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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1980-00-00
In Fragen Europas, insonderheit Deutschlands habe ich meist nur zu destruktiven Visionen mich hinreißen lassen.
In der Tat fällt es mir schwer, hierzulande konstruktiv zu werden. Doch eben dies habe ich mir jetzt einmal vorgenommen.
Dabei ist mir ständig vor Augen, daß meine bisherigen Destruktionen keine Übertragungen subjektiver Tendenzen sind, sondern imgrunde sachgerechte, leicht objektivierbare Urteile.
Das erschwert den Versuch und bringt ihn sogleich in Verdacht, nur ein Spiel zu treiben, dessen negativer Ausgang doch eigentlich schon feststeht.
Daß dem nicht so ist, stellt sich heraus, wenn ich meine Aufmerksamkeit auf mein Nächstes und Übersehbares wende und es in Relation setze zu jenem Europa, jenem Deutschland.
Denn diese Etiketten meinen nichts anderes als diejenige äußere Realität, zu der mein Nächstes, Übersehbares in einem eigentümlichen Widerspruch, wenn nicht Gegensatz steht.
Je mehr dieses Nächste Gestalt annahm, desto gewisser wurde es ihm nämlich, daß seine Entwicklung und Ausbreitung den Tendenzen jener äußeren Realität mindestens widerstrebt.
Mit meinem Projekt, meiner ein klein wenig expansiven Identität in diesem Land bin ich eine unmögliche Wirklichkeit, eingeschränkt, reduziert auf wenige Charakteristika und die von ihnen bewirkten Aktivitäten.
Hierzu muß ich mich näher erklären.
Die gesetzlichen Bedingungen, die strukturellen Gegebenheiten stellen diesen Intentionen keinerlei Hindernisse in den Raum.
Unter dem Gesichtspunkt dessen, worum es mir hier geht, ist zu sagen, daß das Knochengerüst besser ist als das Fleisch, das System besser als das Volk.
Es gibt, mit anderen Worten, keinen Grund, das System zu fliehen; ja, die Gründe, es ändern zu wollen, scheinen mir mitunter denen zum Munde zu reden, die sich ändern müßten.
Das soziale Klima ist in diesem Lande keineswegs systembedingt. Der deutsche Nationalcharakter hat sämtliche Systeme seit Jahrhunderten überlebt.
Diesem Charakterzug psychoanalytisch nachzugehen, haben bedeutende Männer unternommen, bereits als es den Begriff Psychoanalyse noch nicht gab.
Seit Freud wurde dies ein Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit. Oder anders: die Geschichte Deutschlands in der ersten Jahrhunderthälfte lieferte nun reichlich Stoff für diese Wissenschaft.
Aber geändert hat sich dadurch nichts oder nur sehr wenig.
Es fällt auf, daß Deutschland - ob durch eigenen Antrieb, ob durch äußere Umstände - immer wieder auf die Beine kommt.
Kriege werden verloren, Revolutionen verlaufen irgendwie immer im Sande, obwohl sie dem ersten Anschein nach zerschlagen wurden.
Vielleicht trifft auf Kriege und auf innere Emanzipationsvorgänge gleichermaßen zu, daß die Kapitulation nicht lange auf sich warten läßt, wenn sie erst einmal auf starken Widerstand stoßen.
Es würde bedeuten, daß die kritischen, die linken Minderheiten in diesem Lande den Nationalcharakter insgesamt deutlicher widerspiegeln - geradezu inkarnieren - als alle jene eher typischen Deutschen aus dem nationalistischen Lager.
Das Versagen der politischen Linken ist das Versagen Deutschlands.
Weil rationale Politik sich nie richtig durchzusetzen vermochte, konnte immer wieder Diffusion um sich greifen.
Dies geht an die Wurzeln sozialpsychologischen Elends in Deutschland, geht an den Kern des metaphysischen Selbstverständnisses der Deutschen, jedenfalls jener kulturpolitisch seit je äußerst aktiven Minorität.
Und irgendwie partizipieren - bei aller kritischen Durchsicht - auch wir hier an diesem Grundzustand.
Wovon ist die Rede?
Die Rede ist von jenem Zustand, der ein Ergebnis der besonderen geographischen Lage Deutschlands in Europa sein mag.
