöhnen und "Napola"-Schülern, deren Wege sich nach dem Kriege trennten - Törne zog nach links, Roeder nach rechts -, gleichwohl weiterhin Beziehungen bestanden. Eine rhetorische Frage, die aber so absurd nicht zu sein schien, seitdem unterm Schirm der "Friedensbewegung" extrem unverträgliche Kräfte zu nationaler Eintracht zusammenfanden.

Ich mochte die Frage nicht für mich behalten; also schrieb ich ein paar Briefe, warf sie in den Briefkasten und sann über den Satz nach, den mir Professor Heinsohn geschrieben hatte: "An die Kraft von NS-Sippen zu gemahnen und vor dem Blick auf den "Kinderreichtum" - bei den Armen und Arbeitenden - "als Ablenkungsmanöver zu warnen, trifft gewißlich wirkliche Versäumnisse."

Im Spiegel lese ich einen wunderlichen Essay von Christian Schultz-Gerstein, darin so herrliche Sprüche:

Die Neo-Nazis haben weder ökonomischen noch militärischen Einfluß noch sitzen sie - das walte Rudolf Mühlfenzl - im Zentrum der Medien. Und auch das Münchner Attentat und die neo-nazistischen Sprengstoffanschläge belegen ja keine politische, sondern eine zivile Gefahr, wie sie eben von Leuten ausgeht, die mit aller Macht, die sie nicht haben, ihre Wahnvorstellungen gegen die Realität durchzusetzen versuchen (20/82).

Wider alle Realität enthüllt dieser seltsame Entdecker einen "kollektiven Anti-Faschismus" der "der Wiedergutmachung hörigen Gegner des Nationalsozialismus" und "botmäßigen Anti-Faschisten". Ja, die Sprache bringt es an den Tag. "Mit den Neo-Nazis aber hat noch niemand gesprochen."

Ich behaupte nicht, daß die große Mehrzahl der Spiegel-Leser dem Christian jetzt ins nationalsozialistische Herz geschaut hat. Die Leserbriefschreiber jedoch reagierten allesamt so unerwartet sensibel und kritisch, daß es der Redaktion jedenfalls ein Trost gewesen sein muß, wenigstens diesen Ball zugespielt bekommen zu haben:

... denn das Schwierige an diesem Essay ist, daß man bei diesem ganzen ungeheuren Sarkasmus, bei dieser außerordentlich kritischen Distanz, bei dieser wortreichen Ironie gar nicht so recht weiß: was will er eigentlich?

Ob die "Neo-Nazis" Macht und Einfluß haben, werden wir sicherlich, das walte nun Schulz-Gerstein, nicht ergründen, wenn wir seinem schlauen Blick auf die leichten Sachen folgen und nach den bekreuzten Lausejungs starren. Die sind eigens dazu hergerichtet.

Und der kollektive Krypto-Faschismus wird ihn dankbar aufnehmen, diesen Wink aus Spiegels Hamburg, der Medien-Metropole des deutschen Nordens.

Im selben Spiegel-Heft stellt Peter Bölke in einer Rezension des Buches von Herman Kahn - Die Zukunft Deutschlands - die kecke Behauptung auf, Kahns Feststellung, in der BRD gebe es eine "neue Klasse", sei so etwas wie ein Gerücht: "Seine neue Klasse gibt es nicht."

Offenbar sind die Amerikaner nicht ganz so dumm, wie der Spiegel sie gern hätte. Herman Kahn gelangte zu Einsichten, zu denen jeder aufmerksame Beobachter kommen muß, der sein Denkvermögen nicht vorher bei der "Friedensbewegung" abgibt: Eine "neue Klasse" ist am Ball, unsere fesche upper middle-class, "in der Mehrzahl mit Vorurteilen und Schuldkomplexen behaftete Angehörige des saturierten Bürgertums", sie "haben ein gehöriges Stück vom Wohlstandskuchen bereits vereinnahmt". Jetzt können sie nur noch verlieren - ihre Sonderstellung, ihre Privilegien. In ihren Köpfen sind die "Grenzen des Wachstums" zu suchen.

Ich verstehe seit einigen Jahren, daß der Spiegel versteckte Tips gibt - welche Leute man ernstnehmen muß. Kahn ist einer von ihnen. In den wenigen Zitaten, die Bölke, sparsam genug, herausgefischt hat, liefert Kahn ein trefflich Stück Klassenanalyse der heutigen Bundesrepublik.

Die Neue Klasse ist die gesellschaftliche Macht hinter der Neuen Rechten, sie verkörpert und stützt den neuen Nationalismus in der Bundesrepublik, und sie ist weitgehend identisch mit den konsolidierten, miteinander verflochtenen und kommunizierenden NS-Sippen. Die Klassenfrage hat sich seit dem "Machtwechsel" in den sechziger Jahren mehr und mehr zur Problematik dieser Sippen kristallisiert.

Das liberale Image dieser Nationalisten hält sich mehr schlecht als recht; die Fälle, in denen sie - in flagranti ertappt oder aus welchen Gründen auch immer - die Kontrolle über sich verlieren, haben zugenommen.

Die Neue Klasse tritt, was zusätzlich Verwirrung stiftet, als antibürgerlich auf und suggeriert gern ihre irgendwie kapriziöse Nähe zur Linken. Den Code zur Entzifferung ihrer modischen Schriftzeichen enthüllt sie in einem eigentümlichen Selbstverständnis als neue Art von Aristokratie.

Nach Heinsohn "waren es eben solche Sippen feudaler oder faschistischer Provenienz, die sehr genau, sehr todesstrafend und sehr erfolgreich ihren Blick auf den Kinderreichtum der Bauern und Proleten wendeten, ja ohne diesen nicht zu leben vermochten". Später fügt er hinzu: "Das Proletariat hatte nie eine lebendige Zukunft... und wird um 1995 gänzlich von Robotern ersetzt sein..."

Zur Erfüllung derartiger Prognosen empfiehlt Professor Heinsohn den Proleten im Lande und in der Dritten Welt: Abortus, Pille, Kindestötung. Die "Bevölkerungsexplosion" enthüllt sich einmal mehr als ein Stück Klassenideologie der Neuen Rechten. Dagegen ist Herman Kahn ein arbeiterfreundlicher Prophet.

Innerhalb rechter Sippschaft und Klassenszene gibt es natürlich Familienstreitigkeiten, wir haben keinen perfekten Stromlinien-Nationalismus vor uns. Auch waren nicht gleich alle Sippen (wieder) im Sattel, als der Nach-Krieg begann (wir Träumer glaubten, es werde nun Frieden). Junge Nationalsozialisten rückten nach und verdrängten alte Nazis.

Die Neue Rechte legt größten Wert auf so differenzierende Terminologie. Schließlich hatten bereits die "Adolf-Hitler-Schüler" dem "Dr. Ley einen Pudding auf den Stuhl gelegt". Und überhaupt: "Ley war eigentlich Jude und hieß Levy (Amt Rosenberg)", schreibt ein ehemaliger "Elite"-Schul-Leiter.

Bis zuletzt hatte der Nazismus an seine Zukunft gedacht, für die historische Verlängerung dieser deutschen Vergangenheit vorgesorgt. "Napola", "Adolf-Hitler-Schulen", "Ordensburgen", "Partei-Hochschulen", "NS-Frauenschulen" und dergleichen mehr. Mit Zigtausenden von Absolventen. Wo waren die alle geblieben? Hinter manchem Jugendprotest verbarg sich so ein sippen- und klasseninterner Generationen- und Geschlechterzwist. Rivalitäten pro domo produzierten sich als demokratische Grundlagendebatten.

Den Spuren der Neuen Rechten ist leicht nachzugehen. Stets markieren sie das Inferno, in dem sie - und mit ihnen Deutschland und das ganze deutsche Volk - untergehen werden.

Aber wir wollen leben. Man hätte es den Verantwortlichen zeitig in die Ohren schreien müssen... zuallererst Bonn; denn die westliche Deutschlandpolitik ist sehr wohl mitverantwortlich für die drohende Katastrophe. Man hätte nachdenken müssen, handeln, beten.
Was würde ein konventioneller Krieg auf deutschem Boden bedeuten und was das vielfache Hiroshima eines Krieges mit taktischen Atomwaffen?
Wie würden die Westdeutschen reagieren, wenn sie endlich sähen, daß die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten bereit sind, ein deutsches Korea durchzuexerzieren?

Das schrieb vor zwanzig Jahren - präzise: "Berlin, 30. September 1962" - Reimar Lenz anläßlich der damaligen Berlin-Krise.

Ich zitierte aus der von ihm mitherausgegebenen Zeitschrift alternative (Heft 26, Oktober 1962).

Mit Heft 28 (Februar 1963) übernimmt Volker von Törne die Redaktion, und wir lesen in fetter Fraktur auf der Titelseite:

Als Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung lebte, als die jüdische Zersetzung am Mark seiner völkischen Substanz fraß, da stand ein Mann auf, ein Soldat des großen Krieges, und richtete die Fahne der deutschen Freiheit wieder hoch auf: Adolf Hitler, unser Führer.

War das schwarzer Humor, makabre Satire, Signal? Ansgar Skriver, der die Zeitschrift verlegte, geht zum Westdeutschen Rundfunk. Neben Lenz zeichneten Eva Müthel und Stefan Reisner als Herausgeber. Ich meine, ich las das Blatt als ein linkes Blatt und faschistische Reminiszenzen als Identifikationsmuster zur Entlarvung des latenten Faschismus in der Bundesrepublik.

Aber lag in diesem Zitat nicht vor allem die andere, die eigentliche Nachricht öffentlich aus - allerdings völlig geschützt vor dem Verdacht, es könnte sich dahinter eine politische Intention verstecken, die, mit dem Nazispruche kokettierend, sich zugleich mit seinem Inhalte identifizierte. Es war unglaublich, drum kam auch niemand darauf.

Die Nachkriegsstrategie der "Reichsjugendführung" verdankt ihren Erfolg nicht zuletzt der antikommunistischen Einstimmung des allgemeinen politischen und psychologischen Klimas in der Bundesrepublik. Sah einer Farbe, sah er rot. Ein "junger Nationalsozialist" aber, alter Schul-Kamerad, der den Spruch las, konnte mit dem Kopf nicken, er hatte sofort verstanden. Ich habe das erst nach zwanzig Jahren begriffen.

Unverwandelt Reimar Lenz - anno 81:

Eine neue Auseinandersetzung ist fällig, die Auseinandersetzung mit der wachsenden Gefahr eines Atomkriegs.
Erste Aufgabe einer Friedensbewegung wäre daher die Aufklärung darüber, was ist. Also malen wir den Teufel an die Wand, der uns unerkannt im Nacken sitzt. Erzeugen wir jene Form von Panik, die der Situation angemessen ist (Zeitschrift zero, April 1981).

Den Teufel - unerkannt im Nacken - an die Leinwand projizierend, narrt Vorführer Lenz die Theaterbesucher:

Wie fühlen Sie sich im Schlepptau des Weltgeistes, der, eigentlich mehr semitischer als preußischer Abkunft, uns da etwa ein Dreigestirn gebar: Marx, Freud und Einstein?! (reutlinger drucke, September 1975).

"Nazi-Riecherei...", schreibt er mir.

Obwohl sich mein Geruchssinn seither verfeinert hat, verlasse ich mich doch lieber auf das, was ich lese.

Peter Schütt bedankt sich herzlich für den

Diskussionsanstoß, aber zu dem heiklen Thema möchte ich mich lieber nicht äußern. Ich schicke Ihnen stattdessen lieber mein neustes Friedensbüchlein...

Es trägt den Titel: Entrüstet euch!

Tja. "Bequem war er nicht", schrieb Ingeborg Drewitz im Tagesspiegel vom 21. März 1982. Sie meinte von Törne. Ich schrieb also auch an sie. Sie an mich:

Ihr Brief, für den ich danke, enthält doch ein paar Kurzschlüsse, die gefährlich sind, und ich muß mich dagegen verwahren, daß Sie Törne und Manfred Roeder auf eine Stufe stellen. Törne hat - das weist sein ganzes Werk aus - darunter gelitten, eines solchen Vaters Sohn zu sein. Roeder nimmt die alten Ideen wieder auf.

"Roeder nimmt die alten Ideen wieder auf." Den Satz lese ich immer wieder. "... die alten Ideen..."

In der Frankfurter Rundschau vom 26.3.: "Auszüge aus einem deutschen Lesebuch mit dem Titel Was bedeutet für mich Frieden."

So Petra Kelly:

Man kann sagen, wie Ingeborg Drewitz, eine Friedensschwester, daß es den Frieden seit dem 6. August 1945 nicht mehr gibt.

Ist das authentisch?

Ja, authentisch, "nicht entstellt", Frau Drewitz steht dazu.

Original Drewitz: Seit 1945 gibt es den Frieden nicht mehr, jetzt nimmt Roeder die alten Ideen wieder auf. Mein Gott.

Dann kam Kurt Morawietz mit Rede und Antwort. Etwa:

Axmann bildete insgeheim HJ-Kader aus, die nach dem Endsieg die Macht im Reich übernehmen sollten.

Lenz - zero:

Überschreiten wir die Grenzen der friedlosen abendländischen Provinz. Das Problem sind wir selber geworden.

Während ich über meinen Briefwechsel hin und wieder den Kopf schüttelte, brachte ein hilfreicher Zufall die Zeitschrift TransAtlantik - bemöwt oder gehörnt - auf mein Thema:

Ulrich Enzensberger und Irene Dische schrieben im Maiheft 82 (ich zitierte daraus den "Elite"-Schul-Leiter) über "Adolf Hitlers Rasselbande", nachdem einen Monat zuvor Herausgeberin Marianne Schmidt bereits ihrer Bewunderung für die "nordisch-preußische Attraktivität" einer Marianne Hoppe Ausdruck gegeben hatte.

Warum interessieren Sie sich denn ausgerechnet für die AHS? Warum schreiben Sie nicht lieber etwas über die Waldorf-Schulen?

Der so fragte, ein ehemaliger "Adolf-Hitler-Schüler", wußte vielleicht einiges von der jüngeren Geschichte der "Reformpädagogik".

