|
Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1975-00-00
Diese Anmerkungen wurden Ende 1975 für die Zeitschrift Epitaph geschrieben, wo sie niemals erschienen sind. Epitaph verstarb kurz vor dem geplanten Veröffentlichungstermin. Josef Wintjes druckte den Beitrag in seinem Info 5/6 76 ab. Damit sollte es sein Bewenden haben. Nun hat die Diskussion im kuckuck einige, wie ich glaube, wesentliche Fragen aufgeworfen. Ob dieser Beitrag, der im folgenden nun doch zwischen die Kuckucksblätter kommt, mehr oder weniger überholt ist oder da und dort ein paar - nach wie vor - gültige Antworten mitgibt, mag jeder, der ihn jetzt liest, für sich entscheiden.
Zwischen dem Streben nach Qualität und der prinzipiellen Offenheit für jeden, der schreibt, entsteht nicht unbedingt jene Spannung, die das allgemeine Reflexionsniveau hebt. Voraussetzung dafür ist eine gewisse Gegen-Offenheit, ist wechselseitige Lernbereitschaft, intellektuelle Zugänglichkeit.
Wenn Selbstbefreiung zuerst Befreiung aus individuellen und kollektiven Unbewußtheiten ist, so ruft sie, Natur jeder Befreiung, ihre eigenen Hindernisse, Selbstbehinderungen hervor.
Eine neue Unbelehrbarkeit - möglicherweise das Kennzeichen einer ganzen schreibenden Generation, die die Welt gerade in eine bessere zu wenden glaubt - würde damit gleichermaßen zu einer intellektuellen Herausforderung für die davon Betroffenen.
Wenn Intelligenz und Sprache uns gegeben sind, die Welt zu verstehen, dies auszusprechen, es in der Schrift zu hinterlassen; uns im Leben zurechtzufinden, unsere Erfahrungen und Entdeckungen weiterzugehen - so sind wir doch auch frei genug, solche Begabung zu mißbrauchen und zu verschleudern. Verstand und Sprache dienen dann nicht der Klärung und Wahrheitsfindung, sondern verdunkeln, verdecken und verwirren.
Wer nicht verstanden hat, daß ein Kunstwerk, ein Gemälde, daß auch Poesie Chiffren sind, die aufgelöst, enträtselt, die gedeutet werden können (die gelesen werden wollen); wer also glaubt, daß Kunst bereits "für sich" Erkenntnis sei, der hat nicht verstanden, daß Kunst - genetisch - wohl (verschlüsselt) das Bedürfnis nach Erkenntnis formuliert, nicht aber schon seine Erfüllung. Kunst "sieht", "nimmt wahr", ohne doch schon zu "erkennen". Dieser Baum steht am Kreuzweg von Kunst. Auch Dichtung, als kurzgeschlossene Sprache, ist nicht Erkenntnisertrag, wohl aber eine Blume, die sich dem Verstehen öffnet.
Wenn es wahr ist, daß eine geläuterte, gleichsam aus sich hervorgereifte, von sich befreite Menschheit Kunst - als "Kunst" - aufhöbe, so genügt die Anwesenheit von Kunst nicht allein als Beleg für Unfreiheit (aus Unzulänglichkeit); vielmehr eignet sie sich darüber hinaus als ein Gegenstand der Überlegung und Prüfung, ob Befreiung - so begriffen - überhaupt möglich sei.
Kritische Distanz macht Lyrik zu einer Knospe und einer sprachlichen Kümmerform zugleich, die nicht ausblühen will, die sich selbst schon genügt. Ihre Schönheit wollen wir nicht missen; so empfinden wir distanzierte Kritik als zerstörerisch - wo sie vor der Selbstzerstörung bewahren will, indem sie hinweist auf die Vergänglichkeit, auf Überfälliges, weil Entziffertes.
Hinter jedem geschriebenen Text lebt ein Mensch, der ihn geschrieben hat. Die Frage, warum einer schreibe, wird sinnvoll ergänzt durch die: warum einer so schreibe, wie er eben schreibt.