Noch mehr allerdings, so will mir scheinen, eine Folge der Machtkonstellation in diesem Europa ist, innerhalb deren sich Deutschland als Nation der Mitte zu begreifen veranlaßt sieht, ohne doch wiederum europäischer Mittelpunkt zu sein, was Macht, Kultur, politische Entscheidungsfreiheit angeht.
Deutschland ist - in beiden Teilstaaten - wirtschaftlich jeweils relativ stark, aber infolge seiner Teilung politisch, das heißt also hier nationalpolitisch nicht souverän.
Zumindest die Bundesrepublik sieht sich, trotz ihrer Zugehörigkeit zum westIichen Bündnis, darin getreu dem Grundgesetz ein Provisorium bis zu einer neuen Vereinigung des Landes, in der Rolle des Mittlers in spe zwischen Ost und West; jedenfalls scheint sie jedesmal in diese Rolle zu geraten, sobald sich innergesellschaftliche Machtgruppen von einem Augenzwinkern Rußlands Gelegenheit zu einer außenpolitischen Umorientierung des Landes und - daraus folgend - einer Wiedervereinigung versprechen.
Dabei aber ständig sich sträubend gegen eine etwaige innenpolitische, also auch ideologische Annäherung ans sogenannte sozialistische Lager.
Weil Weltpolitik in starkem Maße Weltanschauungspolitik bleibt, ist das Grassieren einer ideologischen Schizophrenie ein sicheres Indiz für die psychologische Vorbereitung auf eine Position der Mitte zwischen den Blöcken.
Es äußert sich im Denken, in der Sprache, vor allem in einer gewissen intellektuellen Leisetreterei und Grundsatzlosigkeit.
Du hast sie an der Kehle oder im Staub.
Der deutschen Ideologie gemäß steht der deutsche Geist in der Mitte zwischen der slawisch-russischen Seele und dem lateinisch-jüdischen (kalten) Verstand, also zwischen Ost und West.
Der Drang nach Osten, mit dem Ziel der Eroberung und Unterdrückung, ergab sich aus einem Gefühl der Überlegenheit.
Mit anderen Worten: Die Deutschen sahen ihren Geist stets in Gefahr, etwa von französischer Ratio unterjocht zu werden, während sie gen Ost selber als rationale Ordnungsmacht sich verstanden.
Der kulturelle Minderwertigkeitskomplex der Preußen-Deutschen wurde zum Überlegenheitskomplex, sobald sie ihren Blick vom Westen ab- und dem Osten zuwandten.
Daß ihre Rolle sogar in Rußland so eingeschätzt wird, ist immer wieder an der mehr oder weniger heimlichen, auf jeden Fall unerwiderten Liebe zur deutschen Kultur deutlich geworden und ist sicherlich auch das eine oder andere Mal Ursache falscher Politik der Russen gewesen.
Westeuropa endet an der Grenze Polens zu Rußland. So ist es geschichtlich geworden.
Was sich irgendwo zwischen Ost und West einnisten wollte, ist politisch, ist sozial, ist letztendlich in seinen Menschen, ganz individuell seelisch und geistig erkrankt.
Weil eine in Jahrhunderten kulturgeschichtlich gewachsene Länder- und Völkerkonstellation mit inadäquaten Gedankenkonstruktionen sich nicht einfach aus der Welt schaffen läßt, ist auch bald der nächste Schritt getan: die Anwendung materieller, schließlich offen militärischer Gewalt.
Die Ausradierung Polens stand jedenfalls immer dann zur Debatte, wenn die Preußen und die Russen sich wieder einmal einig zu werden versprachen.
Ich finde, die kultur-, vornehmlich religionsgeschichtliche Betrachtung gibt noch am ehesten Aufschluß über die Charakterzüge unseres gesamten Kontinents.
Es gibt keine Neutralität. Aber es gibt natürlich geopolitische Pufferzonen, an deren Erhaltung, Erweiterung und Erweichung die jeweils angrenzenden, tätigen, parteiischen Mächte selbstverständlich interessiert sind.
Nicht so der auf seine individuelle Emanzipation bedachte Bürger dieser Zonen. Denn nichts ist ihr hinderlicher als solche sozialklimatische Watte.
