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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Buchausgabe:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 2. Klärungen, Rückblicke und neue Fragen
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1981-00-00

Horst Lummert

Lothar Baier hat nun...

Ein Anlaß zu tausend und einem Gedanken

Lothar Baier hat nun gar nicht mehr geantwortet, so daß ich nicht habe erfahren können, was er dazu meine; aber er meint wahrscheinlich, schon alles gesagt zu haben, was von seiner Seite zu sagen sei, so ist unsereins wieder allein mit sich und seinen Gedanken.

Inzwischen erschien in der Frankfurter Rundschau (14.3.81) von Lothar Baier ein Bericht über ein Internationales Schriftsteller-Kolloquium in Paris zum Thema "aktuelle Formen des Faschismus" - und damit wären wir ja wieder mittendrin im Gespräch.

Freilich, so die Überschrift des Baier-Beitrags: "Faschismus ist das nicht, aber..." Was - aber?

Irgendetwas geht in ihm vor. Reibt er sich gerade den Schlaf aus den Augen, sind da zwei, drei Seelen in seiner Brust, die nicht ein noch aus wissen?

Ein bißchen Wahrheitstrieb mit antifaschistischem Engagement, ein bißchen Angst, ein bißchen Trotz gegen weniger Angst und mehr Engagement, ein bißchen Opportunismus.

Und dann: mit wem saß ich da bisher zusammen im selben Boot...

Muß man erst nach Paris fahren, um etwas über die internationalen Verzweigungen des intellektuellen und des politischen Rechtsradikalismus zu erfahren, die uns gerade hier im Nachfolgestaat des Dritten Reiches etwas angehen sollten? Das Interesse an dieser Szene ist hierzulande offensichtlich gleich Null: der Berliner Autor Jan Peters, der vor kurzem unter dem Titel Nationaler "Sozialismus" von Rechts (Verlag Klaus Guhl) eine gründliche Dokumentation zur Intellektualisierung des westdeutschen Neonazismus herausgegeben hat, stößt fast überall auf taube Ohren. Daß außer dem Berichterstatter kein einziger der eingeladenen deutschsprachigen Autoren es für nötig gehalten hat, an dem Pariser Kolloquium teilzunehmen, während aus Schweden, England, Italien und anderen Ländern jeweils mehrere Autoren anreisten, ist ein ernüchterndes und beschämendes Zeichen.
Daß ein Mann wie Henryk M. Broder, der jahrelang über den Neofaschismus berichtet hat, sich schließlich alleingelassen fühlt und, mit welcher Begründung auch immer, nach Israel weggeht, ist ein Warnzeichen. - Eine jüdische Teilnehmerin des Kolloquiums sprach ganz einfach von Angst.
Hat die Reminiszenz mehr als sentimentalen Charakter?

fragt Baier an anderer Stelle.

1981 sind weder Deutschland noch Italien faschistisch, und ein Putschversuch hat auch nicht stattgefunden.

Nein?

Eine Massenbewegung, für die der Bombenterror von Bologna und München zum Aufbruchssignal hätte werden können, ist nicht in Sicht...

Er meint - wohlweislich - eine faschistische "Massenbewegung"!

... und nach dem Anschlag vor der Pariser Synagoge im vergangenen Oktober waren Hunderttausende auf die Straße gegangen, um gegen Rassismus und Faschismus zu protestieren. Was können Intellektuelle, auf einem derart massenhaft abgegrasten Feld, noch zu suchen haben?

Ja, was wohl. Diesmal waren - auf dem "massenhaft abgegrasten Feld" - die Antifaschisten gemeint.

Aber ging's uns hier nicht um eine andere Frage? Nämlich: wo denn die - deutsche - antifaschistische Linke blieb, nachdem in München zum Oktoberfest ein faschistischer Massenmord inszeniert worden war! Sie blieb aus, es gibt sie nicht mehr. Drum war auch Baier ganz allein in Paris, wie ich allein bin mit meinem lächerlichen kuckuck.

Zu spät, lieber Lothar, zu spät. Apropos: Bologna. Der Massenmord auf dem Bahnhof war ein Aufbruchssignal - für den antifaschistischen Massenprotest. Bitte (diesbezüglich) nicht in einem Atemzug mit München nennen. Es mußte der Papst nach Deutschland kommen, um am Münchner Tatort eine Massenveranstaltung auf die Beine zu stellen und der Opfer zu gedenken. Dafür wurde gegen ihn eine unglaubliche Hetze aufgezogen "im Lande der Reformation". Unterdes wollte ihm ein türkischer Faschist ans Leben. Heuchelte der Spiegel auf der Titelseite: "Warum gerade der Papst?" Ja, warum, lieber Spiegel!

Lothar Baier weiß noch immer nicht genau, was zu tun sei.

Der Schriftsteller Jean-Pierre Faye, einer der Initiatoren des Kolloquiums und im übrigen einer der besten Kenner der präfaschistischen Ideologien, hat in seiner Einleitung die Frage, weshalb sich die Schriftsteller mit den aktuellen Formen des Faschismus befassen sollen, so beantwortet: "Weil die Formen, die uns interessieren, eine Sprache bilden, und weil sich der Faschismus hinter vielen verschiedenen Sprachen verbirgt."

Und:

Die am Ende des Kolloquiums verabschiedete Resolution überträgt dem Schriftsteller eine fundamentale Verantwortung, weil er... (den Faschismus) überall benennen kann, wo er sich regt!

Was meint Baier dazu?

Wenn von der Verantwortung der Intellektuellen die Rede ist, dann muß auch ihre Verantwortung für die ungeheure Inflation der Faschismen erwähnt werden, mit der die stetige Entwertung eines möglichen Antifaschismus einhergeht.

Streiten wir um Worte oder um konkrete Inhalte, die nachzuweisen sind? Schlimm, schlimm.

Aber, keine Sorge, wir bewältigen das schon mit unserm kuckuck (Auflage: 300!). Bei den letzten Tarifverhandlungen sind, glaube ich, etwa 4% herausgekommen. Die Finanzierung des antifaschistischen Kampfes ist also auch gesichert.

Broder und Peters, Jan Peters, zu spät, alles zu spät, ungefähr 10 Jahre... Vielleicht war es schon damals nicht mehr möglich nach dieser deutschen Geschichte.

Peter van Spall macht als Jan Peters wieder gut, was er damals mit verderben half, weil er nicht durchblickte. Der typische Nachzügler, dabei wohl grundehrlich, aber er hörte das Gras nicht wachsen, und solange - vielleicht doch - noch was zu retten gewesen wäre, machte er Front gegen marxistische Theorie und dialektische Analyse, das waren für ihn "Spinnereien", weil er nichts davon begriff.

Zu spät, lieber Arno Klönne, zu spät. Und Broders Porno-Phase dauerte viel zu lange. Später schrieb er engagiert in der bürgerlichen, hauptsächlich wohl sich als liberal verstehenden Presse.

Aber daß sich hinter der antisemitischen Linken Deutschlands Neue Rechte versteckt, hat auch er nicht kapiert.

Dieter Stäcker, der vor zehn Jahren noch Hamburger Korrespondent der Frankfurter Rundschau war (jetzt schreibt er für sie aus London), wollte damals kräftig (für mich) einsteigen, informierte sich im Hamburger Spiegel-Archiv, fand allerlei, aber es darf darüber nicht berichtet werden, gesperrt, Stäcker ließ die Sache fallen wie eine heiße Kartoffel.

Michael Schneider saß ganz erstarrt, als ich ihn, eben aus Holland kommend, in seinem Büro bei Wagenbach besuchte.

Bernd Michels, seinerzeit Redakteur bei Röhls konkret, hatte mir die Veröffentlichung meines Berichts über den getarnten Nazismus bereits zugesagt, wurde aber plötzlich entlassen. Der Abdruck fiel ins Wasser. Mein Manuskript habe ich nie wieder gesehen.

Desgleichen beim Berliner Extradienst. Das Manuskript blieb verschwunden, unauffindbar. Ich sehe Guggomos auf seinem Schreibtisch herumwühlen... Walter Barthel und Frau Guggomos, ach ja, sie schauten einander an, aber nichts zu finden... Für den ED haben wir nun Die Neue.

Ich habe immer behauptet, daß die eigentümliche Dialektik der ostpolitischen Initiativen seit Anfang der siebziger Jahre mitsamt ihren weniger sichtbaren Vorbereitungen seit etwa 1961, wozu auch der Mauerbau und die Ermordung des amerikanischen Präsidenten Kennedy gehörten, die ns-restaurative Entwicklung begünstigt und beschleunigt hat.

Die europäische Staatenpolitik unterliegt gewissen - wie konstellativen - Bedingungen, durch innenpolitische Machtverschiebungen wiewohl veränderbar, die bereits eine kaum aufheiternde Tradition haben.

Im besonderen waren es immer wieder unheilvolle Bündniszwänge, die die Deutschen mit den Russen zusammenführten, halbherzig zwar, aber eben drum auch um so bedenklicher, und die in finsterste Reaktion und Unfreiheit für weite Teile Europas geführt haben.

Das Bündnis gegen Napoleon, das Zusammenspiel Ludendorffs mit Lenin, dessen Unterstützung durch den deutschen militärischen Geheimdienst, der Nichtangriffspakt und der - heute gern vergessene - Freundschaftspakt zwischen der Sowjetunion und dem Hitlerreich...

Und immer im Dienste des "Friedens", das wollen wir wohl bedenken. Unter diesem Etikett war stets Gefahr unterwegs: für Freiheit, Frieden, vernünftige internationale Zusammenarbeit; Gefahr für die Wissenschaft, für Denken und Handeln, Gefahr für Aufklärung und soziale Emanzipation. Und da stehen wir nun wieder einmal.

Ich beobachte schon seit einiger Zeit, daß die Unbelehrbaren - um nicht lernen zu müssen - einfach den Spieß umdrehn und nun sagen: Ihr da habt seit 33, seit 45, seit 68, seit Adorno, seit Marx und seit Freud - nicht dazugelernt.

Zuletzt haben die Marxisten zu Hitler ins Internat zu wandern, um bei ihm Nachhilfeunterricht zu nehmen in Sachen, ja was, Seelengewinnung, Massentäuschung, kurz: Demagogie.

Ich bestreite ja nicht den Erfolg einer solchen politischen Praxis. Aber der stützt sich nicht aufs Volk, sondern auf die neue Mittelklasse, aufs alte Kleinbürgertum, das sich anschickt, via Kernkraft, Umwelt und dergleichen das Landvolk, die Bauern zu erobern.

Deutsche Armut und deutsches Elend in deutschen Landen errichtet die Grüne Front (mittlerweile Friedensfront)... Man muß es nur oft genug sagen, dann glauben sie's.

Nationale Opposition... Und wo, nebenbei, das Proletariat mit von der Partie ist, so etwa unter dem Slogan: Rettet "unsere" Kohlengruben! - da ist die unreflektierte Angst vor der Arbeitslosigkeit in reaktionäre Dienste genommen worden.

Die Umweltvorschützer stehen sich da auch noch selber im Wege. Aber was gilt's, die Rekonvaleszenz des Faschismus geht ihrem Ende zu, da muß man das alles nicht mehr gar so genau nehmen. Wir werden sehen.

Wer sich ein umfassendes Bild von der "neuen" Rechten in der Bundesrepublik machen will, der sei auf diese zwei Bücher hingewiesen, die Jan Peters herausgegeben hat:

Neofaschismus. Die Rechten im Aufwind. Sozialpolitischer Verlag SPV und Das Arsenal. Verlag für Kultur und Politik. Berlin 1979. Vertrieb über: Sozialpolitischer Verlag SPV, Schlesische Straße 31, 1 Berlin 36. Ich muß ergänzen: Herausgegeben von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Landesverband Berlin, vom Bund politisch, rassisch und religiös Verfolgter und Jan Peters. Und, oben bereits erwähnt: Nationaler "Sozialismus" von rechts. Verlag Klaus Guhl, Berlin 1980. Hier also zeichnet Jan Peters als alleiniger Herausgeber.

Jan Peters hat Material gesammelt, das sich jeder ansehen sollte, der noch immer glaubt, die politische Welt außerhalb bzw. an den Rändern des Kapitalismus sei imgrunde die bessere, die potentiell gute.

Das Verdienst, das Jan Peters damit zukommt, wird nicht geschmälert dadurch, daß offensichtlich einige Dokumente und Interpretationen mit in die Zusammenstellung geraten sind, die eher der Desinformation als der Information dienen.

Es bedürfte des kritischen Apparats eines unabhängigen wissenschaftlichen Lektorats, um jede einzelne Schrift, die hier angeboten wird, auf ihre Authentizität hin zu überprüfen.

Auch wenn dem Herausgeber das eine oder anderemal vielleicht eine Falle gestellt wurde, die er nicht oder nicht sogleich erkannte, unterstreicht das eher die Bedeutung der zwei Bände, als daß es sie in ihrem Werte herabsetzen würde.

Man muß sie nur eben jetzt sehr kritisch lesen.

Der Strauß-Ablenker könnte doch nun allmählich in der Mottenkiste verschwinden, zu retten ist sowieso nichts mehr.

Helmut und Rudolf, der Schmidt und der Augstein. Wo waren sie damals? Und was?

Der Ältere nahm an einer "Volksgerichtshof"-Sitzung teil - als privilegierter Gast.

Die gleichgeschaltete Presse Bundesdeutschlands wird da natürlich nicht nachhaken. Eine Krähe hackt der andern kein Auge aus. Und Rudolf Augsteins Spiegel wird sich hüten.

Mir fiel auf, wo immer der Augstein sich aufhielt im Krieg, in der Nähe war meistens ein Konzentrationslager.

Also, mich interessiert das alles, sozusagen brennend.

Lassen wir die Außenpolitik einmal beiseite. Zur Nahostproblematik habe ich mich früh genug und oft genug und, wie ich glaube, triftig geäußert. Das kann an anderer Stelle nachgelesen werden.