Wie einst die "Jugendbewegung" in der "Hitlerjugend", so verschwand die "Hitlerjugend" wieder in der "Jugendbewegung". "Der spätere Napolaschüler Elten" - zwischendurch beim stern - "erinnerte sich noch im Ashram von Poona lebhaft daran, wie ihm nach einer körperlichen Züchtigung das Blut aus der Hose lief, während er in die Toilette kotzte" (TransAtlantik 5/82).

Es beginnt mit der Nummer 1 im 3. Jahrgang der "Zeitschrift für hannoversches Literaturgeschehen", die Nummer 2 folgt bald nach. Die Zahl des Jahrgangs gibt zu erkennen, daß daran ein Geheimnis oder Rätselhaftes sich bindet. Die Lösung ist einfach und zugleich problematisch.

Die Nummern 1 und 2 (Setzkasten lautet der Obertitel des Blattes) gab es schon einmal, jetzt gibt es sie zweimal; aber die späteren decken die früheren zu. Die Geschichte der (ersten) Zeitschrift verschwindet. Spätere Leser wissen nichts von dieser Geschichte.

Die (zweite) Zeitschrift macht sich älter, als sie ist. Sie täuscht vor, im dritten Jahrgang zu erscheinen, indem sie den Titel (und mit ihm die Lebensjahre) einer Zeitschrift übernahm, die ihr Erscheinen eingestellt hat. Die erste wird zur (vergessenen) Vorgeschichte der zweiten. Der Nachkomme tritt als sein eigener Schöpfer auf.

Entspringt dies einer besonderen Art von Geschichtsbewußtsein? Der Vorgang hat sich ähnlich wiederholt.

Schon einmal gab es eine Zeitschrift, die nach drei Jahren einging, weil ihr Herausgeber keine Freude mehr an ihr fand. Das war vor zweihundert Jahren. Der Herausgeber war ein berühmter Dichter. Fast zweihundert Jahre später erschien eine Zeitschrift gleichen Namens und bezog sich ausdrücklich auf das Original aus vornapoleonischer Zeit. Namentlich dies verdeutlicht die historische Ferne, aus der eine heute verlegte Publikation ihr Selbstverständnis herzuholen vermag.

Beide Vorgänge üben auf mich eine gewisse Faszination aus. Ich leugne es nicht, ich verdanke ihr mein Interesse für den Baron von Münchhausen.

Immerhin besteht ein zeitlicher Zusammenhang: Als der ehemalige Kavallerieoffizier in russischen Diensten im Februar 1797 verstarb, erschienen die Horen des Hofrats Schiller im zweiten Jahr. Münchhausen hatte sie wahrscheinlich nie gelesen. Ein Jahr nach ihm wurden auch sie still begraben.

Die Begründung der Horen fällt - 1795 - in das Jahr der dritten polnischen Teilung, mit der der Staat Polen - er hatte erst vor einigen Jahren sich und damit Europa die erste geschriebene Verfassung gegeben - buchstäblich "ausradiert" wurde. Preußen, Rußland und, zögernd, Österreich hatten das Land nunmehr restlos unter sich aufgeteilt.

Münchhausens Lügengeschichten erschienen erstmals 1781 in einem Berliner Vademecum für lustige Leute.

"Ein Weser-Wachtraum. Plötzlich bin ich schier verdoppelt..." Bereits um 1750, eben dreißig Jahre alt, war Münchhausen endgültig wieder daheim im hannoverschen Bodenwerder.

Seine Geschichten haben ein auffallendes Merkmal. Wenn es ernst wird, läuft er davon, oder anders: Hieronymus läßt sich einen phantastischen Ausgang einfallen. Nähert sich ihm eine Frau, ist mit Schwierigkeiten und Störungen zu rechnen: er ist schon zu alt, steht in hohen Diensten, die seine Freiheiten einschränken, die Frau verwandelt sich in eine Katze, die ihn mit ihren Krallen bedroht. Überhaupt hat er's mit Tieren: mit Pferden, Wölfen, Elefanten, Eisbären... Auf einer Kanonenkugel oder hinauf auf den Mond stiehlt er sich davon. Dort begegnete ihm eine Frau ohne Körper, wie schön, nicht Fleisch und nicht Blut, eine Pflanze...

Acht Jahre lang diente er als Page am Petersburger Hof. Wenn daheim junge Männer mit ihren Liebeserfolgen prahlen, sticht er sie aus mit der phantastischen Erzählung vom überdimensionalen Pferdeschlitten, auf dem er der russischen Kaiserin beiwohnte.

Als Offizier in Riga, nahm er wahrscheinlich an einem Feldzug gegen die Türken teil, geriet in Gefangenschaft, von wo aus er schließlich nach Hannover zurückkehrte. Die gute zweite Hälfte seines Lebens kam er hier nicht wieder heraus.

Wenn Münchhausen sich die Meerschaumpfeife ansteckt und zu erzählen beginnt, geht seine Geschichte in Geschichten vollends verloren.

Was hat er verschwiegen? Warum berichtet er nicht?

November 1939. Der Leiter der Operationsabteilung III im Generalstab des Heeres, Oberstleutnant Helmuth Stieff, schreibt aus dem besetzten Polen an seine Frau in Deutschland:

Warschau macht einen trostlosen Anblick. Kaum ein Haus, das unberührt geblieben ist. Ganze Stadtviertel liegen in Trümmern oder sind ausgebrannt. Die Masse der Millionenbevölkerung vegetiert irgendwo und irgendwie, man kann nicht sagen, wovon. Es ist eine unsagbare Tragödie, die sich dort abspielt. Es ist eine Stadt und eine Bevölkerung, die dem Untergang geweiht ist. Es ist so grausam, daß man keinen Augenblick seines Lebens froh ist, wenn man in dieser Stadt weilt. Man bewegt sich hier nicht als Sieger, sondern als Schuldbewußter. Dazu kommt noch all das Unglaubliche, was dort am Rande passiert und wo wir mit verschränkten Armen zusehen müssen! Diese Ausrottung ganzer Geschlechter mit Frauen und Kindern ist nur von einem Untermenschentum möglich, das den Namen Deutsch nicht mehr verdient. Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein! Diese Minderheit, die durch Morden, Plündern und Sengen den deutschen Namen besudelt, wird das Unglück des ganzen deutschen Volkes werden, wenn wir ihnen nicht bald das Handwerk legen (103).

Und das war der Anfang.

Hitler verkündete in seiner Reichstagsrede nach der militärischen Unterwerfung Polens das Todesurteil über den geschlagenen Gegner: "Dieses Schoßkind der westlichen Demokratie gehört überhaupt nicht zu den kulturellen Nationen. Ein Staatsgebilde, dem jede volkliche, historische und sittliche Voraussetzung fehlt. Die Reichsregierung wird niemals zulassen, daß der polnische Reststaat irgendein störendes Element werden könnte. Deutschland und Sowjetrußland werden diese Sanierungsarbeit übernehmen."
Die "Sanierungsarbeit" wurde zum Völkermord, zum Versuch, ein 35-Millionen-Volk in seiner Identität zu brechen. Polen als Nation sollte beseitigt werden - ähnliches hat es in Europa seit dem Altertum nicht mehr gegeben,

schreibt Heinrich Jaenecke: Polen - Träumer, Helden, Opfer. Geschichte einer rebellischen Nation. Verlag Gruner + Jahr & Co (Stern-Buch), Hamburg 1981.

Die Politik in den eingegliederten Ostgebieten hatte der Chef des Reichssicherheitshauptamtes, SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich, bereits am 21. September 1939, also noch vor Beendigung der Kämpfe, in einem Mordbefehl an die Chefs der Einsatzgruppen umrissen: "Von dem politischen Führertum sind in den okkupierten Gebieten höchstens noch drei Prozent vorhanden. Auch diese drei Prozent müssen unschädlich gemacht werden und kommen in KZs. Die Einsatzgruppen haben Listen aufzustellen, in welchen die markanten Führer erfaßt werden: Lehrer, Geistlichkeit, Adel, zurückkehrende Offiziere usw.. Die primitiven Polen sind als Wanderarbeiter in den Arbeitsprozeß einzugliedern und werden aus den deutschen Gauen allmählich in den fremdsprachigen Gau (Generalgouvernement) ausgesiedelt. Das Judentum ist in den Städten in Getto zusammenzufassen, um eine bessere Kontrollmöglichkeit zu haben. Sicher ist: Der Pole bleibt der ewige Saison- und Wanderarbeiter. Sein fester Wohnsitz muß in der Gegend von Krakau liegen..." (104 f.)

Himmler in einer Denkschrift an Hitler im Mai 1940:

Für die nichtdeutsche Bevölkerung darf es keine höhere Schule geben als die vierklassige Volksschule. Das Ziel dieser Volksschule hat lediglich zu sein: Einfaches Rechnen bis höchstens 500, Schreiben des Namens und eine Lehre, daß es ein göttliches Gebot ist, den Deutschen gehorsam zu sein. Lesen halte ich nicht für erforderlich...
Diese Bevölkerung wird als führerloses Arbeitsvolk zur Verfügung stehen und bei eigener Kulturlosigkeit unter der strengen Leitung des deutschen Volkes berufen sein, an dessen ewigen Kulturtaten und Bauwerken mitzuarbeiten und diese, was die Menge der groben Arbeit anlangt, vielleicht erst ermöglichen (108 f.).
Bereits im November 1939 war der gesamte Lehrkörper der Universität Krakau, insgesamt 183 Professoren und Dozenten, aus der Universität heraus verhaftet und in das KZ Sachsenhausen eingeliefert worden (110).

"Generalgouverneur" Frank in einer Polizeiführerbesprechung, Mai 1940:

Was wir jetzt an Führerschicht in Polen festgestellt haben, ist zu liquidieren. Was wieder nachwächst, ist in einem bestimmten Zeitraum wieder wegzuschaffen. Wir brauchen diese Elemente nicht erst in die Konzentrationslager des Reiches abzuschleppen, sondern wir liquidieren die Dinge im Lande (110).

Frank:

In Prag waren zum Beispiel rote Plakate angeschlagen, auf denen zu lesen war, daß heute sieben Tschechen erschossen worden sind. Wenn ich nun für je sieben erschossene Polen ein Plakat aushängen lassen wollte, dann würden die Wälder Polens nicht ausreichen, um das Papier dafür herzustellen (111).

Hitler in der Reichstagsrede vom 6. Oktober 1939:

Die wichtigste Aufgabe ist eine neue Ordnung der ethnographischen Verhältnisse, das heißt, eine Umsiedlung der Nationalitäten, so daß sich am Abschluß der Entwicklung bessere Trennungslinien ergeben, als es heute der Fall ist. (...) Es gehört daher zu den Aufgaben einer weitschauenden Ordnung des europäischen Lebens, hier Umsiedlungen vorzunehmen.
Deutschland und die Union der Sowjetrepubliken sind überein gekommen, sich hierbei gegenseitig zu unterstützen (106).
Zu den Opfern der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit gehörten auch zahlreiche deutsche Kommunisten, die bei den Moskauer Säuberungen verhaftet worden waren und jetzt vom NKWD an die Gestapo ausgeliefert wurden (111 f.).
Es war die Zeit, in der die Reichsregierung ihre außenpolitischen Erklärungen mit Moskau absprach und die Sowjets im voraus über die jeweils bevorstehenden Invasionen Dänemarks, Norwegens, Hollands, Belgiens und Luxemburgs unterrichtete. Nach dem Fall von Paris kabelte Botschafter Schulenburg aus Moskau an das Auswärtige Amt in Berlin: "Molotow bat mich heute abend zu sich und aussprach mir wärmste Glückwünsche der Sowjetregierung zu dem glänzenden Erfolg der deutschen Wehrmacht. Anschließend informierte mich Molotow über das Vorgehen der Sowjetunion gegen die Baltenstaaten. Er fügte hinzu, daß es notwendig gewesen sei, allen Intrigen ein Ende zu setzen, mit denen England und Frankreich in den Baltenstaaten versucht hätten, Zwietracht und Mißtrauen zwischen Deutschland und die Sowjetunion zu säen" (113).
An diesem Tag, dem 17. Juni 1940, verloren auch Estland, Lettland und Litauen ihre Unabhängigkeit und teilten das Schicksal Polens (113).

Die europäische Geschichte ist ein offenes Buch ohne Siegel, sie ist kein Geheimnis. Ihre graphische Verfälschung liegt allerdings im erkennbaren Interesse beteiligter Mächte.

Die Gefahr einer durchgehend organisierten Geschichtsfälschung im Sinne einer Anknüpfung an wesentliche nationalsozialistische Elemente politischer und historischer Rechtfertigung ist akut wie selten zuvor.

Wenn Schultz-Gerstein in seinem Spiegel-Essay zu der perfiden Methode greift, kritische Warnungen vor dieser Gefahr als "antifaschistisches Schmierentheater" zu diffamieren, so handelt er im politischen Interesse besagter NS-Sippen, wider besseres Wissen eines in die Erfahrungen dieses Jahrhunderts differenziert eingeweihten Spiegel-Redakteurs "im Kultur-Ressort". Als einer der Köche verwahrt er sich gegen die Feinschmecker unter seinen Gästen.

Das etablierte Mittelmaß fürchtet den frischen Wind internationalen Austauschs, aber es kennt auch immer seine Stunde.

Bis hin zur völligen Abschaffung des Geschichtsunterrichts an den Schulen bestehen zahlreiche Möglichkeiten, dem Menschen schon von Kindesbeinen an ein souveränes Erlernen und Aneignen von Fähigkeiten, Überprüfungsmethoden, Orientierungsmerkmalen systematisch zu erschweren und schließlich zu unterbinden.

Dummheit und nationale Selbstisolierung sind Wechselbedingungen. Diese Deutschen müssen ihr eigenes Volk dumm machen. Was deutsche Kultur meint, ist das, was trotz dieser Deutschen, was immer nur gegen sie gelang.

Interessant das Ungeschriebene, das Unveröffentlichte.

In diesem Zusammenhang ist auch anzumerken, daß einige der aufgeforderten Schriftsteller sich nicht gemeldet oder ihre zunächst zugesagte Beteiligung später zurückgezogen haben (8).

niedersachsen literarisch. Von Münchhausen bis Morawietz. Viele sympathische Gesichter in dem umfangreichen Band, lebende Gesichter. 100 Autorenporträts. Bibliographien & Texte, herausgegeben von D.P. Meier-Lenz und Kurt Morawietz -

im Auftrag des Fördererkreises deutscher Schriftsteller in Niedersachsen und Bremen e.V., Hannover, mit Unterstützung des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst.

