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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1980-00-00
erlauben Sie mir eine Nachbemerkung zu Ihrer Nachbemerkung im kuckuck 29/30.
Ich kann ja verstehen, daß Sie auf München so reagieren, wie Sie reagieren. Aber gut finde ich es dennoch nicht.
Man kann natürlich jammern, daß die "deutsche Linke" (wer ist das eigentlich) tot ist etc. (und sich dabei so mutig vorkommen), aber man kann auch ein paar Freunde zusammentrommeln, sich Gedanken machen, diese zu Papier bringen und veröffentlichen (diese Freunde und ich haben zwei Seiten der taz mit unseren Überlegungen zu München gefüllt) und dadurch eine öffentliche und noch viel mehr interne Debatte in Gang bringen.
Mit Jammern und Reden von einem "neuen Faschismus" geht das wohl weniger.
Meine Realitätswahrnehmung ist anders als Ihre: der Kampf gegen die Startbahn, der hier fast vor meiner Haustür stattfindet, das ist für mich das Überraschendste, was je in dieser Region passiert ist, kein Verdienst "der Linken", aber noch viel weniger ein Symptom irgendeiner "Verlumpung".
Die schöne hohe Warte, von der aus Sie sprechen und von der aus Sie das GewuseI zu Ihren Füßen nur noch als Kötergekläff wahrnehmen können, ist für meinen Begriff der schlechteste Standpunkt, den man als Intellektueller heute einnehmen kann. Statt einen Überblick zu verschaffen, führt er nur zu Akkumulierung von Ressentiments. Soviel für heute.
Mit den besten Grüßen
Lothar Baier
jetzt haben Sie mich aber neugierig gemacht.
Wie soll ich das verstehen: Ihre Realitätswahrnehmung sei eine andere als die meine?
Wir gehen doch von gleichen Sachverhalten aus, beurteilen sie nur unterschiedlich. Entsprechend unterscheiden sich auch unsere Reaktionen voneinander.
Ich befand: die deutsche Linke ist tot. Sie reklamieren: wer ist das eigentlich? Ja, sie war, es gibt sie nicht mehr, seit München (spätestens!), meine ich...
Wissen Sie, als ich Ihren Brief anlas, kam ich mir alles andere als "mutig" vor, das hätte man tun sollen, dachte ich, "ein paar Freunde zusammentrommeln, sich Gedanken machen" (obwohl ich gewöhnlich erst denke und dann trommle)...
Und weiter, jetzt kommt es, denk ich, aber was: "diese (die Gedanken!) zu Papier bringen und veröffentlichen".
Donnerwetter.
Da haben Sie also ("diese Freunde und ich") "zwei Seiten der taz mit unseren Überlegungen zu München" füllen müssen (wo ein Wort hätte genügen sollen), um "eine öffentliche und noch viel mehr interne Debatte" in Gang zu bringen.
Besonders freut mich ja die "noch viel mehr interne".
Debatte.
Und das unter Demonstrationsprofis, die sich keine Gelegenheit entgehen lassen, auf die Straße zu gehen.
Und darin sehe ich die "Verlumpung".
Der "Kampf gegen die Startbahn" in Ihrer Gegend ("das Überraschendste, was je in dieser Region passiert ist") überrascht mich gar nicht.
Auf irgendeinen kleinsten Nenner kann man sich immer mal einigen. Wer ist nicht für Grün und gegen Beton. "Kein Verdienst der Linken." Ich weiß wohl. Demagogie kommt hierzulande traditionell aus der andern Ecke.
Die Linke begriff sich jedenfalls immer und in erster Linie als in der antifaschistischen Tradition. Links, da hätte man sich's hinter die Ohren geschrieben: Erst Klarheit, dann Einheit (dies gute Wort vom ollen Karl Liebknecht).
Verwirrung durch Einheit war die (wiewohl unausgesprochene) Parole der siebziger Jahre.
In einem Land, wo es ein Bündnis mit der nationalen Bourgeoisie nicht (mehr?) geben kann.
Wir haben unsere "Neue Rechte" in der Bundesrepublik. Und weil die in der Bürgerinitiativenbewegung, "alternativ" und "ökologisch", bundesweit vertreten ist, hielt gleich die ganze Bewegung inne, als es in München krachte.
Waren ja wohl bloß ein paar Arbeiter, die dran glauben mußten.
Über die "schöne hohe Warte", von der aus Sie mich sprechen sehen, hätte ich sonst herzlich lachen können.
Überblick.
Über die Situation in Frankreich haben Sie anerkennenswert berichtet. Dieses gute Beispiel wollte ich den hiesigen Unterlassungen entgegensetzen.
Oder ist Ihnen die schleichende Faschisierung in besagtem Bereich etwa entgangen?