Ich habe den Israelis immer vorgeworfen, daß sie gegen (arabische) Ersatzfeinde kämpfen, während ihre Mörder bei uns frei herumlaufen und sich um so mehr die Hände reiben, je größer das Schlamassel im Nahen Osten zu werden scheint.

Ich weiß, daß die sich irren, aber die Israelis sollten endlich zur Kenntnis nehmen: die Mörder werden ihren Opfern nie vergeben.

Was den Völkermord angeht, so ist mir Menachem Begin näher als Helmut Schmidt und Rudolf Augstein.

Begins eindeutige Sprache in dieser Frage hat mir gefallen. Ich sage das ausdrücklich als deutscher Staatsbürger (oder muß ich sagen: Bürger Westberlins?).

Bin ich von Peters' Büchern abgekommen? Daß mit der Veröffentlichung nazistischer Propagandatexte im Original samt Adressenangaben für andersrum interessierte Leser zugleich Kontaktmaterial angeboten wird, ist gewiß nicht dem Herausgeber anzustreichen.

Im übrigen ist ja ohnedies alles fest in deutscher Hand. Ingeborg Drewitz, Jean Michel Berthoud, Ernst Bloch, Erich Fried, Michael Hepp, Arno Klönne, Shannee Marks u.a. sind als Mitautoren zu nennen. Geliefert werden "Dokumente und Programme der grünbraunen Reaktionäre".

Wie unter dem Verlags-Etikett, latenten Faschismus sichtbar zu machen, faschistisches Denken, rassistisches Ressentiment vom Autor selbst beständig reproduziert wird, dafür ist Horst Ulbrichts Roman Kinderlitzchen (das neue buch Rowohlt 115, Dezember 1978) ein ganz gutes Beispiel.

Er schildert die Nachkriegszeit in einem fränkischen Dorf mit "Negern" und "Niggern" und einem erschlagenen "Essessler", dem die Geschlechtsteile abgeschnitten und in den Mund gestopft wurden.

Wirklich Grausig-Gruseliges, was die amerikanischen "Sieger" den "kaputten" Deutschen alles antun, die, was ich nun wirklich zum erstenmal las, nunmehr, so von den Amerikanern befohlen, "eine neue Schrift, lateinisch" lernen müssen. "Die deutsche Schrift ist verboten, von den Amis" (136).

Die sogenannte "deutsche" Schrift wurde bereits in der Kriegszeit, etwa 1942/43, durch die lateinische ersetzt.

Ganz schlimm, wie die "Neger" mit kleinen deutschen Kindern ihren Schabernack trieben.

Die Sprache des Faschismus ungesprochen lassen, ist der Literatur meist dienlicher. Vom Denken nicht zu reden, nicht mehr.

Nein, nein, wir haben uns von der Literatur nicht entfernt. Wir bleiben ihr hart auf den Fersen. So leicht entgeht sie uns nicht.

Nicht um reinzuwaschen (das schaffen wir nicht), sondern um den unscharfen, mehrdeutigen, eher getarnten als notorischen, weniger den alten als den neuerlichen Verrat an der Wahrheit beim Namen zu nennen: des Hierbleibens allerletzter Sinn?

Bei allem ideologischen Argwohn blieb ich doch ziemlich naiv hinsichtlich der organisatorischen Wucherungen, die sich im bundesrepublikanischen Hintergrund gebildet hatten.

Ich wollte auch nicht glauben, was ich las: aus Signalen, Symbolen, Codes und Sprachen. Ich traute meinen Entdeckungen nicht.

Auch heute gehe ich unbefangen an die Dinge heran. Auf der Suche nach einem Funken Wahrheit traf ich auf Lügen und Täuschung.

Was ich fand, hatte ich gerade nicht gesucht.

Erst allmählich begriff ich: der Alptraum ist Wirklichkeit.

Und trotzdem mache ich mich gleich wieder unbefangen, um leben zu können, um denken zu können. Vielleicht habe ich mich eben doch geirrt. Und ich weiß es doch besser. So betrüge ich mich selbst. Man sieht es mir an.

Ich mache weiter, obwohl ich weiß, daß es keinen Sinn mehr gibt.

Wenn ich zum Beispiel wiederholt dem Symbol des Januskopfes begegne, so stelle ich ohne Hintergedanken zunächst einmal eine Verbindung her: eine Literaturzeitschrift, die Titelseite eines Buches, das Signet eines Verlages.

Die Zeitschrift gibt es vielleicht gar nicht mehr. Das Buch (Wer soll das alles ändern) schrieb Joseph Huber. Der Verlag mit dem zwiegesichtigen Kopf als Signet ist der Umschau Verlag, bei dem die Velikovsky-Werke herauskommen. Velikovsky?

Nun bietet sich das Janus-Zeichen als passendes Symbol für die besondere deutsche Situation, für die Mittellage des Landes an.

Außerdem lesen Mythologen noch eine Nachricht aus dem Emblem, die in ferne Vergangenheiten weist und auf Weltenwende deutet.

Die Weltalter haben viele Theorien und Theoretiker gefunden, die sich aus dem Religiösen heraus über Geschichtsbetrachtung und -deutung zu politisch pointierter Weltanschauung und Interventionsideen durchmauserten.

In restaurativer Zeit wie der unseren kann zunächst ganz unauffällig, wissenschaftlich, künstlerisch, nicht zuletzt literarisch, aber auch mit den Mitteln des Theaters, des Happenings, des Environments, etwas in Bewegung gebracht werden, ohne daß man gleich merkt, aus welcher Richtung der Wind kommt und wohin die Reise gehen soll.

Beuys hat mit seinen Veranstaltungen mythische Signale transportiert, die von den wenigsten verstanden, von den meisten aber akzeptiert wurden, weil es inzwischen zum guten Spießerton gehört, nichts gegen "moderne Kunst" zu haben.

Seither ist alles möglich wie in Blow up - einem Signalfilm aus den frühen sechziger Jahren wider die Signalfilmerei.

Politischer Aktionismus mit kulturideologischen und künstlerischen Mitteln bleibt seiner Natur nach minoritär, ist also imgrunde undemokratisch.

Auffallend ist die große Zahl wirklich bedeutender Schauspieler, die das Dritte Reich in Gestalt seiner Wehrmachtsoffiziere hervorgebracht und der Bundesrepublik überliefert hat: Henri Nannen, Walter Scheel, Helmut Schmidt, Joseph Beuys, Bernt Engelmann, Rudolf Augstein, weiland Erich Mende...

Jeder spielt eine andere Rolle unter anderer Beleuchtung, aber alle kommen sie aus demselben Nest, derselben Schule...

Wußten Sie eigentlich, daß Alfred Rosenbergs (Mythus des 20. Jahrhunderts) designierter Nachfolger, Gottfried Griesmayr, Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Hamburgs ist (bzw. war)?

Und daß einige die Napola-Ordensburg meinen, wenn sie "Sonthofen" sagen? Und die zweite NS-Generation Bundesdeutschlands soll jetzt durch eine dritte abgelöst werden.

Ich schreibe assoziativ, komme scheinbar immer wieder vom Wege ab, aber das, eben das, ist der richtige Weg.

Ein Labyrinth ist aufzuhellen.

"Warum schweigen die Intellektuellen?" Die liberale Presse stimmt Klagelieder an und bereitet die Szenerie für die achtziger Jahre, rührt neue Farben ein. Hier löst eine Lüge die andere ab.

Deutschlands Intellektuelle sind dumm und feige. Die paar Ausnahmen brauchen sich die Jacke nicht anzuziehen. Der Geist wurde den Deutschen vor fünfzig Jahren ausgetrieben.

Es war da noch ein proletarischer Rest, auf den ich letzte Hoffnungen setzen zu können glaubte.

Aber ich habe in den vergangenen Wochen und Monaten in meiner unmittelbaren Arbeits-Umwelt so viel Gift inhalieren müssen, daß ich mir nun endlich, endgültig, Gedanken darüber mache, ob ich aus diesem letzten Traum nicht auch mal aufwachen möchte.

Polen, Juden, dunkelhaarige und -äugige Ausländer... Sie haben keine Solidarität zu erwarten. Aber beim nächsten Genocid werden ihre deutschen Klassengenossen wieder mit von der Partie sein, tatkräftig und rückengedeckt.

Nein, es war zuviel in letzter Zeit...

Wo die menschlichen Beziehungen im Säurebad liegen, kommt alles auf den Hund.

Er "gehört zum Stadtbild".

Er belebt es und hat die Eigenschaft des sozialen Funktionsträgers. Dieser Aspekt ist so wichtig, daß er überhaupt nicht überbewertet werden kann.

Ja, eine Studienarbeit der Technischen Fachhochschule hat sich mit der Hundehaltung in Berlin befaßt.

Das auf kirchlicher Basis arbeitende Umweltschutzforum Berlin hat über die Untersuchung in seiner gleichnamigen Zeitschrift berichtet.

Holzpfähle als Ersatz-Stammbäume, Grünstreifen zwischen Straße und Gehweg, Trockenrasen... (Tsp., 7.6.81)

So können sich wenigstens die Wauchens etwas von der Zukunft versprechen.

Im Janus-Signal liegt verschlüsselt, was inzwischen in mehr oder minder klarem Text an die Öffentlichkeit kommt, ohne daß diese sich sonderlich beeindruckt zeigte.

Joseph Huber spricht von "antagonistischer Kooperation", und nach Rudolf Bahro

müssen uns auch Kontrahenten nichtsozialistischer Provenienz als Diskussionspartner willkommen sein, soweit sie dazu bereit sind, auch immanent mit uns darüber zu diskutieren, ob und inwiefern die Lösung der offensichtlichen zivilisatorischen Krise verlangt, die Kapitalkonkurrenz als Regulator des sozialen Lebens auszuschalten oder zumindest nachhaltig unterzuordnen. Es kann nur im Interesse unseres Lernprozesses, unserer Denkergebnisse und unseres gesellschaftlichen Einflusses sein, ohne Ressentiment, argumentativ mit denen umzugehen, die sich dem Dialog mit uns nicht verweigern. Wir brauchen dringend einen Austausch über die uns ebenso aufgezwungenen wie selbstgesetzten Schranken unseres linken Ghettos hinweg.
Es kommt darauf an, übergreifend einen Kurs rechtzeitigen Dialogs bis hinein in jene Bevölkerungsschichten, die autoritären Lösungen zuneigen, und rechtzeitiger Einwirkung auf die Institutionen einzuschlagen und die entsprechende Einstellung, die Bereitschaft dazu auf der Linken herauszubilden.
(FR, 28.1.81)

Das ist ein Gesprächsangebot, ein Angebot der Zusammenarbeit mit rechtsextremistischen Feinden der Republik unter dem Deckmantel des "antikapitalistischen Kampfes".

Und dieser "Dialog", dieser "Austausch" findet innerhalb der rechtsradikalen Blätterwelt bereits statt - mit gegenläufigen Signalen.

Man kann das bei Jan Peters im dokumentarischen Teil sehr schön nachlesen.
Rudolf Bahro sei daher in das Stammbuch geschrieben, daß sich grün und rot - nicht nur in der Farblehre - zu einem kräftigen Braun vermischen (Jan Peters in seinem Vorwort, Nationaler "Sozialismus" von rechts).

Huber sagt ganz deutlich, wie er sich das vorstellt mit der "Scharnier"funktion seiner "intermediären" Politchamäleons.

Die sitzen überall sozusagen zwischendrin.

Zwischen Ost und West, zwischen Links und Rechts, zwischen den Geschlechtern, zwischen den Klassen, zwischen Oben und Unten.

Da regulieren sie auf Deibel komm raus.

Die lumpenproletarischen Subkulturellen dienen als Druckmittel, Krawalltrupps zur Schreck- und Schocktherapie.

Die erpreßte Gesprächsbereitschaft der Etablierten, von "intermediär"-anthroposophischen Lehrern, Journalisten, Künstlern und anderen Feminismusopfern doktrinär zubereitet und auf kleiner Flamme gargedünstet, dient dann ihrerseits als Disziplinierungszauberstab gegen jene Subkulturellen, die sich ein wenig Autonomie zu bewahren verstanden.

Gemeint ist eigentlich immer etwas anderes, hinwiederum doch immer dasselbe.

Und laßt euch eure Mätzchen und Netzchen, dies schöne "intermediäre" Spinnenleben an der Demokratie vorbei vom Staat bezahlen!

Die Arbeiter verdienen genug, aus deren Steuern wird man ja wohl noch für eure Mieten aufkommen können.

Es handelt sich in der Tat um Volkseigentum. Man muß ganz offensiv einen angemessenen Teil dieser öffentlichen Mittel für sich beanspruchen, denn bei allem Idealismus wird auch in die alternative Planung, Forschung und Entwicklung mehr investiert werden müssen, sonst bleibt sie zeitlich so kurzatmig und thematisch so punktuell wie sie ist und wird den etablierten Gegenspielern immer nur hinterherhinken (Huber, Wer soll das alles ändern. Rotbuch 229, S.123).

Da hat sich die "neue" Rechte, nach dem Vorbild der alten, die Gesetze der Demokratie vorgenommen, um sich erst einmal an ihr sattzufressen, das faschistoide Netznest finanzieren und schön ausstatten zu lassen, um hernach von gestärkter Bastion aus die "Vernetzung" auch des großen Restes in Angriff nehmen zu können. Wolfgang Pohrt nannte den Spuk beim Namen.

In aufgeregten Leserbriefen meldete sich eine neue Phalanx zu Wort: Robert Jungk, Rudolf Bahro, Johano Strasser.

Jungk:

Der wüste Anschlag von Wolfgang Pohrt auf Joseph Huber hat bei mir assoziativ die Erinnerung an das sinnlose Attentat gegen John Lennon geweckt. Es gibt Menschen, deren Integrität verwirrten Typen, die mit ihrer Aggressivität nicht fertig werden, unerträglich ist.