Redaktion: Johann P. Tammen (Wirtschaftsverlag NW Verlag für neue Wissenschaft GmbH, Bremerhaven 1981). Mit einem einführenden und überleitenden Aufsatz der Herausgeber: Vom Hildebrandslied bis zum Einsiedler von Bargfeld / Zwischen den Kriegen: Das Spannungsfeld biographischer Erfahrungen / Die skeptische Generation: Aufbruch mit Vorbehalten / Die junge Generation: Fixiert auf Gegenwartsprobleme / Die literarische Szene: Probebühne, Startplatz und Experimentierfeld für viele / Nachschlagewerk und / oder Lesebuch: Zu diesem Land.

Vor allem ein Nachschlagewerk mit ausführlichen Angaben über Biographie, Arbeitsgebiete, Buchveröffentlichungen, sonstige Beiträge, der Autor über seine Arbeit, schließlich kurze Werkproben. Autorenporträts in Paßbildgröße. Der Leser kann sich überhaupt ein gutes Bild machen. Die Zusammenstellung dieses 530 Seiten umfassenden Bandes, davon kann sich jeder überzeugen, hat viel Arbeit gemacht, ordentliche Arbeit, nicht umsonst, will ich meinen.

Einige Vorbehalte. Wie gesagt: das Ungeschriebene. Ich will nicht nach den Gründen fragen. Wenn ich gleich in einem Vorwort, das die Unterschrift des Niedersächsischen Ministers für Wissenschaft und Kunst, Dr. Johann-Tönjes Cassens, trägt, dem ein zweites Vorwort vom Vorsitzenden des Fördererkreises deutscher Schriftsteller in Niedersachsen und Bremen e.V. nachfolgt, wenn ich also aus der Feder des Ministers lese:

Die Niedersächsische Landesregierung hat für die Erstellung dieses Handbuches die erforderlichen Mittel gern zur Verfügung gestellt, denn es hat sich in der Vergangenheit erwiesen, daß durch eine derartige Öffentlichkeitsarbeit - ähnlich wie durch die Vielzahl der mitfinanzierten Lesungen von niedersächsischen Autoren - vor allem jüngeren, noch unbekannten Schriftstellern die ersten Schritte auf dem Wege in die Öffentlichkeit ermöglicht beziehungsweise erleichtert werden konnten.
Gleichwohl ist diese Maßnahme nicht isoliert zu betrachten, sondern im Zusammenhang zu sehen mit einer Reihe weiterer gezielter Künstlereinzelförderungsmaßnahmen, wie Arbeits- und Druckkostenzuschüsse, die Finanzierung von Arbeitsaufenthalten in niedersächsischen und ausländischen Künstleratelierstätten und schließlich die Auszeichnung von Schriftstellern wie auch bildenden Künstlern und Komponisten sowie Interpreten durch niedersächsische Künstler- bzw. Nachwuchsstipendien.

Wenn ich das lese... Nun, ich könnte mir, ganz subjektiv, einen Grund denken, die Mitarbeit abzulehnen.

Ungehörig, es die Autoren so schmerzhaft fühlen zu lassen, wem sie letztlich ihre Bekanntheit zu danken haben. Wie ähnlich im Setzkasten die zahlreich gedruckten Beiträge des Mentors Morawietz, unabhängig von Bedeutung und literarischem Rang, immer in der Gunst eines besonderen Layouts stehen. So geriet man in die Pflicht.

An Geldmangel liegt es nicht, wenn aus Morawietzens Humus keine Bäume wachsen. Wie kommt ein freier Mann an ein staatliches Auslandsstipendium, ohne damit ein beachtliches Stück seiner Freiheit aufzugeben? Notwendige Fragen all dies, weil sie Aufschluß geben über die Autonomie von Künstlern, die Gefährdung schreibender Souveränität. Schlimmer noch: junge Schriftsteller, längst nicht sicher auf den Beinen, lernen erst gar nicht mehr selbständig laufen. In jeder ehrlichen Sekunde, falls sie doch tickt, müssen sie sich allesamt eingestehen, vom Staat gehätschelt worden zu sein.

Ich denke, in der Ungehörigkeit des Ministers, in seiner Indezenz verbirgt sich eine Lehre; Cassens Sprache verhüllt kaum seine Verachtung für diejenigen, die sich von ihrem natürlichen Feind, dem Staat, "fördern" lassen.

Das schwierige Verhältnis zwischen Deutschen und Polen - oder richtiger: zwischen Preußen und Polen - war von jeher kein politisches, sondern ein psychologisches Problem,

schreibt Jaenecke,

... paradoxerweise blieben sich die beiden Völker immer fremd. Die tiefen Gräben zwischen ihnen schienen unüberbrückbar. Preußen war protestantisch, spartanisch, diszipliniert - der Staat war alles, der Einzelne nichts. Polen war von alledem das Gegenteil: katholisch, lebensfroh, anarchisch - der EinzeIne war alles, der Staat nichts (52).

Das alte Polen

war kein Staat wie alle anderen, auch seiner inneren Struktur nach nicht. Polen war ein verfassungsrechtliches Unikum in Europa - weder eine echte Monarchie, noch eine klassische Republik. Es besaß im Grunde überhaupt keine Zentralgewalt und hielt dennoch auf unerklärliche Weise zusammen: Es war eine Art institutionalisierter Anarchie (24 f.).

Pardon! Das ist kein Vorwurf, der einen deutschen Kulturbeamten träfe. Auch Morawietz waltet seines Amtes, wenn er Förderungen vermittelt. Der Staat tut, was er kann. Er tut es vor allem in seinem Interesse.

Die Stadt Hannover (Rat der Landeshauptstadt) hat 1978 den Gerrit-Engelke-Literaturpreis gestiftet; mit 15.000 DM dotiert, wird er seit 1979 aIle zwei Jahre vergeben.

Hans Mayer, Tübingen, dem das Kulturamt Hannover einen der sieben Jury-Sitze angetragen hatte, schrieb dazu:

... Engelke ist sicherlich ein begabter Lyriker gewesen der frühen expressionistischen Mannschaft. Sein soziales Engagement ist eindrucksvoll. Ob er später den leidigen Weg eines Heinrich Lersch mitgegangen wäre, kann man nicht wissen. Ich will jedoch nicht verschweigen, daß mich die Wahl dieses Namens für den Literaturpreis nicht überzeugt. Engelke ist als literarische Gestalt einfach zu schmal, was dem Preis nicht gerade nützen kann. Es wäre an die Brüder Schlegel aus Hannover zu denken gewesen, Friedrich und August Wilhelm, an Frank Wedekind, natürlich auch an Kurt Schwitters...

Kurt Morawietz hat über Engelke ein dickes Buch geschrieben: "Mich aber schone, Tod." Gerrit Engelke 1890-1918. Postskriptum Verlagsgesellschaft mbH, Hannover 1979.

An Fleiß mangelt es nicht. Engelke war zu jung, als er starb, er fiel als Soldat im Ersten Weltkrieg, zu früh, um noch zeigen zu können, wohin ihn sein Werk geführt hätte.

Dieser einfache Mann, der das Beste wollte und mit der modernen Industriegesellschaft nicht klarkam, mußte wichtige Arbeit liegen lassen, kritische Aufhellungsarbeit an der magischen, dämonisierenden, vitalisierenden Sicht seiner Dichtung.

Ich glaube nicht, daß Engelke für uns heute eine literarische Bereicherung ist. Seine Sprache kommt eher aus Brust und Kehle als aus jener poetischen Sensibilität, die sich mittlerweile in Gedichten noch am wenigsten mehr finden läßt.

Die heidnischen Götter hatten ihre Sprache, in der bis auf den heutigen Tag die Barbarei sich verkriechen kann. Engelke war ein literarischer Barbar.

Es ist müßig und auch ungerecht, behaupten zu wollen, Engelkes Weg lag wie der manch anderer Emotionsdichter des Proletariats auf der "völkischen" Bahn unseligen Angedenkens.

Aber weil es sich auch nicht völlig von der Hand weisen läßt, bleibt bei dem Gedanken an einen Engelke-Preis für junge Dichter heute ein störendes Moment.

Sie mögen es selbst prüfen. Vielleicht können sie immerhin aus Engelkes Werk lernen, was dem Dichter bis zuletzt verschlossen blieb.

Morawietz beschreibt Engelkes Lebensweg, bringt viele Beispiele seiner Dichtung.

Noch hab ich nicht mein Werk erfüllt,
Noch ist die Zukunft dunstverhüllt -
Drum schone mich, Tod

(124).
Mehre Dich, wehre Dich, mein Volk!
Lebendiges Menschenleben sei Dein furchtbares Bollwerk!
Schaffe einen Wall um Dich her, einen lebendigen Wall!
Söhne, im Zorn schon genährt im Mutterleibe. Volk, dies werde Dein neues Geschlecht.
Und es werde ein hartes, ein stahlhartes Geschlecht; seine Stirn sei Granit, sein Herz aber flammende Lohe; das Blut der Erschlagenen dampfe...

(318).

Ein deutsches Sprichwort warnt davor, schlafende Hunde zu wecken. Wer schon einmal mit dem Stock in einem verwunschenen Waldsee herumgerührt hat, weiß, was ihm blüht... Kein Erkenntnisgewinn. Die Überzeugung, ein Genie zu sein, hindert viele Künstler daran, ihre Kinderschuhe abzulegen.

Gepeinigte Füße aber sind der Ärger des Geistes.

Die Polen sind Träumer, Helden und Opfer... Das alte Berliner Scheunenviertel lebt wieder auf. Hier ist es nicht die Sprache - eines suchenden Essays, der Beschreibung eines Zenotaphs, von Eike Geisel -, es sind die Bilder, die noch einmal vor aller Augen führen, die sehen können: die wache überlegene selbstbewußte männliche Intelligenz haben die Deutschen aus dem Lande getrieben.

Es ist etwas anderes, sich selbst zu köpfen, als von Feinden geköpft zu werden. Was die Feinde abschlagen, wächst nach. Polen gibt das beste Beispiel. Wer aber sich den Geist austreibt, ist verloren für alle Zeiten.

Die Schüler Machiavellis mögen sich auf die Schulter klopfen. Alle Menschlichkeit und politische Moral ausschalten und handeln, wie eine Planierwalze rollt: das schafft Realitäten.

Völkermorde werden vergessen, Gräser wachsen darüber, die Siege währen, selbst Niederlagen werden zu Triumphen.

Wenn das die Lehren der Geschichte sind, so wohnt ihr doch eine Dialektik inne, die ihre Lehren mit erfaßt und sie verwandelt in eine Erkenntnis ganz anderer Art.

Hitler, Stalin, Heydrich, Himmler... Die Mörder sind doch in einem merkwürdigen Sinn gescheitert; sie haben auf denkwürdige Weise geschichtliche Bewegungen hervorgerufen, die ihren eigenen Intentionen zuwiderlaufen.

Sie hatten geplant, sie haben sich verrechnet. Die Theorien der Ausrotter haben sich als ein großer Reinfall erwiesen. Ja, die Köpfe sind nachgewachsen - nachgewachsen, wo niemand, zuletzt aber die Mörder selbst es erwartet hätten.

Je "totaler und radikaler" der Massenmord, desto hoffnungsvoller und künftiger, was zuletzt aus der Lebensgeschichte der Opfer erwuchs.

Ich sage, der weltweite Krieg gegen den heiligen Geist der Menschen verfehlt sein Ziel; er schlägt zurück, schlägt um in einen schöpferischen Prozeß.

Als Hülsen, denen der Geist sich entzog, bleiben die Mörder zurück.

Es gibt so etwas wie eine Esoterik historischer Abläufe, deren Studium gewiß ertragreich zu werden verspricht, allerdings auch von subjektiven Voraussetzungen abhängt, die zuvor nicht weniger des genaueren Einblicks bedürften.

Wenn im Sprachraum der Deutschen sich wissenschaftliches Interesse auf Esoterik - Das dunkle Ärgernis und seine Funktionen - so ein Titel in der Reihe Europäische Hochschulschriften im Peter D. Lang Verlag, Frankfurt am Main 1980. Verfasserin: Sibylle Kisro-Völker - richtet, darf man schon sicher sein, zuletzt bei einer Theorie der Eliten und einer Apologie etablierten Kunstbetriebs zu landen, die gleich vorab Entsagung übt bei der kritischen Einsichtnahme.

Das Phänomen einer sogenannten Esoterik findet sich gerade in künstlerischen Randgefilden, wo es den Autoren schwerfällt, sich verständlich zu machen, weil sie selbst noch nicht begriffen haben, womit sie sich eigentlich so extensiv beschäftigen - zeitlebens womöglich.

Wo die Dinge auf der Hand liegen, tun sie dies nicht unbedingt auch für die Wissenschaft, die wir heute oft nur bewundern, weil sie sich rundum so schwertut, methodisch mühselig sich erarbeiten muß, falls sie's überhaupt je erreicht, was die Spatzen seit Menschengedenken von den Dächern pfeifen.

Wer erst einmal begriffen hat, wie unwissend die etablierte Wissenschaft ist, wie inadäquat ihre Forschungsergebnisse und Erkenntnisse oft sich zur Wirklichkeit verhalten, wie nahe sie dem allgemeinen Unwissensstand bereits gekommen ist, der wird kaum noch erstaunt sein, wenn - aus so diffiziler Konfusion hervor - zunehmend akademisches Personal für sich elitäre Privilegien herleitet. So muß man das verstehen, wenn ausgerechnet jetzt allenthalben wieder Elite-Ideen sich breitmachen.

"Esoterik" als "dunkles Ärgernis" unterstellt bereits ein Publikum, das sich "ärgert", weil ihm das alles zu "dunkel" sei. Dabei ist entgangen, daß das Publikum gelernt hat mitzuspielen. So gleichgültig geworden, "cool" und abgestumpft, abgebrüht, eingeweiht in die Rituale der sogenannten Öffentlichkeit sind die vielzitierten Mann & Frau "von der Straße" allemal, um zu wissen: wer sich ärgert, gar sich empört, macht sich lächerlich.