Kein Wunder, wenn die Menschen mit der Zeit zu wissen vergessen, ob sie Männlein oder Weiblein sind.
Wer dies für eine Friedensvoraussetzung häIt, hat die Natur des Menschen nicht voll erfaßt, denke ich.
Die Stimme des Volkes ist die Stimme der Geschichte: diese Entdeckung könnte jedenfalls die Entdeckung Europas sein.
Europäische Politik hätte die Bedingungen zu schaffen, unter denen die Völker überhaupt erst einmal gefragt werden könnten.
Es geht immer noch um die Demokratisierung Europas.
Wenn Deutschland eine historische, sinnvolle Rolle spielen will, so nur die des Mittlers und Vermittlers der - westlichen - Demokratie.
Wie ja schon Marx und Engels die Ideen der bürgerlichen Französischen Revolution aufs Proletariat übertrugen, um allerdings von Rußland übernommen und sogleich in einen grandiosen Geschichtsirrtum verdreht zu werden.
Deutschland und Rußland tun sich schwer mit der Demokratie. Die Deutschen haben mittlerweile - erzwungenermaßen - schon ein paar Fertigkeiten darin erlangt.
Die russischen Sozialisten haben ihre Lenin-Lektion von der Deutschen Reichspost gelernt, weiß Gott.
Ein paar Lockerungsübungen könnten gar nicht schaden. Ein paar Schritte zurück, ein paar Monate vor den Oktober, vielleicht noch einmal mit dem Februar beginnen.
Und gemeinsam dann mit den Deutschen eine Weile bei Voltaire in die Schule gehen. Der unpreußische Preuße Friedrich hat's euch doch vorexerziert - warum gehorchet Ihr nicht!
Es geht in der Tat um eine Findung und Festigung der Identität.
Das ist nun kein Wert an sich, sondern eine Frage nach Inhalt und Intention.
Sicher, soziale Emanzipation und nationale Befreiung sind miteinander verknüpft - mitunter so sehr, daß der ersteren völlig die Luft wegbleibt.
In diesem Europa mit seiner Geschichte können nationale Fragen wirklich allenfalls noch von kulturpolitischer Bedeutung sein in einem langwierigen Befreiungsprozeß des ganzen Kontinents.
Europäische Geschichte erweist sich bislang als ein Prozeß der gegenseitigen nationalen Behinderungen, der Selbstbehinderungen.
Aber darüber hinaus und von alters her ereignet sich hier permanente Geschichtsverhinderung mit historischem Anspruch.
Ja, die Verhinderung der Geschichte - der Geschichtswerdung - gibt sich aus als Geschichte schlechthin, als gereifter Erfolg, als Geschichtsüberwindung; was vorher war und anderswo, waren Stufen herauf, war Vorgeschichte und was auch immer.
Daß hier der Schwanz mit dem Hunde wedelt, daß mit der eurozentrischen Geschichtsdeutung die gesamte Kulturgeschichte der Menschheit auf den Kopf gestellt wird, ist so offenkundig, daß die allgemeine Blindheit für dieses Phänomen nur als ein weiteres Symptom bei der näheren Diagnostizierung Europas herangezogen werden muß.
Es wäre nachzuweisen, daß sämtliche geistesgeschichtlichen Stränge, denen sich die europäische Kultur verdankt, Diebesgut sind, Plagiate.
Nicht eigentlich eklektizistisch, denn der Eklektiker trifft ja doch eine genaue Auswahl, wurde Europa zu einem Konglomerat nachgemachter Kultur, nachgemachter Wissenschaft, nachgemachter Künste, nachgeschriebener Literatur, nachgesprochenen Worts.
Bei der Nachahmung und Vervielfältigung übernommener zivilisatorischer Substanz hat Europa insgesamt einen ungeheuren Energieaufwand an den Tag gelegt. Das Maß dieser Wucherungen überschreitet alles bis dahin Bekannte.
Die europäische Kulturleistung besteht aber darin, sich des Sammelsuriums drastisch erwehrt zu haben: als Gärtnerkultur, als Frisörskultur, als Schneiderkultur, als Chirurgenkultur, kurz: als Stutzerkultur, die mit Schere, Messer, Maß und Mode arbeitet, wo andere wachsen ließen. Was sich nicht miteinander vertrug, bekam es nun zu spüren.