Huber sollte mit seiner Arbeit "Auseinandersetzungen hervorrufen, aber nicht einen Amoklauf provozieren". Nun hat Pohrts Auseinandersetzung mit Huber erst zum Amoklauf verlockt.

Rudolf Bahro:

...polemische Nörgelei. Hier denunziert einer von links, der seit 1968 und Adorno nichts vergessen (das ginge ja noch an), vor allem aber nichts dazugelernt hat.
Das Paradox des linken Reaktionärs ist offenbar keine Chimäre hierzulande. Wenn ein Mann wie Huber unter die Faschisten zählt, wer ist dann eigentlich keiner?

Ja, man muß suchen hierzulande und höllisch aufpassen auf Demagogen à la Bahro, die so auf linke Kritik reagieren und denen Leute mit "autoritären Neigungen" als Bündnispartner gerade recht sind.

Bei Johano Strasser, ach ja,

...paart sich die offenbare Unfähigkeit, das Gelesene zu verstehen, mit einem geradezu neurotischen Vernichtungswillen
(alle Spiegel 4/81).

Sagen wir's doch so: Die letzten Linken verließen das "alternative" Boot.

Zum Jahreswechsel haben Manfred Naber und Niels Kadritzke, die 10 Jahre bzw. 5 Jahre zum Kollektiv gebört haben, ihren lange vorbereiteten Abschied vom Verlag vollzogen,

las man im Prospekt 81 des Rotbuch-Verlags.

Vielleicht erhoffte sich manch einer unserer Vorschauleser einen deutlicheren roten Faden durchs Programm. Damit zum Schluß auf diesem Faden alle Bücher aufgereiht sind, wie Perlen zu einer Kette, folgerichtig und mattglänzend. Aber die schönste Kette ist die, wo der Faden unsichtbar bleibt... Jedoch wir sind keine Juweliere und wollen das Bild nicht zu weit treiben. Wenn ein Rotbuch-Autor mit einem anderen über die politische Bedeutung und Position der Alternativbewegung einen Streit anfängt (so Wolfgang Pohrt in seinem Essay zu Joseph Hubers Buch im Spiegel vom 19. Dezember 1980), dann provoziert das eine erneute Diskussion um unsere (Ihre) eigene Position. Wir greifen dies auf, um Sie in den Streit hineinzuziehen, und fragen, ob sich die Linke von der Summe aus Sozialdemokratie und ökologischer Bewegung hat depotenzieren lassen? Und: hat sie (haben wir, haben Sie) womöglich das moralische Gewicht und die analytische Schärfe ihres antifaschistischen Engagements dogmatischeren Kreisen überlassen? Interessant sind dabei nicht nur Argumente, sondern die Frage, ob und wie politisch Strategien gelebt werden können.

Eben solches trug Joseph Huber auf zu gemeinsamem Mahle im Schatten der Roten Buche.

Damit die "schönste Kette" nicht Schaden nehme an ihrer Schönheit, möge denn auch der (rote oder grünbraune) "Faden unsichtbar" und die "analytische Schärfe" "dogmatischeren Kreisen überlassen" bleiben.

Nicht, daß da wieder einer, wie Wolfgang Pohrt, "einen Streit anfängt".

Laßt die neue Priesterkaste in aller Ruhe Perle an Perle fädeln zu schönster Verkettung.

Und treibt mir nicht Spiel mit dem Trojaner-Problem, die Eroberer lungern bereits in den Mauern Ekbatanes; die von Rolf Schneider angekündigte neue SA und SS hat ihre Uniformen abgelegt und die Ruinen besetzt, die ihre Ahnen hinterließen.

Die Denkfigur, derer wir bedürfen, beseitigt ein Denkverbot, ohne auf's Spiel zu setzen, daß wir mit Hilfe der zweiwertigen Logik einfache Probleme bisher schon entscheiden konnten. Es ist die Einführung eines dritten Wertes in die Logik. Homer bringt uns auf die Spur, aus den zwei Zirkeln von-Ich-zu-Ich heraus: Stehend auf Positionen, wo wir-selbst nur Negation von Negation wären, wäre ein dritter Wert zuständig.

Lars Clausen, Professor am Institut für Soziologie an der Kieler Universität, zieht den Philosophie-Professor Gotthard Günther und dessen "nicht-Aristotelische" Logik zu Rate, um "diese Schwierigkeit zu klären".

Und das Dilemma ist alt.

Auf das hohe Alter eines solchen Dilemmas brachte mich Homer (Lars Clausen, Die Jagd um die Mauer. Ein Trojaner-Problem. Frankfurter Hefte 1/81).
Fortgeschrittene Physiker vermuten bereits, metaphorisch und vorsichtig, im subatomaren Bereich ein Non-non-A.
Es ist, leider, sogar möglich, daß die Moira einzig und allein auf die Götter acht hat. Sie können gar nicht erst zu rebellieren wagen.
Wenn aber nun das unbefangen-so-genannte Objekt die Prognose selber übernimmt oder - logisch genau so gemein - die prognosenötigen Daten verweigert und die Prognose dabei absichtlich verschlechtert, entsteht etwas prinzipiell schwer Durchblickbares für den Forscher.
Auch die Strategie des Forschers, zusätzlich noch die Werbung (und damit die Prognoseerfüllung) zu übernehmen, muß als eine seinerseitige Verweigerung der einfachen Subjekt-Objekt-Beziehung gesehen werden. (Der in diesem Bereich erfolgreichste Sozialforscher war Lenin.)
Eingedenk des Vorangegangenen soll nun als Tertium neben wahr und falsch die Möglichkeit Verweigerung eingeführt werden. Damit erweitert sich die Wahrheitstafel, ohne daß die alten Kombinationen ungültig würden. Allerdings, eine Warnung: Verweigerung ist keine harmlosere Aufladung einer Kategorie, als Wahrheit oder Falschheit es waren.
...Hektor hält inne und wendet sich gegen seinen Verfolger.

Da könnte man bei Velikovsky anfragen, welche Chancen er den Trojanern gibt. Mars oder Venus, das ist hier die Frage. Aber in der roten Venus steckt die behelmte Athene. Ein Dilemma, fürwahr.

Wenn Götter und Planeten identisch sind, kommt Licht in die älteste Erd- und Menschengeschichte.

Velikovskys Schlüssel zur Eröffnung einer neuen Geschichtsschreibung, einer Welt- und Weltgeschichtsbetrachtung neuen Stils, ist da zu suchen, wo er fand, nämlich im Vergleich der biblischen Berichte etwa über König Salomo, insbesondere seine Beziehung zur Königin von Saba über deren Besuch im Gelobten Land und in Jerusalem, mit den ägyptischen Inschriften und Abbildungen, die von der Reise der Pharaonin Hatschepsut ins legendäre Land Punt berichten.

Nach Velikovsky also, und ich muß sagen: überzeugend (immer vorbehaltlich eingehender Nachprüfungen der von Velikovsky angeführten Indizien), sind die Königinnen identisch.

Die ägyptische Königin war's, die den Salomo besuchte, von dem sie die vielen schönen und bis dahin in Ägypten unbekannten Geschenke mitbrachte, nach dessen Palast-Vorbild sie am Nil eine neue Architektur begründete.

Damit verschiebt sich allerdings die konventionelle Zeittafel um etwa 500 Jahre, was die Weltgeschichtsschreibung (ganz zu schweigen von der eingefahrenen Ägyptologie) ein bißchen aus den Angeln hebt.

Die beiden Monarchen regierten um das Jahr 1000 vor unserer Zeitrechnung - ungefähr 500 Jahre nach dem Exodus der Juden aus Ägypten.

Und damals, etwa -1500, zur Zeit dieses Auszugs, ja diesen unmittelbar bewirkend und beschleunigend, soll eine kosmische Katastrophe unseren Planeten heimgesucht haben, von der alle Welt sprach und aufschrieb, so daß rund um die Erde Berichte aufbewahrt blieben, ohne gleichwohl verstanden zu werden, denn allzu phantastisch und metaphorisch las und liest sich, was da geschah in so früher Zeit.

Damals wurde der Planet Venus aus dem Jupiter geboren wie Pallas Athene aus dem Kopfe des gleichnamigen Gottes, sie brachte das Universum, mindest unser Sonnensystem für einige Jahrhunderte durcheinander.

Ihr süßer Duft, das Manna, die Ambrosia, dies Himmelsbrot, von dem alle Welt berichtete, was niemand mehr verstand, das sie verstreute über die Erde, und über die Wüste Sinai, da das Volk Israel ausharrte in kosmischer Dunkelheit.

Velikovsky bringt uns nahe, wie die Erde zuunterst und die Meeresböden zuoberst gekehrt wurden.

Die biblischen Berichte, die von hüpfenden Bergen und vom Austausch des Oben mit dem Unten erzählen, bezogen sich auf tatsächlich Geschehenes.

Ein neues Weltalter begann.

Die Sonne war stehengeblieben, hieß es. Die Erde stutzte, verrückte ihre Achsenlage, vertauschte möglicherweise ihre Pole und begann von neuem.

Es brauchte einige Jahrhunderte, um das Leben halbwegs wieder in Ordnung zu bringen.

Die Hinterlassenschaften aus dem davorliegenden Weltalter sind spärlich, in der Tat.

Jetzt beginnt der Städtebau im modernen Sinne, die Schrift entwickelt sich. Die Künste, vor allem das Metallhandwerk, Ornament, stehen im Zeichen der überwundenen Katastrophe.

Im Vordergrund der religiöse Zweck, das Ritual, Dank und Vorsorge.

Sechs-, siebenbundert Jahre später kommt es zu einem neuen Götterkrieg, Mars und Venus stoßen zusammen. Ares bedrohte die Erde und wurde von Pallas Athene in die Schranken gewiesen. Der Kampf der Planeten spiegelte sich im Trojanischen Krieg.

Kunstschätze aus China, versteht man nun zu lesen, sprechen uns von bekannten Dingen.

Archäologische Funde nach 1949 hat die Volksrepublik in einigen europäischen Städten, auch hier in Berlin, ausgestellt.

5000 v.Chr. bis 900 n.Chr - Neolithikum bis Tang-Zeit. Aber außer einigen schönen, verzierten Tongefäßen, Flaschen, Schalen, ist aus der Zeit vor -1500 hier nichts zu finden.

Auch die Zeittafeln zeigen sich als mehr oder weniger weiße Blätter, die wenigen Daten sind ungenau und kaum verläßlich.

Die Jahrhunderte der Shang-Dynastie (1600 bis 1100 v.Chr.) überliefern reichlich Bronzekunst.

In Taotie und phantastischen Drachenverzierungen auf bronzenen Opfergefäßen würde Velikovsky womöglich Aufzeichnungen über jene kosmischen Umstürze wiedererkennen.

Die Buchstabenschrift könnte sich daraus entwickelt haben.

Der Planet Venus raste als geschweifter, doppelgehörnter, feuriger, rauchender Komet durch seine Jugendjahre.

Er war der Drache, das mythische Ungeheuer, von dem alle Kulturen rings um die Erde sich abenteuerliche Geschichten erzählten.

Erst nach einem Menschenalter zeigte sich Venus als neuer leuchtender Morgen- und Abendstern ruhig am Firmanent. Damit war aber der Friede im Universum längst nicht hergestellt.

Amaury de Riencourt - The Soul of China, New York; deutsch bei Fischer 1962, Die Seele Chinas - macht eine in diesem Zusammenhang interessante Bemerkung:

Was an der chinesischen Vorstellung von der Welt am meisten in die Augen springt, ist die verblüffende Ähnlichkeit zwischen ihrer intuitiven Weltall-Vision und den jüngsten Ergebnissen der modernen Physik. Es mag paradox anmuten, daß die chinesische Kultur, die außerstande war, eine wissenschaftliche Erkenntnis zu entwickeln, wie sie die abendländische Kultur Jahrtausende später entwickeln sollte, die kosmische Ordnung so gesehen hat, wie sie die moderne Wissenschaft heute sieht, nicht wie sie zu Zeiten des Rationalismus Descartes' oder des mechanischen Universums Newtons gesehen hat. Heute ist die Wissenschaft des Westens so weit, im Kosmos ein nichtmechanisches Kraftfeld ohne Richtung und ohne mechanischen Antrieb zu sehen, und eigentlich liegt die mechanistische Weltauffassung seit dem Tag im Jahre 1900 im Sterben, an dem Max Planck die Quantentheorie verkündete. Aber schon Jahrtausende früher hatten die intuitiven Chinesen gesehen, was die schwerfälligen Abendländer in ihrer langsamen, wenn auch gewiß stetigen und ergiebigeren Wanderung auf den Pfaden der wissenschaftlichen Logik so spät entdecken sollten: daß Kausalität und Determiniertheit dort verschwinden, wo der menschlichen Sinneswahrnehmung ihre natürliche Grenze gezogen ist. Schritt für Schritt erschließt sich der modernen Naturwissenschaft eine kosmische Ordnung, die Chinas traditionellen Vorstellungen in erstaunlichem Maße gleicht. Die Kausalität ist dahin, und jetzt haben wir Niels Bohrs Begriff des Komplementären, der dem chinesischen Begriff der Interdependenz außerordentlich ähnlich ist. Es gibt keinen absoluten Raum mehr, der unabhängig wäre von den Gegenständen, die ihn ausfüllen. Der Raum ist heute das, was er vor zweihundert Jahren für Leibniz war, den ersten europäischen Philosophen, der sich von der chinesischen Philosophie entscheidend beeinflussen ließ: die Beziehung, in der die Dinge zueinander stehen. Wie bei den Chinesen ist der Raum heute durch seinen Inhalt bestimmt. Ohne Inhalt kein Raum (S.121/122).