Es waren schließlich die Erfahrungen mit dem modernen Spektakel, mit zeitgenössischer Kunst, Happening, action, von der industriellen Werbung gar nicht mehr zu unterscheiden, zum Teil ja auch mit ihr verflochten, die dazu beigetragen haben, selbst vorhandene Reste von Leidenschaften als Empörungspotenz zu neutralisieren - gerade auch da, wo's zum Himmel schreien müßte.

Außerdem hat der kleine Mann längst begriffen, daß die auf ihn zielenden Provokationen und Ärgernisse aus Steuermitteln subventioniert und damit zu einer staatlichen Angelegenheit geworden sind; daß die, die ihn ärgern wollen, mit denen oben gemeinsame Sache machen. Darum habe ich diesmal auf die Gänsefüßchen verzichtet.

Interessant zu sehen, wie schon heute das Bild sich verkehrt. Der Sklave verschließt sich der Einsicht sklavenhalterischer Wissenschaft; sie wird zu einem Gegenstand seiner Erkenntnis.

"Das dunkle Ärgernis und seine Funktionen" ist insofern keine "Esoterik" mehr - sondern das Erscheinungsbild eines neuen Establishments, das wir als organisierten Ausdruck unserer "neuen Klasse", der neuen deutschen (preußischen) nationalen Bourgeoisie zu definieren haben. Bleibt immer noch "Dunkles", Undurchschautes, genug.

Der Religionsforscher David Flusser - Professor für frühes Christentum an der Hebräischen Universität Jerusalem - identifiziert Jesus von Nazareth in seiner historischen Umgebung. Bereits Schalom Ben-Chorin (Bruder Jesus. Der Nazarener in jüdischer Sicht. Paul List Verlag, München 1967) holte ihn ins Judentum zurück, aus dem er nicht emigriert, sondern entführt worden war.

Auch Flusser sieht in Jesus vor allem den Juden, der - wie andere dazumal: die Pharisäer, die Anhänger des Täufers Johannes, die Essener - mit dem Zustand des Judentums nicht zufrieden war und also auf Abhilfe sann.

David Flusser, Die rabbinischen Gleichnisse und der Gleichniserzähler Jesus / 1. Teil: Das Wesen der Gleichnisse. Verlag Peter Lang AG, Bern 1981.

Während die Pharisäer und Johannes durch Einführung neuer Vorschriften und Riten - die Pharisäer hielten zusätzliche, in der Bibel nicht vorgesehene Fasttage ein; Johannes praktizierte die unbiblische Taufe - das "alte Kleid mit neuen Lappen" zu flicken suchten, die Essener gar den "alten (wohlschmeckenden und bekömmlichen) Wein" durch einen "neuen", jungen, ersetzen zu müssen glaubten, besann sich Jesus auf den göttlichen Geist der Torah, auf eine Wiederbelebung und Kräftigung aus diesem Geiste und seinem Gesetz.

Flusser bietet eine schlichte literarkritische Untersuchung seines Gegenstands, freilich mit dem jüdischen Wissen davon.

Kenntnis des Judentums, der hebräischen Sprache vor allem, schließlich der politischen und religiösen Welt vor zweitausend Jahren - all das verdichtete den Verdacht zur Hypothese, daß die bei den Christen geltende Reihenfolge in der Authentizität der drei Evangelisten - Markus, Matthäus, Lukas - der Historie offenbar nicht gerecht werde; daß vielmehr der Autor des Lukas-Evangeliums den urtextlichen Vorlagen am nächsten gewesen sein müsse.

Flusser kommen die Arbeiten R. L. Lindsey's entgegen.

Lindsey, ein amerikanischer Baptist, lebt schon seit vielen Jahren in Jerusalem. Das Hebräische ist ihm zu einer natürlichen Sprache geworden. Als er begann, das Evangelium des Markus ins Hebräische zu übersetzen, wählte er gerade dieses Evangelium deshalb, weil auch er nicht daran zweifelte, daß das Markusevangelium das verläßlichste von den drei synoptischen Evangelien ist, da es als eine der zwei Hauptquellen von Matthäus und Lukas betrachtet wird. Im Verlaufe der Übersetzungsarbeit wurde er aber zur Einsicht gezwungen, daß Markus stark griechisch redigiert ist und daß, falls es zu einer markinischen Stelle eine lukanische Parallele gibt, letztere viel hebräischer ist als der Markus-Text (196).

Nach Flusser erzählte Jesus seine Gleichnisse, wie auch in der rabbinischen Tradition üblich, hebräisch (nicht, wie christlich allgemein angenommen wird, auf Aramäisch).

Unsere sprachlichen Untersuchungen haben ergeben, daß alle späteren Bearbeiter erst im griechischen Stadium der Überlieferung wirkten. Sie kannten also das Wesen der hebräischen Gleichnisse - zu denen die Gleichnisse Jesu gehören - kaum aus erster Hand. Viele von ihnen - vielleicht alle - wußten wahrscheinlich überhaupt nicht, daß es außerhalb der Gleichnisse Jesu noch andere Gleichnisse dieser Art im hebräischen Traditionsstrom der Zeit Jesu gab (119).

Vielleicht ist eine wissenschaftlich und historisch haltbare kritische Auseinandersetzung mit dem Neuen Testament überhaupt nur in jüdischer Sicht möglich.

Ein Ergebnis unserer Forschung soll hier betont werden: Die Untersuchung der Änderungen in den Evangelien kann nicht legitim primär von kerygmatischen theologisch-ideologischen Strömungen ausgehen. Sie soll vielmehr vorerst und hauptsächlich literarkritisch sein. Wie fruchtbar eine solche Methode sein kann, wurde hier etwa bei der Analyse des lukanischen Rahmens zum Doppelgleichnis vom Schaf und vom Groschen (Lk 15,1-10) zu zeigen versucht.
Es hat sich dort erwiesen, daß die Einleitung, durch die das Doppelgleichnis zu einer erbarmungslosen Kritik an den Pharisäern und Schriftgelehrten wurde, eine sekundäre Bildung des Redaktors ist, die der Schilderung eines anderen, wohl historischen Inzidents (Lk 5,29-32) nachgebildet ist. Diese sekundäre Bildung konnte entstehen, weil ihr Autor eine ständige feindliche Kluft zwischen Jesus und seinen pharisäischen Gegnern voraussetzte. Anders gesagt: Es wird postuliert, daß das Verhältnis Jesu zu den Sündern sich diametral vom Standpunkt des pharisäisch-rabbinischen Judentums unterscheidet.
Man soll hier nicht zu früh von Zeugnissen einer moralischen Revolution reden, wo doch eher vulgäre Verzeichnungen dahinter stehen.
Ich wage das deshalb zu sagen, weil ich die Revolution Jesu kenne und anerkenne. Sie wurde erst durch pharisäisch-rabbinische Voraussetzungen ermöglicht. (...) Diese vermeintliche Kluft zwischen Jesus und den übrigen Juden wird heute für den breiten Leserkreis zum Beispiel so geschildert: "Im jüdischen Gesetz verankert, aber dessen Enge sprengend, mußte Jesu Lehre allen Richtungen jüdischer ReIigiosität, zumal Pharisäern und Sadduzäern, ein Ärgernis werden" (Das Fischer Lexikon, Geschichte in Gestalten, Bd.2, Frankfurt 1963 / 255 f.).
Warum mußte das sein? Damit sich das Christentum als eine selbständige Religion vom Mutterboden des Judentums absetzen kann! (120).
Die Änderungen im griechischen Stadium der Evangelien sind besonders durch das Zusammenwirken von zwei Faktoren bestimmt: Durch ideologische Motive und durch solche literarischen Retuschen der Bearbeiter, die diese für richtig und nötig hielten, damit das Bild besser und klarer werde (120).

Flusser:

Die neue synoptische Hypothese öffnet also den Weg zum ursprünglichen Wortlaut der Verkündigung Jesu. Man kann Jesus besser verstehen, seine Worte werden glaubwürdiger und die Vorurteile, die sich bereits in den Text der Evangelien eingeschlichen haben, verschwinden wie von selbst (235).
Der Abschnitt über den Zweck der Gleichnisse (Mt 13,10-15; Mk 4,10-12; Lk 8,9 f.) steht heute in allen drei Synoptikern zwischen dem Sämann-Gleichnis und seiner Deutung.
Er enthält auch bei allen drei Synoptikern das sogenannte Verstockungsmotiv: Jesus redet nur zu seinen Jüngern offen, aber zu andern spricht er verhüllend in Gleichnissen, damit sie nicht verstehen.
Das Verstockungsmotiv paßt nun ganz und gar nicht in den Zusammenhang von Jesusgleichnissen, wie es auch nicht zu rabbinischen Gleichnissen passen würde.
Gleichnisse sind nicht zur Verdunkelung, sondern um zu beleuchten. Wenn man auch aus anderen Gründen nicht haben will, daß Jesus durch dunkle Redensweise Menschen zu Fall gebracht haben soll, muß man versuchen, den ursprünglichen Wortlaut Jesu mit Hilfe einer soliden literarkritischen Methode möglichst freizulegen.
Daß dies bis heute nicht gelang, hängt hauptsächlich an der Faszination, mit der man dem Markusevangelium jeden zeitlichen Vorrang zuerkennt (235).
In allen drei Evangelien bedeutet hier das Wort Gleichnis Verhüllung, nicht Enthüllung (237).

Indes:

Die bei den Gleichnissen zu beobachtende antiesoterische Einstellung Jesu gilt auch für andere Themen seiner Botschaft. Es ist höchst fraglich, ob Jesus den Ausdruck Mysterium des Reiches Gottes (Mk 4,11) je in den Mund genommen hat. Dieser Ausdruck würde fast eher zum Qumran-Essenismus passen. In der Hymnenrolle vergleicht der essenische Dichter seine Gemeinde mit einem Baum, der verborgen ist, unbeachtet und unerkannt bleibt seines Geheimnisses Siegel (1QH8,11; vgl.1QH6,15f) (257).

Ich möchte David Flusser das Wort nicht wegnehmen:

Anders ist es mit dem hohen Selbstverständnis Jesu beschaffen: mit dem Selbstverständnis seiner Person, seiner göttlichen Sohnschaft und seiner Messianität. Darüber sprach Jesus nie ganz offen. Ein Ergebnis der verhüllten Selbstaussagen Jesu stellte sich bald ein: Die griechischen Redaktoren der synoptischen Evangelien und der Verfasser des Johannesevangeliums steigerten diese authentische innere Spannung zu einem Messiasgeheimnis (257).

Hierzu gibt der Autor einen wichtigen Hinweis:

Über den essenischen Lehrer der Gerechtigkeit wird gesagt (1QpHab 7,4), daß ihm Gott "alle Geheimnisse der Worte seiner Knechte, der Propheten, kundgetan hat". Der essenische Hymnendichter sagt unter anderem über sich: "Du setzest mich als Zeichen den Erwählten der Gerechtigkeit und zum Dolmetscher der Erkenntnis in wunderbaren Geheimnissen, um zu prüfen die Männer der Wahrheit und zu erproben die, welche Belehrung lieben... (Ich bin der Mann), in dessen Mund Du gelegt und den Du gelehrt hast die Einsicht. Du hast in sein Herz gelegt, zu öffnen einen Born der Erkenntnis für alle Verständigen" (1QH2,13-18).
Diese und ähnliche Stellen im essenischen Hymnenbuch sind darum bedeutend, weil sie einen neuen Aspekt in der jüdischen Apokalyptik freilegen. Bis zur Auffindung der Schriftrollen hat man in der apokalyptischen Pseudepigraphie nur von einem hohen Selbstverständnis biblischer Gestalten hören können. Das Qumran-Schrifttum zeigt uns nun aber, daß es damals Juden gegeben hat, die selbst über ihr erhabenes Selbstverständnis und ihren direkten Zugang zu den Mysterien Gottes sprachen und schrieben.
Warum sollte nicht Jesus von Nazaret einer von ihnen gewesen sein, wenn auch mit besonderen, viel menschlicheren Eigenschaften? Ein Mensch, der seinen Hoheitsanspruch nie ganz preisgegeben, aber auch nie ganz verheimlicht hat, dessen Verkündigung nie esoterisch war, da er sie allen als den einzig richtigen Weg angeboten hat? (257/258).

Diese Widersprüchlichkeit hält aber die, imgrunde psychologische, Frage nach dem authentischen Jesus weiterhin offen. Welcher war der "echte" - der "rabbinische" oder der "essenische"?

Spielte, ähnlich der Jesus-Essener-Affinität, auch bei den griechischen Autoren und Bearbeitern möglicherweise eine gewisse Esoterik stillen Einvernehmens mit, von der nirgendwo die Rede ist, woraus dem Markus-Autor aber die "Gewißheit" erwuchs, Jesus habe eigentlich mit "fremder" Zunge gesprochen, habe sich des überlieferten Wortguts bemächtigt und bedient - eher taktisch als aus innerer Überzeugung?

Ich meine, die Paradoxie des historisch gewordenen Christentums ist nicht erst ein Ergebnis der Berührung und Überkreuzung der jüdischen Lehren mit dem hellenistischen Europa.

Vielmehr, so meine ich, wurde die Übernahme der Lehren in ihrer jesuanischen Auslegung dadurch erleichtert, ja geradezu "animiert" (!), daß diese Widersprüchlichkeit - letztendlich aus dem Widerspruch zwischen dem, was er sagte, und dem, was er existentiell war - bereits zur Person Jesus gehörte, in ihr gleichsam angelegt war.

Eine sensible kritisch-analytische Untersuchung der Biographie Jesu könnte für den religions- und psychohistorischen Aspekt im Verhältnis des Christentums zum Judentum wichtige Anhaltspunkte liefern.

Sibylle Kisro-Völkers Esoteriker sind vor allem sich ein Rätsel. Was hilft es da, daß eigentlich gar nichts mehr zu rätseln dran ist. Wer ihre künstlerischen Embleme zu lesen versteht, hat sie grade nicht "verstanden". Um so besser verstehen sie sich untereinander, da bedarf's keiner Worte, wen wundert's.

Dabei gibt es eine Hierarchie menschlicher Erfahrung, die sich ohne weiteres aus der Geschichte eines jeden Menschen im Vergleich ermitteln läßt. Was Kisro-Völker als Quelle der Esoterik darstellt, ist als "Kunst" sich kultivierende Entwicklungskrise. Deren Verewigung wird zur Irritation eines Lebensfeuerwerks ohne jegliche Weiterentwicklung. Initiationsangst dreht sich hoch zur "Elite".

