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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1971-03-00
"ln einer Besprechung zwischen Vorstandsmitgliedern der VDNV und der AUD am 18.10.1970 in Kassel wurden entstandene Mißverständnisse zwischen beiden Organisationen aufgeklärt.
"Gemeinsam wurde festgestellt, daß die VDNV den Kurs der CDU/CSU, soweit er die Deutsche Einheit verhindert, mit Schärfe ablehnt.
"Beide Organisationen verständigten sich darüber, daß jede ihren eigenen Weg - ob überparteilich oder in Form einer politischen Partei - zu Recht gehe.
"Für die Zukunft wurden weitgehende Absprache und Zusammenarbeit vereinbart."
So las man's in einer Erklärung, veröffentlicht namens der AUD (Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher) in einem von der VDNV (Vereinigung Deutsche Nationalversammlung e.V., Sitz: 563 Remscheid, Bornsiepen 8) herausgegebenen "Kontaktbrief".
Unterzeichner der Erklärung: für die VDNV - Wolfram Bednarski und Edgar Langer; für die AUD - Dr. Klemens Döpp und August Haußleiter.
Während die AUD sich als Kleinstpartei schon einen gewissen Namen gemacht hat, erstmals im Westberliner Wahlkampf wurde sie auch in der Presse und im Fernsehen erwähnt, ist die VDNV bislang kaum zur Kenntnis der Bundesbürger gelangt.
Von der AUD weiß man etwa, daß sie eine Art Mittelstands-Sozialismus anstrebt; daß sie, jedenfalls auf lange Sicht, eine gesamtdeutsche Politik betreibt, was ja, unter sozialistischem Zeichen, sein Gutes haben kann.
In der Tat findet man denn auch bei der ersten flüchtigen Lektüre besagten VDNV-"Kontaktbriefes" zum Beispiel dies:
Schaffung einer neuen Gesellschaftsordnung heißt, eine Wirtschaftsordnung zu denken, in welcher das Großkapital in den Besitz der ganzen Gemeinschaft überführt ist, und die dem Einzelnen erst die Möglichkeit gibt, sich als Individuum zu entwickeln.
Wer nicht eben Zeit genug hat, das Blatt näher zu studieren, meint, da sei wiederum von Sozialismus die Rede. Man findet den Namen Martin Buber und glaubt, es mit einem friedlich gestimmten Verein zu tun zu haben, der auch internationale Kontakte pflegt und sich überdies humanistischem Gedankengut verpflichtet weiß.
Der chassidische Weise Buber wird zitiert, und siehe:
Es dämmert, so hoffe und spüre ich, ein Nationalismus auf, für den Nation nicht Ziel, sondern Voraussetzung ist... Wir haben den Gedanken unserer Berufung nicht aufgegeben... Wir haben erkannt, daß wir die nationale Konsolidierung vollziehen müssen um einer übernationalen Aufgabe willen.
Das sind freilich arg nationalistische Töne, gesprochen zu Basel allerdings im Jahre 1929: Nicht der Humanist, der vergleichsweise zurückhaltende Zionist kam da zu Wort.
Die Rede von "Berufung" im Kontext mit "Nationalismus" macht natürlich stutzig, zumal da man nun erkennt, daß "Kontaktbrief" gar nichts mit Kontakten etwa zum religiösen Israel zu tun hat, sondern daß der Buber-Text vielmehr als jüdisches Alibi für den eigenen, deutschen Nationalismus herangezogen wurde.
Man glaubt sich nun sicher - und wird wieder unsicher, wo zu lesen steht, "daß Demokratie, Sozialismus und nationale Freiheit zusammengehören". Das hat einen sympathischen, sozial-emanzipatorischen Klang, ineins mit dem legitimen Anspruch auf nationale Selbstbestimmung; ich denke an Lenin und bin beinahe versöhnt. Doch dann läßt es einem keine Ruhe mehr: Was will diese VDNV denn nun wirklich?
In besagtem "Kontaktbrief" wird aus der "Schriftenreihe der VDNV" (Bezug "über die Organisationsleitung L. Held, 51 Aachen, Hansemannplatz 1, gegen Einsendung von 1 DM in Briefmarken") neben Beiträgen von einem General a.D. A. Andrae und dem bereits als Mitunterzeichner jener VDNV-AUD-Erklärung genannten Dr. K. Döpp - ein gewiß lesenswerter Text: "Weltanschauliche Grundlagen für die Zukunft" angepriesen. Verfasser: Edgar Langer, hier ebenfalls schon bekannt als einer jener Unterzeichner.
Da - in diesem "Weltanschauungs"-Aufsatz - steht es nun schwarz auf weiß:
Wir kämpfen für...: Eine Entwicklung von Gemeinschaften gleicher Abstammung... Unterstützen Sie diesen gerechten Kampf um Gesundung der Nation und der Welt!