Vielleicht basiert ihre Intuition schlicht auf Empirie, auf der überlieferten Erfahrung konkreter Vorgänge in sehr früher Zeit. An so alter Zeugenschaft reiben sich auch modernste Wissenschaften mittlerweile auf.

Die Archäologie zeigte guten Ertrag in den vergangenen Jahrzehnten, wozu nicht zuletzt auch das zunehmende Selbst- und Geschichtsbewußtsein der Völker in der sogenannten Dritten Welt - kulturgeschichtlich waren sie ja die Ersten - beigetragen hat.

Wissenschaftliche und philosophische Werke, gerade mal ein paar Jahrzehnte alt, werden aufgewogen, entpuppen sich, oft nach eigener Methode, als Ideologie.

Als ob durchs verwirrende Gestrüpp hindurch ein wenig Wahrheit an den Tag sich bringt: die Selbstoffenbarung von Wissenschaft als Naseweisheit ist fröhlich und tragisch zugleich.

Marcel Granet (1884-1940) war einer der großen europäischen Sinologen: La civilisation chinoise (Paris 1929), La pensée chinoise (Paris 1934)... Beide Werke erschienen in deutschen Ausgaben bei Piper, Das chinesische Denken 1963, Die chinesische Zivilisation 1976.

Granet war Schüler des Sinologen Edouard Chavannes und des Soziologen Émile Durkheim.

Durkheims Theorie des Kollektivbewußtseins wird von Granet anhand überlieferter Texte auf das klassische China, insbesondere hier auf die gesellschaftliche Situation, derart übertragen (!), daß so etwas wie ein kollektiver Mythos dabei herauskommt, der nun freilich in dieser Gestalt kaum tradiert, dafür umso deutlicher ein von Granet produzierter Mythos ist.

Und daß der Piper-Verlag die zwei Werke genau in der umgekehrten Reihenfolge ihres Erscheinens im französischen Original in deutscher Sprache herausbrachte, mag etwas mit der Entwicklung des Kollektivbewußtseins der Deutschen zu tun haben, die sich, mag sein, 1963, aber kaum noch 1976 für Denken erwärmen mochten, dafür um so dringlicher an kollektiven Mythen:

Was wir vor allem kennen lernen möchten, sind die Daseinsgründe der nationalen Gefühle und des Patriotismus; ob sie in der Natur der Dinge begründet liegen oder ob es sich dabei, wie so manche Doktrinäre offen oder versteckt behaupten, nur um Vorurteile oder Überreste der Barbarei handelt... Wieder muß der Professor der Philosophie ihnen (den Menschen) begreiflich machen, daß die psychischen und sozialen Phänomene Tatsachen sind wie andere auch, Gesetzen unterworfen, daß der menschliche Wille sie nicht nach Belieben stören kann und daß folglich Revolutionen im strengen Sinn ebenso unmöglich sind wie Wunder...,

so schrieb Durkheim 1887 in La philosophie dans les universités allemandes, Revue internationale de l’enseignement. Ich zitiere nach der Jürgen Habermas gewidmeten kritischen Einleitung Adornos zu: Émile Durkheim, Soziologie und Philosophie (Suhrkamp 1967, Theorie 1).

Kulturpolitik hat viele Facetten. Was, wenn wir Durkheims Thesen auf unsere eigene Situation anwenden, nach Produktion kollektiven Bewußtseins ausschaun könnte, ist ja in Wahrheit intendierte, organisierte, realisierte Kulturpolitik einer kleinen Minderheit nationaler Kulturfunktionäre.

Wie die Pariser Kunstausstellung der Firma Beuys & Co. eine Selbstdarstellung dieses einflußreichen Kult- und Kulturklüngels, so waren die "kollektiven" Vorstellungen, von denen Durkheim und Granet sprechen, und die letzterer insbesondere in der chinesischen Zivilisation als ständig wiederkehrenden Ausdruck eines Kollektivcharakters erkannt haben will, in erster Linie Herrschaftsmythen etablierter Minderheiten, deren Legitimation, für das Volk zu sprechen, wahrscheinlich ähnlich fragwürdig war, wie es die derjenigen Meinungsmacher in Deutschland ist, die sich und dem Volk und aller Welt einreden, die einfachen Leute hierzulande seien für die kritische Aufarbeitung der Naziverbrechen nicht reif genug, und die am meisten erschraken, als - am Beispiel der bundesweiten Reaktion auf den Holocaust-Film - öffentlich wurde, daß sie selbst es sind, die diese Vergangenheit, derartig entblößt, vergessen machen wollen.

Meine Ambivalenz in der Beziehung zum "deutschen Volk" beruht in starkem Maße auf der Erfahrung im täglichen Umgang mit - partiell - verhetzten, unaufgeklärten, ganz offenkundig unbelehrbaren Menschen an der gesellschaftlichen "Basis".

Die sogenannte Vergangenheitsbewältigung, das wird hier deutlich, fand überhaupt nur auf einer "höheren" Bewußtseinsebene, im intellektuellen Bereich statt. Das Volk blieb davon ausgeschlossen. Weil es davon ausgeschlossen bleiben sollte!

Gerade die unterschwellige Indoktrination hat Wirkung gezeigt.

Die an den Mikrophonen und in den Redaktionen glaubten nicht an ihre Worte, mit denen sie die deutsche Geschichte "bewältigten". Oder sie hatten sich klassenpolitisch unglaubwürdig gemacht! Die Revolution im existentiellen Selbstverständnis fand jedenfalls nicht statt.

Denn solche Wunder gibt es nicht, sagt Durkheim, und die deutschen Verlage drucken so was gern.

Das Volk allerdings, das einfache, das man Arbeiterklasse nannte, das von dem Klüngel beleidigte, an der Nase herumgeführte, im Ausland mit dem elenden Herrenpack identifizierte (und sich identifizierende), das (noch und wieder) wehrlose Volk braucht genau dieses "Wunder", diese kollektivpsychische "Unmöglichkeit". Seine legitimen Sprecher, als Erste von den Nazis gemordet, als Letzte von den Totgeschwiegenen aufzuerwecken, widerlegen den Pessimismus gründlich.

Preußens "Kultur" erlebt einstweilen ihre nordischdeutsche Restauration.

Die Eisgötter, wieder ausgegraben, schmelzen dahin in nationalsozialistischem Selbstmitleid.

Die nach Gestalt und Körperfarben aussortierten Kultfunktionäre und -närinnen mit der bundes-, ja reichsweit sich vereinheitlichenden und vereinfaltigenden Weltdreinschau sind als professionelle Langweiler und unfreudwillige Gähnenmacher von Erfolg beschlichen und beliebt bei den Pfiffigen, die sich ohnehin nicht gern vom Kartenspiel ablenken lassen.

Schulklassenführungen durch Berliner Kunstgutausstellungen sprechen Bände.

Den Schaustellern von gestern wünsche ich für heute abend Öffentlichkeit und Rundum-Illumination, damit das proletarische Volk mal wieder was zu lachen kriegt.

Die kollektive Verhohnepipelung des "neuen" Istdasnicht-Aber haben wir noch vor uns. Loki Schmidt hat der Sache vorweg ihren Namen gegeben. Oder bringe ich das jetzt durcheinander?

Zum Schluß noch eine völkische Bemerkung, nämlich daß im Sachsen- und Schwabenspiegel es keine Bestrafung für Selbstmord oder Selbstmörder gab, erst unter dem Einfluß des römischen und kirchlichen Rechts setzte sich auf deutschen Gebieten eine Bestrafung durch... Der Entschluß zum Selbstmord entsteht in den Bereichen der menschlichen Persönlichkeit, die irrational und elementar sind und entwicklungsgeschichtlich unter oder vor den Überschichtungen des Gehirns durch die menschliche Bewußtwerdung liegen. Die moderne Psychiatrie, die ungeheuer Interessantes und Bedeutendes hervorgebracht hat, hat ihre Methoden noch nicht so weit verfeinert, um in diese ältesten Gen-Schichten vorzudringen... Ich erlaube mir, in diesem Zusammenhang noch einmal auf den bei unserer Unterhaltung von mir erwähnten, heute so bedeutungsvollen rassischen Gesichtspunkt hinzuweisen. Es kann kein Zweifel sein, daß die meisten Selbstmörder zu den gefährdeten und labilen Typen gehören, deren Fortpflanzung nicht unbedingt wünschenswert nach dem Ideal der heutigen Staatsbiologie ist. Die Selbstmörder werden nicht in allen, aber in den meisten Fällen zu der Bilanz des Bionegativen gehören, also in der Richtung der Entartung und der Substanzauflösung liegen. Man könnte daher im Selbstmord sehr wohl einen rassischen Eliminationsprozeß erblicken... Interessant ist, daß der Rasseforscher, auf dessen Lehre die nationalsozialistische Weltanschauung beruht, behauptet, der Selbstmord sei eine eigentlich nordrassische Erscheinung...

So schrieb der Oberfeldarzt Dr. (Gottfried) Benn am 2. Dezember 1940 an den

Herrn Ministerialrat Müller-Lauchert WVers. - Sehr verehrter Herr Ministerialrat!... Heil Hitler Ihr sehr ergebener Be.

Als Militärarzt beim Oberkommando, Bendlerstraße, beschäftigte er sich damals unter anderm mit Selbstmordfällen in der Wehrmacht (Neue Rundschau 4/76).

Der chinesische Historiograph Sima Qian (ca. 145 bis 86 v. Chr.) berichtet über die Arbeiten an dem Grab für den ersten Kaiser von China, Qin Shihuang Di (259-210 v.Chr.). Mehr als 700 000 Zwangsarbeiter wurden zusammengetrieben.

Die Arbeiter gruben durch drei unterirdische Ströme (Wasseradern), die sie abschnitten, indem sie Bronze hineingossen, um die Grabkammer zu errichten. Diese füllten sie mit Modellen von Palästen, Türmen und den hundert Ämtern, ferner mit kostbaren Gefäßen und Steinen sowie wunderbaren Raritäten. Handwerker erhielten den Auftrag, auf Eindringlinge abfeuernde Armbrüste mit mechanischen Selbstauslösern zu installieren...

Als der Kaiser starb, brach eine offene Rebellion aus.

Der "Erste Kaiser von China", wie er sich gleich selber nannte, nahm nicht nur 7000 Tonsoldaten mit ins Grab, sondern auch die Zeugen des Begräbnisses.

Im Jahre 213 v.Chr. veranstaltete er eine großartige Bücherverbrennung, aber weil er das Großreich bündelte, die Wagenspur vereinheitlichte, die Große Mauer baute; Maße, Gewichte, Währungen normierte, Straßen und Paläste baute, die Schrift reformierte und standardisierte und überhaupt das gesamte Staatswesen ordnete, zentralistisch auf Linie brachte und das Volk disziplinierte, indem er es zur Arbeit trieb - war er eben der Erste und der Größte.

Mit 13 bestieg er den Thron, mit 21 griff er unumschränkt zur Macht. So etwas wie ein chinesischer Alexander.

Er wußte, daß er früh sterben würde, es mußte alles sofort getan werden.

Schließlich war die Wiedergeburt beziehungsweise das Weiterleben nach dem Tode zu planen, zu organisieren, war das Jenseits auszustatten...

Daß Qin wahnsinnig gewesen sein muß, was zählt's vor der Geschichte. Der Wahn macht sie so schrecklich aufregend. Niemand möchte darauf verzichten, wenn's nur nicht grad in seine Zeit fällt. Zeitgenossen denken anders.

206 v. Chr. war der Untergang der Qin-Dynastie besiegelt. (Zitate aus dem Katalog der Ausstellung Kunstschätze aus China, Zürich 1980.)
Daß die chinesischen Lehren immer wieder auf guten Manieren und Höflichkeit bestehen, muß wohl mit der Übernervosität der Chinesen zusammenhängen, deren große Erregbarkeit durch strikte Vorschriften und Rituale im Zaum gehalten werden mußte. Nach Konfuzius formt äußerer Zwang unser inneres Wesen so nachdrücklich, daß wir am Ende tatsächlich zu dem werden, was wir uns vorgenommen hatten zu sein.
Der Meister sagte: "Die Anstandsgebräuche dienen den Menschen als Deiche gegen üble Exzesse."
Nirgends sonst hat ein Volk von so immenser Vitalität so sehr im Banne einer kollektiven Selbstbeherrschung gestanden.
Die tiefwurzelnde Sozialgesittung, vom Konfuzianismus in zwei Jahrtausenden gepflegt, hat die Chinesen bei all ihrer ameisenhaften Betriebsamkeit mit einem so beständigen Gleichmut und Gelassenheit erfüllt, daß sie so manchem Ausländer, der China bereiste, unmenschlich selbstbeherrscht vorkamen.
Jedoch kann diese Scheinruhe von wüsten Ausbrüchen unkontrollierbarer Wut hinweggefegt werden; allerdings schreiben die Chinesen diese Rage der Stauung eines Giftstoffes ch'i zu, der ihnen als Substrat des Zornes gilt; auch nach Ansicht europäischer Ärzte sollen viele Störungen im Chinesenorganismus, auch solche mit tödlichem Ausgang, auf verhaltener Wut beruhen
(Riencourt, a.a.O., S.50f.).

Der Verfasser merkt in diesem Zusammenhang an:

Lange vor Pavlov hatten die Chinesen den bedingten Reflex entdeckt!

und:

Manche abendländischen Psychologen halten diese chinesische Vitalität für die größte, die dem Menschengeschlecht überhaupt eignet; vgl. Hermann Graf Keyserling, Das Reisetagebuch eines Philosophen...

Unterdrückung hat ihren Preis, aber wo das Leben sich nicht einfach austreten läßt, haben auch die Unterdrücker um ihr Leben zu fürchten.

Auffallend die Geschlechtslosigkeit der dargestellten Figuren: Pferde, Kamele, Hunde, Menschen - nicht weiblich und nicht männlich. Ein kollektiver Charakterzug der Chinesen? Das Gegenteil ist wahr.