"Ressentiments"?
Wie muß ich das verstehen?
Herzliche Grüße
H.L.
ich bleibe dabei, unsere Realitätswahrnehmung ist verschieden, so daß es wenig sinnvoll ist, sich gegenseitig Vorhaltungen zu machen.
Für Sie steht halt fest, diese ganze Öko-Bewegung ist schleichend faschisiert ("Demagogie kommt hierzulande traditionell aus der andern Ecke"), dann bleiben Sie halt dabei, machen Sie eben aus den bei den Grünen mitmischenden Nazis und Nationalbolschewiken eine insgesamt faschistische Bürgerinitiativenbewegung, wenn Sie sich mit dieser Vorstellung leichter zurechtfinden in dieser Welt, bitte.
Es ist nicht mein Job, Sie zu überzeugen, doch falls Sie interessiert, was ich beispielsweise von dem neuen alternativen Bauernkult halte, dann lesen Sie mein diesbezügliches Pamphlet im Freibeuter 6.
Falls "die Linke" hierzulande (ich halte mich durchaus für einen Linken, weiß aber immer noch nicht ganz genau, was "die Linke" ist) aus lauter Leuten wie Ihnen besteht, ist es vielleicht doch nicht so schade um sie.
Denn es wäre eine Linke, die aus der Vergangenheit absolut nichts gelernt hat und für die Antifaschismus auch bloß eine vage historische Reminiszenz ist.
Denn in der von Ihnen hochgehaltenen Parole "Erst Klarheit, dann Einheit" steckt ihr ganzes Elend.
Vor 1933 haben sie auch erst die Klarheit gesucht und sich dann im KZ zur Einheit prügeln lassen.
Hat Ihnen denn nie eingeleuchtet, was Bloch, auch Brecht, was ein Oskar Maria Graf (in seinen Exilromanen) und später ein Alfred Andersch zu diesem grauenhaften Versagen der Weimarer Linken gesagt haben, ob nun kommunistisch oder sozialdemokratisch. Und jetzt soll man es mit der selben Blindheit noch einmal versuchen.
Selbst die emigrierte KPD war da klüger.
Ihre Warte, würde ich sagen, ist nicht nur hoch, es herrscht auch noch dicker Nebel in diesen Höhenlagen.
Wer sind übrigens die "Demonstrationsprofis"? Sie sollten mal wieder auf die Straße gehen. Nur so.
Nichts für ungut, aber wir kommen nicht zusammen.
Beste Grüße
Lothar Baier
ich wollte schon resignieren und hoffte (!) nur noch, es Ihrer politischen Naivität zuschreiben zu müssen...
Aber Sie werden sehen, daß ich sehr geduldig sein kann (geduldiger jedenfalls, als Sie es mit mir sein möchten), wenn ein klein wenig Wahrheitsfindung auf dem Spiele steht.
Auf den ersten Blick mochte es mir grotesk erscheinen, daß Sie mich ausgerechnet auf Ihre kritische Auseinandersetzung mit dem Öko-Tourismus (Freibeuter 6) verwiesen, um mich - nolens volens - von der Irrigkeit meines Standpunktes zu überzeugen, obwohl Sie doch gerade da argumentieren, als hätten Sie sich längst von der Richtigkeit meines Standpunktes überzeugen lassen.
Als ideologischen Pendler wollte ich Sie nicht einschätzen - offenbar haben Sie aber die Einsichten, zu denen Sie auf jenem ländlich-bäuerlichen Felde gelangten, nur noch nicht aufs Gesamt der Alternativ- und Bürgerinitiativenbewegung (usw.) anzuwenden versucht.
Ich weiß nicht, wie fest der Boden ist, auf dem Sie stehen, von dem aus Sie denken und urteilen.
Immerhin ist Ihnen doch schon aufgegangen, wenn ich Sie richtig verstehe, daß jene jungen Wanderer zwischen den Welten auf der Suche nach ihrer Identität sind, auf der Suche nach einer halbwegs stabilen Basis, die ihnen bisher immer noch fehlt.
Daß sie das Gesuchte nicht finden, trotz allem ohne inneren Halt bleiben bis zur nächsten Traumstation, das mag und wird auch sicherlich mit jener "versteckten Todessehnsucht" zusammenhängen, von der (auch) Sie schreiben.
Um so größer die Gefahr, politischen Rattenfängern nachzulaufen. Das scheint mir heute gegeben.
Die Ökologie-Bewegung hat ja eine lange Geschichte, verstand sich von Anfang an als theoretisch-ideologische Abwehr marxistischer Ökonomie.
Wenn Sie das alles - über Jahrzehnte hin, etwa bis in die fünfziger Jahre - zurückverfolgen, kommen Sie auf nationalkonservative, ns-restaurative u.ä Ursprünge.