Die Dyade als "Ur- und Grundform kommunikativer Gemeinschaft" - "wie etwa die Keimzelle uneingeschränkter esoterischer Binnenkommunikation im besten ältesten Sinne wohl im intimen Dialog von Lehrer und Schüler zu sehen ist" (Kisro-Völker, 103) - hat meines Erachtens Louise J. Kaplan - Die zweite Geburt. Dein Kind wird zur Persönlichkeit. R. Piper & Co. Verlag, München 1981. Aus dem Amerikanischen von Hainer Kober. Originaltitel (1978): Oneness and Separateness. From Infant to Individual - im ersten Dialog des Menschen, nämlich dem zwischen Mutter und Kind ursprünglicher identifiziert.

Es fällt auf, daß Frau Kisro-Völker in diesem Zusammenhang "die sogenannte Zweierbeziehung von Frau und Mann" (104) - "Diese Dyade verdient... deswegen Beachtung, weil der Prozeß der Zivilisation sie zum alleinigen Residuum sinnlicher Emotionalität gemacht hat" - auf so merkwürdige Weise hervorhebt, ohne auch nur ein Wort zur Mutter-Kind-Beziehung zu sagen. Daran hat sie einfach nicht gedacht.

Was wir beim Gegenstand ihrer Untersuchung vorfinden, nämlich das unfertige Subjekt als Postulat seiner Besonderheit, liegt in dieser Wahl bereits im besonderen Erkenntnisinteresse der Verfasserin, die also auch den für die Menschwerdung grundlegenden "Sachverhalt" einfach ausklammert.

Der Sinn in der Geschichte menschlicher Erkenntnis beruht auf dem Authentizitätsnachweis, auf der Autorität des Gesamtumfangs menschlicher Erfahrung.

Louise J. Kaplan ist nicht nur Professor für Psychologie und Direktorin der Abteilung für Klinische Psychologie des Kindes an der City University of New York. Sie ist Mutter von zwei Kindern, einer Tochter und eines Sohnes. Offenbar weiß sie also, wovon sie spricht, wenn sie die dialektische Entwicklung des Kindes zum Individuum als qualitative Veränderung der Mutter-Kind-Beziehung erkennt.

Auch Kisro-Völker hat ihrem spezifischen Erfahrungshaushalt jene Substanzen entnommen, die einer Ent-Wicklung aus "oneness" zu "separateness" zwar dem Buchstaben nach zuzukommen scheinen, nicht aber dem Vorgang selbst gerecht werden, um den es geht.

Während Kaplan die Einheit im Zuge der Ablösung des Kindes von der Mutter, in seiner Individualisierung aufhebt, unterstellt Kisro-Völker - freilich unausgesprochen, auch gar nicht bedacht? - eine unaufhebbare Einheit von Mutter-Kind. Das Drama vollzieht sich im permanenten Versuch der Trennung, wobei aber die eine Hälfte an der Mutter kleben bleibt, während die andere sich von der ersten losreißt beziehungsweise allmählich abteilt. Aus dem Geheimnis der Selbstaufspaltung wird, wo es sich zu artikulieren, zu offenbaren versucht, ein Rätsel, eine Nichtoffenbarung, Esoterik. Des Rätsels Lösung, in Kunst eine Konsequenz der Kritik, findet den Autor verschlossen. Seine Rede von der angeblichen Aggression der Kunst-Rezipienten projiziert in Wahrheit seine eigene Abwehr aufschließender Kritik.

Aus diesem Bereich, aus der Dyade: genauer, aus den zwangsläufigen Frustrationen der unerfüllbaren Wunsch- und Erwartungszumessungen, mit denen sie überfrachtet ist, wächst den kommunikativen Unternehmungen, als die man fiktionale literarische Texte ansehen kann, vor allem eine Erwartung zu: die der Erfüllung emotionaler Ansprüche, der Schaffung eines Residuums zum (wie auch immer illusionären) Ausagieren sinnlicher Beziehungsenergie.
Im konkreten historischen Falle jener Art fiktionaler Literatur, die man als illusionsdestruierend zu bezeichnen gelernt hat, mag eines unter mehreren aggressionsfördernden Momenten von daher auch so zu rekonstruieren sein: Im Sinne des von Balint genannten primären Charakters der Ebene der Grundstörung und des allgemein-menschlichen Versuches, jenen harmonischen Zustand vor dem Trauma der Grundstörung (das freilich nicht länger punktuell zu sehen ist) zumindest in Situationen extremer Belastung wieder herzustellen, entspräche illusionierender Vollzug fiktionaler Texte einem solchen (temporären, freiwilligen) Regreß auf die Ebene des allgemeinen libidinösen Bezogenseins vor der Grundstörung, kurz der primären Liebe; Illusionsdestruktion verweigerte dann solche Möglichkeit des (im Sinne psychischer Ökonomie zur Erhaltung der psychischen Stabilität notwendigen) temporären Regresses im Dienste des Ich.
Diese theoretische Perspektive verdient im übrigen aber, zumindest so erweitert zu werden, daß der Tatsache der Möglichkeit ebensolchen illusionär-sinnlichen Vollzuges illusionsdestruierender Literatur durch die Eingeweihten Rechnung getragen werden könnte (106).

Wir sind wieder einmal unserm Münchhausen auf der Spur, damit zugleich den psychostrukturellen und soziologischen Bedingungen mitteleuropäischer "Kultur", unter denen freilich die konkrete Kommunikation mittlerweile ebenso unmöglich geworden ist wie die Einsicht in die eigene Urheberschaft dieser Unmöglichkeit.

Die Schuldzuweisung an den "Prozeß der Zivilisation" erweist sich als eine grundfalsche Übertragung. Der Zivilisationsprozeß, in diesem Land als gelungen vorgestellt, ist genauso eine Fiktion wie die - ohne Hinweis auf Differenzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit - einfach so behauptete Etablierung der "sogenannten Zweierbeziehung von Frau und Mann" "zum alleinigen Residuum sinnlicher Emotionalität", auf deren spezifische Zerstörung in Wahrheit der konkrete "Prozeß" doch hinausläuft.

Hier wird also Wissenschaft zu einem Instrument unangemessen verallgemeinernder, scheinbar objektivierender Rechtfertigung für nachweislich subjektive und soziologische, obendrein als höchst kritikwürdig diagnostizierbare, darf ich sagen, Verwicklungen. Nicht zufällig geriet ihr fiktionale Esoterik zum Sujet.

Die vermeintliche "Höchstbegabung", von der Harald Holz in seinem Vorwort spricht, bestätigt weniger sich als "anlagenmäßige Ungleichheit sowie die darin liegende relative Seltenheit". Noch weniger "erweist sich unter gewissen einschränkenden Bedingungen Elitäres als für die Förderung des human Besseren als allgemein nützlich, ja manchmal unerläßlich" (16).

In Wahrheit ist es - mehr als ein Symptom - ein lebendes Produkt der Dehumanisierung, eine über Generationen, nicht genetisch, sondern beziehungspsychologisch vorstrukturierte Garantie für die Durchsetzung des Schlechteren in der Geschichte.

Die Authentizität einer Lehre leitet sich nicht zuletzt von der Authentizität ihrer Lehrerschaft her. Mit der Relativierung ihrer Vermittlungsbedingungen wird Wahrheit selbst relativiert.

Grenzfragen der Wissenschaft entstehen gewöhnlich in Denk- und Vorstellungsbereichen, in denen der Mensch sich frei wähnt, absolut - in denen er auch frei ist, sich zu entscheiden.

Nicht von ungefähr werden gerade in der interdisziplinären Forschung - vorerst verhüllt - jene Kämpfe ausgefochten, die sich bei genauerem Hinsehen als Weltanschauungskriege entpuppen, als eine Art Weltkrieg - vorab - in Prinzipienfragen. Hier geht es um Tod - oder Leben. Ob "der Tod als Berater" (Bernd Mattheus) herangezogen wird - oder das Leben als unantastbare Orientierungsinstanz: das ist also eine Frage jeweils individueller, persönlicher Entscheidungen. Zugleich aber ein Problem von Neigungen, Kondition, psychischer Konstitution. Wahrheit ist an eine definierbare Grundform im konzipierenden Subjekt gebunden.

Münchhausen ist nicht nur eine literarische Kuriosität; seine Besonderheit ist auf dem geschichtlichen Wege, sich zu verallgemeinern. Eine Gefahr für die historische Wahrheit? Oder wird er gerade darum letzten Endes scheitern?

Es bleibt ein spezifisches, hier nicht näher zu definierendes Humanum als Humus einer historisch gewachsenen Auffassung von Wissenschaft. Der Machiavellismus macht den Menschen zu einem Ersatzteil für noch nicht verfügbare Geräte, Maschinen, Automaten schließlich zu einer Kostenfrage. Seine suicidale Anti-Natur erledigt ihn selbst. No future.

Parallel zur emotional gestimmten neupatriotischen Rechten, die auf ihr Links-Image auf keinen Fall verzichten möchte, haben wir es in der Bundesrepublik auch noch mit einer, sagen wir, historisch-wissenschaftlich, jedenfalls auf den ersten Blick rationaler argumentierenden, insofern nicht weniger "neuen" Rechten zu tun, die sich in der Zeitschrift Criticón ausführlich und sehr differenziert artikuliert.

Die Zeitschrift wird - "vereinigt mit Konservativ heute" - von Caspar v. Schrenck-Notzing und Hanns Klatz herausgegeben, von Schrenck-Notzing (verantwortlich) redigiert - "unter ständiger Mitwirkung von Dr. Armin Mohler und Prof. Dr. Klaus Motschmann". Im Criticón Verlag München erschien als Band 2 der Criticón-Bücherei: Konservative Köpfe. Von Machiavelli bis Solschenizyn, herausgegeben von C.v.Schrenck-Notzing, mit zahlreichen Verfassern über interessante Leute nach dem Traditionsverständnis der unverschleierten Rechten.

Das ist erst einmal ein Plus. Der Leser weiß, woran er ist. Als Band 1 der Criticón-Bücher erschien Armin Mohlers Tendenzwende. Der Titel gab zugleich einer bundesrepublikanischen Umentwicklung den Namen.

In einem Werbetext zitiert der Verlag:

Radio DDR am 24.2.1975: "Formierungsorgan des politischen Neokonservatismus... der heute schon nicht mit dem Hinweis abgetan werden kann, daß er gegenüber der Politik ratlos sei, wie es bürgerliche Kritiker Anfang des Jahres 1974 noch bemängelten."

Und nennt

publizistische Gründe, Criticón zu abonnieren: Criticón läßt alles Überflüssige beiseite, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wenn Sie sich fragen, was Ihnen von der jahrelangen Lektüre gewisser Nachrichtenmagazine eigentlich geblieben ist, dürfte Criticón für Sie das Richtige sein. Criticón versucht nicht, sich durch dauerndes Hakenschlagen einer Festlegung zu entziehen...

"Wenn Rechts-Konservative in die Welt blicken", schreibt im Jubiläumsheft 60/61 (1981 ) - "10 Jahre Criticón, Rückruf in die Geschichte" - Uwe Sauermann über angebliche Versäumnisse der Rechten,

dann halten sie nicht nach Chancen für eine deutsche Politik Ausschau, sondern bangen um die Erhaltung amerikanischer Einflußsphären... So ist es nicht verwunderlich, daß die bundesrepublikanischen Rechten sich bis auf den heutigen Tag nicht im Geringsten für das nationalistische Aufbegehren im linken Lager interessierten. Rudi Dutschkes nationale Töne blieben ohne Resonanz, das sensationelle Rotbuch aus dem Jahre 1978 zum Thema Nationalismus und Marxismus blieb im rechten Blätterwald unbesprochen, und die edition suhrkamp 1000... wurde nicht zur Kenntnis genommen.
Jürgen Habermas, der Herausgeber von edition suhrkamp 1000, hat dem Eingangskapitel des ersten Bandes (Nation und Republik), das sich mit der Lage der Nation befaßt..., den Titel Die nationale Frage, wiederaufgelegt gegeben (Retten Linke die Nation?).

Im selben Heft macht Hellmut Diwald Bemerkungen zur deutschen Identität ("Das Lindenblatt ist unerläßlich").

Sauermanns Klage war unbegründet. Beim Lübbe Verlag erscheint mittlerweile: Wolfgang Venohr (Hrsg.), Die deutsche Einheit kommt bestimmt - mit Aufsätzen von Peter Brandt, Herbert Ammon, Hellmut Diwald, Wolfgang Seiffert, Wolfgang Venohr.

Wahrlich, Publikationen, die sich, was die Zusammenstellung lhrer Autoren angeht, sehen lassen können. Die rechte Konkurrenz aus dem Norden war den Criticón-Rechten offenbar davongelaufen. Zeitschriften und Zeitungen wie zum Beispiel Spiegel, Zeit und Stern befolgen seit Jahrzehnten - erfolgreich! - jene Rezepte, deren Köche - wie etwa der erwähnte Machiavelli, Sorel, Moeller van den Bruck, Konrad Lorenz - unter die "konservativen Köpfe" zählen, zu denen sich Criticón so ostentativ bekennt.

Das ist vielleicht der hervorstechende Unterschied: die Hamburger praktizieren mit größtem Massenerfolg, ohne ihre historisch-geistigen Hintergründe preiszugeben, während Criticón den Fahrplan veröffentlicht.

Ein Mann wie Augstein ist gewiß ein skrupelloser Machiavellist, aber er wird sich hüten, Machiavelli öffentlich an die Spitze seiner Vorbilder zu stellen, wie Schrenck-Notzing es in seinem Buche tut.

Wie dieser orientiert Augstein sich an der jüngeren nationalistischen Vergangenheit Deutschlands, um deren Kontinuität es ihm geht, aber er kokettiert nicht einmal wie pardon mit jenem Bürger, der sich beim Lüften des Hutes als also verkappter Deibel entlarvt, wieviel weniger würde er, wie Criticón, gleich vorneweg im Verlagssignet - einem Hahn, der den Kopf zurückwendet und sein buntes Schwanzgefieder zu betrachten scheint - ankündigen, wo's lang gehen soll und was den Leser am Ende erwartet.

Der Spiegel entblättert sich im Laufe von Jahren. Criticón schreibt Klartext vom Prinzip her.