Nachahmung und Fiktion als Kunst und Technik: das Theater, der Roman, mit der Schnitterkultur synthetisiert zum Film. Spiele, Sport und Militarismus. Nicht zu vergessen das Christentum. Vergleiche mit Japan, einer ähnlich peripheren und epigonalen Kultur am andern Ende des eurasischen Kontinents, bieten sich an.
Eine europäische Besonderheit sind die politischen und sozialen Massenbewegungen. Aber welche Ursprungsideen wirken hier womöglich nach, welches geschichtliche Modell hat bei der Entstehung und Entwicklung des Klassengedankens Pate gestanden?
Könnte nicht möglicherweise der originale Entwurf dem gemeinten Anliegen mehr dienen als seine großspurig weltumspannende Imitation?
Was steckt hinter dem Begriff der Kommune? Hinter der Idee Sozialismus? Fiktion oder Nachahmung? Welche Wirklichkeit steht hier zur Disposition? Ist es ratsam, auf Zukunfts- und Gesellschaftsmodellierungen ganzer Generationen und Nachgenerationen von Utopisten zu reflektieren, die es nicht einmal vermochten, ihr Privatleben halbwegs zu ordnen? Ist die Große Zukunft, ist der Große Plan gerade so viel wert wie die kleine verhunzte Gegenwart, die sich nicht bewältigen ließ?
So war es doch: Das kleine Übersehbare wurde zugunsten des Unübersehbaren und Unabsehbaren vernachlässigt und verhöhnt, verlassen und verraten, die kleine Verbindlichkeit zugunsten der großartigen Unverbindlichkeit; die kleine Verantwortung gegen die große Verantwortungslosigkeit eingetauscht, eingelöst wie beim Pfandleiher das werte Stück für ein paar inflationäre Scheine.
In der seit Geschichtszeiten erkennbaren Tendenz, alles menschliche Leben in seinen kleineren und größeren Zusammenhängen und Beziehungen zu organisieren und zu strukturieren, wird - irrtümlich und platterdings - heute mehr denn je ein Geschichtsspezifikum erblickt.
Es wird zu eröffnen, zu lernen, schlicht, wiederzuentdecken sein, daß es sich dabei um ein retardierendes, a-historisches Moment handelt, um eine Komplikation zu dem Zwecke, die Emanzipation des Menschen zu behindern, zu verhindern und, wo bereits in Ansätzen und Ausnahmen gelungen, wieder rückgängig zu machen.
Indem Europa sämtliche ihm bekannt gewordenen Kulturen anderer Zeiten und Kontinente in sich aufgenommen, verarbeitet, sich angepaßt und - sei's auch (nur) als Gegenstand der Betrachtung, der Wissenschaft, der Künste - verfügbar, aber auch zeitlos gemacht hat, indem es fremde Historien a-historisch strukturell sich einkonservierte, hat es freilich auch die Voraussetzungen für eine neue geschichtliche Qualität in sich höher gestapelt, als ihm auf die Dauer guttun kann.
In der kritischen Durchdringung, Lüftung und Neubewertung des Aufgelaufenen steckt revolutionäres Saatgut, das im achtzehnten Jahrhundert die nordamerikanische Befreiung vom britischen Mutterland begründete.
Die Französische Revolution ist der mißlungene Abklatsch des amerikanischen Originals. Oder so etwas wie eine Nachgeburt.
Daß Emanzipation, Befreiung, daß sozusagen Erwachsenwerden in Europa zu den europäischen Illusionen gehört, ist mittlerweile ein Bestandteil historischen Erfahrungsschatzes.
Selbst ein so klarer Kopf wie Napoleon, dem die deutsche Klassik das meiste von dem verdankt, was sie aus dem mitteleuropäischen Gebärmutterboden heraushebt, steht und versteht sich im Lichte Amerikas, dem auch seine heimliche Sehnsucht galt.
Aber weder Amerika noch der islamische Orient vermochten ihn ausreichend zu stärken für eine nachhaltige Befreiung Europas.
Europas Geschichte ist wie sein Wetter. Ein paar Sonnenstrahlen ziehen hier lange Wolken- und Regenwochen nach sich. Wer hier etwas grundlegend ändern, wenden, bessern will, wird wahrscheinlich die Erdachse verstellen müssen.