Die Herrscher und ihre Lakaien-Künstler sparten aus, was sie zu fürchten hatten: die nicht versiegende Quelle, die Lebenskraft des Volkes, die Vitalität des einzelnen Menschen, männlich, weiblich...

Was auch der Kaiser nicht vermochte: das menschliche Antlitz auszulöschen. Die Tonsoldaten treten uns nicht als gesichtslose Armee entgegen, nicht als Masse aus Uniform, Haltung, Steifheit. Jeder Soldat hat sein Gesicht, sein eigenes Erscheinungsbild in Ton hinterlassen. Als seien sie zu Lebzeiten individuell nachgebildet worden. Keiner gleicht dem anderen.

Dies allerdings würde ich als Zeichen einer menschlichen Kultur verstehen wollen, wenn das Wort überhaupt einen Sinn hat.

Kontrast, Deutschland:

Was wir in dieser Stunde brauchen, ist eine Bürgerrechtsbewegung zum Schutz des Lebens und der Rechte unserer ausländischen Mitbürger, eine Bewegung, die sich entschlossen gegen die neue Welle des Fremdenhasses und des Rassismus zur Wehr setzt und in Aktion tritt, um für alle Bürger unseres Landes, gleich welcher Herkunft oder Hautfarbe, gleiche Menschenrechte durchzusetzen. Eine solche Bürgerrechtsbewegung, wie sie auf dem Jahreskongreß der IAF, der Interessengemeinschaft der mit Ausländern verheirateten deutschen Frauen, Mitte September 1980 in Frankfurt gefordert wurde, könnte von den demonstrativen Aktionen anderer Minderheiten, zum Beispiel der Sinti, der Behinderten, der Homosexuellen oder grauen Panther, lernen und täte gut daran, sich auch internationale Erfahrungen anzueignen, zum Beispiel der englischen Kampagne Rock against racism oder der Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner, Indianer und Mexikaner in den USA. Ohne eine solche Bürgerrechtskampagne, ohne öffentlichkeitswirksame Aktionen, ohne aufklärerische Basisaktivitäten, ohne ein breites antifaschistisches und antirassistisches Bündnis wird es, fürchte ich, nicht gelingen, unser Land vor dem Rückfall in den Chauvinismus mit allen seinen Perversionen und Perversitäten zu bewahren.

Die Frankfurter Hefte, Juni 1981, veröffentlichten einen Vortragstext - Gibt es in der Bundesrepublik Rassismus? - von Peter Schütt. Sein Buch zum gleichen Thema - Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan - erschien im Weltkreis-Verlag.

Ich zitierte aus den Frankfurter Heften und stelle fest, daß ich mich seit langem endlich einmal wieder mit einer Initiative uneingeschränkt zu identifizieren und zu solidarisieren vermag. Es wird zu überlegen sein, in welcher Form dieses Vorhaben von hier aus sinnvoll unterstützt werden kann.

Ich sagte bereits, daß die Reihenfolge in der Herausgabe der deutschen Granet-übersetzungen eben auch ein Politikum sei - das gilt besonders für ein wissenschaftliches Werk von so gefährdetem Typus.

Läßt man's ein paar Jahre liegen, um sich nicht zum Agenten verlegerischer Innenpolitik zu machen?

Ob eine Arbeit weiterführt, ob sie progressiv ist, berührt immer auch ihre Beziehung zu dem, was sie bei ihrem Erscheinen vorfindet.

Das Original trifft im Frankreich von 1929 (beziehungsweise 1934!) auf eine andere Situation, auch in der fachlichen Auseinandersetzung, als die deutsche Übertragung im Jahre 1963 in der Bundesrepublik.

Andererseits ist zu bedenken, inwieweit geschichtliche Ähnlichkeiten die vierzig- bzw. dreißigjährige Verspätung doch wiederum aktuell erscheinen lassen.

Immerhin, als Hitler die deutsche Kollektivseele in Fieber versetzte, besann Granet sich auf (chinesisches) Denken.

1981. Spiegel Nr. 24: Rudolf Augstein zur Philosophie vom Übermenschen...

Ein Nietzsche für Grüne und Alternative? (...) Dynamit, wonach Nietzsche lechzte, war der Täter Hitler. Er, der Schreibtischtäter Nietzsche, war es nicht.

Es liest sich wie eine Empfehlung.

Es wäre ja schon viel, wenn die Intellektuellen die neofaschistischen Sprachstrategien mit derselben Aufmerksamkeit verfolgen würden, mit der die Ideologen der Neuen Rechten die Entwicklung der linken Sprache beobachten. Die Voraussetzungen dazu sehen aber nicht gut aus: während sich in den letzten Jahren, mit der Kritik an der bloß ökonomistischen Faschismustheorie, eine Sensibilität für die subjektiven Momente des Faschismus herausgebildet hat, scheint die Sensibilität für seine objektiven Manifestationen allmählich zu verkümmern. Wenn in der linken Tageszeitung ein junger Politologe im Zusammenhang mit dem Münchner Attentat diesen Satz schreiben kann, ohne sogleich entschiedenen Protest auszulösen: "Wie wäre es dagegen mit der Überlegung, daß die Massen den Faschismus wünschen und daß es Ausdruck eines Widerstandes - wenn auch eines verhängnisvollen - gegen noch Schlimmeres ist?" - dann kann es nicht wundern, daß die intellektuellen Neonazis Morgenluft wittern,

schreibt Lothar Baier in der Frankfurter Rundschau vom 14. März 1981.

Dietrich Stobbe, als Regierender Bürgermeister mit seinem Senat eben gekippt, plauderte im Februar:

Was sich in Berlin abgespielt hat, ist dies: Daß die ganze Generation von 40jährigen aus der Verantwortung genommen wurde von unbekannten Kräften (FR Nr.42).

Von "unbekannten" Kräften?

Dem Stobbe-Nachfolger, Hans-Jochen Vogel, so hörte ich im Rundfunk, waren die Vorgänge um die Hausbesetzungen ein bißchen "unheimlich".

Danach hat er sich mit den "unbekannten Kräften" arrangiert.

Der neue Weizsäcker-Senat fand nichts Eiligeres zu tun, als sofort zu versichern, daß er von der "Berliner Linie" nicht abgehen werde.

Also kriegt auch der "Verein SO 36", bei dem es zu finanziellen Unregelmäßigkeiten kam (ich sag's ganz milde, weil das ja meine Nachbarn sind), weiterhin sein Geld vom Senat.

Er habe, heißt es in einer Verlautbarung des Bezirksbürgermeisters, zur "Stabilisierung" unserer Ecke hier beigetragen.

Ich habe von der Funktion dieser selbsternannten KOBs erst allmählich ein Bild mir gemacht.

Ich hab's nicht glauben wollen, aber es wurde nun bestätigt: der "Verein" erhielt und erhält forthin aus öffentlichen Mitteln (Huber: "Volkseigentum") nicht Zig-, sondern Hunderttausende.

Nach dem Rausschmiß ihres betrügerischen Kassenwarts und vorübergehender Geldsperre kriegen diese NA (Neue Absahner) gleich erst mal 200.000 Mark (ja, zweihunderttausend DM, so stand's im korrekten Tagesspiegel).

Und das ist nur ein kleiner Laden...

In Kreuzberg gehen Millionen in die politische Dunkelheit... Was tut's, wo so viel Geld für die Rüstung rausgeschmissen wird. Es ist wahr.

Aber die Kreuzberger Mini-Garskis treten hier öffentlich als wirtschafts- und finanzpolitische Moralisten auf, als Sparapostel von Geistes Gnaden...

Der demokratische Staat mit dem vorbildlichen Grundgesetz, der besten geschriebenen republikanischen Verfassung, die wir heute kennen, ist erpreßbar geworden.

Mit Berlin läßt sich's immer noch am spektakulärsten hebeln.

Aber man nehme nun endlich zur Kenntnis, daß die Vertreter dieses Staates und dieser Stadt unbarmherzig zuschlagen würden, kämen diese "unheimlichen" und "unbekannten Kräfte" von links.

Kreuzberg ist eine kleine Bühne für großes politisches Theater.

Peter Schnetz irrt. Das bundesdeutsche Bühnenbild wird zerstört, das ist Theater. Und er hat recht. Das künstlerische Theater ist tot, weil der deutsche Geist tot ist.

Die Deutschen sind kein Kulturvolk (mehr). Ob sie's als Volk jemals waren, weiß ich nicht, aber auch als minoritäre kritische Substanz, die sich der Wahrheit verpflichtet weiß, ist hier nichts mehr auszumachen. Es ist schon alles aus.

Kulturpolitik ist längst zu einem Instrument der Irreführung geworden. Die Kunst läßt sich vom Staat bezahlen.

Subventioniertes Theater ist aber etwas anderes als ein subventionierter Kindergarten für berufstätige Mütter.

Momentan findet bundesdeutsches Theater in Kreuzberg statt, Pausen inclusive. Mit staatlichen Mitteln, daran sollte man immer denken, wenn der Staat sich wieder mal mit denen balgt, die er finanziert.

Theater auf der Straße und Kintopp-TV für die, die nicht dabeisein konnten. Wir werden die Demokratie, den Rest davon, schon kleinkriegen. Schuld an allem ist sowieso der Strauß. Ein bewährter Popanz in dieser Posse, das ist allerdings wahr.

Granet und Riencourt weisen getrennt voneinander und zu verschiedenen Zeiten auf die besondere chinesische Mentalität hin.

Riencourt sieht einen Mangel an Abstraktionsfähigkeit, sowohl die Zeit als auch den Raum betreffend.

Auch Granet geht von einer ähnlichen Beobachtung aus. Chinesisches Denken sei auf Konkretheit, auf die Besonderheiten und aufs Einzelne gerichtet.

Das sollte ein Mangel sein?

Gerade hinter der "europäischen", der deutschen idealistischen "Abstraktionsfähigkeit" verbirgt sich oft genug ein Mangel, eine Impotenz oder Insuffizienz, eine spezifische Unfähigkeit zu konkretem Denken, nämlich zu einem Denken, das sich an der Realität, am praktischen Leben, an der täglichen Erfahrung erprobt.

Bezeichnend für "europäisch-abstraktes" Denken ist viel eher, daß es gar nicht (mehr) von der konkreten Wirklichkeit abstrahiert - also nicht abstrahiert, sondern sich zwischen fix und fertigen Abstraktionen hin- und herbewegt, von einer Abstraktion zur nächsten hüpft, ohne sich noch des weiteren um die Dinge selbst zu bekümmern.

So ist doch leicht zu erkennen, ob in einer "Kultur" noch Leben ist, oder ob sie nur noch mit längst abgefallenen Blütenblättern Windspiele treibt.

Wie schnell geht's in solchem Spiel dann auch pedantisch zu.

Und das findet sich in den überlieferten chinesisehen Texten ähnlich wie in der Philosophie des Abendlandes.

Wie hier mit "Begriffen", hantiert man dort mit höfisch-rituellen Formpartikeln.

Die Worte binden das Geschick. Nur wer sich auszudrücken weiß, ist vornehm und kann seinem Herrscher sowohl beim Fürstenrat als auch an den gegnerischen Höfen oder bei der Zusammenkunft von Fürsten dienen. "Sei nicht leichtfertig in Deinen Worten! - Sage nicht gleich: Pah! Was soll's! - Niemand außer Dir kann Deine Zunge im Zaum halten: - Kein Wort darf Dir herausrutschen! - Jedes Wort zieht eine Erwiderung nach sich - Und jede Tugend wird belohnt!" Sagen heißt: handeln, heißt sogar: bereits gehandelt haben, denn wer spricht, ohne daß man ihm antworten könnte, ist sicherlich unschuldig, während jener, der weder das Talent zu wohlgesetzter Rede noch einen Anwalt hat, der für ihn zu sprechen weiß, schuldig ist (Granet, Zivilisation, S.157).

Es sind die gIeichen Regeln, die die deutschen akademischen Diskussionen immer wieder abgetötet und die europäische Erkenntnistheorie mit so viel Blindheit geschlagen haben.

Das richtige Lachen, die richtigen Worte, die richtigen Schritte - sie waren ja nur scheinbar gemessen in einem absoluten Sinn.

Unter diesem Mantel verbarg sich die Unterwerfung vor der herrschenden Macht, den "gesellschaftlichen Verhältnissen".

Vielleicht waren die alten Chinesen nur ehrlicher auch vor sich selbst.

Nun hat es der Ohnmächtige, der nicht viel verlieren kann, ohnehin leichter, bei der Wahrheit zu bleiben.

Das ist seine Chance, die er allerdings ebensoleicht vernachlässigen kann.

Da die allgemeinen Verhältnisse nicht zu seinen Gunsten sich entwickelt haben, sind die Wissenschaften, die die Mißverhältnisse illuminieren, naturgemäß die seinen (sollte man denken).

Es ist nur natürlich, wenn er sich auf sie beruft.

Tut er es, werden die Nutznießer der Mißverhältnisse einmal diese Wissenschaften der Parteilichkeit zeihen, zum andern aber dafür sorgen, daß eine Gegenwissenschaft sich etabliere.

Diese nun wirklich parteiliche tritt als "reine", "objektive" (usw.) auf. Jetzt ist alles verdreht. Die nächste Generation der Ohnmächtigen sieht schon nicht mehr durch. So erging es der Arbeiterbewegung. Daß die Verkehrungen und Täuschungen noch kein Ende haben, zeigt: die Proletarier werden gefürchtet wie je zuvor. Nicht als die, die sie heute sind... Die sie sein könnten!

Die philosophische Tradition schreibt eindeutig allem Yin weibliche, allem Yang männliche Natur zu.