Man könnte darin Zeichen einer gewissen Aufgabenverteilung erblicken, auf Leserkreise abgestimmt. Aber ich will hier nicht suggerieren, als sei da einmal ein Gesamtplan für Deutschland ausgeheckt worden. Der Consens ist wie "eingeboren".

Aber es gibt auch, womöglich doch wesentliche Unterschiede. Schon der Name Criticón (nach dem allegorischen Roman El Criticón von Baltasar Gracián (1601-1658) ) verdeutlicht dies. Wenn das keine Irreführung ist.

Wer sich auf die Suche nach den Spuren des Ghettos begibt, stößt immer wieder ins Leere. Nichts ist geblieben, außer der Ärmlichkeit der Häuser. Jede Straße des Viertels wie ein lückenhaftes, unansehnliches Gebiß, jedes Haus ein steinerner Sozialfall. Jede Fassade ein graues löchriges Tor, das keinen Blick auf die Vergangenheit preisgibt. Armselige Verwandte der protzigen Schäbigkeit, welche sich in der Innenstadt breitgemacht hat, kennen diese Häuser nur die nämliche monotone Auskunft: Es hat eine Geschichte gegeben, es gibt keine Geschichte mehr.
Noch über seine Niederlage hinaus präsentiert sich in diesen Straßen der Nationalsozialismus als heimlicher Sieger der Epoche: Es soll auch keine Erinnerung mehr geben. Wenn verschwunden war, was irgend an sie erinnern konnte, dann waren die Umgebrachten mehr als tot, dann hatten sie nie gelebt,

schreibt Eike Geisel (Im Scheunenviertel. Bilder, Texte, Dokumente. Mit einem Vorwort von Günter Kunert. Severin und Siedler, Berlin 1981).

Aber ich finde nun den Satz nicht wieder: Tausend galizische Juden, und die Straße wäre gerettet... Nein, nein, dies ist kein Begräbnis. Sie werden ihre Mörder überleben.

Beiträge von Gustav Landauer, Martin Beradt, Alexander Granach, Franz Kafka, Mischket Liebermann, Walter Mehring, Sling, Joseph Roth, Max Fürst, Inge Unikower, Arnold Zweig, Alfred Döblin, Micha Michalowitz, Günter Kunert und Eike Geisel. Sein letzter Satz:

Sie zu vergessen, die keinen Grabstein haben, ist nach Auschwitz die eigentliche Friedhofsschändung (32).

Und aufmerken!

Achten auf falsche Töne:

Angesichts einer Überproduktion überflüssiger Bücher, über die gerade im letzten Jahr viel diskutiert worden ist, haben wir uns bewußt Selbstbeschränkung auferlegt. Wir wollten lieber wenige wichtige als viele austauschbare Bücher vorlegen.

So äußerten sich Jochen Severin und Wolf Jobst Siedler in einem Vorwort an "Verehrte Kolleginnen, liebe Kollegen" zum Verlags-Prospekt Frühjahr '82.

Mit Christian Meiers Caesar glauben wir eine große Biographie in der Tradition von Golo Manns Wallenstein, Fests Hitler und Galls Bismarck vorzulegen... Der Palme-Bericht über Abrüstung und Sicherheit kommt in dem Moment, in dem die Friedenssehnsucht zur größten Massenbewegung dieser Jahre geführt hat, und so bringen wir den Band in einer preiswerten Großauflage...

Weitere "Unaustauschbare": Romedio Galeazzo Graf von Thun-Hohenstein (Der Verschwörer. General Oster und die Militäropposition), Aus den Tagebüchern des Grafen Lehndorff, Die Mittwochgesellschaft. Unbekannte Protokolle aus dem geistigen Deutschland 1932-1944, Heinrich Schipperges (Der Arzt von morgen. Von der Heiltechnik zur Heilkunde), Ernst Pöppel (Lust und Schmerz. Über medizinische Psychologie).

Die Tradition des Etablierten und Herrschenden feiert sich selbst in ihren schwarzen Schafen, wird gepflegt wie lange nicht mehr, ob preußisch oder katholisch, es ist immer noch ein neues Buch wert.

Selber Verlag kündigt für den Herbst die Eröffnung einer sechsbändigen Neueren Deutschen Geschichte an: "über Aufstieg, Krise und Niedergang des deutschen Nationalstaats. Die Deutschen und ihre Nation..." Dazu ein makabres Programm in dieser Reihenfolge: Immer auf dem Sofa (Annemarie Weber), Trotz und Träume (Uwe Schlicht), Das Eichmannprotokoll (Tonbandaufzeichnungen), Konrad, sprach die Frau Mama... (Andreas Flitner)...

Aber es ist gut, diese Entwicklung in der gedruckten Öffentlichkeit zu beobachten. Die Rechte hat nämlich dazugelernt. Sie weiß jetzt, daß mit dem Kopf Politik gemacht wird - daß sie jedenfalls den Anschein erwecken muß... Selbst Schwulst und Scholle treten in wissenschaftlichem Gewande auf.

Ein ernstzunehmender Gegner, der sämtliche Register zieht, und dem nichts Vergleichbares auf der Linken entgegensteht. Keine Zeitschrift, kein Buchverlag, die zum richtigen und tieferen und umfassenden Verständnis unserer heutigen Wirklichkeit kritisch beitragen würden.

Ein paar naseweise Phantasten rechnen sich strategische Chancen aus, indem sie glauben, ihre Kundschaft hinters Licht führen zu können.

So schrieb Rudolf Bahro in einem Leserbrief an das neu aufgemachte konkret-Magazin (3/82):

... bin ich gespannt, ob Ihr es schaffen werdet, die wirkliche Bewegung auszudrücken und zu verstärken, die hier was ändern kann. Mir scheint, da kommt jetzt mehr denn je zusammen. Die linken Fäden sind natürlich drin, doch ist "links gegen rechts" diesmal nicht das Strickmuster. Da Euch das linke Image sowieso nicht verloren geht - laßt es nicht Eure erste Sorge sein.

Er kennt keine Parteien mehr, nur noch Antirepublikaner...

Vita activa oder Vom tätigen Leben.

Jetzt bin ich doch ganz froh. Seit seinem Erscheinen im Jahre 1962 nehme ich ein Buch von Jürgen Habermas immer wieder mal in die Hand, blättere darin, lese ein wenig heraus, leg's wieder beiseite. Ich komme nicht klar damit, mit seinem Strukturwandel der Öffentlichkeit (Luchterhand).

Jetzt habe ich eines der Originale (wenn nicht das Original) gelesen, auf die Habermas seinerzeit sich stützte, und nun bin ich, wie gesagt, doch ganz froh, mir nicht die Mühe gemacht zu haben.

Es ist sicherlich nicht allein ein Sprachproblem, daß der schwerfällige Habermas mir nicht eingehen wollte.

Hannah Arendts Vita activa oder Vom tätigen Leben ist mir leider erst in der Wiederauflage unter die Augen gekommen (Piper, München 1981. Erste Auflage der deutschen Übersetzung: Stuttgart 1960). Hier erscheint mir alles klarer durchdacht, entsprechend klappt es auch mit der sprachlichen Vermittlung.

Hannah Arendt löst den heutigen Arbeitsbegriff zunächst in seine ursprünglichen Bestandteile auf, das heißt, sie differenziert dort, wo das Denken in ökonomisch-sozialpolitischen Fragen seinen Anfang nimmt. Und obwohl die Autorin nach der gebräuchlichen Einordnung von einer bürgerlichen Position aus denkt und schreibt, ist sie dem richtig verstandenen proletarischen Denken doch sehr nützlich, ja dienlicher als einige verkleinbürgerlichte Marxismusschulen, die die eigentlich doch erstaunliche Rücknahme und Vermischung wichtiger Unterscheidungsmerkmale durch Marx selbst kritiklos übernahmen, weil sie der aktuellen gesellschaftlichen Situation ihrer Vertreter ebenso nützlich zu werden versprach, wie es schon für ihren Lehrer Marx der Fall war.

Denn in der Tat mußte es ja in ihrem Interesse liegen, zwischen Arbeit und "Arbeit" nicht zu unterscheiden, obwohl doch gerade in dieser, sozusagen ersten Differenzierung - nun freilich inmitten der "Arbeiterbewegung" selbst - die Klassenfrage aufleuchtet.

Wenn wir nämlich alle nur "arbeiten" - der eine halt mit dem "Körper" den lieben langen Tag, der andere mit dem "Kopf", dieser mit der Schaufel, in der Landwirtschaft, die Frau und die Sklaven in der Küche und auf dem Hof, jener in der Werkstatt, ein paar wenige eben "politisch" oder "künstlerisch" -, dann hat es ja, alles in allem, im großen und ganzen, seine Richtigkeit und Gerechtigkeit damit. Absurderweise. Denn gemeint war doch ursprünglich etwas ganz anderes.

Dank Hannah Arendt, die sich ausdrücklich nicht in die Reihe jener fragwürdigen Marxkritiker stellt, von denen es schon mehr als genug gibt, können wir gleichwohl die bei Marx vernachlässigte bzw. anderen Vorstellungen untergeordnete Unterscheidung wieder aufnehmen, um sie schließlich in Hegelschem Sinn "aufzuheben" - nämlich im proletarischen Selbstverständnis, auf proletarische Weise.

Der Begriff "Arbeit" bezieht sich also ursprünglich auf alle diejenigen Tätigkeiten, die unmittelbar oder mittelbar mit der körperlichen Natur des Menschen, ihrer notwendigen Reproduktion zu tun haben.

Die eigentliche "produktive" Tätigkeit fällt danach unter die Kategorie des "Herstellens". Der Versuch des Menschen, sich in seinen "Werken" unsterblich zu machen, sich zu überleben. Aber vor allem es sich überhaupt erst einmal wohnlich auf Erden einzurichten.

Sowohl "Arbeit" als auch "Herstellen" sind durch die Natur des Menschen - im engeren und in einem weiteren Sinne - bedingt. Allenfalls in der Qualität des jeweils Erarbeiteten bzw. Hergestellten wird die Grenze des Notwendigen überschritten.

Frei ist der Mensch erst in seinem "Handeln", dem dritten Bereich der Vita activa, und dieses Handeln meint das politische, das öffentliche Auftreten des Menschen, freilich auch die Unumkehrbarkeit der Folgen seines Tuns; es umschreibt exakt jene Öffentlichkeit, in der Jürgen Habermas einen Strukturwandel aufgedeckt hat. (Rolf Schütt hat sich mit Habermas des näheren auseinandergesetzt. Seine Arbeit - Jürgen Habermas und die Soziologie des deutschen Sozialismus - erscheint im nächsten kuckuck.)

Die Arendtsche Wiedereinführung der klassischen Unterteilung menschlicher Tätigkeiten macht eine Klassenteilung sichtbar, die uns zugleich vor Augen hält, daß wir in einer Sklavengesellschaft leben; daß sich unsere moderne Industriegesellschaft von der antiken Sklaverei strukturell nicht unterscheidet.

Den Krebsschaden der Industriegesellschaft glaubt Hannah Arendt darin erkannt zu haben, daß die Prinzipien der Arbeit, d.h. also der Reproduktion und des Stoffwechsels ohne Ende, von der Sphäre des Herstellens, der Produktion mithin, Besitz ergriffen. Dies habe zur Folge, daß die Dinge - ursprünglich fürs Überdauern gedacht - sofort dem Verschleiß, der Vernichtung anheimfallen. Auf dem Umweg über die Industrialisierung würde damit die Natur nach ihren eigenen zyklischen Gesetzen sich vernichten.

Diese eher metaphysische Interpretation wollen wir einmal beiseite lassen. Das sechste und letzte Kapitel ihres Buches endet mit dem Abschnitt (§ 45): Der Sieg des Animal laborans.

Vergleicht man die moderne Welt mit den Welten, die wir aus der Vergangenheit kennen, so drängt sich vor allem der enorme Erfahrungsschwund auf, der dieser Entwicklung inhärent ist. Nicht nur, daß die anschauende Kontemplation keine Stelle mehr hat in der Weite spezifisch menschlicher und sinnvoller Erfahrungen, auch das Denken, sofern es im Schlußfolgern besteht, ist zu einer Gehirnfunktion degradiert, welche die elektronischen Rechenmaschinen erheblich besser, schneller und reibungsloser vollziehen als das menschliche Gehirn. Das Handeln wiederum, das erst mit dem Herstellen gleichgesetzt wird, sinkt schließlich auf das Niveau des Arbeitens ab, weil auch das Herstellen, wegen der ihm inhärenten Weltlichkeit und Gleichgültigkeit gegen die Belange des Lebens, nur als eine Form der Arbeit geduldet werden kann, als eine vielleicht kompliziertere, aber grundsätzlich von anderen Funktionen nicht geschiedene Funktion des Lebensprozesses im Ganzen (314).
Es gibt noch andere, vielleicht noch ernstere Gefahrensignale dafür, daß der Mensch sich anschicken könnte, sich in die Tiergattung zu verwandeln, von der er seit Darwin abzustammen meint (315).

Dieser Satz freilich ist ein Gefahrensignal für das proletarische "Animal laborans", den modernen "Neanderthaler", der seine Schuldigkeit getan hat und nun geschlachtet werden kann! Der verdrehte Sozialdarwinismus erweist sich möglicherweise als praktikabler als der alte. Trotzdem mußte ich lachen, als ich es las.

Die Belebung eines neuen proletarischen Selbstverständnisses könnte dazu beitragen, die Bereiche von Reproduktion und Produktion auf das Notwendige zu reduzieren. Da der Mensch aus der im eigentlichen Sinn "notwendigen" Arbeit offenbar nicht entlassen werden kann, erweist sich sogar jener berüchtigte Satz im Kommunistischen Manifest, der den "Arbeitszwang" für alle vorsieht, als korrekt.

Ich weiß nicht, ob es ratsam ist, an dieser Stelle Möglichkeiten politisch-öffentlicher Handlungsfreiheit zu erwägen, die nicht auf alter oder neuer Sklavengesellschaft beruhen; mithin an einen Überbau zu denken, der nicht nur abstrakt und theoretisch, sondern ganz konkret und praktisch von denen belebt und beherrscht wird, die zugleich und vorerst hauptsächlich die Arbeit erledigen, d.h. in jenen Bereichen tätig sind, deren Aufrechthaltung für das physische Leben notwendig und unumgänglich ist.