Diese "neue" Rechte hat sich in ihren Methoden, ihrem Habitus, von der "alten" Krawall-Rechten immer deutlich unterschieden. Während diese laut "marschierte", schlich, wie ich es nannte, jene ganz still und unauffällig voran...
Haben Sie Wolfgang Pohrts Huber-Rezension im Spiegel gelesen - und drauf die Leserbriefe von Robert Jungk, Rudolf Bahro, Johano Strasser (4/81)?
Ich will Ihnen einen Tip geben: kümmern Sie sich mal um die bundesdeutsche "neue" Rechte, wie Sie das mit der französischen getan haben, und versuchen Sie dann, Ihren Bericht in der Presse unterzubringen - wenigstens bei den Publikationen, die ohne Zögern Ihre Frankreich-Reportagen veröffentlicht haben: Frankfurter Hefte, konkret, Transatlantik, Freibeuter...
Wichtig ist natürlich, daß Sie eine gründliche Hintergrundarbeit abliefern, verbunden vielleicht mit treffender Ideologiekritik.
Die Erfahrungen, die Sie dabei machen werden, ein paar versteinerte Gesichter, die Sie nicht mehr vergessen können: es wird Sie bewegen, auszuwandern oder ein eigenes Hausblättchen, womöglich, herauszugeben, wer weiß...
Ich will noch einmal auf die "schöne hohe Warte" zurückkommen, von der Sie mich nicht wieder herunterlassen wollen, und nun "herrscht auch noch dicker Nebel in diesen Höhenlagen".
Wenn Sie mich nicht erkennen können vor lauter Nebel, woher wollen Sie wissen, ob Sie mich richtig lokalisiert haben?
Und daß Sie mich so "hoch" über sich vermuten... Vielleicht, weil Sie selber auf dem Kopfe stehen?
Ich arbeite auf dem Bau, volle Vierzigstundenwoche, wenn ich morgens auf die Straße gehe, schlafen jene noch, um die wir uns hier streiten. Und wenn die dann auf die Straße gehen, um für ihre Sonderinteressen, also etwa mietfreies Wohnen, zu demonstrieren, bin ich zu müde, außerdem, Sie wissen es, zu uneinsichtig, um mich mit ihnen solidarisieren zu wollen.
Von meinen Arbeitskollegen weiß ich, daß die ganz andere Interessen haben - subjektiv, aber auch objektiv.
Und da ich mit drinstecke, darf ich mir erlauben, die ganze Lage hier unten ganz schön beschissen zu finden.
Ich rede von der - allgemeinen - Bewußtseinslage. Nicht von der Dreckarbeit, die ich hier mache.
Auch wenn ich Maschinen repariere oder Kran fahre, selbst da: von "schöner hoher Warte", glaube ich, keine Spur.
Ich bin Kaffeetrinker, also auch kein "Nebel" da, allerdings mitunter viel Staub. Feierabends wird das weggeduscht.
Emotionell kann man hier ziemlich fest auf beiden Füßen stehen.
Dann wohne ich noch in Kreuzberg, mittendrin im Kiez. Ich weiß, wovon ich rede, wenn ich sage: eine ganz schön windige Sache, diese "Alternativen"...
Sie führen Bloch, Brecht, Graf, Andersch an, um mich zu widerlegen. Ich kenne diese Argumente.
Ich weiß aber auch, daß Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet wurden. Und es war ein Liebknecht-Zitat, das Sie zum Anlaß nahmen, zu suggerieren, es "ist... vielleicht doch nicht so schade" um eine solche Linke.
Es war schließlich nicht "Klarheit", sondern opportunistische Parteipolitik, die gegen Hitler wehrlos machte (weil blind machte für die großpolitischen Weichen(ver)stellungen).
Etwas mehr "Klarheit", weniger Theoriefeindlichkeit, es hätte auch weniger Mitläufertum und weniger Überläufertum gegeben...
Vielleicht dies noch: Wenn ich meine, daß hierzulande ein Bündnis mit der "nationalen Bourgeoisie" ein Bündnis mit dem Henker sei, so aus dem simplen Wissen heraus, daß sich hinter einem solchen "Bündnispartner" der auch nach 1945 ungebrochen organisierte Nazismus verbirgt.
Bei mir also nicht "bloß eine vage historische Reminiszenz"... Oder sehe ich das alles falsch? Was meinen Sie?
Herzliche Grüße
H.L.
kuckuck 31/32
1981, Frühjahr/Sommer
*Der Attentäter, Gundolf Köhler, war Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann, einer paramilitärischen Truppe der Untergrund-NSDAP (vgl. Handbuch Deutscher Rechtsextremismus, Berlin 1996). Der Anschlag forderte 13 Tote und viele Verletzte. - kkk
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