Doch

in Wirklichkeit war es eines der wichtigsten Anliegen der orthodoxen Tradition, jede realistische Auslegung des geschlechtlichen Gegensatzes von Yin und Yang zu beseitigen.
Dies ist ihr in so weitem Maße gelungen, daß man die Chinesen lange Zeit dazu beglückwünscht hat, weder in ihrer Vorstellungswelt noch in ihren religiösen Gepflogenheiten der Sinnlichkeit auch nur in bescheidenem Umgang Raum gewährt zu haben.
So erklärt es sich, warum es auch heute noch Interpreten gibt, die von Yin und Yang sprechen, aber nicht darauf hinweisen, daß sich diese Symbole nur deshalb so erfolgreich durchsetzten, weil die Begriffssparte Sexus eine wichtige Rolle spielt
(Granet, Denken, S.1o2).

Rolf Schütt hat die eigentümliche Wirkung Heideggers auf dessen verhüllte Verwendung geschlechtlicher Symbole zurückgeführt (siehe kuckuck 25/26). Es sind pervertierte Sexualenergien, die allen Faschismen bis hin zum Feminismus Faszination und Kraft verleihen.

Das Geheimnis des Bien.

Herrschaftswissen, geliebte Sklavinnen!

Zu allen Zeiten hat das Prinzip der Geschlechtertrennung die chinesische Gesellschaft geprägt, ein Prinzip, das immer auf das strengste beobachtet wurde: Nicht nur Jungen und Mädchen wurden durch scharfe Vorschriften voneinander getrennt, selbst nach ihrer Heirat mußten Mann und Frau getrennt leben und in all ihren Beziehungen außerordentliche Vorsicht walten lassen (Granet, Zivilisation, S.19).
Eine mythische Begebenheit, die aus der ältesten Vergangenheit Chinas stammt und unverändert über die Zeiten hinweg überliefert wurde, handelt von den beiden Sterngottheiten Weberin und Ochsenhirt.
Zwischen ihnen erstreckt sich als eine sakrale Barriere die Milchstraße, der Himmlische Strom, der nur einmal im Jahr überschritten werden kann: Weberin und Ochsenhirt feiern dann ihre nächtliche Hochzeit.
Unter der ständigen Bedrohung, die geheimen Mächte des Bodens zu erschrecken, kam den Männern die gefährliche Aufgabe zu, die Erde zu öffnen... (a.a.O.).

Ich fürchte, das soziologische Interesse Granets verleitet ihn zu Fehl- und Überinterpretationen.

An anderer Stelle führt er die Begriffe Yin und Yang auf eine angebliche kollektive Trennung der Geschlechter in "zwei miteinander wettstreitende Verbände" zurück,

welche ihrer verschiedenen Lebensweise, verschiedener Interessen und Ziele und unterschiedlichen Besitzes wegen miteinander wetteiferten... (Denken, S.103).

Das scheint mir doch allzugut in unser Jahrhundert zu passen. Jedenfalls werden da soziohistorische Spätlinge als reale Voraussetzung für grundlegende Philosophien im frühen Altertum falsch gesteckt.

Velikovsky käme hier wahrscheinlich zu ganz anderen Schlüssen, indem er die alte Legende von den Sterngottheiten wörtlich nähme als Erinnerung an kosmische Katastrophen, das Zusammenstoßen zweier Planeten (Venus und Mars?), ein gewaltiges Weltbeben.

Dies um so eher, als Granet auch selbst darauf hinweist:

Alle Legenden erheben Anspruch darauf, von tatsächlichen Begebenheiten in der menschlichen Geschichte zu berichten (Denken, S.259).

Mehr noch: Kung-kung, das

gehörnte Ungeheuer hatte sich... auf den Berg Pu-chou gestürzt und ihn durch einen Stoß mit seinem Horn beschädigt; "es zertrümmerte den Pfeiler des Himmels und zerbrach die Befestigung (wei) der Erde" (S.262).
Deshalb neigte sich der Himmel, und zwar gegen Nordwesten, derart, daß die Sonne, der Mond und die Sterne zum Sonnenuntergang (Westen) hinziehen...
Die Missetaten des Kung-kung werden auch noch in anderer Weise geschildert. Er, oder aber Ch'ih-yu, ein anderer Windgenius und gleichfalls ein gehörntes Ungeheuer, hatte die Gewässer entfesselt, als er K'ung-sang angriff (a.a.O.).
In diesem Mythos wird eine Erklärung dafür gegeben, daß die Welt sich nicht mehr genau um ihre Mittelachse dreht: der Polarstern steht über der Hauptstadt der Menschenwelt nicht mehr im Zenith,

heißt es in einer Anmerkung zum Text (Denken, S.357).

Einst "waren die Vier Pole umgekehrt" (S.261)...

Riencourt schreibt:

Für die erdgebundenen Chinesen mit ihrer großen Vitalität und Lebensfreude war die lebenspendende Verbindung der beiden einander ergänzenden Geschlechter das fundamentale Prinzip, von dem alles andere - Natur, menschliches Dasein, Denken, Kunst, Gesellschaft - abgeleitet wurde.
Und da der menschliche Geist, um richtig denken zu können, in Übereinstimmung mit der Natur bleiben mußte, mußte auch alles menschliche Denken von diesem Grundprinzip ausgehen.
Das Buch I-Ching ist die metaphysische Bibel geblieben; es war von so grundlegender Bedeutung, daß sich Konfuzius - wenn auch unwillig - veranlaßt sah, sich zu seinen Lehren zu bekennen (Seele, S.29).
In mancher Hinsicht kann das Buch der Wandlungen als die psychologische Wasserscheide zwischen den beiden entgegengesetzten Weltvorstellungen angesehen werden: es zielt bereits darauf ab, den Menschen zu helfen, sich durch einen Blick sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft von der Tyrannei der Geheimnisse zu befreien (a.a.O., S.33).
Was aber hatte Leibniz die Theorie der Monaden eingegeben, die Lehre von den autonomen, unauflöslichen Organismen, die als Zellen an der Gesamthierarchie der Organismen teilnehmen und in ein organisches Universum eingehen?
Nichts anderes als der Neukonfuzianismus Chu Hsis. Viele Jahre hatte Leibniz in enger Berührung mit den Jesuiten in China gestanden, mit ihnen regelmäßig korrespondiert und die meisten ihrer Übersetzungen chinesischer Werke gründlich studiert.
Leibniz' ureigenster Beitrag zur westlichen Philosophie, sein organischer Naturalismus, läßt sich zum Teil direkt auf chinesische Quellen zurückführen.
Und ein geradliniger Weg führt von Leibniz zu Hegels dialektischem Pantheismus. Man kann, ohne zu übertreiben, sagen, daß die chinesische Philosophie zum mindesten eine der entlegeneren Quellen der Hegelschen Dialektik gewesen ist (de Riencourt, Seele, S.216).

Eine verfallende Kultur diente der abendländischen Philosophie als Strohhalm. Was als Denkvorlage herüberkam, war weniger China als christ-europäisch gefiltertes Wunschgebilde. Schon Konfuzius, dessen Zeitalter den Deutschen als das große gilt, betrieb rigoros Auslese, verbrannte, was er selbst nicht mehr verstand. Was erst zweitausend Jahre danach!

Meist aus Unverständnis ist regelmäßig in der Geschichte die Erinnerung an die Väter ausgelöscht worden, historischer Lehrstoff der gelehrten Dummheit zum Opfer gefallen.

Dem Lebenstrieb so ähnlich, findet die menschliche Lust an der Wahrheit aber auch Mittel und Wege, sich als das ewige Naturrecht des Menschen in Erinnerung zu bringen.

Hegel ist nicht China, und China ist nicht Preußen, aber Preußen ist vor der Tür. Die Linke ist tot, Herr Herold kann gehen. Der Computer-Fanatiker würde auch die Rechten eingarnen. Wo kämen wir da hin!

Ein aggressiver neupreußischer Provinzialismus und Separatismus macht von sich reden, ohne zu sagen, wer und was er sei. Die Medien lassen's geschehn und auf sich beruhn. Die Demokratie verschleißt sich tief und weit. Es gibt keine innenpolitischen Gegner mehr, nur noch äußere (gern bayerische) Feinde.

Bismarcks Kulturkampf, eine Wiederentdeckung und Herzensliebe der frühen Nazijahre, wuchert als Kampfkultur in den Köpfen der ehemaligen Jugendführer des Reiches, die heut die Bundesrepublik weitgehend an der Leine und in den jüngeren SS-Söhnen und -Töchtern auch schon ihre Nachfolger gefunden haben. Dies ist die dritte Generation, von der ich schon sprach.

Gibt das einen Überblick?

Weil die Revolution ihre metaphysischen Ursprünge verraten, um ein Wort Albert Camus' hier einzuwerfen, hat sie ihre Zukunft verloren. Den polnischen Arbeitern wäre sonst nicht im Traume eingefallen, auf die Kirche, auf den Papst sich zurückzubesinnen. Ist das so richtig?

Den Roßtäuschern, Geschichtsfälschern und ihren Opfern ins Stammbuch: Wer Arbeiter, die sich gegen Unterdrückung und Unfreiheit, für Freiheiten, politische und gesellschaftliche Rechte, wehren, kämpfen, ja Sicherheit riskieren, wer die unterstützt, sich mit ihnen solidarisiert, der ist vor der Geschichte progressiv.

Und wer sie zur Ordnung ruft, sie ermahnt, den "Bogen nicht zu überspannen", in ihren Forderungen "nicht zu weit" zu gehen, die nachbarliche Großmacht nicht zu "provozieren", und damit meint, daß sie gefälligst wieder an die Arbeit gehen sollen, um Himmels willen nicht auch noch den "Frieden", zumal unsern bundesdeutschen Wohlstandsfrieden stören... und so weiter und so weiter: der ist reaktionär, zutiefst, ist opportunistisch und feige, ist preußisch - unter welcher Fahne auch immer.

Der Kampf der polnischen Arbeiter beweist sein hohes geschichtliches Niveau (und damit seine Fortschrittlichkeit) in der sympathischen Intelligenz seiner Methoden, seiner Taktik, in seiner Vernunft, seinem Geschick, seiner Legalität - bei prinzipienfester und zielbewußter Risikobereitschaft.

Die klassenkämpferische Initiative, die, sagen wir einmal, proletarische Autorschaft der Demokratisierungsbewegung in Polen ist, denke ich, eine wesentliche Garantie für aufmerksame Verminderung nationalistischer Überspielungs- und Unterspülungsversuche.

Dazu paßte das stille Frieren und Zittern und Zähneklappern eines Dieter Wild im Spiegel, der den Russen einen deutlichen Wink gab, doch endlich einzugreifen, und dem Papst empfahl, seine nächste Reise gleich nach Moskau zu unternehmen.

Hier sind Unverschämtheit, Frechheit, Feigheit, Dummheit und Gemeinheit zu einem Brei vermischt, den die Geschichte, falls sie ihn schluckt, irgendwann auch wieder auskotzen wird.

"Mourir pour Dantzig?" - dies berüchtigte Wort eines französischen Nazis aus Anlaß 1939 nahm Wild als Motto seiner Wohlstandsängste 1980 zum Jahreswechsel (Spiegel 52).

Ich will nicht unnötig abweichen, obwohl die gelegentlichen Abweichungen das Panorama verdichten helfen.

Vor dreißig Jahren - am 18. Januar 1951 - hielt der Historiker Hans Joachim Schoeps zum 250. Gründungstag des preußischen Staates im Auditorium Maximum der Universität Erlangen eine Gedenkrede zur Ehre Preußens, die mit dem bemerkenswerten Satz endete:

Denn erst die territoriale Wiederherstellung Preußens wird die Einheit Deutschlands sein!

Der Text Die Ehre Preußens, aus dem ich zitiere, erschien 1951 im Friedrich Vorwerk Verlag in Stuttgart.

Preußen ist kein willkürlicher durch Macht und Gewalt zusammengeraubter, dynastischer Staat gewesen, sondern eine nationale Notwendigkeit.
Selbst ein solcher Todfeind Preußens wie Karl Marx hat dies erkannt, als er sich zum ersten Male etwas mit preußischer Geschichte befaßte und am 2. Dezember 1856 aus London an Friedrich Engels schrieb: Die französische Geschichte sei die Entstehungsgeschichte einer Nation, die österreichische Geschichte führte immerhin zu einer imponierenden Hausmacht. "Nichts von alledem in Preußen. Es hat sich keine einzige slawische Nation unterjocht, brachte es nicht einmal fertig, in 500 Jahren Pommern zu bekommen bis schließlich durch Austausch. Überhaupt eigentliche Eroberungen hat die Markgrafschaft Brandenburg - so wie die Hohenzollern sie überkamen - nie gemacht mit Ausnahme von Schlesien. Weil dies ihre einzige Eroberung ist, heißt Friedrich der Zweite wohl der Einzige" -
Marx fügt hinzu: "Was den Staat bei alledem auf den Beinen gehalten hat, ist die Mittelmäßigkeit: pünktliche Buchführung, Vermeidung der Extreme, Genauigkeit im Exerzierreglement, eine gewisse hausbackene Gemeinheit und Kirchenordnung" (S.35).
In diesem Zusammenhang muß aber der vorurteilsfreie Historiker auch kritisch auf ein verbreitetes, jedoch falsches Werturteil eingehen: Nämlich, daß Preußen wegen seiner kulturellen Minderwertigkeit, ja Barbarei, der eigentliche Verderber Deutschlands gewesen sei (S.33).
Wenn wir schon bei der Erörterung der negativen und unerfreulichen Seiten sind, so muß auch von der großen Starrheit der preußischen Bürger gesprochen werden, die mit der künstlichen Enge ihrer vom Staat bestimmten Begriffswelt zusammenhängt.
Ihr psychologisches Unvermögen, sich in fremde Lebensbedingungen hineinzuversetzen, ihre Unfähigkeit fremde Völker zu verstehen, ja selbst andere deutsche Volksstämme, verwundert den objektiven Beobachter immer aufs Neue.
Der Herrenanspruch, mit dem die Preußen anderen deutschen Stämmen gegenüber von jeher aufgetreten sind, gestützt auf die Erfolge, die ihr Staat hatte, und die man messen kann, hat sie zumal in den weniger staatsbewußten süddeutschen Ländern so verhaßt gemacht, deren mehr kulturelle Leistungen sich nicht im gleichen Sinne messen ließen.
Südlich der Mainlinie, besonders in Bayern, hat man von jeher den preußischen Überwertigkeits- und Unterdrückungswillen stark empfunden und den Kadavergehorsam des preußischen Staates verabscheut (a.a.O.).