Bis dahin bleibt uns immerhin die Chance, durch besseres Verstehen das alte Leiden (an dem der Kranke selber am wenigsten zu leiden scheint) ein wenig zu lindern.
Erst neueste Forschungen bringen nachprüfbar detailliert an den Tag, was bei einer gewissen intuitiven Aufmerksamkeit sich doch schon von selbst verstand: das Abendland, wie gesagt, als ein großes Plagiat.
Vieles von dem, was wir bisher Aristoteles, Platon oder Galen zuschrieben, dem griechisch-römischen Leibarzt des Marc Aurel, stammt von arabisch-islamischen Wissenschaftlern. Ob Raimundus Lullus oder Roger Bacon, die wir zu den Vätern des experimentellen Forschens zählen - in Wahrheit stehen sie auf den Schultern verleugneter Vorgänger aus der orientalischen Welt.
Es hat sich erwiesen,
daß das abendländische Mittelalter recht emsig imitierte, kopierte, plagiierte. Und der arabisch-islamische Kulturkreis wußte dies. Zu Anfang des 12. Jahrhunderts verbot ein Erlaß in Sevilla, wissenschaftliche Schriften an Christen zu verkaufen, weil sie von diesen übersetzt und unter anderem Namen verbreitet würden.
Selbst Newton wird vermutlich seinen Ruhm als Entdecker des Gravitationsgesetzes an einen arabisch-islamischen Gelehrten abtreten müssen, der ein halbes Jahrtausend vor ihm lebte.
"Die ersten sechs einer auf 20 Bände angelegten Enzyklopädie des arabischen Schrifttums lassen daran kaum einen Zweifel", daß nämlich "die europäische Geistesgeschichte neu geschrieben werden" muß, schreibt Peter Körtgen, den ich hier aus dem Tagesspiegel (vom 27.3.80) zitierte.
Es hat immer auch Leute gegeben, die sich der morgenländischen Ursprünge dankbar erinnerten: "... was Roger Baco ganz sonderlich an der arabischen Wissenschaft rühmte: sie sei scientia experimentalis. Ja, Alexander von Humboldt geht so weit, zu sagen, die Araber seien schlechthin die Erfinder des überlegten und gezielten Experiments" (E.Bloch, Avicenna, S.16).
Da waren Wahrhaftigkeit und Quellentreue intakt.
Aber auch die neueste Forschung wird kritisch begleitet werden müssen, um nicht den Erkenntnisgewinn mit Differenzierungsverlusten anderer Observanz gleich wieder zu entwerten.
Bloch gibt zu bedenken, daß es in der islamischen Welt, mindestens in ihrer Hochblüte, etwas der christlichen SchoIastik Vergleichbares nicht gegeben habe.
Denken ist nicht dem Glauben, Philosophie nicht der Theologie nach- oder gar untergeordnet - "vielmehr: die Bildersprache ist gleich einem Rebus auflösbar, und in der Hülle, die sie darstellt, ist kein Mysterium. Nicht Mohammed, sondern Aristoteles ist für Avicenna und ganz scharf bei Averroes die höchste Inkarnation des Menschengeists..." (a.a.O., 17/18).
War die Auffassung, daß der einfache religiöse Glaube zwar als ein Kinderglaube eine notwendige erzieherische Funktion habe, aber im Denken und Verstehen überwunden und zurückgelassen werden müsse, nicht eben ein spezifisch monotheistischer Wesenszug, urtümlich an die Religion der Väter gebunden?
Und mußte nicht aus eben diesen Gründen die christliche Kirchenlehre so sein und bleiben, wie sie war und ist: ein Denksystem totaler (und totalitärer) Art und Weise, gleichsam die Metaphysik eines Bienenstaatsorganismus'?
Die Marxsche Vorstellung von einem allmählichen Absterben des Staates wird nur in diesem verdeckten Zusammenhang mit der menschlichen Emanzipationsgeschichte verständlich.
Emanzipation ist ein - spezifisches - Vateranliegen.
