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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Buchausgabe:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 2. Klärungen, Rückblicke und neue Fragen
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1981-11-18

Horst Lummert

Implikationen der sogenannten Friedensbewegung

Die Fortsetzung des Zweiten Weltkrieges mit alternativen Mitteln ist in eine neue Phase getreten.

Was dem unbefangenen, weil un-informierten (und unmerklich uniformierten) Beobachter als spontaner kollektiver Aufbruch erscheinen mußte (aus Anlaß von Neutronenbombe, Pershing II, Nachrüstung etc.pp.), beschreibt in Wahrheit einen Höhepunkt, wenn nicht das Ende (und damit die spezifische Wende) einer jahrzehntelangen, von Mal zu Mal forcierten Entwicklung.

Mit dem Namen "Friedens"-Bewegung, darf man fürchten, endet und wendet sich der nachfünfundvierziger Frieden in Richtung 1939.

Die "Friedensbewegung" ist eine Kriegsbewegung; sie beinhaltet Kriegsgefahren von vielerlei Art, derer man sich noch kritisch wird annehmen müssen.

Die undurchschaute Demagogie dieser "Friedensbewegung" beruht auf den Unterlassungen einer quasi-gleichgeschalteten Publizistik.

Deren mutmaßlich ohne direkte Absprache funktionierender Konsens ist ohne ihre geschichtliche und ganz simpel personelle Herkunft aus der NS-Zeit nicht zu begreifen.

Das Erstaunen über den Faschismus-Verdacht ist eine Frucht des konsequenten Verschweigens der Geschichte des nazistischen Untergrunds, seiner ideologischen, konzeptionell-strategischen und taktischen Selbstdarstellung, seiner vielfältigen Maskierungen, Tarnungen, Täuschungen; seiner nachgerade proteischen Verwandlungskünste und scheindemokratischen Bühnenspiele.

Der öffentliche und dieser fragwürdigen Realität gänzlich unangemessene Erkenntnisstand hat das Volk der Deutschen wieder einmal zu einem Volk von politischen Dummköpfen gemacht.

Schon sind Hunderttausende von Idealisten des Friedens den massenpsychologischen Manipulationen des wahrhaft subtilen Faschismus auf den Tag verfallen - bereit, sich für diesen neuen, doch leider ja ganz alten Wahn in neuer Verkleidung ans Kreuz, diesmal eines der evangelischen Nächstenliebe, nageln zu lassen.

Kein Zufall, daß protestantische Pastoren in so auffälliger Zahl diese Bühne bevölkern.

Noch immer haben sie's mit den Landesfürsten gehalten, lag ihnen die nationale Provinz mehr als das tausendmal schönere Schneewittchen fern hinter den Bergen, davon ihnen oft genug der Spiegel sein Menetekel an die Wand geworfen hatte.

An den vergifteten Äpfeln gehen sie indessen selber zugrunde.

In der theologischen Hand eines Deutschen wird die Bibel zu einem Zauberbuch.

Ohne Luthers geniale Übersetzungsarbeit wäre der Welt und zunächst dem Volk dieses Buches viel Leid erspart geblieben.

Jetzt fürchten die Epigonen göttliche Strafe für die Folgen ihrer Zauberei.

Denn es steht geschrieben: "Er wird Strahlen über sie schütten; er wird sie mit Feuer tief in die Erde schlagen, daß sie nicht mehr aufstehen" (Ps.140,11).

Psychologe müßte man sein, um die "tiefe Sorge" der Friedensbewegten in ihrer ganzen Tiefe begreifen zu können.

Daß so etwas wie eine kollektive Angst vor einer Rache für Auschwitz die neue "deutsche Identität" besiegeln könnte, bleibt in der Tat ein Thema für sich.

Nicht Auschwitz, sondern eine verräterische Kompensation zunächst bewog die Bewegten: getrieben - abermals - von den Gelüsten und mythomanischen Ausdünstungen der "Denker des Dritten Reiches".

Ihre Angst kriecht aus ihrer eigenen Torheit, ihrem eigenen Haß, ihrer eigenen Unbelehrbarkeit.

Erst jetzt macht sich eine kollektive Schuld unter Deutschen breit. Sie betrifft gar nicht mehr unmittelbar die Vergangenheit, kaum noch die Alten. Die Jungen sind's und ihre Zukunft, was in Frage steht.

"No future" - ein wahres Wort für den, der die kollektive Seele dieses "Jungen Deutschlands" ein wenig ausgeleuchtet hat.

Spuren genug. Dichten und Trachten en masse.

Was ist geschehen? Wie war das möglich?

Die gleichsam freiwillige Selbstfaschisierung, für die der allgemeine Fremdenhaß, der widerliche Antisemitismus gerade unter der Jugend, die neue Heuchelei und Verlogenheit in der politischen Argumentation ebenso wie die nur zu bekannten Methoden der Auseinandersetzung überdeutliche Zeichen setzen, ist unentschuldbar.

Vieles spricht für den Verdacht, daß eine psychohistorische Gesetzmäßigkeit politisch verschärft, massenmanipulatorisch mißbraucht worden ist.

Daß mit "pädagogischen" Mitteln künstlich seelische Faschismusvoraussetzungen geschaffen wurden, sollte allmählich zum Allgemeinwissen gehören.