Es gibt Beispiele schreibender Intelligenz, die sich vernichtet. Ihre Selbstaufopferung ereignet sich nicht im Wort allein. Autoren sind exemplarisch für andere, die nicht schreiben.
Immer wieder auch stellt sich die dumme Klassenfrage. Sprachexperimente, der Auflösung der Sprache dienend, waren und bleiben gut, wo ohnehin nichts mehr zu sagen ist. Aber wo sich’s von unten nach oben rührt, so ein bißchen Proletarisches, da wird doch erst mal wieder Sprache, da wächst das doch noch wild, da ist nicht Material aus Sprache, da ist das ganze Leben fortwährend Experiment, Ausprobieren, Glück und Unglück dabei, Stoff, Provokation, das festzuhalten, verständlich zu machen, zu drehen und zu wenden. Und da wird auch gedichtet, da wird Sprache gewonnen.
Die in neueren "Texten" vielfach verhinderte Prosa, nicht selten der verhinderte Essay im Epigramm, ist - sekundär ein Formproblem - vor allem eine Frage ans Weiterdenken, an die Phantasie der Intelligenz. (Beim Aphorismus, was oft zu Mißverständnissen führt, ist es umgekehrt. Er hat sich - als Konzentrat, als Essenz - aus der Sprache der Erkenntnis schon herausgehoben.)
Der in dem Begriff der Poesie enthaltene, im deutschen Sprachraum obendrein arg verkürzte Gedanke der Machbarkeit, somit der Manipulierbarkeit auch von Sprache, verführt, wo es ums Aufzeichnen und Verstehen zahlloser Wirklichkeiten geht, zu Produktionen fixer "Wahrheiten". Der vernünftigerweise anzustrebende Individualitätsgewinn, einmal hochgespitzt zu Individualismus, kippt - subjektivistisch - um in den Verlust der Fähigkeit, zu erkennen, was gültig ist und was nicht.
Wer was von Bäumen versteht, braucht nicht die Ernte abzuwarten, um zu wissen, daß dies ein Pflaumenbaum, das ein Birnbaum sei, also eines Tages Pflaumen beziehungsweise Birnen tragen werde und nicht Äpfel. Da mögen hundert "Ansichten" um den Baum herum sich produzieren.
Die Erkenntnis des Unterschieds wird zur Bedingung jeder Emanzipation. Der Erkenntnis liegt aber das Erkenntnisbedürfnis zugrunde: die subjektive Offenheit.
Erkenntnis folgt ihrem Gegenstand nach. Angelegenheit der Literatur ist es, zu befähigen und Erkenntnisvermögen zu erhalten, zu pflegen - über die biogenetischen Metamorphosen hinweg. Das Volk "wäscht seine Hände in Unschuld", weil beziehungsweise insoweit es von seiner Selbsterkenntnis ferngehalten wird.
Daß - nach Auschwitz - Gedichteschreiben barbarisch sei, leuchtet ebenso ein, wie es der kindlichen Unschuld eine historische Last aufgibt, die sie nicht zu tragen vermag. Gedichte werden geschrieben wie selten zuvor, und so hätten wir zu konstatieren, daß die Barbarei in dieser Gesellschaft so richtig heimisch geworden ist.
Ob dialektische Spannung kommt zwischen das, was ist, wie's ist, und das Andere, das sein müßte und - sein könnte: die Frage geht über Kunst und Literatur weit hinaus (beziehungsweise vor sie zurück), wie heute jeder wissen kann.
Resignation impliziert die Drohung, preiszugeben im äußersten Fall; das Feuer auszulöschen. Sie spielt mit dem ewigen Winter. Daß aus dem Spiel nicht Ernst werde, ist das ewige Aber ihrer Überraschungen. Wo der eine seine Jugendnöte bloß mit gebrochener Stimme beklagen kann, wird ein andrer gerade geboren und schreit und schreit.
Jede Emanzipationsphase hat ihre eigene Sprache, ihre eigene Sprachform. Aber das ist sekundär.
kuckuck 23/24
1979, Frühjahr/Sommer
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
kokhaviv publications > kuckuck network > archive
© Copyright 1999 - 2002 kuckuck · kokhaviv publications