Wen die Sache mit der "gleichen Abstammung" neugierig gemacht hat, der findet: "Vermischung und Entartung der Völker..."; liest von einer "nur ihren Trieben lebenden archaischen Gesellschaft primitivster Menschen an der Schwelle vom Tierreich (Tiermenschentum)"; von "Bevölkerungskonglomerat" ... Von der
Zerstörung der bisherigen überzeitlichen Ordnungswerte der Kulturmenschheit und profitbringende(m) Appell an menschliche Triebe als geistige(r) Voraussetzung, einen Weltschmelztiegel für alle Menschen zu schaffen.
Einer weiteren "Gefährdung" für die "Gesundung der Nation und der Welt":
Auslieferung der ordnungswilligen Kräfte in den Völkern durch angeblich humane Gesetzgebung an das Verbrechertum, um ihren Sinn für Ordnung zu brechen...
Diese allgemeine Vermassung und Nivellierung der Weltbevölkerung wird durch die Umwandlung der nationalen in Verwaltungsgrenzen und die dadurch entstehende Freizügigkeit, Vermischung und Entartung der Völker in der Welt gefördert und unterstützt.
Ziemlich starker Tobak von einem eingetragenen Verein, der auch "Demokratie" im Munde führt.
Und dies:
... schleichen sich Vergiftungserscheinungen in den Blutstrom ein, so wird entweder der ganze Kreislauf und damit der Groß-Organismus Nation lahmgelegt, geht unter, oder er tritt in ein Stadium der Krankheit ein, vegetiert dahin.
Bei klarer Erkenntnis dieser Sachlage hat nun das einzelne Volksglied das Recht, durch Rechtsschöpfung des eigenen sittlichen Ich der erkrankten Nation Hilfe zu leisten, als Arzt zu fungieren und als Hilfsmittel einen neuen provisorischen Kreislauf zur Wiederbelebung zu schaffen, der innerhalb der Nation bis zu ihrer Gesundung folgendermaßen aussieht:
Naturrecht - Widerstandsrecht, Volkselite - Bekämpfung der Führungselite - Forderung der Identität zwischen Gesetz und Naturrecht - Forderung nach praktischer Politik für Volk und Staat - Naturrecht.
Das Ziel dieses Eingriffs ist, das kranke Organ Führungselite durch die Volkselite als neues, gesundes Organ zu ersetzen, die Gifte aus dem Volkskörper auszuscheiden und den Groß-Organismus Nation zu neuem Dasein zu führen.
"... die Gifte aus dem Volkskörper auszuscheiden" - um der "Gesundung" zu einer "Gemeinschaft gleicher Abstammung" willen...
Die Warnung vor der "erhöhten Gefährdung" einer "Entartung des Volkes durch zivilisatorische Prozesse" liest sich beinahe wieder harmlos, verglichen mit jenem.
Und: war vor Tische noch von "Sozialismus" die Rede, so lese ich am Ende als Forderung eines "konstruktiven Nationalismus": den "Aufbau einer gesunden und stabilen Sozial- und Wirtschaftsordnung auf der Grundlage des privaten Eigentums"... Lediglich das "anonyme Großkapital ist zu vergesellschaften". Das "anonyme"?
Es kann auch gar nicht anders sein: Nachdem die "Gifte aus dem Volkskörper ausgeschieden", kann dieser - nunmehr eine "Gemeinschaft gleicher Abstammung" - "auf der Grundlage des privaten Eigentums" wieder "gesunden": jenes "Großkapital" der inzwischen "ausgeschiedenen Gifte" ist ja doch nun herren- und namenlos, "anonym". Das wird enteignet. Genau wie bei Hitler.
Und genau wie bei Hitler gesellt sich zu Völkischem, nationalem Kapitalismus und Rassismus der Antimarxismus: Wer
sich als deutsche Sektion einer ideologisch begründeten Internationale versteht, ist ein Vertreter der Selbstaufgabe und scheidet deshalb schon von der Sache her als Träger des deutschen Neubaus aus. Er macht sich durch sein Verhalten zum Feind der Nation, der er selber entstammt.
Also, die "Weltanschauung" liegt auf dem Tisch. Und
... so prägt auch in einer Nation nicht das Volk seine Führung, sondern die Führung das Volk ...
Eine unauffällige kleine und bescheidene Partei rechtgläubiger Bürger mit mildem "Links"-Image, wie es die AUD nun einmal ist, hat - denn so steht's in der Erklärung vom 18. Oktober des vergangenen Jahres - der VDNV, als der Herausgeberin jenes "Weltanschauungs"-Traktats, bescheinigt, sie gehe "ihren eigenen Weg... zu Recht". Am Ende wurden "für die Zukunft weitgehende Absprache und Zusammenarbeit vereinbart". So, so.
Neue Politik 14
3.4.71
online-Fassung
kuckuck 35/36
1982, Frühjahr/Sommer
13. Juni 1982
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Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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