Nachlesbares genug. Die Enkelkinder der Nazis danken's ihren spartanischen Müttern.

Alle Mittel waren ihnen recht. Die Revision des NS-Bildes wurde nachhaltig betrieben und reicht bis in die frühen sechziger Jahre zurück.

Die nahezu unauffällige Hauptarbeit hat dabei Augsteins Spiegel geleistet. Ein Glück, daß das alles schwarz auf weiß gedruckt vorliegt und zu gegebener Zeit durchgesondert werden kann.

Es sind die scheinbaren Nebensächlichkeiten, die eine unbefangene und legitime Diskussion der nationalen Frage vielleicht für alle Zeiten abgeblockt haben.

Die ideologischen Begleitumstände der sogenannten Friedensbewegung, die sich inzwischen als nationalneutralistisch ins öffentliche Bewußtsein geschlichen hat, sind sozusagen der Bärendienst, den die "Bewegung" sich selber leistet.

Es ist ja kein absolutes Geheimnis, daß die Konzeptionen für diese Entwicklung von nationalsozialistischen Profis in langwieriger und wirklich auch sehr geduldiger Kleinarbeit entworfen und geschickt in politische Praxis umgesetzt worden sind.

Man möchte fast sagen, daß die Nazis mit dieser Fähigkeit, sich wieder voll ins Spiel zu bringen, vor der Geschichte den Nachweis erbracht haben, daß dieses Volk ihnen gehört wie der Bär seinem Führer, genasführt zwar, doch um so selbsterfüllter denn auch.

Daß Deutschlands Neue Linke der Neuen Rechten so ähnlich geworden ist, hat vielerlei Gründe - darunter auch den: Die Töchter und Söhne der NS-Prominenz haben mit zunehmendem Alter sich auspubertiert und ihre Identifikation mit Elternwelt und Vaterland inswischen rigoros in die Wege geleitet.

So entpuppt sich ein Großteil der oppositionellen Politik der sechziger Jahre im nachhinein als lächerlich-unbeständiger "Generationskonflikt" im nationalen Maßstab.

"No future" für dieses Land.

In der Gesamtstrategie war die nachgemachte Linke ohnehin nur als Vorhut gedacht: sich zu verschleißen, zu diskreditieren, zu kriminalisieren usw. - bis zum Gehtnichtmehr.

Jedem Volk die Linke, die ihm nach Gemüt und Geiste gerechterweise zusteht.

Alles nachzulesen - in den alten Schriften der Rechten, die sich "aufzubewahren", "bereitzuhalten", die ihre Zeit und Stunde abzuwarten wußten. "Vertrottelte Linke" nannten sie ihre Pfadfindergarde.

Die umweltpolitische Strategie dieser alle paar Jahre den Namen wechselnden "Bewegung" kriegt Hand und Fuß als Strategie zu einer europäischen Neuordnung.

Der außenpolitische Aspekt macht ihren Kriegskurs um so deutlicher, als historische Analogien mindest hypothetisch zu Rate gezogen werden können.

Die Kräfteverhältnisse haben sich indessen verändert. Nicht zuletzt aus diesem Grunde bietet sich eine Passionstaktik, diese Angst- und Panikmache mitsamt der ganzen Friedenssehnsüchtelei, als machtpolitische Überbrückungshilfe an.

Man täusche sich nicht - und wundere sich nicht, wenn starker Gegenwind plötzlich aus einer Richtung kommt, an die bisher niemand gedacht zu haben scheint.

Ich weiß nicht, ob Frankreich seine europäischen Ambitionen aufgegeben hat. Vielleicht gehört auch die neue Entwicklung in und um Polen kräftepolitisch schon ins europäische Gesamtprogramm. Denkbar wäre sogar eine künftige Sonderrolle Bayerns.

Mit der Fortsetzung dieser nationalneutralistischen Bestrebungen der (vornehmlich) Preußendeutschen scheinen mir jedenfalls die besten Voraussetzungen für eine Selbstisolierung der Bundesrepublik, aber auch der DDR, gegeben zu sein. Selbstisolierung und weitere Teilung... Wer dächte denn heute an ein eigenständiges Sachsen!

Wenn die Weltmächte ihren Rückzug aus Europa beabsichtigen, und ohne eine solche Absicht wäre das alles sowieso Mumpitz und gefährliches Spiel mit dem Feuer, werden sie vermutlich an einer Auflösung des Kontinents in seine historisch gewachsenen Bestandteile interessiert sein, an einer Wiederbelebung der alten innereuropäischen Gegensätze. Mitspielen können sie immer; ihr Risiko würde verringert.

Und in Sachen Provinzialismus hätten wir den andern wieder einiges voraus.

"No future"?

Geschrieben am 18. 11. 81 (vor dem Militärputsch in Polen)

Der vorstehende Beitrag erschien bereits in Studien von Zeitfragen 15/81. Bei der jetzt von Arno Klönne redigierten Publikation, die in der politischen Landschaft bisher "nichts wichtigeres als den Frieden" zu erkennen vermochte, scheinen erste Zweifel an dieser Konzeption aufzukommen. Auf Diskussion und sonstige Auswirkungen darf man vielleicht gespannt sein.

kuckuck 33/34
1981/1982, Herbst/Winter
22. Januar 1982

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