Es wäre absurd, heute irgendwelche Modelle für eine proletarische Gesellschaft entwickeln zu wollen. Wesentliche Voraussetzung für dies und alles weitere wäre eine bewußte Proletarität, von der eher gesagt werden kann, was sie nicht ist, als was sie definitiv zu sein hätte.

Ob die modernen Arbeiter ernster und nachdenklicher werden müssen, um weniger arbeiten zu wollen, das "Reich des Notwendigen" einzuschränken zugunsten ihrer Freiheit für öffentliches Handeln: jede diesbezügliche Initiative, die nicht von den Produzenten ausgeht, ist wertlos und muß es bleiben.

Wenn schon die menschliche Vita activa zur Tätigkeitsform des Arbeitens zusammengeschmolzen ist, so mögen es denn auch die Arbeiter sein, die die gute alte Vita activa mit der guten, wenn nicht besseren und älteren Vita contemplativa in sich, je individuell, vereinigen. Das erleuchtete Arbeitstier, das Niederste mit dem Höchsten vereint...

Lachen mußte ich, weil ich aus einem Anlaß, auf den ich jetzt zu sprechen komme, folgendes geschrieben hatte: Wenn Sie den Schädel eines sogenannten Menschenaffen, z.B. eines Orang-Utans, betrachten, so werden Sie entdecken, daß die Ähnlichkeit mit dem Menschen in der Kindheit zum Verwechseln groß ist und mit zunehmendem Alter abnimmt. Daraus schließe ich, daß diese Affen in ihrer historischen Kindheit alle einmal Menschen waren, sich dann aber weiter entwickelten bzw. sprunghaft zu Affen wurden, während wir Menschen (Affen-)Kinder geblieben sind. Widerlegen Sie das mal! Der sogenannte Neanderthaler war demnach schon einen Schritt weiter als wir...

Also kurz: ich hatte es in einem Brief an Gunnar Heinsohn geschrieben. Heinsohn hat nämlich den modernen "Neanderthaler" entdeckt, von dem er sich auf seine, Heinsohnsche Weise ein für allemal trennen möchte.

Dabei scheint er zu ahnen, daß klassengeschichtlich seine eigene Position sehr viel eher aus der näheren Umgebung des sprichwörtlichen Neanderthals stammen dürfte.

Nur greift er nicht zur Keule; sein Instrumentarium ist aus unserer Zeit. Professor Heinsohn hat den Tod einer ganzen Klasse eingeplant - natürlich nur, insoweit sie nicht mehr gebraucht wird. Sein Gewissen ist - wissenschaftlich und rein. Ich glaube nicht, daß er unter Schlaflosigkeit leidet. Gespannt bin ich nur, wann die proletarischen Schlafmützen endlich aufstehen werden.

In seiner Theorie des Tötungsverbotes und des Monotheismus bei den Israeliten sowie der Genese, der Durchsetzung und der welthistorischen Rolle der christlichen Familien- und Fortpflanzungsmoral (Reihe invitation au voyage / Zu Alfred Sohn-Rethel. Buchladen & Unibuchladen Bettina Wassmann GmbH, Bremen 1979) verdeutlicht Gunnar Heinsohn noch einmal die Konsequenzen seiner antiproletarischen Überlegungen - beziehungsweise die antiproletarischen Konsequenzen seines theoretischen Konzepts. Er schreibt:

Für Alfred Sohn-Rethel, der auf anderem Wege als Immanuel Velikovsky, dem diese Untersuchung einen wichtigen Denkanstoß verdankt, die Grenzen der Newton-Einsteinschen Himmelsmechanik erkannt hat.

Er weiß, daß er Dank schuldet:

Diese am 31. Mai 1977 an der Hebrew-University in Jerusalem gehaltene Vorlesung wurde während eines Israelaufenthaltes verfaßt, der eigentlich eine Unterbrechung der Lehrtätigkeit bringen sollte. Nicht zuletzt der Gastfreundschaft meiner Jerusalemer Freunde Ruth Lahav und Tony Rigg ist es zu verdanken, daß ich vor einem längeren Arbeitsaufenthalt in einem Kibuzz mit der Forschung fortfahren konnte. Sie haben mir geduldig und anregend zugehört. Die Professoren Erik Cohen, David Flusser, Moshe Weinfeld und Zwi Raffel Werblovsky von der Hebräischen Universität in Jerusalem haben sich die folgenden Überlegungen angehört und mich nicht entmutigt, sie schriftlich vorzulegen, ohne mir freilich in allen Punkten zuzustimmen. Manfred Speier von der israelischen Nationalbibliothek hat mich zu wichtigen Büchern geführt. Die schriftliche Endfassung des Manuskripts wurde mir durch die Großmütigkeit Lotte Rosenbaums, die mich beherbergte, sehr erleichtert.

Ja, es ist gut, daß der Autor sich nicht entmutigen (!) ließ, diese "Überlegungen" aufzuschreiben, sonst wären sie möglicherweise verloren gegangen, und wir hätten nichts, woran wir uns halten könnten.

So aber können wir dem Bremer Hochschullehrer gerecht werden, indem wir ihn beim Wort nehmen.

Daß ich nicht umhin kann, zwischendurch gleich mit anzumerken, Heinsohns Hinweis auf seine zahlreichen Jerusalemer Freunde und Förderer diene hier vor allem als Alibi (von einer gespenstischen Tiefendimension), ist in diesem Augenblick vielleicht auch eine Temperamentsfrage.

Heinsohn beginnt bei der "Nichtopferung Isaacs durch Abraham". Die Problematisierung dieses biblisch berichteten Geschehens lag schon anderen am Herzen; Kierkegaard wohl als einem der berühmtesten. Die einfache Lösung, daß der Gott Abrahams nicht von seiner Forderung abwich, sondern Abraham auf dessen Mißverstehen hinweisen mußte, um Isaac zu retten, das heißt aber, um die Opferung Isaacs dadurch überhaupt erst möglich zu machen, ist für einen Nordeuropäer wohl auch zu einfach.

Abraham sollte Isaac in seinem Samen opfern, ihn seinem Gotte weihen in einer unendlichen, seiner ewigen Nachkommenschaft. Daß Abraham unter Opfer zunächst noch das hergebrachte Schlachtopfer begriff, so daß er erst durch Gottes direkte Intervention zum Umdenken gebracht wurde, dahin, daß er nun endlich verstand: nicht töten sollst du für mich, deinen Gott, sondern leben und Frucht tragen für alle Zeiten: eben dies bezeichnet die Wende, den qualitativen Sprung, die mentale Mutation, wenn man so will. Abraham mußte sehr alt werden, um dafür endlich reif zu sein.

Heinsohn hat da Schwierigkeiten, weil er mit einem fertigen Weltbild, einer Art Gegenbild, an die Dinge herangeht. Seine Theorie entwickelt er nicht anhand der geschilderten Realität, vielmehr leidet diese Realität zuletzt doch sehr unter Heinsohns theoretischen Vorbildungen.

Gunnar Heinsohn ist Professor für Sozialpädagogik an der Universität Bremen. Neben gesellschafts- und insbesondere bevölkerungspolitischen Fragen sind die bevorzugten Themen seiner Veröffentlichungen allerdings eher außerirdischer Natur. Universalgeschichtliche, kosmologische und mythologische Probleme verbinden sich bei ihm freilich, gleichsam als Determinanten, mit seinem eigentlichen Forschungsgebiet. Verschiedene Disziplinen berührend und reflektierend, scheint er an einem allgemeiner verbindlichen theoretisch-postreligiösen und ebensogut nachwissenschaftlichen System zu arbeiten.

Zur Stützung seiner Theorien - beziehungsweise der sich offenbar entwickelnden Gesamttheorie - greift er auf einschlägige wissenschaftliche Literatur zurück, bevorzugt jedoch den Typ des wissenschaftlichen Außenseiters, der gegen Universitätslehre und etablierten Erkenntnisstand gewissermaßen auch an neuen Weltbildnissen wirkt.

Wenn ein Dogma in Trümmer fällt, die akademischen Platzhirsche sich jedoch in Schach halten, indem sie sich ihre Fehler nicht gegenseitig vorhalten, sondern eisern an ihnen festhalten und auf diese Weise ihre Assistenten, die ja in die Professuren hineinwollen, unter Denkverbot stellen, schlägt die Stunde des Außenseiters. Dies ist wohl der wichtigste Grund dafür, daß Durchbrüche - der wissenschaftliche Fortschritt also - so selten aus den Universitäten kommen, sondern gegen diese - eigentlich ja auch fürs Denken geschaffenen - Institutionen erkämpft werden müssen (G.H.: Unsere Sonne - ein toter Ofen? in Freibeuter 6, S.38).
Dennoch: im Februar 1976 durfte John Eddy vor der Jahrestagung der American Association for the Advancement of Science seine in chinesischen, koreanischen, altbabylonischen, mittelalterlichen und neuzeitlichen Quellen gefundenen Beweise für die Veränderlichkeit der Sonnenstrahlung mit ihren Folgen für das irdische Klima - die wiederum zu sozialen Veränderungen führten, welche bisher immer ökonomistisch erklärt wurden - vortragen.
Daß überhaupt einem historisch arbeitenden Astronomen von dieser feinen Gesellschaft zugehört wurde, verdankte sich natürlich bereits der Konfusion, die unter den Professoren Platz gegriffen hatte. Und nur diese macht wohl auch das außergewöhnliche Lob verständlich, welches einem Vertreter des Establishments nach Eddys Vortrag herausrutschte: "Vielleicht sind wir soeben Zeugen eines Wendepunkts in der Geschichte der Naturwissensehaft geworden" (Science News, 6.3.1976).
Damit ist nicht gesagt, daß bereits der Mut für eine neue theoretische Synthese für die fehlenden Neutrinos, das schwerkraftslose Pulsieren und das irreguläre Strahlen der Sonne bei den Vertretern der herrschenden Lehre auf Gegenliebe stoßen würde.
Die höchste Annäherung daran liefert John Gribbin in seinem Buch The Death of the Sun (New York 1980), in dem er die Möglichkeit diskutiert, daß die Aktivitäten der Sonne von außen und nicht so sehr aus ihrem Inneren gelenkt würden, dafür dann aber lediglich die Schwerkraft Jupiters ins Auge faßt (a.a.O., S.37f.).

Immerhin.

Heinsohn kommt ausführlich auf Ralph Juergens zu sprechen, "der die Sonne als eine von außen elektrisch befeuerte Riesenanode mit all ihrer Unregelmäßigkeit und Neutrinolosigkeit plausibel machte".

Der freundliche Ingenieur aus Flagstaff/Arizona starb, 55jährig, am 2. November 1979.
Seine Ehrung bestand darin, daß Immanuel Velikovsky, der ihn um zwei Wochen überlebte (der beileibe nicht leicht jemanden neben sich akzeptieren konnte und meines Wissens öffentlich nur Giordano Bruno, Nicolas-Antoine Boulanger und Sigmund Freud gelobt hat), von ihm sagte: "He had the mark of a genius" (40).
Cosmos without Gravitation war der Titel einer kleinen Arbeit, in der Immanuel Velikovsky 1946 die zahlreichen Widersprüche der Newtonschen Theorie zusammengestellt hatte und zum Ergebnis gekommen war, daß Elektrizität das All beherrscht und die "Schwerkraft" nur als erster, ungeschickter Name für eine ihrer Veranstaltungen taugte. (Das Scheitern Albert Einsteins, der in derselben Reihe publizierte, in der auch Velikovskys kleine Schrift erschien, das Gravitationsfeld - allgemeine Relativität - mit dem elektromagnetischen Feld - spezielle Relativität - zu einer Allgemeinen Feldtheorie zu verbinden, könnte sehr wohl daher gerührt haben, daß die beiden Felder nur verschiedene Beschreibungen für eine einzige Interaktion darstellen.) (38).

Heinsohn geht nun einen Schritt weiter, stellt die Verbindung mit seinem eigentlichen fachlichen Interesse her und überschreitet dabei unmerklich die Grenzen wissenschaftlicher Argumentation, wie sich zeigen wird. Weltanschauliches Interesse lugt auf einmal hervor. Oder lese ich etwas hinein:

Forscher, die heutzutage Mutationen an einfacheren Lebewesen künstlich herbeiführen wollen, benutzen dafür Strahlung, Chemikalien oder Magnetfelder, welche die Zahl der sog. zufälligen Mutationen - d.h. lediglich der bis jetzt nicht erklärbaren - um ein Mehrfaches steigern. Diese - zu Anfang des 20. Jahrhunderts, also erst nach Darwins Tod aufkommende - Erkenntnis über genetische Veränderungen erlaubt mithin, für den Mutationsschritt vom homo sapiens neanderthalensis auf den homo sapiens sapiens die Postulierung außergewöhnlicher Umstände, welche - neben fortpflanzungsuntauglichen Formen - die ersten Menschen unserer Gattung bewirkt haben.
Welche Katastrophe im einzelnen diese Mutation hervorgerufen hat und wann genau sie stattfand, wird hier vernachlässigt. Die Datierungen, welche durchweg einen geringen Zuverlässigkeitsgrad aufweisen, deuten auf einen Zeitraum zwischen 40.000 bis 30.000 v.u.Z. (Heinsohn, Privateigentum, patriarchalische Familie, Wirtschaftswachstum, Klassenteilung und Bevölkerungsentwicklung - 50 Thesen zur Rekonstruktion der antiken Geldwirtschaft. Universität Bremen 1. August 1981; S.80 - Anhang: Eine Spekulation in zwölf Thesen. These 6).

Heinsohn schreibt:

Entscheidend ist, daß Vor-homo-sapiens-sapiens-Frauen Kinder gebaren, welche die ersten Menschen wurden. Ein weibliches Wesen gebiert also die Erkenntnisfähigkeit unseres Gehirns, wird Mutter der Weisheit oder Schuldige für die Vertreibung aus dem erkenntnislosen Paradies - je nach Rationalisierungserfordernis.
Sie wird zugleich rätselhafte oder göttliche oder parthenogenetische oder - später - jungfräuliche Mutter des Menschengeschlechts, da ein Mann desselben Aussehens am Anfang ja fehlt und die Mutationsursache unsichtbar bleibt (These 7, S.80f.).