Das Christentum ist in sich paradox, so auffallend widersprüchlich, weil es sich als Erbe einer Vergangenheit versteht, von der es sich als klarer Gegensatz, wirklich antagonistisch abgesetzt hat.
Nun schleppt es das biblische Erbe mit sich, wird es nicht mehr los.
Das ist, immer vorausgesetzt, daß unsere Psycho-Logik hier stimmt, eine historische Chance.
Ich denke, daß im Christentum die seelisch-geistige Befreiung aus ihm mit angelegt ist; daß das Christentum um eben dieser Befreiung beziehungsweise ihrer Verhinderung willen eine eigene historische Dialektik entwickelt hat, die es am Ende vor der Weltgeschichte unserer Menschheit insgesamt rechtfertigen könnte.
Der von der Exegese nicht bedachte historio-qualitative Niveauverlust - nicht gegenüber der griechisch-römischen Umwelt, wohl aber im Verhältnis zu den, eigenem Selbstverständnis nach, geistlichen Wurzeln des Christentums - betrifft das A und O, das Wesentliche, bezieht sich auf Einsichten in die besondere Weise menschlicher Entwicklung und Vervollkommnung, in deren beziehungsgesetzliche Grundvoraussetzungen.
Die Befreiung, die mit Jesus Christus verkündet werde, stellt sich ein Bein, weil die Bedingungen dieser Befreiung auf Gesetzen beruhen, die mit eben diesem Jesus Christus nach eigenem Bekenntnis ja nicht aufgehoben, sondern "erfüllt", schließlich doch - ohne auf ein Iota zu verzichten - mit Leben erfüllt worden seien.
Und eben dies ist nachweislich nicht geschehen.
Jesus hat gelehrt, als ihm essentielle Voraussetzungen zu einer authentischen Lehrerschaft (noch) fehlten.
Die Mängel in seiner Lebensgeschichte mochten für einen griechischen Philosophen keine Bedeutung haben; für einen Rabbi in der Nachfolge der biblischen Väter und Propheten, in der Tradition einer vertieften Schöpfungs- und vor allem Menschenkenntnis, waren es Mängel, wie gesagt, die das A und O selber trafen und verletzten.
Ödipale Verblendung scheint jedenfalls regen Anteil an den Befreiungsakten zu nehmen, die sich in perfekteren Unterdrückungs- und Fesselungssystemen ad absurdum führen.
Die Erkenntnis, daß jede Revolution ihre Kinder fresse, ist ja nicht ironisch gedacht, sondern wortwörtlich wahr.
Auffallend auch, was Marxsches Denken als eine ihrer Bedingungen begreift: daß Revolutionen sich gar nicht gegen Unterdrückung richten, nicht gegen despotischen, tyrannischen Überdruck Gegendruck entwickeln.
Vielmehr sind es schwache, längst verfallene, regierungsunfähige Herrscher und Herrschaftssysteme, die ihnen zum Opfer fallen.
Als ob "das Volk" seinen Unterdrückern vorwürfe, sie seien nicht stark, nicht streng, nicht Unterdrücker genug, so daß sie schleunigst abgelöst werden müßten durch solche, die das Handwerk besser verstünden.
Jede Revolution hat denn auch die Herrschaftsmethoden verschärft - nicht gegen ihre früheren Feinde, die waren ja schwach (und liberal) genug, sondern gegen die eigenen Kinder.
Revolutionen produzieren gleichsam die Unterdrückung, gegen die sie anzukämpfen meinen und scheinen.
Ich sage nicht, daß dies charakteristisch sein müsse für jede Revolution, für Revolution schlechthin.
Im Gegenteil, ich neige dazu, hierfür ihren inneren Widerspruch, ihre Paradoxie, ihre eigenen Konter-Elemente haften zu lassen.
Je blinder Ödipus sich macht, um den alten Laios-Spuren zu entgehen, desto mehr Lichter gehen ja auch ihm auf.
Im Zeichen des Christentums ist das Erwachsenwerden unmöglich, weil sein Protagonist, am Kreuze jung gestorben, das Ziel nie erreichen konnte.
Der Christ steht vor der unvollendeten Menschlichkeit des Gottessohnes und wartet auf dessen Wiederkunft, das Leben (auf Erden) voll zu machen.
kuckuck 27/28
1980, Frühjahr/Sommer
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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