Im preußischen Beamtenstaat hebt der Einzelne sich auf, verschwindet er wie die Biene im Bien.

Marx, der von den Bienenvölkern viel lernte, konnte gleichwohl dem Kernproblem, nämlich der Befreiung der individuellen Biene aus dem Bienenstock, nicht ernsthaft nachgehen, weil er nach seinem Verständnis organisierter Revolution eines eigenen Bienenstocks bedurfte.

Wilhelm Reichs Forderung, daß Mitglieder der Kommunistischen Partei sich einer individuellen Psychoanalyse unterziehen sollten, ehe sie politische Funktionen übernähmen, war sicherlich richtig erwogen, beinhaltete freilich auch, was die ablehnenden Funktionäre im Gegensatz zu Reich offenbar sofort durchschauten, die Auflösung der Partei. Reich war hier am falschen Ort.

Das strukturelle Absterben des Bienenstaates wurde in eine ferne utopische Zukunft verschoben. Die nahe Zukunft versprach alles andere als Problemlösung und Befreiung.

Wenn heute Leute wie der Rudolf-Steiner-Adept Joseph Huber die "alternativen" Vernetzungen wie ein überirdisches Wunder betrachten, so wird deutlich, wohin der Zug gefahren ist.

Wer soll nun aber die konkrete Strukturanalyse des Bienenstaates ins Auge fassen, um die Situation der Einzelbiene in allen dramatischen Einzelheiten ihres elenden Fron- und Polizistenalltags zu begreifen?

Wer sollte die ganze Tiefe dieses Wahns erfassen, der in dunkler Vorzeit (die allerlichtest sich erschien) kleine Bienenmädchen mit giftig manipulierter Nahrung allmählich geschlechtlich zum Verkümmern brachte, um die süßen Ausflüsse dieser vergewaltigten kleinen Seelen sich aufs Brot schmieren zu können?

Wer begreift auch schon den gefährlichen Wahn, der es fertigbringt, Kanarienvögel einzugittern, sie vom Leben abzuschneiden, sie in tiefste Seelenqual zu versetzen, um sich an ihren Hilfeschreien, Angstgesängen und Himmelsgebeten zu erfreuen? Und wer schließlich könnte (und wollte) heute begreifen, daß Rudolf Steiner, der falsche Messias einer großen Gemeinde, ein Sadist war?

Es gibt nichts Komischeres, als uneingeweiht in den Mysterienspielen der Anthroposophen zu sitzen,

schrieb Friedrich Dürrenmatt (Theaterprobleme).

Und Ernst Bloch in Prinzip Hoffnung (III/283):

An der Spitze der Erkenntnis höherer Welten etablierte sich der okkulte Journalist Rudolf Steiner, eine Merkwürdigkeit für sich.
Eine mediokre, ja unerträgliche Merkwürdigkeit und doch wirksam, als würde hier noch die Mistel gebrochen, als gärte, wässerte, raunte, schwätzte eine Art verlottert Druidisches auf Zeitungspapier.

Indes:

Ist Anthroposophie bloß komisch?

überschrieb Burkhard K. Mueller einen Beitrag anläßlich einer Anthroposophen-Tagung in Köln im Jahre 1978 (FR, 10.11.78).

Von der Kulturkritik peinlich ignoriert, als Bewegung immer noch unterschätzt... die geradezu anbetende Verehrung Steiners..., daß die Frage nach dem demokratischen Bekenntnis, die ja auch eine nach der Zahl von Menschen ist, durchaus nicht für erledigt gelten kann: die Anthroposophie breitet sich gewaltig aus. Eine Mode...?
Daß eine Idee allein durch den wachsenden Einfluß ihrer Institutionen Gültigkeit erlangt, sollte inzwischen ein Unding sein...,

schreibt Mueller. Nun:

Das Staunen darüber, daß die Dinge, die wir erleben, im zwanzigsten Jahrhundert noch möglich sind, ist kein philosophisches. Es steht nicht am Anfang einer Erkenntnis, es sei denn der, daß die Vorstellung von Geschichte, aus der es stammt, nicht zu halten ist (Walter Benjamin).
... Bienenvölker als Organe von... Bienengeistern, die nach Rudolf Steiner innerhalb der geistigen Ordnungen an höherer Stelle stehen als die Ichorganisation des Menschen, um durch ihr Opfer die Menschheit zu beschenken, die mehr und mehr erkrankt, weil sie sich nicht nur differenziert, sondern zersetzt und in Gefahr ist, gänzlich atomisiert, in einem Kampfe aller gegen alle zu verkommen (Fritz Götte, Cultura, S.99. Verlag Freies Geistesleben Stuttgart 1952).
Mit dem Hereinbeziehen der Bienen, die nach den Forschungen Rudolf Steiners in der atlantischen Kulturepoche aus den Feigenwespen gezüchtet worden sind, in den Bereich der Menschen, wurde ein Mysterium in die menschliche Verantwortung gestellt (a.a.O.).
Friedrich Creuzer spricht in seiner Mythologie im Hinblick auf den Gang der ältesten menschlichen Kultur von einem Bienenweg (a.a.O., S. 100).

Auf dem neuen, von Rudolf Steiner vorauf beschrittenen, der kommenden Menschheit gewiesenen, auf

diesem neuen Bienenwege wird sich auch einmal ein Geheimnis des Biens enthüllen, das schon die Alten, die des wahren Mysteriums bereits verlustig gingen, intensiv beschäftigt hat, indem sie die darin waltenden sozialen Kräfte bewunderten. Man wird sich vertiefen in den Dreiklang des Verzichtes des Weisels auf alles äußere Tätigsein und Sichausleben in die äußere Welt, des Verzichtes der Drohnen, die nach der Befruchtung der Königin ihr Leben geben, und des Verzichts der eigentlichen Bienen, die ihre Zeugungskräfte nicht für die Entwicklung von Nachkommen verwenden, sondern sie in den vielfältigsten Diensten für das Ganze verzehren. Dem Leben des Bienenstocks ist ein Gesetz als schaffendes Prinzip immanent: Soziales Leben beruht auf Verzichten von Gruppen und Einzelnen, auf Hingebung und Opfer (a.a.O).

Das Bienwesen der Staatsidee Preußens lebt als geometrischer Wahn und pathologischer Rationalismus fort.

Preußentum und Nationalsozialismus können ihre innere Verwandtschaft, ihre gemeinsame, auf einem Verbrechen an Körper und Seele des männlichen und des weiblichen Menschen beruhende Herkunft nicht verleugnen.

Keine Biene verzichtet freiwillig auf ihr freies Leben. Sie wurde ein armseliges Opfer lebensfeindlicher Eingriffe in ihre Natur.

Sie kann, dem eingegebenen Zwange folgend, nur noch arbeiten und töten. Derlei sollte, mit Schoeps zu reden, die Einheit Deutschlands mitbedingen?

In diesem Falle wäre ein freiwilliger Verzicht wohl angebracht.

Die neue Mystik der neuen Mittel-, Besitz- und bereits Platz nehmenden Herrscherklasse ist dem Rosenbergschen Mythus des 20. Jahrhunderts so ähnlich, wie die Söhne und Töchter ihren Eltern, psychologisch genauer: die Enkel ihren Großeltern, ähnlich sind. Das sitzt ganz tief.

Volker von Törne starb mit 46 Jahren an Gehirnschlag.

Mit 46 Jahren stirbt man nicht an einem Gehirnschlag, wenn da nicht etwas vorangegangen war: zum Beispiel ein unermüdliches Ringen um die eigene Identität, die eines Deutschen, Sohn eines SS-Standartenführers, Zögling einer Napola, einer Nationalpolitischen Erziehungsanstalt, also ein schon in jungen Jahren unter dem Hakenkreuz Auserwählter, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, sich in seiner Haut wohlfühlen zu dürfen,

schrieb Michael Stone (TS, 3.1.81).

18 Jahre lang hat Volker von Törne als Geschäftsführer der Aktion Sühnezeichen im In- und Ausland, vornehmlich in Polen und Israel, für das andere, das bessere, das geläuterte Deutschland geworben.

Ich hab's nicht gewußt. Von Vesper ja, von Törne nicht.

Ich mußte erst einmal durchatmen, als ich es gelesen hatte. Es machte sich die Klassendifferenz bei mir organisch bemerkbar.

Nicht um der Opfer und ihrer Hinterbliebenen willen, sondern fürs Vaterland, das teure, "das andere, das bessere, das geläuterte"...

Weniger Sühne als Zeichen, damit's alle sehen.

Natürlich als Geschäftstührer, was sonst...

Ob Vesper bei der linken Apo oder Törne bei der Wiedergutmachung: das Unheimliche, was alles Hoffen von damals zu einem Alptraum des Selbstbetrugs werden läßt: daß alles das in solchen Händen lag...

Was beide plagte, war nicht, was sie hätte plagen müssen: daß sie späte Nutznießer der faschistischen Vergangenheit waren, daß sie nie ihre Familie, nie ihre Klasse, nie ihr materielles Erbe verließen...

Und lange genug haben sie's uns verheimlicht. Und jetzt gewahrt es erst der zweite Blick, der Nachblick, spät, zu spät, erstaunt, verstört.

Sie hätten verschwinden müssen als die, die sie waren, nicht Abbitte leisten für die Verbrechen ihrer Väter...

Kerstin Dörhöfer ist aktive Feministin, befördert an der Freien Universität die sogenannte Frauenforschung... Egal.

Eines ihrer Hauptanliegen: die Intimität der Familie endlich und endgültig beseitigen durch Öffentlichkeit.

Indem die Belange der Familie zum Fenster hinaus auf die Straße, in jedermanns Ohr...

Frau Dörhöfer weiß, dann geht alles kaputt.

Und weil sie es weiß, schweigt sie sich über ihre eigene Familie aus. Da wäre Stoff...

Vesper, Törne, Dörhöfer...

Gegen ihre Väter kämpfen sie zu allerletzt in der Öffentlichkeit, auf der Straße und zum Fenster hinaus, sonst wüßte man ja mehr über sie - zur rechten Zeit.

Es ist Deutschlands "Nachkriegshoffnung", durch die alles so hoffnungslos geworden ist.

Diese neue Verlogenheit hat hier unten allerdings auch etwas hervorgebracht: ein Unversöhnliches, ganz frisch.

Ja, Ihr seid die Katastrophe, Euch haftet's an. Sippenhaftung? Nein, Klassenhaftung...

Auch Gunnar Heinsohn, der dem kuckuck vor kurzem gelegentlich des in der Neuzeit vernichteten "Nachwuchsverhütungswissens" über den Weg lief, auch ihm liegt nicht die faschistische Familie im Magen, machen nicht die etablierten NS-Sippen die Gedanken so schwer, so dunkel, nein, die kinderreichen Arbeiterfamilien sind's, die Gören der Proleten im Nachbarbezirk: sie inkarnieren das Böse an der - man muß wissen: jüdischen - Familienidee, sie fordern den Sozialpädagogen Gunnar Heinsohn ins sozialpolitische Engagement. Was tun?

Wie kommt ein Mann wie Heinsohn an Immanuel Velikovsky?

Velikovsky ist ein außergewöhnlicher Mann, ein Universalforscher, der die moderne Wissenschaft in Atem hält, obwohl die ihn möglichst nicht zur Kenntnis nimmt, und wenn, dann als Unikum und wissenschaftliches Kuriosum.

Am liebsten würde man ihn mit Däniken zusammentun...

Das Lachen geht bei ihm aber nur so weit, wie das Verschweigen reicht.

Es ist die wissenschaftliche Qualität, die seinen Forschungen das Gewicht gibt. Wer Velikovsky nicht gelesen hat, weiß zu wenig.

Was aber ausgerechnet Gunnar Heinsohn bewegt, für einen so unruhigen (und beunruhigenden) Einzelgänger der Wissenschaft sich in Aufsätzen und Vorträgen zu engagieren, der scheinbar Gesichertes in etlichen Sparten als mehr oder minder kollektives Vorurteil entlarvt hat, jedenfalls mit dem Anspruch auftritt, es entlarvt zu haben, darüber sollte noch ein Wort zu sagen sein.

Es war nämlich Gunnar Heinsohn, der - mit einigen Beiträgen in der Zeitschrift Freibeuter - mich erinnert hat.

Ich kannte Velikovsky aus seinen Büchern. Der Zufall hat mich schließlich nachdenklich gemacht.

Der überwältigende Sieg der französischen Sozialisten, dieser politische Erdrutsch, fürwahr, macht die hierzulande verbreiteten Nachrichten über das "Kommen" der Neuen Rechten in Frankreich nachträglich zu irreführenden Horrormeldungen.

Ganz anders, wie gesagt, die Situation in der Bundesrepublik. Hier sind Zauberlehrlinge am Werke, deren Kunststücke nur deshalb nicht ausgepfiffen werden, weil ihr momentanes Publikum noch dümmer ist. Und das ist in der Tat gefährlich, ja, aber was ich nicht weiß...

Egon Friedells Kulturgeschichte Ägyptens und des alten Orients ebenso wie Emil Bocks Moses und sein Zeitalter, aber auch Freuds Mann Moses gelesen zu haben, kann ein freundlicher, lebensgeschichtlicher Zufall sein, der einem weiterhilft...