These 8:

Mit der Existenz der ersten Menschen und dem Überlegenheitsvorteil, den seine Fähigkeiten ermöglichen, entsteht in ihm das Interesse nach Verallgemeinerung dieser Fähigkeiten. Aus diesem Interesse erwachsen zwangsläufig erste menschliche Sozialstrukturen. Diese dienen der Gewährleistung eines Fortpflanzungsverhaltens, das die primitivere Form verschwinden läßt oder separiert. Dafür werden Paarungsverbote, Paarungsgebote und Kindestötungen die neuen Maßnahmen (81).

Ich bin Gunnar Heinsohn dankbar für seine ungedeckte Sprache. Von Täuschungsmanövern, von Tarnung, kann bei ihm - weiß Gott - nicht die Rede sein. Schlimmstenfalls rechnet er womöglich mit der Unaufmerksamkeit seiner Leser.

Ich vermute allerdings, daß er sich auf - mehr oder weniger - allgemeine, wenn auch vielleicht noch unausgesprochene Zustimmung einrichten durfte.

Professor Heinsohn ist ein junger deutscher Universitätslehrer mit entsprechend guten Einblicken in die intellektuellen und weniger intellektuellen Erwartungen, in den sozusagen kollektiven Erwartungshorizont derer, die heute in Deutschland studieren, um morgen die Welt verunsichern zu können.

Es ist wahr: wo Heinsohn von der Vorvergangenheit spricht, jedenfalls zu sprechen scheint, da raunt es mir aus jüngster Vergangenheit, aus Gegenwart und nächster Zukunft entgegen.

Die Verallgemeinerung des Menschen wird über das Auswahlverhalten der Frauen erreicht, die Vor-homo-sapiens-sapiens-Männer von der Paarung ausschließen, ihren Söhnen die Paarung mit solchen Frauen verbieten - dafür über lange Zeiträume hinweg Mutter-Sohn-Paarungen vornehmen - und den noch durchschlagenden atavistischen Nachwuchs töten.
Bei den Frauen liegt also die Verantwortung für die Verallgemeinerung des homo-sapiens-sapiens-Gehirns.
Ihre Selektionen gelten als legitim, solange die Vorform noch existiert und/oder im Nachwuchs wieder erscheint.
Ihre welthistorische Leistung besteht gewissermaßen in der Überwindung des Neanderthalers - zumindest in den ersten Gruppen.
Es ist dann nicht weiter schwierig, sich vorzustellen, wie fertige homo-sapiens-sapiens-Gruppen vom Orte ihrer Mutation in Regionen gewandert sind, wo eine Mutation nicht stattgefunden hatte, wo dann also Neanderthaler- und Jetztzeitmenschengruppen aufeinandergestoßen sind und die Verallgemeinerung des Konzepts Menschheit nicht mehr allein durch Paarungsregeln, sondern durch Ausrottung weitergetrieben worden ist.
Es mögen in dieser Konfrontation zweier homo-sapiens-Arten die ubiquitären Legenden über Göttersöhne oder gottgleiche Neuankömmlinge auf der Erde, d.h. in bestimmten Regionen derselben, ihren realhistorischen Hintergrund haben (These 9, S 81f.).

Der "Rassegedanke" ist nun wahrlich keine Erfindung Gunnar Heinsohns, aber offenbar doch in ganz guten Händen bei ihm, wie zum andern die "Reinerhaltung der Rasse" selbstverständlich auch wieder in die "Verantwortung der Frauen" zu liegen kommt.

Wie gehabt. "Ahnenforschung und -erbe"... Die "gottgleichen Neuankömmlinge", diese - hier vergaß Heinsohn - "weißen Göttersöhne"... Nun, wir kennen ihren "realhistorischen Hintergrund".

Kathedertäter Heinsohn geriet uns zum kuckucksthema. Der aktuelle Anlaß - eine Anleitung zum Handeln und allerlei Hintergründiges:

Die Frage nach der Entstehung von Monotheismus und christlicher (Familien-) Moral ist zugleich die Frage nach der Besonderheit der abendländischen Kultur (uniqueness of the west), nach dem Siegeszug der christlichen Nationen Europas und nach dem Scheitern Asiens.
Es ist die Frage nach dem Unterschied zwischen dem hier gefundenen Fatalismus und dem dort georteten Unternehmungsdrang.
Diese Frage in den Bereich der Mystik zu verweisen, bedeutet nur, die epochemachende Leistung der christlichen Gesetzgebung - die massenhafte Schaffung kinderreicher Lohnarbeiterfamilien - nicht verstehen zu können.
Die römischen Kaiser der Blütezeit sind an dieser Aufgabe gescheitert und gerade dieses Versagen wird zur Voraussetzung für die Durchsetzung der christlichen überarbeiteten jüdischen Moral, während in Indien oder China nach Zersetzung des Sklavenkapitalismus an eine vergleichbare moralische Bewegung nicht angeknüpft werden kann und Feudalismus zwar entsteht, aber etwa Menschenopfer (Indien) oder Kindestötungen (China) keineswegs zu den allerschwersten Verbrechen erklärt werden und erst nach der direkten oder indirekten Eroberung durch Europa überwunden werden.
Die christlichen Nationen bringen also das Wunder zustande, ein sich selbst fortpflanzendes Proletariat hervorzubringen, also Menschen zur Zeugung und Aufzucht von Kindern zu bringen, die ihnen zur Last werden und denen sie keine Zukunft versprechen können.
Deren, gemäß allen vor- und außerchristlichen Traditionen überflüssiges Leben, muß einen Sinn erhalten, soll es erträglich sein.
Ich meine nun, daß die Not, jedem Leben einen Sinn verleihen zu müssen, obwohl es für seine (elterlichen) Erzeuger existenziell einen solchen nicht hat, die Besonderheit der abendländischen Kultur ausmacht.
Nur Leben geben zu können, dem ein Sinn erst noch zukommen muß, wird zur rastlosen zivilisatorischen Potenz des Occidents und im selben Moment zur Krankheit seiner Neuzeit, zur Krankheit jener Epoche also, in der die Lohnarbeiter zu Mehrheiten unter den Völkern werden: zur Angst vor Sinnlosigkeit.
Diese Angst wird durch ihr Allgemeinwerden schließlich die christliche Moral gänzlich aufzehren und das dauernde Abkippen von neuen Generationen auf den Arbeitsmärkten, wo sie sich zurechtfinden müssen, zum Stillstand bringen. So oder so: also entweder durch Abschaffung der Lohnarbeit oder durch umfassenden Verzicht der Lohnarbeiter auf Nachwuchs (Theorie des Tötungsverbots..., S.33f.).

Ich schrieb an Gunnar Heinsohn:

Ihre Vorlesung an der Jerusalemer Hebrew-University... hat Sie hier immerhin in den Verdacht gebracht, insgeheim so etwas wie einen Massenmord am Proletariat bzw. an seiner lebendigen Zukunft im Schilde zu führen, ihn theoretisch vorzubereiten, "wissenschaftlich" zu begründen.
Mich bestürzte zudem, daß dieser Text just in Jerusalem vorgetragen worden war. Ihr Hinweis: "Die Professoren Erik Cohen, David Flusser, Moshe Weinfeld und Zwi Raffel Werblovsky von der Hebräischen Universität in Jerusalem haben sich die folgenden Überlegungen angehört und mich nicht entmutigt, sie schriftlich vorzulegen, ohne mir freilich in allen Punkten zuzustimmen", umschreibt, ungewußt, die Geschichte einer Provokation und ihrer höflichen Aufnahme. "Nicht entmutigt" bedeutet ebensoviel wie "nicht ermutigt", nicht wahr?

Dazu Heinsohns Antwort:

Das Proletariat hatte nie eine lebendige Zukunft. Es bestand immer aus Ausgebeuteten und wird um 1995 gänzlich von Robotern ersetzt sein, deren Lebendigkeit der elenden Vergangenheit von so vielen Milliarden gewiß keinen nachträglichen Sinn zu verpassen vermag... Was Sie aus meinem Sohn-Rethel-Festschriftbeitrag zitieren, habe ich in Jerusalem selbst gar nicht vorgetragen. Die vier Professoren ermutigten mich zu Velikovsky nicht!

Redaktionsschluß. Da erreicht mich die Magisterarbeit von Hendrik Bicknaese: Die Zeitschrift Die Horen.Untersuchungen zur Charakteristik ihrer Anfänge (1955-1957. Göttingen 1982).

Eine Zeitschrift, theoretisch und sprachlich unter Niveau, geht ihren Weg merkwürdigen Erfolges, indem sie gegen Kritik sich verhärtet und den Einflüsterungen eines politischen Brunnenvergifters erliegt: das hat Bicknaese aufgedeckt, ohne es freilich so deutlich zu sagen.

Der "Mentor der ersten Stunde": Hans Heyck, Jahrgang 1891, "völkischer" Schriftsteller, dessen ns-konformen Werke in den Jahren 1933, 1934, 1937, 1940, 1942, 1943 kontinuierlich erschienen - Das Wespennest 1943 beim Eher-Verlag, bei dem auch die Monatsblätter der Reichspropagandaleitung der NSDAP - Unser Wille und Weg sowie das bereits an anderer Stelle erwähnte "Führerorgan der nationalsozialistischen Jugend" - Wille und Macht herauskamen: Hans Heyck, dieser "Mentor" und anerkannt "geistige Vater" der Horen, verstand es zunächst, in systematisch geführter, wohlwollend differenziert auf jedes Horen-Gedichtchen eingehender Korrespondenz, ihm nicht genehme Schriftsteller - also möglicherweise kritische Begleiter der Zeitschrift - mittels kleiner Diffamierungen und Ehrabschneidereien auszuschalten.

So hielt das Blatt sein Niveau. Heyck besorgte auch ergiebige Mundpropaganda, spielte mit alten Beziehungen, vermittelte Dichtertreffen...

... ich hoffe, darüber hinaus, auch junge Begabungen Ihres Kreises mit meinen Freunden im oben genannten Kulturwerk und damit auch mit Verlegern und Förderern in fruchtbare Fühlung bringen zu können. Das gehört ja auch zum Wesen echter Gemeinschaft: zusammenzustehen und sich durchzusetzen! ...

So Heyck in einem Brief an die Horen (10.11.55).

Vielleicht wollen sich Interessierte mit Hendrik Bicknaese in Verbindung setzen: Obere Karspüle 25, 3400 Göttingen 1.

Über den Sektor der Jugendbewegung, der Widerstand leistete, ... berichtet eindrucksvoll das Buch von Arno Klönne (Gegen den Strom. Ein Bericht über die Jugendopposition im Dritten Reich. Hannover-Frankfurt a.M. 1958). Der Verfasser (hat) bereits in seiner Arbeit über die Hitlerjugend bewiesen..., daß es ihm um wissenschaftliche Untersuchung geht und nicht um Propaganda...

Karl 0. Paetel, Veteran der Jugendbewegung, "Nationalbolschewist", Hitlergegner und Emigrant, schrieb es vor zwanzig Jahren (Jugend in der Entscheidung / Jugendbewegung und Politik. Bad Godesberg 1963; erste Auflage 1960).

Jetzt - in buchstäblich letzter Druckminute - brachte der Postbote ein neues Werk mir ins Haus: Arno Klönne, Jugend im Dritten Reich. Die Hitlerjugend und ihre Gegner. Dokumente und Analysen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf/Köln 1982. Wir kommen darauf zurück.

Klönne schließt: "Zerstörung war, in jeder Hinsicht, das Resultat des deutschen Faschismus" (290).

Und: Der Palme-Bericht. Bericht der Unabhängigen Kommission für Abrüstung und Sicherheit. Common Security. Mit einem Vorwort zur deutschen Ausgabe von Egon Bahr. Severin und Siedler, Berlin 1982.

Mich interessieren die kleinen Kriege, in denen die kleinen Leute sterben und verstümmelt werden, ihr bißchen Hab und Gut verlieren, ein paar tausend oder zehntausend mehr oder weniger, wen kümmert's.

Das große Thema aber ist der große Krieg. Manchmal denke ich, die Neutronenbombe - zum Beispiel - ist doch auch eine Chance für die ewigen Verlierer, weil eine Gefahr auch für die da oben. Konventionell:

Der Umfang der Waffentransfers hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Die Lieferungen machen inzwischen einen Wert von fast 30 Milliarden Dollar pro Jahr aus, und die Aufträge liegen noch wesentlich höher. Mehr als drei Viertel aller Waffenlieferungen gehen in die Entwicklungsländer (175).

Was empfiehlt der Bericht:

Keine erhebliche Steigerung der Waffenmenge, die in eine Region geliefert wird.

Er empfiehlt also eine Steigerung der Waffenmenge... Der Nationalismus ist schon eine rechte Menschheitsgeißel, davon aber kein Wort.

Vielleicht steht die Welt schon am Beginn eines großen RüstungswettIaufs mit chemischen Waffen. Die Kommission hält chemische Waffen für besonders verabscheuungswürdig und verurteilt den Einsatz so unmenschlicher Kampfmittel.
Chemische Waffen (darunter Berührungsgifte und Nervengase) nehmen eine Stellung zwischen den konventionellen und den Nuklearwaffen ein und besitzen auch einige ihrer Eigenschaften.
Sie können aus Granaten und Sprengköpfen der meisten konventionellen Waffensysteme freigesetzt werden. Durch den Einfluß der Witterung haben sie unspezifizierbare und unvorhersehbare Wirkungen. Einige sind unabbaubar und können die Umwelt auf lange Zeit vergiften. Schätzungen zufolge liegt beim Einsatz von chemischen Waffen im dichtbesiedelten Europa das Verhältnis von Zivilisten zu Soldaten unter den Toten bei 20:1.

Und wie war das konventionelle Verhältnis jüngst in Libanon?.

Zudem würde der Einsatz chemischer Waffen den Unterschied zwischen konventioneller und nuklearer Kriegführung verwischen... (167f.).

Der konventionelle Krieg ist in Gefahr, verunreinigt zu werden. Um seine Rettung geht es den Herren. Natürlich außerhalb Europas...

Die Waffen sind nicht das Problem, sondern die politischen Verhältnisse. Keine Linke in Israel, zum Beispiel, keine politische und moralische Kraft, die dem Invasions-Vandalismus Einhalt zu gebieten vermochte...

Die internationale Linke ist so schwach, so unglaubwürdig, weil national so verirrt und verwirrt allerorten.

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kuckuck 35/36
1982, Frühjahr/Sommer
13. Juni 1982

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Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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