Bei Immanuel Velikovsky, Zeitalter im Chaos. Vom Exodus zu König Echnaton (Titel der Originalausgabe: ages in chaos. Ins Deutsche übertragen von Ilse Fuhr und Dr. Albert Fuhr) Europa Verlag A.G. Zürich 1962:

ja, da wird deutlich, daß exakte Forschung, verfügt sie erst einmal über den Schlüssel, der ins Schloß paßt, der Phantasie mehr aufzuschließen vermag als die phantastischste Spekulation.

Sagte ich schon, daß man sich zum Realisten erst mausern müsse?

Wir begannen an einander diametral gegenüberliegenden Punkten; der Umfang unserer Meinungsverschiedenheiten, wie er sich in unserer Korrespondenz widerspiegelt, verkleinerte sich zusehends, und obwohl im Zeitpunkt seines Todes (unser letztes Treffen fand 9 Tage vor seinem Ableben statt) noch klar definierte Widersprüche verblieben, zeigte sein damaliger Standpunkt deutlich die Entwicklung seiner Auffassung in den zurückliegenden 18 Monaten,

schreibt Velikovsky in einer Danksagung über seine Beziehung zu Albert Einstein (I.V., Erde im Aufruhr. Aus dem Amerikanischen von Christoph Marx. Umschau Verlag Breidenstein GmbH., Frankfurt am Main 1980. Die Originalausgabe erschien 1956 unter dem Titel Earth In Upheaval in New York).

Heinsohn verweist auf die noch unveröffentlichte Korrespondenz Velikovskys mit Sigmund Freud.

Freud selbst war es, der mit seinen Ausführungen über Echnaton Velikovsky auf die dann so folgenschwere Idee brachte, daß dieser Ketzerpharao, der - aus der Fremde kommend - den Thron in Theben übernimmt, die Erinnerung an seinen Vater Amenophis III. auslöscht, die Sphinxorakel-Priester Amons entmachtet, seine Mutter Teje heiratet, sich mit geschwollenen Schenkeln darstellen läßt, und schließlich seinem Onkel Eje die Übergangsregentschaft für die sich bekämpfenden und jung fallenden Söhne Semenchkaré und Tutenchamun überlassen muß, daß also dieser Echnaton die wirkliche Person hinter dem griechischen Mythos von Ödipus (= Schwellbein) ist... (Freibeuter 2, S.9).

Immanuel Velikovsky, Jahrgang 1897, studierte Medizin, Alte Geschichte und Altphilologie. Er begründete die wissenschaftliche Monographienreihe Scripta Universitatis. Später studierte er bei Wilhelm Stekel, dem ersten Schüler Freuds, Psychoanalyse...

So laut Klappentext zu: Welten im Zusammenstoß. Aus dem Amerikanischen von F.W. Gutbrod (Titel der Originalausgabe: Worlds in Collision, New York 1950). Umschau, 1978.

In Erde in Aufruhr (Die erdgeschichtlichen Zeugnisse zu Welten im Zusammenstoß) ist das Geburtsjahr mit 1895 angegeben.

Er starb 1979 in Princeton, New Jersey. In einer Pressemitteilung des Verlages aus Anlaß des Erscheinens von Welten im Zusammenstoß heißt es:

Immanuel Velikovsky wurde im Juni 1897 in Rußland geboren. Er besuchte in Moskau die Schule, konnte aber wegen der Judengesetzgebung im zaristischen Rußland kein Studium aufnehmen.
Er begann einen Einführungskursus in Medizin in Schottland, studierte dann Alte Geschichte und Altphilologie an der Freien Universität Moskau nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs.
Er wurde schließlich an der Universität Moskau zugelassen und schloß sein Studium 1921 mit dem Dr. med. ab.
Er war Gründer und Herausgeber der Schriftenreihe Scripta Universitatis, einer in Berlin erscheinenden Reihe von Monographien hervorragender jüdischer Gelehrter, unter ihnen Albert Einstein.
Velikovsky eröffnete 1924 eine Arztpraxis in Jerusalem und studierte später Psychoanalyse bei Sigmund Freuds erstem Schüler, Wilhelm Stekel.

Gunnar Heinsohn schreibt:

Er wurde 1895 in Witebsk geboren.
Sein Vater Simon Yehiel Velikovsky war einer der herausragenden Zionisten Rußlands. Er organisierte und finanzierte später mit den Scripta Academica Hierosolymitana die Anfänge der hebräischen Universität in Jerusalem und spielte eine ähnliche Rolle bei der Errichtung von Ruchama, dem ersten Kibbutz im Negev und Mitglied in der Artziföderation, also der linkesten Kibbutzbewegung.
Der Sohn Immanuel machte 1913 sein Abitur am Medvednikow Gymnasium in Moskau und wurde für seine dabei erbrachten Leistungen mit einer Goldmedaille ausgezeichnet.
Danach bereiste er Europa und Palästina, studierte Medizin in Edinburgh/Schottland und kehrte nach Moskau zurück, wo er an der Freien Universität im Jahre 1921 seinen medizinischen Doktor machte.
Anschließend übersiedelte er nach Berlin, wo er mit Heinrich Loewe die Scripta Academica herausgab, welche zum Fundament einer jüdischen Universität dortselbst werden sollten.
Für die Betreuung der mathematisch-physikalischen Sektion dieser Zeitschrift wurde Albert Einstein gewonnen.
In Berlin heiratete Velikovsky... die Violinistin und Bildhauerin Elisheva Kramer aus Hamburg. 1924 siedelte er nach Haifa und praktizierte bis 1939 dort und in Tel Aviv als Arzt.
Zwischendurch absolvierte er in Wien bei Wilhelm Stekel seine Lehranalyse und wurde der erste praktizierende Psychoanalytiker Palästinas (seine Korrespondenz mit Freud aus dieser Zeit ist noch unveröffentlicht).
Im Jahre 1930 wurde er in der Fachwelt durch den Fund bekannt, daß sich Epilepsien als abnorme Encephalogramme darstellen lassen.
Eine sich daran anknüpfende Theorie Über die Energetik der Psyche und die physikalische Existenz der Gedankenwelt erschien mit einem Vorwort von Bleuler in der Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie (Freibeuter 2, S.7 f.).

In Zeitalter im Chaos. Vom Exodus zu König Echnaton (Europa Verlag) schreibt Immanuel Velikovsky:

Diese Arbeit ist meinem verstorbenen Vater gewidmet. Ich möchte in wenigen Sätzen sagen, wer Simon Yehiel Velikovsky war.
Von dem Tage an, als er im Alter von dreizehn Jahren das Haus seiner Eltern verließ und sich zu Fuß aufmachte nach einem der alten Zentren talmudischen Wissens in Rußland, bis zu jenem Tage im Dezember 1937, als er im Alter von achtundsiebzig Jahren sein Leben beschloß, weihte er sein Dasein, sein Vermögen, seinen Seelenfrieden und alles, was er besaß, der Verwirklichung dessen, was einst eine Idee war - der Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem alten Land.
Er trug zur Wiederbelebung der Sprache der Bibel und der Entwicklung des modernen Hebräisch bei durch Veröffentlichung von Sammelwerken über hebräische Philologie und zum Wiederaufleben jüdischen wissenschaftlichen Denkens durch seine Gründung Scripta Universitatis, zu welcher Wissenschaftler vieler Länder beitrugen und so die Grundlage für die Hebräische Universität in Jerusalem schufen.
Er war der erste, der das Land im Negeb, die Heimat der Patriarchen, zurückzuerwerben trachtete, und er organisierte dort eine kooperative Niederlassung, die er Ruhama nannte; heute ist sie die größte landwirtschaftliche Niederlassung im nördlichen Negeb.
Ich wüßte nicht, wem ich für die geistige Vorbereitung auf diese Rekonstruktion der alten Geschichte zu danken hätte, wenn nicht meinem verstorbenen Vater Simon.

Hoffentlich sind die im Umschau Verlag erschienenen Velikovsky-Übersetzungen zuverlässiger als die Angaben des Verlages zur Person des Autors.

Immanuel Velikovsky verfuhr mit seinem Vater Simon nicht wie Echnaton (Amenophis IV.) mit Amenophis III.

Braucht er Schutz vor seinen Söhnen im Geiste?

Vor mythisierenden Töchtern, deren jede Erkenntnis verleitendes (und verleidendes) Interesse sich auf die arische (Mitanni-) Herkunft des zugereisten Echnaton (=Ödipus) kapriziert hat? (Fragen Sie einmal Gunnar Heinsohn nach seinen diesbezüglichen Erfahrungen.)

Ich bin gespannt.

Was verändert Velikovsky an dem Weltbild eines Egon Friedell, eines Emil Bock (zum Beispiel)? Hat Heinsohns erfreuliche Offenheit Bestand?

Gleiche Forschungsmethoden, wie Velikovsky sie vorgeführt hat, könnten, angewandt auf Sozialpädagogik, womöglich auch diese Wissenschaft (und mit ihr Heinsohns eigene Lehren) aus den Angeln heben.

Es wird wieder nachgedacht.

Seit gut einem Jahr sind neue Kulturzeitschriften auf dem Markt.

Das neulinke/neurechte Establishment aus der Kursbuch-Tradition macht nicht nur dicke Backen. Transatlantik und Freibeuter kommen den neuen Bedürfnissen nach. Alles neu. Die neubürgerliche Ideologie zieht noch einmal nach. Ihr ist die Geschichte davongelaufen.

Noch im alten Jahr 80 kam die erste Nummer der Anachronistischen Hefte heraus. Bestellungen und Zuschriften an die Redaktion: c/o Gerhard Gräber, Postfach 210105, 7500 Karlsruhe 21. Mithin kein etabliertes Blatt.

Hier hat einer auf eigene Kappe nachgedacht. Thema des Heftes 1/80: Angelus Novus - Der Engel der Anarchie. Zur Geschichtsphilosophie Walter Benjamins.

Die Hefte tragen den Untertitel Zeitschrift für unzeitgemäßes Denken, und dafür ist Walter Benjamin ein sehr guter Anfang.

Gräber referiert die Thesen Benjamins.

Es geht hier nicht darum, Benjamins Geschichtsphilosophie mit philologischer Akribie zu interpretieren, sondern zu retten (S.6).
Der Schlüssel, mit dem das Konzentrat dechiffriert werden soll, und die Perspektive auf eine mögliche rettende Praxis lieg(en) in der zentralen These, daß Walter Benjamins Geschichtsphilosophie eine anarchistische Alternative zum Historischen Materialismus bietet (S.6):
der wahre Kern des Marxismus und der des Anarchismus, sowie der jüdische Messianismus verbünden sich zur wahren Auffassung von Geschichte in einer emanzipatorischen politischen Praxis (S.54).

Torah und biblische Propheten, das ist vielleicht das Neue in der Theoriediskussion, nehmen nach langen Zwischenpausen wieder einmal einen zentralen Platz ein.

Als ob die eher oberflächlichen Abweisungen, sozusagen aus dem freien Fühl, nicht den grundlegenden Erfolg hatten, der vorgesehen war.

Sie haben, bei gleich gebliebener Haupttendenz, doch einer gewissen Ernsthaftigkeit Platz machen müssen. Ideologie- und Mythenkritik tragen eben doch mitunter Früchte.

Gräber entwickelt seine Benjamin-Deutung auf der Text-Grundlage der Thesen, bestätigt diese, bekräftigt sie und wendet sie an: auf die politische Situation und die in ihr aktuelle politische Praxis in der Bundesrepublik. Ihm

scheint... ein zeitlich und geographisch sehr naheliegendes Beispiel viel augenscheinlicher (als der Bauernkrieg) gewisse Inhalte Benjaminscher Geschichtsphilosophie zu demonstrieren: der Kampf der badisch-elsässischen Bürgerinitiativen gegen das Kernkraftwerk in Wyhl.
Es läßt sich hier durchaus zeigen, daß die Widerstandsbewegung der Kaiserstühler gegen staatliche Willkür vor allem auch durch die Aneignung der eigenen revolutionären Vergangenheit in Bauernkrieg und 1848er Revolution in Baden (ihre) revolutionär-emanzipatorische Komponente erhielt (S.27 f.).

Ich denke, daß die Wahl gerade dieser historischen Vergangenheit recht willkürlich ist und ideologisch verdecken hilft, welche Vergangenheit jedesmal aufklingt, wenn nur das Wort ausgesprochen wird. Auf die konkrete Gegenwart der Bundesrepublik angewendet, erhalten die Benjamin-Thesen einen eigentümlichen, antirepublikanischen Touch. Sie sind hier von einer Aura der Restauration umgeben, die jedem aufgehen muß, der mit beiden Füßen auf der Erde steht.

Das Unausgesprochene klingt jedesmal mit, und es ist gerade die Übereinstimmung im Verschwiegenen, was der Bewegung Brisanz und Zusammenhalt gibt. Und genau das ist der Grund, warum es in der Bundesrepublik (zu ihr) keine Alternative geben kann, ja darf. Dies sage ich unter Vorbehalt. In Übereinstimmung mit Benjamin. Seine Thesen nämlich stehen und fallen mit dem proletarischen Subjekt der Geschichte, dem historischen Träger einer Philosophie der Unterdrückten. Aber - wer oder was ist das? Und wo? Vielleicht in Polen? Ich hoffe es. Ich weiß es nicht. Ich bin hier. Und hier ist Nacht im Karton. Wie damals? Nein. Es ist schlimmer. Warum. Amaleq.

Benjamins Thesen (über den Begriff der Geschichte) sind unter fragwürdigen Bedingungen posthum veröffentlicht worden. Ein Anreiz zum Weiterdenken, sind sie als Praxisanleitung eben noch nicht weit genug bedacht.

kuckuck 31/32
1981, Frühjahr/Sommer

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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